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AUSSERCANONISCHE PARALLELTEXTE ZU DEN EVANGELIEN
VON ALFRED RESCH
X I.
TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN
ZUR GESCHICHTE DER
ALTCHRISTLICHEN LITERATUR
HERAUSGEGEBEN VON
OSCAR von GEBHARDT und ADOLF HAMACK
ZEHNTER BAND AU SSE RCANON ISCHE PARALLELTEXTE
ZU DEN EVANGELIEN GESAMMELT UND UNTERSUCHT
VON
ALFRED RESCH
LEIPZIG
J. C. HINRICHS'SCHE BUCHHANDLUNG
1S97
AUSSERCAXOXISCHE
PARALLELTEXTE
ZU DEN
EVANGELIEN
GESAMMELT UND UNTERSUCHT VON
ALFRED RESCH
ERSTER THEIL
TEXTKRITISCHE UND QÜELLENKEITISCHE GRUNDLEGUNGEN
PARALLELTEXTE ZU MATTHÄUS UND MARCUS
LEIPZIG
J C. EINRICHS'SCHK BUCHHANDL1 NG
1893 1894
SEP 3 0 1957
AUSSER CANONISCHE
PARALLELTEXTE
ZU DEN
EVANGELIEN
TEXTKRITISCHE UND QUELLENKRITISCHE GRUNDLEGUNGEN.
VON
ALFRED RESCH.
LEIPZIG
J. C. HINRICHS'SCHE BUCHHANDLUNG
1893.
Verlag der J. C. HINRTCHS'schen Buchhandlung in Leipzig.
Texte und Untersuchungen zur Geschichte der
Altchristlichen Literatur
von Oscar von Grebhardt uud Adolf Harnack.
I. II III. IV 1/2. V. VI. VII. VIII 3/4. IX 1. X 1. M. 189 -
I, 1/2. Die Ueberlieferung der griechischen Apologeten des zweiten Jahrhunderts • in der alten Kirche und im Mittelalter. Von Adolf Harnack. VIII, 300 S. 1882.
M. 9 —
I, 3. Die Altercatio Simonis Iudaei et Theophili Christian! nebst Untersuchungen über die antijüdische Polemik in der alten Kirche. Von Adolf Harnack.
Die Acta Archelai und das Diatessaron Tatians. Von Adolf Harnack.
Zur handschriftlichen Ueberlieferung der griechischen Apologeten. I. Der Arethascodex, Paris. Gr. 451. Von Oscar v. Gebhardt. III, 196 S. 1883. M. 6 —
I, 4. Die Evangelien des Matthäus und des Marcus aus dem Codex purpureus
Rossanensis, herausgegeben von Oscar v. Gebhardt. Der angebliche Evangeliencommentar des Theophilus von Antiochien, von Adolf Harnack. LIV, 176 S. 1883. M. 7.50
II, 1/2. Lehre der zwölf Apostel, nebst Untersuchungen zur ältesten Geschichte
der Kirchenverfassung und des Kirehenrechts von Adolf Harnack. Nebst
einem Anhang: Ein übersehenes Fragment der Ju)«xn in alter lateinischer
Uebersetzung. Mitgetheilt von Oscar v. Gebhardt. 70 u. 294 S. 1884. M. 10 —
(II, 1/2. nicht mehr einzeln käuflich.)
II, 3. Die Offenbarung Johannis, eine jüdische Apokalypse in christlicher Be-
arbeitung, von Eberh. Vischer. Mit Nachwort von Adolf Harnack. 137 S. 1886.
M. 5 —
II, 4. Des heil. Eustathius, Erzbischofs von Antiochien, Beurtheilung des Origenes betr. die Auffassung der Wahrsagerin 1. Könige [Sam ] 28 und die dies- bezügliche Homilie des Origenes, aus der Münchener Hds. 331 ergänzt und verbessert, mit kritischen und exegetischen Anmerkungen von Alb. Jahn. XXVII, 75 S. 1886. (Einzelpreis M. 4.50) ; M. 3.50
DI, 5. Die Quellen der sogenannten apostolischen Kirchenordnung, nebst einer Untersuchung über den Ursnruug des Lectorats und der anderen niederen Weihen, von Adolf Harnack. ~106 S. 1886. M. 4 —
III, 1/2. Leontius v. Byzanz und die gleichnamigen Schriftsteller der griechischen Kirche v. Prof. Lic. D. Friedr. Loofs. 1. Buch: Das Leben und die polem. Werke des Leontius v. Byzanz. VIII, 317 S. 1887. M. 10 —
III, 3/4. Aphrahat's des persischen Weisen Homilien, aus dem Syrischen übersetzt
' und erläutert von Pfarrer Dr. Georg Bert.
Die Akten des Karpus. des Papylus und der Agathonike. Eine Urkunde aus der Zeit Marc Aureis, von Adolf Harnack. LH, 466 S. 1888. M. 16 —
IV. Die griechischen Apologeten.
1. Tatiani oratio ad Graecos. Recens. Ed. Schwartz. X, 105 S. 1888. M. 2.40
2. Athenagorae libellus pro Christianis. Oratio de resurrectione cadaverum.
Recens. Ed. Schwartz. XXX, 143 S. 1891. M. 3.60
3. Theophili libri tres ad Autolycum II, III. Recens. Ed. Schwartz. ^ inVorbe-
4. Iustini martyris apologia et dialogus cum Tryphone Iudaeo. \ rM-t,1T,„
Recens. 0. de Gebhardt et A. Harnack. ) ielluu&-
Diese Ausgaben der Griechischen Apologeten sind nur mit kurzem sprachlichen Commentar und Registern versehen und sollen zum Gebrauch bei Vorlesungen oder in Seminaren dienen, weshalb auch deren Preise möglichst niedrig gestellt wurden.
Fortsetzung auf Seite III des Umschlags.
AUS8ERCAN0NISCHE
PARALLELTEXTE
ZU DEN
EVANGELIEN
TEXTKRITISCHE UND QUELLENKRITISCHE GRUNDLEGUNGEN.
VON
ALFRED RESCH.
LEIPZIG
J. C. HINItICHS'SCHE BUCHHANDLUNG
1893.
Vorwort,
zu Tcävxa xal ev näoiv XQioxöq.
Col. 3, 11. (fi/.c'ictig 6h a 7ia(>t?.aßeg naq1 avxov. /x?'jxt nQOOTi&elq in avxoiq (irjtt uipuiQoJv cm avriöv. Const. VII, 14. Agrapha p. 134. 6 xaxa ttjv yQCi(pr\v ovofia^onevoq öoxi/uoq xQaniL^txrjq xal nötig nüvxa öoxifxc'Xeiv xal ro ßiv xa/.bv xart/tiv.
Orig. Opp. III, 815. Agrapha p. 116.
„Aussercanonische Evangelienfragmente" — so lautet der wenig beachtete zweite Titel des Werkes, welches unter dem bekannter gewordenen Namen * Agrapha" im V. Bande dieser „Texte und Untersuchungen" zu veröffentlichen vor drei Jahren mir vergönnt gewesen ist. Dasselbe sollte nur der Vorläufer eines weit grösseren Werkes sein, von welchem ich hier das Einleitungsheft darbiete. Durch den oben erwähnten Untertitel und durch die damit gegebene Bezeichnung der s. g. Agrapha als „Aussercanonischer Evangelienfragmente" einerseits sowie durch den Titel: „Aussercanonische Parallel- texte zu den Evangelien", unter welchem ich dieses Haupt- werk einführe, andrerseits, kennzeichnen sich beide Werke nach ihrer inneren Znsammengehörigkeit.
Der Name „Agrapha" war durch die literarische Tradition gegeben und seiner praegnanten Kürze wegen mir sehr will- kommen, obwohl ich im Übrigen denselben jedem Tadel gern Preis gebe. Denn ich lengne es nicht: dieser Name „Agrapha" sagt so ziemlich gerade das Gegentheil von dem, was ich mit den Worten: „Aussercanonische Evangelienfragmente" als zweiten Titel darunter gesetzt hatte. „Agrapha" — Ausflüsse einer mündlichen, ohne Schrift fortgepflanzte», evangelischen Überlieferung: so hatte man ursprünglich den Terminus „Agra-
IV
Vorwort.
pha" gemünzt; dagegen aber diese „Agrapha" der Hauptsache nach als aussercanonisehe Reste einer schriftlichen Evangelien- tradition nachzuweisen, das war der Zweck meines Werkes, ein Zweck, dessen Bezeichnung durch den zweiten Titel: „Ausser- canonische Evangelienfragmente" bereits vorweg genommen war. Also eine contradictio in titulo!
Aber wer hätte nicht schon auf dem Gebiete der Evange- lienforschung die Weitschweifigkeit und Abgeblasstheit der ein- ander so ähnlichen Büchertitel unangenehm empfunden? Und wer sollte mir nicht zustimmen, wenn ich behaupte, dass die der Praegnanz und der charakteristischen Kürze entbehrenden Titel, mit denen die meisten Werke aus dem Gebiete der Evangelien- kritik ans Tageslicht getreten sind, wenig geeignet waren, das Interesse für den Inhalt derselben zu wecken? Wer sollte es mir nun verdenken, wenn ich den bekannten und doch wenig gekannten, mit einem gewissen Reiz des Geheimnisses umgebenen, Namen der „Agrapha" benützte, um damit eine neue Zugangs- pforte zu dem Gebiete der Evangelienforschung aufzuschliessen?
Diejenigen aber, welche sich der Meinung hingegeben haben, als ob die „Agrapha" nur vorgeschoben worden wären, um den Rückzug auf dem Gebiete der Evangelienkritik zu decken und die Erfolglosigkeit dieser Arbeit zu verschleiern, werden aus dem gegenwärtigen grösseren Werke den Irrthum erkennen, in dem sie befangen gewesen sind. Sie werden wahrnehmen, wie viel bisher unbenutztes Material noch vorliegt, welches zu sammeln und zu sichten war, dessen evangelienkritische Verwerthung noch erforderlich ist, bevor eine endgiltige Lösung des Evaugelien- problems erfolgen kann. Sie werden ersehen, dass die „Agrapha" nur eine leichte Avantgarde bildeten, bestimmt, für die „Ausser- canonischen Paralleltexte zu den Evangelien" als neuen Haupt- truppen das Feld zu klären.
Selbstverständlich musste, um das Wesen des „Aussercano- nischen" überhaupt und den hohen Werth der „Aussercano- nischen Paralleltexte zu den Evangelien" insbesondere aufzu- zeigen, vor allem der Begriff und die Geschichte des Canons, nämlich des Canons Neuen Testamentes, einer orientierenden Erörterung unterzogen werden.
Mit diesen an die Spitze des gegenwärtigen Einleitungs- heftes gestellten Erörterungen über den Canon habe ich zugleich
Vorwort. v
— um dies nebenbei zu bemerken — eine Ergänzung gegeben zu meiner früheren Schrift: Das Formalprinzip des Pro- testantismus (1876). Andrerseits habe ich die mit dem Be- griff des Canons vielfach cohaerente, aber doch davon sorgfältig getrennt zu haltende, Frage nach der Inspiration der cano- nischen Schriften hier völlig ausser Ansatz gelassen. Bezüglich derselben verweise ich auf meine in § 5 jener Schrift über die Inspiration entwickelten Anschauungen und namentlich auf die dort erhobene Forderung, sowie den zugleich angestellten Ver- such, den Begriff der Inspiration so zu fassen, dass er der protestantischen Theologie nicht nur kein Hin- derniss, sondern vielmehr eine Quelle und ein Antrieb der wissenschaftlichen Forschung werde.
Geleitet von derselben Tendenz, habe ich im Nachfolgenden den Begriff des neutestamentlichen Canons, in Zusammenfassung der darüber bis in die neueste Zeit herein gepflogenen Verhand- lungen, so gestaltet, das durch die innigste Vermählung des traditionellen und des kritischen Prinzips den Forderungen der Kirche und der Wissenschaft gleichzeitige Genugthuung geschehe und dass bei der Ehrfurcht vor der Tradition, ohne welche keine Kirche bestehen kann, die Verpflichtung zur Kritik, welche doch der Odemzug aller Wissenschaft ist, zum vollen Ausdruck gelange.
Bei meinen Untersuchungen über die Evangelien habe ich mich zunächst vollständig auf die literarische Kritik — Text- kritik und Quellenkritik — beschränken zu müssen geglaubt. Gilt es doch auf dem Gebiete der profanen Geschichtsforschung als ein selbstverständliches Axiom, dass erst die literarische Kritik ihre Arbeit gethan, die literarischen Hilfsmittel in voll- ständiger Weise herbeigeschafft, den Werth und das Alter der Geschichtsquellen, ihr Verhältniss zu einander, wie auch den Text derselben endgiltig festgestellt haben müsse, bevor die historische Kritik an ihre Arbeit gehen und sich anschicken darf, ihr Urtheil zu sprechen. Dem gegenüber finde ich, dass die biblische Kritik, wie sie betrieben wird, — auch die alt- testamentliche — , historische Verdikte und rein literarische In- stanzen meist prinziplos in einander zu mischen pflegt, dass häufig die historische Kritik ihr vorlautes Urtheil gibt, bevor die literarische Forschung ihre Rede zu Ende geführt hat.
Yi Vorwort.
Was nun insbesondere die Erforschung der den geschicht- lichen Jesus betreffenden literarischen Zeugnisse anlangt, so ist bisher weder das textkritische Material — wie die nachfol- gende Sammlung der „Aussercanonischen Paralleltexte zu den Evangelien" zeigen wird — vollständig herbeigeschafft gewesen, noch ist die Quellenkritik an ihrem Ziele angelangt. Wenn es z. B., um nur das Eine herauszuheben, in endgiltiger Weise festzustellen gelingen sollte, dass die vorcanonische Evangelien- quelle bereits von Paulus benutzt worden ist, so würden sich wesentlich neue Gesichtspunkte ergeben für die Altersbestimmung bezüglich des vorcanonischen Evangeliums und für die historische Werthschätzung der daraus geflossenen synoptischen Evangelien- schriften.
Ebendeshalb wird zur Gewinnung entscheidender historischer Resultate nicht blos die Vollendung des gegenwärtigen Werkes, der „Aussercanonischen Paralleltexte zu den Evange- lien", sondern auch die Veröffentlichung der „Canonischen Evangelienparallelen", als des Abschlusses dieser evangelien- kritischeu Materialiensammlung, abzuwarten sein.
An gegenwärtiges Einleitungsheft wird sich nun für dieses Werk folgender Inhalt anschliessen:
Texte und Untersuchungen bezüglich des Kindheitsevange- liums, des johauneischen Evangeliums, des Matthaeus- und Mar- cusevangeliums, des Lucasevangeliums und der Apostelgeschichte, Gesammtergebnisse und Register.
Bemerkung. Die unter einander variierenden Evangelientexte sind im Druck durch das Zeichen : ~ besonders kenntlich gemacht.
Iiihalts-Übersiclit.
Seite Text- und quellenkri tische Grundlegungen
§ 1. Der neutestamentlicke Canon 1
§ 2. Der Evangeliencanon 8
§ 3. „Canonische" und ..Aussercanonische" Texte 16
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen bezw. vorcanonischen
Evaugelientexte 25
§ 5. Die quellenkritischen Grundsätze der Untersuchung bezüglich
der aussercanonischen Paralleltexte 59
S 6. Das vorcanonische Evangelium 64
§ 7. Die Ursprache des vorcanonischen Evangeliums 83
§ 8. Die griechischen Übersetzungen des vorcanonischen Evan- geliums L08
§ 9. Die Anwendung der quelleukritiscken Grundsätze .... 152
§ 10. Nachträge 155
§ 1. Der neiitestamentliche Canon.
Der neutestarnentliche Canon ist die vorzugsweise aus der apostolischen Tradition der Kirche hervorgegangene, durch die sichtende Kritik der Kirche bereinigte, mit derRecension der Texte abgeschlossene Auswahl derjenigen Bestandteile der ur christlichen Literatur, welche nach dem übereinstimmen- den Glaubens-Urtheile der ältesten Kirche
a) die treuesten Urkunden des Urchristenthums dar-
stellen,
b) den höchsten Massstab für die Glaubenslehre der
Kirche bilden und
c) zum ausschliesslichen Gebrauch in den kirchlichen
Gottesdiensten dienen sollten. Wie der alttestamentliche Canon ein Werk der jüdischen Synagoge, so war der neutestamentliche Canon das Werk der christlichen Kirche. Aber wie der Inhalt der alttestamentlichen Schriften hoch über der Synagoge stand, so steht auch heute noch der Inhalt des neutestamentlichen Schriftthums hoch über der Kirche, als ihr Leitstern, der sie durch die Jahrhunderte sicher führt. Mit dem Inhalt des neutestamentlichen Schrift- thums haben wir es jedoch hier, wo vom Canon die Rede ist, nicht zu thun. Denn der Canon stellt einen formalen Be- griff dar, bei dem es sich um Sichtung des Gegebenen, um Anordnung der getroffenen Auswahl und zuletzt um endgiltige Feststellung des Wortlautes handelt. Zwar greift diese sichtende, ordnende und recensierende Thätigkeit, welche die Kirche bei Fest- stellung des Canons an dem neutestamentlichen Schrit'tthum geübt hat, an vielen Stellen in das Material«' hinüber. Aber das tindet doch nur insoweit statt, als man überhaupt Form und Inhalt Texte u. Untersuchungen X. 1
2 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
niemals völlig von einander scheiden kann. Thatsächlick wiegt bei der Frage nach dem Canon die formale Betrachtungsweise bei Weitem vor. Und ebendeshalb kann das neutestamentliche SGhriftthum, welches inhaltlich hoch über der Kirche steht,, nach seiner formalen Zusammenfassung, Anordnung und Aus- gestaltung als ein Werk der Kirche bezeichnet werden.
Der Canon als Canon ist mithin nach seiner Entstehung, Zusammensetzung und Textgestaltung ein Kirchenbuch. Wie der Kirche das Recht und die Pflicht zusteht, durch kirchliche Be- kenntnisse, durch Kirchenordnungen, Liturgien, Agenden, Peri- kopen- Ordnungen und andere Einrichtungen die Bedürfnisse der Gemeinden zu befriedigen, die Einheit des kirchlichen Lebens zu wahren, drohender Unordnung zu steuern und so dem Selbst- erhaltungstriebe der Kirche zum Siege zu verhelfen, so hat die Kirche dieses Recht und solche Pflicht bei der Schöpfung des Canons in höchster Potenz geübt. Der neutestamentliche Canon ist das reife Produkt der kirchlichen Tradition, zugleich der früheste Flügelschlag der historischen Kritik, die im Kampfe mit der Haeresie geschmiedete Waffenrüstung der Kirche zu ihrer Selbstvertheidigung, die in den innerkirchlichen Kämpfen be- währte Norm der Kirche für ihre Selbstbesinnung, das unver- gängliche Zeugniss von der Fürsorge der Kirche für ihre Glieder, der aus der Vergangenheit herüberragenden Fürsorge für die kommenden Geschlechter bis an das Ende der Tage.
Noch heute ist daher der neutestamentliche Canon die Haupt- grundlage der kirchlichen Wissenschaft, der Theologie, nämlich
a) der unverrückbare Orientierungspunkt für die histo-
rische Theologie,
b) die tiefste Quelle für die dogmatische Theologie,
c) der unversiegbare Jungbrunnen für die praktische
Theologie. Zwar ist es grundlegend der Inhalt, welcher den Schriften des neutestamentlichen Canons eine so hohe und einzigartige Bedeutung verleiht. Aber dennoch ist es abschliessend erst die Zusammenstellung der einzelnen Bestandteile zu einem harmo- nisch geordneten Ganzen, wodurch Kirche und Theologie einen so festen Mittelpunkt gewonnen hat. Man denke sich nur den neutestamentlichen Canon als solchen hinweg und seine einzelnen Bestandteile zerstreut: — wie zerfahren würde bei einem solchen
§ 1. Der neutestamentliche Canon. 3
Zustand die Theologie sich entwickelt haben, wie unsicher der Gaug der Kirche geworden sein. Als die wichtigste Schöp- fung der Kirche ist daher der Canon als solcher auch mit der höchsten Würde kirchlicher Autorität umgeben.
Aber trotz dieser hohen Würde bleibt der Canon ein Ob- jekt der Kritik. Denn wie er als ein Werk der Kirche aus der Vermählung ältester Tradition mit den ersten Regungen wissenschaftlicher Kritik hervorgegangen ist, so steht auch der Kirche nicht blos das unverjährbare Recht, sondern auch die mit ihrem innersten Selbstbewusstsein verknüpfte Pflicht zu, durch die kirchliche Wissenschaft, die Theologie, an dieser ihrer eigen- sten Schöpfung eine fortgesetzte Kritik zu üben.
Die erste Epoche canonischer Kritik fällt mit der Canon- bildung selbst zusammen. Da das erste geschichtliche Motiv zur Bildung des neutestamentlichen Canons in dem praktischen Be- dürfniss der kirchlichen Vorlesungen gegeben war und da auf diesem Gebiete der Zweck kirchlicher Erbauung eine strenge Aus- scheidung minderwerthigen Schriftgutes nicht nötig machte — wie denn auch heute noch die Apokryphen des Alten Testaments von dem kirchlichen Gebrauche zum Zwecke der Erbauung nicht ausgeschlossen sind — , so konnte es kommen, dass auch solche Bestandteile der urchristlichen Literatur, welche vor einer spä- teren reiferen Beurtheilung nicht Stand hielten, längere Zeit als kirchliche Vorlesebücher benutzt und dem in Bildung begriffenen Canon einverleibt wurden. „Schriften, welche in den späteren Jahrhunderten der Verachtung und der Vergessenheit anheim fielen , haben im zweiten und dritten Jahrhundert eine viel all- gemeinere Anerkennung als heilige Offenbarungsurkunden und als kirchliche Vorlesebücher genossen und einen viel grösseren Einfluss auf die kirchliche Denkweise und die christliche Sitte ausgeübt, als der Hebräerbrief, der Brief des Jacobus und der zweite Petrusbrief " — , „so dass ihre Geschichte ein in ziemlich hellem Lichte stehendes Stück der im Übrigen so dunkelen Ge- schichte des Canons bildet" ]). Selbstverständlich konnte in dieser Periode von einem fertigen Canon nicht die Rede sein. Denn zum Abschluss der Canonbildung gehörte gerade der definitive Ausschluss solcher literarischen Produkte, welche
1) Zahn, Geschichte des Kanons I, 2. S. 326 f.
4 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
vor dem reiferen Urtlieile der Kirche nach Ursprung und Inhalt nicht zu bestehen vermochten. Mithin erst die ausscheidende Kritik der Kirche, welche solche niinderwerthige Produkte der altchristlichen Literatur aus dem sich bildenden Canon, in den sie eingedrungen waren, wieder entfernte, hat die neutestament- liche Canonbildung im vierten Jahrhunderte zu ihrer Ruhe kommen lassen.
Eine zweite Epoche canonisch-kirchlicher Kritik brach mit dem Reformationszeitalter an, als das mit einer seit den Tagen der Apostel nicht gesehenen Mächtigkeit hervorbrechende Selbst- bewusstsein der Kirche eben mit Hilfe des Canons, ohne welchen die Reformation undenkbar, unmöglich gewesen wäre, aus den tiefsten Quellen der kirchlichen Tradition sich verjüngte und er- neuerte. Insbesondere legitimierte sich Luther als den eigent- lichen Träger des kirchlichen Selbstbewusstseins dadurch, dass er Tradition und Kritik, wie in Betreff der kirchlichen Lebens- fragen überhaupt, so insbesondere in Bezug auf den neutesta- mentlichen Canon in einer Weise mit einander vermählte, welche sich als echt katholisch und zugleich als wahrhaft reforma- torisch documentierte. Allerdings ist dieses Verhältniss des lutherischen Reformationswerkes zur Tradition und zur Kritik nicht zum klaren begrifflichen Ausdruck gelangt. Aber indem die lutherische Reformation von der kirchlichen Überlieferung und von den historisch gewordenen Einrichtungen der Kirche nur dasjenige beseitigte, was dem Canon der Schrift direkt wider- sprach, erkannte sie thatsächlich die Tradition, aus deren Mutter- schoss ja auch der Canon hervorgerufen worden war, als das Allgemeinere, Höhere an, nur selbstverständlich mit der Bestim- mung, dass die ältere Tradition der jüngeren voranging, sowie — was noch wichtiger war — -, dass die schriftliche, zumal also die im Canon fixirte, Tradition der flüssigen, unsicheren mündlichen Tradition zum Correktive dienen sollte. Damit war aber zugleich das Prinzip der Kritik gegeben, einer Kritik, welcher auch der Canon selbst, als Produkt kirchlicher Tra- dition und kirchlicher Kritik, von Neuem unterworfen werden musste. Eben die Rückkehr zur altkirchlichen Kritik führte im Verein mit seiner dogmatischen Feinfühligkeit den Reformator zu einer entscheidenden Neugestaltung des neutestamentlichen Canons durch Ausschluss des Hebräerbriefes, des Jacobus- und
§ 1. Der neutestanientliche Canon. 5
Judasbriefes., des zweiten Petrusbriefes und der Apokalypse von dem Canon im engeren Sinne und durch eine auch in der äusseren Anordnung sichtbare Degradation dieser Schriften zu deuterocanonischen oder — wie es Chemnitz auch ausgedrückt hat — zu apokryphischen Schriften des Neuen Testaments, in der Weise, dass dieselben zwar für den praktischen Kirchen- gebrauch nach wie vor fortbestanden, aber für die dogmatische Arbeit der Kirche als norma normans nicht mehr dienen sollten. Es war ein verhängnissvoller Schritt, dass die Kirche, die in Luthers Bahnen wandelte, gerade in dieser Position von ihm und seinen grössten Nachfolgern — Chemnitz und Gerhard
— sich lossagte und in die beengenden Fesseln des radicalen
— von praedestinatianischen Grundgedanken getragenen, die geschichtliche Entwickelung ignorierenden — reformierten Canonbegriffes sich schlagen liess. Denn dadurch ist die lu- therische Kirche, anstatt die von Luther gegebenen Keime bib- lischer Kritik in positiver Weise fortzubilden, in ihrer genui- nen Entwickelung aufgehalten und zur Stagnation verurtheilt, schliesslich aber in den Selbstauflösungsprocess refor- mierten Kirchenthums mit hineingezogen worden. Denn der unlebendige Begriff vom Canon, welcher in der reformierten Kirche zur Herrschaft gelangte, der einerseits alle Wurzeln der Tradition, aus welcher doch der Canon hervorgewachsen war, aus- riss und nur den wurzellosen Stamm — eben den Canon — übrig liess, der andererseits alle Kritik unmöglich machen sollte, musste mit Notwendigkeit den Rückschlag einer zügellosen, bis ins Fan- tastische ausartenden, destruktiven Bibelkritik herbeiführen, welche gerade in den reformierten Kirchengebieten (Schweiz, Holland, reformierte Kreise Frankreichs) ihre bedenklichen Triumphe feiert und welche, wie irgend etwas, die vom Romanismus erhoffte Selbstzersetzung des Protestantismus als greifbare Gefahr in drohende Nähe gerückt hat.
