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QUELLEN UND FOESCHUNGEN

ZUR

SPRACH- UND CULTURGESCHICHTE

DER

GERMANISCHEN VOLKER.

HERAUSGEGEBEN

VON

BERNHARD TEN BRINK, ERNST MARTIN, WILHELM SCHERER.

xxxvi.

TAULERS BEKEHRUNO.

STRASSBURG. KARL J. T R Ü B N E R.

LONDON. TRÜBNER & OOMF.

1879.

TAULERS BEKEHRUNG

KRITISCH UNTERSUCHT

VON

HEINRICH SEUSE DEKIFLE.

ST R ASS BURG. KARL J. TRÜBN ER.

LONDON

TkÜBNEF «fi COMP,

1879.

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OCT 1 5 1968

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Buchdruckerei von G. Otto in Paimstadt.

DEM HOCHWURDIGSTEN HERRN

P. Fß. JOSEPH MARIA SANVITO

GENERALVICAR DES PREDIGERORDENS.

VORWÖR T.

Diese Abhandlung verdankt ihr Entstehen keineswegs irgend einer Voreingenommenheit oder einem an diesem Platze übel angebrachten Scepticimus. Habe ich doch selbst der all- gemeinen Annahme gehuldigt, der zufolge Tauler jener Meister ist, auf den der Gottesfreund im Oberlande so grossen Ein- fluss geübt haben soll. Nur fortwährende Beschäftigung mit dem 14. Jahrh., mit der deutschen Mystik insbesondere, führte mich von selbst auf jene Gründe, welche das allerdings etwas frappante Resultat stützen, dass Tauler nicht jener Meister sei. Der um die deutsche Mystik wol verdiente Prof. C. Schmidt in Strassburg hat durch seine vollständige Ausgabe der sogenannten Historie von Taulers Bekehrung die erste Anregung zu dieser Arbeit gegeben. Sie zerfallt in zwei Theile. Der erste 1 7) erweist, dass Tauler nicht der Meister der Historie sei; der zweite 8) beschäftigt sich mit der Frage, wer wol der Meister sein könne. Im ersten Theile setze ich die Geschichte noch als historisches Faktum voraus, im zweiten Theile zeige ich, dass sie kaum anders denn als tendentiöse Erfindung zu erklären sei. Dass ich durch den Gang der Untersuchung hingeführt auch Speckies Bericht über Taulers angeblichen Widerstand gegen das Interdikt einer Prüfung unterzog (S. 54 ff.) wird Niemand bedauern, der da weiss, wie sehr durch diesen Bericht die Darstellung von Taulors Charakter bisher beeinnusst wurde.

Heu Herren Bibliotheksvorständen der Hauptbibliotheken von Basel, Berlin, Carlsruhe, Leipzig, München, Stuttgart

VIII VORWORT.

und Wolfenbüttel , dem hochw. Herrn Abte des Stiftes St. Peter in Salzburg und dem Herrn Bibliothekare des Stiftes Reun habe ich die Einsicht in die von mir benützten Hand- schriften zu verdanken. Ueber einige Berliner Hss. ertheilte mir Dr. Strauch gütige Auskunft. Mannigfachen Rath spen- dete mir in zuvorkommender Weise Herr Prof. Schönbach. Ihnen allen spreche ich hiermit meinen Dank aus.

Graz, 8. Dezember 1878.

P. Heinrich S. Denifle, o. p.

TAULERS BEKEHRUNG.

Das litterarische Denkmal, welchem die vorliegende Untersuchung gilt, hat ungefähr folgenden Inhalt.

Im Jahre 1346 predigte ein Meister der hl. Schrift in einer Stadt mit solchem Erfolge, dass man viele Meilen weit von seiner Lehre sprach. Dies ward ein Laie, ein gnaden- richen man, der liebe gottes frünt in Oberlant, Buolman Mer- swines geselle, gewahr, ging, im Schlafe dazu dreimal er- mahnt, über 30 Meilen weit dahin um zu sehen obe got üt do schaffen welle. Er hörte fünf Predigten des Meisters, nahm ihn dann zum Beichtvater, und bat ihn nach zwölf Wochen, er möge eine Predigt halten und lehren nie der mensche zno dem edler nehesten und zuo dem aller hoehesten komm meehte do der mensche in der zit zuo hummen mag. Nach einigen Tagen hielt der Meister die Predigt und gab darin 24 Stücke an, die die gerehten geworen vernünftigen erlühteten schowenden menschen an sich haben müssten. Nach der Predigt schrieb dieselbe der Gottesfreund in seiner Her- berge Von Wort zu Wort' auf, las sie darnach dem Meister vor, der auch bestätigte, sie sei nach all der Weise und nach all den Worten aufgezeichnet wie er sie gehalten habe. Nun entspann sich zwischen Gottesfreund und Meister ein Gespräch, welches zur Folge hatte , dass sich der Meister dem Laien unterwarf und sich wie ein Kind von ihm belehren und leiten liess. Der Laie hielt ihm vor, er lebe selbst nicht nach der Lehre die er predige, er sei noch unter der Herrschaft des Buchstabens und mithin ein Pharisäer. Alles Gegenreden des

QF. XXXVI. 1

2 TAULERS BEKEHRUNG.

Meisters half nichts ; er gab sich endlich gefangen und unterzog sich mehrere Wochen hindurch der Erlernung der 23 Buch- staben,1 die ihm der Laie gab. Doch diese Uebung war nur das Yorspiel viel schwererer. Nach Verlauf von sechs Wochen ertheilte ihm der Laie den Rath, er solle nun eine Zeit lang nicht mehr studiren noch predigen, mit seinen Beichtkindern keine längere Rede mehr haben, sich in seine Zelle begeben und dort sein Leben vergleichen mit dem Leben Jesu Christi und denken an die verlorene Zeit und wie klein seine Minne gegen Christi Minne gewesen sei. Er solle jedoch im Chore singen helfen, wenn er könne, täglich seine Messe lesen, und den Yorgesetzten gehorsam sein. Wenn dann von ihm all seine Beichtkinder gingen und er den Brüdern des Klosters und seinen Freunden zum Spotte würde, so solle er nicht er- schrecken, im Gegentheil sich freuen, denn das Heil nahe. Käme dann die Zeit, die jedoch nur Gfott wisse, so mache ihn Gott zu einem neuen Menschen.

Des Meisters Uebungen dauerten zwei Jahre, die nur durch zweimaligen Besuch des Gottesfreundes unterbrochen wurden. Sein zweijähriges Schweigen zog ihm den Spott Aller zu, der noch vergrössert wurde, als er auf Rath des Laien zu predigen anfing, die Predigt aber wegen Weinens und Schluchzens nicht halten konnte. Doch nach mehreren Tagen konnte er bei den Klosterfrauen die Predigt über den Text: Sehent der brütegoume kummet, gont us ime engegene, mit um so grösserem Erfolge gekrönt sehen, denn vierzig Menschen sassen darnach wie todt auf der Erde2 und zwölf von ihnen konnte man kaum mehr zu sich bringen. Der Meister musste nun allerdings die Worte bestätigt gefunden haben, die zu ihm der Laie nach Yerlauf seiner zweijährigen Zurückgezogenheit gesprochen: eine bredige *wurt nuo niäz- berre und werdent me menschen dervon gezogen denne es vor- moles von hundert werent beschehen, wenne die wort die ir nuo redende werdent, die werdent gonde usser eime lutern

1 Es sind kurze Lebensvorschriften, von denen eine jede mit einem neuen Buchstaben in der Reihenfolge des Alphabets beginnt.

2 Sie waren wol verzückt.

STAND DER FRAGE. Ö

reinen vasse, und die selben wort ouch nuo einer luteren reinen minnenden seien gar empfengliche werdent sinde.

Darnach hielt er zwei Predigten vor den weltlichen Leuten, und kündigte von vornherein an, er werde Niemand schonen, ich ivil rehte sieht one verborgene glosen her us reden was mir got zuo redende git. In derselben Weise hielt er auch eine Sakramentspredigt und eine Predigt vor Klausnerinnen. Ich glaube füglich von der Skizzirung und Angabe der Um- stände absehen zu dürfen , da später davon die Rede sein wird, und somit unnöthige Wiederholungen vermieden werden können.

Neun Jahre war der Meister in seinem neuen Leben, und wurde dann todesgefährlich krank. Nach zwanzig Wochen erkannte er, dass er bald von dieser Zeit abgerufen würde und sandte deshalb nach dem Laien, damit er bei seinem Ende zugegen sei. Dieser kam. Der Meister freute sich darüber und sagte zu ihm unter anderm : (ich) bitte dich das du do nemest die bleuer der bappire, do inne wurst du vin- dende geschriben alle die wort die du vil zites mit mir geret liest und ouch alle mim entwurte die ich ouch in vil Worten mit dir redende ivas und darzuo ouch von mime lebende was wunders got mit mir armen unwirdigen menschen sime armen unwirdigen knehte geton het. Und lieber suu} dunket es dich guot sin und git dir es got zuo tuonde, so mache ein buechelin drus. Der Laie ging darauf ein und sagte, dünke es ihn gut, so wolle er auch fünf Predigten, die er abgeschrieben, dazu setzen. Der Meister gestattete es, nur solle er seinen Namen nicht nennen; du molit wol drin schriben: der meister, sprach er zum Laien, und darzuo so/t du mit nute dasselbe buechelin hie in dirre stat lossen lesen, anders tuen würde es merkende das ich es icere, du solt es mit dir heim in din land fuvren.

Eilf Tage unterhielten sich noch diese zwei Männer mir einander, dann starb der Meister unter grossen Hengsten und Nöthen. Der Laie aber, dem die Leute um seiner Vertrau- lichkeit willen mir dem verstorbenen Meister Ehre erweisen wollten, floh alsbald aus der Sradr. Während der Rückkehr in seine Heimath erschien ihm der Meister in der Nacht vom

1*

4 TAtTLERS BEKEHRUNG.

dritten auf den vierten Tag und sprach zu ihm, dass er jene entsetzlichen Leiden bei seinem Tode - statt des Fegefeuers leiden musste, so dass die Engel seine Seele, als sie vom Leibe schied, sofort mit sich in das Paradies führen konnten, wo sie fünf Tage warten müsse, bis sie in den Himmel ein- gehen könne. Sobald es Tag wurde, schrieb der Gottesfreund einen Brief an den Prior und all die Brüder des Klosters, in dem der Meister gestorben, und benachrichtigte sie über alle Dinge, die er in der Nacht erlebt hätte. Später machte er ein Büchlein, wie er mit dem Meister überein gekommen war, jenes Büchlein, das unter dem Namen: Des meisters buoch, bekannt ist, und die Bekehrung des Meisters mit sechs seiner Predigten enthält. Im Jahre 1369 sandte er es mit einem Briefe an die Priester des Hauses zum Grünen "Wörth in Strassburg.

Wer ist nun dieser Meister, auf den der Gottesfreund im Oberlande einen so gewaltigen Einfluss geübt hat? War er wirklich Tauler? Dies war die allgemeine Annahme seit vier Jahrhunderten. Gibt es doch seit 1498 keine Aus- gabe von Taulers Predigten, die nicht zugleich auch die Ge- schichte der Bekehrung enthielte und zwar sogar mit Taulers Namen , z. B. Historie des erwirdigen Docters Johannis Thaideri.

Yier Forscher verdienen jedoch genannt zu werden, die sich dieser allgemeinen Annahme nicht unbedingt anschlössen : Quetif und Echard, Pischon und Kerker. Die zwei ersteren geben als Grund ihres Zweifels an, es sei unwahrscheinlich, dass sich Tauler einem Laien unterworfen habe, um im geist- lichen Leben vorwärts zu kommen, da er doch um sich herum im Orden die höchsten Lehrmeister des geistlichen Lebens gehabt habe. Allein, wer wird denn diese Möglichkeit leugnen? Es ist gar kein glücklicherer Erklärungsversuch , wenn die beiden Verfasser der Scriptores Ordinis Prsedicatorum die ganze Geschichte zwar für eine Parabel1 ansehen, aber doch nichts dagegen haben, wenn Tauler der Yerfasser derselben

1 Inwieweit sie hierin doch wieder richtig fühlten, werden wir im achten Paragraphen sehen.

I. TAULER WAR NICHT MEISTER. O

ist. (Script. Ord. Prsed. I, 678.) Pischon (N. Jahrb. der Berlin. Gesellschaft f. deutsche Sprache u. Alterthumsk. 1836. I, 277) sagt, ohne jedoch einen stichhaltigen Beweis zu bringen, die Geschichte entbehre aller Beglaubigung. Kerker (Kirchenlexi- kon v. Wetzer u. Weite X, 688 f.) scheint der Geschichte nur deshalb keinen Glauben schenken zu wollen, weil er mit C. Schmidt in dem Laien Nicolaus v. Basel erblickt, die An- nahme aber ungereimt sei, dass Tauler mit einem häretischen Gottesfreunde näheren Umgang könne gepflogen haben.

Diese Forscher haben also die bisherige Annahme auch nicht im geringsten erschüttert ; es brachte sie mehr ein dunkles inneres Gefühl als eine Untersuchung zum Zweifel an der allgemeinen Annahme. Wir stehen also noch immer vor der Frage: Ist wirklich Tauler der Meister in der Ge- schichte der Bekehrung?

Bereits in der Einleitung zum Buche von geistlicher Armuth (S. X) habe ich meinen Zweifel an der Aechtheit der ganzen Bekehrungsgeschichte ausgesprochen. Was damals für mich nur Zweifel war, ist mir nunmehr zur vollen Gewiss- heit geworden und zwar auf Grund von Beweisen, die ich im Folgenden dem Leser zur Prüfung vorlege.

I. TAULER WAR NICHT MEISTER DER HL. SCHRIFT.

Jener Prediger, der durch den Gottesfreund im Ober- lande bekehrt worden ist, erscheint im .MB (Abkürzung für meisters buoch, d. i. die Erzählung der Bekehrung) als Meister der hl. Schrift. S. 2 ! : ein meister der hl. schrift (was) in einer stat vil brediende. Er heisst selbst ein grosser Meister. S. 15 sagt der Laie zu ihm: und ist das daran ich ein leye hin und ir ein grosser meister der geschrift. Dieses Wort ist nicht Schmeichelei im Munde des Laien, denn auch dann, wenn er in der dritten Person vom Prediger spricht, gebraucht er diesen Ausdruck. S. 23: Xuo dirre grosse meist, r d< r ring dise ding an, Dasselbe mit grosse meister versteht der

1 Citirt ist C. Schmidts Ausgabe, nämlich Xieolaus v. Basel Be- richt von der Bekehrung Taulers. Strassburg 1875.

6 TAULERS BEKEHRUNG.

Laie, wenn er S. 8 zum Prediger sagt: ir sint ein grosser pfaffe. Oder S. 26 : ir süllent wissende sin das ir selber und ouch andere grosse pf äffen in der geschrift irre gangen sint. Fortwährend wird er ferner meister genannt, und der Pre- diger selbst nimmt für sich diesen Titel in Anspruch (S. 62), und verbittet sich ihn auch nie, wenn ihn der Laie regel- mässig anspricht : Herre der meister, oder ihm den Vorwurf macht, er verlasse sich auf seine vernunftige sinneliche meister- schaß (S. 9).

Der Prediger war also nicht blosser Lesemeister (Lector). Diese werden niemals Meister der hl. Schrift genannt,1 son- dern höchstens der Abkürzung wegen und sehr selten Meister, wenn zur Yermeidung von Missverständnissen bereits die Er- klärung für lesemeister vorausgegangen (vgl. W. Wackernagel Pred. u. Geb. S. 598 Anm. und S. 600). Der Prediger war wirklicher Magister sacrae theologiae, was man damals mit meister gotlicher kunst oder meister der heiligen schrift wieder- gab. Den Nachweis, wenn er nothwendig wäre, könnte ich aus einer handschriftlichen Chronik des Predigerordens vom Jahre 1455 2 geben. Man vergleiche auch Hermann v. Fritzlar in Deutsche Myst. I, 130, 36 (100, 15: meister pf äffen; 63, 23: meisterpfaffen und lesemeister) ; das Provinzialverzeichniss bei Jundt, Essai sur le mysticisme speculatif de maitre Eck- hart p. 145 sqq. Auch beim Gottesfreunde, und bei Merswin ist die Uebersetzung meister der geschrift oder der heiligen geschrift die gewöhnliche (vgl. Jundt 1. c. p. 139). Der Gottesfreund kennt auch recht gut den Unterschied zwischen Lesemeister und Meister der hl. Schrift. Den Augustiner Joh. v. Schaftolzheim, der nur Lesemeister war, spricht er fort- während mit diesem Titel an: herre der lesemeister (Nie. v. Basel S. 278 ff.). Im Magisterium sieht auch er die höchste Gelehrtenwürde. S. 259 (Nie. v. B.) lässt er den Aelteren sagen: wilt du morne heeren hredigen, so gang an die stat,

1 Dagegen konnte ein Magister Lector in einem Fache sein

2 Es ist eine Hs. derselben Chronik? welche die Herausgeber der Frankfurter Ausgabe von Taulers Predigten, 1826. I, S. VIII, An- merkung, citiren.

I. TAULER WAR NICHT MEISTER. 7

do wil bredigen der grosse lerer der alse gar wol geleret ist, das er ein meister ist der heiligen geschrift.

Tauler war nicht Meister der hl. Schrift. Der Beweis ist sehr einfach. Die zwei grössten Generalstudien, die da- mals der Predigerorden hatte, und an dönen man die ver- schiedenen Grade durchmachen konnte, welche zum Magiste- rium führten, waren Paris und Cöln. Aber weder unter den Pariser noch unter den Cölner Doctoren kommt Taulers Name vor. Ersteres bezeugt uns Touron (Histoire des hommes illustres de l'ordre de s. Dominique. 1745. II, 335): S'il fut honore du Bonnet de Docteur, ce ne put etre que depuis son retour en Allemagne et dans l'Universite de Cologne, comme Fassure Surius: on ne trouve point en effet son nom parmi ceux des Docteurs de Paris. Dass er aber auch nicht Cölner Doctor war, erklären Quetif und Echard (Script. 1. c.) : 'Quod vero in prsedieta historia saepius sacrae theologiae doctor et magister dicitur, pluresque aeeipiunt quasi fuerit in academia Cöloniensi laurea donatus, non placet : neque nomen ejus in catalogo magistrorum ad 1368 sat aecurato recensetur, ubi tarnen non fuisset omissum, si eo honore insignitus fuisset, ut omissum non est condiseipuli ejus F. Joannis de Tambacho.' Soll er aber auf einem andern Generalstudium das Magisterium gemacht haben, z. B. in der Provence oder in England oder in der Lombardei? Ist dies schon an sich höchst un- wahrscheinlich, so wird solche Annahme durch folgende Er- wägung widerlegt, die zugleich erweist, dass Tauler auch nicht auf irgend eine andere Weise konnte Magister geworden sein.

Wäre Tauler Meister der hl. Schrift gewesen, so müsste ihm dieser Titel doch wenigstens einmal von den Zeitgenossen oder nahezu Gleichzeitigen beigelegt worden sein. Aber davon findet sich auch nicht die geringste Spur. Venturini nennt ihn im Briefe an Egenolf von Ehenheim (Ende der Dreissiger Jahre) meum dilectum Joannem Tauleiium (Quetif 1. c). Im Jahre 1347 oder 1348 nahm ihn Kulmann Mcrswin zum Beichtvater, was er mit den Worten berichtet : in den selben ziten do mm ich den Thamceler zuo e'nne bihter (C. Schmidt, Gottesfreunde S. 59). Zu Anfang eines Codex, der den Trae- tat des Johannes de Tambaco: De sensibilibus deliciis Para-

8 TAULERS BEKEHRUNG.

disi enthielt, hiess es: Librum istum de sensibilibus deliciis Paradisi contulerant conventui Parisiensi Fratres magister Joannes de Tambacho et Joannes Taularii (sie) de conventu Argentinensi (Quetif 1. c. p. 668), wozu Quetif und Echard mit Recht bemerken: 'sed et in inscriptione codicis Sanja- cobei Tambachus magister quidem, sed Taulerus Frater tantum appellatur' (1. c. p. 678). Warum denn, wenn beide den Grad des Magisteriums haben, nur dem einen von beiden den gebührenden Titel geben? Und diese Bemerkung wurde nach 1350 in diesen Pariser Codex geschrieben. In den Offen- barungen der Christina Ebnerin über Tauler vom Jahre 1351 wird er dreimal einfach der tauler genannt (cod. theol. et philos. 282 Fol. der kgl. Bibliothek in Stuttgart, Bl. 69 f.). Dieselbe Ausdrucksweise gebrauchte in früheren Jahren auch Taulers intimer Freund, Heinrich von Nördlingen, nur dass er hier und da noch hinzu setzt : unszer lieber oder getruwer vatter (J. Heumanni opusc. Norimb. 1747 p. 358. 362. 364. 393. 395. 397). Im Jahre 1356 wurde Tauler von einem Grottesfreunde 1 das Sendschreiben des Gottesfreundes im Ober- lande an die Christenheit übersandt. Am Schluss desselben heisst es in einer Copie des Originals: Bis büchelin das wart brüder Johannes Tauweler dem brediger gesendet von eime gottesfründe (Schmidt, Tauler S. 233). In der Theologia deutsch wird er einfach citirt : Es spricht der Tauler (2. Aufl. S. 46). Auch die Chroniken haben kein anderes Yerfahren. Die oben citirte handschriftl. Chronik registrirt also : Brüder Johans den man nempt den tauwler, der gar ein gott minender mensch wz vnd des götlichen ivorcz ain andachtiger prediger, obwol sie sonst niemals das Epitheton meister gotlicher kunst oder der heiligen schrift den betreffenden Magistern beizu- setzen vergisst. Und bei Erwähnung der Schwester Marga- retha Ebnerin setzt sie hinzu : zu der der gross brediger vnd sällig vatter Johannes Tailer (sie) vil gnad vnd lieby in gott hatt. In C. Greiths Hs. : Dz buoch der reformacio der clöster pre-

1 C. Schmidt identifioirt diesen alsbald wieder mit dem Gottes- freunde im Oberlande (Tauler S. 233 und Nie. v. B. S. X); allein es heisst bloss : von eime, nicht : von deme gottesfründe.

I. TAULER WAR NICHT MEISTER. 9

diger ordens heisst es bei Gelegenheit des fünfzehnten General- meisters Barnabas : by disen ziten lebtent vil haiiger brüder . . . besunder venturinus, heinrieh süsz, Johannes tauler ; maister Erhart (sie). Aehnlieh Zittard in seiner Chronik der General- meister S. 47.

All dies wird bestätigt durch den Liber de illustribus viris de ordine prsedicatorum, handschriftlich auf der Universi- tätsbibliothek in Basel, und signirt D. IV, 9; Bl. 2b heisst es: Johannes Tauler, lector. Er war also nur Lesemeister und hatte die Gradus zum Magisterium nicht durchgemacht. Er wird auch deshalb im Registrum quartse partis libri illustrium virorum videlicet sacrae paginae doctorum ordinis praedicatorum, gar nicht aufgeführt, während z. B. Bartholo- mäus von Bolsenheim und Johann von Dambach nicht fehlen, und wenngleich auch Meister Eckhart hier fehlt , so wird dieser doch bei anderer Gelegenheit als magister in sacra theologia aufgeführt, während es von Tauler Bl. 1 7 b einfach heisst: 'Johannes theutonicus dictus Tauler, homo dei, prse- dicator egregius, litterarum scientia clarus et deo ac virgini gloriosae valde devotus, in ecclesia de argentina humatus.' In dem auf Grund dieses Liber herausgegebenen Incunabel1 fehlt Tauler nicht bloss in der Quinta distinetio, welche die nomina profundorum sacree scripturae ac pra3fulgidorum doc- torum enthält, sondern im ganzen Buche.

Die ältesten Hss. der Predigten Taulers bestätigen das- selbe Resultat. Cod. Yindob. 2739 (14. Jh.) hat die Auf- schrift: Bit shd sermone die Bruder Johan Tauler geprediget huit. Die meisten Predigten und Stücke tragen auch Taulers Namen z. B. Bl. 6y*: Bit ist bruder Johannes des taulers predigate. 22 VH: Brüder J<>. tauler, 94 n: Dyesen sermon sprach brüder Johan tauler. 1 70 vn : Eyn gut dinck hat </>/• tauler gesprochen, 171 vb: Tauler usw. Aehnliches berichtet Peter von Nyniwcgen in der Einleitung zu seiner Tauleraus-

1 S. 1. et a. ; der Incunabel scheint jedoch der Einleitung infolge zu Basel 1506 gedruckt worden zu sein. Er trägt die Ueberschrift : Libellus de illustribus viris sacri ordinis prodioatornm per venerabilem virum tVatrem Georgium Epp Wimpineiisem prsefati ordinis sacrae theo- logiae lectorcm aecurate eompendioseque recollectus,

10 TAULERS BEKEHRUNG.

gäbe von einer alten Taulerhs. zu s. Gertrud in Cöln , dass nämlich die einzelnen Predigten derselben in der Regel diesen Titel hatten: Disen sermon sprach B (rüder) JoJiä. thauler zu sant Gertrut. Im ms. germ. Berol. 68. lautet die Ueber- schrift : Dis ist das ander büchelin des Taawelers bredigen . . . So fehlt in den Berliner Hss. 125. 165. 166. 191. 841 (alle in 4°) und 823 Fol. jedesmal beim Namen, wenn er vor- kommt, das Epitheton meister, gewöhnlich steht bruder Johan [der) Taiveler und ähnlich. Ms. germ. 149. hat die Formel: Dis sint des Dauwelers bredigen, oder: Des dauwelers lere. Im Traktate : Es ist ein hoher berg y der handschriftlich in einer Strassburger Hs. (sie war im vorigen Jahre noch nicht signirt), ms. germ. Berol. 149. 4°; 69. und Sangall. 955 vorkommt, heisst es einfach : Der Tauweler sprach. So hatte auch der ehemals Strassburger Codex A. 89 bei der Weih- nachtspredigt die Ueberschrift: Dis ist des tauwelers predie von dem winaht tage. Die allgemeine Ueberschrift aber, die mehr oder weniger auf die meisten späteren Hss. überging, lautete : Dis sint etteliche andehtige gute bredien des erlühteten begnadeten lerers Brüder Johans tauwelers von sancte dondni- cus orden (Vgl. Schmidt, , Tauler S. 65). So auch die Wolfen- büttler cod. 17. 12. Aug. (J. 1436) und cod. 37. 25. Aug. Fol. (J. 1470); ms. germ. Berol. 166.4°; hs. Cent. IY, 29 der Nürnberger Stadtbibliothek (J. 1435); die Stuttgarter cod. theol. et phil. 155 und 283 (J. 1445) Fol. ; cgm. 282. 373. 408. 629. Alle zwar aus dem 15. Jahrh., sie weisen aber doch auf die alten Vorlagen hin.

Lerer darf man hier allerdings nicht mit Doctor ver- wechseln. Lehrer hiess derjenige, welcher lehrte, sei es nun auf dem Katheder, oder durch die Schrift, oder auf der Kanzel und im Beichtstuhle. Im ersten Falle konnte man auch einen Lesemeister, der actu docens war, so nennen. In der zweiten Bedeutung liest man häufig: ein lerer sprach , z. B. bei Merswin, wenn er einmal Seuse mit den Worten citirt: Es sprach ouch zu einen ziten ein lerer (Jundt, Histoire du pan- theisme populaire p. 229). Die dritte Bedeutung war unter den Grottesfreunden und Mystikern sehr allgemein. Der Gottes- freund sagt einmal : ach lieber frünt, ich habe zuo manigen

I. TAULER WAR NIGHT MEISTER. 11

ziten gedeiht, und were es das ich ein lerer were der in disen z'den predigen solte (Nie. v. Basel S. 271). Im MB. S. 37 sagt der Meister: nuo soltent wir üch ouch uffe dem stuole in den bredigen den gerehten weg ivisen .... nuo sint wir lerer . . also gar dunip usw. Merswiu sagt im Büchlein von den neun Felsen : dun uf diene bgen und sich fürbas und sich an wie fil men lerer findet in disen citen, die das gottes wort uffe clemme stalle dünt und die rehthe worheit effenliche geterent gesagen usw. (Ausgabe v. Schmidt S. 27). Auch Tauler sagt in Betreff der moralisch Siechen: werdent berüret von dem gottes worte us der lerer munde (22 ra der Basler Ausgabe 1521). Nun nennt er auch sich selber einen Lehrer : ich solte ein lerer sin und also ich die lüte höre, so froge ich wie in were (95 vb). Deruf got alles das ich und edle lerer geleren mügent (109,b; vgl. 102 vb und 89ra). Aber er meint nur die dritte Bedeutung, wie er sich klar genug 155 vb aus- drückt. Er sagt dort: Ich Iran enp fangen von gottes genodi n minen orden und von heiligen cristenheit und dise cappen und die deich r find myn priesterschaft und ze sin de ein lerer und bilde zu hörende. Er meint nun all das könne ihm der Papst und die Kirche nehmen. Indem er nun wiederum diese ein- zelnen Stücke aufzählt, erklärt er uns vortrefflich, warum er sich lerer genannt. (Ich) solte (meint er, wenn ihm der Papst alles nehme) einen groiven rock antun, möhte ich in haben, und solte mit me in dem closter sin bi den brädern, so gienge ich derus , noch nut me priester sin, noch bilde hören unde nüt bredigen. Letzteres hatte er also unter Lehrer verstanden. Er kennt auch ganz gut lerer in der Bedeutung von doctor,. 94 bv: die bgen des lichames der heiligen kristenheü das sint die lerer, das got nch nut an, aber wir gemeinen kristenen menschen wir SÜllent eben iramemcn was unser ambaht stille sin. Aber wie man ans diesem Texte sieht, schliesst er sich von den Doctoren aus, ähnlich wie 59 T* von den grossen pf offen. Ich will dieso zwei letzten Stellen nicht an sich pressen, aber die früheren Argumente vorausgesetzt sind sie beweisend.

Andere Hss. der Predigten Taulers haben zwar andere von den eben erwähnten verschiedene Ueberschriften, aber

12 TAULERS BEKEHRUNG.

auch in ihnen fehlt dem Namen das Epitheton meister. Sangall. 1015 und 1067 haben: In dem Namen unseres lieben herren Jhesns so vachent an die Bredie des gaistlichen vaters des tallers Bredier Ordens. Cod. mon. s. Georgii germ. 78 der Landesbibl. zu Carlsruhe hat : Ein predig puech des Talär ler.