Dem gegenüber ist es die deutsche Theologie gewesen, welche langsam zwar, aber doch mit fortschreitender Selbstbesinnung, eine positive Lösung der kritischen Fragen in die Hand ge- nommen und dabei besonders denjenigen Punkt des Canons ins Auge gefasst hat, an welchem die lutherische Reformation das Meiste, ja Alles noch zu thun übrig gelassen hatte. Dieser Punkt, welcher zugleich der Hauptpunkt für die historische
(} Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Werthung des Canons überhaupt bildet, ist die Erforschung der Evangelien sowohl in ihrem Verhältniss unter einander als in ihrem Verhältniss zu dem übrigen neutestamentlichen Schrift- thum. Die Evangelien repräsentieren diejenige schrift- liche Tradition, welche unmittelbar auf Jesum zurück- zugehen beansprucht. Sie stellen aber zugleich ein so com- pliciertes Verhältniss gegenseitiger Verwandtschaft und unzähl- barer Verschiedenheiten in der Überlieferung der historischen Stoffe dar, dass Jeder, welcher in das damit gegebene Problem tiefer hineinzuschauen gelernt hat, wird bekennen müssen: an der Spitze des neutestamentlichen Canons steht das interessanteste, schwierigste, grösste Problem jeglicher Kritik, welches ganz geeignet ist, die Kirche vor dem Versinken in den Stand der Kritiklosigkeit zu bewahren.
Bei einem reformierten Theologen der Reformationszeit, bei Theodor von Beza, hätte es gelegen, die Evangelienfrage schon damals in Fluss zu bringen, als ihm aus dem Kloster S. Irenaei ein Evangelien-Codex in die Hände gelegt ward, dessen Inhalt an vielen Stellen von den canonischen Texten weit abweicht, dessen Textgestalt — nach ihren Ursprüngen aus dem zweiten Jahrhundert stammend — uns die grossen Veränderungen ahnen lässt, welche mit den Evangelien vorgegangen sind, bevor der Abschluss der neutestamentlichen Canonbildung erfolgte. Aber der reformierte Theologe consignierte das in seinen Augen ge- fährliche Document in der Universitätsbibliothek zu Cambridge, wo es als Codex Bezae oder Codex Cantabrigiensis zwei Jahr- hunderte lang fast völlig unbenutzt ruhte. Die Zeit war noch nicht reif.
Da war es ein deutscher Theologe, der ehrwürdige Storr, das Haupt der älteren Tübinger Schule, welcher das Ende des Ariadnefadens fand, der uns in das Labyrinth der Evangelien- forschung führen sollte. Die heute fast allgemein anerkannte Priorität des Marcusevangeliums unter den canonischen Evan- gelien ist Storrs Entdeckung. Und wieder war es ein Tübinger Theologe, welcher die Grösse des mit der Evangelienfrage ver- knüpften Problems erst enthüllte und durch die von ihm ange- strebte Lösung des Problems eine geschichtliche Betrachtung der canonischen Schriften in Fluss brachte. Ferd. Chr. Baur, das Haupt der jüngeren Tübinger Schule, hat die Verwandt-
§. 1. Der neutestainentliche Canon. 7
schaft der canonischen Evangelien mit den neutesta- mentlichen Lehrschriften als das Hauptproblem der den Canon betreffenden Forschungen herausgestellt und damit zum ersten Male eine historische Betrachtimgsweise der Evan- gelien und ihrer Genesis angebahnt, — ein Verdienst, welches ihm bleibt, obgleich die Lösung des Problems als einseitig und seine Geschichtsconstruktion des Urchristenthums als verfehlt be- zeichnet werden muss.
Eine intensive Arbeit auf dem Gebiete der canonischen Kritik überhaupt und bezüglich der Evangelienkritik insbesondere ist in dem zu Ende gehenden Jahrhundert von der deutschen Theo- logie gethan worden, — eine Arbeit, die schon manches positive Resultat zu Tage gefördert und in der Entdeckung einer vor- canonischen Evangelien-Quellenschrift ihren schönsten Lohn ge- funden hat. Freilich haben sich auch viele LTnberufene in diese Arbeit eingedrängt — viele, welche die Mahnung nicht beach- teten: Ziehe deine Schuhe aus; denn hier ist ein heiliges Land. Viele von diesen Kritikern waren von dem Selbstbe- wusstsein der Kirche nicht getragen und von der Grösse der Verantwortlichkeit nicht durchdrungen. Ja manche Federn dieser Kritiker waren — wie einst die Feder des Heiden €elsus — in die ätzende Tinte des Christushasses und des Kirchenhasses tief eingetaucht. Aber es musste auch dieses Arger- niss kommen; es war mit der dritten grossen Epoche canoni- scher Kritik unauflöslich verknüpft. Gemäss dem historischen Charakter unserer Zeit musste die theologische Forschung an demjenigen Punkte anlangen, welcher bei der Canonbildung der erste massgebende Gesichtspunkt hätte sein sollen, welcher aber bei dem mehr praktischen Bedürfniss der Urkirche nur eine un- bewusst naive Berücksichtigung gefunden hat, nämlich die Fest- stellung und Werthung der Evangelien als historischer Ur- kunden, welche uns die tiefsten Ursprünge des Christentums enthüllen sollen. Wäre ein ausgeprägtes historisches Interesse in der Urkirche bei der Bildung des Evangelicncanons mass- gebend gewesen , so würde die wichtigste historische Urkunde des Urchristenthums, jene vorcanonische Evangelien-Quellenschrift, nimmermehr verloren gegangen sein.
Unsrer Zeit sind die Mittel gegeben, manches Dunkel auf diesem Gebiete zu lichten, manches Versäumte nachzuholen. Die
8 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Gesetze der literarischen Kritik sind bekannt; die Handschriften der Evangelien sind gesichtet; die patristische und apokryphische Literatur ist aufgeschlossen; manche wichtige Funde sind ge- schehen; die neutestamentliche Zeitgeschichte ist erfolgreich be- arbeitet.
Aber dennoch haftet an einem ganz besonders wichtigen Punkte der bisherigen Evangelienforschung, welche sich sonst so kühn über die canonischen Grenzen hinwegzuschwingen Hebt, ein verhängnissvoller Mangel, der um so mehr in Erstaunen setzen muss, als gerade an diesem Punkte das letzte, das späteste Stadium der Canonbildung sich fixiert und dabei zugleich in den materiellen Inhalt des Canons eingegriffen hat. Das letzte Sta- dium der Canonbildung ist die Fixierung der canonischen Texte gewesen, welche gerade bei den Evangelientexten manches Ori- ginale verwischt hat. Und gerade diese einer verhältniss- mässig späten Zeit angehörigen canonischen Evange- lientexte hat man mit wenigen Ausnahmen zum Aus- gangspunkt und zum Objekt der Evangelienforschung gemacht, während man die aussercanonischen, bezw. vorcanonischen Evangelientexte vorzugsweise nur als Curiositäten hat gelten lassen.
Dieser Punkt bildet aber ein so wichtiges Capitel, dass dem- selben eine besondere Betrachtung im Folgenden gewidmet wer- den soll, dessen Vorbedingung jedoch ein Rückblick auf die Ent- stehungsgeschichte des Evangeliencanons ist.
§ 2.
Der Eyangelieiicanon.
Entsprechend der Entwickelung des Gesammtcanons Neuen
Testamentes zeigt auch der älteste Hauptbestandteil desselben
drei Epochen:
erste Epoche: Zusammenstellung der traditionellen Evange- lienschriften zu einem viertheiligen Evangelien- canon ;
zweite Epoche: Durchdringen dieses viertheiligen Evangelien-^ canons zur alleinigen und ausschliesslichen Geltung in der Kirche;
§ 2. Der Evangeliencanon. 9
dritte Epoche: Fixierung und endgiltige Bereinigung der cano- nischen Evangelientexte.
Die vier nachmals in den Canon aufgenommenen Evangelien- schriften haben sicherlich schon längst vor Beginn der Canon- bildung neben der mündlichen Evangelientradition den Haupt- inhalt der schriftlichen Evangelienüberlieferung, sowie auch den wichtigsten Bestandtheil der gottesdienstlichen Vorlesungen inner- halb der Urkirche gebildet. Denn nicht nur Justin berichtet, dass die ajcoluv?/iuovtviuaTa xcöv anoöxölcov — a xaXsirai tvayytha — an den Sonntagen in den christlichen Gottesdiensten verlesen wurden (avaytvcoöxercu vgl. Apol. I, 67. 66), sondern auch aus den Ausdrücken der J LÖayj]\ cog ty&rs Iv reo svayyeXiq) (/liö. XV, 3. 4), geht mit Bestimmtheit hervor, dass man sich schon viel früher in dem kateclietiscben Gemeindeunterricht auf das svayytXiov als eine wohlbekannte schriftliche Autorität be- rufen durfte, welche nicht anders als eben durch kirchliche Vorlesung den Gemeinden vertraut geworden sein konnte — , wobei zu beachten, dass weder in der AiöayJi noch bei Justin von Vorlesung apostolischer Lehrschriften die Rede ist. (Wohl aber erwähnt Justin neben den Evangelien die Schriften der Propheten, die zur Vorlesung gelangten.) Es ist nun doch so viel klar, dass, wenn eine Sammlung, ein Canon von Evangelien, sich bildete, dieselbe aus denjenigen Evangelienschriften zu- sammengesetzt werden musste, welche auf Grund der kirchlichen Tradition schon längst den Gemeinden bekannt und bei den gottesdienstlichen Vorlesungen in Gebrauch waren.
Für diese Voraussetzung findet man dann auch volle Be- stätigung, wenn man auf die einzelnen vier Schriften hinblickt, welche im Evangeliencanon zu einer geschlossenen Einheit ver- bunden worden sind.
Besonders ist es das johanneische Evangelium, dessen frühzeitiger gottesdienstlicher Gebrauch in überraschender Weise nachgewiesen werden kann. Kämlich die uralten eucharistischen Gebete, welche uns in der Jida'/j) enthalten sind, setzen für diejenigen kirchlichen Kreise, aus denen der Verfasser dieser Schrift sie entnommen hat, durch die Fülle von Anklängen an das johanneische Evangelium dessen Einfluss auf die altkirch- liche Liturgie in einer Zeit voraus, welche noch vor der Ab-
10 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
fassung der Jcöay?) gelegen war1). Ebenso ergiebt sich der frühzeitige kirchliche Einfluss des johanneischen Evangeliums aus der Thatsache, dass die um d. J. 160 entstandene älteste Evangelienharmonie, welche für kirchliche Vorlesungen in der syrischen Kirche bestimmt war, Tatians Diatessaron, dem johanneischen Evangelium einen hervorragenden Platz einräumte, indem sie den johanneischen Prolog sogar an die Spitze stellte, was ohne vorausgegaugene längere kirchliche Geltung dieses Evangeliums undenkbar gewesen wäre.
Sodann das erste canonische Evangelium ist in juden- christlichen Kreisen schon zu Anfang des zweiten Jahrhunderts gottesdienstlich benutzt worden. In dieselbe Zeit weist der Ver- fasser der Jiöayj), wenn er mit seiner Formel: coq eysts Iv zm tvayytXLtp — auf das erste Evangelium dem Zusammenhang nach deutlich mit Bezug nimmt.
Was ferner das dritte canonische Evangelium anlangt, so zeigt die Thatsache, dass Marcion (140) das Lucasevangelium an die Spitze seines Schriftencanons stellte und dasselbe lediglich durch Cassationen für seine Zwecke zustutzte, welche Autorität diese Evangelienschrift bereits längst vor 140 in den urchrist- lichen Gemeinden besessen haben muss.
Über das Marcusevangelium endlich gibt Papias (um 1*25) aus den noch älteren Mittheilungen des Presbyters Jo- hannes solche ausführliche Nachrichten und so eingehende Ur- theile, dass man an der Bekanntschaft der ältesten Kirche mit dieser Evangelienschrift nicht von ferne zweifeln kann. Zwar fehlen in der Zeit vor Irenäus die Spuren von einer schrift- stellerischen oder gottesdienstlichen Verwerthung des Marcus- evangeliums fast gänzlich, aber, abgesehen von den schwerwie- genden Zeugnissen des Presbyters Johannes und des Papias, haben wir noch zwei viel ältere Zeugen, nämlich die Re- daktoren des ersten und dritten Evangeliums, welche durch die weitgehende Benutzung des zweiten Evangeliums den
1) Darüber, dass nicht blos ein s. g. „Johann eischer Evangelientypus" in der Aiöcc/jt vorausgesetzt, sondern eine schriftstellerische Benützung des johanneischen Evangeliums in den eucharistischen Gebeten der /liötc/t] zu constatieren ist, -vergleiche namentlich die nachfolgende Bemerkung zu Joh. 11, 51. 52 im 2. Hefte dieses Werks.
§ 2. Der Evangeliencanon. 11
frühzeitigen mächtigen Einfluss desselben auf die Urkirche be- kunden.
Es geschah also nichts Unvorbereitetes, als die altkatholische Kirche, wahrscheinlich um dieselbe Zeit, als Marcion seinen Canon schuf, die vier in der Tradition der Kirche einflussreichsten Evangelienschriften zu einer Einheit, zu einem Evangeliencanon, zusammenfasste. Zwar sagt Zahn (Gesch. des Kanons I, 1, 78): TDass man jemals zwei Evangelien in eine einzige Papyrusrolle eingeschrieben habe, ist äusserst unwahrscheinlich, eine Vereini- gung aller vier Evangelien in eine einzige Rolle kaum denkbar/' Irgendwie aber muss doch die Einheit des viertheiligen Evan- geliencanons und die Reihenfolge seiner vier Theile sich re- präsentiert haben. Dafür zeugt der Umstand, dass sowohl die nach Cureton benannte altsyrische Evangelienübersetzung, die mit ihren Ursprüngen bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts zurückreicht, als auch die altlateinischen Übersetzungen, deren erste Anfänge noch in das zweite Jahrhundert hingehören (vgl. unten §. 4), einheitliche Evangeliencodices darstellen, welche im Verein mit dem griechischen Evangeliencodex Bezae auf einen Archetypus zurückweisen, dessen Entstehung wahrschein- lich mit der Bildung des Evangeliencanons selbst zusammen- fiel und dessen Gestalt die Zusammengehörigkeit der vier cano- nisch gewordenen Evangelien erkennen Hess. Dafür spricht ferner auch der Käme: öiä reöGaQwv, welchen Tatian seiner Evangelienharmonie gab. Dafür zeugt endlich auch der Mu- ratorische Canon, welcher die Evangelien zählt und die jetzige canonische Reihenfolge (tertio evangelii librum secun- dum Lucan — quarti evangeliorum Johannis) erkennen lässt. Wie hätte am Ausgang des zweiten Jahrhunderts eine solche Reihenfolge der Evangelien feststehen können, wenn nicht der Evangeliencanon als solcher auch äusserlich zu erkennen ge- wesen wäre?
Alle diese Instanzen aber lassen zugleich den Termin 140 n. Chr. als den spätesten Termin für die Bildung des Evangelien- canons erscheinen. Denn wenn in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts der Evangeliencanon bereits in Übersetzungen vor- lag und zu Evangelienharmonien verarbeitet werden konnte (zu dem Diatessaron Tatian s kam noch die gänzlich verloren gegan- gene Evangelienharmonie desTheophilus vonAntiochien), und
12 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
wenn neben älteren vorcanonischen Anordnungen der Evangelien *), welche wir in dem Codex Bezae, dem Syrer Curetons und den älte- sten lateinischen Codices repräsentiert finden, bereits um die Wende des zweiten und dritten Jahrhunderts nach dem Zeugniss des Muratorischen Fragments die jetzige canonische Reihenfolge der Evangelien entstanden war, der Evangeliencanon daher als Ganzes bereits eine Geschichte seiner Entwicklung hinter sich hatte, so muss die Entstehung dieses Evangeliencanons not- wendiger Weise in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts ge- fallen sein2).
1) Die Ordnung war im Cod. Cantabr., in den lateinischen Codd. Brix., Veron., Vercell., in dem gothischen Codex argenteus folgendermassen ver- treten: Matthaeus, Johannes, Lucas, Marcus. Ahnlich bei Tertullian (adv. Marc. IV, 2), nur mit der Voranstellung des Johannes: denique nobis fidem ex apostolis Ioannes et Matthaeus insinuant, ex apostolicis Lucas et Marcus instaurant, und mit Tertullian übereinstimmend die oberägyptische Version nach Woide.
2) Damit würden auch die Darlegungen Taylors übereinstimmen in seiner soeben erschienenen interessanten Schrift: The Witness of Hermas to the four Gospels (London 1392), für deren unmittelbar nach dem Druck erfolgte Übersendung ich dem Autor nicht genug dankbar sein kann. Hiernach würde die berühmte Ausführung des Irenäus bezüglich der Nothwendigkeit eines vierfältigen Evangeliencanons (zsz q&(ao gipov zb eiayyü.iov), wofür Irenäus die vier Weltgegenden (ztooaQU x/.lfxaza zov xöofxov), die vier Winde {ztoouQa za&okixa Tivsvfxaza), die vier Cheru- bim {zu XtQOvßln zsz(jc<7i()ÖGW7za) geltend macht, indem er den Evange- liencanon als Ganzes das Fundament der Kirche nennt (aztjQtytict ixxXrj- oii'.z to eiccyys?uov) und die vier einzelnen Evangelien als die vier Säulen der Kirche (ztaoccQccq ozvXovq) bezeichnet (Iren. III, 11, 8), der Haupt- sache nach aus dem Pastor Hermae entlehnt sein, welchen nach dem Zeugniss des Eusebius (H. E. V, 8, 7) Irenäus mit canonischer Giftig- keit gebrauchte (akXa xal anodcyezai zr)v zov Tloifxsvoq yQcuprjv) und welcher die 'ExxXijaia darstellt als ein Weib, ruhend auf einem (elfen- beinernen) Sitz (tnl avfiyjsXlov xa^7j/jttrtjv, super scamnum sedentem), wel- cher Sitz mit vier Füssen versehen war (zsoocipaq itööaq tyet zb av/x- ipeXiov). Vgl. Herrn. Vis. III, 13, 3. p. 58. Zu dieser Auffassung, nach welcher das ozrjQiyua mit den zsaoagsq azvkoi bei Irenäus aus dem oravAXiov mit den ztaaaQsq Tiodsq bei Hermas zur Bezeichnung des vierfältigen Evangeliencanons als des die 'ExxXtjala tragenden Fundaments stammen würde, wobei zugleich die ebenda eingeflochtene Bemerkung des Hermas: b xoa/xoq öia zsogccqcdv azoryet'cüv xQazüzai als Quelle der zLoouQa xXlfJLaza und ziooccgu nvsifxaza bei Irenäus erscheinen würde: — zu dieser Auffassung ist Taylor durch eine äusserst gründliche
§ 2. Der Evangeliencanon. 13
Dabei hat man nur festzuhalten, dass mit der Ent- stehung des Evangelien canons noch keineswegs dessen Allein- herrschaft gesetzt war. Es wäre wenigstens eine sehr irrige Anschauung, wenn man annehmen wollte, dass mit diesem ersten
Vorarbeit geführt worden, welche er über das Verhältniss der diöaxtf zu dem Hirten des Hermas angestellt hat. (Man vgl. darüber Näheres unten in § 4. E.) Hiernach suchte und fand Taylor das s vayytXiov devJidayi'j in der uyyeXla äya&t] des Hermas, welche Bezeichnung ebenda (Vis. III, 13, 1) auftritt, wo Hermas sich anschickt, die Kirche als auf den vier Füssen ihres Thrones ruhend nach Analogie des von vier Elementen zu- sammengehaltenen xöofiog darzustellen. Und allerdings — dies möchte ich zur Bestätigung der von Taylor gemachten Entdeckung hinzufügen — erklärt sich die erste Conception dieser Bilder und die darin enthal- tene ausschliessliche Betonung der den vier Evangelien einwohnenden fundamentalen Bedeutung mit gleichzeitiger vollständiger Nichtberück- sichtigung der übrigen canonischen Schriften vortrefflich aus einer Zeit, wie der des Hermas, in welcher von den Bestandtheilen des neutesta- mentlichen Canons erst nur der Evangeliencanon in gottesdienstlichen Ge- brauch getreten war, viel weniger aus der Zeit des Iren aus, wo die einzigartige Bedeutung des Evangeliencanons durch das Hinzutreten des o dnöaxoXoq bereits eine wesentliche Einbusse erlitten hatte. Freilich wenn es sich ergeben sollte, dass Hermas um das Jahr 140 n. Chr. der- artige Beobachtungen anstellen, einen vierfältigen Evangeliencanon als ein Gegebenes voraussetzen und diesem Evangeliencanon eine so grund- legende Bedeutung beimessen konnte, so müsste die Entstehung des Evan- geliencanons noch ein gutes Stück vor das Jahr 140 angesetzt und bis in den Anfang des zweiten Jahrhunderts zurückdatiert werden. Zahn, welcher in seiner Geschichte des Kanons 1,1. S. 161 sagt: „Die Kirche, die Gottesdienst feiernde Gemeinde, hatte seit unvordenklicher Zeit diese vier Evangelien und nur diese im Gebrauch", welcher ebenda I, 2. S. 915 f. gezeigt zu haben glaubt, dass die vier canonischen Evangelien „aller- spätestens um 125 zu einer allgemein verbreiteten Sammlung vereinigt waren" — , Zahn hätte m. E. am wenigsten Veranlassung gehabt, diese Position des Taylorschen Werkes in der Recension desselben (Theol. Lite- raturblatt 1892. No. 23. S. 268 ff.) für „unbegründet" und „grundfalsch" zu erklären. War, wie Zahn annimmt, der Evangeliencanon bereits um 125 vorhanden, so ist nicht abzusehen, warum Hermas dieses Faktum nicht in seiner Weise verwerthet haben sollte. — In einem Nachtrage (veröffentlicht in dem Journal of Philology) macht Taylor noch auf eine Stelle bei 0 r igen es aufmerksam (Prooem. in Ioan.), wo derselbe mit den Worten: xbgguqwv dvxcov xätv evayyeklwv, olovsl ox oi%eiü>v xjjg Tiloxewq xijg txxfajoi'ccq, ig wv oxory :lv>r n nag ovvnnrjxt xöa/xoq — die Vorstellung aus dem Pastor des Hermas unter offener Bezugnahme auf den Evangeliencanon wiederholt.
14 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Stadium, welches für die Geschichte des Evangeliencanons erkennbar ist, und mit dem Praeponderieren der vier canonischen Evangelien in den gottesdienstlichen Vorlesungen, sofort der Gebrauch anderer Evangelien ausgeschlossen und beseitigt ge- wesen sei. Vielmehr weisen fast alle Schriftsteller vor Irena us darauf hin, dass neben den vier Evangelien Schriften, welche der Aufnahme in den Canon gewürdigt wurden, auch noch andere Evangelien im Gebrauche blieben. Denn die Erscheinung, dass in der Zeit vor Irenäus die citierten Evangelientexte nur selten mit den canonischen Texten übereinstimmen, noch mehr aber die Thatsache, dass von denselben Schriftstellern aus den von ihnen benutzten Evangelienquellen solche Texte mitgetheilt werden, für welche es in den canonischen Evangelien keine direkten Parallelen gibt (Agrapha), lässt sich nicht blos aus der Annahme vorcanonischer Textgestalt der canonischen Evangelien erklären, sondern fordert mit Nothwendigkeit, dass auch noch selbst- ständige aussercanonische Evangelienschriften nach begonnener Bildung des Evangeliencanons eine Zeit lang im Gebrauch ge- blieben sind. Aber weit entfernt davon, dass dadurch der histo- rische Werth unserer canonischen Evangelien discreditiert werden könnte, dienen jene Reste aussercanonischer Evangelien, so weit man sie constatieren kann, durch ihre inhaltliche Übereinstimmung und überraschende Congenialität mit unseren canonischen Evan- gelien zu einer durchschlagenden Beglaubigung derselben.
Auch eine Vergleichung der Reste, die von haeretischen Evangelien (Evangelium des Marcion, Hebräerevangelium, Aegyp- terevangelium) uns erhalten sind, gereicht nur zur Befestigung der Überzeugung, dass von Seiten der Kirche bei Bildung des Evangeliencanons — mit alleiniger Ausnahme der leider verloren gegangenen vorcanonischen Evangelien -Quellenschrift — die besten Elemente der altkirchlichen Evangelientra- dition erhalten und zusammengestellt worden sind. Denn wie das Marcionevangelium den Charakter derCastration, so tragen das Hebräer- und Aegypterevangelium in den Stoffen, in welchen sie über die canonischen Evangelien hinausgehen, den Stempel der Interpolation an der Stirn. Jedenfalls war zur Zeit des Irenäus und spätestens des Origenes die kritische Ausschei- dung der aussercauonischen und haeretischen Evangelien und die Alleinherrschaft der vier canonischen Evangelien
§ 2. Der Evangeliencanon. 15
innerhalb der Kirche eine Thatsache. Während der Canon der neutestamentlichen Lehr Schriften noch das ganze dritte Jahrhundert hindurch bis in den Anfang des vierten Jahr- hunderts hinein zahlreiche minderwerthige literarische Produkte (dida%}j, Barnabas, Hermas, Clemens Rom. etc.) mit sich fort- schleppte und daher erst viel später zur kritischen Bereinigung gelangte; war der Evangeliencanon bereits um die Wende des zweiten und dritten Jahrhunderts bezüglich seiner canonischen Alleinherrschaft zum Abschluss gelangt und nur betreffs seiner Textgestalt im Einzelnen noch manchen Schwankungen unter- worfen.