Kurz: weder während seines Lebens noch die ersten Jahrzehnte nach seinem Tode, bis hinein in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde Tauler Meister der hl. Schrift genannt.1 Diese Thatsache erklärt sich aber nur daraus, dass er diesen Rang nicht hatte. Wie er jedoch geraume Zeit nach seinem Tode zu dem Titel eines Meisters kam, wird der sechste Paragraph darlegen. Wenn also Quetif und Echard sagen: 'Magistrum tarnen apud suos vulgo audisse facile con- cedam', so ist dies einfach nicht wahr, denn es kommt auch nicht eine Stelle vor, welche bewiese, dass Tauler von den Seinen Meister genannt wurde. Diese Gelehrten waren übrigens unschuldig an ihrem Irrthume, sie wurden durch Surius ver- führt, der bei seiner Uebersetzung vom MB in der Ueber- schrift zu demselben nach dem Vorgänge der früheren Aus- gaben den Meister mit Tauler identificirt. Sie glaubten in Folge dessen, es habe bereits zu Taulers Zeit oder wenigstens bald darauf in der Bekehrungsgeschichte also geheissen.

Mithin ist Tauler nicht der Meister der Historie.

II. DIE ZWEIJÄHRIGE ZURÜCKGEZOGENHEIT PASST ZU KEINEM LEBENSABSCHNITTE TAULERS.

Das MB beginnt also : In Gottes nammen, amen. In dem iare do man zalte von Gottes gebürte dritzehen hundert iar viertzig und sechs iare, in dem selben iare do geschah es das ein meister der heiligen geschrift in einer stat vil brediende

1 Merswin citirt in seinem Buche von den drei Durchbrüchen (Jundt, Histoire du pantheisme populaire au moyen age. Paris 1875 p. 229) eine Stelle als von einem Meister gesprochen, die im Cod. Vindob. 2739, Bl. 170 vb ein kleines Stück Taulers einleitet. Meinte aber Merswin unter diesem Meister Tauler? Wenn das, so gebrauchte er Meister in weiter Bedeutung als Lesemeister oder Lehrer. Vgl. oben S. 6.

II. DIE ZWEI JAHRE ZURÜCKGEZOGENHEIT. 13

was und man horte in ouch gar gerne, also das man über vil milen von sinre lere seite. Dis wart ein leye . . . der liebe gottes frünt in Oberlant . . . gewar; und er wart zuo drin milen molen in dem slaffe ermanet, er solte gon in die stat do der meister was . . . Also fuor dirre man enweg. Die Jahrzahl 1346 hat den bisherigen Forschern viel Kopfzerbrechen gemacht. Sie passt nämlich durchaus nicht zu dem, was S. 35 des MB gesagt wird, der Meister habe nach Ablauf von zwei Jahren der Zurückgezogenheit die zweite Predigt am Sankt Gertrudstag, der ein Samstag war, gehalten. Nach der Gaussischen Rechnung fiel nämlich Ger- trudis in den Jahren 1347 und 1352 auf einen Samstag. Nimmt man nun 1347 an, so bringt man nicht einmal ein ganzes Jahr Zwischenraum heraus, abgesehen davon, dass in diesem Jahre der Sonntag Judica unmittelbar dem Getruds- tage folgte, während das MB den Sonntag Laetare fordert (vgl., Böhmer in Damaris 1865 S. 179 Anm.). Aber 1352 bringt nicht weniger als sechs Jahre Zwischenzeit mit sich. Böhmer sucht die Schwierigkeit mit der Bemerkung zu lösen, dass 1346 nur als das Jahr angegeben werde, iii welchem Tauler (soll heissen: der Meister) weithin seinen Ruf als Prediger gründete, während er sich erst 1350 der Führung des Gottesfreundes überliess. Allein dies ist eine willkürliche Annahme, die dem Wortlaute, den ich oben ge- bracht, entgegen steht. Darum berücksichtigt sie Preger auch gar nicht weiter und nimmt lieber zur Erklärung durch einen Schreibfehler die Zuflucht. 'Dass die Hss. 1346 (statt 1350) haben ist kein auffallender Irrthum. Es kommen in den Münchener Hss. derartige Verwechslungen häufig vor. Der Anlass dazu liegt im Gebrauche der römischen Ziffern. wo nur ein X nicht ganz deutlich zu sein brauchte, um für ein Y oder YI gelesen zu werden (Niedners Zeitschrift f. h. Thcol. 1869 S. 112). Allein auch diese Erklärung hilft nicht, denn wir haben es jetzt nicht mehr mit den äusserst fehlerhaften Münchener Hss. zu thun, sondern mit einer ge- nauen Abschrift des ursprünglichen Textes, in dem die Zahl mit Worten geschrieben ist und zwar so, dass nunmehr Nie- mand mehr sagen wird, statt 1350 habe der Schreiher ans

14 TAULERS BEKEHRUNG.

Yerseheu 1346 geschrieben. Wie sich C. Schmidt die Sache zurechtlegt, werden wir weiter unten sehen.

All diese Bemühungen setzen voraus, dass der Gottes- freund im Oberlande ein zuverlässiger Berichterstatter sei (denn der letzte Redactor des MB bleibt doch gewissermassen er selber), der die Zahlen verändert hätte, wenn sie ihm un- richtig vorgekommen wären. Ist er aber in der That ein solcher? Vor einigen Jahren habe ich nachgewiesen, dass der Grottesfreund im Oberlande nicht Nicolaus v. Basel und kein Häretiker gewesen sei, was nunmehr wol allgemein eingesehen wird. Dieses Resultat bleibt unangetastet, wie ich im letzten Paragraphen noch weiter ausführen werde. Nun will ich aber den Nachweis liefern, dass derselbe Gottes- freund ein Schwätzer ist, der morgen anders spricht als heute und mithin weder für seine Person noch für andere ein sicherer Gewährsmann sein könne.

Der Gottesfreund erzählt fünfmal seine eigene Bekehrung, und viermal in einer verschiedenen Weise. Im Buche von den zwei Mannen S. 206 (Nie. v. Bas.) erzählt er, dass er einmal an einer morgen stunden früege allein wart sitzende in seiner Kammer und an die Falschheit der Welt und an sein eigenes sündhaftes Leben dachte. Es kam Reue und Furcht. Er wirft sich auf die Knie, betet zu Gott er möge ihm zu Hülfe kommen, dass er der Welt und seiner Braut Urlaub geben könne. Während er so da kniet, erschrickt er so sehr, dass ihm das Blut bei Nase und Mund ausfliesst. Er ermannt sich wieder und nimmt Gott zu einem gespuntzen, indem er seine linke in die rechte Hand legt und Gott Treue gelobt. Während er so kniete, erschien ihm die minnende erber mede gottes, und er sah mit seinen leiblichen Augen, dass ihn ein schönes minnigliches Licht umfing und umschien, und, schreibt er, in diseme lichten schine do kam ich von mir selber in einen übersivang das ich min selbes vergas und aller creaturen mit mir und wurdent mich in diseme liehte über- natürliche grosse froeliche ivunder gelossen sehen usw. Als er wieder zu sich gekommen, gibt er der Welt Urlaub und hört in sich eine süsse Stimme trostreiche Worte zu ihm sprechen, in Folge welcher er Gott Gehorsam gelobt und

II. D1K ZWEI JAHRE ZURÜCKGEZOGENHEIT. 15

seinen Leib arg zu kasteien beginnt. Aehnlich wird der An- fang der Bekehrung S. 194 f. erzählt.

Im Buche von den zwei fünfzehnjährigen Knaben (N. v. B. S. 8 1 ) erzählt der Gottesfreund den Anfang seiner Bekehrung fol- gendermassen. In der Nacht vor der Heirath kniete er nach seiner Gewohnheit vor einem Krucifix und betete vor dem- selben mit einem Lichte in seiner Kammer, denn von Jugend auf hatte er grosse Andacht zum Tode Christi und zum Mit- leiden seiner Mutter, und sein Gebet wrar immer, das. si im ein leben zuofuegetent, es were in der e oder one die e7 es were ivelre hande leben es were, das er ivuste das si woltent, daz wolte er gerne an sich nemen, es dete ime ive oder wol, es were ime liep oder leit f solte er darumb einen dot liden irme lidende zno eren, so wolte er e den dot liden e das er abe wolte gon. Während er so auch jene Nacht vor dem Kreuze betete und dasselbe ansah, nahm er wahr, wie das hültzin martelbilde sich gegen ime neiget und boeget, und mit einer gar süssen und sanften Stimme spricht : Stehe auf und lasse die Welt, nimm dein Kreuz auf dich und folge mir. Und alsbald richtete sich das Kreuz wieder auf. Diese Bede war also süss in seinem Herzen, dass er der Braut und der Welt vergass und des Morgens hinging und der Heirath abbot. Ygl. S. 94.

Im Traktate die geistliche stege, 1 den mir mit zwei an- dern Traktaten Prof. Lütolf in Luzern bereitwilligst zur Ver- fügung stellte , wofür ich ihm hier meinen verbindlichsten Dank ausspreche, erzählt der Gottesfreund wiederum auf ganz andere Weise den Anfang seiner Bekehrung. Ein anderer Gottesfreund fragt ihn : NA sage mir ouch wie es dir ergangen ist und wer dir do zu half das du zu götteUcher minnen und liebe kerne? Und er antwortet: Das det die liebe minnerin satt da Maria Magdalena, die nam ich erst zu eime gespunteen

1 Der Traktat hat die Ueberschrift: Bis ist die geistlich* Stege, die dem lieben gottesfründe im Oberlant in eime sloffe geoffenhorei wart, r//.sv er selber seite eime andern grossen goftes frunde, der in dofrogete noch eime /in- sich gonden tpege in dem iubiliore do man gen Eonu fur, in dem iore do man zalte von goites gebArte driizehen hundert und fünftz'ig ior.

16 TAULERS BEKEHRUNG.

do ich wol uf mine sesse und zwentzig ior alt worden was. Und in den selben ziten do was gar ein geswinder starcker ruwe und leit sin umb alle mine sünden in mich gefallen, wanne ich hette mich grosliche verschuldet in eime unreinen unküschen lebende. Also wart ich die liebe Maria Magdalena mit grosseme erneste anrüffende, das got für mich bete und mir hülfe das ich wider zu hidden kerne, also das mir die tvelt leidende ivürde unde götteliche minne unde liebe dar für bekennende ivürde, und mir mit erneste liebende würde. Also gap ich der weite urlop und kerte mich mit grosseme erneste zu der lieben Marien Magdalenen. Er bat sie da alle Zeit, dass sie ihm bei Jesus Christus helfe und ihm gnoden erwürbe also das er es Hesse versünet sin das ich wider in sine hulde kerne also das ich in ouch ivürde lief habende für alle creaturen und in obe allen creaturen minnen würde. Dieses Gebet verrichtete er zu Maria Magdalena zwei Jahre. Im dritten Jahre geschah es eines Nachts in der Mette, als er da sass und weder recht schlief noch recht wach war, dass er seine Kammer voll klaren schönen Lichtes sah und eine gar usser mossen schöne frowen namme in dem liehte. Sie kündigte sich als Maria Magdalena an und versprach ihm in der dritten Nacht den allerobersten minner selber zu bringen. Richtig hatte er in der dritten Nacht dieselbe Erscheinung, aber ich sach bi ir (der Magdalena) das edler liebe loseste iemerlichste martelbilde ston. Und es war ihm, als spräche die schöne Frau zu ihm : Nu sich ane, lieber gespuntze miner, du hast mir gedienet untze her . . . ich wil dir Ionen mit mime geminneten gespuntzen, unserme lieben herren Jhesu Christo, als er hie vor dir stot in dem bilde sinre pin- lichen marter. Sie hiess ihn nun denselben statt ihrer minnen und zu eime gespuntzen nehmen; er werde es auch alsbald empfinden, dass er ihn lieb habe. Als er erwachte, empfand er zwar, dass seine Natur ob dem greulichen Martelbilde er- schrocken war, aber er fühlte auch in sich so grosse Minne zum Leiden Christi, dass er aus Minne grosliche und vil zu lidende begerte.

Nach dem MB S. 11 war das erste das ihm half, dass Gott in ihm ein gotte gelossene grundelose demuetikeit

II. DIE ZWEI JAHRE ZURÜCKGEÄOGENHEIT. 17

vant. Er erzählt nun dem Meister wie ihm im Anfange ge- schah. Er las der Heiligen Leben und sah, wie sie sich streng behandelten, die doch vil lihte (sehr demüthig) nicht so gesündigt hatten wie er. Da fing er an sich selbst mit solcher Strengheit zu behandeln, dass er in Todesnöthen kam. Eines Morgens nun im Schlafe hörte er eine Stimme: Sage ane du eigenwilliger mensche ist es das du dich selber teetest e zit, so wurst du sivere pine darumb lidende und liessest du dich got neben, der künde dich bas gen eben denne du dich kernst geueben in des tüfels rot. Er erwacht voll Schrecken, steht auf, geht in einen nahen Wald um einem Altvater über die Dinge zu berichten, und sagte ihm seine Uebungen die er gehabt um den Heiligen nachzufolgen. Der Einsiedler fragte: Sage mir usser was rotes tete du dise übunge ? Do sprach ich (der Gottesf round): usser niemans rot denne usser mime eigin /rillen. Do sprach der altvater: So wissest so ist es des tafeis rot gesin und, du solt ime nüt me volgen und du solt dich gotte lossen und der kan dich wol geueben. Herre der meister (sprach der Gottesfreund zum Meister), also lies ich dise übunge abe und lies mich do gotte zuo gründe.

Beim ersten Blicke könnte man meinen, es treffe die letzte Erzählung mit jener zusammen, welche man im Buche von den zwei Mannen (N. v. B S. 209 ff.) liest. Allein es scheint nur so. Dort entspringt der Hass gegen sein Fleisch aus der übernatürlichen Freude nach einem überswang. Er hört darauf im wachen Zustande die aller süsseste frodi eheste stimme, die ihm mit lieber gespuntze miner anspricht, ihm sagt, er sei ein verwegen küene man gesin, der men lutzel in disen ziten rindet. Gott nimmt ihn darauf zu einem gespuntzen, und sagt ihm nun allerdings, er solle seine Natur nicht vor der Zeit verderben. Aber warum? Etwa weil er die Uebungen aus Teufels Rath übernommen? Nein, sondern, spricht er zu ihm, du bist in der hitzigen wetenden bümehden minnen, do eine stärkt kreftliehe nature gar schiere inne verdorben ist. Er solle ihm gehorsam sein, als er ihm gelobt habe. Neuerdings vorsprach nun dies der Gottesfreund. Und was geschieht? In Folge (Um- Fronden, die er in derselben Stunde aus einem neuen Zuge4 empfand, wart ein has in mir selber ufstunde, erzähl!

QP, XXXV 1. -J

18 TAULERS BEKEHRUNG.

er, das ich min fleisch, minen lichamen, alse gar sere übele hassende wart das ich an stette der ging und tete mine cleider abe und nam starke ruoten und zerluog uffe mime lichamen zuo kleinen stucken. Er Hess sich dann auch ein härenes Hemd machen und eiserne Geiseln mit scharfen schnei- denden Eisen vorne daran, mit denen er sich starke Löcher ins Fleisch schlug, und rieb dann die Wunden mit Salz. War er deshalb ein eigenwilliger Mensch ? Keineswegs, Gott wirkte vielmehr in disen Hebenden ziten grosse Wunder mit ihm und spornt ihn gewissermassen zur Züchtigung durch aufeinander folgende Yisionen an. Das eine mal erhält er Birnen; er brauche dann nur eine davon zu essen, um zur Stunde Kraft zu gewinnen; seine Wunden würden heil, wenn er die Kerne über seine Wunden striche. Der Erfolg bewies die Wahr- heit der Aussage. So ich an miner naturen alse kräng wart, das ich rehte wonde sterben, schreibt er, so nam ich der biren eine und as ir ein stückelin, so gewan ich an stette grosse kraft. Als er ein andermal wieder durch zwölf Wochen sich also geübt hatte, erschien ihm Christus in jämmerlicher Ge- stalt, Hess ihn sein Blut saugen, auf dass des Gottesfreundes Wunden heil würden, strich ein weises Tüchlein über seine eigenen Wunden, so dass es blutig wurde und sprach: Do se dis tüechelin, und wenne du verwundet wurst, so strich es über die wunden, so bist du an stette genesen. Erst nach langer Zeit gibt er auf Rath Gottes alles auf, nachdem er vorher noch manche Vision gehabt hat.

Wir sehen, der Gottesfreund im Oberlande ist nichts weniger als verlässlich, um einen gar milden Ausdruck zu gebrauchen. Andere Erwägungen sollen meine Behauptung erhärten.

Wir haben oben S. 16 gesehen, dass der Gottesfreund sagt, das erste, das ihm half, sei gewesen, dass Gott in ihm eine grundlose Demufli fand. Im Buche von den zwei Mannen S. 214 sagt Gott zu ihm, nachdem er ihn ein ganzes Jahr mit Yisionen geliebkost hatte und er aus Liebe zu Gott seine Natur nahezu verwüstet hatte : du solt wissende sin, das in dincr grossen begirde nüt rehte vollekummene demüetikeit ist gesin.

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Preger hat sich bemüht in die Chronologie von des Gottesfreundes Leben Licht zu bringen, aber es war vergeb- liche Mühe. Er meint (a. a. 0. S. 111, 139 f.), die Offen- barung im Buche von den fünf Mannen (Nie. v. B. S. 132 f.) sei dieselbe mit derjenigen, Avelche der Gottesfreund im MB S. 13 und im Buche von den zwei Mannen (Nie. v. B. 8.219) er- wähnt. Aber dieser Schluss ist nur möglich, wenn man alle Um- stände unberücksichtigt lässt. Ton der ersten sagt der Gottes- freund: nuo wart mir in dieseme freudenrichm zuoge zito virstunde gebban also das ich noch gros lidden und ive in aller miner natuoren müeste befinden und urlidden. Er war darüber nicht traurig, denn er wusste, das got nieman lidden git wanne das der mensche ivol getragen mag obbe er teil. Gott gebe nur seinen lieben Freunden Leiden und trage selbst die Bürde am schwersten Tlieile. S. 219 wird aber dem Gottesfreunde angekündigt: du wurst indewendig genuog ge- üebet werden mit dem das du dise zit liden muost, wenne du wurst mit diner erluhtenden benennenden bescheidenheü sehen dinen ebenmenschen gonde also verirrete scheffelin under den wolfen, und das selbe xvurst du anesehende mit grosser er- bermede, und das selbe sol ouch numme din Hebung e und din erütze sin, und hiemitte sol ouch dine mittlre numme w< I ge Hebet werden. Soll denn das grosse Leiden und Weh, das der Gottesfreund noch in all seiner Natur empfinden würde, identisch sein mit dem Schmerze, den die Betrachtung der Sünden der Nebenmenschen verursachen wird? Und nur dieses Leiden sollte er noch in Zukunft haben. Dass beidemal zwei ähnliche Ausdrücke vorkommen, hat keine Bedeutung. Die stunde dulde mich gar kurtz kommt schon bei der ersten Vision N. v. B. S. 209 vor. Die Vision SL 13 des MB scheint keine frühere vorauszusetzen, und kann mithin mit der imB. von den zwei Mannen S. 219 nicht identisch sein. Dies er- gibt der Context. Der Gottesfreund wünscht vorher (S, L3 MB): ach, / armhert:/</er got, und iccrc es din wiffc, das du mich deiDie ettewas liessest befinden, das über alle mint sinneliche Vernunft teere. Er erschrickt alsbald darüber und geisselt sieh wegen dieser Begierde. Er hat also bisher noch nichts über seine sinnliche Vernunft' in sich erfahren. Nun erzählt er aber

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20 TAULERS BEKEHRUNG.

gleich beim ersten 'Zuge' im Buche von den zwei Mannen S. 208, er habe in demselben gesehen, übernatürliche grosse froeliche .wunder , dovon ich nüt gesprechen kan noch enmag und ouch mit den sinnen nüt begriffen kan noch enmag. Und von nun an erfährt er in einem fort, was über Sinne und Yernunft ist, so dass es gar keiner Begierde darnach be- durfte. Die Yision im MB könnte also höchstens, wenn man sich auf den Gottesfreuni verlassen dürfte, mit der ersten der von ihm im Buche von den zwei Mannen erwähnten identisch sein, nicht aber mit der letzten, die erst nach Ab- lauf von vier Jahren Statt hatte.

Preger legt so viel Gewicht darauf die Identität dieser Yisionen darzulegen, damit er eine Erhärtung für seinen Be- weis habe, dass das neue Leben des Gottesfreundes im Jahre 1343 begonnen habe. Allein, mit schlagenderen Gründen, als sie Preger zu Gebote gestanden, beweise ich, dass der Gottesfreund seit Ende der Dreissiger Jahre ein neues Leben geführt habe. In der Geschichte vom gefangenen Ritter kommt der Gottesfreund gleich beim Beginne des neuen Lebens dieses Ritters mit ihm zusammen (Nie. v. Basel S. 163) um ihn zu unterweisen. S. 185 berichtet der Gottes- freund, dass der Ritter im neuen Leben bereits neun Jahre stehe. Nun hat aber der Gottesfreund dasselbe Büchlein in dem er dieses erzählt im Jahre do man zalte von gottes ge- bürte dritzehen hundert viertzig und nun jore vom Oberlande herab gesendet, wie es am Schlüsse S. 186 heisst, mithinwar der Gottesfreund selber schon 1340 in einem neuen Leben. Und da man nicht annehmen kann, dass der Gottesfreund selbst erst bekehrt zum Ritter gekommen oder vielmehr von ihm gerufen sein könne, so fällt der Anfang der eigenen Bekehrung vor 1340.

Im Traktate die geistliche stege sagt der Gottesfreund, er und eine Jungfrau von grosser lutterre küscher megetlicher reinikeit] seien wol zehen ior bei einander gar heimeln he gesin in guter lere und beivisunge. Dieses Büchlein schrieb er aber

1 Man darf hier nicht an seine Braut denken ; der ganze Zu- sammenhang macht es klar.

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1350 (vgl. oben S. 15 Anm.), mithin war er wenigstens schon 1340 in einem neuen Leben. Auch jener Gottesfreund, mit dem er dort spricht, hat mit ihm schon eilf Jahre nicht mehr gesprochen. Zioene gottesfründe, so fängt das Büchlein an, die beide einander gar Uep hettent, koment zu einen ziten zu samene noch dem do wol eilf ioren einander lipliche nie gesehen hettent.

Im Briefe an den Augustiner Joh. v. Schaftolzheim schrieb er 1363: wissent, daz es vil me denne zwentzig ior ist gesin} daz ich vor gotte mich nie keime menschen getorste geoffenboren denne eime alleine (Nie. v. B. S. 281). Wenn es viel mehr denn 20 Jahre im Jahre 1363 war, dass er sich Niemand mehr offenbarte, so war er damals schon im neuen Leben, und es konnte nicht erst 1343 beginnen, vil me denne zwentzig ior sind doch wenigstens 23 24 Jahre.

Hiefür findet sich auch im MB ein Beleg, und zwar derselbe, den Preger für seine Ansicht anführt. Der Gottes- freund sagt zum Meister S. 11 : Wissent . . . solte ich üch alles das sagen oder schriben was got Wunders mit mir armen sunder in siben ioren gewürket hat, kein Buch könnte es fassen. Preger schlicsst so : 'demnach steht also der Gottes- freund seit 1343 in seinem neuen Leben, weil er 1350 als das Jahr der Zusammenkunft mit dem Meister annimmt. Wer verwehrt es aber also zu schliessen : demnach steht der Gottes- freund seit 1339 in seinem neuen Leben, weil die älteste und mit ihr die meisten Hss. das Jahr 1346 als das Jahr der Zusammenkunft bezeichnen , und dieser Schluss zudem zu dem eben gewonnenen Resultate stimmt?

Dagegen spricht nun allerdings der Umstand, dass der Gottesfrcuud im Jahre 1347 jene Vision müsse gehabt haben, die er im Buche von den fünf Mannen (Nie. v. B. S. 132), das er 1377 geschrieben, als vor 30 Jahren erlebt anführt, und in der er unaussprechliche Freuden empfand. Nun wird ihm in der letzten Vision, deren er im Buche von den zwei Mannen (Nie. v. B. S. 220) gedenkt, angedeutet:: (du) solt dise SÜesse rede und das grosse wunder das du befunden liest in d/rre zit nianer tue befinden. Das war im fünften Jahre seines anfangenden Lebens. Wenn also vor 1340 das erste Jahr

22 TAULERS BEKEHRUNG.

seines anfangenden Lebens war, so konnte nicht später als 1344 oder 1345 das fünfte Jahr seines neuen Lebens sein, und jeder Zug, in dem er so grosse Freuden gewahr wurde, wie sie in der Yision vom Jahre 1347 8. 132 beschrieben werden, war nach dem fünften ausgeschlossen. Mich ficht jedoch das nicht an, denn es ist ja gerade meine Behauptung, dass es unmöglich sei, in die Aussagen des Gottesfreundes auch nur die geringste Uebereinstimmung hineinzubringen, und dass es keinen unzuverlässigeren Gewährsmann gebe als ihn. Ich liefere hiefür noch ein paar Beispiele.

Rulmann Merswin erzählt in seinem Buche von den vier Jahren seines anfangenden Lebens S. 67 (bei Schmidt, Gottes- freunde), im Jahre 1347 habe er aller Kaufmannschaft ent- sagt und angefangen Gott zu dienen. Mithin war 1351 1352 das vierte Jahr. In diesem Jahre erst kam er mit dem Gottesfreunde zusammen (S. 71), wurde sein heimlicher Freund und Hess sich ihm zu Grunde an Gottes Statt, und, meint er, seite imme ouch alle mine heimellicheit van diesen fier joren mins anefanges. Da gab ihm der Gottesfreund sein Buch von den zwei Mannen.1 Nun ist doch das Buch vom gefangenen Ritter an Rulmann Merswin gerichtet : Vil lieber heimelicher fr mit in gotte, beginnt es, und am Schlüsse S. 185 (Nie. v.B.) nennt ihn der Gottesfreund vil lieber und aller liebester heimelicher frünt miner; er schickt es ihm als einem anfangenden Menschen, der noch hell und jung in der Gnade ist. Es wurde aber schon 1349 vom Oberlande herab an ihn gesendet, also im zweiten Jahre des anfangenden Lebens Rulmanns. Der Gottesfreund hat den Rulmann mithin nicht erst 1351 1352 kennen gerlernt.

Wir haben oben S. 19 gesehen, dass dem Gottesfreunde in der letzten Yision des Buches von den zwei Mannen an- gekündigt wurde, er werde nun in seiner Natur keine ändere

1 Daraus ist zu entnehmen, dass der ältere der Gottesfreunde, die im Buche von den zwei Mannen erwähnt werden, nicht Rulmann Merswin sein könne, wie Preger zuerst aufgestellt hat, und ich ihm nachschrieb, nicht davon zu sprechen, dass der ältere den Anfang seiner Bekehrung ganz verschieden von dem des Merswin erzählt. Vgl S. 221 ff. Oder haben wir auch hier die sonstige Verwirrung ?

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Uebung mehr haben, als dass er mit Schmerz die Sünden der Nebenmenschen ansehen müsse. S. 94 des Buches von den zwei fünfzehnjährigen Knaben (Nie. v. 13.) sagt er aber, er müsse, weil er einmal mit einer Person sich schwer versündigt habe, bis zu seinem Tode einen Teufel bei sich haben; er schade ihm aber nicht, da er ihn gewohnt sei, er mag, sagt er, mir nuo nüt anders getuon wanne so er von mir varen so1, so lot er mir einen boesen gesmag zuo letze. Ygl. S. 90. Offenbar versteht er unter diesem Teufel die unreinen Versuchungen, und wie wir weiter unten sehen werden, unterlässt er keine Gelegenheit von denselben zu sprechen. Dass sie aber etwas mehr als einen üblen Geruch zurückgelassen, beweist das Büch- lein die geistliche Stege, in dem er erzählt, er habe nach zehn Jahren mit jener Jungfrau, deren oben S. 20 Erwähnung ge- schehen ist, im Willen eine Todsünde begangen.

Soll man etwa die Yergesslichkeit des Gottesfreundes als Entschuldigungsgrund anführen? Aber, wie er selber wiederholt sagt, war er ein sehr sinnreicher Mann. Zudem sind alle erwähnten Schriften mit Ausnahme des Buches von den fünf Mannen mehr oder weniger um dieselbe Zeit ent- standen, wenigstens ist zwischen der Abfassung der einen und der andern nicht viel Zwischenraum. Yiel eher hat sich der Gottesfreund 1377 bei Erwähnung der dreissig Jahre geirrt.

Das ist nun aber klar: der Charakter des Gottesfreundes bietet uns Grund genug anzunehmen, dass der Widerspruch in der Jahrzahl 1346 viel tiefer liege, als man bisher ange- nommen hat.

Läge aber wenigstens von Seite Taulers keine Schwierig- keit vor, ihn von 1346 1348 eine gänzliche Zurückgezogen- heit gemessen zu lassen? Aber auch zu den Verhältnissen von Taulers Leben stimmen diese Jahre nicht. Dem 57. Briefe Heinrichs v. Nördlingen an Margaretha Ebnerin zufolge war er gerade zur Zeit der Abfassung dieses Briefes (derselbe ist nicht vor 1347 und nicht nach 1348 geschrieben) mit pre- digen eifrigst beschäftigt. Es lieisst darin: bit gut . . für nn- sern Hoben vatter den Tendier, der dein getrüwer bot was', der ist ouch gewönlich in grossen liden, wan er die warhaü leri und ir lebt als gent.;lieli, als ich einen leren ([. lerer ) waiss

24 TAULERS BEKEHRUNG.

(Heumanni opusc. p. 393). Aus den Worten der dein getrüwer bot was kann man auch mit einigem Rechte schliessen, Tauler sei kurz vor Abfassung des Briefes bei Margaretha gewesen.