Was nun die Recension der canonischen Evangelientexte anlangt, so ist die erste Recension jedenfalls auf den Ver- fasser jenes Archetypus zurückzuführen, aus welchem der Codex Bezae, der Syrer Curetons und die altlateinischen Versionen, ja auch ein Theil der übrigen orientalischen Versionen geflossen sind. Vgl. unten § 4.
Eine zweite Stufe der evangelischen Textrecension kann man bei Origenes wahrnehmen, dessen Texte die nachfolgende alexandrinische Schule beherrschen.
Die dritte und letzte Stufe in der Entwickelung der Evan- gelientexte fällt mit dem Abschluss des Canons überhaupt und mit der endgiltigen Fixierung der canonischen Texte zusammen, wobei gerade in den evangelischen Texten manches feinere histo- rische Detail verwischt worden sein mag.
Immerhin aber, so werthvoll auch die vorcanonischen Evangelientexte für die historische Evangelienforschung bleiben werden, ist doch jene letzte Textrecension der cano- nischen Evangelien und der damit erfolgte endgiltige Abschluss des Evangeliencanons derart, dass für den praktischen Ge- brauch von Seiten der Kirche und der kirchlichen Gemeinden etwas Besseres nicht geboten werden kann.
Hier, wo es sich lediglich um die historische Erforschung der Evangelien handelt, ist der bis jetzt vielfach verkannte und meistens nicht beachtete hohe Werth der vorcanonischen, bezw. aussercanonischen Evangelientexte einer besonderen Betrachtung zu unterziehen.
16 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
§ 3.
„Canonische" und .,AussercauoIlisclle', Texte.
Die Idee des Canons und das damit eng verwobene Be- dürfniss der Kirche bringt es mit sich, dass die Canon- bildung nach den beiden ersten Stufen ihrer Entwickelung — Sammlung der traditionellen Stoffe, kritische Ausscheidung der minderwerthigen Bestandteile — erst in ihrem dritten Stadium durch textkritische Bereinigung des Canons zu ihrer Ruhe kommt. Ohne einen einheitlich revidierten und recensierten Text würde der Canon stets unfertig und die Auto- rität der Kirche, welche den Canon darbietet, immer wieder ge- fährdet bleiben. Für ihre paedagogische Aufgabe, welche die Kirche an den Völkern zu lösen hat, kann sie eines einheitlich normierten Textes in demjenigen Kirchen- buche, welches alle andern Kirchenbücher an norma- tiver Geltung bei Weitem übertrifft, nimmermehr ent- behren.
Eine ähnliche Entwickelung hat ja auch der Canon des Alten Testamentes durchgemacht. Erst in der synagogalen Schlussredaktion der Texte ist der alttestam entliche Canon als solcher fertig geworden. Und diejenigen Forscher, welche den synagogalen Text des Alten Testaments zur Grundlage ihrer quellenkritischen Untersuchungen machen, sind in steter Gefahr, die textkritische Arbeit der Schlussredaktoren als solche nicht zu erkennen und dieselbe den Autoren der Einzelschriften zu imputieren1).
Während aber bei dem Alten Testamente die Wiederherstel- lung eines vorsynagogalen und vorcanonischen Textes aus Mangel an handschriftlichem Materiale auf die grössten Schwierigkeiten stösst, liegt die Sache bezüglich der neutestamentlichen Schriften um Vieles günstiger. Zwar ist auch die neutestamentliche Text- geschichte und besonders der mit der canonischen Schlussredak- tion der neutestamentlichen Schriften verknüpfte Process ins tiefste Dunkel gehüllt. Die darüber vorhandenen Äusserungen
1) Vgl. Klostermann in der Neuen kirchlichen Zeitschrift. 1890. IX. X „Beiträge zur Entstehungsgeschichte des Pentateuch." Ebenso 1892. VI.
§ 3. ,, Canonische" und „Aussercanonische" Texte. 17
der altkirchlicheu Autoren lassen hauptsächlich nur Spielraum zu unsicheren Vermuthungen. Auch sänimtliche griechische Handschriften des N. T. — mit einer einzigen Ausnahme — setzen bereits den recensierten Text voraus und stammen aus einer Zeit, da der neutestanientliche Canon bereits seine abschliessende Textgestalt empfangen hatte. Ja, auch diese einzige Ausnahme, der oben bereits erwähnte Codex Bezae oder Codex Cantabri- giensis, welcher, wie er jetzt vorliegt, dem sechsten oder siebenten Jahrhundert angehört, repraesentiert den vorcanonischen Text der Evangelien nicht rein, sondern in einer vielfach verderbten und verwilderten, auch durch den späteren recensierten Text beein- flussten Gestalt. Und wenn nicht die alten Übersetzungen erhalten wären, welche z. Th. längst vor der Zeit der canonischen Schlussredaktion entstanden sind, so würde der einzigartige AVerth des Codex Bezae noch viel schwerer zu erkennen und eine Restitution des vorcanonischen Textes noch viel schwieriger zu vollziehen sein. Die uralten Evangelien-Übersetzungen leisten hier für eine Wiederauffindung der vorcano- nischen Texte Neuen Testaments ähnliche Dienste, wie die Septuaginta-Version für die Aufspürung der vor- synagogalen Texte Alten Testaments.1)
Gleichwohl ruht auf den Fragen nach Entstehung und Fortpflanzung jenes vorcanonischen Textes sowie nach dem historisch -genetischen Zusammenhang des griechischen Codex Bezae mit den altlateinischen Versionen einerseits und der alt- syrischen Version (welche Cureton entdeckt hat) anderer- seits das Schweigen der Vergangenheit. Wie ungenügend sind die Äusserungen des Hieronymus, wenn er von den dioQ&cö- ösiq als der canonischen Schlussredaktion die xoiv?/ txöoöiq, xoivi) aväyvoiOiq, ör/fiorix?) exdooig (auch schlechtweg xoivrj) unterscheidet und die letztere als die vorcanonische Textgestalt
1) Vgl. Buhl, Kanon und Text des Alten Testaments. Leipzig 1891. S. 126: „Ausser der in den vorhergehenden §§ erwähnten geschichtlichen Bedeutung hat die LXX den unschätzbaren Wert, der älteste ausführliche Textzeuge des A. T. zu sein. Sie eröffnet uns die Möglichkeit, auf den jedem einzelnen griechischen T'bersetzer vorliegenden hebräischen Text zuiückschliessen zu können, und dadurch eine Textgestalt kennen zu lernen, die gegen 1200 Jahre älter ist als die älteste hebräische Bibelhandschrift."
Texte und Untersuchungen. X. 2
lg Text- und quellenkritische Grundlegungen.
so charakterisirt: quod xoivrj pro locis et temporibus et pro voluntate scriptorurn vetus corrupta editio est. (Hieron. Ep. CVI n. 2. ad Suniam et Fretellam). Es ist wahr: die vorcanonische Textgestalt des neutestamentlichen Canons war vielfach ausein- ander gegangen und verwildert; aber dahinter lag doch eine höhere Einheit, welche aus dem Zusammenhalt so weit aus ein- ander stehender Zweige, wie des altsyrischen, des altlateinischen und des im Codex Bezae repraesentierten griechischen Textes, wieder erkannt werden kann. Es ist klar: die altkirchlichen Autoren tappten in Bezug auf die Entstehung, Weiterentwicke- lung und Schlussredaktion der canonischen Texte Neuen Testa- ments völlig im Dunkeln.
Meine Anschauungen über den Ursprung, die Fortbildung und endliche Fixierung der neutestamentlichen canonischen Texte möchte ich kurz wie folgt skizzieren, indem ich drei Epochen unterscheide.
Die erste dieser Epochen fällt in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts, beschränkte sich auf die vier Evangelien und brachte zugleich mit der erstmaligen Bildung des Evan- geliencanons die erste Revision der evangelischen Texte. Das Nähere über diese Vorgänge vergleiche man in §. 4 A.
Die zweite Textrevision geschah in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts und ist auf Origenes als den eigentlichen Urheber zurückzuführen. Derselbe Origenes, dem wir in der Hexapla die Sammlung der griechischen Texte Alten Testa- ments verdanken, hat sich auch die Reinigung der neutestament- lichen Texte angelegen sein lassen. (Auch Zahn, Geschichte des Canons I, 1. S. 444 f. erkennt eine im dritten Jahrhundert durch Origenes begonnene Reinigung und Feststellung der canonischen Texte an). Doch ist diese textkritische Arbeit des Origenes nicht sowohl als eine Textrecension ex professo zu betrachten, als vielmehr hervorgegangen aus seiner exegetischen und homiletischen Behandlung des Neuen Testaments als bei- läufiges Produkt in der Hand eines in sorgfältiger Beurtheilung und Vergleichung der Handschriften geübten Mannes. Vgl. Tischendorf-Gebhardt, Bibeltext des N. T. Real-Encykl.2 II, 409.
Die dritte Textrevision brachte die endgiltige Fixierung der canonischen Texte und damit den Abschluss der Canonbildung
§ 3. „Canonische" und „Aussercanonische" Texte. 19
überhaupt. Sie wird nach einer dunkeln Andeutung des Hiero- nymus (in der Ep. ad Damasum) an die Xamen Leucius und Hesychius geknüpft. Aber dadurch, dass im Gelasianischen Decrete die von diesen beiden Männern revidierten Evangelien als gefälschte evangelia apocrypha verurtheilt und verworfen werden (Decr. Gelas. VI, 1459: Evangelia quae falsavit Lucianus [= Leu- cius, Lucius] apocrypha. Evangelia quae falsavit Isicius [al. Hesychius] apocrypha), wird der Sachverhalt noch mehr ver- dunkelt, weil es danach scheinen könnte, als ob die textkritische Arbeit jener beiden Männer von Seiten der Kirche zurückge- wiesen worden sei. Und doch muss im letzten Viertel des dritten Jahrhunderts und am Anfang des vierten Jahrhunderts eine starke kirchliche Macht vorhanden gewesen sein, welche einer haupt- sächlich von Antiochien ausgegangenen Fixierung der neutesta- mentlichen Texte zur canonischen Geltung in der Kirche ver- liolfen hat.
Gegenüber nämlich dem Codex Bezae, welcher mit seinen Trabanten, den alten Übersetzungen, in die vorcanonische Zeit hinaufreicht, repraesentieren sämmtliche griechische Handschriften des Neuen Testamentes, von denen die beiden ältesten, Codex Vaticanus (B) und Codex Sinaiticus (X) dem vierten Jahrhundert angehören, eine einheitliche Textfamilie, deren innere Differenzen trotz ihrer grossen Zahl durchaus unerheblich sind im Vergleich zu den Textabweichungen derjenigen Textfamilie, welche unter den griechischen Codices einzig und allein durch den Codex Bezae repraesentiert wird. Es ist in der That so, wie de La- garde (Mittheilungen IV, 21) in seiner scharfen Weise es aus- gesprochen hat: „Ich erkannte weiter, dass zu irgend einer Zeit eine durchgreifende Revision des Textes vorgenommen worden ist, und forderte, die nicht recensierten von den recensierten Codices zu scheiden: die einen dürften, so lehrte ich1), gar nicht mit den anderen zusammengehalten werden." Es ist richtig, wenn er (Mitth. IV, 308) noch drastischer erklärt, „dass D und AB dia- metral entgegengesetzte L'rkunden sind, die nur ein Dummkopf als gleichberechtigt behandeln darf." Auch YVestcott und
1) De Lagarde in seinem Programm : „de novo testamento ad ver-
sionum orientalium fidem edendo" (1859) — jetzt in den „Gesammelten
Abhandlungen" S. 85 ff.
o*
2() Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Hort haben das richtige Verhältniss erkannt, wenn sie in der Introduction zu ihrem N. T. sagen: „The Syrian (d. h. der in Antiochien entstandene) text must in f'act be the result of a „recension-' in the propre sense of the word, a work of a attempted criticism, performed deliberately by editors and not merely by scribes." Denn in der That nicht naive Abschreiber, sondern nach bestimmten Grundsätzen verfahrende Editoren, Redaktoren, sind jene Männer gewesen, welche dem neutestamentlichen Canon das letzte Kleid anlegten, das er jetzt noch trägt, welche die Schriften des X. T. in den canonischen Text einkleideten und damit die Canonbildung zum endgiltigen Abschluss führten. Wenn de Lagarde (Mittheilungen IV, 22) diese „recensio" der cano- nischen Texte eine „contaminatio" nennt, wenn er anderwärts (Mitth. IV, 307) jene Redaktoren, jene öiaöxevaoral og&ödot-oi, als „Fälscher" brandmarkt, so geht er darin viel zu weit. Denn eine einheitliche Regelung der canonischen Texte war bei der vorausgegangenen Verwilderung der Handschriften im Interesse der Kirche sowohl für den praktischen Zweck der gottesdienst- lichen Vorlesungen als für den dogmatischen Gebrauch in den die Lehre der Kirche betreffenden Kämpfen durchaus nöthig. Ein streng historisches Interesse wörtlicher quellenmässiger Text- überlieferung war in der Kirche überhaupt noch nicht vorhanden gewesen. Jene Redaktoren thaten also was im Einzelnen Un- zählige vor ihnen gethan hatten, nur dass es ihnen gelang, ihren recensierten Text zur Alleinherrschaft zu bringen und die grie- chischen Handschriften der xoivtj Ixöoöic (bis auf den später im Kloster S. Irenaei in Gallien wieder aufgefundenen Codex D) völlig zu verdrängen. Einen solchen Erfolg würde ihr Werk aber nimmermehr gefunden haben, wenn nicht das Bedürfniss der Kirche zwingend auf den Abschluss des Canons durch Fixie- rung der canonischen Texte hingedrängt hätte und wenn jene Redaktoren als wirkliche Fälscher ihre Arbeit gethan hätten. Wir können ja auch ihre Arbeit durch Vergleichung des revi- dierten Textes mit den Zeugen der xoivrj exdoöig einigermassen controlieren , woraus sich ergibt, dass Textfälschungen im dog- matischen Interesse nicht stattgefunden haben 1). Wenn daher
1) Harnack bemerkt hierzu: „Dogmatische Correkturen haben in einigen Fällen doch stattgefunden, wenn sie auch nicht in alle Hand- schriften übergegangen sind".
§ 3. „Canonische" und ,,A.ussercanonische" Texte. 21
in unserer Zeit die gelehrten Herausgeber des neutestamentlichen Canons auf eine bereinigte Darstellung des canonischen, d. i. eben des revidierten, Textes ausgegangen sind und dabei die ältesten griechischen Zeugen dieses revidierten Textes, d. h. also die ältesten und besten griechischen Codices, zu Grunde gelegt, die Ab- weichungen des vorcanonischen Textes aber, also der xoivr exöooig, die Lesarten des Cod. D und der alten Versionen, in die An- merkungen verwiesen haben, so ist dies eine vollberechtigte und in sich consequente Handlungsweise, auch keineswegs so nutzlos, wie es de Lagarde darstellt, da man ja die Textge- schichte in den Anmerkungen, das Resultat dieser Textge- schichte aber in der Gestalt des bereinigten canonischen Textes vor Augen hat.
Ganz anders gestaltet sich freilich das Urtheil, wenn es sich um neutestamentliche Quellenforschung, zumal auf dem Gebiete der Evangelienkritik, handelt, da gerade für die Evangelien die Quellen der vorcanonischen Texte besonders reichlich fliessen. Die evangelische Quellenkritik auf den recensierten cano- nischen Text gründen wollen, das ist die Beschränktheit, welche de Lagarde geissein will, wenn er (Mitth. IV, 307) sagt, „dass alle Untersuchungen über das N. T. und über die vor jener öioqO-coOiq liegende Zeit der Kirche nutzlos sind, wenn sie auf dem bei Lachmann, Tregelles, Tischendorf, Westcott-Hort vor- gelegten, die in Antiochien gemachte öiOQfrmöiq wiedergebenden Texte fussen." Denn bei dieser diOQ&coöiq und bei der hierbei vorgenommenen Nivellierung der Texte sind allerdings zahlreiche historische Details verwischt, charakteristische Züge unkenntlich gemacht, quellenmässige Reste des Urtextes beseitigt und somit vielfach gerade diejenigen Elemente vernichtet worden, welche für die historische Quellenforschung die wichtigsten Anhalts- punkte zu bieten vermögen. In diesem Sinne ist de Lagarde vollkommen zuzustimmen, wenn er die xoivfj sxöoOig (d. i. die Summe der vorcanonischen Texte) zwar „nicht für identisch mit der Hand der heiligen Schriftsteller, aber für viel werthvoller als dieRecension der diaoxsvaöral oq&oöo^oi" bezeichnet. (Mitth. IV, 307). Es ist erstaunlich, dass de Lagardes Stimme zumal bei den auf dem Gebiet der evangelischen Quellenkritik thätigen Forschern nicht grössere Beachtung gefunden hat. Ich selbst bin nicht durch de Lagarde, sondern durch den Gang meiner
22 Text- und quellenkritiscke Grundlegungen.
eigenen Forschungen zu der Erkenntniss von dem historischen Werthe der vorcanonischen Texte gekommen.
Bis zum Jahre 1876, als ich meine Schrift: „Das Formal- princip des Protestantismus ,! veröffentlichte und darin die bis dahin von mir gewonnenen Resultate registrierte, hatte ich mich gleich den meisten Forschern, welche die Evangelienfrage behandeln, auf die innercanonischen Untersuchungen beschränkt und die canonische Textgestalt der Evangelien (nach Tischen- dorfs Ed. octava crit. major) zu Grunde gelegt. Ich glaubte damals am Ende meiner Forschungen angelangt zu sein, und kündigte in der Einleitung zu jener Schrift (S. VII) eine ..Historisch -kritische Synopse der canonischen Evangelien" an, zu welcher die Vorarbeiten bereits vorlagen. Und in der That am Ende der innercanonischen Forschungen bezüglich der Evangelien war ich auch angekommen. Auch bereue ich heute diese anfängliche Beschränkung meiner Forschungen in keiner Weise. Denn wie der Canon als solcher der unverrückbare Orientierungspunkt ist für die historische Theologie überhaupt, so bildet er speciell auch den Ausgangspunkt für die historische Evangelienkritik. Die „Canonischen Evangelien-Parallelen in den neutestamentlichen Lehrschriften " welche diesen gegenwärtigen „Aussercanonischen Paralleltexten zu den Evangelien" unverzüglich folgen sollen, werden Zeugniss ab- legen von der hohen Bedeutung, welche der eindringenden innercanonischen Vergleichung der neutestamentlichen Lehr- schriften mit den Evangelien innewohnt.
Aber einerseits noch nicht voll befriedigt von den damals gewonnenen Erkenntnissen, andrerseits angeregt durch Credners Aufsatz über den Codex Cantabrigiensis und durch die patristi- schen Parallelte"Xte in Angers Synopsis Evangeliorum begann ich eine zweite Epoche meiner Forschungen, von der ich frei- lich damals noch nicht ahnte, wie weit sie mich führen würde. Eine mehrmalige eingehende Collation des Codex Bezae so- wohl nach der Kiplingschen als nach der Scriven ersehen Ausgabe und eine unausgesetzte Forschung in der patristischen (wie auch apokryphischen) Literatur überzeugte mich von dem hohen historischen Werthe der vorcanonischen Textgestalt, in welcher die Evangelien vor der letzten Fixierung der canoni- schen Texte verbreitet gewesen sind. Es wurde mir klar, dass
§ 3. „Canonische" und „Aussercanonische" Texte. 23
die canonische Textrevision ein viel ..zu schmaler Rücken" ist, um eine Evangelienkritik zu tragen, welche alle Instanzen zu- sammenfassen soll. Ich sah, dass der kritische Apparat bei Tischendorf bezüglich der Evangelien und ihrer Verbreitung in der patristischen Literatur, wie es auch nicht anders sein kann, noch sehr unvollständig ist, ebenso wie ja auch in Angers Synopsis nur ein bestimmter Ausschnitt aus der patristischen Literatur Berücksichtigung gefunden hat. Und so beschloss ich, vorerst einmal die Materialien, insbesondere auch die aussercano- nischen, in möglichster Vollständigkeit zusammenzustellen, da- bei zugleich den ersten Theil der Tischendorfschen Editio octava critica major, welcher die Evangelien umfasst, bezüglich der patristischen Literatur planmässig zu ergänzen.
Zur Vollständigkeit des einschlagenden Materials gehörten selbstverständlich auch die ..Agrapha", d. h. diejenigen ausser- canonischen Evang elienfragmente , zu denen es in den canoni- sehen Evangelien direkte Parallelen nicht gibt. Diese fielen mir bei der Durchforschung der patristischen Literatur nach direkten Evangelienparallelen ganz von selbst mit in die Hände, — etwa wie die Zimmerspäne niederfallen, wenn man Balken behaut. Es wäre doch gewiss ganz unverzeihlich ge- wesen, wenn ich diese Späne nicht gesammelt hätte. So entstand ganz von selbst, ohne Ahnung meinerseits, dass daraus später ein selbstständiges Buch hervorgehen würde, ganz allmählich wachsend, die Sammlung der Agrapha. Und ich glaube, schon jetzt ist es vielfach erkannt, wie befruchtend und anregend dieses aussercanonische Material auf die Evangelienforschung zu wirken vermag. In viel höherem Masse dürfte dies von einer möglichst vollständigen Sammlung „Aussercanonischer Paralleltexte zu den Evangelien" gelten, einmal weil hier direkte Parallelen zu den canonischen Evangelientexten vorgelegt werden, sodann weil diese „Aussercanonischen Paralleltexte"' unvergleichlich zahl- reicher als die Agrapha sind und endlich weil hier unmittelbar das gesammte Gebiet der Evangelienforschung in Mitleidenschaft gezogen wird durch vollständige Zusammenstellung der älteren vorcanomschen Textgestalt, welche der canonischen öioq&cooiq und unseren sämmtlichen griechischen Codices vorangegangen ist.
Wenn ich gleichwohl nicht den Titel: „Vor canonische Pa- ralleltexte'', sondern die Überschrift: „Aussercanonische Parallel-
24 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
texte zu den Evangelien •• gewählt habe, so ist hierfür ein for- meller Gesichtspunkt massgebend gewesen. Nämlich durch den Titel „Vorcanonische Paralleltexte" würde entweder die Voll- ständigkeit beeinträchtigt oder das Werthurtheil über die ein- zelnen Texte in Bausch und Bogen praejudiciert worden sein. Hätte ich nur diejenigen Texte in die Sammlung aufnehmen wollen, welche nach meinem Urtheile einen guten vorcanonischen i handschriftlich begründeten) Text repraesentieren, so hätten viele Citate in Wegfall kommen müssen, darunter auch solche, welche nach dem Urtheil Anderer vielleicht höchst werthvoll sind. Da- gegen wird bei der Überschrift: ..Aussercanonische Paralleltexte " weder die Vollständigkeit gefährdet noch irgend ein quellen- kritisches oder textkritisches Werthurtheil über die Texte ge- fällt. „Aussercanon isclr' ist ein indifferentes Wort; es con- statiert bei den Texten lediglich eine erhebliche Abweichung von der canonischen Textgestalt, wobei die Frage, woher solche Abweichung stamme und welchen Werth sie besitze, voll- ständig offen gehalten und der Einzeluntersuchung in jedem einzelnen Falle überlassen wird.
Wenn ich mich aber auf die „Aussercanonischen Parallel- texte zu den Evangelien" beschränkt und die übrigen Schriften des N. T. nicht berücksichtigt habe, so ist dies einmal das natur- gemässe Ergebniss meiner von Haus aus auf die Evangelien gerichteten Studien, zum Andern aber auch der Thatsache ent- sprechend, dass sowohl die Zahl als namentlich auch die Er- heblichkeit der aussercanonischen (bzw. vorcanonischen) Texte in den neutestamentlichen Lehrschriften weit geringer ist, als in den Evangelien. Ein Ergänzungsband zu dem zweiten Theile der Editio octava critica major von Tischendorf, welcher die neutestamentlichen Lehrschriften umfasst, würde höchst kümmer- lich ausfallen. Dass dies bei den Evangelien — und besonders bei den synoptischen — sich ganz anders verhält, das hängt mit dem Ursprung und mit der Geschichte der Evangelien auf das Alier- engste zusammen und soll, was zunächst den Canon und die Textgeschichte der Evangelien anlangt, im nächsten Paragraphen näher erläutert werden.
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 25
§ 4.
Die Quellen der aussercaiionisclien bzw. vorcano- nisclien Evangelientexte.
Es entsteht nun die Frage: Welches sind die Quellen, aus denen eine möglichst vollständige Sammlung der aussercano- nischen, d. h. nicht recensierten. Evangelientexte gewonnen werden kann? Diese im Vorhergehenden bereits mehrfach gestreifte Frage bedarf einer selbstständigen und übersichtlichen Beant- wortung. Und zwar handelt es sich hier noch nicht um die Frage nach der möglichen letzten Quelle, sondern um eine übersichtliche Darstellung der nächsten literarischen Quellen, aus denen die vorcanonischen, bzw. aussercanonischen Evangelien- texte zu gewinnen sind. Es kommen dabei folgende in Betracht:
A. Der griechische Codex Bezae.
B. Die altitalischen Evangelien- Versionen.
C. Die altorientalischen, besonders syrischen Evangelien- Versionen.
D. Das Diatessaron Tatians.
E. Die patristischen Evangeliencitate.
F. Die neutestamentlichen Apokryphen und Pseudepigraphen.
G. Die altkirchlichen Liturgien.
An der Spitze dieser Quellen steht, als der einzige grie- chische Codex derart.
A. Der Codex Cantabrigiensis.
Die instruktivste Untersuchung über diese einzigartige Evan- gelienquelle verdanken wir Credner. Und da dessen Darlegung in der jüngsten — von Cambridge ausgegangenen — Studie über den Codex Bezae nicht einmal Erwähnung, geschweige denn eingehende Berücksichtigung, gefunden hat und auch sonst nicht nach Gebühr gewürdigt worden zu sein scheint, so sei es mir gestattet, die Crednersche Anschauung über diesen Codex (nach den Beiträgen zur Einleitung in die biblischen Schriften I. S. 452 — 518) in ihren Grundzügen zu reproducieren.
Credner unterscheidet drei Entwickelungsstufen in der Ge- schichte dieses merkwürdigen Codex.
26 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Die erste Stufe, die Entstehung dieses Codex, verlegt Credner in das zweite Jahrhundert, ohne jedoch eine nähere Zeitbestimmung zu geben. Der Codex entstand nach ihm in den Händen ebionitischer (antichiliastischer) Judenchristen } wahr- scheinlich in Palaestina, umfasste die vier Evangelien, die Apostel- geschichte, die katholischen Briefe und war lediglich in griechi- scher Sprache verfasst. Dabei nimmt Credner zwei Hand- schriften, welche er A. und B. nennt, als Quellen an und be- zeichnet die eine Quelle bald als eine „unbekannte Autorität", bald als ein „apokryphes Evangelium". Schon diese älteste Text- gestalt des Codex Bezae zeichnete sich durch viele Freiheiten in der Behandlung der Texte (namentlich des Lucasevangeliums und der Apostelgeschichte) und durch zahlreiche Glossen aus.
Das zweite erkennbare Stadium in der Entwickelung der Cambridger Handschrift verlegt Credner in die Zeit um das Jahr 500. Noch sind es nach seiner Anschauimg ebenfalls die- selben judenchristlichen Kreise, in denen die Handschrift als Kirchenbuch conserviert worden ist. Dieselben hatten sich aber inzwischen den katholischen Anschauungen genähert und hielten es für zweckmässig, ihrem Kirchenexemplare eine ähnliche Ein- richtung zu geben, wie die von Euthalius (um 480) ausge- gangene war. Für möglich hält es Credner, dass zwischen der Entstehung der Handschrift im zweiten Jahrhundert und dieser Neugestaltung derselben am Ende des fünften Jahrhunderts noch eine Zwischenstufe der Entwickelung stattgefunden habe, die sich jedoch nicht mehr ermitteln lasse. Auch schliesst er die An- nahme, dass bereits bei der Umarbeitung des Codex ums Jahr 500 die lateinische Übersetzung dem griechischen Urtexte bei- gefügt worden sei, nicht gänzlich aus, ohne sich jedoch für diese Annahme zu entscheiden. Dagegen seien die kirchlichen dva- yvcoöfiaza damals durch Randbemerkungen kenntlich gemacht worden, darunter 26 Lesestücke am Sabbath (jieqi tov öaßßärov), welche den fortgesetzt judenchristlichen Charakter der Hand- schrift deutlich bekunden und, da diese liturgischen Randbe- merkungen nur zur Seite des griechischen Textes sich befinden und in griechischer Sprache abgefasst sind, es nicht wahrschein- lich machen, dass schon damals der lateinische Text beigefügt worden sei. Wohl aber erhielt die Handschrift damals ihre sticho- metrische Anordnung, in welcher sie noch jetzt erhalten ist.
H
4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 27
Die jetzige Gestalt empfing der Codex Bezae im dritten und letzten Stadium seiner Entwicklung, wie Credner annimmt, am Ausgang des sechsten oder am Anfang des siebenten Jahr- hunderts, und zwar im südlichen Gallien, wohin ein orienta- lischer Judenchrist die Handschrift gebracht habe. Einem im Schönschreiben geübten Schreiber wurde hier der griechische stichometrische Text diktiert und von demselben mit vielen sinn- entstellenden Fehlern nachgeschrieben. Die liturgischen Rand- bemerkungen, welche durch den fortgesetzten Gebrauch des früheren Kirchenexemplars defekt geworden waren, wurden in ihrer verstümmelten Gestalt 1) der neuen Handschrift von einer andern Hand einverleibt. Eine lateinische Übersetzung, eine ängstliche, fast wörtliche, Nachbildung des griechischen Textes, die sich aber von den sinnentstellenden Fehlern der griechischen Nachschrift frei hält, wurde beigefügt. So entstand die Hand- schrift D (griechisch) und d (lateinisch), während die Textgestalt aus der Zeit um 5u0 von Credner mit C bezeichnet wird.
So in allgemeinen Umrissen die von Credner vorgenom- mene Construktion der Textgeschichte, welche der Codex Bezae voraussetzt. Die lehrreiche Begründung im Einzelnen mag man bei Credner selbst nachlesen.
Der Hauptmangel der Crednerschen Untersuchung aber ist in der Nichtberücksichtigung der Trabanten des Codex Bezae zn erkennen, durch deren Vergleichung man zu dem Ergebniss gelangt, dass in dem griechischen Codex Cantabrigiensis, den alt- lateinischen Versionen und den altorientalischen Übersetzungen, voran der altsyrischen, eine einheitliche Text familie vorliegt, welche als solche ebenso sehr durch Abweichung von den recen- sierten canonischen Texten, als durch vielfache Übereinstimmung mit den patristischen Textcitaten aus dem zweiten und dritten Jahrhundert sich kennzeichnet. Diese von Credner nicht ge- würdigte Thatsache ist von Westcott und Hort in ihren Untersuchungen über die neutestamentlichen Texte ans Licht ge-
1) Z. B. rNOZMA [Ava]yvootia , Lesestück für den Sabbath
PITOYZA = [tcb\qi zov occ\ deg gonntags nach üstern,
T&TH2 [ßßa}xov zVg welcher dt(^ol./oiuoc ge-
AKOYNI [A]«*or« „t wai,
MOY [a}ßov )
2§ Text- und quellenkritische Grundlegungen.
stellt worden. Diese Kritiker haben die Vermuthung ausge- sprochen, dass die von ihnen mit der Bezeichnung „Western text" belegte Textfaniilie in Nordwestsyrien oder Kleinasien ihren Ursprung habe und frühzeitig nach Rom gebracht worden sei, von wo aus dieselbe nach den verschiedenen europäischen Ländern sowie nach Nordafrika sich verbreitet habe. Von Nordwest- pyrien aus sei dieselbe durch Palästina und Ägypten bis nach Äthiopien vorgedrungen.
Einen anderen Weg sucht die neueste Studie der Cambridger Schriftforschung zu bahnen. J. Rendel Harris (A Study of Codex Bezae — Texts and Studies ed. Robinson. II, 1. Cam- bridge 1891) nimmt an, dass der Codex Bezae, welcher bereits vor Tatian, ja vor Marcion entstanden sei, von Haus aus den Evangelientext in beiden Sprachen, der griechischen und lateini- schen, dargeboten habe, und dass der lateinische Text die eigentliche Quelle für den griechischen Text des Codex sei, dass man also dem letzteren nur eine secundäre Bedeutung beizumessen habe. Die bilinguale Handschrift, welche dem Codex in seiner jetzigen Gestalt zu Grunde liege, sei in Rom entstan- den. Dabei habe man jedoch nicht Ursache anzunehmen, dass die lateinische Übersetzung der Evangelien, welche jedenfalls früher entstanden sei, dieselbe Geburtsstätte mit der Übersetzung der Apostelgeschichte gehabt habe. Diese Untersuchungen von Harris, welche allerdings noch nicht vollständig veröffent- licht sind, gründen sich auf eine minutiöse Textvergleichung, wodurch die Abhängigkeit des griechischen Textes und zahl- reiche Latinismen des letzteren in Folge seiner Abhängigkeit von dem lateinischen Texte dargethan sind. Sollten die Unter- suchungsresultate, welche Harris gewonnen zu haben glaubt, sich bewahrheiten, so würde die mit dem Codex Bezae ver- wandte Textfamilie ihren Ursprung im westlichen Rom genom- men haben und in der That den Namen „Western text" voll- kommen verdienen.
Aber so interessant und so anregend diese von Harris an- gestellten Untersuchungen sind, so sehr scheinen sie mir an einer grossen Einseitigkeit zu leiden, insofern der (in seiner Be- deutung überschätzte) lateinische Text des Codex zum einzigen Ausgangspunkt der Untersuchung gemacht ist und insofern alle anderen Instanzen lediglich von diesem Gesichtswinkel aus be-
S 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 29
trachtet oder auch völlig ignoriert werden, wie letzteres den scharfsichtigen Darlegungen Credners ergangen ist. Nichts ist natürlicher, als dass der lateinische Text auf den nebenstehenden griechischen Text zurückgewirkt hat. Aber wenn man die zahl- reichen Beispiele derart, welche Harris beibringt, genauer prüft, so zeigt sich dieser Einfluss des lateinischen Textes doch vorzugsweise nur in untergeordneten linguistischen und grammatikalischen Punkten und erweist sich durch- aus nicht als ausreichend, um die tiefer greifenden Eigentümlichkeiten des griechischen Textes zu er- klären. Aber selbst in untergeordneten Varianten kann die Unabhängigkeit des griechischen Textes von der lateinischen Version in vielen Fällen überzeugend nachgewiesen werden. Wenn z. B. im griechischen Texte des Codex D folgende Vari- anten uns entgegentreten:
Lc. 5, 1 1 : xartksixpav für das canonische ayivTzq,
Lc. 10, 6: ijtiOTQstpsi .. . ävaxafnpei,
Lc. 11, 6: jtaQSOtiv .. - „ jtaQsytvsro,
Lc. 10, 31: xaxa rvya .. xaxä CvyxvQiav
Mt. 25. 17: oiioicoq .. - „ cooavtcoq
Lc. 15, 29: jtaQtß?]v . .. „ jiagTß&ov
Lc. 9, 29: tp.Xoim&i] - .. „ trsgov eytvero
Mc. 14,64: öoxet .. - gxxivsrai
Mt. 19, 28: ötxaövo .. .. •• 6coÖ£xa
Lc. 6, 14: IxaXeöEV .. .. covöfiaosv
Mt. 10, 6: vjtaysrs .. .. „ xoQSveO&e
Lc. 13, 8: rovrov top enavröv .. .. tovto to Itoc
Lc. 24, 3: tXsvüig .. .. „ jtagovöta
Mt. 26, 8: öiajioveio&ai „ „ ayavaxretv,
so kann der lateinische Text, welcher sich solchen Varianten gegenüber völlig indifferent verhält, nimmermehr die Quelle der- selben sein. Dass der griechische Text vielmehr in solchen Fällen unabhängig von dem lateinischen ist, ersieht man z. B. aus Lc. 11, 6, wo die lateinische Übersetzung in d: supervenit — die Variante: jcägtötiv in D auf keine Weise erklärt. Dass der griechische Text mit seinen Eigentümlichkeiten vielfach auf ältere griechische Quellen zurückgeht, zeigt ein eclatanter Fall, der in Lc. 9, 57 vorliegt. Wie in Mt. 25. L0 Cod. D. yxäyeir
30 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
an Stelle des canonischen äji£Qxe6&at einsetzt, so liest derselbe anch Lc 9, 57: axolov&rjoco aoi ojiov av vjtäyeiq anstatt des canonischen äjcsQXfl- Denselben Text und dieselbe Lesart vxäyeiv muss aber auch bereits der Apokalyptiker vor sich gehabt haben, wie man aus Apoc. 14, 4: ovtoi ol dxoXov&ovvrsg reo agvirn ojtov av vjiäyt] — deutlich ersehen kann. Wenn nun alle Itala-Hand Schriften mit der Vulgata: ieris lesen und also vxayuq (oder besser vjcäytjq) voraussetzen, so kann nicht die alt- lateinische Version die Quelle dieser Variante sein, sondern nur der schon vom Apokalyptiker in dieser Form gekannte griechische Text. Überhaupt müssten doch, wenn die durch Harris auf- gestellte Behauptung von dem massgebenden Einfluss des dem Codex Bezae angehörigen lateinischen Textes zu Recht bestünde, alle altlateinischen Versionen den Stempel direkter Abhängigkeit von dem lateinischen Texte des Codex d an sich tragen, und es wäre dann eine solche Mannigfaltigkeit der altlateinischen Texte, wie sie vorhanden ist, eine Unmöglichkeit geworden. Aber gerade die reiche Fülle der lateinischen Texte, ihre Selbstständigkeit gegenüber Cod. d, ihr häufiges direktes Zurückgehen auf den griechischen Urtext D beweisen es, dass Harris einer einseitigen Vorstellung bezüglich der Entstehung des Western text gefolgt ist. Auch die Thatsache, dass die altsyrische Version nicht selten mit dem griechischen Cod. D, aber dabei nicht mit der lateinischen Übersetzung (d) zusammentrifft, erweist es, dass nicht der lateinische Text, wie Harris anzunehmen geneigt ist, son- dern direkt der griechische Text die Quelle für den Syrer Cure- tons gewesen ist. Aus alledem ist zu erkennen, dass die von Harris gemachten Einzelbeobachtungen noch eine andere Lösung fordern, als die von ihm gegebene.
Diese Lösung dürfte mit Berücksichtigung aller einschlagen- den Instanzen eine Entwickeluug der mit dem Codex Bezae zu- sammenhängenden Textfamilie in folgenden vier Stadien an die Hand geben.
Der erste Archetypus des Codex Cantabrigiensis war ein griechischer Evangeliencanon, die erste Zusammenfassung der vier canonischen Evangelien. Dafür zeugt die älteste syrische Übersetzung, welche nur die vier Evangelien umfasst, dafür zeugen ebenso die alten lateinischen Übersetzungen, von denen Zahn (Geschichte des Canons I, 1. S. 62) sagt: „Die ihrem In-
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 31
halt und z. Th. auch der Zeit nach vorhieronyinianischen latei- nischen Evangeliencodices enthielten, soweit man darüber urtheilen kann, alle nur die Evangelien, diese aber sämmtlich". S. die Übersicht bei Scrivener p. 342—345. Die Entstehung dieses Evangeliencanons fällt spätestens in die Zeit um d. J. 140, weil Tatian sicher, wahrscheinlich auch schon Justin, ihn voraus- setzt. Dass dieser Evangelien canon die älteste und erstmalige Zusammenfassung der vier canonischen Evangelien war, wird durch die Thatsache bewiesen, dass derselbe nicht nur den alten occiden- talischen und orientalischen Versionen zu Grund liegt, sondern auch die patristische Literatur am Ausgang des zweiten und am Anfang des dritten Jahrhunderts beherrscht. Der Verfasser dieses ältesten Evangeliencanons beschränkte sich nicht auf eine Copisten- Arbeit, sondern entwickelte dabei eine redaktionelle Thätigkeit. Denn wenn er z. B. den bekannten (von mir in den Agrapha S. 70 ff. mit- getheilten) aussercanonischen Paralleltext, eine archaistische Paral- lelversion zu Lc. 14, 8—11, in seinen Evangeliencanon nach Mt, 20, 28 einschaltete, so that er das abweichend von dem canoni- schen Matthäustexte kraft redaktioneller Freiheit, obgleich in ■diesem Falle nicht wie sonst oft gestützt auf die älteste vorcano- nische Evangelienquelle, das Urevangelium. Und wenn diese dem Contexte von Mt. 20, 28 ursprünglich fremde Einschaltung in die lateinischen Versionen, in den Syrer Curetons, in die Phi- loxenianische und andere alte Übersetzungen übergegangen ist, so erkennt man deutlich den massgebenden Einfluss, den jener älteste Evangeliencanon mit seinen redaktionellen Eigenthümlich- keiten gewonnen und behauptet hat, bis sein griechischer Text durch die canonische Recension der Evangelien verdrängt wurde, während er in den Versionen noch länger fortlebte.
Die selbstständige Arbeit des Redaktors tritt aber weniger im ersten Evangelium hervor, als vielmehr in ganz auffälliger Weise im Lucasevangelium. Das Marcion-Evangelium, welches ungefähr um dieselbe Zeit entstanden sein wird, wie dieses Lucasevangelium nach der Bearbeitung des Archetypus von Codex D, zeigt in dem uns erhaltenen marcionitischen Texte viel weniger tief einschneidende Varianten als Codex D. Dabei folgte der Verfasser des Archetypus von Codex D, der Redak- tor jenes ältesten griechischen Evangeliencanons, sichtlich einer älteren Handschrift, welche Credner bald eine „unbekannte
32 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Autorität", bald ein „apokryphiscb.es" — wir sagen lieber ein aussercanonisches — „Evangelium" nennt. Jedenfalls lag dieser unbekannten Autorität nach meiner wohlbegründeten Über- zeugung eine griechische Version des hebräischen Urtextes, ver- wandt demjenigen Typus zu Grunde, welchem auch der erste Evangelist gefolgt ist. Nur so sind im Lucasevangelium des Codex D die zahlreichen Textänderungen zu erklären, welche so oft wie nach dem Matthäustexte vorgenommene Conformationen aussehen und von vielen Textkritikern (namentlich von Tischen- dorf] als solche betrachtet worden sind. Nichts ist unwahr- scheinlicher als die Annahme, dass ein Redaktor, wie derjenige, der den Archetypus des Codex D verfasste. welcher der Haupt- sache nach den Lucastext mit so grosser Selbstständigkeit be- handelte, welcher zahlreiche Änderungen, einschneidende Kürzun- gen, wichtige Einschaltungen vornahm und von allen canonischen Texten kühnlich abwich, an anderen Stellen wieder zugleich ängst- lich bemüht gewesen sein sollte, seinen Lucastext dem ersten cano- uischen Evangelium zu conformieren. Solche Conformierungs- versuche, welche ohnehin erst einer viel späteren Zeit angehören, widersprechen dem Gesammtcbarakter des dem Codex Bezae zu Grunde liegenden Archetypus. Diese scheinbaren Conformierun- gen nach dem Matthäustexte, welche mitten in dem aussercano- nischen Lucastexte des Codex Bezae uns begegnen, etwa auf Rechnung eines späteren Abschreibers setzen zu wollen, wäre ebenfalls völlig unmotiviert. Dann hätte doch der Abschreiber einfach eine Radicalcur vornehmen und die ganze Handschrift nach den recensierten canonischen Texten conformieren müssen. Ein Abschreiber oder späterer Redaktor, der das nicht gethan, sondern die aussercanonische Textgestalt des Codex der Haupt- sache nach intakt gelassen hat. konnte unmöglich an kleinen Conformierungsversuchen Interesse haben. Nein, nur der Einfluss einer Version des hebräischen Urtextes, welche mit der vom ersten Evangelisten gebrauchten nahe verwandt war, erklärt die kühne, selbstständige, bald von sämmtlichen canonischen Evan- gelien abweichende, bald mit dem Matthäustexte sich in über- raschender Weise berührende Redaktion, welche das Lucasevan- gelium im Codex Bezae erlitten hat.
Jedenfalls noch vor dem Ende des zweiten Jahrhunderts er- folgte das zweite Stadium in der Entwickelung des Codex
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 33
Bezae. Jener Evaugelieucanou wurde vermehrt durch die Apostelgeschichte und die katholischen Briefe. Dabei fanden sowohl in den Evangelien als in dem Texte der Apostelgeschichte manche glossatorische Erweiterungen statt. Eine solche freie Textbehandlung war nur möglich in der Zeit vor Or igen es und der durch ihn eingeleiteten Textrecension. Hatte der Re- daktor jenes Archetypus, jenes ältesten Evangeliencanons, ohne selbst Judenchrist zu sein, die — auch von Justin geth eilte
— vermittelnde Stellung dem gemässigten Judenchristenthum gegenüber zum Ausdruck gebracht, sofern er das judenchrist- liche Evangelium an die Spitze dieses im Übrigen echt katho- lischen Evangeliencanons gestellt hatte, so verdanken wir speciell die weitere Ausbildung der Handschrift, die uns jetzt im Codex Bezae vorliegt, ausschliesslich judenchristlichen Kreisen, welche die Apostelgeschichte und die katholischen Briefe, nicht aber das paulinische Schriftthum, der Handschrift einverleibten. Auch die weitere Conservierung der Handschrift im Laufe der näch- sten Jahrhunderte wird, wie Credner ganz richtig gesehen hat, auf dieselben judenchristlichen Kreise zurückzuführen sein. Denn während in der orthodoxen Kirche in Folge der canonischen Textrecension die Exemplare jener vorcanonischen Evangelien- sammlung längst verdrängt und verschwunden und nur in Über- setzungen erhalten waren, blieben diese judenchristlichen Kreise von der Textrecension der Grosskirche unberührt und konnten so ein griechisches Exemplar jener vorcanonischen Evangelien- sammlung für ihren gottesdienstlichen Gebrauch bewahren und in jene spätere Zeit hinüberretten.
Das dritte wahrnehmbare Stadium in der Entwickelungs- geschichte unseres Codex hat Credner jedenfalls richtig be- zeichnet, indem er es — nach seiner Auffassung als das zweite
— in die Zeit bald nach Euthalius verlegte. Nur dürfte die auch von ihm zugegebene, dann aber nicht weiter verfolgte Möglichkeit, dass bei der Neueinrichtung der Handschrift bereits der lateinische Text um 500 zur Seite gestellt wurde, zur Gewissheit zu erheben sein. Denn nur so erklärt sich der von Harris durch zahlreiche Beispiele bewiesene Einfluss des latei- nischen Textes auf den griechischen Text, während, wenn die lateinische Übersetzung erst bei der letzten Redaktion dem Codex beigegeben worden wäre, ein solcher Einfluss nicht wohl hätte
Texte und Untersuchungen. X. 3
34 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
stattfinden können. In dem von Alters her überlieferten griechi- schen Text waren gewiss schon manche Randbemerkungen (so die Bezeichnungen der Ammonischen Sektionen oder xsyxx- Xaia, wahrscheinlich auch die Perikopen für die Sabbathe) bei- gegeben, welche nun bei der Redaktion um 500 durch die Lese- stücke des Euthalius vervollständigt wurden. Gleichzeitig er- folgte die stichometrische Anordnung des Textes. Denn wir wissen bestimmt, dass die stichometrische Texteintheilung der Apostelgeschichte und der Briefe erst durch Euthalius besorgt worden ist. Wenn nun auch jetzt zum ersten Male eine latei- nische — ebenfalls stichometrisch abgetheilte — Übersetzung beigegeben wurde, so war es natürlich, dass diese von den liturgischen Randbemerkungen des griechischen Textes frei blieb. Diese liturgischen Randbemerkungen mit ihren Sabbath-Perikopen beweisen mehr als alles Andere, dass die Fortpflanzung und der gottesdienstliche Gebrauch unserer Handschrift ausschliess- lich judenchristlichen Kreisen zuzuschreiben ist. Und da das Judenchristenthum hauptsächlich nur in Syrien, Palästina, Arabien sich erhalten hatte, so ist es sehr wahrscheinlich, wie auch schon Credner angenommen hat, dass bei dem lebhaften Handels- verkehr zwischen Syrien und Südgallien es ein syrischer Juden- christ gewesen ist, der die Übertragung des Codex in dieser seiner späteren Gestalt nach Südgallien vermittelt hat. Es ist dabei anzunehmen, dass der Codex, der in seinem ersten Stadium als einfacher Evangeliencanon einen gut katholischen Unions- typus und daher auch bei den altkirchlichen Schriftstellern und durch frühzeitige Übersetzungen einen so weit reichenden Ein- fluss sich errang, in seiner späteren Gestaltung, vermehrt durch die Apostelgeschichte und die katholischen Briefe, nur in juden- christlichen Kreisen sich fortpflanzte und in der Grosskirche — zumal nach der grossen canonischen Textrecension oder dioQ&ooöiq — niemals recipiert gewesen ist.
Das vierte und letzte Stadium erreichte die Cambridger Handschrift im sechsten Jahrhundert, indem der Text einem Ab- schreiber diktiert wurde, welcher des Griechischen nur in sehr unvollkommener Weise mächtig war und daher viele sinnlose Fehler in den griechischen Text eintrug, Fehler, welche sich lediglich aus einem gedankenlosen und allen Verständnisses baaren Nachschreiben der diktierten Wörter erklären. Das
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 35
Lateinische, dessen der Schreiber besser kundig war, weist nach seiner Aussprache auf Südgallien hin, wo auch der Codex (in dem Kloster St. Irenaei bei Lugdunum) aufbewahrt und im 16. Jahrhundert wieder aufgefunden wurde, wo also auch jedenfalls die letzte Redaktion der Handschrift stattgefunden hatte.
Aus dieser Textgeschichte geht Beides hervor, einestheils der einzigartige Werth des Codex Cantabrigiensis , dessen Arche- typus die Urgestalt unseres Evangeliencanons reprae- sentiert, andrerseits die Notwendigkeit, mit vorsichtiger Kritik den Text des Archetypus von den späteren Änderungen und Entstellungen des Textes zu unter- scheiden.
Die Möglichkeit hierfür ist dadurch gegeben, dass der Codex Bezae, wenn auch unter den griechischen Handschriften völlig isoliert stehend, doch bezüglich der Evangelien durch zahlreiche Versionen als Trabanten begleitet ist, welche älter sind als seine jetzige Textgestalt. Das Verwandtschaftsverhältniss der zu dem Codex D gehörigen Textfamilie lässt sich graphisch darstellen wie folgt.
A. Archetypus. Griechischer Evangeliencanoii si
ens um 140.
Altsyrische Version
Curetons
ca. 250.
Andere orientalische Versionen.
Altlateinische Versio- nen vor dem Ende des 2. Jahrhunderts.
J
Die lateinischenEvan-
gelienübersetzungen
aus späterer Zeit.
B. Evangeliencanon
mit Apostelgesch. u. kathol.
Briefen vor 200.
C. Neue Redaktion von B.
Beifügung des lateinischen
Textes um 500.
I
D. Letzte Abschrift des
bilingualen Codex — gegen
Ende des 6. Jahrhunderts.
Um den reinen Text des Archetypus des ältesten Evange- liencanons wieder herzustellen, sind daher folgende textkritische Normen im Auge zu behalten:
3ß Text- und quellenkritische Grundlegungen.
1. Übereinstimmung des griechischen Codex D, der altlatei- nischen Versionen und des Syrers Curetons ergiebt un- zweifelhaft den Text des Archetypus, auch wenn derselbe nur durch ein einziges lateinisches Exemplar vertreten sein sollte.