Rulmann Merswin nahm ferner Tauler Ende des Jahres 1347 oder Anfang 1348 zum Beichtvater (a. oben S. 7) und besprach sich mit ihm wegen seiner strengen Kasteiungen. Tauler befragte ihn darüber und, weil er ihn für dieselben zu schwach fand, verbot er sie ihm. Nun heisst es aber im MB S. 20, dass der Gottesfreund zum Meister sagte : ir süllent üch nuo gar elnveltikliche und gar sieht gegen uiveren bihte- siinen und doehtem halten, und ivenne gebihtent, so süllent ir zuo stunt von in gon und keine rede me mit in haben noch keinen rot nie geben. Der Grottesfreund unterscheidet hier sehr gut zwischen dem was zur Beicht und was nicht zu ihr gehört. Unter: wenne gebihtent versteht er die Sünden. Sich wegen Kasteiungen besprechen gehörte damals wie heute nicht in die Beichte; Rath darüber ertheilen ist nicht Sache des Beichtvaters als solchen, sondern des Gewissensrathes. C Schmidt sah dies auch in seiner Monographie über Tauler S. 27 ein. Dort nahm er durch die alten Drucke irregeführt das Jahr 1340 als das Jahr der Zusammenkunft mit dem Gottesfreunde an, und sagte gegenüber den Münchener Mss., welche wie oben bemerkt wurde, 1346 haben, dass nur 1340 passe, denn fiele Taulers Zusammentreffen mit dem Laien in das Jahr 1346, so hätte ersterer nicht, weil die zwei darauf- folgenden Jahre in Zurückgezogenheit, 1347 dem Rulmann Merswin den erwähnten Rath geben dürfen. Im Nicolaus v. Basel S. 72 nimmt er aber durch das grosse Memoriale über- zeugt 1346 als das Jahr der ersten Zusammenkunft des Gottes- freundes mit dem Meister an, und nun ist ihm jener Rath einfach kein Beichtrath und kein Verstoss gegen des Gottes- freundes Gebot. Aber gerade weil er kein Beichtrath ist, durfte ihn der Meister nicht geben. War also der Meister 1346—1348 in der Zurückgezogenheit, so ist nicht Tauler jener Meister.

Zu all dem kommt noch, dass der Meister in seinem neuen Leben, das unter obiger Voraussetzung 1348 hätte be- ginnen müssen, nur neun Jahre gestanden und dann ge-

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stürben ist (MB S. 61). Tauler starb aber 1361, was offen- bar nicht zu 1348 stimmt. Mithin konnte Tauler auch nicht um 1346 eine zweijährige Zurückgezogenheit angetreten haben.

Würde aber 1350 1352 zu Taulers Lebensverhältnissen besser stimmen? Auch dies ist nicht weniger unmöglich, denn wenngleich die neun Jahre passen würden, so stimmt doch vieles andere nicht.

Den 9. November 1351 besuchte Heinrich v. Xördlingen die Christina Ebnerin in Engelthal. Letzere erzählt den Her- gang folgendermassen : Do man zalt von Cristus gepurt tau- sent ior drewhundert iar und in dem Ij. iar an sant theo- dorus tag do körn ein iverltlicher priester hintz dem closter der hiez heinrich und waz ein freunt vnsers herren vnd aller guten lent vnd waz der swester sunder freunt in vnserm herren, vnd der waz wol drei ivochen bei (Hs. dazj dem closter (Stuttg. Hs. 282 Fol. 131. 67 a) Durch Heinrich v. Nördlingen wurde Christina auch auf Tauler aufmerksam gemacht, und sie hat nun über Tauler Offenbarungen, die unabhängig von der Frage über das Wesen derselben beweisen, dass Tauler im Jahre 1351 als grosser Prediger thätig war. Am nehsten tag noch saut andrestag (1. December) wart ir kunt geton von got von eim predier der hiez der tatder, daz der got der Übst mensch wer der er uf ertrich ein het.x Und in derselben Nacht hört sie dann Gott zu sich sprechen, welche Gnade und hohe Erwählung er den pfeffenliclien eren gegeben habe, und klassificirt sie nun und schliesst : Et/ ich di habent daz ertrich angezunt mit Iren fewrein zun gen . in disem setz Stent olle drin gaistlich freunt uf dem hohsten grad . vnd tet ir do kunt von ir zwein der nam wer geschriben in dem himü, der hie: einer der fauler vnd w<<: ein prediget', der ander hie: Heinrich, der OUch vor mir (Hs. me) do geschritten stet (Stuttg. Hs. Bl. 69h; Lochner, Leben und Gesichte der Christina Ebnerin 1872 S. 34).

1 Aehnlich hörte Margaretha Ebnerin Gott zu ihr sprechen: Mir wart von siner barmherzekeii zu gesprochen, daz ich inte do- liebsten menschen aines wer, daz- er uf ertrich Int (Hs. zu Bf e dingen v. J. 1363 Bl. 57"). Aehnlich öfter in Christinen*, Offenbarungen and Langmann

ed. Strauch (QF. 26) 25, 4.

26 TAULERS BEKEHRUNG.

Diese Vision, das unterliegt keinem Zweifel, wurzelt in demjenigen, was Heinrich v. Nördlingen der Christina über Taulers Thätigkeit als Prediger gesagt hatte, denn man ver- mag sonst keinen Grund anzugeben , warum Christina erst nach Zusammenkunft mit Heinrich Visionen über Tauler hatte, während vorher auch nicht mit einem Worte in ihren Offenbarungen seiner Erwähnung geschieht. Hätte sich nun Tauler Anfangs des Jahres 1350 dem Gottesfreunde unter- worfen und seine ganze Thätigkeit als Prediger eingestellt, so wäre es am 1. Dez. 1351 bereits ein und dreiviertel Jahr gewesen, dass er nicht mehr gepredigt hätte. Ehe aber ein Jahr ausging hatte der Meister des MB alle seine Freunde verloren. Nuo beschach es ehe das ein ior volles uskam, das der meister alse unwert in dem closter was worden alse wert er vormoles ie gewesen was, und darzuo ouch andern sinen heimelichen frunden und allen sinen bihtelüten, und wurdent ime alle sine frünt, heimeliche und unheimeliche, alse gar froe- mede alse obe in nie gesehen hettent (MB S. 23). Und später heisst es : Nuo do sich der meister wol uffe zwey ior in gar grossen bekorungen und in grosser versmehte aller siner guoten f runde . . . erlitten hatte (S. 24). War Tauler dieser Meister, sollte dann Heinrich seither nichts mehr über ihn erfragt, mithin auch nichts von seiner Zurückgezogenheit ge- wusst haben? Dagegen spricht, dass gerade in jene Zeit ein Ereigniss hineinfällt, das sowol Tauler als Heinrich gleich nahe anging, die letzte Krankheit und der Tod ihrer treuen Freundin, der Margaretha Ebnerin zu Medingen (20. Juni 1351). Soll Heinrich darüber dem Tauler, den er so oft in den Briefen an Margaretha nennt, nichts geschrieben haben ? Sollte er bei dieser Gelegenheit nichts erfragt kaben über die froemden seltzenen wisen, do inne er me denne halbes zuo eime toren worden ist (MB S. 21), wenn Tauler wirklich dieser Meister war ? Sollte er überhaupt zwei Jahre hindurch in keiner Verbindung mehr mit Tauler gestanden sein? Aber wie kommt dann Heinrich dazu gerade jetzt über Tauler zu sprechen, nachdem sie sich fast zwei Jahre hindurch gegen- seitig vernachlässigt haben sollen? Heinrich hat doch nur dann die Gewohnheit über Tauler zu berichten dies er-

II. DIE ZWEI JAHRE ZURÜCKGEZOGENHEIT. 27

hellt aus seinen Briefen an Margaretha wenn er von ihm etwas erfahren hat. Aber vielleicht ist Heinrich der einzige Freund gewesen, der dem Tauler treu geblieben ist? Allein Heinrich, der es über sich bringen konnte vom minniglichen Seuse sein Herz abzuwenden (mein hertz haltet nit mer zu dem Süezen als es etivan tet; bit got für unsz beid , schreibt er an Margaretha Ebnerin. Heumann 1. c. p. 393) hätte es unter solchen Umständen gewiss auch in Betreff Taulers ge- than. Und gesetzt, er wäre ihm treu geblieben, so kann man noch immer nicht erklären, warum er gerade bei der Unthätig- keit Taulers, wenn ich so sagen darf, von seiner Thätigkeit in solcher Weise spricht, dass dieser in der Yision mit Auszeich- nung zu jenen gezählt wird, welche das Erdreich angezündet haben mit ihren feurigen Zungen. Yiel eher wäre dann eine Yision über Taulers Zurückgezogenheit am Platze gewesen. Auf seine Thätigkeit als Prediger spielt wol auch eine spätere Yision Christinens an: er (gott) sprach von dem tauler: ich ivon in im alz ein süsser seitenspiel (Stuttg. Hs. Bl. 70 R).

Diese Yisionen legen ferner die damalige öffentliche Meinung über Taulers Leben dar. Dass er einer der gott- gefälligsten Menschen auf Erdreich sei stimmt zu Heinrichs Urtheil, welches ich oben S. 23 mitgetheilt habe, Tauler lebe nach der Wahrheit, die er lehre, so gänzlich als nur irgend ein Lehrer. Und woraus schöpfte mau dieses Urtheil? Eben aus Beinern Leben und aus seiner Lehre. So heisst es im Cod. 293 zu Donaueschingen, der Taulers Predigten enthält, auf dem Blatte vor den Predigten: der i^der Christina Ebnerin) ward von i/ott vnder anderen Offenbarungen geoffenbaret von disem daler (sie), der dise sermonen halt geprediget, das er </<>/f der liebsten menschen eyns was als er vff ertrich hett} nid das hört man auch icail au disen sermonen, das er l eym Inf reu gründ vnd herezen halt geprediget. Der (uirre>- freund sagt aber zum Meister: Ir sint ein grosser pfaffe and huid in dirre bredie du guote lere getan, und lebent ir nüt (MB S. 8). AXse es noch stot umb mcä, so volge ich gerne uwerre lere noch, ((her utoerme lebende volgete ich gar ungerm noch (S. 16). Er meint er sei noch ettewas ein wueste vasz habende do noch truosen innc clebende sint ; der lutcr icin, dir

28 TAULERS BEKEHRUNG.

reinen goettelichen wort sie gingen durch das wueste truosige vasZy und höre sie eine reine gottminnende Seele, so seien ihr die Worte unschmackhaft (S. 10). Dieses Urtheil ist, wenn es sich auf Tauler bezieht, diametral dem Heinrichs und der Uebrigen entgegengesetzt. Unter dieser Voraus- setzung entsteht aber dann die Frage: wer hat sich getäuscht, Heinrich, dem ausserdem Taulers Worte nicht unschmackhaft dünkten, oder der Gottesfreund? Welcher von beiden war der bessere Menschenkenner ?

Schwätzer haben niemals einen scharfen Blick, und als ein Schwätzer entpuppt sich der Gottesfreund auch hier wieder. MB S. 1 1 bittet ihn der Meister, er möge ihm seine Uebungen sagen. Der Gottesfreund anwortet: wissent üch gehoeret nüt zuo das ich üch sage mine uebunge die ich von ussen in der naturen uebete, ivanne die naturen sint gar ungelich. Was dem einen Menschen nütze ist, sei dem andern schädlich. Aber alsbald sagt er ihm seine ersten Uebungen, die er wie er meinte aus Teufels Rath gehabt habe. Ja, S. 18 räth er ihm ganz genau seine eigene Uebung an: sich auskleiden und schlagen. Und S. 22 f. setzt er voraus, der Meister habe ganz seine Natur, denn er sagt, es werde kaum anders gehen, als dass der Meister in dem zukünftigen Drucke Gott um Trost bitten würde. Er sollte aber dann eine Kuthe nehmen und sich schlagen, denn solche Begierden würden anzeigen, dass noch ettewas hochmuetikeit verborgen liege in seiner Natur. Ganz denselben Vorgang erzählt er aber als von sich selber erlebt S. 13, davon gar nichts zu erwähnen, dass er ein Blatt früher wiederum sagt : das erste das mir half das was das got in mir ein gottegelossene grundelose demuetikeit vant. Dass ein solcher Schwätzer tiefer sollte geblickt haben als der langjährige Freund Taulers und Margarethas wird wol Niemand mehr behaupten, und es gibt hier nur den einen Aus- weg, die Annahme, dass sich das Urtheil des Gottesfreundes auf eine andere Person als die Taulers beziehe, und zwar auf einen hochmüthigen Menschen, bei dem zudem der pharisäische Stolz nicht einmal verborgen, sondern an der Oberfläche lag.

Das Jahr 1350 führt uns aber noch auf eine andere Erwägung. In der ersten Predigt, die der Meister nach seiner

II. DIE ZWEI JAHRE ZURÜCKGEZOGENHEIT. 29

zweijährigen Zurückgezogenheit wiederum gehalten hat, sagt er: es mag uffe zwey ior sin das ich üch nit gebrediget habe, und die hünderste bredige die ich do tet, do seite ich von vier und zwentzig stücken und mine gewonheit die was in den ziten das ich vil latine worte rette und von vil stücken seite; das habe ich nüt me willen zuo titonde (MB S. 29). Zu jener Zeit, wo er die Predigt von den 24 Stücken hielt, war es also seine Gewohnheit von vielen Stücken zu sagen und viele lateinische Worte zu sprechen.

Bleiben wir zuerst beim einen Merkmal seiner damaligen Predigtweise, die vielen Stücke. Wie er sich das vorstellte, davon gibt er uns in der Predigt vor seiner Zurückgezogen- heit mehr als zur Genüge Aufschluss. Die 24 Stücke werden so aneinander gereiht : Nuo vil lieben Teint, das erste stück . . . Nuo das ander stücke . . . Nuo das dirte stück usw., und die Ausführung der einzelnen Stücke ist höchst mager, z. B. : Nuo das vierte stücke: er sol sin selbes usgon an allen dingen wo 6r sich inne vindet minnende oder meinende, es si in zit oder in euikeit. Nuo das fünfte stücke: ez sol des sinen liberal in deheinen weg in keiner creaturen suochende sin, es si in zit oder in euikeit. Nuo das sehste ztücke usw. Finden sich denn keine Predigten Taulers, die ungefähr aus der Zeit der Stück -Predigtweise des Meister datiren? Ja wol, und nicht bloss eine, sondern mehrere.

Ein Kriterium für die Zeitbestimmung bildet einmal ein Brief Heinrichs von Nördlingen vom Jahre 1349 an Marga- retha Ebnerin, in welchem er von den Plagen spricht, welche über die Gottesfreuude kommen sollen: Min Uebii muter Margareta ich bit uch das ir uns gebeut ewer getreuen rat, als ir mit ewer getruuru bete in got beßndent, sund er liehen von der vor cht der plana, die sund er lieh den freunden unszers heren die da künftig sint nach geistlicher sag in dryen jaren und nach der ander sag in zehen iaren die swerlichen callcn sollent, als i<'h euch geschriben hob von den geminten prqfhecien Sunt Hildegart, das ein got:friuut den andern vorhin ge- warnen sol wie man sich in der künftigen plangen sundt r verderben hatten sole. Wenn mir nun die [dang nach meinem dünken wol bekaut sint, der seh ad der davon honten sol, darum

30 TAULERS BEKEHRUNG.

het ich geren ewren rat ob ich die leid warnen solt me dan ich tun (bei Preger a. a. 0. S. 106). Nun, Tauler erwähnt ähn- licher Prophezeiungen. In der Predigt Nr. 81 der Frank- furter Ausg. (87 vb der Basl.) sagt er : Wie es her noch gon sol, daran gedenket ir nüt . . . und vergessent üwer selbs und des engestlichen urteiles des ir sehin werdent und wartende sint, ir enwissent hüte oder morne. Wüstent ir in we7en engesten und sorgen es würde stonde mit der weite und mit allen die got nüt luterlichen in irme gründe anhangent alle die zu dem minnesten nüt an ime hangent, die es in der icor- heit sint, den uürt es übel ergon, also es kürtzelichen den woren /runden gottes geoffenbaret ist und der das wüste sine natürlichen sinne mochtent das niemer erliden und wie der globe würt undergonde, die das gelebent die mögent es gedenken das üch das geseit ist. Dass sich Tauler hier nicht auf das im Jahre 1356 erlassene Sendschreiben des Gottes- freundes beziehe, beweist, dass dieses grosse Plagen, wie den schwarzen Tod und Erdbeben, bereits voraussetzt, Tauler aber nicht. In Nr. 130 meint er, dass die Zeit, in der grosse unsagelige pflagen sullent kummen der Apokalypse zufolge nun erschienen sei, und wir wartent alle tag und alle ior und edle zit. Diese Stelle kommt auch unter jenen Prophezien vor, welche man Tauler zuschrieb (Cölner Ausg. 1543 Bl. 333 rb) und sie tragen die Jahrzahl 1348 und auch in ihnen ist Bezug genommen auf Hildegards Prophezeiungen. Sei dem wie ihm wolle, das Datum wenigstens ist nicht falsch. Tauler nimmt auch die Gottesfreunde vom Drucke nicht aus, aber er meint, Gott werde für sie ein Nestlein finden, darin er sie bewahren werde (Nr. 103. 133). Ebenso fällt in die- selbe Zeit Nr. 104, wo Tauler von den bösen Tagen spricht, die man allezeit gewärtige, und in denen die Säulen der Welt beben sollen und alles durcheinander soll geworfen werden. Dann gehört aber auch 102 hierher, denn 104. 103. 102 gehören zusammen und beziehen sich auf einander. Nr. 58 deutet auch auf dieselbe Zeit hin.

Sollten aber manche der genannten Predigten in eine spä- tere Zeit gehören, so doch nicht die folgenden. Dass die

If. DIE ZW HI JAHRE ZURÜCKGEZOGENHEIT. 31

Predigt Nr. 133 vor 1348 gehalten worden sein müsse, habe ich im Buch v. geistl. Armuth S. XLI.II dargelegt. Wenigstens fällt sie vor 1350. Dann fällt in dieselbe Zeit Nr. 88: Man müs schiere nüt leren, nüt bredigen, nüt warnen, und ist das in vil landen, dovon sage ich üch vor die wile ir noch die gotrwort hant, wanne es ist sorglich wie lange. Dass diese Predigt früher gehalten sein müsse als 1350, dafür ist auch hier das Zeichen die Anspielung auf das Interdikt.1 Dieselbe Rücksichtsnahme finden wir Nr. 131, dass nämlich, wollte uns die hl. Kirche das Sakrament auswendig nehmen, wir es lassen sollten.

Wenn nun vor 1350 des Meisters Gewohnheit war, von vielen Stücken zu sagen, so sollte doch eine der erwähnten Predigten Taulers dieses Merkmal an sich tragen, wäre der Meister mit Tauler identisch. Aber dem ist nicht also. Es mag in jener Zeit die Stück-Predigtweise kaum einem andern Prediger fremder gewesen sein als Tauler. Den Grund hiefür werden wir im fünften Paragraphen besprechen.

Aber gibt es nicht wenigstens unter Taulers Predigten solche, die lateinische Worte haben? Und viele lateinische Worte gebraucht zu haben, gibt der Meister auch als ein Merkmal seiner früheren Predigtweise an. Ja es gibt etliche unter ihnen ; aber viele lateinische Worte finden sich in ihnen nicht. Es gibt nach dem Strassb. Cod. A. 89, dessen Ab- schrift ich zur Einleitung des Buches v. geistl. Armuth noch nicht benützen konnte, eigentlich nur zwei Predigten Taulers, in denen mehrere lateinische Worte vorkommen : Nr. 64 und 86 \2 In Nr. 04 führt Tauler aus der Sequenz an: Sine tuo numiue nichil est in nomine, nichil est innoxium. In Nr.

1 Nr. 133 und 88 können sich einestheils nur darauf beziehen, dass das Gotteswort in Folge der Vertreibung vieler der Kirche ge- horsamer Priester durch Ludwig den Baier 'fremd' wurde. Das Pre- digen war zur Zeit des Interdiktes von kirchlicher S,>ite aus nicht verboten, wie ich alsbald darlegen werde.

8 In andern Predigten kommen hier und da deren vor, aber meist motivirt, und immer nur sporadisch, /. B. in Nr. 10."): nier, expedit vobis. Nr. 21 : Introduxit nie rex in cellarium. In Nr. 71 fehlen in der Strassb. Hs. alle latein. Worte.

32 TAULERS BEKEHRUNG.

86 b erklärt Tauler zwei Yersikel des 36. Psalm und citirt sie lateinisch, weil sie so den Ordensschwestern, vor welchen die Predigt Revela gehalten wurde, viel geläufiger waren als im Deutschen. Und trotzdem, dass in dieser Predigt mehr lateinische Worte vorkommen als in allen übrigen zusammen- genommen, so trifft sie doch nicht das vom Meister bezeichnete Merkmal, denn seine Gewohnheit muss es früher gewesen sein, so viele lateinische Sätze in die Predigt hineinzuflechten, wie z. B. in einzelnen Predigten in Grieshabers Sammlung, dass die Unterlassung derselben eine beträchtliche Kürzung der Predigt zur Folge hatte. In der Predigt nämlich am Gertrudstage sagt der Meister : und (ich) wil ouch kein latine wort reden das es deste kürtzer werde (MB S. 36). Durch Unterlassung der lateinischen Worte in der Predigt Nr. 86 b wird sie aber gerade um eine Yiertelminute kürzer.

Wie immer wir also die Sache auch betrachten mögen, wir kommen jedesmal zu dem Resultate, Tauler könne sich auch nicht im Jahre 1350 zurückgezogen haben. Wenn also auch nicht in diesem Jahre, so in keinem andern, denn es handelt sich hier nur entweder um 1346 oder 1350. Mithin passt der Zeitpunkt wann sich die Bekehrung zugetragen haben soll, durchaus nicht zu den Verhältnissen von Taulers Leben.

III. DER yCHLUSS DES MEISTERßUCHES STIMMT NICHT ZU DEN UMSTÄNDEN VON TAULERS TOD.

Der Meister starb in dem Kloster, in dem er lebte. Er war zwanzig Wochen bettlägerig und hatte an sime ende alse gar grosse gruweliche und gar voerhtliche geberden, das alle sine brueder in dem closter und ouch andere menschen, die do warent das die alle in grossen noeten und in engsten worent (MB S. 62). Er lag also in dem Kloster wo seine Brüder waren. Dasselbe bezeugt uns der Gottesfreund im Gespräche mit dem Meister, als ihm letzterer nach seinem Tode erschien. Der Gottesfreund fragte ihn, woher es gekommen, dass er ein so gräuliches Ende genommen, alse anezuosehende was, wanne, uwer selbes brueder in dem closter worent gar verzaget,

HI. TAULEE8 UND DBS MEIßTEES ENDE. 33

und es ist zuo glaubende das uicer selbes bruedere ir ein teil von uwers strengen endes wegen sich daran gestossen habent (MB S. 63). Um dann die Brüder wegen des Meisters Ende zu trösten, schrieb er nach der Vision dem priol und den bruedern allen sinen brief (S. 64). Es handelt sich also immer nur um das eigene Kloster des Meisters.

Tauler starb nicht im Kloster sondern ausserhalb des- selben. Schilter berichtet in den Anmerkungen zu Königs- hofen S. 1119: '(TWh?1*) ist gestorben im Garten-Hausz zu St. Claus in undis als er seine Schwester, so eine Closterfrau dasselbsten, besucht hat.' Ein wichtiges Document hierüber hat zudem Seb. Mueg gerettet in seinen Collectaneen über die Strassburger Kirchen und Klöster1 Bl. 77 b, wo er aus einem alten Ms., welches auch mehrere Predigten Taulers enthielt, mittheilt, was Tauler, auch für gebresten gehabt. Ist der teste und 6e das er an sime testen siner naturen zuvil Ix'helffens suchte bi siner swester in der garte er starb usser- hiill) sines conventes in dem jor unser s Herren 1361 uff den 15 tag des monats Junii, dem man sprechet der brachmonat. Tauler war also nicht jener Meister, der im Kloster gestorben und bei dessen Tod der Gottesfreund zugegen war.

Bei diesem Anlasse kann ich nicht umhin meinen Zweifel auszusprechen, ob denn der Meister in Strassburg gestorben sei und ob sich denn überhaupt die ganze Geschichte in Strassburg abgespielt habe. Man hat bisher nur deshalb ziemlich allgemein Strassburg (andere nahmen Cöln an) als jene Stadt angenommen, weil man den Meister mit Tauler identificirte, letzterer aber in Strassburg starb, und auch 134S sicher noch in Strassburg war. Der Meister starb in jener Stadt, in der er bekehrt wurde. Dies geht aus S. 61 hervor: dirre meister ward alse gar liep and wert, was in dem lande und in der stat zuo tuonde /ras ... do hettent dir lüte gnade usw. S. 62: do er erstarp, do wart rehte alles das

1 Die Hs. dieser Collect, war im Besitze des Prof. Strobel in Strassburg, Schmidt hat sie eingesehen und obige Stelle in seinem Tauler S. 62 mitgetheilt. Bffuegs Collectaneen wurden, wii> mir C. Schmidt mitzutheilen die Güte hatte, aus Strobels Nachlass für die Stadt- bibl. in Strassburg angekauft und sind mir dieser zu Grunde gegangen.

QR XX XVI.

34 TAULERS BEKEHRUNG.

beiveget mit leide das in der stat was, also gar liep und wert was er allerhande menschen worden. Es ist dem Wortlaute nach immer von derselben Stadt die Rede. Dass er dort bleiben dürfe, baten und erlangten ja wie es S. 45 des MB heisst die herren von der stat, in der er neun Jahre vor seinem Tode wieder zu predigen angefangen. Wüsste man genau wo ungefähr der Gottesfreund um die Zeit seiner ersten Zu- sammenkunft mit dem Meister sich aufgehalten habe, dann wäre es leicht wenigstens negativ den Aufenthaltsort des Meisters zu bestimmen. So können wir aber nur muthmassen. Dass der Gottesfreund sich nicht weit von Basel aufgehalten habe, dafür kann man angeben, dass er bisweilen nach Sulz im oberen Elsass kam, wo er ettewenne die Predigten eines Johanniters hörte (Nie. v. Basel S. 292); dafür spricht auch sein Dialekt, wie er z. B. im Buche von den fünf Mannen uns erhalten ist, und dass ihm das Erdbeben zu Basel 1356 so nahe ging, dass er ein Sendschreiben veröffentlichte. Dass er nicht gar zu weit von Strassburg entfernt war, scheinen seine Worte in einem Briefe an den Comthur des Johanniter- hauses zu enthalten : nu was ich in den ziten vil zuo Stroz- burg (Nie. v. B. S. 324), wenngleich er wieder zu Merswin sagt, er. wolle dessen Büchlein hinuf ferre in das lant in mine heimmuot fueren. Bald darauf aber wieder : er wolle es mit sich heim das lant uf fueren (Gottesfr. S. 72). Strass- burg bezeichnet er von sich aus immer als hinabe.

Nun heisst es aber S. 2 des MB, die Stadt, in der der Meister predigte, sei in eime andern lande tvol drissig milen von ime gewesen. Der Gottesfreund selber sagt zum Meister: ich bin me denne drissig milen zuo üch her gevaren. Und auf der Rückkehr von dieser Stadt war er am dritten Tag Abends noch nicht zu Hause. Und do er under wegen was, des dirten tages ivart, do begreif in . . der obent (S. 63). Wohnte nun der Gottesfreund in der Nähe Basels, dann war der Meister schwerlich zu Strassburg. Denn obgleich Schmidt schreibt, gerade 30 Meilen weit sei Strassburg von Basel entfernt, so machten doch schon Böhringer und nachher Lütolf ein Fragezeichen dazu. Albert v. Stade gibt für un- gefähr 1240 ein Itinerar von Luzern nach Basel: 9 Meilen,

IV. TAULERS UNI) DES MEISTERS PREDIGTEN. 35

und von da nach Strassburg 16 Meilen (Pertz, Monum. G. XYI, 340). Aus dein Wegweiser von Strassburg nach Italien (15. Jahrb.), den F. J. Mone, Zeitschr. f. d. Geschichte des Oberrheins IV, 18 veröffentlichte, ist zu ersehen, dass man von Strassburg über Altbreisach, Neuburg nach Basel 14 Meilen rechnete.1 Doch will ich dies nicht pressen, weil man immer noch ein- wenden könnte: hat denn der Gottesfreund unter Meile die deutsche Meile von 2 Stunden verstanden, oder meinte er nur Stunden? Sicher bleibt in dieser Beziehung von nun an nur, dass es zweifelhaft ist, ob der Meister in Strassburg lebte oder nicht. In einer grösseren Stadt hielt er sich aller- dings auf.

Mit diesem gehe ich auf die drei Hauptbeweise gegen die Identität des Meisters mit Tauler über.

IV. DER INHALT DER PREDIGTEN IM MEISTERBUCHE VERRÄTH NICHT TAULERS GEIST.

'Um sich zu überzeugen, dass der Meister der hl. Schrift Tauler ist, braucht man z. B. bloss die in der Historia (MB) enthaltenen Predigten mit den als acht anerkannten zu ver- gleichen.' So meint C. Schmidt in seiner Schrift über Tauler (S. 27). Ein ähnliches Urthcil fällt Cod. 559 der Universitäts- bibliothek zu Leipzig in seinem Nachworte zum MB, auf das wir im sechsten Paragraph zurückkommen werden. Ich aber sage: um sich zu überzeugen, dass der Meister der hl. Schrift nicht Tauler ist, braucht man bloss die in der Historia ent- haltenen Predigten mit den als acht anerkannten Predigten Taulers zu vergleichen. Den Beweis liefere ich in zwei Paragraphen, von denen sich dieser auf den Inhalt, der nächst- folgende aber auf den Stil bezieht.