2. Übereinstimmung zwischen dem Syrer Curetons und den altlateinischen Versionen führt zu demselben Resultat, auch wenn der griechische Text von D nicht mit dabei sein sollte. Denn da bei der Unabhängigkeit der altsyrischen und altlateinischen Übersetzung von einander ein Zusam- mentreffen beider mit Nothwendigkeit auf die gemeinsame Quelle zurückweist, so muss, wenn die Zustimmung des jetzigen griechischen Textes fehlt, angenommen werden, dass derselbe in solchen Fällen durch die Abschreiber alteriert und seiner Urgestalt entfremdet, dagegen in den bei- den Seitenlinien, der lateinischen und altsyrischen, conser- viert worden ist.
3. Übereinstimmung des griechischen Textes von D mit dem Syrer Curetons führt bei dem hohen Alter des letzteren mit Wahrscheinlichkeit ebenfalls auf denselben Quellentext zurück.
4. Dasselbe gilt von der Übereinstimmung des griechischen Textes mit der altlateinischen Version, namentlich wenn dieselbe durch die meisten Exemplare der Itala vertreten ist, auch wenn im Syrer der Urtext verloren sein sollte.
5. Wenn der griechische Codex D mit seinem lateinischen Trabanten d für sich allein einen aussercanonischen Evan- gelientext vertritt, ohne von den übrigen lateinischen Ver- sionen und vom Syrer Curetons gestützt zu sein, so kann sein Zusammentreffen mit anderen alten Versionen, nament- lich den orientalischen, sowie mit patristischen Evangelien- citaten ein Indicium für die Quellenmässigkeit seines Textes werden.
6. Auch wenn er völlig isoliert steht, wie z. B. in dem ausser- canonischen Texte zu Lc. 6, 4, welcher in den Agrapha S. 108. 191 mitgetheilt ist, kann er die echte Tradition des Archetypus vertreten, wenn quellenkritische — also nicht mehr textkritische — Instanzen dafür sprechen.
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 37
Es würde ein verdienstliches Unternehmen sein, wenn nach diesen — vielleicht noch zu ergänzenden — textkritischen Normen eine Wiederherstellung jenes Archetypus, jenes ältesten Evange- liencanons, versucht würde, insofern hier mit Ausschluss sämmt- licher übrigen griechischen Codices, mit Absehen also von dem recensierten canonischen Evaugelieutexte , diejenige vorcano- nische Textgestalt sichtbar werden würde, welche lange Zeit hindurch den grössten Einfluss in der alten Kirche behauptet hat. Was Hug (Einleitung I, ISO) nicht ganz zutreffend von der Cambridger Handschrift in ihrer jetzigen Gestalt sagt, das würde von dem recoustruierten Archetypus des Codex D in vollem Sinne gelten: wir würden in demselben „ein Abbild der xoivrj exöootg der Evangelien", d. h. den vor der canonischen Textrecension am meisten im Gebrauch gewesenen Evangelien- text, besitzen.
Es geht aus alledem hervor, welcher hoher Werth immer- hin dem Codex Bezae in seiner jetzigen verderbten Gestalt eignet, aber auch wie seine beiden Seitentrabanten, die altsyrische Version Curetons und die lateinischen Evangelientexte vor Hie- ronymus, an Bedeutung ihm nahe stehen.
B. Die altitalischen Versionen.
Obwohl der hohe Werth der altlateinischen Evangelienüber- setzungen aus dem Vorhergehenden allenthalben hervorleuchtet, so ist doch ein besonderes Wort über dieselben erforderlich, namentlich auch deshalb, weil die Frage nach ihrer Entstehungs- zeit neuerdings in Fluss gerathen ist.
Insbesondere ist es Zahn gewesen, der dieser Frage in seiner lebhaften Weise sich angenommen hat. Seine wichtigsten Urtheile hierüber lauten folgendermassen: „Zur Zeit von Cypri- ans Episcopat (24S — 258) war die afrikanische Kirche an eine lateinische Bibel gebunden. Der chaotische Zustand ist vorüber. Es giebt einen festen lateinischen Bibeltext, welcher in den ver- schiedensten Zusammenhängen wesentlich gleichmässig citiert wird. Wir besitzen noch Bruchstücke von Evangelienhand- schriften, welche dem Texte Cyprians sehr nahe stehen. Der griechische Text wird von Cyprian nicht mehr ausdrücklich be- riAcksichtigt. Hieraus ergiebt sich, dass die lateinische Bibel der afrikanischen Kirche in der Zwischenzeit zwischen 210 und 21"
38 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
entstanden und in den kirchlichen Gebrauch eingeführt worden ist". (Gesch. des Kanons I, 1, 59).
Anders stand es nach Zahn zur Zeit Tertullians. „Vor 210 — 240 hat es noch keine lateinische Bibel gegeben". (S. 60). „Hiermit ist behauptet, dass es in Afrika zur Zeit Tertullians ebenso wenig eine lateinische Bibel gegeben hat, als zur Zeit Augustins eine punische". (S. 51). „Einen lateinischen Bibel- text aus denselben (sc. den Schriften Tertullians) herzustellen, ist ein vergebliches Unternehmen, weil Tertullian einen solchen nicht gehabt, sondern stets aus dem Stegreif und daher in der mannigfaltigsten Weise aus seiner griechischen Bibel beider Testamente seine Citate excerpiert und zugleich tibersetzt hat". (S. 53). „Wenn die Beweise für die Nichtexistenz einer latei- nischen Bibel im Gesichtskreis Tertullians sich durch alle seine Schriften bis zu den jüngsten hindurchziehen, so folgt dar- aus mindestens, dass vor seinem Übertritt zur montanistischen Partei, vor der förmlichen Separation der Montanisten in Car- thago, d. h. vor den Jahren 203 — 206, in Afrika keine lateinische Bibel existiert hat, und dass, wenn unmittelbar darnach unter den katholischen Christen Afrikas eine solche entstand, die montanistische Gemeinde davon keine Notiz nahm. (S. 59).
Auch gegenüber den von Harn ack ausgesprochenen Zweifeln J) hat Zahn erst neuerdings2) die Behauptung wiederholt, „dass es heute doch noch erst zu beweisen gilt, dass es um 203 in Afrika eine lateinische Bibelübersetzung gegeben hat".
Aber diese von Zahn bestrittene Thatsache ist bereits end- giltig erwiesen. Schon Hug (Einleitung I, 140) hat auf die Stelle de monogamia c. 11 aufmerksam gemacht, wo Tertul- lian im Unterschied von der gebräuchlichen Übersetzung auf den griechischen Urtext recurriert und damit das Vorhanden- sein und den Gebrauch einer lateinischen Version constatiert. Die fragliche Stelle lautet folgendermassen (1. Cor. 7, 24 be- treffend) :
Sciamus plane non sie esse in Graeco authentico, quo-
1) Harnack, Das Neue Testament um das Jahr 200. S. 33: „Doch kann ich nicht sagen, dass er (sc. Zahn) mich überzeugt hat, indem er die lateinische Bibelübersetzung erst zwischen 220 — 240 ansetzt".
2) Theol. Literaturblatt. 1892. No. 4. S. 43.
§. 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 39
modo in usum exiit per duarum syllabarum aut cal-
lidani aut simplicem eversionem. Hier ist es doch evident, dass der „Montanist" Tertullian auf einen lateinischen Text, dem er eine aus böslicher Absicht oder aus einfältiger Unwissenheit entstandene Verkümmerung des ursprünglichen Sinnes vorwirft, Rücksicht nimmt. Folglich wird er es auch sonst noch oft genug gethan haben, wenngleich er seine griechische Bibel, wie es auch diese Stelle zeigt, immer zur Hand hatte. Es wäre doch auch an sich höchst unwahr- scheinlich, wenn zur Zeit Tertullians noch keine Spur eines lateinischen Bibeltextes zu finden sein sollte, und unmittelbar darauf unter Cyprian eine solche nicht nur wie ein deus ex machina hervorgetreten, sondern auch sofort in allgemein kirch- lichen Gebrauch eingeführt worden wäre. Solche Dinge machen sich doch nur allmählich und wollen ihre Entwicklungsstufen durchlaufen 1).
Neuerdings sucht sich nun auch eine ganz andere Beurthei- lung des Sachverhaltes Bahn zu brechen, indem die Cambridger Theologen den Ursprung des lateinischen Bibeltextes tief in das zweite Jahrhundert hinein zurückverlegen. Es ist zunächst Robinson, welcher die Cambridger „Texte und Untersuchungen" mit einer interessanten Abhandlung über die alten Märtyrer- Akten (The Passion of S. Perpetua, Texts and Studies I, 1) er- öffnet und dabei auch einschaltungsweise den Bericht der süd- gallischen Gemeinden von Lugdunum und Vienne über die dasigen Martyrien (Eus. H. E. V, 1. 2) in der Weise behandelt hat, dass er die eingestreuten Citate und Anspielungen an neutestament- liche Schriftstellen auf Rückübersetzungen aus dem Latei- nischen ins Griechische zurückzuführen versucht hat. Hier- nach würde, da dieser Bericht aus d. J. 177 stammt, bereits um die Mitte des zweiten Jahrhunderts ein lateinisches Neues Testa- ment bei den südgallischen Gemeinden im Gebrauch gewesen sein. Noch weiter geht, wie oben erwähnt, J. Rendel Harris, welcher die älteste lateinische Evangelienversion bis in die marcionitische Zeit, mithin bis in die erste Hälfte des zweiten
1) Harnack bemerkt hierzu: „Es giebt noch eine Reihe schöner Beweise für die Existenz einer lateinischen Bibel zur Zeit Tertullians; aber der hier angeführte genügt m. E. vollkommen".
40 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Jahrhunderts, zurückdatiert. Ich selbst habe bei deu zahlreichen Allusionen an die Evangelientexte, welche der Pastor Herinae darbietet, schon längst wiederholt der Vermuthung Raum ge- geben, dass hier vielfach Rückübersetzungen aus einem lateinischen Evangelientexte vorliegen möchten und dass eben in Folge dieses Umstandes jene zahlreichen Allusionen weniger leicht zu er- kennen seien, weil in diesen Rückübersetzungen mehrfach von dem griechischen Urtext abweichende Ausdrücke gewählt seien.
Doch bedürfen diese Vermuthungen allesammt noch weiterer und eingehender Prüfung. Nur ist es von vornherein wahr- scheinlich, dass, sobald im Orient, oder etwa in Rom als dem oecumenischen Mittel- und Ausgangspunkte, ein Evangeliencanon (um 140) im griechischen Texte entstanden war, im ersten Falle, sofort dessen Übertragung nach Rom stattgefunden und jeden- falls alsbald eine Popularisierung desselben für den occidenta- lischen Gottesdienst durch Darbietung eines lateinischen Textes sich vollzogen haben Avird. Ebenso war bei der regen Verbin- dung zwischen den kleinasiatischen Christengemeinden und den südgallischen Tochtergemeinden der Weg für die Verbreitung jenes Evangeliencanons nach Südgallien und für seine Über- tragung in das dort übliche lateinische Idiom geebnet. Endlich auch in Nordafrika war, wie Tertullian deutlich zeigt, neben der griechischen Bibel frühzeitig ein lateinischer Text des Neuen Testaments gebräuchlich (in usuin exiit). Und wenn Tertullian schon bezüglich der apostolischen Briefe einen solchen lateini- schen Text in Nordafrika gekannt hat, so ist die Übertragung des Evangeliencanons in das nordafrikanische Latein sicher- lich noch viel früher geschehen.
So erklärt sich auch die Thatsache, dass die altlateinischen Evangelien-Übersetzungen eine so grosse Varietät der Über- setzungstypen aufweisen. Tot sunt paene (exemplaria), quot Co- dices. In den verschiedenen occidentalischen Kirchengebieten sind sehr frühzeitig lateinische Versionen des Evangeliencanons unabhängig von einander entstanden, sicherlich noch vor dem Ende des zweiten Jahrhunderts.
C. Die altorientalischen Versionen. In der bereits erwähnten Abhandlung: De novo testamento ad versionum orientalium fidem edendo hatte de Lasar de i. J.
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 41
1857 auf die Wichtigkeit der orientalischen Übersetzungen zur Herstellung eines möglichst authentischen Textes für das Neue Testament aufmerksam gemacht. Eine Einseitigkeit lag dabei vor in der geringen Berücksichtigung, welche de Lagarde den mindestens gleichwertigen altlateinischen Versionen ge- gönnt hatte. Aber die Abhandlung war gleichsam ein prophe- tischer Weckruf, welcher auf eine im nächsten Jahre, im J. 1858, hervorgetretene wichtige wissenschaftliche Entdeckung vorbe- reiten sollte. Denn wenn de Lagarde (p. 88 in den Gesam- melten Abhandlungen, wo er jene Jugendarbeit wieder abdrucken Hess) als die wichtigsten orientalischen Versionen folgende fünf namhaft macht: armenica, aethiopica, syriaca prima et tertia, coptica — , so veröffentlichte Cureton im Jahr darnach aus den i. J. 1842 ins Britische Museum gekommenen Hand- schriften des Syrerklosters der nitrischen Wüste einen fragmen- tarisch erhaltenen syrischen Evangeliencanon, welcher an Wichtigkeit alle übrigen orientalischen Versionen bei Weitem übertrifft und von de Lagarde als klassischer Zeuge für die von ihm vermuthete Vorgeschichte der syrischen Übersetzungen erkannt worden ist. Durch Friedrich Bae tilgen (Evangelien- fragmente. Der griechische Text des Curetonischen Syrers 1885) ist jene Entdeckung weiteren Kreisen zugänglich gemacht, zu- gleich aber auch die nahe Verwandtschaft jenes syrischen Evan- geliencanons mit dem Codex Bezae ins hellste Licht gestellt worden. Über die dadurch gegebene Möglichkeit, mittels Ver- gleichung des Syrers Curetons mit den altlateinischen Ver- sionen auf den Archetypus des Codex Bezae und seiner Trabanten sichere Rückschlüsse zu machen, auch da, wo der jetzige Text des Codex Bezae uns im Stiche lässt, habe ich mich bereits im vorhergehenden Abschnitt ausgelassen. Hier ist noch darauf hinzuweisen, dass die altsyrische Version Curetons die Grund- lage des in der Peschittha enthaltenen syrischen Evangelien- textes bildet, in welchem manche Reste jener ältesten Übersetzung sich finden.
Aber auch mit dem Diatessaron Tatians stand jener uralte syrische Evangeliencanon, dessen Fragmente Cureton wieder entdeckt, in engster Verbindung. Baethgen (S. 95) spricht darüber seine Meinung folgendermassen aus: „Der erste, der den Syrern das Evangelium in ihrer Sprache brachte, war
42 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Tatian, welcher seine Harmonie niederschrieb. Fast ein Jahr- hundert lang war diese Harmonie das einzige Evangelium der syrischen Kirche. Um 250 entstand daneben die erste Über- setzung der getrennten Evangelien, welche unter Zugrundelegung eines griechischen Exemplars, aber so weit es thunlich war, im engsten Anschluss an den Text des Diatessaron von einem Un- bekannten angefertigt wurde". In dieser Auffassung ist der letzte Satz jedenfalls dahin zu berichtigen, dass der unbekannte Verfasser des altsyrischen Evangeliencanons sicherlich direkt aus derselben Quelle schöpft wie Tatian bei Verabfassung seiner Evangelienharmonie, nämlich aus dem Archetypus des Codex Bezae und der altlateinischen Versionen, und dass die Über- einstimmung zwischen dem Syrer Curetons und Tatians Diatessaron auf die gemeinsame Abhängigkeit von die- ser Quelle zurückzuführen ist.
Jedenfalls überragt eben deshalb die altsyrische Evangelien- Übersetzung Curetons alle übrigen orientalischen Versionen an Ursprünglichkeit und Bedeutsamkeit für die Reconstruktion des vorcanonischen Evangelientextes.
Noch ein späterer Ausläufer dieser auf den Archetypus des Codex D zurückweisenden Wurzel ist Thomas von Charkel (616) gewesen, Mönch, später Bischof von Mabug (= Hierapolis) in Syrien, Revisor der 508 von Polycarp, einem Chorbischof des Philoxenus, Bischofs von Mabug, verfertigten und dem Phi- loxenus gewidmeten syrischen Version, Philoxeniana, in welcher manche werthvolle Reste vorcanonischer Texte conserviert sind.
In subsidiärer Weise sind sämmtliche orientalische Versionen, wenn auch erst lange nach dem zweiten Jahrhundert entstanden, für die Textgeschichte der Evangelien von hohem Werthe.
D. Das Diatessaron Tatians. Eine ganz besonders wichtige Quelle aussercanonischer, bzw. vorcanonischer, Evangelientexte würde für uns Tatians Dia- tessaron sein, wenn dasselbe nicht seit dem 5. Jahrhundert, nachdem die canonische Textrecension zur Alleinherrschaft durch- gedrungen war, einen gründlichen Ausrottungsprocess erlitten hätte. In Folge dessen gehört das Diatessaron zu den gänzlich verlorenen Schriften. Weder griechische noch syrische Exem- plare dieser ältesten Evangelienharmonie haben sich erhalten.
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 43
Doch lässt sich eine th eilweise Reconstruktion derselben aus folgenden vier Quellen bewirken:
1. Ephraem Syr. Evangelii concordantis expositio. (Ed. Mösinger).
2. Aphraates. Homilien. (Übersetzt von Bert 1888).
3. Victor Capuanus. Harmonia Evangeliorum. (Codex Fuldensis ed. E. Ranke 1868).
4. Tatiani Evangeliorum Harmonia Arabice. (Ed. Ciasca, Romae 1888.)
1. Ephraem Syrus. (f 378.) Die Hauptquelle für unsere Kenntniss des Diatessaron bildet ein Commentar über die Evangelien, welcher von Ephraem Syrus in der Weise gegeben worden ist, dass Tatians Dia- tessaron die eigentliche Vorlage bildete, neben welcher aber auch die vier canonischen Evangelien Berücksichtigung fanden, und zwar in der Regel nach dem Texte der Peschittha, jedoch auch mit Einmischung des griechischen Textes. Schon hieraus ergab sich eine Buntheit von Lesarten und eine unerschöpfliche Fülle von Differenzen, welche ein sicheres Urtheil erschwert. Da aber ferner dieser Evangelien-Commentar auf mündlichen Vor- trägen Ephraems ruht und aus schriftlichen Aufzeichnungen eines seiner Schüler auf uns gekommen ist, und da überdem gegen das Ende Diktat und Aufzeichnung überaus flüchtig gerathen sind, so ist ein vollständiges Bild des Diatessaron aus diesem Commentare nicht zu gewinnen.
2. Aphraates. (336—345.) In noch geringerem Maasse ist dieses bei Aphraates der Fall, welcher in seinen Homilien überaus zahlreiche Evangelien- Citate einwebt, ohne dass er seine Quellen namhaft macht. In manchen Fällen kann man durch den Nachweis der Übereinstim- mung zwischen Aphraates und Ephraem den Gebrauch des Diatessaron auch von Seiten des Erstgenannten verificieren. Aber noch viel häufiger misslingt dieser Beweis. Der Text des Aphraates zeigt deutliche Spuren, dass ihm die vier getrennten Evangelien nicht unbekannt waren. Nicht selten steht er auch mit seinen Citaten völlig isoliert. Bei der Freiheit seiner Citations- weise ist er überhaupt keine sichere Quelle für Evangelientexte.
44 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
3. Victor Capuanus (541 — 554). Dieser gelehrte Bischof fand eine lateinische Evangelien- harmonie, welche er für Tatians Diatessaron hielt und statt der vier Evangelien an die Spitze des von ihm herausgegebenen Neuen Testamentes (Cod. Fuldensis) stellte (546). Diese lateinische Evangelienharmonie, welche in der That auf dem Diatessaron ruht, ist gleichwohl für die Reconstruktion des letzteren fast werthlos, da der Urtext Tatians nach dem Texte der Vulgata conformiert, auch die Anordnung des Stoffs in wichtigen Punkten alteriert ist.
4. Das arabische Diatessaron (1043). Durch den Ausrottungsprocess hindurch, welchem Tatians Diatessaron unterlegen war, hatte sich bis in den Anfang des 11. Jahrhunderts ein schriftliches Exemplar gerettet. Es war dies ein syrisches Manuscript, welches auf Grund einer älteren Vorlage von Isa ben Ali Almottabbeb, einem Schüler des i. J. 873 verstorbenen Abu Zaid Honain ben Ishaq. im Anfang des 10. Jahrhunderts angefertigt worden war. Im J. 1043 über- setzte Abul-faraj Abdullah Ben-at-tib diese syrische Hand- schrift ins Arabische. Und dieses arabische Diatessaron ist es, welches Ciasca i. J. 1888 mit lateinischer Version herausgegeben und der theologischen Welt zugänglich gemacht hat. Schon die Geschichte dieses Werkes weckt die Vermuthung, dass wir hier nicht das ursprüngliche Diatessaron, sondern eine Überarbeitung nach den Grundsätzen der canonischen Textrecension vor uns haben, welche Vermuthung durch die vielfache Übereinstimmung mit der vorher erwähnten lateinischen Evangelienharmonie ihre Bestätigung findet. Beide Werke gehen höchst wahrscheinlich auf dieselbe Quelle zurück. *) Wenn man auch in Bezug auf die Anordnung des Stoffes in Tatians Diatessaron aus diesen späteren Bearbeitungen desselben wichtige Schlüsse ziehen darf, so ist doch gerade für die Texte, und zwar für die vorcanonischen Texte der Evangelien, die Ausbeute nur eine geringe. Im Ganzen sagt Harnack das Richtige: „Überall, wo ich die arabische Harmonie aufgeschlagen habe, d. h. an den für den wirklichen Tatian charakteristischen Stellen, war das Charakteristische
1) Vgl. Harnack, Das Neue Testament um das Jahr 200. S. 101.
§. 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 45
entfernt und durch das Vulgäre ersetzt." Mir ist es bei der ersten Vergleichung dieses Werkes ebenso ergangen. Doch habe ich bei einer zweiten gründlicheren Collation auf Grund der Ton mir bereits angesammelten aussercanonischen Texte noch manche interessante Singularitäten wahrgenommen, welche als unabsichtlich stehen gebliebene Reste vorcanonischer Texte zu recognoscieren sind, welche ich daher der nachstehenden Samm- lung einzuverleiben nicht unterlassen habe.
Gleichwohl scheint mir es ein verfrühtes Unternehmen, den Urtext von Tatians Diatessaron zu reconstruieren und als solchen zu citieren. Ich habe es vorgezogen, jede einzelne der hier be- sprochenen Quellen für sich namhaft zu machen.
Das Gesammtbild aber, welches wir für das Tatianische Dia- tessaron daraus gewinnen, ist für die Geschichte des Evangelien- canons ein höchst bedeutsames.
Bereits in der Zeit von 160 bis 170 konnte Tatian den Gedanken ausführen, eine Evangelienharmonie zu schaffen, und zwar auf Grund unserer vier canonischen Evangelien. Denn dies letztere giebt nicht nur der Name diu tsogccqcov an die Hand, welcher Jsame, so absolut gesetzt, nicht auf beliebige vier Evangelien, vielmehr nur auf die vier in der Kirche bekannten und anerkannten Evangelienschriften sich beziehen kann, sondern es weisen auch alle Zeugen von Aphraates und Ephraem bis auf die arabische Evangeüenharmonie mit Bestimmtheit darauf hin, dass Tatian die vier canonischen Evangelien zusammen- gearbeitet und dabei namentlich auch dem Johanneischen Evan- gelium den grössten Einfluss eingeräumt hat.
Voraussetzung für die Unternehmung einer Evangelien- harmonie war das Vorhandensein eines Evangeliencanons, jenes Archetypus des Codex Bezae, dessen Entstehung spätestens um das Jahr 140 anzusetzen ist. Auf Grund dieses griechischen Evangeliencanons schuf Tatian sein syrisches Evangelium, d. h. seine höchst wahrscheinlich in syrischer — vielleicht zu- gleich auch in griechischer — Sprache verfasste Evangelien- harmonie. Diese Evangelienharmonie wurde für die um d. J. 170 entstandene syrisch-edessenische Kirche durch einige Jahrhunderte hindurch das massgebende Evangelium und bildete längere Zeit für diese Kirche die einzige neutestamentliche Vorlage in den gottesdienstlichen Vorlesungen. Auch als um die Mitte des dritten
4g Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Jahrhunderts die Quellenschrift des Diatessaron, jener älteste vier- fältige Evangeliencanon, in das Syrische übersetzt worden war und die syrische Kirche in dieser Version — dem jetzt so- genannten Syrus Curetonianus — auch die getrennten vier canonischen Evangelien besass, behauptete Tatians Evangelien- harmonie noch längere Zeit den Vorrang.
Erst als am Anfang des vierten Jahrhunderts die canonische Textrecension des Neuen Testamentes durchgedrungen war,machten sich auch für die syrische Kirche, welche bis dahin ihre eigenen Wege gegangen war, die Nachwirkungen davon geltend. Es be- gann allmählich ein Vernichtungskampf gegen das Diatessaron. So verordnete Bischof Rabbula von Edessa (412 — 435), dass in allen Kirchen „ein Evangelium der Getrennten" vorhanden sein und gelesen werden müsse. Und Bischof Theodoret vonCyrrhus (420 — 457) erzählt selbst, dass er in seiner — zwischen Edessa und Antiochien gelegenen — Diöcese mehr als 200 Exemplare von Tatians Diatessaron beseitigt und durch Exemplare der Evangelien ersetzt habe. Er sagt: Evqop 6s xdyco JcXeiovq rj öiaxooiaq ßißXovq xoiavxaq lv xalq tcüq rjfilv axxÄqöiaiq rsrifirjfievaq' xal Jtdoaq övvayayoyv djte&sfirjv xal xd xcöv xsx- xüqcov evayyeXiöxcöv dvxtiGi)yayov evayytha. (Theodoret, Haer. Fab. I, 20). Wir wissen, wie dieser Vernichtungskampf nur all- zugut gelungen ist und wie nicht ein einziges Exemplar des ur- sprünglichen Diatessaron sich erhalten hat.
Um diese selbe Zeit müssen die Versuche begonnen haben, das Diatessaron den canonischen Texten zu conformieren. Denn der Kampf gegen dasselbe galt nicht der Evangelienharmonie als solcher, sondern dem aussercanonischen Textcharakter derselben. Es war derselbe Vernichtungskampf, der in der Grosskirche alle griechischen Handschriften zerstört und beseitigt hat, welche nicht aus der canonischen Textrecension hervorgegangen waren. (Die Erhaltung und Fortpflanzung des Cod. Bezae, der einzigen vor- canonischen Handschrift, verdanken wir nicht der Grosskirche, sondern judenchristlichen Kreisen). Nur um den Preis der Con- formierung nach den canonischen Texten waren Liebhaber des Diatessaron im Stande, dasselbe zu conservieren.
So bedauerlich nun diese Vorgänge für die Texte und Quellen- erforschung auf neutestamentlichem Gebiete gewesen sind, ebenso werthvoll sind alle aussercanonischen Reste des Diatessaron, deren
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 47
man mit Hilfe der oben bezeichneten Quellen habhaft werden kann. Zunächst bieten sie ein wichtiges Hilfsmittel zur Ergänzung und Feststellung desjenigen Textes, welcher für den Archetypus des Codex Bezae, des Syrers Curetons und der altlateinischen Evangelien -Versionen vorauszusetzen ist, da dieser Archetypus auch für das Diatessaron Quelle und Voraussetzung war und die Textverwandtschaft desselben mit den genannten alten vorcano- nischen Zeugen vollständig erklärt, ja die Reconstruktion des für jenen Archetypus vorauszusetzenden Quellentextes unterstützt, auch da, wo der Codex Cantabrigiensis in seiner jetzigen Text- gestalt uns im Stiche lässt. Man kann daher das oben gegebene Quellen-Schema in folgender Weise vervollständigen.
Archetypus 140.
Griechischer Evangeliencanon.
Diatessaron Ta- tians 160—170.
Ephraeins Coni- mentar 360—370.
Lateinische Be- arbeitung des Diatessaron 546.
Syrisch-cano- nische Bearbei- tung 900—940. Arabische Über- setzung des Dia- tessaron 1043.
Syrer Curetons 250.
Peschittha
Philoxeniana 508—616.
Griech. Canon
Cod.D. Evv.,Apg.,
kath. Briefe
Vor 200.
Neue Redaktion des Codex D Bei- fügung des latei- nischen Textes ca. 500.
Letzte Redaktion
des bilingualen
CodexDdumöOO.
Lateinische Evan- gelien-Versionen Vor 200.
Cod. Vercellensis
vor 400.
Vulgata. Cod. Veronensis
vor 500.
Andere lat. Codi- ces.
Cod. Colbertinus vor 1000.
Hiermit sind wir an der Grenze des handschriftlichen Quellen- materials für aussercanonische, bezw. vorcanonische , Texte an- gelangt. Wir müssen aber die Retraktation hinzufügen: soweit dieses handschriftliche Material bekannt ist. So gross
48 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
und weitreichend derEinfluss der mit dem Codex Bezae zusammen- hängenden und auf den ältesten Evangeliencanon als Archetypus zurückreichenden Textfamilie erkannt werden muss, so nahe liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch noch andere handschrift- liche Überlieferungen von Bedeutung gegeben hat. Diese Ver- muthung stützt sich auf die Thatsache, dass der Archetypus des Codex Bezae keineswegs hinreicht, um alle die Varietäten der xoivrj txöooiq, d. i. der vorcanonischen Textüberlieferung, und das bunte Bild der patristischen Evangeliencitate zu erklären. Wenn Hug, wie oben erwähnt, den Codex D „ein Abbild der xoivr} exöoöiq der Evangelien" nennt, so ist es wahrscheinlich, dass es auch noch andere — davon differierende — Abbilder gab, welche aber verloren gegangen, bezw. nach dem Siege der späteren canonischen Textrecension ausgerottet worden sind. Es ist nicht unmöglich, dass noch irgendwo Handschriften verborgen liegen, welche eine vorcanonische Textgestalt der Evangelien repraesen- tieren und noch auf ihre Veröffentlichung warten. Hug erweckt selbst (Einl. I, 146) dahin gehende Hoffnungen, indem er sagt: „Wir werden uns aus diesen Bemerkungen — nämlich über den ZAveisprachigen Codex Cantabrigiensis — auch noch die weitere Prognose machen können, was wir von den verschiedenen griechisch- lateinischen Manuscripten zu erwarten haben, die noch vorhanden sind, und von denen mir noch ein merkwürdiger Codex der vier Evangelien bekannt ist, welcher sich zur Zeit in eine tiefe Verborgenheit zurückgezogen hat, bis es ibm einst gefallen wird, in einem Lande an das Tageslicht zu treten, dem ein minder fürchterliches Loos beschieden war. Ich dachte, aus ihm dieser Geschichte des Textes einen besonderen Schmuck zu ertheilen; allein die Begebenheiten der letzten Jahre haben mir mehr als eine Hoffnung dieser Art vernichtet".
Dunkel sind diese Andeutungen. Allein der zweifache Um- stand, dass jener merkwürdige Codex, auf welchen Hug hinweist, lediglich die Evangelien und diese in bilingualer Gestalt dar- bietet, lässt das hohe Alter, wenn nicht der Handschrift selbst, so doch ihres Archetypus erkennen und seine Verborgenheit auf das lebhafteste bedauern. Nach ihrem Charakter und ihren Schick- salen scheint diese Evangelien-Handschrift mit dem Codex Bezae grosse Ähnlichkeit zu besitzen.
Wie leicht aber noch weitere Aufschlüsse in unserer an der-
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 49
artigen Entdeckungen reichen Zeit erfolgen können, zeigt das unter zahlreichen anderen Handschriftresten in Fajjum aufge- fundene Evangelien fragment, der Rest einer Evangelienhand- schrift aus der Mitte des 3. Jahrhunderts, dessen Text trotz seines geringen Umfangs durch seinen aussercanonischen Charakter die höchste Beachtung verdient. (Das Nähere vgl. man in den Er- läuterungen zu Mt. 26, 30—34.)
Mit der Erwähnung dieses „Evangelienfragnientes von Fajjum" sind die handschriftlichen Quellen aussercanonischer Evangelientexte vollständig aufgeführt.
Es folgt daher die patristische Literatur, in welche zahl- reiche Fragmente vorcanonischer Evangelienhandschriften ein- gebettet sind, als nächste Quelle.
E. Die patristischen Evangeliencitate.
Wir betreten hiermit ein sehr schwieriges und ausgedehntes Forschungsgebiet, von welchem einzelne Theile bereits sorgfältig untersucht worden sind. Man denke nur an die von verschiedenen Seiten wiederholt unternommenen Untersuchungen bezüglich der Justinschen Evangeliencitate. Auch die grossen textkritischen Ausgaben des N. T. von Mill, Wetstein, Griesbach, Tischen- dorf, Tregelles haben der patristischen Literatur eine vielfache Berücksichtigung gewidmet. Gleichwohl fehlt eine möglichst vollständige, übersichtliche und von bestimmten Gesichtspunkten der Quellenkritik geregelte Sammlung der in der patristischen Literatur enthaltenen Evangeliencitate, wie ich sie versuche in dem gegenwärtigen Werke darzubieten, wobei zugleich die bis in die neueste Zeit hinein erfolgten Entdeckungen verloren ge- glaubter Bestandtheile der patristischen Literatur sorgfältige Ver- wendung gefunden haben.
Die patristischen Schriftsteller, welche mir für diese Samm- lung als Quellen gedient haben, theile ich in solche, deren Evangelientexte vollständig ausgenützt worden sind, und in solche, deren Evangeliencitate nur insoweit berücksichtigt sind, als sie in relevanter Weise von den canonischen recen- sierten Texten abweichen.
Zur ersteren Gruppe gehören sämmtliche Schriftsteller vor lrenaeus und Clemens AI. Hier finden sich fast nirgends solche Evangelientexte, welche vollständig mit der canonischen
Texte u. Untersuchungen X. 4
50 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Textrecension übereinstimmen. Die wenigen Ausnahmen, in denen dies doch der Fall ist, wegzulassen, würde an sich nicht empfehlens- werth gewesen sein, noch weniger aber im Hinblick auf einen leicht erreichbaren Nebenzweck, nämlich den Gebrauch der cano- nischen Evangelien von Seiten der betreffenden Schriftsteller in solchen Fällen sicher zu constatieren. Auf Grund wiederholter eingehender Vergleichungen hoffe ich von dem Verhältniss dieser ältesten Gruppe der patristischen Autoren zu der Evangelien- literatur ein so vollständiges Bild geben zu können, dass die mit diesem Forschungsgebiete Vertrauten neben vielem Bekannten auch manches Neue finden werden. Es kommen hier namentlich folgende Schriftsteller in Betracht:
1. Clemens Romanns.
2. Die Homilie, welche der zweite Clemens b rief ge- nannt wird. •
3. Die Ignatianen.
4. Der Brief des Polycarp.
5. Das Martyrium Polycarpi.
6. Der Brief des Barnabas.
7. Die Epistola ad Dognetum.
8. Der Pastor des Hermas.
9. Die Apologie des Aristides.
10. Die Jiday/'/ rcöv öoidexa ajcoozoZcov.
11. Justin.
12. Tatian.
13. Theophilus.
14. Athenagoras.
15. Die Clementinischen Homilien.
16. De aleatoribus.
Die Gesammtergebnisse, welche die Einzeluntersuchungen für jeden dieser Schriftsteller zeitigen werden, gedenke ich erst am Schlüsse des ganzen Werkes zu kurz zusammenfassenden Dar- stellungen zu bringen. Hier sei nur noch besonders auf den Pastor des Hermas hingewiesen, welchem ich eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet und in welchem ich viel zahlreichere Allusionen an die evangelischen Stoffe wahrgenommen habe, als man bisher anzunehmen geneigt war. Auf diesem Wege der Untersuchung habe ich mich mehrfach mit Prof. Taylor in Cambridge begegnet. Derselbe hat schon in The Journal of
§ 4. Die Quellen der aussercanoniscken Evangelientexte. 51
Philology (Vol. XVIII. No. 36. S. 297—325) in einer Abhandlung über das Verhältniss des Hirten zur d löayjj (The Didache com- pared with the Shepherd) die Methode vorgezeichnet, nach welcher er seine Untersuchungen über das Verhältniss des Hermas zu den Evangelien angestellt hat. Er ist dabei zu derselben An- schauung gelangt, von welcher aus nach meiner Überzeugung die Anspielungen des Hermas an die evangelischen Texte beurtheilt werden müssen. Ein apokalyptisch - prophetisches Werk, als welches der Pastor des Hermas beurtheilt sein will, konnte in keinem Falle mit declarierten Evangeliencitaten operieren. Ganz so urtheilt Prof. Taylor (1. c. p. 324), indem er von dem Hirten sagt: „He handles the canonical Scriptures in like fashion, the form of his work, which claims to be the embodiment of a revelation, not allowing him to cite them openlv. He disguises, and we know how he disguises." Soweit also der Hirte auf evangelischen Texten fusst, kann es sich nur um verdeckte, ab- sichtlich verdeckte, in die Form der Allegorie und der apo- kalyptischen Vision eingekleidete, Allusionen an die Evangelien handeln. „He allegorises," — sagt Taylor weiter — „he des- integrates, he amalgamates. He plays upon the sense or varies the form of saying, he repeats its words in fresh combinations or replaces them by synonyms, but he will not cite a passage simply and in its entirity." Diese Abhandlung Taylors war nur der Vorläufer der oben erwähnten, inzwischen im Druck er- schienenen Veröffentlichung: The Witness of Hermas to the four Gospels. In derselben behandelt Taylor seinen Gegenstand in drei Abschnitten:
I. Hermas und der vierfältige Evangeliencanon S. 1 — 21. II. Hermas und die synoptischen Evangelien S. 22 — 68.
III. Hermas und das vierte Evangelium S. 69 — 148.
Man ersieht hieraus, dass der Schwerpunkt der Taylorschen Untersuchungen auf dem vierten Evangelium ruht. Das letztere hat zwar meinerseits ebenfalls Berücksichtigung gefunden, soweit textliche Berührungen zwischen Hermas und dem johanneischen Evangelium vorhanden sind. Aber noch wichtiger für die gegen- wärtigen Untersuchungen ist das Verhältniss des Hermas zu dem synoptischen Evangelientypus und zu den auf diesem Gebiete so zahlreichen aussercanonischen Paralleltexten, worauf Taylor, welchem ich mein Verzeichniss der bei Hermas zu findenden
4*
52 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Evangelienparallelen übersandt hatte, am Schlüsse seines Werkes (S. 148) auch andeutend hinweist. Selbstverständlich musste ich mich auf diejenigen Allusionen an die Evangelien von Seiten des Hermas beschränken, in denen ein wenn auch noch so ge- ringer textlicher Rest erhalten ist, während Taylor auch diejenigen Partien herbeigezogen hat, in denen die evangelischen Stoffe nach seiner Auffassung eine völlig veränderte Einkleidung von Seiten des Autors erfahren haben. Vom Eifer fortgerissen, ist Taylor auf diesem Gebiete allerdings vielfach zu weit ge- gangen.
Unerwähnt kann ich nicht lassen eine im vorigen Jahre erschienene, frisch und anregend geschriebene Schrift: DieEvan- geliencitate Justins des Märtyrers in ihrem Werth für die Evangelienkritik von Bousset, die allerdings die Evan- geliencitate Justins nicht ganz vollständig wiedergibt, aber das grössere Ziel der „ Untersuchung sämmtlicher Evangeliencitate derjenigen Schriften, deren Übereinstimmung mit den Evange- liencitaten Justins wir so oft constatieren konnten" (S. 115) richtig bezeichnet und den Weg zu diesem Ziele in zahlreichen Einzeluntersuchungen muthig bahnt. (Vgl. § 5).
An der Spitze der zweiten Gruppe patristischer Autoren stehen Clemens AI. mit seinem grossen Schüler Origenes und Irenaeus mit seinem Schüler Hippolyt. Das Charakteristische bei diesen Schriftstellern ist das Auftreten zahlreicher canonischer Texte, d. h. also solcher Texte, welche mit der späteren cano- nischen Textrecension im Wesentlichen übereinstimmen, und daneben ein Fortleben aussercanonischer, bzw. vorca- nonischer Textgestalten. Eine Wendung, eine Recension der Texte, ist eingetreten. Die Textmischung aber erklärt sich aus dem Einfluss der neuen, recensierten Handschriften und dem gleichzeitigen Fortgebrauch der älteren Evangelienexemplare. Aber auch nach der grossen letzten Textrecension um die Wende des dritten und vierten Jahrhunderts wiederholt sich dieselbe Erscheinung. Namentlich sind es die ausserhalb der Grosskirche stehenden Richtungen, in welchen die recensierten Texte nicht sofort Aufnahme fanden, in welchen daher die älteren Evan- gelienexemplare noch längere Zeit in Geltung blieben. Wie im zweiten Jahrhundert Marcion bei Herstellung seines marcioni- tischen Evangeliums gute ältere Lucashandschriften benützte,
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 53
wie im dritten Jahrhundert die gnostischen Kreise, aus denen die Pistis Sophia hervorgegangen ist, werth volle, mit archaisti- schen Elementen durchsetzte, Evangelienhandschriften verwen- deten, so finden sich im vierten Jahrhunderte bei den Mani- en äern beachtenswerthe Reste aussercanonischer Textgestalten, so wurde in judenchristlichen Kreisen der Codex D bis ins fünfte und sechste Jahrhundert hinein fortgepflanzt. Aus diesem Um- stände, dass die ausserkirchlichen Richtungen von der in der Grosskirche durchgedrungenen Textrecension weniger berührt worden waren, erklärt sich die Erscheinung, dass in den alt- kirchlichen Haeresiologien, die aus haeretischen Quellen schöpften, aussercanonische Texte in grosser Zahl hervortreten. Namentlich ist dies bei Epiphanius der Fall, welcher je nach den Haeresien, die er behandelt, auf Grund seiner Quellen Evan- gelientexte ganz verschiedenen Charakters mittheilt. Die Haere- siologie des Epiphanius ist daher eine — vielfach noch nicht be- nutzt gewesene — Quelle aussercanonischer Evangelientexte, deren gründliche Ausbeutung ich mir habe besonders angelegen sein lassen. Auch in der Apostol. Kirchenordnung (Judicium Petri), in der syrischen Didascalia, in den Excerptis Theodoti finden sich neben canonischen zahlreiche aussercanonische Evangelien- texte, welche letztere sämmtlich von mir einregistriert sind.
In der Grosskirche waren es namentlich die Klöster, in deren verschwiegenen Bibliotheken die alten vorcanonischen Hand- schriften conserviert, wohl auch abgeschrieben, und somit in eine spätere Zeit hinein gerettet wurden. Sprechende Zeugen hierfür sind namentlich Macarius, Schüler des Antonius, ge- storben • i. J. 391 als Vorsteher einer Mönchsgenossenschaft in der sketischen Wüste, und Anastasius Sinaita, im 7. Jahr- hundert in den Sinaiklöstern lebend, deren archaistische Evan- gelientexte, womit sie ihre Schriften schmückten, auf gute alte Handschriften hinweisen, die ihnen zu Gebote standen. Und ist nicht der Codex Bezae in dem Kloster S. Irenaei bei Lyon bis in das Reformationsjahrhundert hinein wohl verwahrt gewesen? Ist nicht der Codex Sinaiticus in einem jener Klöster aufgefunden worden, denen einst Anastasius Sinaita angehörte?
So erklärt es sich, dass noch in späten Jahrhunderten ein- zelne Schriftsteller werthvolle Reste aussercanonischer Texte zu producieren im Stande waren, dass die einst so reichlich fliessende.
54 • Text- und quellenkritische Grundlegungen.
aber nach der canonischen Recension verschüttete Quelle hier und da noch tröpfelte und ihr früheres Dasein erkennen lässt.
Für die Fortpflanzung alter Handschriften war ferner die Bibliothek von Caesarea ganz besonders wichtig. Wie die von Bischof Alexander begründete Bibliothek zu Jerusalem zu den Zeiten des Eusebius noch vorhanden war, wie Julius Africanus das kirchliche Archiv zu Edessa benützte, so waren es namentlich drei patristische Autoren: Eusebius, der Re- daktor der Constitutionen und Pseudo-Ignatianen, Hie- ronymus, deren wissenschaftliche Thätigkeit aus der Bibliothek von Caesarea befruchtet worden ist. Die Begründung derselben war von Or igen es während seines Aufenthaltes in Caesarea angeregt und von Pamphilus, seinem Schüler, in grösserem Stile durchgeführt. Weit und breit sammelte Pamphilus darin alles zusammen, was die christliche Literatur hervorgebracht und er aufzutreiben im Stande war. Hier lagerten wichtige alttesta- mentliche Handschriften, darunter die Hexapla und Tetrapia des Ori genes. Dass auch werth volle neutestamentliche Handschriften nicht gefehlt haben werden, lässt sich von vornherein vermuthen und wird durch das Zeugniss des Hieronymus ausdrücklich bestätigt. Nach ihm befanden sich in der Bibliothek zu Cae- sarea zwei werthvolle Evangelienhandschriften: erstlich das in hebräischer Sprache (Hebraicis litteris verbisque) verfasste Ur- evangelium des Matthäus, und zweitens das in aramäischer oder syrochaldäischer Sprache (Chaldaico Syroque Sermone, sed Hebrai- cis litteris scriptum) geschriebene Hebräerevangelium. Während Hieronymus aus letzterem, dem Evangelium secundum Hebraeos, zahlreiche Excerpte — jedoch nicht nach dem caesareensischen, sondern nach einem von den Nazaräern ihm überlassenen Exem- plar — darbietet, scheint der des Hebräischen gleichfalls kundige Redaktor der Constitutionen und Pseudo-Ignatianen bei einer neuen Redaktion der ebendort aufbewahrten alten Kirchenordnungen direkt aus dem hebräischen Urevangelium geschöpft zu haben. Nur so lässt sich die Erscheinung erklären, dass derselbe — wohl um 350 schreibend — neben zahlreichen Evangelientexten, welche auf der canonischen Recension des N. T. basieren und mit den besten recensierten Codices überein- stimmen, auch eine reiche Fülle aussercanonischer Evangelien- fragmente — darunter nicht wenige Agrapha — einstreut, welche
§ 4. Die Quellen der aussercanoniscken Evangelientexte. 55
seiner Neubearbeitung der Kirchenordnungen einen archaistischen Anstrich und für die Quellenforschung einen so hohen Werth geben. Ebensowohl wie der Codex Cantabrigiensis neun Jahr- hunderte lang in dem Kloster St. Irenaei bei Lyon verborgen war und auch nach seiner Wiederentdeckung auf Theodor von Bezas Wunsch in der Bibliothek zu Cambridge wieder einge- sargt wurde, weil man wegen seiner zahlreichen aussercanoni- schen Bestandtheile für das reformierte Schriftprinzip Befürch- tungen liegte, ebensogut und noch leichter konnte das Urevan- gelium, welches dem Gesichtskreis der Kirche entschwunden war, welches gewiss in vielen Punkten dem katholisch gewordenen Bewusstsein der Kirche widerstrebte, in jener Bibliothek einen sicheren Bergungsort gefunden haben. Dass man diesen Schatz vor fremden Augen sorgfältig hütete, kann man bei dem da- maligen Zustand der Kirche von Haus aus schliessen; es wird dies aber auch durch den Umstand bestätigt, dass Hieronymus, der doch, wie er wiederholt bezeugt, oftmals in den Hand- schriften der caesareensischen Bibliothek geforscht hat, weder das hebräische Urevangelium noch das aramäische Hebräerevan- gelium aus Autopsie kannte, vielmehr letzteres, wie eben erwähnt, nur aus einem von den Nazaräern ihm überlassenen Exemplare übersetzt und durch zahlreiche Excerpte der Mit- und Nachwelt bekannt gemacht hat. Auch Eusebius, bei welchem sich nicht wenige aussercanonische Evangelientexte finden, zeigt sich über seine handschriftlichen Quellen sehr reserviert. Der Hinweis aber auf die caesareensische Bibliothek und auf die daraus ge- speisten patristischen Autoren, womit ich diesen Abschnitt schliesse, war bei der Frage nach den Quellen der aussercanonischen Texte unerlässlich.
F. Die apokryphe und pseudepigraphische Literatur. Eng mit der patristischen ist die apokryphe und pseudepi- graphische Literatur verwandt. Wir besitzen in den Ausgaben von Tischendorf u. A. neutestamentliche apokryphe Evangelien, Apostelgeschichten und Apokalypsen, wozu neuerdings die werth- vollen Untersuchungen von Lipsius namentlich auf dem Gebiete der Apostelgeschichten wichtige Commentare und Ergänzungen geliefert haben. Besonders fruchtbar war das Judenchristenthum nach seinen verschiedensten Küancen in Hervorbringung pseud-
56 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
epigraphischer Apokalypsen, in welchen die Schriftsteller unter der oft sehr durchsichtigen Maske alttestamentlicher Patriarchen und Propheten ihre meist nur sehr oberflächlich vorn Geiste des Christenthums tingierten Anschauungen schmackhaft zu machen suchten. Aber auch von fast allen anderen haeretischen Rich- tungen der alten Kirche sind zahlreiche Beiträge zur apokry- phischen und pseudepigraphischen Literatur geliefert worden. Selbst solche Elaborate im Sinne katholischer Legendenbildung reichen mit ihren Ursprüngen bis in sehr frühe Zeiten der Kirche hinauf. Es ist aber verhältnissmässig ein sehr geringer Rest dieser Literatur, welcher auf uns gekommen ist. Ihr Werth wird dadurch noch zweifelhafter, dass gerade die Apokryphen und Pseudepigraphen zu fortgehenden Weiterbildungen und Um- arbeitungen reizten und dass in Folge dessen nur wenige Schriften dieser Art in ihrer Urgestalt uns erhalten sind.
Was insbesondere die apokryphen Evangelien anlangt, welche uns hier am meisten interessieren und welche naturgemäss die grösste Ausbeute bieten sollten, so stehen dieselben tief unter den canonischen Evangelien. Namentlich für dasjenige Gebiet, welches den Hauptinhalt der canonischen Evangelien ausmacht, die Jahre des Wirkens und Lehrens Jesu, lassen uns die apo- kryphen Evangelien fast völlig im Stich. Selbst das verhältniss- mässig älteste, das Hebräerevangelium, welches mit dem Täufer Johannes und mit der Taufe Jesu im Jordan begann und bis zu den Erscheinungen des Auferstandenen reichte, weiss im Grunde nichts Neues zu berichten. Das Wenige, was beim ersten Anblick als neu erscheinen könnte, löst sich bei näherer Be- trachtung fast vollständig in Nebel auf und erweist sich als tendenziöse Interpolation oder als werthlose Ausschmückung der canonischen Texte. Um dieses Verhältniss recht zu würdigen, stelle man sich vor, die Kirche hätte nur die drei synoptischen Evangelien als canonisch überliefert, und das johanneische Evan- gelium wäre als apokryph später dazu gekommen. Wie würde man gestaunt haben: Alles aus Einem Guss! Nirgends Flick- und Stückwerk! Und dabei welche Fülle von neuen historischen Details, welcher Reichthum von überraschenden Zügen, von be- richtigenden oder ergänzenden Bemerkungen! Und bei aller Neuheit, bei aller Originalität, welche Congenialität mit dem synoptischen Erzählungstypus! Von alle dem findet sich bei den
§ 4. Die Quellen der aussercanonischen Evangelientexte. 57
apokryphen Evangelien keine Spur. Dagegen namentlich bei der Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu krankhafte, üppige Wucherungen, die den Stempel innerer Unwahrheit an der Stirn tragen. Gleichwohl ist auch diese Spreu nach echten Körnern zu untersuchen. Zum ersten Male in dieser Weise dürfte eine quellenkritische Vergleich ung der apokryphen Kindheits- evangelien mit den canonischen Geburts- und Kindheitsge- schichten des Lucas und Matthäus sowie mit den patristischen Berichten bei Justin unter Herbeiziehung des johanneischen Prologs vollzogen worden sein, wie solche im ersten Hauptab- schnitte der nachfolgenden Sammlung dargeboten wird. Auf diese Untersuchung, durch welche ein — schon vom johannei- schen Prologe vorausgesetztes — vorcanonisches Kindheitsevan- gelium als gemeinsame ältere, aus den Jahren 64 — 69 v. Chr. stammende, Quelle wahrscheinlich gemacht wird, möchte ich hier besonders hingewiesen haben.