Als die ächten Predigten Taulers sind vor allem all- gemein anerkannt und werden es für immer bleiben alle des ersten Druckes vom Jahre 1498 mit Ausnahme der vier be- kannten darin enthaltenen Eckhart'schen Predigten: Dum

** Nach heutiger Berechnung (142.88 Kilometer Eisenbahnweg) würde man auch nur 19 deutsche Meilen erhalten.

3*

36 TAULERS BEKEHRUNG.

medium silentium; Ubi est qui natus est rex Judaeorum; Cum factus esset Jesus annorum duodecim; In his quse Patris mei sunt oportet me esse. Im ältesten Drucke gibt es also 80 ächte Predigten Taulers. Dann kommen dazu aus der Cölner Ausgabe (1543) die Predigt: Miserunt Judaei (über Non sum, 131. 22 ra), welche man bisher dem Seuse zuschrieb, die sich aber nach Inhalt und Stil als Predigt Taulers er- weist1 Ego vox clamantis (BI. 23 va), die auf die vorher- gehende zurückweist. Circumcidite praeputium (Bl. 32 rb) mit anderm Texte und der Ueberschrift im Cod. Yindob. 2739 Bl. 67 rb: DU sint etlich stuck zu häuf gelesen van Bruoder Jo. tauler. Qui est ex Deo verba Dei audit (Bl. 76 va) mit der Ueberschrift im genannten Cod. Bl. 120 va: Disen sermon sprach Brüder Johan tauler. Beati oculi qui vident (Bl. 94 vb hier mit anderm Texte) mit der allgemeinen Ueber- schrift von Taulers Predigten im Cod. Yind. Bl. 1. Dann reihen sich diesen 85 Predigten noch an mehrere Stücke mit Taulers Namen im genannten Cod. Bl. 70 va; 76 v"; 170 va ff. Am ehesten zu Taulers Predigten zu zählen wären dann noch Nr. 1 der Frankf. Ausg. (Cod. Yindob. 2739 Bl. 114ra); Nr. 23; 27; 28; 29; 84 (Cod. Yindob. 2744 Bl. 65 a). Doch habe ich diese sechs Predigten nicht zum Beweise herangezogen, damit man mir nicht den Yorwurf mache, ich vermenge Aechtes mit Unächtem. Wollte aber einer alle Predigten, welche man einigermassen für Taulerisch halten könnte als acht anerkennen, so bringt er dennoch gegen meine Auffassung kaum einen Einwurf zuwege.

Citirt habe ich die Basler resL). Cölner und die Frankf. Ausgabe; von ersterer das Blatt, von letzterer die Nummer (eingeklammert). Doch habe ich bei weniger wichtigen Stellen oder wo sich die Zahlen zu stark angehäuft hätten, nur die Frankfurter Ausg. citirt. Der Text ist aber nicht der Basl. Ausgabe, sondern der vom Dr. R. M. Werner besorgten Abschrift der im Besitze von C. Schmidt befindlichen Copie des ehemals Strassb. Cod. A 89 entnommen.

Die Bekehrungsgeschichte ist wie oben bereits bemerkt

1 Mehr darüber in der neuen Taulerausgabe.

IV, 1. DER MEISTER WAR SICHT ORIGINELL. 37

nach Schmidts Ausgabe des MB citirt. Sic enthält 5 Pre- digten, sollte aber sechs enthalten. Zu der in ihr fehlenden Sakramentspredigt benutzte ich Cod. Yindob. 3022 (im nieder- rhein. Dialect) , der im übrigen fast durchweg mit Schmidts Ausgabe übereinstimmt und nichts weniger als interpolirt ist, was nicht von allen übrigen Hss. gilt, wie ich im Laufe dieser Abhandlung und vorzüglich im sechsten Paragraphen zeigen werde. Die Seitenzahlen zur Sakramentspredigt gab ich aus der Damaris 1865 hinzu.

1 . Mangel der Originalität beim Meister.

Wer Taulers Predigten liest, dem drängt sich sofort die Ueberzeugung auf, dass er es mit einem originellen Kopfe zu thun habe. Ist es nicht fast unmöglich ausser jenen Quellen die er selbst angibt und den allgemeinen mystischen Gedanken mit Bestimmtheit nachzuweisen, wem er seine Gedanken entlehnt habe? Und selbst jene Quellen benützte er selbständig und originell, denn es war ihm nicht möglich etwas Wort für Wort abzuschreiben. Der Einfluss, den Meister Eckhart auf ihn gehabt haben mag, schadet seiner Selbständigkeit nicht im geringsten, der Einfluss Ruusbroecs aber, von dem der Biograph des letztern, resp. Surius in der Ausgabe der Werke Ruusbroecs spricht (ed. Col. 1552 p. 8) ist nicht nachzuweisen. Wollte man dagegen auf Ruusbroecs Boec vanden twaelf Dogheden verweisen , so vergisst man, dass die Grundlage für dieses Buch, das mutlimasslieh einen falschen Autornamen an der Stirne trägt, neben Eckhart, Seuse, Ruusbroec und andern eben auch Tauler ist.

Gerade das Gegentheil ist beim Meister des MB der Fall. Er ist nichts weniger als originell, ja er versteht nicht einmal fremde Gedanken in Ordnung aneinander zu reihen, weil er eben seine Vorlage selbst nicht versteht und schickt er sich an selbständig zu sein, so bringt er Verwirrung in die Sache.

Es versteht sich, dass ich den Meister nicht ohne Grund des Nimbus entkleiden dürfe und es fällt mir auch nicht bei ohne Erhärtung obiges Urtfieil auszusprechen. Es ist wahr,

38 TAULERS BEKEHRUNG.

dass die Gedankenarmuth des Meisters, auf die wir bald zurückkommen werden, nicht Satz für Satz den Nachweis zulässt. Aber wo er wirkliche Gedanken hat, sind sie ent- lehnt. Die Predigt vor den Klausnerinnen (MB S. 54 ff.) bietet uns die nächste Veranlassung. Sie zerfällt wenn man will in drei Theile. Im ersten geht der Meister von der Verzückung des Paulus aus und spricht von den Leuten die ihre Gnaden immer ausschwätzen, und er geht dann über auf die Leiden, speciell auf die des hl. Paulus. Darnach be- ginnt der zweite Theil, er handelt über die drei Durchbrüche und zwar auf drei Seiten (S. 56 58). Dieser ganze zweite Theil findet sich auch bei Rulmann Merswin in seinem Buche von den drien durchbrüchen (Jundt, Histoire du pantheisme populaire au moyen age. Paris 1875 p. 215 sqq.). Wer von beiden ist nun die Quelle? Keiner von beiden; es exis- tirt für sie eine frühere.

Der Meister beginnt diesen Theil also : Nuo darumb lieben kint, sider uns der liebe sanctus Paulus in siner Epis- teln beiviset het das liden gar fruhtber und alse gar guot ist, so süllent wir ime wol gelouben und süllent ime ouch volgen. Wenne wissent, und süllent wir iemer zuo eime guoten fruht- bern lebende kummen, so mag es anders nid gesin, wir muessent gewilligen abegang der naturen tuon. Und ein gewilliger abe- gang der naturen das ist das der mensche gewillekliche abe- gang allen lüsten der naturen one alleine redeliche notdurft, und die selbe notdurft sol also sin das ime si eine fürde- runge zuo gotte. Merswin aber beginnt seinen Traktat also : Es sint drie frogen in den alles das begriffen ist das eime anevohenden menschen und eime zuonemenden metischen und eime vollkommenen menschen zuogehoeret. Di erste froge ist: weles der behendeste durchbruch si, den der mensche getun mag, der do gerne zuo dem hoehesten v ollekommen est eme lebende kerne. Di ander froge ist: iveles der sicherste grot si do der mensche in der zit uffe geston moege noch diseme ersten durch- bruche. Die' drite froge ist: weles die neheste vereinigunge si alse sich der mensche in zit mit gotte vereinigen moege. Hie zuo wart also geantwortet: Ein gewilliger demuetiger abegang in geiste und in naturen ist der behendeste durch-

IV, 1. DER MEISTER WAR SICHT ORIGISELL. 39

brnch, das ist also zuo verstünde, das der mensche allen den lüsten abe gange die sine nature geleisten mag untze an die bescheidene notdiirft, das men die ouch also neme das me für der e denne Mindere zuo gotte. Wie man sieht, kann der Meister für Merswin nicht die Quelle gewesen sein. Dieser hat alles viel besser gegliedert und bezieht sich auf Jemand, der die Frage beantwortet hat, welches der behendeste Durch- bruch sei, was der Meister ganz unterlässt. Die Quelle ist vielmehr ein Traktat, den ich öfters handschriftlich gefunden habe, und in dem auf all diese Fragen folgenderweise ge- antwortet wird: Ein williger abgang in geist und in natur ist der behendest durchbruch. Ein gelassnü gelassenheit in geist und in natur ist der sicherlist grat. Ein vernünftiger durchbruch durch geist und durch natur ist du nähst Ver- einigung mit got. Was ist ein williger abgang in natur? usw. Der Traktat kommt vor im Cod. C 96/320 der Stadt- bibliothek zu Zürich (14. Jahrh.) BL 123 a; in einem Sarner Cod. (pergam. Hs. 15. Jahrb.); dann im Sangall. 972 a S. 224; in Hs. IYb 20 der Stiftsbibliothek S. Peter zu Salzburg Bl. 124 ff.; im Stuttg. Cod. 283 Bl. 293 vb mit der Nach- schrift: Disz büchlin haist der lerer, es ist ciain an den Worten vnd tregt in im vil guter warhait. Im Cgm. 627 Bl. 268 ra ist auf diesen Traktat hingewiesen mit den Worten : Hie sein dreij frag vnd in disen dreyen fragen ist alles daz beslozzen. Disz stet am grünen puchlein vor den neun reisen. Ich lasse ihn am Schlüsse dieser Abhandlung folgen. Hier nur einige Bemerkungen über die Verwirrung beim Meister. Der Meister sagt : trenne der geist das fleisch überwindet und dise zergenglichen ding alle übersprungen lief, so springet er uffe die ewigen ding und denne die selben werg wurt er denne erst gar usscr müssen vil lustUcher sntackende . . . denne die ersten noch der natura . Der Traktat aber: . . . so springet er uff du ewigen ding und du irirt er denne vil lust- licher niessent denne du ersten (d. i. die zeitlichen Dinge), und das gehöret im ZU von natur trau d< r geist eirig und geistlieh ist. Die letzten Worte hat also der Meister einfach weggelassen und natur behalten, wodurch ein ganz anderer Sinn entsteht. Merswin hat: die ersten natürlichen werg.

40 TAULERS BEKEHRUNG.

Der Meister sagt, es geschehe oft, dass Menschen gar behebeliche in sich ziehent und nement was in lichtende und smackende ist, und lont sich gotte mit in einer sterbenden wisen. Traktat: Hie von sprach meister egghart: etlich lüte nement got als er in lüchtet und smekket ; die nement lühten und smekken und nement gottes nit. Nur das zweite ist klar. Merswin hat wie der Traktat. Darauf heisst es beim Meister, dass Jene, welche am Tröste kleben, und ohne Trost Gott untreu würden den Schein für das Wesen nehmen, diejenigen aber, welche trotzdem Gott dienen, das Wesen für den Schein nehmen. Aber der Traktat und Merswin erklären auch, welches das Wesen und der Schein sei: got ist dz wesen; geistlichü süssekeit ist der schin. Bald darauf kommt beim Meister eine Umschreibung der Mahnung zur Demuth vor, die ihm der Gottesfreund (MB S. 26) gegeben hat, und plötzlich steht er ohne Motivirung mitten in der zweiten Frage : hieben kint, eine zuo gründe gelossenheit durch alle unsere nature das ist gar ein guoter fruhtberre anevang, der ehte in rehter demuetikeit beschicht. Und hievon sprach sanctus Petrus usw. Der Traktat aber, nachdem er alle drei Fragen und die darauf bezüglichen Antworten wie wir gesehen haben gleich anfangs bringt, erklärt nun nach Erledigung der ersten Frage die Antwort auf die zweite Frage: Was ist ein ge- lassenü gelassenheit in geist und natur? B°. Ein gelassenü gelassenheit in natur ist daz der mensch in allen kreften der natur sich got lasse und lasse in würken wie er welle . . . und in dirre ersten gelassenheit sich demütige vnder got. Hie von sprach sant Peter usw. Nach der Schriftstelle fährt der Traktat fort : Ein gelassen gelassenheit in dem geist ist: was got in dem geist bevintlich Werkes volbringe, daz er des alles ledig stand und ob sich got dem geiste verziehe mit siner be- vintlicher süssikeit dz er sich got lasse in dem underzug als in der Offenbarung. Der Meister: Lieben kint, moehtent wir ouch geleren das wir ouch zuo eime geworen undergange des cjeistes in rehte geworer demuetikeit kement, wanne uns süessi- keit des geistes anekem,e und uns denne got wider umb zuckete, das wir ime denne tvol gelossen kundent. Den schönen Spruch Seuses : ein gelassenheit ob aller gelassenheit

IV, 1. DER MEISTER WAR NICHT ORIGINELL. 41

ist gelassen sin in gelassenheit , den der Traktat und Merswin wahren, ändert der Meister in die Worte um : die groesste gelossenheit ist gelassen sin usw. Wie bei der zweiten Frage so ist man auch bei der dritten Frage ganz erstaunt, wie der Meister mit einem male zur Behandlung derselben komme: Ach liehen kint, der mensche solte alse sere gestritten haben, also das er also gar vernunftig in gotte worden were, das er künde mit der helfe gottes alle creatnren durchbrechen usw. Ganz anders beim Traktate, und zum Theile auch bei Merswin. Hier wird naturgemäss, nachdem die zweite Frage erledigt worden, die Erklärung der Antwort auf die dritte Frage ge- geben: Was ist ein vernunftiger clurchbruch durch geist und nature? Ein vernünftiger durchbrach durch die natur ist, daz der mensch vernünftiklich durch sin natur und allü natür- lichü ding also breche dz er mit Sant Augustin mbhte sprechen, usw. Darauf wird erklärt was ein vernünftig durchbruch durch den geist sei. Der Meister aber unterlässt diese Unter- scheidung, gebraucht aber doch die Worte des Traktates, und mengt so nothwendig alles durcheinander, so dass man sich bei ihm unmöglich klar werden kann. Merswin hat das Ganze weit weniger verwirrt.

Indem der Meister auf so ungeschickte Weise den Traktat benützt, kommt der Leser (geschweige denn der Zu- hörer) nie zur Ueberzeugung, dass es sich hier um drei Fragen handle, in denen alles beschlossen ist, was einem anfangenden, zunehmenden, vollkommenen Menschen zugehört. Er be- greift auch nicht, warum denn der Meister plötzlich zu diesem Thema kommt, und wie mit einem Schlage sieht er sich wieder daraus geworfen. Nachdem nämlich der Meister ge- sagt hatte, die Zuhörer sollten trachten, wahre Anbeter zu werden, die den Yater im Geiste und in der Wahrheit bitten, fährt er fort: Lieben kint, ich vochrte es wette ZUO hing werden, trennt' dise closencrin die habmt mich geboten das ich in sage WOS einre closencrin znogehoere. Ich teil üch sagen iceJcs eine gerehte closenerin teil sin usw. Nachdem also der Meister zwei Drittel der Predigt auf die Behandlung eines andern Themas verwendet hat, fällt es ihm erst ein. daaa ihn die Klausnerinnen gebeten haben vor ihnen über das Klausen-

42 TAULERS BEKEHRUNG.

leben zu predigen, und er bricht mit seiner gewöhnlichen Phrase 'ich fürchte es möchte zu lange werden das frühere ab und spricht nun im letzten Drittheil der Predigt vom Klausenleben.

In der vorhergehenden Predigt erinnert der Meister zum Schlüsse (MB S. 54) an die Gerechtigkeit und Barmherzig- keit Gottes. Was er aber darüber sagt, findet sich in des Gottesfreundes Buch von den zwei Mannen S. 271. Dieses Buch hat der Gottesfreund ja vor der Brautpredigt des Meisters dem Merswin übergeben (wenn man 1350—1352 als die Jahre der Zurückgezogenheit des Meisters annimmt). Yorher S. 52 f. erzählt ferner der Meister eine Vision die er über das Fegefeuer gehabt habe. Der Gottesfreund aber erzählt dieselbe als von sich erlebt, nur mit kürzern Worten, unmittelbar nach seinem eben citirten Gespräche über die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Der Inhalt der zwei mittlem Predigten, die man füglich, wie wir sehen werden, Polterpredigten nennen, kann, ist nur ein Abklatsch der Gedanken des Gottesfreundes, wie wir sie auch in Mers- wins Büchlein von den neun Felsen finden und wie sie der Gottesfreund später in seinem Sendschreiben darlegte. Der achte Paragraph wird darüber Rechenschaft ablegen.

Die Abhängigkeit geht so weit, dass der Meister sogar dieselben Ausdrücke gebraucht und zwar durchweg. Dahin gehört einmal der Ausdruck : sinneliche Vernunft (MB S. 25. 32. 37. 53. Damaris S. 204). Vgl. Gottesfreund in Nie. v. B. S. 85. 120. 171 ff. 191. 253 ff. 272 usw. MB S. 11 f. Nicht minder gebraucht das Wort Merswin. Was heisst es ? Man könnte meinen : sinnriche oder bilderiche Vernunft (Ygl. Nie. v. B. S. 222). Oder: natürliche? Meiner Ansicht nach ist es eine unverständige Zusammensetzung von sinne und Vernunft. Ich fand sinneliche Vernunft nur beim Kleeblatt: Gottesfr., Meister, Merswin. Bei Tauler ist davon nicht eine Spur. Er ist philosophisch zu gebildet, als dass er einen so unphilosophischen und ungenauen Ausdruck gebrauchen sollte. Tauler gebraucht : in den sinnen und in der Vernunft (35) ; über sinne und Vernunft (90. 50. 77) über alle sinne; Ver- nunft kan es nüt erlangen, nieman mag es begriffen (21);

IV, 1. DER MEISTER WAR NICHT ORIGINELL. 43

dinen sinnen und diner natürlichen Vernunft (118); natür- liche Vernunft (50) ; mit sinnen noch mit Vernunft nüt be- griffen (72) usw. Man wird einwenden. Tauler habe erst nach der Bekehrung des Gottesfreundes Ausdrucksweise gebrauchen können. Allein, dann muss man annehmen, dass alle Pre- digten Taulers, die wir besitzen, vor der Bekehrung gehalten worden sind. Mit dieser Annahme gelangt man aber nur von der Scylla in die Charybdis. Denn diese Predigten müssten dann irgend eine Aehnlichkeit mit der Stückpredigt des Meisters besitzen, also wenigstens die zwei Hauptmerkmale: viele lateinische Worte und viele Stücke. Aber wie bereits oben bemerkt, findet sich unter ihnen nicht eine, von an- dern Unterschieden, auf die wir erst aufmerksam machen werden, noch gar nicht zu sprechen.

Dem (»ottesfreund entlehnt ist hier auch der Ausdruck : hertzeliep (MB S. 31. 58. 60. Gottesfr. im Nie. v. B. S. 137; geistliche Stiege. Merswin gebraucht den Ausdruck im Büchl. von den neun Felsen fortwährend). Blüde (MB 29. 31. 33) beim Gottesfr. z. B. 229. Die Phrase: 'ich fürchte es könnte zu lange werden' kommt in dieser oder in ähnlicher Form beim Meister nicht weniger als dreizehn mal vor (7. 33. 44. 43. 50. 52. 53 f. 58 Damaris 19, 7 [nach Cod. Yind. 3022] 203 f. 207), und zwar schon in der Stückpredigt. Beim Gottesfr. in Nie. v. Basel S. 133. 190. 220. 238. 307 usw. Merswin bei Jundt 1. c. 222. 226. Tauler aber hat diese Ausdrücke und Phrasen auch nicht ein einziges mal. Und wenn er selbst als jener Meister hertzeliep hätte gebrauchen müssen, er thut es nicht: ach aller] liepli 'ehestes einiges Uep (99). Hier wäre für ihn die einzige Gelegenheit gewesen.

In der geistlichen Stiege (v.J. 1350) sagt der Gottesfr.: ein solcher mensche der wurt zu etteUchen :it<n alse gar minnen- trunken, das er sin selbes vergisset und aller creaturen mit MM*. Der Meister (MB S. 32): Die Braut komme alsc gar von ir selber und (wurt) alse gar van minnen tranken, also das su ir selbes vergisset und aller creaturen beide in zu and in eteikeü mit ir. Gottesfr. (1. c) : wer einen soliehen menschen horte reden, der horte alsoUche wunderliehe frbmede wort, die er do redende ist eil sinem goninneten hertceliebe. Meister

44 TAULERS BEKEHRUNG.

(S. 33) : Man möge nicht glauben wie gar vil wunderlicher froemeder woertere die brut mit dem brutegoame redende ist.

Ich will solche Anführungen nicht vermehren, und be- halte mir die wichtigern derselben für den Schlusspara- graphen vor.

Als Mitglied dieses Kleeblattes und als nothwendige Folgerung des Mangels jeglicher Originalität ist der Meister zugleich auch ungemein gedankenarm. Man kann oft ganze Seiten lesen , ehe man auf einen Gedanken stösst. In der Predigt S. 35—44, die nicht weniger als neun Seiten ein- nimmt, kommt auf eine Seite nicht ein Gedanke ; im ganzen hat sie nur sechs, wenn man von Gedanken sprechen kann: Die Brüder und Beichtväter sind nichts werth, ebensowenig die Prediger, die Bischöfe sind um nichts besser, die Welt- priester sind böser denn Judas, die Richter machen es ebenso wie die übrigen, Ehebrechen ist eine Todsünde. Und zur Erhärtung dieses letzten Gedankens dient eine drei Seiten lange (S. 41 43) Geschichte. Auf gleiche Weise verhält es sich mit der nächstfolgenden Predigt. Sie hat acht Seiten. Die Gedanken darin sind : Die Männer vorzüglich aber die Weiber machen es schlechter als Adam und Eva, letztere besonders durch ihre Kleider. Dann kommt der Meister auf die Schlechtigkeit der Rückkäufer zu sprechen, und belegt sein Urtheil mit zwei Geschichten. Darauf folgt eine vom ihm erlebte Yision, endlich geht er auf die Kaufleute wegen ihres Wuchers los, erklärt mit einer Geschichte. Zum Schlüsse folgen jene Stellen über das Fegefeuer und die Gerechtig- keit und Barmherzigkeit Gottes, die nicht ihn zum Verfasser haben. Ebenso trostlos sieht es in der Brautpredigt (Ecce sponsus venit) aus. Der eine Gedanke darin ist dieser: je besser die Braut wird, desto schlechter lässt es ihr der Bräu- tigam ergehen, bis sie endlich zur Vermählung gelangt ; dann kommt die Klage, dass es jetzt so wenig Bräute gibt, und sie endet mit den Seufzern und dem jubilus der Braut. Fünf Seiten dienen zur Ausführung dieser Ideen. Ueber die Pre- digt an die Klausnerinnen habe ich bereits gesprochen. Die Sakramentspredigt ist etwas besser; ich komme auf sie noch zurück. In dieser Beziehung bleibt die Stück- oder Muster-

IV, 2. DER MEISTER ALS ERZÄHLER. 45

predigt noch immer die beste, sie hat doch wenigstens 24 Stücke.

Soll ich nun an den Nachweis gehen, dass eine jede beliebige Predigt Taulers mehr Gedanken enthalte als alle Predigten zusammen im MB? Ich habe ihn bereits in meiner 'Blumenlese aus den deutschen Mystikern des 14. Jahr- hunderts' erbracht, die mehr als zur Hälfte aus Taulers Ge- danken zusammengesetzt ist, obwol ich die Mystik im eugern Sinne principiell von ihr ausgeschlossen habe. Aus dem MB jedoch konnte ich bereits bei Ausarbeitung der ersten Auflage (Graz. 1873), d. i. zu einer Zeit, wo ich an der Identität des Meisters mit Tauler noch gar keinen Zweifel hegte, nur wenige Stellen brauchen. Und wie mir so ging es allen Forschern über Tauler, selbst C. Schmidt, denn in der Darlegung der Lehre Taulers findet man bei ihnen kaum einmal das MB herangezogen. Ich will es jedoch bei diesem Hinweise allein nicht bewenden lassen. Die nächste Unterabtheilung ist viel- mehr eine weitere Begründung meiner Behauptung.

2. Die Erzählungen im Meister buch und bei

Tauler.1

Es bedarf keines Nachweises, dass historische Züge und Erzählungen, wenn sie gut gewählt, edel und kurz sind, in der Predigt ein vorzügliches Mittel bieten, den abstracten Ge- danken als concret erscheinen zu lassen, mithin ihn zu ver- anschaulichen und fasslich zu machen. Was die Beispiele in der Logik und die Casus in der Moral sind, das sind gut angewendet die Erzählungen in der Predigt, sie sind der minor zum major, die Besonderung zum Allgemeinen. Kein populärer Prediger wird sie deshalb vernachlässigen.

Tauler ist hierin ein grosser Meister. Seine Erzählungen und historischen Züge sind man darf eben den Stand- punkt des 14. Jahrh. nicht ausser Betracht lassen durch*

1 Gehört auch an sich dieser Abschnitt zum fünften Paragraphen (Stil), so muss ich ihn um des Zusammenhangs willen doch schon hier einschalten.

46 TAULERS BEKEHRUNG.

weg gut gewählt und immer ä propos. Ein einziges mal er- zählt er eine längere Yision einer Frau (33) *, sonst sind seine Erzählungen äusserst kurz nur mit ein paar Strichen skizzirt. Sie stammen, abgesehen von den vielen aus der hl. Schrift, aus der Tradition und Kirchengeschichte (110. 129. 132), aus dem Altväterbuch (7. 24. HO), aus der Ordensgeschichte (71. 86. 88. 110. 125. 130. 133). Die übrigen sind meist aus seiner Zeit (13. 69. 73. 87. 90. 95. 97. 102. 105. 130 und Cod. Yind. 2739 Bl. 70 vb). Jede Erzählung, sei sie nun eine Yision oder wirkliche Geschichte, trägt bei ihm einen oder mehrere grosse Gedanken in sich, und zwar so offen und klar, dass man die Nutzanwendung dazu gar nicht zu geben brauchte. Ein paar Beispiele sollen dies erläutern. 155 ra (130): Ein swester unser s ordens hatte dicke begert unsern herren zu sehende also ein kint. Zu einem mole in irre an- daht erschein ir unser herre also ein kindelin und lag zemole gewindelt in einer bürde schar pf er dorne, also daz ir das kint nüt möhte werden, müste zümole menliche und ver- wegenliche griffen und meinte wer in ivolte haben, der müste sich aller scharpfheit er wegen und lidens. 157 vb (13*2) : man liset von sancte Franciscus, das er sins ussewendigen menschen also gewaltig icas: also beide das er gedohte ein übunge ze tünde so sprang der lichom herfür und sprach: sich, ich bin hie. 93 vb (86) meint er man solle gehorsam sein dem Kleinsten wie dem Grössten, also der würdige grosse meister. thomas tet; der one alles beroten oder rede dem rüschenden brüder noch gienge in der stat do er wonet mit eime liehte und demü- tecliche. 135 vb (110) lehrt er, wenn der böse Feind seine fürinen pfile auf einen schiessen wolle, solle man sich zum Gebete begeben, so enmag dem vigenden nit leider geschehen, und so wurt er alles hindernisses los. Also vindet man von sant Bartholomeus ; do er bettete, do rufte der tüfel : ach du verburnest mich mit dime gebette und mit dime fürin bände hest du mich gebunden! Bald darauf erklärt er, wie man ein abgestorbener Mensch sei: Du solt tun also ein vatter,

1 Die Erzählung in Nr. 75 ist nicht von Tauler. Sie fehlt in den bessern Hss. und findet sich bei Ruusbroec (Gent, 1860) III, 91.

IV, 2. DER MEISTER ALS ERZÄHLER. 47

der sas in dem walde. Zu dem kam sin liplicher hrüder und sprach: hrüder lieber, ich bin in grossen nöten und ist mir eine karre mit grosseme clürem gute in das wasser gevallen : hilf mirs uzziehen; und schrei und weinde und bat in vaste. Do sprach er: des bit den der do nohe ivonet; wes zihest du mich ? Do sprach diser : der brüder ist vor eime ior dot. Do sprach diser: so bin ich vor zwentzig ioren dot geivesen, und lies also den gon und bekumberte sich nlt me.

Wesentlich davon verschieden erzählt der Meister. In seinen Predigten kommen fünf Geschichten vor, und dazu noch zwei von ihm erlebte Yisionen. Sie verdienen aber nicht den Namen Erzählungen, sondern sie sind reine Pastoralfälle, die nicht auf die Kanzel sondern in die Casuistik gehören. Die erste Geschichte betrifft eine Ehebrecherin : der Meister erzählt, was er ihr im Beichtstuhle gerathen, wie sie seinen Rath befolgt oder nicht befolgt habe, was in Folge dessen geschehen sei usw. Da ich im nächsten Abschnitte darauf zurückkommen muss, genüge einstweilen diese Andeutung. S. 49 erzählt er unter welchen Bedingungen er einstens den Rückkauf erlaubte und unter welchen Umständen er ihn nicht erlaubte, und bringt dann wieder zwei Fälle aus seinem Leben. Ebenso verfahrt er S. 51 mit dem Wucher und zwar wieder mit einem Falle aus seinem Leben. Damaris S. 206 erhalten wir einen fünften Fall aus seinem Leben, voraus- gesetzt, dass diese Geschichte wirklich hin eingehört, und wir sie nicht lieber mit Cod. Yindob. 3022 aus dem MB ent- fernen.1 Die beiden Yisionen sind auch nur, wenngleich nicht Pastoralfälle, so doch Fälle aus seinem Leben. Diese Art von Geschichten kennt Tauler in seinen Predigten nicht.

1 Im Cod. Yind. fohlt der ganze Abschnitt von Damaris S. 205 207, nämlich von : 'Ach liebe Kinder, wo man einen solchen Menschen wiisste um die Gerechtigkeit leiden müssen. ' Da der Meister S. 204 sagt, er -wolle der Rede mir dem was er sagen -werde ein Ende geben, und dann das Minnefeuer mit der Fieberhitze vergleicht , S. 207 die Predigt aber abschliesst: nu sollen wir alle leiden . . daz uns der ge- teure Jieisze reide van </<><<le «nstoissende ic< rde, so mag die Hs. wol rocht haben, wenn in ihr das Dazwischenliegende das nicht zu diesem Schlüsse passt, fehlt.