Ausserdem sind die Acta Pilati, welche schon Justin benutzt hat, von einiger Wichtigkeit für Gewinnung ausser- canonischer Texte, obwohl diese Schrift ebenfalls nicht in ihrer Urgestalt, sondern nur in secundären Bearbeitungen uns er- halten ist.
Von den apokalyptischen Pseudepigraphen sind nament- lich die Apokalypse des Esra (=das vierte Esrabuch) sowohl in ihrem Urbestandtheile als in ihren späteren Zusätzen sowie dieTestamentaXII patriarcharum auf das Sorgfaltigste unter- sucht und in Bezug auf die darin enthaltenen evangelischen Stoffe vollständig ausgenützt worden. Wie beide — sowohl die um das Ende des ersten Jahrhunderts entstandene jüdische, aber von dem Geiste des Christenthums nicht unberührt gebliebene, Apokalypse des Esra, als namentlich auch die judenchristliche ebionitische, der Mitte des zweiten Jahrhunderts angehörige Schrift der Testamenta XII patr. — zahlreiche synoptische und johanneische Evangelienparallelen darbieten, wie also auch die pseudepigraphische Literatur für die Sammlung aussercanonischer Paralleltexte zu den Evangelien von hohem Werthe ist, darauf sei hier im Voraus hingewiesen. (Die Evangeliencitate der pseudoclementinischen Homilien, nicht aber die meistens canonisch conformierten Evangelientexte der Recognitionen, sind vollständig in meine Sammlung aufgenommen. Vgl. S. 50. Sie gehören
58 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
zum grössten Theile dem synoptischen Typus an, weichen aber Schritt für Schritt sprachlich von den canonischen Texten ab und sind daher, wahrscheinlich auf eine aussercanonische Version des Urevangeliurns zurückgehend, von höchster Bedeutung).
G. Die altkirchlichen Liturgien.
Dass in den altkirchlichen Liturgien wichtige Reste der ältesten Tradition fortlebten, ist schon längst erkannt. Die älteste Liturgie ist uns in den eucharistischen Abendmahls- gebeten der dtdax?] erhalten, welche in den Apostolischen Constitutionen und bei Pseudo- Athanasius fortgepflanzt sind1). Auch die übrigen Abendmahlsliturgien im VIII. Buche der Constitutionen, sowie die von Bunsen in den Actis Anteni- caenis 2) und die von Neale 3) herausgegebenen Liturgien bieten manche Evangelienparallelen von Bedeutung Unter den Tauf- liturgien sind die durch vorcanonische Bestandteile hervor- ragendsten einerseits die syrische Taufliturgie des Severus (de ritibus baptismi) 4) , andererseits der Bericht über die Tauf- einsetzung in dem V. Buche der Apostolischen Constitutionen5).
Wie man aus vorstehender Übersicht erkennt, ist es ein weit ausgedehntes Quellengebiet, aus welchem die Bäche zu dem Reservoir zusammengeflossen sind, mit welchem ich meine Samm- lung aussercanonischer Evangelientexte vergleichen möchte. Dabei bin ich weit entfernt, an eine Vollständigkeit meiner Sammlung zu glauben. Fast jedes Jahr bringt neue Veröffent- lichungen und neue Entdeckungen, welche unsre Kenntniss der altchristlichen Literatur bereichern. Wie Manches mag noch verborgen sein in Handschriften, die der Auferstehung aus ihrer Verborgenheit entgegensehen; wie Manches mag auch schon gedruckt sein, ohne dass wir seinen archaistischen Charakter
1) Alö. IX. X = Const. XII, 25. 26 = Pseudo-Athan. de virgin. 13.
2) Bunsen. Analecta Ante-Nicaena. 1850.
. 3) The Liturgies of S. Mark, S. James, S. Clement, S. Chrysostom, Basil, ed. Neale, with pref'ace by Dr. Littledale. London 1875.
4) Vgl. Agrapha S. 361—372.
5) Vrd. nachstehend die Erläuterungen zu Mt. 28, 18—20.
§. 5. Die quellenkritiscken Grundsätze der Untersuchung etc. 59
erkennen. Wer hätte z. B. geglaubt, dass die spätkirchliche Historia Barlaam et Josaphat thatsächlich eine der ältesten Apologien, nämlich diejenige des Aristides, enthalte! Dennoch hoffe ich, nach dem gegenwärtigen Stand der historischen Forschungen das Wichtigste an aussercanonischen Evangelien- texten in möglichster Vollständigkeit zusammengestellt zu haben.
Wenn somit ein reiches Quellengebiet aussercanonischer Evangelientexte aufgeschlossen ist, so sind es gleichwohl nur die nächsten literarischen Quellen, um welche sich es hier handelt. Es entsteht nun die Frage nach dem Ursprung der so zahlreichen aussercanonischen Evangelientexte. Und da die Mannigfaltigkeit aussercanonischer Textgestalten nicht sowohl bei dem johanneischen Evangelium, als vielmehr bei den Evan- gelientexten synoptischen Charakters uns hauptsächlich entgegen- tritt, so kommen nunmehr die quellenkritischen Untersuchungen in Betracht mit der Hauptfrage: Welches ist die letzte Quelle der so zahlreichen und so überaus mannigfaltigen und in ihrem Gesammtcharakter doch so einheitlichen Evangelientexte nach synoptischem Typus?
Um zu dieser letzten Quelle zu gelangen, gilt es den rich- tigen Weg der Untersuchung einzuschlagen.
9 &•
Die quelleiikritischeii Grundsätze der Untersuchung bezüglich der aussercanonischen Paralleltexte.
Das Material der aussercanonischen Paralleltexte zu den canonischen Evangelien würde unvollständig und vielfach un- geniessbar bleiben, wenn nicht auch ergänzende Einzelunter- suchungen hinzukommen und darin orientierende Grundsätze der Evangelienkritik zur Geltung gelangen würden. Muss es doch ohnehin als ein empfindlicher — freilich in der Sache selbst be- gründeter — Mangel bezeichnet werden, dass in den grossen textkritischen Ausgaben des Neuen Testaments die ungesichtete Masse des kritischen Materials von Unzähligen nicht benützt wird, weil der orientierende Führer fehlt, der durch die laby-
60 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
rinthischen Irrgänge der Textkritik sicher hindurch leiten könnte, weil die Worfschaufel fehlt, welche die Spreu der Lesarten von den echten Weizenkörnern scheidet. Die in dieser Sammlung dargebotenen Paralleltexte zu den Evangelien mit fortlaufenden Anmerkungen und Erläuterungen zu versehen und dieselben unter die höheren Gesichtspunkte nicht blos der Textkritik, sondern namentlich auch der Quellenkritik zu stellen, ist mir um so mehr Bedürfniss, als meine Studien in der patristischen, apokryphischen und Handschriften-Literatur gerade im Interesse der evangelischen Quellenforschung geschehen sind und als mir hier Gelegenheit wird, einen Theil des im Laufe der Jahre an- gesammelten reichen Materials zur Mittheilung zu bringen.
Die Veröffentlichung der „Agrapha" bildete den ersten Schritt auf dem betretenen Wege. Dort habe ich in S. 5 „Zur Quellenkritik der canonischen Evangelien" in kurzen Umrissen meine evangelienkritischen Grundsätze skizziert und einer vorläufigen „hypothetischen Beachtung" empfohlen. In dem gegenwärtigen Werke kann ich einen wichtigen Schritt weiter gehen und jene Grundsätze in viel ausgedehnterem Masse zur Anwendung bringen. Selbstverständlich ruht die Haupt- tendenz in der Untersuchung der synoptischen Paralleltexte, da die Entscheidung für die gesammte neutestamentliche Lite- ratur in der Klärung der den synoptischen Evangelien zu Grunde liegenden Quellen zu suchen ist.
Das johanneische Evangelium, bei welchem quellenkritische Fragen nur in untergeordneter Weise mit hereinspielen, habe ich nicht blos der Vollständigkeit wegen, sondern namentlich auch deshalb in den Kreis der Untersuchung gezogen, weil dadurch der tiefgreifende Unterschied zwischen der johanneischen und der synoptischen Evangelientradition bezüglich der Textge- schichte ins hellste Licht gestellt wird.
Nach wie vor bin ich in Betreff der synoptischen Frage von der Überzeugung durchdrungen, dass der Höhepunkt der bisherigen Evangelienforschung in den Werken von B. Weiss: Das Marcusevangelium und seine synoptischen Parallelen 1S72 — das Matthäusevangelium und seine Lucas-Parallelen 1876, nament- lich aber in dem erstgenannten dieser beiden Werke, erreicht gewesen ist. Die später erschienenen Werke (Wen dt. Der Inhalt der Lehre Christi I. Kritische Untersuchungen 1884. — Ewald.
§ 5. Die quellenkritischen Grundsätze der Untersuchung etc. gl
Das Hauptproblem der Evangelienfrage und der "Weg zu seiner Lösung 1S90 — Feine. Eine vorcanonische Überlieferung des Lucas iu Evangelium und Apostelgeschichte. 1891. — Mandel. Die Vorgeschichte der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, nach den evangelischen Quellen entworfen 1892) bedeuten in meinen Augen trotz mancher "werthvollen Einzelheiten nicht einen Fortschritt über Weiss hinaus, sondern einen Rückschritt, wenn man das Ganze des evangelienkritischen Gebietes im Auge behält.
Auch Prof. Marshall (in dem Baptist College zu Manchester^, dessen Forschungen (Did St. Paul use a Semitic Gospel? im Ex- positor 1890. VII. S. 69—80 — The Aramaic Gospel im Expo- sitor Jahrgang 1891) weiter unten in § 7 des Näheren gewürdigt werden sollen, leidet an dem Mangel, dass er bei seinen Einzel- untersuchungen, die er zur Wiederherstellung, bzw. Wiederauf- findung des — nach seiner Meinung im Aramäischen zu suchen- den — Urtextes nicht Schritt für Schritt an den Weissschen Forschungsresultaten sich orientiert. Bousset (Die Evangelien- citate Justins des Märtyrers in ihrem Werthe für die Evangelien- kritik) hatte keine direkte Veranlassung, auf Weiss zurückzu- gehen, da er trotz mancher Aussetzungen im Einzelnen wesent- lich den von mir aufgestellten evangelienkritischen Grundsätzen folgt, welche die Weissschen Positionen voraussetzen und in sich schliessen. Bousset geht auch darin — was von ganz beson- derer Bedeutung ist — über Weiss hinaus, dass er nicht die canonische Textgestalt der Evangelien zur Grundlage seiner For- schungen macht, sondern vielmehr auch die aussercanonischen Varianten reichlich und zielbewusst in den Kreis seiner Unter- suchungen zieht.
Ich bin der Meinung, dass ein Jeder, der nicht die Motive der Weissschen Evangelienforschung in sich verarbeitet hat, ein Jeder, der nicht im Stande ist, auch mit den allerdings oft schwer- verständlichen Weissschen Einzeluntersuchungen sich auseinander- zusetzen, ein Jeder, der diese grossartige Gedankenarbeit ignoriert oder nur ganz im Allgemeinen streift, anstatt sie mit Gründen zu widerlegen oder von ihren Schwächen durch innere selbst- ständige Weiterbildung zu befreien, seiner eigenen Forschungs- arbeit den grössten Schaden zufügt. So selbstständig ich den Weissschen Forschungsergebnissen gegenüber zu stehen glaube und so wenig ich mich scheue, ihre schwachen Punkte blos zu
i(32 Text- und quell enklitische Grundlegungen.
legen, so gerne kehre ich doch immer wieder zu Weiss, be- sonders zu seinem Marcusevangelium, zurück, so sorgfaltig prüfe ich immer wieder meine Anschauungen an seinen Darlegungen. Ich habe es daher auch nicht unterlassen, in den Erläuterungen zu den aussercanonischen Paralleltexten häufig auf B. Weiss und seine Untersuchungen Bezug zu nehmen, in der Hoffnung, seine beiden Werke, die einzigen Bearbeitungen der drei synop- tischen Evangelien in methodischer Weise und von einheitlichen quellenkritischen Gesichtspunkten aus, dem Verständniss der theologischen Mitwelt etwas näher zu rücken.
Nach diesem Rückblick auf die jüngste evangelienkritische Literatur wiederhole ich nun im Wesentlichen aus § 5 der Agrapha die Zusammenstellung der evangelienkritischen Grund- sätze, nach denen die Untersuchungen über die aussercanonischen, bzw. vorcanonischen Evangelientexte bei Vergleichung mit den canonischen Evangelien im Nachstehenden zu vollziehen sind.
Evangelienkritische Grundsätze.
1. Die Priorität des Marcusevangeliums. Unter den drei s. g. synoptischen Evangelien ist das Marcusevangelium am frühesten entstanden.
2. DieExistenz einer vorcanonischenQuellenschrift. »Schon vor dem Marcusevangelium existierte eine, ursprünglich hebräisch (bezw. aramäisch) geschriebene, frühzeitig verlorene, aber noch von sämmtlichen drei Synoptikern benützte vorcanonische Evangelienschrift, deren praeponderierender Inhalt in den Reden Jesu bestand.
3. Die Zweiquellentheorie. Diese beiden Schriften, das Marcusevangelium und jenes vorcanonische Evangelium, sind die beiden Hauptquellen, aus denen der Inhalt sowohl des ersten als des dritten canonischen Evangeliums geflossen ist.
4. Der secundäre Charakter des ersten canonischen Evangeliums. Das erste canonische Evangelium ist in keinem Falle eine originale Quelle, auch nicht eine Übersetzung der dem Apostel Matthäus zugeschriebenen hebräischen Grundschrift, sondern eine Zusammenarbeitung des Marcusevangeliums, welches den historischen Rahmen darbot, und des vorcanonischen Evan- geliums, welches hauptsächlich die — von dem ersten Evangelisten neugruppierten — Redestoffe lieferte.
§ 5. Die quellenkritischen Grundsätze der Untersuchung etc. (33
5. Der secundäre Charakter des dritten canonischeu Evangeliums. Auch das dritte canonische Evangelium ist eine secundäre Verarbeitung des Marcusevangeliums und der vor- canonischen Grundschrift, deren Redestoffe jedoch Lucas nicht wie der erste Evangelist umgestaltet und neu gruppiert, sondern möglichst in ihrer ursprünglichen Lagerung wiedergegeben hat.
6. Der secundäre Charakter des zweiten canonischen Evangeliums. Aber auch schon das Marcusevangelium ist nicht eine durchaus originale Evangelienquelle, sondern die älteste Be- arbeitung der vorcanonischen Grundschrift, welche einerseits durch die Hand des Marcus viele Kürzungen, namentlich bezüglich der Redestoffe, erlitten, andererseits durch Einfügung zahlreicher historischer Details auch nicht wenige Erweiterungen erfahren hat.
7. Die verschiedenen Übersetzungen des vorcano- nischen Evangeliums. Schon frühzeitig ist die vorcanonische Quellenschrift aus dem semitischen Grundtext ins griechische Idiom verschieden übertragen worden, sodass man einen judenchristlichen, einen lucanisch - paulmischen und einen alexandrinischen Über- setzungstypus unterscheiden kann.
8. Die früheste Benützung des vorcanonischenEvan- geliums. Die älteste urchristliche Literatur, sowohl die inner- canonische als die aussercanonische, ist aus einer reichen Be- nützung des vorcanonischen Evangeliums hervorgegangen. An der Spitze der durch das vorcanonische Evangelium beeinflussten Autoren steht Paulus.
9. Die späteren Nachwirkungen des vorcanonischen Evangeliums. Sowohl in zahlreichen patristischen Citaten als in vielen Lesarten des Codex Bezae und in den mit ihm ver- wandten ältesten Evangelien -Übersetzungen wirkt die vorcano- nische Quellenschrift mit ihren verschiedenen griechischen Über- setzungstypen nach, auch nachdem die direkte Benutzung des vorcanonischen Evangeliums schon längst aufgehört hatte.
Mit Absichtlichkeit ist diese übersichtliche Darstellung der quellenkritischen Grundsätze für die Erforschung der synoptischen Evangelien im knappsten Rahmen gegeben, um sie von allem nicht dringend erforderlichen Ballaste frei und dadurch dem Ver- ständnisse auch Fernstehender offen zu halten. Indem ich auf die nähere Charakterisierung jedes einzelnen der drei synoptischen Evangelien an der Spitze der jedem Evangelium besonders eigen-
64 Text- und quellenbritische Grundlegungen.
thümlichen Texte und Untersuchungen hinweise, halte ich es jedoch für nöthig, in den nächsten Paragraphen die Forschungsergebnisse bezüglich des Urevangeliums, seine Ursprache, seine griechischen Übersetzungen und seine literarischen Nachwirkungen etwas ein- gehender zu detaillieren, weil hiervon das Verstandniss für zahlreiche Einzeluntersuchungen, welche bezüglich der ausser- canonischen Evangelientexte angestellt werden müssen, ab- hängig ist.
§ 6.
Das vorcanonische Evangelium.
Zu der von der Evangelienkritik ermittelten Thatsache, dass die drei synoptischen Evangelien Bearbeitungen einer älteren Quellenschrift sind, bietet die altchristliche und vorchristliche Literatur noch manche Analogien. Allgemein anerkannt ist es, dass das apokryphische Buch Henoch mehrere Bearbeitungen unter den Händen verschiedener Redaktoren erlitten hat. Dass die Apostolischen Constitutionen aus der Bearbeitung älterer Schriften entstanden seien, wusste man, bevor die Didascalia, die Grundschrift der sechs ersten Bücher, und die Jidayi], die Quellenschrift für die erste Hälfte des siebenten Buches, unserer Kenntniss zurückgegeben war. Dass die Clementinischen Homilien und die Recognitionen auf älteren Quellenschriften beruhen, ist auf Grund alter Überlieferung ein bis in die neueste Zeit herein immer wieder festgestelltes Forschungsergebniss. Auch die Sibyllinischen Orakel lassen Ablagerungen aus ver- schiedenen Zeiten und Redaktionen, welche von verschiedenen Händen unternommen worden sind, deutlich erkennen. Von den Actis Pilati, die dem synoptischen Evangelien typus so nahe stehen, besitzen wir noch heute zwei Hauptrecensionen, welche in erheblicher Weise von einander abweichen und doch aus einer gemeinsamen Wurzel hervorgewachsen sind. Dass auch die alt- testamentlichen Geschichtsbücher ältere Quellen verarbeitet haben, deuten sie zum Theil selbst an, zum noch grösseren Theil ist es ein mühsam errungenes, wenngleich im Einzelnen noch lange nicht abgeschlossenes und namentlich auch in Betreff der
§ 6. Das vorcanonische Evangelium. (55
Altersbestimmung bezüglich der Quellenschriften noch sehr un- sicheres, Erkenntnissresultat alttestamentlichen Forscherfleisses.
Von den Gesichtspunkten der literarischen Kritik aus, für welche namentlich bei Geschichtswerken die Frage nach den schriftlichen Quellen die entscheidende Hauptfrage zu sein pflegt, ist es an sich nicht nur nichts Befremdliches, sondern vielmehr etwas in der Sache selbst Gegebenes, auch für die Ge- schichtsbücher des neutestamentlichen Canons ältere Quellenschriften vorauszusetzen.
Die Gegner solcher literarischen Quellenkritik machen ge- wöhnlich geltend, dass zwischen den betheiligten Quellenforschem in der Regel ein übereinstimmendes Urtheil bezüglich des Charakters und der Abgrenzung der vorausgesetzten Grund- schriften nicht zu erzielen sei. Aber solche Einwendung beweist nur, dass die Urheber derselben mit dem Wesen und der Art der Quellenforschung nicht vertraut sind. Wie weit gehen z. B. die Ansichten der Forscher über die nähere Bestimmung des Quellen Verhältnisses auseinander, welches dem Schriftencomplex der clementinischen Homilien und Recognitionen den Reiz eines interessanten Problems verleiht, und doch ist nichts gewisser als die allgemein zugestandene Thatsache von dem Vorhandengewesen- sein älterer Quellen. Dadurch also, dass eine Quellenschrift nicht allenthalben mit absoluter Sicherheit reconstruiert werden kann und dass man den Quellentext nicht überall aus der späteren Be- arbeitung reinlich herauszuschälen vermag, wird der Quellen- forscher in seiner Überzeugung ebenso wenig erschüttert, wie etwa der Architekt, welcher einen früheren Grundbau in einem späteren Überbau erkennt, auch wenn die Linien des ursprünglichen Baues an vielen Stellen für immer verwischt und die Merkmale des Umbaues einem Laienauge weniger erkennbar sind. Durch fort- gesetzte Vertiefung in die Probleme, welche die Quellenforschung darbietet, entsteht nach und nach zwischen den Sachkennern ein sicheres Einverständniss bezüglich der Hauptpunkte und eine zuverlässige Basis für weitere Detailforschungen.
Ähnlich liegt der Sachverhalt bezüglich der Quellenschrift, welche als letzte Instanz der synoptischen Evangelienforschung sich herausgestellt hat. Der Gesammteindruck der drei ersten canonischen Evangelien, welchen man ihren „synoptischen" Charakter nennt, ist derart, dass er die Annahme einer gemein-
Texte und Untersuchungen. X. ■»
6(5 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
sanien älteren Quelle mit Nothwendigkeit fordert, einer Quelle, welche (im Unterschied von dem johanneisch'en Evangelientypus) die trotz zahlreicher Differenzen vorhandene stoffliche und sprach- liche Verwandtschaft der drei synoptischen Evangelien erklärt. Ist das Bild, welches die verschiedenen Forscher von dieser Quellenschrift entwerfen, ein vielfach schwankendes, so scheint es um so nöthiger — was nur allzusehr versäumt worden ist — , die Instanzen, welche zur Reconstruktion jener Quellenschrift hinleiten, in einer so übersichtlichen Darstellung vorzuführen, dass jedem denkenden Leser eine Nachprüfung der ein- schlagenden Probleme ermöglicht werde.
Die Instanzen für die Reconstruktion der vorcano- nischen Evangelienquelle.
1. Sämmtliche im Marcusevangelium fehlende Parallelen
zwischen Lucas und Matthäus.
2. Die Redestoffe (und namentlich auch die Gleichnisse),
welche Matthäus allein hat.
3. Die Redestoffe, welche sich allein bei Lucas finden,
darunter ebenfalls sämmtliche Gleichnissreden.
4. Zahlreiche Erzählungs- und Redestoffe, welche allen
drei Synoptikern gemeinsam sind, besonders die von B. Weiss ausgezeichneten.
5. Eine Anzahl echter Agrapha, d. h. aussercanonische Reste
der vorcanonischen Urschrift.
6. Die synoptischen Parallelen in den canonischen
Lehrschriften einschliesslich der Apokalypse.
Dazu kommen noch als subsidiäre Indicien:
7. Alle hebraisierenden Texte, welche auf einen hebräischen
Urtext zurückweisen.
8. Solche variierenden Ausdrucksweisen in den drei synoptischen
Bearbeitungen der Urschrift, welche als verschiedene Übersetzungen eines gemeinsamen hebräischen Urtextes sich erklären lassen.
9. Diejenigen aussercanonischen Lesarten im Cod. Bezae, in den
alten Versionen, in den patristischen Evangeliencitaten, welche auf dieselbe Weise als Übersetzungsvarianten sich erklären.
§ 6. Das vorcanonische Evangelium. 67
Zur Erläuterung dieses Instanzen- Verzeichnisses mögen fol- gende Bemerkungen dienen.
1. Nicht die den drei Synoptikern gemeinsamen Evangelien- stoffe haben Veranlassung zur Entdeckung der vorcanonischen Grundschrift gegeben, sondern diejenigen Parallelen, in welchen der erste und der dritte Evangelist zusammentreffen, ohne dass Marcus dabei ist. Nämlich in denjenigen Parallelen, in welchen alle drei Synoptiker zusammenstimmen, ist zunächst Marcus als Quelle für die beiden anderen Evangelisten erkennbar. Ob da- hinter noch eine ältere Quelle steckt, aus welcher schon Marcus schöpfte, konnte auf der ersten Entwicklungsstufe dieser evan- gelischen Quellenkritik noch nicht entdeckt werden. Wenn aber erst einmal festgestellt war, dass unser Marcusevangelium eine Hauptquelle für die beiden anderen Evangelisten und eine Haupt- ursache für die Entstehung des synoptischen Evangelium-Sche- mas l) gewesen ist, so ergab sich mit Notwendigkeit für die- jenigen synoptischen Evangelienstoffe, in denen Lucas und Matthäus zusammentreffen, ohne von Marcus abhängig zu sein, die Annahme einer zweiten Hauptquelle. Damit war die s. g. Zweiquellentheorie, und, da die im Marcusevangelium fehlenden Parallelen zwischen Lucas und Matthäus hauptsächlich Redestoffe enthalten, die Charakterisierung jener zweiten Quelle als einer Redesammlung oder doch einer solchen Evangelienschrift, welche die Reden Jesu zum Hauptinhalt hatte, gegeben. Einem jeden, welcher ein selbstständiges Urtheil auf dem Gebiete der evangelischen Quellenforschung gewinnen will, ist zu rathen, dass er sich selbst an der Hand des Marcus ein genaues Ver- zeichniss derjenigen Parallelen anlege, in denen alle drei Syn- optiker übereinstimmen, und dann ein zweites Verzeichniss, in welchem an der Hand des Lucas alle diejenigen Parallelen einzutragen sind, welche Lucas mit dem ersten Evangelisten, aber nicht mit Marcus gemeinsam hat. Dieses zweite Ver- zeichniss versetzt uns in den Moment, in welchem die Entdeckung der vorcanonischen Quellenschrift stattfand. Denn da für die Lukas- und Matthäusparallelen, welche mit Marcus Hand in
1) Nicht des synoptischen Evangeliencharakters, der von Marcus vielmehr alteriert, durch Lucas und den ersten Evangelisten, wo sie von Marcus unabhängig sind, viel besser conserviert ist.
5*
ßg Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Hand gehen, eben das Marcus evangelium als canonische Quelle festgestellt war, musste die zweite Quelle, aus welcher der erste und dritte Evangelist neben der Marcusquelle geschöpft hatten, unausweichlich als eine vorcanonische Evangelienschrift er- kannt werden. Wie nun diese bei Marcus fehlenden Lucas- und Matthäus-Parallelen den ersten Anstoss zur Entdeckung des vor- canonischen Evangeliums gegeben haben, so bilden sie heute noch den Grundstock für die Reconstruktion des Urtextes jener Quellenschrift und zur Erkenntniss ihres schriftstellerischen Charakters. (Chr. Herrn. Weisse und Holtzmann repraesen- tieren im Wesentlichen dieses erste Stadium der evangelischen Quellenforschung.)