48 TAULERS BEKEHRUNG.

Nicht einmal annähernd findet sich bei ihm ein ähnliches Beispiel; denn Stellen wie (101): in manigem jore engetorste ich nie gedenken das ich unser s vatters S. Dominicas sun tvere; oder (89): Hievor also ich die heiligen brüder sach usw.; oder (73): ich bin in solichen landen gewesen usw. sind keine Geschichten. Bei ihm kommt auch kein einziger Casus vor, und die Yisionen die er erzählt sind nicht selbst erlebte.1 Dagegen fehlt beim Meister die Taulersche Eigenthümlich- keit. Und während Taulers Erzählungen auf die Zuhörer eine vortreffliche Wirkung machen mussten, haben die des Meisters etwas Verletzendes und bekunden geradezu einen unerfahrenen unklugen Mann. Und hiemit stehen wir bei der dritten Unterabtheilung.

3. Unvorsichtigkeit des Meisters.

Ich beginne wieder mit der Erzählung MB S. 41 43 von der Ehebrecherin. Der Meister kündet sie an: es ist nüt eine mere, es ist wor. Als er dreissig Jahre alt war, vor zwei- undzwanzig Jahren, und in einer stat zuo schuolen lag, lernte er zwei reiche Kaufleute kennen, die hettent ouch zwey schöne wip und schoene kint (wol gemerkt, er sagt dies in der Pre- digt!). Fuhr ein Kaufmann ausser Land, so empfahl er dem andern seine Frau und Kinder. Der Meister wurde bald ihr Beichtvater. Nach einem Jahre bekannte sich ihm in der Beichte eine der Ehefrauen als grosse Sünderin : herre ich gibe mich schuldig das Kettrinlin mine schoene dohter mit elich ist, und das ich von vorhte wegen wol zuo nun molen unsern herren enpfangen habe also das ich dise ding in mir behuob und es noch nie gebildete, wanne das ich es üch nuo bihte. Und

1 Hieher gehört nicht die Stelle 95 vb (87): dise sint vil küner denne ich ; ich solte ein lerer sin und also ich die lüte höre so frage ich wie in were und drin sint kummen, und nochdenne getar ich nüt ein urteil geben drum, und ich suche an ünserm herren, und git er mir es denne nüt so spriche ich: lieben kint, süchent selber an ünserm herren usw. git er es denne nüt ist soviel als: 'erleuchtet er mich nicht, so dass ich es weiss.' Von der Erleuchtung im Gebete ist die Rede, nicht von einer Vision.

IV, 3. ÜNVOBSICHTIGKEIT DES MEI8TEB8. 49

wissent, mins mannes lieber geselle (d. i. der andere Kaufmann) der ist sin vatter, und ich wil ücli ouch sagen wie es dar- zuo kam. Es ist wol fünf zelten ior do was min man usser lande gefaren. Alse ir selber wol wissent wie gar heimeliche wir under einander sint, do beschach es das mins mannes geselle M mir wart sitzende und ivurdent gar heimeliche mit einander redende und ivurdent gar früntliche geberde mitt- einander habende also das wir alse nahe zuosumene kommt das ich zuo stunt ein kint wart tragende und das ist min tohter Kettrinlin. Kaum glaublich, dass es möglich sei solche Dinge von der Kanzel herab zu erzählen. Die letzten Sätze mussten nothwendig den Zuhörern die Schamröthe ins Antlitz jagen. Die Münchener llss. sammt der Stuttgarter und Wolfenbüttler haben auch die Stelle abgekürzt, Cod. Vind. 3022 und die St. Georger hs. Nr. 80 zu Carlsruhe lassen die ganze Geschichte weg.

Der Meister fährt in der Erzählung unter andeim fort: Do sprach ich : sagent mir, weis er (der Ehebrecher) das Hircr dohter sin ist? Do sprach sü: entruwent nein er, er weis anders nüt wenne das si mins mannes ist. Niemand wisse es. Sie bat ihn nun um Absolution und versprach alles zu thun. Do sprach ich . . . ich sol üch noch keinen tippelos sprechen ir tuont denne e das ich üch roten sol. . . . so rote ich üch das ir etteliche wege vindent das es uteer man he rinde, so were den im guot darzuo ZUO rotende. Ist dieser Meister unklug und unerfahren! Wusste er denn nicht, dass man der Ehebrecherin nicht als Absolutionsbedineune setzen darf, dass sie den Vorfall dem Manne eröffne? Inno- Cenz 111. sagt: Mulieri quae ignorante marito de adulterio prolein suseipit, quamvis id viro suo fcimeat confiteri, non est poenitentia deneganda, sed oompetens satisfactio per discretum sacerdotem ei debet injungi (c. oftic. 5 t. 38, 9). Nur in den seltensten Fällen (und von ihnen liegt hier keiner vor) darf man die Ehebrecherin dazu verpflichten. Sie Bagte auch weinend: Das mag mit nute sin, ich bekenne minen man wol in der »lassen und hefitudr er es, er tote in ZUO stunt oder aber

er in und er tote Ouch mich danne dar: na und so befände

es denne auch a//es das in der stat irere. Der Meister rieth

QP. XX XVI. 4

50 TAULERS BEKEHRUNG.

ihr nun, wie er selber sagt, sie solle alles aufbieten, dass der Mann die Tochter in ein Kloster stecke, und sprechent ir habent sant Kettrinen die tohter gelobet das kusch und reine stille hüben und redent vil mit ime und bittent in dicke und kumment in zuo vil stunden an mit bette und bittent in mit grosseme erneste das er üch uwer gelübede stete habe und sprechent, es gange üch mit den andern kinde deste bas und tuot dis mit erneste. Und er versprach beim Manne dasselbe zu thun. Er räth ihr also eine Lüge an, damit sie sich dem etwaigen Schaden entwinden könne, wenne, meint er, was erbet das ist alles mit unreJite. Der Mann ging aber darauf nicht ein und sagte zum Meister: ivoltent ir das ich eine soliche schoene tohter in ein closter tete? Und lachete und sprach: ir mügent üch selber wol dinne meinende sin das eht üch würde. Nach einem halben Jahre stand es trotz der Be- mühungen des Meisters und der Frau nicht besser. Do sprach das tvip : wie rotent ir nuo das ich tuon ? Do sprach ich : ir muessent iemer etteivas selber gedenken wie ir oder aber ieman anders mit ime gerede das in ein closter kummc, mag aber das nüt sin, so muessent ir aber etteliche wege vinden, und da vindent ir wol etteliche wege und wisen das es ime hübeschliclie geseit wurd das er es nüt alse herte ufnimet alse ir tvenent, wanne ivissent gebe er ir einen man so iveiss ich denne erst nüt wie ir denne tuon soltent, wanne wissent, ich Jean üch in disen dingen nüt wol appelos gesprecJien das ich ücJi entbinden mag.

Der Meister kommt also wieder auf seinen alten Rath zurück: sie solle es dem Manne offenbaren. Und dazu ver- weigert er die Absolution! Das einzig Richtige aber in diesem Casus ignorirt er gänzlich, oder vielmehr, er kennt es nicht, dass er vor Allem der Frau gerathen hätte; sie solle dem Ehebrecher mit dem sie gesündigt den Vorfall mittheilen und ihm sagen, dass das Kettrinlin von ihm sei, und zwar umsomehr, als der Meister von der Frau erfuhr, dass der Ehebrecher nichts davon wisse. Aus dieser Unterlassungs- sünde folgt also gleich die Frucht: Nuo, fährt der Meister fort, do sielt dise dinge gerietent verziehen, do beschah es das dise zicene guote gesellen (nämlich die zwei reichen Kaufleute)

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DE8 MEISTERS. 51

wurdent mitteinander redende und koment einer früntschaft zweite alleine überein und kette der eine (der Ehebrecher) einen iungen sun und noment den und gelobetent ime die schoene tohter und santent noch iren /runden und leitent ime noch do des selben nahtes zuo. Also beschacli es das ein bruoder bi siner swester wart sloffende und gewunnent die zwey alse gar liep einander das ich von solicher grosser natür- licher liebe nie me gehorte sagen. Aber wer ist daran Schuld ? Der Meister, weil er es unterliess der Frau deu einzig rich- tigen Ilath zu geben. Es half natürlich nichts mehr die zwei auseinander zu bringen , im Gegentheile sprach er, do ich dennan wolte varn, do lies ich gros Lindes. Er über- antwortete dann die Ehebrecherin an einen erbern bruoder. Also, schliesst er, schiet ich von dannen. Wie übele es in sider ergangen ist das schreip mir de)' bruoder; do were noch gar vil von zuo sagende: es wil zuo lang werden wir sullent es under wegen Ion.

Dass er mit dieser Erzählung zugleich auch das Beicht- sigill gebrochen habe, fiel dem Meister nicht im geringsten ein. Noch viel weniger aber, dass er mit den JRathschlägen dem Volke nur eine falsche Moral predige und Aergerniss geben musste. Die Münchener Hss. sammt der Stuttgarter und Wolfenbüttler haben es deshalb für gut befunden, die Rath- schläge vollständig und in ihrem ganzen Umfange weg- zulassen. Sie resumiren alle Bemerkungen des Meisters in die Worte : Nun ich riet ir der frateeu du.: beste daz ich kund. Und fahren dann fort: Dornach beschach daz dise zwen lieben gesellen allein kament uberain, daz er sein schone to<hter katterlin sins gesellen sun wolte geben.

Der Meister kann aber seine Trivialität gar nicht ver- lassen, was andere fühlten, fühlte er nicht. Er fährt fort: Nuo dar lieben kint, sider ich daselbe befunden habe und wol weis das es also beschehen ist, was mag denne an manegen enden in der zu brueder bi swestern und vettern bi muotem sloffende sin? Und würde es zuo lange nüt ich wolte üch auch wol beu-eren, wie oueli in solicher ebrechender wise i in vatter bi siner dohter sloffende ist. Nun geht es noch mehr als eine halbe Seite Über das Ehebrechen so weiter. Ins er

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endlich dem Scandale mit den Worten ein Ende macht : Ach, lieben lüte, nement zuo üch selber war, -wanne es ist gar eine grosse sünde ebrechen, wanne wissent, solte ich alle die stücke sagen die von ebr eckende beschehent, ich hette bitze nahte ge- nuog zuo tuonde; nuo habe ich es one das zuo lang gemäht. Ich glaube eigentlich gar nicht mehr erweisen zu dürfen, dass Tauler nicht dieser Meister sei, weil man wahrhaftig zu zweifeln anfängt, ob wol dieser Meister ein Theologe, ob er ein Beichtvater gewesen sei, ob er überhaupt als Priester und Meister existirt habe. Doch greifen wir unserer Unter- suchung nicht vor. Tauler ist nirgends zarter, als wo es sich um die Keuschheit handelt. Nicht bloss, dass er sich über die ihr entgegengesetzte Sünde niemals des weitern aus- lässt, er hat und gebraucht überhaupt nur das Wort un- kusche oder unkuschekeit, und sagt nichts weiter darüber z. B. Nr. 22: hochvertige und zornige und hessige und gritige und unkusche menschen. So Nr. 15. 19: (lust des lichames, wie auch Nr. 88) 58, 59. 63. 103. 111. 118. 125. 126. 144. Das sind alle Predigten, in denen das Wort, aber auch nur das Wort unküschekeit vorkommt. Er spricht in Nr. 15 von der geistlichen unküscheit; die fleischliche fertigt er mit ein paar Worten ab. Und in Nr. 133, wo er doch von der Reinigkeit des Herzens handelt, spricht er eigentlich von der Lauter- keit des Geistes. Gar nicht aber findet man bei ihm irgend etwas über den concubitus, die fornicatio und das adulterium. Tauler steht darin nicht bloss weit über dem Meister, davon will ich gar nicht sprechen, sondern auch über Berthold von Regensburg. Ebenso wenig spricht Tauler von den schönen wip und kint; ein einziges mal (Nr. 110) wo er eine Legende aus dem Leben des Meisters Albertus erzählt, be- ginnt er sie : man vlndet, das eine schöne wisse frbive ein hint gebar das was zümole swartz also eine möre. Hier ist es um des Gegensatzes willen. Der Meister aber spricht zu gerne von den Weibern. S. 38 handelt er von den schlechten Priestern: nuo fürbas me so get dirre priester der und mit den selben henden do mitte er got an gerueret het, mit den selben henden so rueret er ein wip unküschliche an; so get er denne her und hisset und küsset ein wip durch das selbe

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DES M KISTERS. 53

tor, do got alle tage durch gonde ist ; so get er denne der und glt dem ivibe sin hertze das gottes solte sin . . und gib dem wibe sinen lip mitteinander usw. usw.

S. 47 f. kommt der Meister auf die Kleidung der Frauen zu sprechen. Tauler ist auch hier klüger als der Meister und als Berthold. Er wusste zu gut, dass Predigten über die Kleidung der Frauen nichts nützen, sondern nur guten Humor unter den Zuhörern erwecken. Wie bei der Un- keuschheit so findet sich auch hier bei ihm nur das Wort kleider, z. B. : die gespilschaft oder die tüchere, die kleider, die kleinote (Nr. . 21). Ich citire alle Fredigten, in denen nur dieses Wort vorkommt: 70. 73. 76. 78. 80. 81. 89. 93. 92. 103. 111. 118. 119. 127. Sonst spricht er niemals davon.

Die Unklugheit des Meisters zeigt sich auch in seinen Ausfällen gegen die Personen der einzelnen Stände ; er hechelt einen jeden in Gegenwart der übrigen Stände durch, ohne gerade den Stand als solchen anzugreifen, und verletzt da- durch das erste Gesetz des Decorums auf der Kanzel. Und er lässt es nicht dabei bewenden, sich nur gegen Diejenigen zu ereifern, die er glaubt vor sich zu haben: Ordensleute, Weltpriester (zusammen drei Seiten, S. 36 39, davon eine volle Seite und höchst drastisch dargestellt über das unkeusche Leben der Priester), Richter, Pitter, Kaufleute, Handwerks- leute, er spricht auch von jenen, die nicht zugegen sind, den bischoefen und gewaltigen pf offen, die do vil kirchen uffe in tragende sint. Nuo gedenke ich, meint er, dass sie nüt hit sint; rede ich nuo nüt von in, so moehtent ir gedenken ich Hesse es iergent und), ich wolte ir schonen ; darumb so teil ich doch ettewas von in sagen, vil lihte wurt es in geseü, und das ist mir ouch nüt leit.

Tauler zeigt sich auch hier ganz verschieden vom Meister. Ueber die Richter, Ritter, Handwerksleute und Kaufleute als Stände spricht er überhaupt nie; von letztem spricht er nur bildlich. Eine Stelle über die Fürsten theile ich alsbald mir. Die schlechten Ordensleute erhalten von ihm mahnende Worte und Zurechtweisung nur vor Ordensleuten; es Lässi sich dies meist nachweisen, und da ist es am Platze. Was sein Urtheil über die Priester betrifft, so isr auch dieses wesent-

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lieh von dem des Meisters verschieden. In Nr. 86 theilt Tauler die Leute, die in der Welt leben, ein. Darunter kommen auch die verdingete knehte gottes sint, das sint pfaffen und nirnnen und alle soliche lüte die gotte dienent umb ir pfrunde und imib ir presencien, und werent der nüt sicher, su endientent gotte nüt und kertent wider umb und würdent gesellen der vigende gottes. Er nennt also bloss jene Priester, die um der Pfründe willen Gott dienen, und geht sofort weiter. So auch Nr. 88 : wie diser kouflüte (bildlich genommen) alle die weit vol ist, under pfaffen und under leigen, geist- liche, manche und nunnen, ach wie eine wite materie daz ist ist wiederum vor Ordensleuten. 118: nu vörht ich und ist och schinber , daz alle priester nüt sint vollekomen und stündent etteliche priester in irre eigener personen für die cristenheit, möhtent verre me irren denne in helfen und got me erzürnen ivanne versünen. Aber tünt das heiliges ampt in stat der heiligen kilchen. Ygl. S. Thomas 4. dist. 19. qu. 1. a. 2 qu. 2 ad 4. In Nr. 37 erklärt er die dritte sturzunge, dass die Gottesfreunde sehen müssen, wie Gott so viel Unehre entboten werde, und daz van der werilde geistelich und iverintlich, pfaffen und leien, daz wenich im an got luterlichen meynet (Cod. Yind. 2739. Bl. 124 vb). Das ist so ziemlich alles was man aus Taulers Predigten zusammenbringen kann.1 Wenig genug, und nicht wie beim Meister ex professo und mit allen selbst den trivialsten Einzelheiten, sondern wie im Vorbeigehen ge- sprochen. Tauler zeichnet sich hierin weit vor den meisten Predigern seiner Zeit aus.

Aber steht dem nicht D. Speckies Bericht über Taulers Benehmen gegenüber der geistlichen Obrigkeit zur Zeit des schwarzen Todes und während des Interdiktes entgegen ? In der That hat Speckle (f 1589) durch diesen Bericht unter den einen viele Sympathien für Tauler erweckt, unter den andern aber manche Verunglimpfungen Taulers verursacht, und allen

1 Wenn Tauler geistlichen schin tragen und ähnliche Ausdrücke wie geistlich und werltlich gebraucht oder von geistlichen lüten spricht, so meint er, wenn jede nähere Bezeichnung fehlt, nicht die Priester, sondern die Ordensleute oder Solche, die ein inneres Leben führen wollen; geistlich ist gleichbedeutend mit religiosus der Imitatio Christi.

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DES MEISTEES. 55

grosses Mitleid mit den 'des Trostes der Kirche cntblösstcn Sterbenden' eingeflösst. Aber haben sich nicht sowol die einen wie die andern durch Speckle teuschen lassen? Seit J. Görres, der zuerst auf den Bericht in der Einleitung zu Diepenbrocka Ausgabe von Seuses Schriften aufmerksam machte, haben nur Wenige in die Glaubwürdigkeit Speckies Zweifel gesetzt. Unter ihnen sind Kerker (Wetzer u. Weite, Kirchenlexicon X, 689 f.) und J. B. Dalgairns (The German mystics of the fourteenth Century. London 1858 S. 18 ff.) die einzigen, welche einen wirklichen Grund gegen den in Frage stehenden Bericht anführen. Preger hegt nur gegen die zweite Schrift Misstrauen, 'theils, sagt er, weil die Umstände die Speckle dabei angibt mit den urkundlichen Daten nicht in Ueber- einstimmung zu bringen sind, theils weil der Bericht über den Inhalt jener Schrift mir zu sehr die Farbe des Refor- mationszeitalters zu tragen scheint' (Abh. d. bist. Ol. d. k. b. Ak. d. Wiss. XIY. Bd. 1. Abth. S. 43 u. 58). Somit bleibt Preger auf halbem Wege stehen, und doch wäre es ziemlich einfach gewesen, die Frage der Lösung wenigstens nahe zu bringen. Ich werde später einmal ausführlich darüber han- deln, kann aber nicht unterlassen, schon jetzt Speckies Bericht als das was er ist darzulegen, nämlich als ein Lügengewebe. Tauler soll gemeinsam mit dem Karthäuser Ludolph von Sachsen und dem Augustiner Thomas v. Strassburg zwei Schriften verfasst haben, die als häretisch erkannt und ver- dammt Avurden. Die erste ereifert!1 sich dagegen, dass man das arme unwissende Volk unschuldig im Hanne sterben liesse. Dem abzuhelfen sollten die Priester, trotz des Interdiktes, den Sterbenden, welche die Absolution und das hl. Sakrament be- gehrten, solches nicht Verweigern. Die Folge davon sei ge- wesen, dass die Leute fröhlich starben und den Bann nicht mehr fürchteten, während doch sonst früher viele Tausende

ohne Beieht in grosser Verzweiflung gestorben seien. Im-

zweite Sehritt, die unter die Geistlichen und Gelehrten ver- breitet wurde, ist im Grunde nichts ;ils die Begründung des ersten Schreibens, um den Priestern all»1 Scrupel wegen Spen- dung der Sakramente in articulo mortis zu benehmen. Sic behandelt das Verhältniss von Staat und Kirche und will er-

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weisen, dass der Papst nicht ganze Ortschaften und Länder mit dem Interdikte belegen könne (Diepenbrocks Ausgabe von Seuses Schriften, 3. Aufl. S. XXXIII ff. Schmidt, Tauler S. 53 ff.).

Die erste Schrift hat für das 14. Jh. gar kein Objekt, denn seit anderthalb Jahrhundert war es kirchlich erlaubt selbst zur Zeit des strengsten Interdiktes den Sterbenden das Yia- ticum , d. h. die Sakramente der Busse und des Altars zu reichen. Innocenz III : In illo enim verbo, per quod poenitentiam morientibus non negamus, viaticum etiam quod vere poenitenti- bus exhibetur, intelligi volumus, ut nee ipsum decedentibus de- negetur (De poenit. et rem. c. 11). Gregor IX: Permittimus ecclesiarum ministris semel in hebdomada tempore interdicti . . . missarum solemnia celebrare causa conficiendi corpus Domini, quod decedentibus in poenitentia non denegatur (5. t. 39. De sent. exeomm. c. 57) 1 Auf den Privatsynoden wurden nur diese Worte der Päpste wiederholt. Die Synodalakten der Kirchen von Cahors, Rhodez und Tülle v. J. 1289 sagen: Ab hac generalitate (quod negentur omnia sacramenta) excipit jus sacramenta quaedam, quse non obstante tali interdicto possunt conferri , sc. baptisma parvulorum , et sacramenta Eucharistiae et poenitentiae morientium . . . Permissum est etiam tempore talis interdicti . . . sanis qui causam non prae- buerunt interdicto exhibere poenitentire sacramentum (Martene, Thesaurus nov. aneed. IY, 758. s. 147. Dasselbe wird wiederholt auf anderen Synoden. Ygl. 1. c. p. 773. 873. 1060). Der letzte Satz hat seinen Grund im Dekrete Alma mater Bonifaz YIII. (durch Clemens Y. Constitutio : 'Ex frequentibus' bestätigt), der dort sagt : Concedimus, quod tempore interdicti . . . non tantummodo morientes sed etiam viventes tarn sani quam infirmi ad poenitentiam . . . licite admittantur, dum tarnen exeommunicati non fuerint, quos admitti prseterquam in mortis articulo nolumus ad eandem. In der Sterbestunde waren also alle frei, selbst die Excommunicirten und die am Inter- dikte Schuldigen, wenn sie Busse thaten, so dass ihnen beide

1 H. F. Jacobson übersetzt in Herzogs Real-Encyclop. VI, 706 unrichtig: die Busse der Sterbenden. Beide Sakramente, die der Busse und des Altars, konnten den Sterbenden gereicht werden.

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DES MEISTERS. 57

Sakramente gereicht werden konnten, die Gesunden und Kranken aber, waren sie nicht exeommunicirt und am In- terdikte schuldig, konnten wenigstens das Sakrament der Busse empfangen. Dasselbe bestätigen die Kechtslehrer des 14. Jahr- hunderts, wie Petrus de Palude, Johannes de Andrea, Bartho- lomaeus de San-Concordio, Baldo de Ubaldis, Antonius de Bu- drio, Dominicus de San - Gemignano ; im 15. Jahrh. Panormi- tanus, der heil. Antoninus usw. Johann Calderini, 'decretorum doctor excellentissimus' und um 1350 Lehrer des Rechtes zu Bologna (f 1365) sagt in seiner Summa de inderdicto ec- clesiastico: Dicto tempore (interdicti) permittitur eucharistia inquantum dicitur viaticum, id est, cum datur decedentibus. Und er beruft sich auf die von mir angeführten Dekrete der Päpste und auf c. 63 dist. 50, wo es heisst : Viaticum tarnen omnibus in morte positis non est negandum. Calderini, und mit ihm die Canonisten, verstehen unter den 'in morte positis' auch die zum Tode Yerurtheilten (Hs. C. Y. 18 auf der Universitätsbibl. zu Basel, Bl. 22 ra). Ebenso stimmt er mit ihnen darin überein, dass das Sakrament der Busse allen, mit Ausnahme der Excommunicirten und am Interdikte Schul- digen, zugänglich sei.

Aus all dem folgt, dass sich die Priester während des Interdiktes zu Strassburg nicht versündigten, wenn sie den Sterbenden die Tröstungen der hl. Religion reichten, dass sie vielmehr ganz im Sinne der Kirche handelten.1 Die erwähnten Bestimmungen wurden ja nie mehr aufgehoben, im Gegentheil, noch mehr gemildert. Unmöglich konnte also die erste Schrift von einem Theologen des 14. Jhs. geschrieben, noch weniger aber von der Kirche für häretisch erklärt worden sein. Sie erweist sich als Erfindung eines Mannes, der von der Lehre über das Interdikt gar keine Kenntniss hatte. Speckle hat

1 In Folge der Pest und des Priestermangels starben allerdings Viele ohne die Tröstungen der Religion. Vgl. Job. Vitod. ed. WyaB. '». lOo. Math. Nim. in Böhmers Fontes IV, 261. Wären, wie C. Schmidt will (a. a. 0.; in den Memoires de l'Aead. r. des sciences mor. et polit. II. 1847 p. 347 und in Herzogs Real-Encycl. XV, 486) die Ster- benden durch das Interdikt der Sterbesakramente beraubt worden, der papstfeindliche Johann v. Winfcerthur hätte nicht umhin können, we- nigstens den einen oder andern Fall zu registriren, er. der es nicht

58 TAULERS BEKEHRUNG.

also alle geteuscht, die mit jenen vielen Tausenden, welche in Folge des Interdiktes ohne Beicht in grosser Verzweiflung gestorben sein sollen, Mitleid hatten.1 Ygl. noch Anhang II. Hiemit fällt aber auch die Begründung, d. i. die zweite Schrift. Und selbst davon abgesehen erweist sich die zweite Schrift als ein Machwerk, das nicht Tauler zum Verfasser hat. Tauler ist auf die damaligen Fürsten nicht gut zu sprechen. Die Meister der Finsterniss sind ihm die tiifele, und es sint och die fürsten der weite: die soltent die allerbesten sin und sint leider rehte die rosse do die tüfele uf rittent, das unfride und ürlüge machent und pinig ent die lüte unde in hochvart und unrechter gewalt und in maniger bosheit, also es wol schinet in aller der weite (Bl. 126 vb Nr. 104). In seinen Predigten findet sich auch nicht eine Stelle, die von einem Geiste zeugen möchte, der sich dem kirchlichen Ge- horsame als solchem entzieht, wol aber fordert er durch sein eigenes Beispiel die Zuhörer zur demüthigen Unterwerfung auf. Bl. 154 va (130) meint er, man solle der meisterschaft gehorsam sein und der heiligen kilchen. Bl. 195 vb (Cölner Ausg. Bl. 5ra Cod. Vindob. 2739) lehrt er, des Vaters (Gottes) Stimme und der Mutter (der hl. Kirche) Stimme seien eine Stimme, und wer diese Stimmen nicht höre und er- kennen lerne, müsse verderben. Die vederliche stimme die sprach durg der müder stimme der heiligen kirchen in alle ire leren und reden und geboden. We und we alle den dye dise stimme nit inhorent. Man wende nicht ein, Tauler habe sich wol der Kirche, nicht aber dem Papste unterworfen. Sein Gehorsam gegen den Papst ist geradezu blind. Wir haben oben S. 11 aus der Basl. Ausg. Bl. 1 55 vb eine klassische

unterliess zu erwähnen, dass zu Ravensburg die Bürger durch mehrere Wochen hindurch (aus eigener Schuld) ohne die Sakramente more pecudum. wie er sagt, starben, da sie die geistlichen Funktionen eines ihnen vor kurzem gegebenen Seelsorgers mit Verachtung zurückwiesen. L. c. p. 177.

1 Auch Preger gehört zu ihnen. S. 43 (a. a. 0) sagt er ganz apodiktisch: Tauler fügte sich dem Interdikte nicht. Und er beruft sich auf Schmidt, Tauler S. 50 ff. Dieser aber zollt gerade dort, mit Berufung auf Speckle, Tauler die Anerkennung, dass er den Sterbenden die Sakramente gereicht habe.

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DES MEISTERS. 59

Stolle citirt. Wollte ihm der Papst und die hl. Kirche alles, was er von ihr empfangen habe, nehmen, sagt er : ich solte es in alles lossen und nüt fragen warumb das tetent wer ich ein gelossen mensche und solte einen growen roch antun usw. Und er schliesst : hant es mir gegeben und mügent mir es ouch nemen: des hau ich nüt zu fragende warumb, und ich wolte nüt ein Hetzer heissen, ich wolte nüt sin ze banne geton .... alles das uns gegeben hant, daz mohtent (könnten) uns nemen und dis sol alles gelossen sin sunder alle murmelunge oder widersprechen. Tauler hütet sich also gebannt zu werden : ohne Widersprechen solle man dem Papste und der Kirche selbst im Schwierigsten gehorchen. Er fasst hier den Begriff Ketzer auch viel weiter auf, als im zweiten Schreiben bei Speckle der Fall ist. Merkwürdig ist, dass genannte Predigt höchst wahrscheinlich' während1 oder vor dem Interdikte gehalten wurde, und Tauler gibt den Zu- hörern eine Yerhaltungsmassregcl : wolte uns die heilige kilche das sacrament nemen usseicendig, ivir soltent uns dran lossen ; aber geistlich zu nemende das mag uns nieman genemnwn. Könnte Tauler schlagender die zweite Schrift widerlegen, als es hier geschieht? Soll uns auch die Kirche, meint er, durch das Interdikt das Sakrament des Altars entziehen2 (es handelt sich um die Gesunden, zu denen er spricht, und nicht um die Sterbenden) , so haben wir doch den Trost in der geistlichen Communion. Das ist die richtige Lehre. Nahezu wörtlich spricht sie sein Freund Johann v. Dambach in seinem Werke De consolatione theologiae lib. XII c. 1 aus. Ihm ist zwar 'corpus Christi contra Romanae Ecclesiae obedientiam su- mere vel ministrare Corpus Christi vulnorare atque sauciare . Er (röstet aber die Gläubigen wogen der Entziehung der hl. Communion zur Zeit des Interdiktes: () homo, si de membris sauis es, subtracto tibi tempore interdicti eucharißtiae saera- mento hoc pro consolatione sit tibi, quod per hoc neu pri- varis necessario re ipsa sacramenti . . . Sacra mentum tantum

1 Denn das Prodigen war nicht gänzlich verboten. Vgl. S. 62.

2 Wie wir gesehen wurde den Gläubigen nicht das Sakrament der Busse entzogen. Auch Heinrich v. Xürdlingen spricht nur vom Sakramente des Altars. Heumann 1. c. p. 3S0.

60 TAULERS BEKEHRUNG.

sunt species sacramentales , et esto quod harum sumptione membra aliqua dicti corporis (mystici) priventur tempore in- terdicti, re tarnen sacramenti vel effectibus non privantur necessario, imo quantum ad hujusmodi videtur eis parum deperire . . . istis namque non necessario subtrahitur res sacra- menti significata et contenta scilicet ipse Christus, quem per- fecte possunt eo tempore saltem desiderare.' Besonders aber könne der Gläubige diese Frucht nach der Beicht haben: 'bene recollectus, confessus et contritus'. Wo existirt ein Unter- schied zwischen Tauler und dem päpstlichen Joh. v. Dambach?

Tauler spricht sich über den Gehorsam gegen die geist- liche Obrigkeit an einer anderen Stelle nicht weniger energisch aus : Ich1 han einen priol, einen provinziell, einen meister, einen habest, einen bischof, die alle über mich sint, und wol- tent alle übel mit mir, das alle zu tuolfen ivurdent unde woltent mich bissen, darunder wolte ich in ivorer gelossenheit und unterteniglich mich legen und liden. Bl. 6v6 (15).

All das widerspricht vollständig dem Inhalte des zweiten Schreibens, das, wie Preger richtig bemerkt, ähnliche Grund- sätze enthält, wie wir sie in den Schriften der Franciskaner- Spiritualen finden, und die man auch in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. ausgesprochen hat. Tauler könnte also, wie Dalgairns meint, in Beziehung auf Speckle recht wol die Worte an- wenden, welche Conde nach Lesung einer in einem Historiker enthaltenen Declamation gebrauchte: Ces coquins nous fönt parier comme ils auraient parle eux-memes.2

Wenn nun aber Preger trotzdem behauptet, es stehe unzweifelhaft' fest, dass Tauler auf Kaiser Ludwigs Seite stand, und zwar auf Grund einer gleichzeitigen Quelle, näm- lich der Aufzeichnungen der Margaretha Ebnerin , so möge er wissen, dass diese Quelle ebenso gut das Gegentheil erweist.3

1 Was in den Drucken dieser Stelle unmittelbar vorhergeht, ist stark interpolirt und findet sich in den Hss. nicht.

2 Auf andere Inconvienzen und Widersprüche sowie auf den Umstand, dass der Bericht auch dem Geiste Ludolphs v. Sachsen und Thomas von Strassburg entgegen sei, gehe ich für jetzt nicht ein.

3 Preger beruft sich auf die Worte Margarethas, die allerdings nicht Gegnerin Ludwigs war: Nu waz der f Hund unsers herren und

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DES MEISTERS. Ol

Der ganze Bericht Speckies hat also den Nutzen ge- bracht, dass sich Taulers Lehre um so vortheilhafter dagegen abhebt. Doch fahren wir in der Untersuchung fort.

Ausser Speckies Bericht könnte man noch ein anderes Argument vorführen um meinen Beweis zu entkräften. Theoph. Elychnius erzählt nämlich in seiner Schrift Relatio ex Parnasso, Strassburg 1619 S. 23 f., Tauler habe in einem Sermon der Geistlichen und Weltlichen 'fehl und mängel öffentlich an- gezeigt', was zwar der gemeine Mann mit Dank von ihm aufgenommen habe, nicht aber seine eigenen Ordensbrüder, die im Gegentheile darüber aufgebracht ihm das Predigen verboten hatten. Doch, die Obersten der Stadt hätten sich ins Mittel gelegt und die Mönche genöthigt, das Verbot wieder zurückzunehmen. C. Schmidt schreibt dem Elychnius diese Erzählung nach (Tauler S. 43; Herzogs Real-Encyclop. XV, 486). Aberkannte denn Elychnius eine uns verborgene Quelle? Nein;, er hatte, und das ist C. Schmidt entgangen, keine an- dere als die Historie des Meisters vor sich, denn MB S. 45 wird erzählt, dass sich der erwähnte Zwischenfall nach der ersten Polterpredigt des Meisters zugetragen habe. Um jeden Zweifel an der Identität des Faktums zu nehmen, bringt Elychnius S. 24 sogar 'den angeregten Sermon d. i. die Polter- predigt in den Hauptumrissen. Elychnius hat nur wie all- gemein den Meister mit Tauler identificirt.

min zer selben zit (nach Ludwigs Tod) bi mir und der begeri mit grossem

ernst daz ich für in (Ludwig) bet und hei ernst dar itmb iraz yot mit im gewurkei het in ainer so kurzen Jrist, die er het an sinem tod (Hs. zu Mcdingen v. J. 1333 BI. 88 b). Preger identificirt einmal diesen Gottesfreund mit Tauler, ohne diese Identität jemals unzweifelhaft ge- macht zu haben (man vgl. nur Niednors Z. f. bist. Theol. 1869 S. 116 f. mit meiner Bemerkung im Anz. f. d. A. V, 265). Und dann beweisen die Worte schon an sich nichts. Denn sowol ein Freund Ludwigs, al8 auch derjenige, der mit Ludwigs Benehmen während seines Lebens nicht einverstanden war, konnte sie gebrauchen. Ja gerade im Munde eines Gegners halten sie noch weit mehr Sinn. AVeil er eben die Schuld der abgeschiedenen Seele erkennt und mit Grund ihre Xoth vermuthet, lässt er für sie bitten und möchte wissen, wie es ihr er- gangen ist. Pregors Aufstellung setzt voraus, dass die Abgeschiedenen nur von denjenigen, welche bei ihren Lebzeiten Freunde waren, Theil- nahme zu erwarten haben. Zur Haltung d. Prediger ord. v. Forsch, z. deutsch. Gesch. I, 47 ff.

62 TAULERS BEKEHRUNG.

Schmidt tlieilt zudem a. a. 0. mit andern Forschern den Fehler, dass er behauptet, das Predigen sei schon an und für sich ein Verstoss gegen das Interdikt gewesen. Diese Behauptung hat nur in der Unkenntniss des kanonischen Rechts ihren Grund, in Folge dessen einige Stellen bei Tauler und Heinrich von Nördlingen irrig ausgelegt werden. Das kanonische Recht erlaubt zur Zeit des Interdiktes das Pre- digen wenigstens wöchentlich einmal, ja sogar unbeschränkt nach Ermessen des Prälaten (sine scrupulo conscientiae hoc facere poteris, schreibt Innocenz III. an den Bischof v. Ferrara, cum videris expedire, dummodo contra formam interdicti nul- luni eis (interdictis) divinum officium celebretur.1 C. 43 de sent. excomm. *Y. 39). So sagen auch die oben angeführten Sta- tuta synodalia v. J. 1289 bei Martene 1. c. p. 758: 'Ab hac generalitate (des Verbotes während des Interdiktes) excipit jus sacramenta quaedam ... et praedicatio verbi Dei.' Cal- derini lehrt ganz allgemein: 'Cum interdictis et in loco in- terdicto possit praedicari verbum Dei, ut in Decretali Re- sponso (das ich soeben angeführt habe) , quaero an possint praedicta causa pulsari campanae' (De interdicto, membr. 6. qu. 98). Und Panormitanus schliesst aus dem angezogenen Worte cum videris expedire': 'quod non solum semel in heb- domada sed etiam cum praelato visum fuerit possunt excom- municati vocari ad ecclesiam ut audiant verbum Dei.' Kurz, kein Canonist lehrt das Gegentheil. Vgl. auch Ferraris, Biblio- theca prompta s. t. Interdictum a. 6. n. 11. Es ist also nur eine irrige Auslegung, wenn Böhringer (Die deutschen Mys- tiker S. 45) aus Bl. 97 rb (Basler Ausg.) bei Tauler schliesst, in Folge des Interdiktes sei das Predigen verboten gewesen (Siehe oben S. 31 Anm. I).2

1 Daraus erklärt sich auch eine Stelle bei Joh. Vitod. p. 176, der überdies durch eine richtige Interpunction jegliche Beweiskraft entzogen wird. Sie heisst richtig interpungirt : Qui (Praedieatores con- ventus Turicensis) dum postea in Kaiserstuol et aliis locis, ubi licite habebantur divina, celebrare et praedicare vellent, in ambobus pro- hibiti sunt.

2 Ebenso verfehlt interpretirt C. Schmidt Bl. 142 rb und 77 ra (a. a. 0. S. 42) , wenn er aus ihnen schliesst, Tauler sei von Laien und

IV, 3. UNVORSICHTIGKEIT DES MEISTERS. 63

Der Meister feindet auch die damaligen Beichtväter und Prediger an. MB S. 36—37 verwendet er eine volle Seite ihnen das Kapitel zu lesen. Und was wirft er ihnen vor! Geiz, Stolz, Unkeuschheit, und zwar den meisten Beichtvätern, denn er sagt z. B. : ich voerhte das unser gar lützel si die got in dem bihtehoerende minnende und meinende sint. Er untergräbt förmlich das Vertrauen der Leute in die Beicht- väter S. 37 : Wir wiseni üch durch uivers guotes willen . . . einen abeweg . . . und ivisent uns vor abe zuo vollende in eine tieffe gruobe und ir uf uns . . . Uwer (der reichen Leute) selbes sinneliche bescheidenheit (seit üch) zuo manigen ziten, das wir üch nüt den sichersten gerehtesten iveg wisende sint und ir uns den doch volgende sint. . . . nuo sint wir lerer zuo disen ziten alse gar dum]) dorehte verzaget worden das ivir me die lüte voerhtent denne got. Tgl. auch Damaris S. 202. Dann S. 46 : Ir lieben zarten froweny lont abe, wanne wissend, ir wandelent anders gar abzuomole unsicherliche und gar soer gliche, und es ist gar schedelich das wir bihter es üch verhengent und es stot umb uns bihter alse soergliche alse umb üch. l Am Wucher sind auch die Beichtväter schuld. S. 49 : und die schulde ist guoter mosse der bihter schult, und ist das sache das wir es verhengent. S. 50: Wir bihter macheut üch die wege gar wit , und irissent doch . . . die wege sint enge. Lieben kint} es ist ietzendan darzuo kummen das die cristenheit mit gar wenig Sachen innbegondc sint die vollekummenliche litter und gereht sint . . . men rindet in disen ziten gar vil blinden leitet'. Aehnlich S. 51 f. über Kaufleute und Beichtväter. Damaris S. 199: daz wir bichter in desen ziden also gar wegnich van de undescheü (wann einer zum Sakramente soll gehen) bekennende sin, danunb so rindet man nu in diesen ziden also rehte wcnt/c/i demoediger. . . menschen. Man fragt sich hier unwillkürlich : War dieser Meister wol Beichtvater oder Prediger, da er sich als solcher

Geistlichen (im Sinne von Priestern) angefochten worden. Wo ist denn an jenen Stellen von Priestern die Rede?

1 Die spätem Hss. haben die Klausnerinpredigt mit solchen Auf- füllen gegen die Beichtväter stark tnterpolirt.

64 TAULERS BEKEHRUNG.

doch scheuen würde, seinen eigenen Stand vor Weltleuten so blosszustellen ?

Es handelt sich hier nicht darum, ob der Meister die Wahrheit gesprochen habe, das ist eine Frage, die nicht hier- her gehört. Aber ist es nicht die höchste Unklugheit in der Predigt vor weltlichen Leuten denn vor diesen hielt er die Predigt dermassen die Prediger und Beichtväter im Ansehen zu erniedrigen? Welchen Zweck konnte er auch haben ? Unter allen Predigten Taulers findet man auch nicht eine einzige Stelle, die nur irgend etwas Entwürdigendes für Beichtväter oder Prediger enthielte ; seine Worte beziehen sich nicht einmal auf das, was der Meister meint. Nr. 70 : es were notdurftig das man bichter hette, die eime ieklichen seitent wenne er zu solte gon (zum Sakramente). Nr. 76 sagt er von verhärteten Sündern : kinder, hie were grosse not das getruwe bichter hetten die in den lichamen unser s herren ver- hütten und in seile wie sorgliche es umb stünde. Der tapfer lerer und bichter hette, des enwart nie so grosse iemerliche not mit disen verherteten steinen hertzen. Nr. 66 bringt er im Dialoge den Einwurf: nein, herre, min bichter sprach, es entschat wir nut ; ich enmeins nüt übele. Er nimmt aber darauf gar nicht Rücksicht. Nr. 75 spricht er von ge- wissen versuchten Menschen, die sich im Gedränge denken : hettestu einen bihter, mir ist dis und das ingevallen. W offen ! wo bist du nu dran? Nein liebes kint, von den invellen do weis ich gar wol von usw. In Nr. 127 sagt er, gewisse Menschen sollten einen gelebeten gotzfrunt über hundert Meilen suchen, der sie unterwiese : und wer es och nüt ein sunder- lich mensche, so were ein gemeine bihter, wie grop der were, der tvere gut. Nu sprichet doch der heilige geist durch dicke von irs amptes ivegen, das es dicke nüt wissent noch selber verstont, den sol man sich underwerffen usw. In Nr. 1 1 8 sagt er, man solle nicht unverständige Lehrer fragen ein alter und guter Rath. Und wiederholt spricht er den katholischen Grundsatz aus, die Beichtväter hätten keine Ge- walt über die Sünden, die einem nicht leid seien, und man solle ihnen nicht die gute edle Zeit nehmen. In Betreff der Prediger aber findet man gar nichts. Im Gegentheile scheint

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTERS. 65

Tauler mit ihnen wohl zufrieden gewesen zu sein, weil er die Leute öfters wegen des Predigthörens verantwortlich macht.

Das klingt allerdings ganz anders als beim Meister. Immer derselbe kluge Tauler, und immer derselbe unvorsich- tige Meister!

Nach solchen Proben von Unklugheit begreift man, warum die zwei jüngsten Hss. und nach ihnen die ersten Drucke, die zwei Polter-Prcdigten, nämlich die vor den welt- lichen Leuten, ganz weggelassen haben.

4. Zerrissene Natur des Meisters.

Aus den Predigten des Meisters blickt noch etwas ganz anderes als seine Unklugheit heraus. Er bewegt sich nur in den Extremen. Das einemal ist er sentimental süsslich, das andere mal aber hart und unbarmherzig. Auf der einen Seite schmachtend, auf der anderen Seite stumpf und gefühllos. Nichts lag ihm ferner als die goldene Mitte.

Die Brautpredigt hielt man für 'die ganze Taulersche Mystik im Kleinen (Böhringer S. 34) und die Brüder des Klosters, in dem der Meister war, nahmen nach Lesung der- selben gros wunder abe der grossen goettelichen guoten lere die er in geton kette. Ihrer viele gestanden : das wir in vil ioren so guoter goettelicher leren nie gehorte nt (MB S. 28). Und ich habe schon Anfangs (S. 2) über die Wirkung be- richtet, welche sie unter den Zuhörern hervorgerufen. In der That ist aber die Brautpredigt nichts anderes, als eine im süsslichen Tone gehaltene Abhandlung, ohne Kraft und höchst langweilig.

Nachdem der Meister das Thema angekündigt : Sehent der brütegoume kummet gont m im engegene, und Christus als Bräutigam, die menschliche Natur, d. h. uns, als Bräute be- zeichnet hat, fahrt er fort: Ach liehen kint, nuo heissent wir (die Cristus brüte und wir soltent ime mir biÜiche und gar mügeUche dem brütegoume entgegene gon. Der gebreste ist unser. Wir nehmen nicht mehr der rechten Strassen wahr, und ist auch der Strossen nuo gar eil, do uffe vil menschen irrende sint, das men dem brütegoume nut engegene get, alse

QF. XXXVI. 5

G6 TAULERS BEKEHRUNG.

ich üch mit der helfe gottes wol harnoch sagen sol. Nun be- schreibt er die Braut, wie sie thun soll, dass sie dem Bräu- tigam entgegen gehe:

•Lieben kint, ein liebe guote brut die sol gar billiche bluede und schemmig sin und sol ouch gar billiche durch des brütegoumes willen miden alles das dem brütegoume wider- zeme ist und das ist üppige ere dirre trieg enden übel lonenden weite und der naturen wollust . . so dis beschiht . . . so vohet die brut ane erst dem brütegoume ettewas bas gefallende wer- den so muos sich demuetikliche neigen und erbieten deme brütegoume und muos mit munde und mit hertzen sprechende sin: Ach lieber herre der brütegoume, du bekennest alle hertzen ivol, so spriche ich das mit gantzem hertzen zuo dir das ich gerne und gewillekliche alles das nuo tuon wil das ich kan oder vermag und wil dir ouch mit abegon . . . Nuo so dise gelübede die brut dem brütegoume getuot, so gerötet sich der brütegoume herumb keren und gerötet die brut anesehen und heisset ir ein cleinoeter schenken . . das ist das innewendig und ussewendig vol maniger hande bekorungen geschüttet tcurt. . . ist die brut noch ettewas zart, so ist die brut sprechende: ach lieber herre der brütegoum, dis ist mir gar ein froemede ding und gar ein >weres ding zuo lidende und ich bin gar sere voerhtende das ich es gar kume erliden mag, und dovon lieber brütegoum so bitte ich das du mir es abenemmest. So sprichet der brütegoume zuo der brüte: nuo sage mir, liebe brut, sol es die brut besser haben denne es der brütegoum ge- hebet het? und' ivilt du dem brütegoum entgegene gon, so muost du ime iemer in ettelicher wise noch gonde werden, und das ist ouch gar billiche und gar mügeliche das eine brut iemer ettewas lidendes habe durch ires brütegoumes willen. Nuo so die brut alsus ires brütegoumes willen casus hoerende ist so erschricket die brut und sprichet: Ach lieber herre der brütegoume, nüt zürne mit mir, wanne ich dir nuo gerne ge- horsam wil sin und verhenge nuo was du teilt über mich, das wil ich nuo geivillekliche unde gerne mit diner helfe durch dinen willen liden. Nuo so dis der brütegoume hoerende ist so wart ime die brut noch lieber denne ime vormoles was und er schenket ir denne einen noch vil bessern und edelern

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DKs MEISTERS. G7

schäm/: es wird ihr alles unlustlich, wie gut es auch sei, was sie thut; sie glaubt auch damit nur den Bräutigam zu erzürnen und müsse deshalb dafür Pein leiden. Auch wird sie von den Menschen verspottet als wäre sie ein Thor. In Folge dessen wird sie krank und meint, sie müsse sterben, weshalb sie erschrickt, wanne ist noch ettewas //forde und zart und rueffet den brütegoume mit grosseme erneste an und sprichet : Ach lieber herre der brütegoume wie lost du mich ge- stecken, und wissest ich mag dis mit mite erliden, ich muos sin sterben. So sprichet der brüte goume: Ach, liebe brut, wilt du nn>> dem brütegoume entgegene gou, so ist es ouch zimmeliche und gar mügeliche das du dem brütegoume ettewas noch gongest und ouch desselben iveges ein teil alse er dir vorgegangen ist. Und sider nuo der brütegoume durch der brüte willen tot ist und gar grosse martel und pine drti und drissig ior durch der brüte willen von rehter minne durch der brüte willen (sie) er- litten hat, und ist den nüt gar zimliche und gar mu geliehe das sich die brut ouch von minnen woge untze in den tot? Wanne, liebe brut, wissest heftest du gewors gantze getruwende minne zuo dime brütegoume, vertribe dir alle vorhte. Da- rauf wird die Braut usser mossen bluede und erschricket zuo gründe gar sere übele von allen irme hertzen und wurt mit munde und mit hertzen sprechende: Ach hertzelieber min herre und lieber brutegoum, ich bekenne mich nuo des zuo gründe gar wol das ich gar unreht gecuru und getan habt, Sic klagt sich an und gelobt nun für immer und in allem Treue. So nuo disen vesten gantzen demuetigen willen der brütegoume von der brüte hoerende ist, was tuot denm der brütegoume? In erbarmet die brut und schenket ir de, nie erst reht (inen gar herlichen grossen edeln guoten sehung, und dir holt/ edele guote schang den er dinuc siner üben brüte schenkende ist das ist: er lässt sie noch mehr leiden. Die Braut neigt sich nun wieder gar demütig zum Bräutigam, und ist sj>r< - chendc: Acli, lieber brütegoume, es soll gar billiclie sin ölst du wilt und nüt als, ich und ich dis schenken germ

durch dinen willen Uden, es tuo wie we ts der natu rot welle, so ich es doch gerne von dir habendi sin. Der Bräu- tigam wartet nun bis sie ganz rein geworden ist und sprichet

68 TAULERS BEKEHRUNG.

denne: ivol uf mine wol geverwete schoene brut, wanne du bist nuo one alle flecken und bist mittalle rein , . . Nuo zuo dirre brunlouft so kämmet ouch des brutegoumes ewiger vatter und strichet: Wol uf mit froeiden, es ist zit men sol zuo kirchen gon. Und nimet den brüte goum und die brut und fueret zuo kirchen, vertruwet do zuosammene, also das die minne also gar starg und alse gar gros und alse gar veste wurt, das weder in zit und in eivikeit niemer me gescheiden werdent. Zuo dirre brunlouft wurt der brütegoume sprechende: Lieber ewiger vatter, wer sol unser schenke zuo dirre brunlouft sin ? So sprichet der vatter : das gehoeret dem heiligen geiste zuo. Dieser nun 'überschüttet' die Braut mit uberfliessender Minne, und sie kommt von sich und wird minnetrunken ; so wird sie wahre Anbeterin und die froeide die die brut von dem. hohen brütegoume enpfohende ist, die ist alse gar gros das keine sinneliche Vernunft begriffen noch erl fingen mag. Ein Mensch schrie dreimal auf: es ist wor, und in demselben so vellet es nider rehte alse ebe es dot were. Do ruofte eine frowe und sprach: Lieber herre, hoerent uf, dirre mensche stirbet uns anders under den henden. Do sprach der meister : Ach lieben kint, nimet denne der brütegoume die brut und fueret mit ime, so süllent wir ime gerne lossen, aber swigent, ich wil es nuo ende machen. Es folgt nun ein Klageruf, dass es jetzt so wenig wahre Bräute gibt, darauf fährt der Meister fort : Ach lieben kint, lont uns alle werben noch dirre froedenrichen brunlouft. Nuo so dise brut von der brunlouft gescheidet und wider zuo ir selber gelossen wurt und befindet das ivider in dem eilende dirre zit ist, so sprichet die brut in ir selber: Ach ich arme, bin ich aber hie! und ivurt etteivas trurende. Aber ie doch so ist die brut alse gar bluede und alse gar schemmig und alse gar zuo gründe gelossen irme brütegoume, das in d eheine wise getar gedencken noch begern ires brutegoumes. Der Bräu- tigam thut es aber nicht anders, er sehe denn zu Zeiten auf sine liebe schone wolgevallende brut, wanne er ivol bekennende ist das nieman getoersten mag den%e der brütegoume selb selber. Und nun erklärt der Meister noch, warum nicht jeder die Sprache der Braut verstehe.

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTERS. 69

Dies stimmt allerdings zu demjenigen, was man vom Meister liest. MB S. 24, als der Laie von ihm schied, wur- dent dem meister die ougen übergonde. Ehe er seine Braut- predigt hielt, wollte er bereits eine Predigt halten. Aber ehe er beginnen konnte, kam ein iveinen in den meister one alles sin zuotuon, und wurdent gar vil suesser minne trehen von sinen ougen vollende, und des weilten wart alles ie me und ie me. Do ich sach das es got also haben ivolte, do sprach ich mit weinenden ougen: ach lieben Jcint, mir ist leid das ir alse lang gebeitet hant, wanne ivissent, ich enkan noch enmag üch ein wort mit gesagen (MB S. 27). Wenn die Geschichte in die Sakramentspredigt (Damaris S. 207) hinein- gehört, so liefert sie uns einen neuen Beweis für die sen- timentale Art des Meisters. Als er eine Klosterfrau, mit der er sprach, so recht klagen hörte über das Unrecht, das man ihr im Kloster zufügte, da erbarmet sg mich ctls gar sere, sprach er, daz ich mynniclich ivainend ward mit ir. Sah ja auch der Laie in der gnaden, das dirre meister ein gar suesser sanftmuetiger guothertziger man in siner naturen ivas (MB S. 3). Der Grottesfreund hat es überhaupt mit solchen süssen Leuten zu thun gehabt. Einer der fünf Mannen war gar ein suesser guothertziger sanftmuetiger mensche (N. v. B. S. 105). Ein anderer, der Jude, war auch gar eins sanftmüetigen wandeis, während der dritte erst nach der Erleuchtung al- zuomole ein süeser demüetiger semftmüetiger getuoltiger man wurde (S. 122). Ebenso wurde der gefangene Bitter siiesse und senftmüetig in aller siner naturen (S. 185). Allerdings sonderbar genug.

Wie stimmt aber zu diesem süssen, sanftmüthigen, gut- herzigen Charakter dos Meisters, die Art und Weise der übrigen Predigten? Banftmüthig sein und zugleich ein Pol- terer ist geradezu ein Widerspruch. Der Meister geht in den mittleren Predigten nur darauf aus, "Niemand zu schonen. Er nimmt sich vor den luten einfettikliche iren gemeinen gv- bresten alse es got gebende ist zu sagen. Und in der ersten Polterpredigt kündigt er diese Absicht gleich Eingangs der Predigt ad oaptandam benevolentiam an: wissent das es alse gar not tnot das men uns die worheit hcrus seit alsi es in

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vil hundert ioren ie getet und dovon so tvil ich uns rehte alle in einer gemeinen wise rueren und wil niemant schonen und tvil rehte sieht one verborgene glosen herus reden was mir got zuo redende git; was mir clarumb zuo lidende kummet , das wil ich gerne durch got Helen (MB S. 35). Dasselbe wieder- holt er S. 37 , dann in der nächsten Predigt wiederum an- fangs (S. 46), am Schlüsse derselben aber sagt er, er habe noch von vil maniger hande menschen zuo sagende und noch alse vil ding es zuo ruerende, wanne wir alse gar verre usser ivege gangen sint ; und dovon so wene ich wol und dete ich dis gantze ior mit anders, ich künde noch denne nüt wol allen unsern süntlichen gebresten niemer vollen usgesagen (S. 54).

Wie wir gesehen, hat er auch sein Versprechen durch- aus erfüllt. Er hat Niemand geschont ; ohne Barmherzigkeit wie ein anderer Juveual zeigt er hin auf die Wunden seiner Zeitgenossen, hat aber auch nicht ein Tröpflein Balsam für dieselben. Er versteht es, die sündige Mitwelt an den Pranger zu stellen, weil ihm eben das Herz der Mutter gebricht für die ihm anvertrauten Seelen. Er ist hart, rücksichtslos, und mehr als Rigorist. In Betreff des Wuchers hat er die strengste Ansicht die es damals gab. S. 52 spricht er allgemein ohne Unterscheidung einem Kaufmanne gegenüber den Grundsatz aus: tvo ir verkouffent und gent ir es zuo borg tuerer denne umb bar gelt: was des über igen ist das ist alles guot mit unrehte gewonnen, und süllent ir iemer behalten werden, so muessent ir es alles wider geben. Etwas zuo borg geben und verkaufen ist was die Theologen dilata solutio nennen. Nun ist allerdings wahr: vendere pluris prsecise propter dilatam solutionem, ist im Sinne der Kirche Wucher (vgl. S. Thomas, 2. 2. qu. 78 a. 2 ad 7); allein nur pr?ecise, denn wenn per aeeidens dabei ein damnum emergens oder lucrum cessans oder periculum sortis aus dem Aufschübe erfolgen würde, so kann die Sache theurer verkauft werden, als man sie an sich geben würde. Dies ist auch die Lehre des hl. Thomas : carius vendere vel vilius emere rem quam valeat est seeun- dum se injustum et illicitum. Alio modo possumus loqui de emptione et venditione seeundum quod per aeeidens

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTEBS. 71

cedit in utilitatem unius et detrimentum alterius, puta cum aliquis multum indiget habere rem aliquam et alius laeditur si ea careat : et in tali casu justum pretium crit ut non solum respiciatur ad rem quae venditur, sed ad damnum quod ven- ditor ex venditionc incurrit. Et sie licite poterit aliquid vendi ])lus quam valcat seeundum se, quamvis non vendatur plus quam valeat habenti (2. 2. qu. 77. a. I).1 Der Meister hätte also sagen sollen : Gebt ihr etwas wegen Aufschub theurer als um baares Geld, so ist dasjenige, um was es theurer ist, unrecht gewonnen, ausgenommen, ihr habt aus dem Auf- schübe einen Schaden. Aber Rigoristen machen selten Unter- scheidungen, sondern nehmen alles in Bausch und Bogen, und der Meister war mehr als II igorist.

Noch weiter geht der Meister S. 49. Ein Mann kommt zu ihm und sagt, er wollte gerne seine Güter verkaufen gegen Rückkauf, weil er, sein Weib und seine Kinder mit vollen wol, (die) notdurft haben. Der Meister räth es ohne Wei- teres alzuomole in allen truwen ab. Ich will nicht ungerecht gegen den Meister sein, und will annehmen , dass er dem Manne ansah, er habe die intentio lucri dabei. Diese An- nahme ist um so mehr gerechtfertigt, wenn wir diesen Casus mit dem unmittelbar vorhergehenden vergleichen, wo diese Intention ausgeschlossen war und der Meister es deshalb er- laubte. Aber dann lag hier doch nur die eine Wuchersünde vor? Aber nein, der Meistor bringt noch zwei Todsünden heraus: ir vetterst in drige wegen in totsünde: ein weg der ist: kouffent ir widerkoeiffe alse sti das merre teünuokouffendi ist (also cum intentione lucri), so ist es vor gotte mit wuocher vermischet, das ist totsünde. Duont ir es denne, *o meinent ir <jrit dinne, das ist ouch ddtsunde. So meinent ir denm ouch dinne das ir und uwer wip und uwere kirnt aH der weit noch deste me moehtent geleben, und da meinent ir Koffart inne und das ist ouch totsünde, Dies ist zumal falsch und

1 Diese Stelle wird nicht Belten von National - Ookonoinou zu wenig berücksichtigt und verstanden, während dieselben viel lieber auf das opnsoulum 73 sieh beliehen, das aber wie De Rubeis flber- seugend nachgewiesen hat, nicht Thomas mm Verfasser hat

72 TAULERS BEKEHRUNG.

nicht blosser Rigorismus, es ist gegen alle gesunde Yernunft. Dies hat kein Theologe, noch weniger ein Meister der hl. Schrift gesagt, sondern Jemand, der nur vom Hörensagen Theologie kannte.

S. 58 meint ferner der Meister: (Eine closenerin) solte alse gar lüterliche und alse gar abegescheidenliche leben und halten, und ivere es das für alle die seien die in dem vegefüre werent bete, das do gnuo guot were das alle moehte erloesen . . . Ein closenerin die solte alse gar lüter- liche leben, also das alles das von gotte enpfohen moehte, alles das die heilige cristenheit miteinander durch die heiligen süben heilikeit (die sieben Sakramente) enpfohen mag. Und ivissent und ist des nüt, so ist nüt eine geiverliche clo- senerin. Wie überspannt und wie strenge !

Es bedarf, meine ich, keines weitern Nachweises mehr, dass der Meister sich nur in den Extremen bewegt habe. Ihm fehlte der gesunde Kern, aus dem ein einheitlicher frischer Charakter hätte entspringen können, er ist nur krank- haft, sei es in der Darstellung der Wirkungen der Minne, sei es als Bussprediger. Ist er hier ein Polterer, so ist er dort sentimental.

Bei Tauler findet sich nichts Krankhaftes, weil eben die Grundansschauung seines Lebens gesund ist. Ihm mangelt es nie an hoher Kraft, sei es, dass er von der Vereinigung der Seele mit Gott spricht, sei es, dass er seine Zuhörer zur Busse ermahnt. Hart und unerbittlich ist er dem Beispiele Christi gemäss bloss gegen die Pharisäer, aber auch nur gegen sie. Tauler ist ein Mann grosser Leidenschaften, sonst wäre er ja kein grosser Mann, aber er versteht es immer dieselben gleich feurigen Rossen zu bändigen und mit sicherer Hand am Zaume zu führen. Darum überschreitet er nirgends die richtige Mitte, so dass es ebenso eine contradictio in adjecto ist zu sagen : Tauler ist sentimental, als : Tauler ist ein herz- loser Polterer. Tauler ist geradezu zum Typus geworden hoher Kraft gepaart mit Innigkeit.

In Nr. 102 104 finden sich von Tauler ebenfalls Pre- digten über Bräutigam und Braut; wie bereits oben S. 30 erwähnt wurde, gehören sie zusammen. Aber wie verschieden

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTERS. 73

sind sie von der Brautpredigt des Meisters. 122 ra (102) : Nu liset man in dem tegelichen ewangelio wie das ein brutlöft gemachet wart von eime künige und sime sune, und wie vil lüte daran geladen wurdent zu der Wirtschaft. Diser herre das ist der himelische vatter, der brüte gom das ist unser herre ihesus cristus, die brut das sint wir, din und min sele, wir alle sint gerüffet und geladen, und alle ding sint bereit zü- mole in der vereinunge gottes mit der minnenden seien, mit sinre brut. Das ist so unsprechenlich und ist die minne so nohe, so innerlich, so heimelich, so früntlich, so minnenklich das daz zümole übertriffet alle verstentnisse, und alle kunsten- riche meister zu paris mit alle irre behendikeit enkunnen mit herbi kummen .... Nu dise brut die sol man bereiten also man die ersten brüte bereit: man sol w eschen und mit nüwen kleidern kleiden und zieren mit aller Zierden und die alten kleidere hinwerffen noch dan daz gut sint. Das weschen, iveliches das si daz verstent ir wol, das ist ein rei- nigunge von Sunden und gebresten; und daz ustün in eime groben sinne, das ist der alte mensche, alle die untugende und sitten und gewonheit; und dise nüwen kleidere das sint nuwe tügende und ein himmelsch gbttelich leben und den nüwen menschen der noch cristo gebildet ist usw. Ton dieser Art der Vorbereitung ist nun in der ganzen Predigt die Rede. Ebenso hat zu diesem Gegenstände der Beginn der nächsten Predigt. Dann folgt eine Erörterung über das Mahl, zu dem nicht alle gehen wollen. Aber Nr. 104: Also wir gestern allhie sprachent das die brut von allen dingen mtts entklc/'t werden; nu silit si( das das so gros ist das der brüte gom von ir heischet zu tünde und zu losseude, da* dunket es si ir uu- mügclich, und kummet hievon in also grosse trürikeii und in einen natürlichen zu i fei ', das des nüt vermüge. Der Meister brächte nun einen schmachtenden Ausruf der Braut und einen faden Zuspruch dos Bräutigams. Aber Tauler fährt fort : und herzu so git in sunt Paulus alhie einen guten rat, do er sprach: Confortamim, werdeni sturg in dem Herren, uns ir nüt envermügent in üch, das verw&gent in ime, senkeni üch numme dan in i/n und laut als üinr tun an in, da vermügent

74 TAULERS BEKEHRUNG.

ir alle ding ; süchent es an sinre herschaft, an sinre gewalt und an sinre menscheit, er vermag es alles usw.

Der Meister vergass in seiner Brautpredigt auf die Gnade, die Kraft Gottes aufmerksam zu machen und die Seele oder die Braut auf dieselbe hinzuweisen. Tauler weiss als guter Theologe und aus der Erfahrung, dass an der Gnade alles liege , darum weist er hier die Braut zu dem- jenigen hin, in dem man alles vermag. Dann erst fährt er fort : Dan sprach er (Paulus) : tünt an die wqffen gottes ; und wil su warnen und manen zu stritende. Und wissent welich (die woffen) sint? Das sint herliche ivaffen, die ir der brüte gom selber gemäht und gegeben hat; das ist ein gros würdig ding , das in sinen waffenen striten mag. Was sint sine waffen? Das ist das er sprach: lernent von mir daz ich bin senftmütig und demütiges hertzen. Under allen dingen so enist enkeines dinges also grosse not also das leren striten, wanne in der bekorunge so leret sich selber bekennen wie ist. Und al die hohen fürsten die in der weite sint verdorben, den gebrast nüt wan diser kunst; und darumb also viertzig oder fünftzig ior gelebet hatten in grossen dingen, also denne die bekorunge kam, so vertürben und hattent doch ivunder von tugende und Übungen. Es folgt nun auch nicht eine Stelle , die nur im entferntesten Aehnlichkeit mit irgend einem Satze in der Brautpredigt hätte.

Die Predigt 28 va (21): Si quis sitit veniat ad me, ver- dient noch eines Vergleiches, da sie die aufsteigenden be- korungen bis zur Vereinigung mit Gott beschreibt, und die Spenerschen Ausgaben nach dem Vorgange der Ausgabe 1621 zwischen der Brautpredigt des MB und dieser Taulers eine solche Aehnlichkeit fanden, dass sie die Brautpredigt dieser folgen lassen.

. . . was ist diser turst? Anders nüt danne so wanne der heilige geist kummet in die sele und enphohet do ein minnen für, einen minnen kolen, von dem wurt ein minnen- brant in der seien- Die hitze würffet uz minnen funken, die denne einen turst gebirt noch gotte und ein minnenkliche be- gemmge .... der heilige davit der sprach in dem seiter:

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTERS. 75

reht also den hirtz turstet zu dem burnen des weisser s; also herre turstet min sele zu, dir, got. Also der hirtz wurt ge- iaget von den Minden ster gliche durch die weide und durch die berge und von der grossen hitzeu, so wurt in ime erweget ein gros turst und ein begerunge des wassers vil nie danne ander tiery rechte also der hirtz wurt geiaget von den hunden, rechte also wurt der anhebende mensche geiaget von den bekorungen; also er alerst abekert von der weite und sunder- lichen von sinen starken grossen groben gebresten, so wurt der mensche stergliche geiaget. Das sint die süben höbet Sun- den, die iagent ime noch mit grossen sivinden bekorungen vil me dan do man in der weite ivaz .... So dis tagen starker und geswinder ist, so der turst den wir zu gotte haut und die hitze vil deste merre solle sin und die begerunge. Nu geschiht underwile das der hunde einer den hirtz ervolget und vert ime mit den zenen in den buch. So der hirtz des Hundes mit kan lidig werden, so sleiffet er den hunt nach im bitz an einen böm, und sieht in denne icol herte nmb einen böm und brichet ime den köpf und, wurt sin also lidig. Fechte also sol der mensche tun: wan er sin hunde, sine bekorunge uut kan überwinden } so soll er loffen mit grossen ilen an den böm des crutzes und des lidendes ünsers herren ihesu cristi, und also sieht er sinen hunt, das ist sine bekorunge, den köpf en- zivei, das ist, er überwindet do alle bekorunge und wurt ir alzumole lidig. Also nu der hirtz sich der grossen hunde hat erwert, so kumment dir kleinen hündelin und löffent under den hirtz und zirickeuf in da und du ; und doror entludet sich der hirtz <dso gar vaste nüt, und doch entrenuent SU in, (dso das der hirtz dovon f'nlcn (träge worden) mus. lieht' also geschit dem menschen. Also er sich der grossen Sunden erwert und /(her/rindet, so kumment dünne die Ich 'nun hünde- lin vor den er sich nüt enhutet : es sint gespilen oder kl ei unter oder die gcsclleschaft oder <lic kurtzewiU und der menschen gütlicheit, und die rissent ime stuckelin us, hie und do, das ist, su :er.:ieheut ime sin hertze und s/u ihwendikeü, d"s $r ron not rcrjuleu mus in allem gofteliehen leboulc und genaden und andaht . . . Als der hirtz ron Ugelicheme lagen unge- liehe me uurt erhitzet und nie sin turst wechset und mere

76 TAULERS BEKEHRUNG.

würt, also in der worheit so solte der mensche von einre iege- lichen bekorunge ungeliches mer werden erhitzet in wareme türste noch gote gereisset usw. Nu tünt ettewenne die ieger also der hirtz zu dürre und zu müde ist, so essent (= rnzen) die hunde ein wenig und iverdent uf gehalten also des hirtzes sicher sint in dem tier garten und lassent in sich en wenig erkülen eine kleine stünde mit würt also etivie vil ge- sterket und mag dan daz iagen deste bas erliden anderwerbe, Hehl also tut unser herre. Also er siht das den menschen die bekorunge und das lagen zu gros und zu swere würt, so haltet er ein wenig uf und würt dem menschen ein troppfe in den munt des hertzen, ein smag von süssekeit von gbtte- lichen dingen, die sterkent in also das ime alle dinge nüt smackent die got nüt ensint und dunket in danne er habe alle sine not überwunden.

Wie psychologisch richtig spricht hier Tauler. Ohne Stär- kung kann es die Seele im Gedränge nicht aushalten, darum erhält sie als Intermezzo der Yersuchungen göttlichen Trost. Ganz anders der Meister, der, wie wir gesehen, den Bräu- tigam immer nur auf die Braut losschlagen lässt, ohne ihr inzwischen ausser den süssklingenden Worten eine andere Stärkung zu geben. Des Meisters Darstellung ist, weil sie den Vorgang ganz allgemein nimmt, unwahr, während die Taulers der Erfahrung entspringt.

Tauler fährt fort : Dis ist nüt dan ein er Sterken zu eime nüwen iagende. Und also er es aller minnest ivenet, so sint im die hunde uf dem halse und lagent ime vil me danne e; aber er ist gesterket und vermag och ungliche me ivan e. Aber dis tut got von wunderlicher truwen und grosser minnen das er die iegede lot kummen über den menschen, wan von dem geiegede würt der mensch billichen zu gotte geiaget und ein turst gewinnen zu dem clo aller friede und worheit und gantz trost ist in der worheit, und umb das, das einem menschen der trang der nach dem turste get deste süsser und gelüstlicher und deste wunneclicher iverde, hie in der zit und hernoch in der ewekeit, do man den aller süssesten brunnen trinken sol mit vollem munde us sime eigenen Ursprünge und US sime vetterlichen hertzen usw. Wie der Hirsch dann trinkt,

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTERS. 77

so trinkt auch ein solcher Mensch, wenn er alles Gejäges ledig geworden, mit vollen munde das er wol trunken würt, und würt gotz also vol, das er in tvunnen und in volle sin selbes ver gisset , das in dunket das er wunder vermüge , in dunket er sülle wol unde frölich gon durch für, durch weisser, durch tusent swert, ia durch die spitze des sivertes, er en- vorhtet weder leben noch tot, noch liep noch le'ü. Das ist des schidt, das trunken sint worden. Dis heisset iubilieren. Underwilent schrlgent sü, underwilent lachent sü, so singent sü. Denne komment die vernunftigen die hievon mit enwissent waz der heilige geht ivunders und Werkes hat mit den sinen . . . Dise sprechent: got gesegen, wie sint ir aber also ungesast und also ungestüme! . . Hernach kument in tmsprechen- liche froide, das in alle ding ein wimne und ein frbide ist. Wie es in gat, waz man in tut, allewege sint sie in worein friden und fröiden, wan der m innen kole lit in in und gli- met und glüget und löschet als ivasser das do ist in in; daz für tut wallen in tvunnen und in fröiden .... Also unser lieber herre dis siht das alsus dis dinges zu vil wel- lent machen und sich alsus ertrenkent, so tut er rechte also ein gut biderbe husman, der vil edelu guten win lief hi im stonde und leit sich uider und sloffet und gant denne sine lernt dar und trinkent des edeln wines also vil das sii wol trunken werden. So der gute man ufstot und das sihet: er machet eine gute rüte und zerslevht wol das also trurig werdeut also ie fro icurdcnt und git in des ic((sscrs idso vil das also nüchtern iverdcnt also ie trunken ivurdent. Beeide also tut unser herre. Er geboret rechte also obe er slofe und lot sin j'r/uit rechte von dem simn nemmen und nützen wie vil es begeren mügen. Aber also er siht daz es in nüt nütze wil werden und es in :u vil werden, so en~ ZÜhet er in da» befinden und den trost und den starken win und machet da: also trurig iverdcnt diso ie fro ivurdent und also nühtern also ie trunken ivurdent . . . Dan werdeut also ivol geU mperi und <fls< gesast und scheut nu wer sint und ivas vcrmügciit, die ivil Sti :n in selber kommen sint. Hernach dann ivnrt der geist g< zogen über alle die kref'te in eine ivüste wilde, do ni< inan kau von

78 TAULERS BEKEHRUNG.

gesprechen, nämlich in das weiselose Wesen Gottes. Do würt der burne getrunken us sime eigenen gründe, uz der wäre wesenlicher quellen. 0 do ist er so süsse und so frisch und so luter, also alle burnen allersüssest sint in irme Ursprünge, liiter und frisch, mer, in den fussen sint warm und sur. 0 wie ein luter ivunneklich burne wurt ir hie usgeschenket us den quellen! Herin versinket zümole . . . rehte also ein tvasser das uf eime ertrich gestünde und insinket in das ert- rich. Nach den niedern Kräften soll sie sich aber recht de- müthig halten. Hernach wird wahr, was im Minnebuch steht : Introduxit me rex in cellarium, der künig het mich ingefüret oder ingeleitet in sinen winkelre und do hat er sine minne ge- ordnet. Sicher er het hie alzümole wole geordent und durch wunderliche wilde wege gefurt und geleitet und über gefürt in das tieffe abgrunde in sich selber. Was do vint das ist über alle sinne; Vernunft kan es nüt erlangen, nieman mag es begriffen noch verston, es ist ein fürsmag des ewigen lebendes. Sehent wie die minnecliche gute gottes mit sinen userweiten spilen kan usw. Dazu vergleiche man auch die Predigt Nr. 80, besonders von Bl. 86 va an bis zum Schlüsse, und Nr. 81.

Nach diesen Proben frage ich: gibt es einen grösseren Gegensatz als zwischen der Predigtweise des Meisters und derjenigen Taulers? Wir können füglich den Unterschied beider mit einem von Tauler selbst in der zuletzt angeführten Predigt gebrauchten Bilde charakterisiren: die Predigt des Meisters verhält sich zu der Taulers wie abgestandenes laues Wasser zu einer frischen Quelle. Das sentimentale zucker- süsse ist ebenso von Taulers Predigten ausgeschlossen, wie die philosophische Mythendeutung von den Aristotelischen Werken.

Aus diesem Charakter Taulers stammt jene eindringliche Sprache die er den Gebrechen seiner Zeitgenossen gegenüber führt. Es gibt unter seinen Predigten keine einzige, die reine Strafpredigt wäre; er ist auch weit davon entfernt so im- pastorell zu sein, dass er den Zuhörern ankündigt, er wolle Niemand schonen. Ebensowenig ist er ein Polterer und Schreier. Und doch rührt sein Wort viel kräftiger die Sünden

IV, 4. ZERRISSENE NATUR DES MEISTERS. 79

der Zeitgenössen als das des Meisters, weil eben die Quelle des Wortes eine andere ist, nämlich ein Herz voll der Liebe und des Mitleidens für seine Zuhörer.

70 r" (73): Ach kinder wel ein wunder für mohten wir mit gotte, obe wir zu uns selber kerten f und do bi blibent und nement der gnoden in uns war ; so für mähte ut wir rechte alle ding und fundent rechte himmelrieh in uns. Leider leider das entün wir nut, und ist des leiden uslbffendes so vil, das es sunder alle mosse ist. So ist es dis, so ist es das. Also ir nu mit flisse hant gelöffen und das wort gottes geliört hant: und e men es wenet, so enwissent ir nut me darumb und loffent denne eime andern noch und ivissent weder iens noch dis, und kerent us, und ist des leiden gerummeis also vil. Wir sini rechte ivispeleehter naturen, ich mit üch und ir mit mir, un- stete, wankelsam. Ich bin in solicheu landen gewesen do die lute also menlich sint und tünt also wäre sterke kere und blibent dobi, und bringet das gottes wort do merer wurklicher f ruhte in eime iore denne hie in sehen ioren, und sach man wunder an disem wunneclichen volke und grosse genode. Sunder etteliche laut do gebereni su alles wipliche gemute, ivie man es an su kummet, so enwurt doch niemer nut derus. Dis enhörent ir nut gerne daz men uch hiemitte meine. Kin- der, teir müsseni mau werden und tun einen hreftigen her, oder da einen rt nut USSßr uns! Wie iemeriiehen ist das, daz die grosse gen ade gottes von uns verwarlÖset uürt des mÖhte eime menschen sin hertze davon dorren und sin lip!

Welcher Schwung, welche Kraft liegt in diesen Worten!

U)4vb (Oöluer Ausgabe ; 100 Frankf. : Bl. 1 v" Cod. Yind. 2739) geht 'fauler vom Weheruf Christi über Kaphar- naumund Bethsaida aus, und meint dann, von einem Ende der Welt bis zum andern gebe es keine Stadt, wo das Wort Gottes so reichlich sei gepredigt worden, wie in Cöln. Halten die (Ydner nach demselben gelebt, so müssen sie die heiligsten Leute sein, die je geboren worden, wenn nicht, so kommt der ewige» Fluch über sie. Dann fährt er fort: Och, Collen, Collen, icie iri/f du daz virantwerden? N/V// mr dielt, icii warnen dielt, wan der munt dir warhede hau gesprochen dise prophecie: ire, we, ice, si(hit) der knechet, der sinisherren

80 TAULERS BEKEHRUNG.

willen weis unde den niet indüt, der ist vyel grozer siege wirdich. Darumbe so sehit wa mide ir umbe gett, daz dirre driveldige vlüch nit uf uch invalle, unde wissit, ure uzwendige heilicheit inlülvit uch nit, ure groz vil heltum und ure heiigen, dariif ir uch verlazit. Wan Collen is worden Borne gelich mit grozen heiigen: die heiige dri küninge und oZie heiige eilfdüsent mede, daz sint alsament ir geste und sint komen zu diseme volke. Daz ir lobet, daz ist allez van inbuzen in komen. Siehit, wa ir lendit und vrucht habet bracht, wan die unmezig groze manichveldige goben mit den uch got geerit hait vür allen steden und landen, unde ure schone dorne und ure golden torne unde ure groze gelnde inhilvit uch nit. Die kirchen inmachent die lüde nit helich, sunder die lüde machent die kirchen helich.

Man kann sich leicht vorstellen, welchen Eindruck eine so körnige Sprache auf die Zuhörer musste hervorgebracht haben. Es ist immer derselbe Tauler, der früher über die Vereinigung der Seele mit Gott gesprochen hat. Und wie hier, so erkennen wir Tauler auch in seinen übrigen Pre- digten. Er war im Gegensatze zum Meister eine durch und durch harmonische Natur.

V. DER STIL DER PREDIGTEN IM MEISTERBUCHE IST WESENTLICH VERSCHIEDEN VON JFNEM TAULERS.

1. Der Meister besitzt kein Rednertalent.

Das Rednertalent erweist sich als eine Gabe seine ganze Individualität plastisch darzustellen uud zwar in der Weise, dass sich der Redner damit den Weg zum jeweiligen Publi- kum, d. h. zu dessen Anschauungen, Bedürfnissen etc. bahnt. Jeder wahre Redner ist daher packend. Er gibt seine Ge- danken nicht bloss hin, in der Darstellung derselben ist auch die belebende Seele sichtbar, so dass es nicht mehr bloss der einzelne Gedanke ist, der den Zuhörer belehrt, sondern die Persönlichkeit des Redners selbst tritt ihm nahe, und durch diese wird die Mittheilung der Gedanken erwärmt und be- lebt (vgl. die Bemerkungen Savigny's in Niebuhrs Lebens- nachrichten III, 354).

V, 1. STIL TAl'LKRS U. D. MEISTERS IM ALLGEMEINEN. 81

Dem Meister fehlt diese Gabe. Seine Predigten sind nicht Reden oder wenn man will Predigten, sondern höchstens Abhandlungen. Sie kommen nicht aus einem lebendigen Grunde , und darum erwecken sie statt Leben nur Lange- weile. Bei der Stückpredigt, d. i. dem Muster, wie der Meister vor seiner Bekehrung gepredigt haben soll, versteht sich dies von selbst. Aber steht es denn mit den übrigen Predigten besser? Es kann nicht besser sein, weil dem Ver- stände des Meisters nur eine höchst magere Phantasie zur Seite stand. Darum fehlt einmal in seinen Predigten jeg- liche Anwendung von

Bildern, Gleichnissen, Gegensätzen, Ana- logien usw.

In seiner Sakramentspredigt versucht er sich einmal darin, aber wie kläglich sieht das Bild aus. Damaris S. 204 (Cod. Yind. 3022 Bl. 189 a) : Ich hatte zo eyme mal den heissen Heden und ich befant tvol daz iz eyn strenger siech- dach ist und auch grosse strenge hitzde in ime halt. Ach, lieves kint, der mensche komet van der genaden goits dar zo daz he in der zit den geistlichen heissen rieden gecynt und teilt er herzo komm, dat er den geivaren heissen reiden ge- wynet} der moisz also vol fores werden und also gar har- nende lieisse van dem füre der gotlicher mynncn daz eyme solichen hurenden heissen reidigen menschen neu mglouhei daz yot mit al synre geivalt noch mit al sym vermoegen moege ader kune gedoyn daz emc leit si. Diese eine Stelle könnte mau allenfalls ausser der allgemeinen Anwendung von Braut und Bräutigam anführen. Aber wie unglücklich ist der Ver- gleich !

Bei Tauler jedoch ist alles belebt, und seine Darstellung ist nicht selten von dichterischem Schwünge. Es wäre zu erdrückend auf alle Bilder Taulers aufmerksam zu machen, denn keine Predigt entbehrt derselben; aber mehrere sollen hier doch folgen, etliche haben bereits im vorhergehenden Paragraphen ihre Stelle gefunden.

Von der verwundeten Minne sagt er 41 va (58): Der veru-uut ist von minnen der tut also ein köfman der ein seht f wil usfuren muh garin : so ist sin hetinse also es uunt si ron

QP. XXXVI, 0

82 TAULERS BEKEHRUNG.

begemmge das er vil gesamene aller leige, so respet er, so samnet er hie unde do daz sin schif vol werde. Also tut der verwundete mensche: er samnet und zühet züsamene alle bilde und gedenke und übunge, ivaz er mag zu liebe dem den er minnet. Denne so das schif vol geladen ist, so stosset er von lande. Noch ist er des Schiffes wol gewaltig zu fürende gegen dem stürme: also ist der verwundeten minne, die würffet ir schif in den stürm der gotheit und vert do herlichen vor und, spilet do inne noch irme gelüste und willen und würfet ir rüder in das mer das grundelos ist, und ie me in sich zühet der gottlichen usflüsse, ie me witer vart und ir en- pfenglicheit füllet alzümole , und die erfüllunge machet nüwe enpfen glichet t und nüwe wite und nüwe wunden der minne. Harnoch so snidet denne der herre das seil des schiffes enzwei, gegen dem stürm lat er das schif rüschen, so ist do weder rieme noch rüder, die das schif mitgent ufenthalten : so ist der mensche nüt me sin selbes geivaltig. Das ist die ge- vangene minne. Denne geschit ime also eime ritter der in eime stritte sere wünt ivürt ; noch denne entrinnet er gewaltec- liche wol, würt aber er gevangen , so ist er sin selbes unge- ivaltig: so ist er weder gedenke noch werke geivaltig, so müs er sich dem minner und der minnen gar lassen.

Yom Schiffe und Anker spricht er auch 73va(75): ums sol der mensch tun? er sol sin sorge legen an got und würf dinen encker] in got. So man in schiffen in engesten ist, so würffet man den enker in den rin zu gründe, so erwerent sich. Also wenne der vigent den menschen ankumet mit sweren bekorungen, innewendig und usseivendig , so sol der mensche lossen alle ding und griffe an den enker und werffe den in den grünt, das ist gantz hoffen in got. Zühant leit man riemen und rüder zu, und griff ent alle an den enker. Also solt och du tun, in wel not du kummest, seien oder libes.

Yom Rheine entnimmt er das Gleichniss 51 vb (68): Gelicher wise also obe der rin sin schütz hette und daz mittel und hindernisse abe wer, wie er denne mit vollem flüsse und übergusse solte komen rüschende, also obe er alles das er-

1 Hambersrer übersetzte dies Wort mit Einkehr!

V, 1. STIL TAULERS ü. D. MEISTERS IM ALLGEMEINEN. 83

trenken und versenken wolte und falte alle telre und gründe die vor ime iveren: also tet der heilige geist den jungem und allen den die sin enpf englich worent, und also tut er noch alle stunde und on underlos : so füllet er und übergüsset alle die gründe und alle die hertzen und seien . . . und er füllet die telre, die tieffen die ime für gehalten sint.

Wie schwungvoll beschreibt er den in Gott versunkenen Geist 122 lu (101): Kinder, in dem ernüwende und inkerende, do sivimmet der geist alle zit über sich, das nie kein are so hohe geffog engegen der liplichen sannen, noch das für gegen dem himel, also sivimmet hie der geist engegen dem gottelichen vinsternisse. Ein anderes mal vergleicht er solche Menschen mit dem Weinholze, 20 vb (26), auswendig scheine es zwar schwarz und dürre, ja werth ins Feuer geworfen zu werden, mer, do sint inne verborgen in dem gründe die lebenden ödem und die edele kraft, do die aller edelste süsseste fndit us- kummet vor allem holtze und vor allen hörnen. Beide also ist diseme aller minneklichesten in got versunkeme volke, das ist ussewendig an dem scldne also ein verdorben voll- und strartz und schinet dürre, ivan sint demütig und klein us- wert, sint /red er von grossen Worten noch werken noch uf setzen . . . aber der die lebenden äderen behaute die in dem gründe ist . . . wqffeu, welich ein wünneliich ding das wer das zu bekennende! 108rb (100 b): also die sonne ufzuhet die füehtikeit üs der wideren erden, also zühet got den geist uf in sieh, da» er rechte bevindet und wenet alzümole got sin. Und denne in ime selber sinket er rechte nider und minner denne ein mensche zu sinde, rechte also ein gros kessel der sere wellet, ein wile wellet er oben uf, also obe er zümole tvelle üsgon, und wanne man daz für usgezuhet, so sinket es tiejfe nieder. A18US tribet die starke minne und zulief den geist das er tut einen übersicung und zümole üs ime selber in ein umrissen, das haltet in denne hemider in ein bekent- uisse sins uihtes. 1 40 ra (1 19) sagt er vom innersten Grunde: . . es ist ein gruudelos ubgründc SweUende in ime selber sun- der grünt, als die wasser wattent: nu sinkeni nider und schinent si also kein trasser do si ; über ein kleine teile ruschet es liericidcr üs also obe es (die ding weite vrtrenkm.

84 TAULERS BEKEHRUNG.

Die Freude, die der mit Gott vereinigte Geist geniesse, und seine Wonne beschreibt Tauler 48 ra (63) also : Also der heilige geist gegenwerteklichen sinen wunneclichen glantz und und sinen göttelichen schin mag unmittellichen in den grünt giessen, und der geist, der do heisset und ist der tvore tröster, also sine süssen inflüsse do stat haben mögent: o wie ein süsse nüssen würt do! Do ist hochgezit, do rüchet die hüchen so wol der edelen guten spise die do würt angerichtet ; die ist so ungeivonliche süsse und so wunderlich begirlich. Do stet der meige in siner rechten blute. O wie smackent die lecker- mürsel so wol herüs in die arme nature! Und der tuürt dennen usgeschenket och gros bevinden. Der wunnen die der heilige geist do anrichtet riliche und rüwelichen und dem wol bereiten geiste do schenket und zu brüchende git, des bevin- dens ein einig troppfe gewar werden und smacken, der einige tröppfe übertriff et und verlöschet allen den gesmag und süsse- keit, den alle creaturen geleisten mugent. Nun vergleiche man hiemit die Beschreibung des Meisters MB S. 32. Er bringt es zu keinem ordentlichen Bilde. Der grosse hohe er- wirdige schenke schüttet und schenket die brut alse gar voul überflüssiger grosser minnen also das die brut wurt über- ßüssende von minnen und gar und gantz alzuomole in den brütegoum zerflüsset, also dass sie von sich kommt, minne- trunken wird und aller Creaturen in Zeit und Ewigkeit ver- gisst. Hie ist uf eine stunde me friden und froeiden denne alle creaturen in zit und in ewikeit geben moehtent. Und die froeide die die brut . . enpfohende ist, die ist alse gar gros, das keine sinneliche Vernunft begriffen noch erlangen kan. Ygl. ähnlich S. 58. Man sieht, der Meister möchte gerne, aber er vermag es nicht wegen Mangels an Phantasie.

Yon den ungelassenen Menschen sagt Tauler 79Vil (77): in ist rechte also den die ein tenne machen süllent und sla- hent; das ist denne also schornechtig und also hogereht, und die daz sint, do müs man nemen einen starken slahen und herteliche übergon, untz das es gelich würt. Aber do ein ge- lat tenne ist, do bedarf man nüt danne mit eime vedertvische hie über varen. Also sint etteliche menschen aso hogereht und also ungelossen , die müs got überfaren mit eime herten

V, 1. STIL TAULERS U. D. MEISTERS IM ALLGEMEINEN. 85

scharpfen besemen manigvaltiger bekorunge und Valens, das er sich lere lassen; aber die minneklicken menschen die sieht sint und gelossen, der ding got rehte selber zu usw. 24 ra (Cöln. Ausg. Nr. 7 Frankf. A.) lehrt er, manche Menschen hätten so wunderliche Anfechtung und Bekümmerniss, gleich als ob der rein durch sie fleiss, derhalben sie nymmer mer still oder rüiv in iren hertzen haben können . . . sie haben so vil bekümmerniss, als eyn bäum, der voller bleuer in dem winde steet und nit still sein kan.

Das Bild ist Tauler so geläufig, dass er bald den Be- griff selber, bald die Bestimmung desselben bildlich gibt, ohne dass er es bemerkt zu haben scheint. Nichts ist ge- sucht, alles fliesst natürlich und gibt sich von selbst. Da spricht er von der Natur, die voll der Winkel ist, dort von den wurmstichigen Werken; hier lässt er den Geist in Gott grünen und blühen, dort ihn in Gott versinken wie einen Tropfen Wasser im Meere usw. Wie jeder ächte Mystiker so war auch Tauler eine poetische Natur. Und wenn man nun nahezu conventioneil Heinrich Seuse zum Unterschiede von den übrigen deutschen Mystikern als den Vertreter der dichterischen Richtung der Mystik ansieht, so wäre es bald an der Zeit, dieses Urtheil zu corrigiren, denn Tauler ist nicht weniger poetisch als Seuse, und was eine der Haupt- bedingungen für alles dichterische Schaffen betrifft, Reich- thum der Phantasie, so kann sich Seuse mit Tauler darin nicht messen.

Tauler zieht das Bild selbst in die Mahnungen hinein. 38 vb (57) sagt er von den kalten und lauen Menschen : thim sie ihr Gebetlein morgens früh , so dunket in es sg genüg, und hiebt wurt sin grünt also herte* alse ein malstein, das man weder gebrechen noch gebiegen kan. In der nächsten Predigt lässt er den Herrn durch den Propheten sprechen : leerest dn dich zu mir n/U, so müs ich mit dir kriegen an dem (/crichtc. Und er macht die Bemerkung: das ist ein sorglich krieg, wanne er nimmet do bberthant.

Wie ein geschickter Künstler zeichnet Tauler mit ein paar kräftigen Strichen ein grossartiges Bild an die Fläche, 134 r" (144) sagt er vom innerlichen Werke: Dis werk treffet

86 TAULERS BEKEHRUNG.

sere nohe; hie würt rehte die hatze an die mure gedrungen: schiere so der mensche inkummet in das riche das in uns ist, die muren söllent schiere gevellet werden. 75 rb (75) ermahnt er die Zuhörer zum geduldig leiden : Ein mensche si wo er si, er müs ie liden, och die^ dem vigende dienent in der weite. Sehent wie maniger stolzer helt und frischer geselle ir leben wogent und hont verlorn in dem dienste und würt in kein ander Ion wenne den wurmen der lichom und dem tüfel die sele. Was git ime ieman darumb?

Wolklang der Sprache. Diese letzten Worte führen uns in der Untersuchung auf einen anderen Punkt, den Wolklang der Sprache. Tauler verstand es die Worte so zu setzen, dass er sie gut vortragen konnte. Beim Vor- trage hängt so vieles vom Schlüsse der Sätze ab , er darf nicht schleppend sein. Wie leicht lässt sich der Schluss der zwei zuletzt angeführten Stellen Taulers vortragen. Aendert man sie um, so wird es schon schleppend. Wenn er 73 va (75) sagt : also solt och du tun, in wel not du kummest, seien oder libes, so ist die Stellung der Wörter seien, libes durch den Yortrag motivirt. 76 va (75) enkement für das antlüt gottes niemer. Das niemer am Ende ist eindringlicher als stände es nach enkement. Taulers Sprache wird und das ist das beste für den Yortrag nicht selten geradezu ryth- misch. 134 va (144): wan das leben het do gewürtzelt, dovon kummet es wider, es tringet do durch. 152vb(12s9): Des nüt kostet das giltet ouch nüt. 32 rb (52) : die cisternen die fulent und vertruckent , aber der borne der löfflet und quillet und wehsset. Seine Ausrufungen sind nicht weniger schön : 129rb (105) 0 die in die minne geraten künden, die hettent wol ge- roten ... 0 do würt der armen naturen so we das dicke zabelt rechte alse ein kint das von der milch gezogen würt: do würt die schalkechte nature, die so ivinkelicht ist, die würt do so gar gelossen, ivanne dis ist zemole über ir vermügen und ir würken. 37 ra (54) : Wissent das ir machent grosse starke müren zwischen gotte und üch. '76vb (75): 0 kinder, die not und der iomer der do werden sol, der gat über alle not! 138 va (118): 0 was sol man Wunders sehen und mor- diges iomer in einre weite, das vil schöne schinet, do man

V, 1. STIL TAULERS U. D. MEISTERS IM ALLGEMEINEN. 87

sich weder wenden noch leeren mag, und müs man ie do hüben und buchen und broten!

Anrede. Hiemit hängt die Anrede in Taulers Pre- digten zusammen. Auch hier war es ihm darum zu thun das schleppende zu vermeiden, damit seine Rede mit Leich- tigkeit fiiessc. Er war in dieser Beziehung glücklicher als wir Deutsche es jetzt sind. Sei es, dass wir in den Con- ferenzen sagen, 'meine Herren, in der Predigt liebe Christen' oder 'meine Christen, oder 'meine Brüder' es ist immer ein Hcmmniss. Der Franzose ist uns hierin mit seinem Messieurs, mes Freres voraus. Tauler benutzte einen ähnlichen Yortheil, das einfache Wort 'Kinder'. Bald beginnt er den Satz mit kinder, bald hat er das Wort ziemlich anfangs desselben, ein andermal hat er och kinder, o kinder, ir kinder, ach kinder, dann wiederum kinder, kinder, ja selbst dreimal nacheinander (20 vb). Dann wiederum entruiven kinder, oder: nein entruwen kinder. Aber immer ist die Stellung motivirt durch den Wol- klang und Vortrag und berechnet auf die Wirkung. Nur in den verhältnissmässig seltenern Fällen hat er lieben kinder oder eja lieben kinder, mine Üben kinder.1

Yon all dem findet sich beim Meister nichts. Es kommt mir im Gegentheile vor, als hätte er sich absichtlich beeifert, seine Darstellung recht schleppend zu machen. Weit ent- fernt davon den Worten eine Stellung zu geben, welche den Vortrag erleichtert, bringt er selbst noch immer Hindernisse und Hemmnisse in die Sätze. Er beginnt einmal die Sätze so häufig mit dem schleppenden Nuo dar (MB S. 32. 38—40. 43 f. 45 ff.) z. B. Nuo dar lieben Joint, es ist ein gemeines wort. Bei Tauler fehlt dieser Ausdruck gänzlich, während er in dos Meisters Predigten nahezu auf jeder Seite öfters vorkommt. Tauler gebraucht viel lieber woffen oder ent- ruwen.2

1 Auf die Anrede im Singular komme ich im nächsten Abschnitte S. 95 zu sprechen. Andere Ausdrücke, wie z. B. ir lieben erbern litte

(Nr. 77. 81) oder lieben Jute (131) kommen nur einige male vor. Nr. 72 auch weltliche täte.

- Wegen nuo siehe nächsten Abschnitt S. 96-

88 TAULERS BEKEHRUNG.

Die Gewohnheit Taulers,' das einfache Wort kinder in der Anrede zu gebrauchen, ist nicht des Meisters Gewohn- heit, er hat, wenn er kinder gebraucht, immer lieben kinder (kint), vil Üben kint. Er überschwemmt seine Zuhörer förm- lich damit. S. 50 : Lieben kint, wir bihter machent üch die ivege gar wit und wissent doch in der worheit das es nüt also ist Die ivege die sint enge. Lieben kint, es ist ietzendan darzuo kummen, das die cristenheit mit gar wenig Sachen umbegonde sint die vollekummenliche luter und gereht sint; das ist ouch groesliche zuo klagende. Lieben kint, men vindet in disen ziten gar vil blinden leiter, und ist denne das ein blinde uffe den andern vollende tuurt, so (vil) ist in beiden deste wurst. Lieben kintf huetent üch, es tuot üch not, wanne früntschaft miete, die ist uns in disen ziten gar liep worden. Lieben kint, das ich üch also die warheit durch den munt sage usw. Mehr oder weniger bietet aber jede Seite des MB solche Beispiele. Nicht selten verbindet er damit ich wil üch sagen (36 f., 40 f., 49 f., 51 f., 58. Damaris 197). Z. B. S. 49 : Lieben kint, ich wil üch sagen, warzuo es in disen ziten kummen ist, ich wil üch sagen : es ist usw. Auch diese Phrase fehlt in Taulers Predigten. Andere male hemmt der Meister den Redefluss (sit venia verbo !) durch die Appo- sition, z. B. in der Brautpredigt, fortwährend durch lieber herre der brütegoume , später (S. 40) ir herren die rihter, wieder andere male durch unnütze Wiederholung von Wör- tern und Phrasen. S. 31 : Seit der Bräutigam durch der brüte willen von rehter minne durch siner brüte willen Pein erlitten hat (auch Cod. Yind. 3022 Bl. 158b). Der Bräu- tigam wartet, bis seine Braut reine tvorden ist und von allen sünden reine worden ist. Dann: So nuo dise brut dise wort vernimet und so von irme brütegoume hoerende ist. Der Bräutigam schenket ir denne erst reht einen gar herlichen grossen edeln guoten schang, und der hohe edele guote schang den er denne siner lieben brüte schenkende ist. Und das alles auf der einen Seite 31. Aehnliche Proben lassen sich aus den übrigen Seiten mittheilen. Nicht unterlassen kann ich aber auf S. 50 hinzuweisen : und wenne es denne beschult das du den alse vil gebredigest und geseist das zuo eime ge-

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woren cristenlebende kumment, und wenne das beschult usw.; und auf S. 29 : so gerötet sich der brütegoume herumb keren and gerötet die brut anesehen und heisset ir ein cleinoeter schenken und das cleinoeter das ist usw. 8. 53 : Ich ward im Fegefeuer soliche pinlich iemerliche martel an vil menschen sehende . . und ich sach solich pine und martel . . ich sack alse vil und alse maniger hande pinlicher martel. Statt der Punkte sind nur wenige Worte hineinzudenken. Gewiss, man kann sich nichts faderes denken. Wann und wo hat aber Tauler so gesprochen ? Ich wenigstens vermag bei ihm keine ähnlichen Beispiele zu finden, und was das Wort geroten an- belangt, so gebraucht er es niemals in dieser Construction. Auf derselben Seite (S. 30) hat es der Meister noch einmal : und wir gerotent ir nuo in disen ziten . . . lutzel warnemen, ebenso S. 43. 56.

Noch einen Ausdruck hat der Meister gefunden, um seinen Vortrag schleppend zu machen , es ist billiche und mugeliche, oder zimineliche und mügeliche, oder billiche allein. In der Brautpredigt hat er ihn auf drei Seiten fünfmal. Er kommt aber auch später vor S. 39. 47. Tauler kennt ihn oder vielmehr gebraucht ihn nicht.

Steigerung. Ist aber dem also, dann wundert man sich auch nicht mehr, dass der Meister von der Steigerung keinen Gebrauch macht, sondern entweder die Worte un- geordnet häuft oder Synonyma nebeneinander stellt. MB S. 5 spricht er von den ger eilten geivoren vernünftigen erlühteten echowenden menschen. 29.33: bliiede und schemmig. 30.60: gewillekliche und gerne. . . unschmeakUche und unlustliche. 31: einen gar herlichen grossen edvin guoten schang. 32: gar st arg and veste. Ebds.: so klimmet er erst zuo dem ge- rehten geivoren hochgezit der hohen geworen gnodenrichen froeidenrielien brunlouft. 53: kuonlieher und rer/rrgm/ieher. 59: und alse gar luterliehe und ahe gar abgescheidenliclu und alse lidig aller creatüren . . . luterliehe und lidig unde Mos. Mehren wir nicht die Beispiele, die uns der Meister mit vollem Munde bietet. Genug, dass Tauler sie nicht kennt: als Redner mussre er von der Steigerung einen aus- gedehnten Gebrauch machen. Hier nur einige Beispiele : !><i.<

90 TAULERS BEKEHRUNG.

man die heilige wunnekliche geschrift . . . tusent werbe tiber- lese und predigete und überdehte (15). Do ist der geware sicher gewisse vorsmag des ewigen lebens ; do ist ganze Sicher- heit, do ist unsprechenlich friede und fröide und raste (Ebds. Das eine ist die 'Erweiterung des Vorhergehenden). stont in lauwekeit, in kaltheit, minnelos und genadenlos (26). Wore abegescheidenheit und leclikeit und innikeit und einikeit (64). In blügender, grünender, erlühteter ivisen, oder besser: Gott lasse den geist do grünen und blügen und die aller wunnenk- licheste f nicht bringen (63). Sin dürre steinin stehelin hertze müs warm, weich, fürig und gottelich werden (72). Gefüg und nehe und neigunge die genade zu verlierende (73). Ich rote üch und mane üch und bitte üch (145). Der burne löffet und quillet und wehset (52). Der Meister dagegen kennt das eigentliche Asyndeton und Polysyndeton gar nicht.

Uebergänge. Bei diesem Mangel an Rednertalent lassen sich auch die Uebergänge des Meisters erklären. S. 37 beginnt er, nachdem er seine Philippica gegen die Prediger geschlossen, den neuen Gedanken mit den Worten: Ouch lieben Teint, es stot krengliche umb uns, darumb luil ich der worheit nüt verswigen. S. 38 schliesst er den früheren Ab- schnitt: nuo wer one sünde si, der werfe den ersten stein an sü, und beginnt den nächsten Abschnitt : Nuo dar lieben Teint wir süllent ouch sagen von disen gemeinen iveltlichen pries- tern. S. 39 schliesst er wie früher (S. 38), und beginnt dann wieder : Nuo dar lieben kint, ir weltlichen lüte, ir mügent ge- denken ich habe uwer vergessen; nein ich, ir muessent ouch her für. S. 40 kommt er von den Richtern zu den Ehe- brechern durch folgenden Sprung: Ir rihter , es stot soerg- liche umb üch, ir bessernt es denne; wanne wissent, gerihte ist gegen gote nüt ein klein ding, es ist gar ein soergliche sache, wanne got der hat gerihte und ebrechen und hoffart in der alten e gar groesliche gerochen und richtet es noch hüte dis tages ivanne das tvir alle sinnelos -worden sint das wir der rächen gottes mit ivarnemende sint. Lieben kint ich wil üch sagen, was in kurtzen ioren von eime ebrecher . . . beschach. Und nun folgt die bekannte Geschichte von der Ehe- brecherin. Aehnliches finden wir S. 48. 50 (Sprung von einer

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Vision zu den Kaufleuten: nuo dar lieben kint, nuo solle ich üch ouch etteivas von den kouflüten sagen). Die Uebergänge in der Klausnerinpredigt haben wir bereits oben kennen ge- lernt. Die Sakramentspredigt hat auch keine andern. Damaris S. 200 geht er plötzlich vom Thema zu einem anderen Gegen- stande über. S. 204 : Ich bin soweit in die Rede gekommen, ich fürchte ich habe es zu lange gemacht; aber mir ist eines eingefallen, das will ich euch sagen und will ihm damit ein Ende geben.' So stellt keine seiner Predigten einen ein- heitlichen Organismus dar, alle sind nur aus Stücken zusammen- gesetzt. Denn wenn Quintilian schon von der zu grossen An- häufung von Sentenzen in einer Rede sagt, dass sie den or- ganischen Zusammenhang des Vortrages lösen, so dass er nicht mehr wie aus mehreren Gliedern, sondern aus einzelnen Stücken zusammengefügt erscheine (Inst. orat. 8, 5. p. 305a ed. Didot) , was sollen wir dann von den Predigten des Meisters sagen , die nicht durch Sentenzen , sondern durch wirkliches Abhauen zerstückelt sind ? Wenn uns deshalb auch der Meister hoch und theuer versichert, er werde nicht mehr von vielen Stücken sagen, so ist dies eben bloss gesagt; in der That ist eine jede seiner Predigten eine Stückpredigt, wenn auch nicht in dem Masse wie die erste.1 Dies stimmt auch zur zerissenen Natur des Meisters, die wir oben kennen gelernt haben.

Schlüsse. Diese Natur verräth der Meister auch beim Abschliessen der Predigten; er schliesst sie nicht mit einem Gedanken, sondern hackt sie mit der bereits oben S. 43 er- wähnten Phrase ab: ich merkte ich habe es tich zuo fange gemäht (MB S. 7. 33. ähnlich S. 44. 54. Damaris S. 207. Nur die Klausnerinpredigt macht hier eine Ausnahme. Doch kommt die Phrase auch in ihr zwischen dem zweiten und dritten Theile vor. Vgl. oben S. 41). Natürlich kommen dann in der Regel noch mehrere Sätze, uud er endigt dann entweder mit dem im deutschen Mittelalter gewohnten Aus-

1 Oio Brautprodi^r wird schon durch die Arr des Dialoges eine StückpredigL Die eigentliche Form des Dialoges, welche Tauler bo schön z. B. Nr. 17. 39. 88. 102 anwendet, ist dem Meister unbekannt.

92 TAULERS BEKEHRUNG.

rufe : Das wir nu . . . darzuo helfe uns etc., oder er unter- lässt auch diesen (S. 44. 55), und schliesst dann : Nuo stont uf in gottes nammen und bettent ein pater noster und ein ave maria (Ebds. und S. 61, fehlt aber an dieser Stelle im Cod. Yind. 3022). Diese Phrase erinnert aber an eine andere des- selben Meisters beim Beginne der Predigt : Nuo sprechent ein Ave Maria umb gnode (S. 29. Aehnlich S. 45. Damaris S. 197 nach Cod. Yind. 3022 Bl. 182 a).

Bedarf es noch der Bemerkung, dass Tauler auch hierin wesentliche Yerschiedenheiten vom Meister aufweise? Was seine Uebergänge betrifft, so sind sie entweder schon durch die Eintheilung motivirt (z. B. wenn er Nr. 22 von den fünf Pforten spricht; Nr. 76 von vier Parthien der Sünder; Nr. 133 von den acht Seligkeiten), oder dadurch, dass er ein Wort, ein Gleichniss der hl. Schrift, oder das Evangelium, oder einen andern Satz vom Anfange an durchführt. Einmal gebraucht er nach zu grosser Abschweifung die Phrase : griff ent wir wieder an unsere materie 94 rb (86). Yon Uebergängen wie sie der Meister hat, findet sich bei Tauler auch nicht ein Beispiel. Es stimmte wol auch nicht zu seiner harmonischen Natur.

Ebenso verschieden zeigt sich Tauler beim Schlüsse der Predigten. Dass er niemals des Meisters Phrase Ich fürchte, ich habe es zu lange gemacht' gebrauche, habe, ich bereits oben bemerkt. Er entwickelt den Gedanken bis zum letzten Ausrufe, der bei ihm nie fehlt: Dax wir . . . darzuo helfe uns etc., und in den verschiedensten Formen wiederkehrt. Ebensowenig hat auch nur eine seiner Predigten den Schluss- satz aufzuweisen : Nuo stont uf in gottes nammen etc., und zwar in keinem einzigen Ms., gleichwie Tauler auch nach dem Beginne der Predigt niemals Maria um Gnade anruft.

Fassen wir nun alles in diesem Abschnitte Gesagte zu- sammen, so werden wir uns in Zukunft wol hüten, in dem Meister einen Redner oder auch nur einen Prediger dritten Ranges zu erblicken. Mag vielleicht manchem mein Urtheil zu streng erscheinen, ich für meinen Theil kann nicht umhin es auszusprechen, dass dem Meister jedes oratorische Talent gefehlt habe, und dass ihm, wenn er als Prediger existirt

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hat, mit Tauler nichts anderes gemeinsam ist, als dass sie beide auf der Kanzel gepredigt und mehr oder weniger die Sünden der Zeitgenossen erkannt haben.

2. Stilistische Verschiedenheiten im Einzelnen.

Participium prses. cum verbo finito (vgl. Mhd. Gr. 411 f.). Des Meisters Sprache ist nicht sehr glücklich. Sie kommt nie in Fluss, denn der Hemmnisse von aussen gibt es zu viele.

Das dialektische (alemannisch) beim Infinitiv einge- schobene d nach n, z. B. gebende, tuonde, sprechende, kann die Sprache wolklingender machen, als die einfache Form des Infinitiv. Und wie dem auch immer sei, es ist eben Dia- lekt und seit dem 13. Jahrh. im ganzen alemannischen Ge- biete beliebt (vgl. Weinh. alem. Gr. § 351). Allein der Meister hat mit dem Gottesfreunde und Rulmann Merswin eine Eigenthümlichkeit gemein, die äusserlicli angesehen, mit dem erwähnten Infinitiv gleichlautend ist, in der That aber das Particip prses. mit dem verb. finitum ist. Und diese Con- struction macht das Ganze erst recht schleppend uud lang- weilig, besonders wenn der Infinitiv noch mit in die Gesell- schaft kommt. Z. B. MB S. 47 : Ach lieben kint, die sich haran schuldig wissen^ die sullent sich gar billiche vor gotte und vor der icelte schammende sin und stUlent sich bessern, wanne wissent , das ich ivol toeis das sich heiden und luden abe mrerme lebende ergernde sint . . . die heiden sprechod: cristen- menschen moegent eil lüde nüt rehte menschen sin, darumb alse viheliche gont, a]arumb mügent auch wol etteu>as vihelicher art an in habende sin. S. 25): wil dise brut dein brütegoume etteivas bas gefallende werden, so muos . . . mit mund und mit hertzen sprechende sin. Auch in der Stückpredigt, die doch von worte zu worte rehte alse der meister geseit hefte (MB S. 7) geschrieben ist: Dasselbe sol in in dcheinen weg d Hinkende sin (S. 5), er sol ZUO allen ziten wartende sin (ebds.) usw. Im Ganzen kommen auf jede Seite seiner Predigten durchschnittlich vier bis fünf Fälle. Oft gerade nacheinander. S. 37 : das wir üch nüt den sichersten

94 TAULERS BEKEHRUNG.

gerehten weg wisende sint und üch einen abeweg ivisende sint und ir uns den doch volgende sint. Auf dieser Seite sind nicht weniger als neun Fälle.

In Taulers Predigten kommt diese Construction so gut wie nicht vor. Man findet in ihnen nur fünf Stellen, auf die man allenfalls verweisen könnte. Aber an diesen fünf Stellen konnte Tauler füglich nicht anders sprechen. 101 lb (91) Nu künt unsir herre und suchet sinenvinger dem menschen in sin ore und leit sine speichelen uf des menschen züngen und (der mensche) wtirt denne redende. Tauler, fährt im Auslegen des Gleichnisses fort : die süben goben des heiligen geistes die werdent dem menschen mit instossende gegeben, und denne wurt der mensche hörende. Der Beginn eines neuen Zustandes ist hier ausgedrückt. Mhd Gr. 412. 87 vb (81): wie es hernoch gon sol daran gedenkent ir nüt . . . und ver- gessent üwer selbes und des en gestlichen ürteiles des ir sehin werdent und wartende sint. Wenn Tauler warten mit sehen zugleich und des verbinden will, kann er nicht anders con- struiren. 84 rb (79) : Got ist unser selbes steteclichen bet- tende. Ich finde diese Construction hier kräftiger und aus- drucksvoller als das einfache : Got leitet unser steteclichen. Das Particip Prses. drückt hier das beharrliche aus; 19ra (24): Das alsus der edele got an uns würckende werde, daz uns sin ioch süsse tverde . . . des helfe uns got dagegen das be- ginnen des Werkes. Es ist nun einerlei, ob Jemand die Er- klärung der angeführten Stellen annehmen will oder nicht, mein Beweis bleibt nichts destoweniger stringent. Beim Meister fallen auf jede Seite seiner sechs Predigten vier bis fünf Fälle, bei Tauler fallen auf alle 85—90 Predigten zusammen- genommen alles in allem höchstens sechs Fälle,1 wenn wir noch hinzurechnen: so werdent ir ettelich sprechent (76).

j Für Tauler wäre eine solche Construction auch zu schleppend gewesen. "Wie hätte er mit dem Meister die Zuhörer anreden können: Ir süllent wissende sin, statt des kräftigen auch vom Meister gebrauchten wissent. Diese Construction, bei der beim Participium prees. cum verbo finito auch noch der Infinitiv des Hilfszeitwortes steht, kommt übrigens bei Tauler gar nicht vor. Vor solcher stilistischen Breite bewahrte ihn sein oratorisches Talent.

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Uebergang vom Plural zum Singular. Tauler hat die Gewohnheit in seinen Anreden, Ermahnungen und Zusprüchen vom Plural zum Singular überzugehen. Um nur ein paar Beispiele anzuführen: Und wissent doch, alle crea- turen die got ie geschuf, die mögent dich nüt hinus gelassen noch dir gehelfen, denne got alleine. Nu loffe, nu suche, >tu iage alle die weit us: du envindest dise helfe an nieman wanne an gotte alleine (15). Nein kinder, bi diser phariselicher wisen so enblibet got nüt . . . sist sicher, müssent mit der würtzelen usgeworffen werden (33). Er gebraucht dann in der Anrede den Ausdruck : liebes kint, viel liebes kint, auch kint allein, und zwar hat er beim Singular kint das Adjoctiv lieber häufiger, als beim Plural kinder. Z. B.: Kinder, dise minne ist über die erste wunderlichen verre . . . prüfe liebes kint wie du hertzü kummen bist (89). Bei solchen Gelegenheiten wird Tauler so recht herzlich, sein Wort wird eindringlich, denn es erfasst auf solche Weise jeden einzelnen Zuhörer für sich. Allerdings geht Tauler dann nicht selten wieder vom Singular zum Plural zurück; aber dies hindert ihn nicht von neuem wiederum sich an den Einzelnen zu wenden. So wird Tauler praktisch, denn jeder Zuhörer glaubt, der Mahnruf, die Arznei und das Heilmittel, das tröstende Wort gehörten ihm allein an. Mit Mühe findet man unter seinen Predigton einige wenige, in denen er beim Plural allein stehen bleibt.

Der Meister gebt vom Plural zum Singular eigentlich nur in der .Sakramentspredigt über,1 und da zeigt er wieder vollständige Verschiedenheit von Tauler. Damaris S. 198 gebraucht er zwar (Cod. Vindob* 3022 zufolge) ein paar mal liebes kint (nach den übrigen Hss. niemals), allein viel öfter hat er Heuer mensch, S. 198-199 nach der angegebenen lls. nicht weniger als zehnmal. Diese Anrede ist aber Tauler fremd, er hat sie niemals, höchstens gebraucht er das da- von gänzlich verschiedene': o du armer blinder geistlicher mensche.

1 Will man nicht zwei Stellen im MB noch hieher rechnen, S. 59 und 47, von denen B. 17 en Berthold von Regensb. erinnert.

96 TAULERS BEKEHRUNG.

Gebrauch einzelner Worte. Früher habe ich bereits auf solche hingewiesen (S. 42 f. 87. 89). Zu den Wör- tern binde, hertzeliep, nuo dar, geroten usw. kommen aber noch folgende hinzu. Der Meister gebraucht fortwährend zuostunt (sogleich) und niemals alzuhant oder zühant.1 Tauler hat fast immer (und wie oft!) alzuhant oder zühant, und niemals zuostunt.

Tauler hat für ganz und gar' niemals mitalle, während beim Meister dieses Wort das gewöhnliche ist.

In der Sakramentspredigt gebraucht der Meister (S. 198 ff. Damaris) wiederholt durchgefoird und gotversmede. Beide Wörter fehlen bei Tauler. Statt 'durchgeführt durch Mark und Blut' hat Tauler das treffendere durchgeübet (z. B. Nr. 87).

Auch der Gebrauch des nuo ist bei beiden verschieden. Bei Tauler ist die Anwendung des nuo immer motivirt, es ist entweder temporal oder den Fortschritt in der Bede be- zeichnend. Nahezu jede Predigt bietet dazu ein oder mehrere Beispiele. Beispielsweise seien nur erwähnt Nr. 15. 22. 26. 33. 35. 54. 57 usw. Nu süllent wir fürbas von der minnen sprechen (93). Nu ist noch ein hoher grot got zu lobende (70). Nu dise sünden meldet der heilige geist (54). Beim Meister ist jedoch das nuo meist nur expletiv und zwar bis zum Ueberdruss. In seiner Stückpredigt beginnt er ein jedes Stück mit nuo, so dass sich S. 5 6 nicht weniger als 26 nuo finden. Auch später kommen durchschnittlich auf eine Seite wenigstens drei bis vier expletive nuo.

Der Beweis aus den Predigten soll hiemit seinen Ab- schluss haben. Ich darf wol hoffen, dass nunmehr auch der Leser in das oben S. 35 ausgesprochene Urtheil einstimmen werde , man brauche bloss die in der Historia enthaltenen Predigten mit den als acht anerkannten Predigten Taulers zu vergleichen, um sich zu überzeugen, dass der Meister der hl. Schrift nicht Tauler sei.

Gehen wir nun zum letzten und wichtigsten Beweise über.

1 S. 32 anstat ; Cod. Vind. 3022 hat aber zuo stunt. Ihm zufolge rauss auch hier wurt gestrichen werden, so dass es heisst: Zuo stunt so nimmet der grosse usw., was das einzig Richtige ist.

VI, 1. DIE HANDSCHRIFTEN DES MB. 97

VI. EXISTIRT EINE TRADITION?

Wie erklärt es sich denn, dass man seither allgemein Tauler zum Helden dieser Geschichte machte?