2. Es ist von vornherein nicht wahrscheinlich, dass im ersten und im dritten Evangelium genau nur diejenigen Stoffe, in welchen beide Evangelisten zusammentreffen, aus jener vor- canonischen Quelle stammen sollten; vielmehr ist anzunehmen, dass jeder der beiden Evangelisten ausserdem noch manche an- dere urevangelische Elemente aus jener vorcanonischen Quelle in seine Schrift aufgenommen haben wird, und da jene vor- canonische Quelle hauptsächlich in der Wiedergabe der Herren- reden sich bewegte, so sind von vornherein alle diejenigen Reden und namentlich auch Parabeln Jesu, welche jeder der beiden Evangelisten für sich allein hat, daraufhin anzusehen, ob sie ebenfalls als Bestandtheile der vorcanonischen Quelle zu reco- gnoscieren sind, wobei als selbstverständlich vorauszusetzen ist, dass jeder der beiden Evangelisten solche Elemente aus jener Quelle herübergenommen haben wird, welche dem Plane, den er bei Abfassung seiner Schrift verfolgte, am besten sich einfügten. Was nun zunächst den ersten Evangelisten anlangt, so geht meine Überzeugung dahin, dass mit wenigen Ausnahmen sämmt- liche Jesusreden des ersten Evangeliums, zu welchen bei Lucas und Marcus sich keine Parallelen finden, gleichfalls aus der vor- canonischen Grundschrift geflossen und in einer dem Plane des ersten Evangelisten entsprechenden Neu gruppier ung seiner Schrift einverleibt worden sind. Im Wesentlichen ist dies auch die Meinung von B. Weiss, dessen Buch: Das Matthäus evangelium und seine Lucas-Parallelen über die sub 1 und 2 benannten Instan- zen verhältnissmässig am besten orientiert.
3. Im Lucasevangelium finden sich ebenfalls zahlreiche Par-
§ 6. Das vorcanonische Evangelium. 69
tien, welche diesem Evangelium ausschliesslich angehören. Über manche derselben hat Weiss in der ebenerwähnten Schrift nebenbei sich ausgesprochen. (Man vgl. z. B. S. 4S0, wo das Gleichniss vom barmherzigen Samariter, Lc. 10, 29—37, ebenfalls auf die vorcanonische Quelle zurückgeführt wird.) Aber in den meisten Punkten lässt dieses Buch von Weiss bezüglich eines sichern Urtheils über die Herkunft der ausschliesslich bei Lucas zu fin- denden Evangelienstoffe uns im Stich. Um Vieles besser orien- tiert in dieser Hinsicht durch seine Schrift: Der Inhalt der Lehre Jesu. I. Theil. Kritische Untersuchungen — Wen dt, welcher zwar nicht die ins Detail eindringende Akribrie eines B. Weiss an den Tag legt, dagegen in übersichtlichen Paragraphen den Context der Logia oder des Urevangeliums nach den unter 1 — 3 aufgeführten Gesichtspunkten reconstruiert. Und wenn auch diese Reconstruktion, namentlich wegen- Nichtberücksichtigung der Weiss'schen Forschungsergebnisse bezüglich des Marcusevan- geliums, eine unvollständige bleibt, so ist sie doch für jeden, der in den Gang der evangelischen Quellenforschung einzudringen sucht, äusserst instructiv. Namentlich aber stimme ich darin mit Wen dt überein, dass er fast sämmtliche Redestoffe, welche ausschliesslich im dritten Evangelium sich finden, ebenfalls zum Context der Logia gezogen und als Bestandteile der vorcano- nischen Quelle anerkannt hat.
4. Ein viel vollständigeres, wenn auch m. E. immer noch nicht abschliessendes, Bild der vorcanonischen Grundschrift würde Wendt entworfen haben, wenn er seinem Wiederaufbau der Quellenschrift auch diejenigen Texte eingefügt hätte, welche B. Weiss in seiner Schrift: „Das Marcusevangelium und seine synoptischen Parallelen" — als Ausflüsse der vorcanonischen Quelle — auch durch besonderen Druck — gekennzeichnet hat. Diese Schrift ist nach meinem Urtheile eine der bedeutendsten auf dem ganzen weiten Gebiete der Evangelienforschung. Durch diese Schrift ist der entscheidende Schritt vorwärts gethan, welcher nöthig war, um die Räthsel der synoptischen Frage vollends der Lösung entgegenzuführen. Auf Grund einer wohl ausgebildeten Gesammtanschauung von Stil und Charakter der „aposto- lischen Quelle", welchen Ausdruck er am liebsten gebraucht, einerseits, und mit Hilfe einer bis ins Einzelnste eindringenden Quellenaualvse andrerseits ist AVeiss zu der bahnbrechenden Er-
7Q Test- und quellenkritische Grundlegungen.
kenntniss durchgedrungen, dass auch zahlreichen Partien, zu welchen bei allen drei Synoptikern Parallelen mitgetheilt sind, die vorcanonische Quellenschrift zu Grunde liegt, dass also schon Marcus diese Quelle benutzt hat, dass folglich die anderen beiden Evangelisten an vielen Stellen zu gleicher Zeit von ihren beiden Quellen, der Marcusquelle und der noch älteren Logia- quelle, beeinflusst sind, dass beide nicht selten den einfachen älteren Quellentext der complicierteren und mit manchen Details ausgeschmückten Darstellung des Marcus vorgezogen, ja manche Dicta Jesu auch aus beiden Quellen, einmal aus dem ursprüng- lichen Contexte, das andere Mal aus dem neugeschaffenem Con- texte des Marcus, wiedergegeben und so die bekannten „Doublet- ten" erzeugt haben, wie denn überhaupt Marcus seiner Pragmatik zu lieb manche Umstellungen oder Umschaltungen der urevange- lischen Stoffe vorgenommen und durch diese seine Pragmatik namentlich den ersten Evangelisten beeinflusst habe.
In allen diesen Forschungsergebnissen hat Weiss im Wesent- lichen das Richtige gefunden, nur dass er in der Anwendung seines Prinzips noch nicht weit genug gegangen ist. Der secun- däre Charakter des Marcusevangeliums ist immer noch nicht genügend herausgestellt. Noch gibt es zahlreiche — allen drei Synoptikern — gemeinsame Partien, von denen Weiss nicht erkannt hat, dass das vorcanonische Evangelium dazu die letzte Quelle bildet. Auch hat Marcus seiner Pragmatik zu liebe mehr Umschaltungen der urevangelischen Stoffe vorge- nommen, als Weiss solche gekennzeichnet hat. (Man vgl. dar- über die Vorbemerkungen zu den Paralleltexten des Marcusevan- geliums.)
5. Wenn man das vorcanonische Evangelium mit einem Steinbruch vergleicht, welcher das Material zu den wohnlichen Gebäuden der drei canonischen Evangelien geliefert hat, so ist anzunehmen, dass bei dieser Bauarbeit auch einzelne Bruch- steine übrig geblieben sind, welche von fremden Händen aufgelesen und weiter gegeben worden sind. Solche Bruchsteine, solche vereinzelte Reste des vorcanonischen Evangeliums, sind die Agrapha, welche ich in meiner vorigen Schrift zu sammeln versucht habe. Nicht wenige der in diese Sammlung aufge- nommenen Herrensprüche erweisen sich durch ihren ausgeprägt synoptischen Charakter, durch ihre Congenialität mit den übrigen
§ 6. Das vorcanonische Evangelium. 71
Herrenreden, durch ihre oft den Wortlaut streifende Verwandt- schaft mit apostolischen Aussprüchen mit Bestimmtheit als Aus- flüsse derselben Quelle, aus welcher die synoptischen Evangelien stammen, und bilden daher einen werthvollen Ergänzungsstoff, wenn es gilt, die vorcanonische Evangelienschrift möglichst voll- ständig zu reconstruieren 1).
6. Wenn nachgewiesen werden kann, dass nicht blos die canonischen Evangelien, sondern auch die übrige canonische Literatur eine reiche Benutzung der vorcanonischen Evangelien- schrift voraussetzt, so wird vice versa das Zusammentreffen evangelisch-synoptischer Texte mit apostolischen Aussprüchen eine Instanz, welche auf die gemeinsame ältere Quelle zurück- weist. Und wenn bezüglich der aussercanonischen Evangelien- fragmente, der sogenannten Agrapha, dieselbe Wahrnehmung einer engen Verwandtschaft mit den apostolischen Lehrschriften uns entgegentritt, wenn endlich auch die aussercanonischen, bzw. vorcanonischen Paralleltexte zu den Evangelien in einer ganzen Anzahl von Fällen viel tiefer in diese Verwandtschaft mit den apostolischen Schriften hineinblicken lassen, als die späteren recensierten Evangelientexte, so wird diese Übereinstimmung mit den canonischen Lehrschriften ein weiteres — und dabei be- sonders wichtiges und zuverlässiges — Indicium, um die ge- sammte canonische und aussercanonische Evangelien -Überlieferung darauf hin zu prüfen, ob und wie weit dieselbe aus einer Urquelle stammt, die älter ist als die apostolischen Lehrschriften und älter als die synoptischen Evangelien- Bearbeitungen. Um zu zeigen, dass wir hier keinem Phantom nachjagen, sondern festen Boden unter den Füssen haben, will ich mit Rücksicht darauf, dass mein Werk: „Die canonischen Evangelienparallelen", welches dieses Gebiet der Evangelienforschung ex professo behandelt, erst nach vollständiger Veröffentlichung der „Aussercanonischen Paralleltexte" wird erscheinen können, eine Anzahl von Beispielen vorführen.
1) Als solche bezeichne ich besonders die Logia 2. '■). 4. 7. 9. 12. 13. 14 IG. 17. 21. 22. 23. 27. 28. 29. 30. 31. 33. 34. 36a. 39—43. 45. 47—51. 58. 66. 67. 70. Für die übrigen Agrapha. für welche ich nur eine mehr oder minder grosse Wahrscheinlichkeit der Echtheit in Anspruch nehme, habe ich die Untersuchung anzuregen gewünscht.
72 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Rom. 2, 19.
Mt. 15, 14. atphxa avxovq' odqyoi eiöiv rvpZoi xv<pAö)V. Rom. 2, 19. jiexoi&aq xs oeavrov oöi]yov eivcu xvcplmv.
Rom. 3, 8.
Hom. Clem. XII, 29. pag. 130. o öh alrftdaq jiQopijXtjq eg>Tj' xa dya&d tX&zlv Ö£l, [laxägioq Ö£, tyrjoiv, öi ov hoyjExac ouoioiq xai xa xaxa äväyx?] el&Elv, oval öh öi ov hoyexai.
Rom. 3, 8. xad-oyq cpaolv xweq ?jfiäq At'ysiv oxt jcoi?/Oo)fi£V xa xaxa, Iva ekd-i] xa. aya&ä.
Agrapha S. 101. 152. 179 f.
Rom. 6, 3.
Const. V, 7. p. 137. Xaßovxtq svvoXfjv iiaQ avxov . . . ßajtxiöai
£iq xov avxov frdvaxov. Rom. 6, 3. rj äyi'oslxe oxi oooi eßajixio&tjfisv dq Xqiöxov V/y-
öovv, slq xov frdvaxov avxov eßajcxio&f] fiev; Agrapha S. 101. 152 f.
Rom. 8, 14.
Ephraem Syr. Ev. conc. expos. ed. Mösinger p. 63. sicut et dicit:
Qui spiritu ambulant, hi sunt filii Dei. Rom. 8, 14. 0601 yaq jtvsvfiaxi freov ayovxai. ovxoi vlol
#£Ov sioiv.
Agrapha S. 2981
Rom. 8, 15.
Mc. 14, 36. xai tXtytv' aßßä 6 jiaxr'jQ. Rom. 8, 15. Iv q? xna^ofitv aßßä o jiaxiJQ.
Rom. 8, 26.
Mt. 20, 22 (== Mc. 10, 38). djioxoi&äq öh 6 'Irfiovq rijisv ovx
o\öax£ xi alxelo&e. Rom. 8, 26. xo yäo xi jtQooevgcofis&a xa&6 öh ovx olöafiEV.
Rom. 11, 25. 26. Euseb. in Lc. 7, 29. 30. ol xtXwvai xai al jiöovai xai jtäv xo~>v
djthxojv e&vcjv xdyfia xgoayovGiv vfiäq (= Mt. 21, 31.). Lc. 21, 24. dyoi ov jilijocod äoir xaiQoi iüvcöv.
§ 6. Das vorcanonische Evangelium. 73
Rom. 11. 25. 26. jicöomGig ajto fiEQOvq rm 'iGoatjX yiyovsv ayQig ov ro jtX?jQcofirc rcör i&vcöv HGeZfry xal ovratg nag 'iGoai/X God-)] Gerat.
Rom. 13, 7.
Ephraem S. Ev. concord. expos. ed. Mos. p. 193. dicit: date Caesari, quod est Caesaris, sed Deo, quod debetis, reddite ei.
Rom. 13, 7. ajtoÖore Jtäöiv rag örpetXäg, reo rov <pooov rov tpooov xrX.
Rom. 14, 10.
Mt. 25, 31. röre xa&ioet hei üoövov öosqg avrov. xal Gvvay-
{r?jGezai eitjtooGd-ev avrov jtävra ra ed-vr/. Rom. 14, 10. jtavreg yäo Jtaoa6r7j<j6lu6&a ßtjfian rov XotGrov.
Rom. 16, 19.
Mt. 10, 16. ytveGfre ovv (poövtfiot mg ol b(petg xal axeoatot a>g
al jiEQiGrsQai. Rom. 16, 19. freXm de vtuäg Go<povg eivat dg ro äyaftov, axe-
Qalovg 6h eig ro xaxöv.
1. Cor. 1, 22.
Lc. 11, 29. r) yevea avrrj yevea jtovr/Qa eortv Grjfietov C,rjrel. Marcion ad Lc. 11, 29. i) yevea avrrj G?jtuelov airsl. 1. Cor. 1, 22. ejtetdr) xal 'Iovdaloi Gisela airovGtv. Mt. 12, 39 = Mt. 16, 4.
1. Cor. 4, 1. 2. Cod. Colbert. ad Lc. 12, 42. Quisnam est servus fidelis, dis-
pensator sapiens et bonus? 1. Cor. 4, 1. 2. ovtcog rjfiag XoytCeO\)oj av&oojjcog ojg vjtijQerag XyiGrov xal oixovofiovg (ivGrr]oiojv &eov' aide XotJtov ty/retrat ev rolg oixovoyioig, tva jciGrog rtg evoe&>~- Lc. 12. 42 = Mt. 24. 45.
1. Cor. 4, 12. Ep. ad Diogn. V, 15. p. 158. Xoidooovrrat xal evXoyovGtv. Hom. Clem. XII, 32. p. 132. xal Xoidooovrrai evXoyeiv. 1. Cor. 4, 12. Xo(öooovtuevot evXoyoviiev. Lc 6, 2S. evXoyelre rovg xaraooi/Jt'voug \\uäg. 1. Petr. 2. 2Ü: :!. 9.
74 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
1. Cor. 7, 10.
Clem. AI. Strom. II, 23, 144. p. 506. t] YQcap?) — vofio&exel' ovx ajcoXvGsig yvvalxa üiXrp d p) ejcl Xöyco TiOQvtiag.
1. Cor. 7, U>. xolg de yeya^xoGiv xaQayyiXXco, ovx eyco dXXo 6 xvQiog, yvvalxa djio dvÖQog fif] ycooiGfrf/vai. Lc. 16, 18 = Mt. 5, 32; 19, 9 = Mc. lü, 11.
1. Cor. 10, 27.
Lc. 10, 8. Ig & lere xd jcaQaxi&efieva vfilv.
l.Cor. 10, 27. Jtäv xo xaQaxi&efievov vy.lv eG&iexe.
1. Cor. 11, IS. 19.
Didasc. VI, 5. p. 323. cug xal o xvqioq xal gcoxt)q i][icov £<pf],
ort sGovxai aloeGeig xal G%iGfiaxa. 1. Cor. 11, 18. 19. dxovco oyiGfiaxa kv vfilv vnaoyuv, xal fitQog
xi jiigxsvco' del yäo xal algeGsig sv vfüv sivai. Agrapha S. 105. 173 ff. 2S4.
1. Cor. 11, 23-25.
1. Cor. 11, 23 — 25. lyco yao jcaQtXaßov djco xov xvq'lov, o xal Tcaotöojxa vfilv, oxi o xvQiog 'h/Govg iv xy wxxl t) jiag- tdiöoxo eXaßsv agxov xal tvyaQiGxr/Gag sxXaGsv xal eijtsv xovxo fiov hoxlv xo Gcöfia xo vjisq vficov [xXco- f/svov = &QVJix6[ievov\' xovxo jtoislxs sig xrjv t[u)v avdfivr]Giv. coGavxcog xal xo tcoxtjqlov (iexä xo öei- xvTjGai Xiycov xovxo xo jzox?]qlov r) xaivrj öia&?'jxi] iGxlv kv xcß eficö al'fiaxL' xovxo Jtotelxe, oGaxig av jiivqxs, elg xrjv sfitjv avdkuvt]Giv.
Lc. 22, 19. 20 = Mt. 26, 26—28 = Mc. 14, 22-24.
1. Cor. 11, 26. Const. VIII, 12. p. 255.
oGaxig yaQ av söd-lrixe xov agxov xovxov xal xo jtox7]Qcov xovxo jc'lv7jxs, xov ftdvaxov xov ifiov xa- xayytXXsxs. 1. Cor. 11, 26. oGaxig ydg av ko&hjxs xov agxov xovxov xal xo üioxt\qlov jcivrjXB, xov ftdvaxov xov xvq'lov xaxayytXXexs, ayjgi ov eXd-q.
Agrapha S. 105 f. 178 f. 284.
§ 6. Das vorcanonische Evangelium. 75
1. Cor. 12, 28.
Lc. 11, 49. djcoOxeXco eig avzovg JiQocptjxag xal djcooxoXovg. Mt. 23, 34. djioöxeXXa> noög vfiäg üiQoq>i)xag xal öocpovg xal
ygafifiaxelg. 1. Cor. 12, 28. ovg y.ev e&exo o &eog ev xr\ exxXrjöla üiqwxov
djtooxoXovg, öevxegov jcgo(prjxag, xq'lxov öiöaoxdXovg. Eph. 4, 11. xal avxog [sc. o Xoiöxog] eöooxev xovg [ihv djiooxo-
Xovg, xovg öe jcooyfjxag, xovg öe evayyeXiGxdg, xovg de
jcoifievag xal ÖiöaoxdXovg.
1. Cor. 13, 13.
Macarius Hom. XXXVII, initio.
xov xvqiov Xeyovxog' ejcifieXelö&e jtioxeoog xal eXjtlöog, 6i mv yevväxai ?] (piXo&eog xal <piXdvfroa)jcog dydjttj rj xrjv alcoviov tjcorp Jiaoexovöa.
1. Cor. 13, 13. vvvl öe fievei jtlöxig, kXjclg, aydjtt], xä xgia
xavxa' [lel^cov öe xovxcov // dydjt?].
AgraphaS. 106 f. 179 ff. 284 ff.
2. Cor. 1, 17.
Just. Apol. I, 16. p. 63 D. eöxca öe vfimv xo val val, xal xo ov ov.
2. Cor. 1, 17. iv a \] üiag tfiol xo val val, xal xo ov ov.
Mt. 5, 37.
2. Cor. 10, 1.
Ephr. Syr. Opp. I, 149 C.
oxt 7]6v%6g elfii, üigavg xal ejtieixt)c xal xajteivog x[]
xagöia. 2. Cor. 10, 1. jraoaxaXäJ vfidg öid xrjg jtoavxrjxog xal em-
eixelag xov Xqioxov, og xaxd jiqoöoojcov [ihv xajteivog. Mt. 11,29.
Gal 1, 16.
Mt. 16, 17. oxl ödog xal aifia ovx djtexdXvxpev öot aXX' o
ütaxi]Q fiov o ev xolg ovoavotg. Gal. 1, 16. ajtoxaXvipai xov vlöv avxov iv e/iol ev&emg
ov jrQOöaved^t'fitjv oaoxl xal ai'fiaxi.
76 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Gal. 4, 6.
Mc. 14, 36. xal sXsysv' aßßä 6 jtax/jo. Gal. 4, 6. xoätov aßßä 6 jraxr/Q.
Gal. 4, 14. Mt. 10, 40. o öeyofisvoq vfiäg Efih dtysrai. Gal. 4, 14. edsgao&e [ie cog Xqiöxov 'ItjOovv.
Gal. 5, 14.
Just. Dial. c. Tryph. c. 93. p. 321 A. xal xbv jtXtjoLov öov oog öEavxbv . . . ev övoiv kvxoXalg Jtäoav öixaioövvtjv xal EvoißEiav jtXrjgovo&at.
Gal. 5, 14. o yäg jtäg vofiog ev evI Xbyop TCEjtXtjQooxai ev xop' ayajtr/OEig tov jiX?/6iov oov cog ösavxov. Mt. 22, 39. 40. Rom. 13, 8.
Eph. 3, 15.
Clem. AI. Fragm. § 20. p. 994. <p?]olv 6 xvQiog . . . . hv de ovga- volg o jiaztjg, e£- ov jiäöa jiaxota ev xe ovgavolg xal etcI xfjg yijg.
Eph. 3, 14. 15. JtQog xbv jiaxEQa, !§ ov jtäöa jiaxoiä ev ovoavoic xal sjcl ytjg bvofiä^Exai.
AgraphaS. 109 f. 207 ff.
Eph. 4, 26. Dial. de recta fide Sect. I. pag. 813 C.
ev xop EvayysXiq) sivai xb' rjXiog (i?) ejiiÖvexco snl xcp JcaooQyiöfKp vftcöv. Eph. 4, 26. 6 rjXiog /itj eüilövexoo sxl naoogyiöfiop vfioov. AgraphaS. 110. 210 ff.
Eph. 4, 27. Hom. Clem. XIX, 2. p. 178. xal aXXo&i Icprf . . . fii] öoxe Jtgb-
<paöiv xop 6 ia ßb Xop. Eph. 4, 27. [17]Öe öIöoxe xbnov xop öiaßoXop. AgraphaS. 110. 211 f.
§ (x Das vorcanonische Evangelium. 77
Eph. 4, 30.
Pseudo-Cypr. de aleat. c. 3. monet dominus et dicit: nolite con-
tristare spiritum sanctum, qui in vobis est, et nolite
exstinguere lumen, quod in vobis effulsit.
Eph. 4, 30. xal [irj Xvjcelzs xo jcvsvfia xo ayiov xov &£Ov,
AgraphaS. 111. 215 ff.
Eph. 4, 32. Just. Apol. I, 15. p. 62 E. yiv£ö&£ öh xgrjoxol xal olxxlQfiOVsg,
coq xal 6 jrari]Q \;;rcv xgrjOxöq loxi xal oixx'iQ[iaiv. Eph. 4, 32. yivEG&E ös äq äZfojZovq xq^ötol, £vöjtZayxvoi.
Lc. 6, 36.
Phil. 2, 8, 9.
Lc. 14, 11. 6 rajceivwv tavxov vipco&rj Ostac
Phil. 2, 8. 9. kxajc£lva)G£V tavrov . . . öiö xal 6 &£oq avxov
VJlEQVtyQOOeV.
Lc. 18, 14 = Mt. 23, 12.
Phil. 2, 15.
Mt. 5, 14. vfisig ioxh xo g>65q rov xoOfiov.
Phil. 2, 15. <f;aiv£0&£ wq <pa>Gxrjgtq xov xoOfzov.
Phil. 3, 20. Just, de resurr. c. 9. p. 594 E. xafrcoq EiQtpcev ev vvgavcö xt)v
XaXolxtjGlV 1]{IG)V VJCCCQXSIV.
Phil. 3, 20. rjfidiv yag jtokixevfia ev ovgavolq vjtag%£t. Agrapha S. 114. 229 f.
Phil. 4, 4.
Macar. Hom. V, 6. ex codice mscr. Graeco No. 16. Bibl. Bero- lin. Migne p. 502. et xtq ti-dlu omOco f/ov eXd-elv , auiag- vt]GaG&co eavxov xal ägäxco xov oxavgov avxov xaft tjftdgav Xaigmv xal axoZovfrdxco fioi.
Phil. 4. 4. %aiQ8X£ Iv xvgiro jtävxox£.
Phil. 4, 6.
Lc. 12, 22. öta xovxo Xdya vfiiv, (ivj fiegifiväxs. Phil. 4, 6. {i?/ötv iiegifiväxe.
Mt. 6, 25.
78 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Col. 4, 6.
Lc. 14, 34. xalov xo aXag' sav de xal xo alag ftcoQav&y, sv
rlvi ccQrv&ijöSTai; Col. 4, 6. o Xoyog vfioov üiavxoxs sv yaoixi, aXaxi tJQXvfisvog. Mt. 5, 13. Mc. 9, 50.
1. Thess. 5, 2.
Epipli. Haer. LXIX, 44. p. 767 A. xo vjc avxov xov xvqiov si- qijuevov . . . cog yaQ Xyöxrjg sv vvxxi, ovxcog jiaoayivs- xai i] TJiisQa.
1. Thess. 5, 2. avxol yaQ axQißcog oiöaxs oxi ?jiisQa xvqiov cog xXtJtxtjg sv vvxxl ovxcog SQXsxai.
1. Thess. 5, 3.
Lc. 21, 34. 35. xal sjtiöxfi scp* vfiag alcpviÖiog fj t/fisga sxsivt]
cog Jtayig. 1. Thess. 5,2. xoxs aicpviöiog avxolg scploxaxai oXs&Qog
COOülSQ ?j coöiv.
1. Thess. 5, 13.
Mc. 9, 50. xal eigrjvsvexs sv dXXyXoig. 1. Thess. 5, 13. sIqi]vsvsxs sv tavxolg.
1. Thess. 5, 17.
Ephraem Syr. Opp. II, 227 D. öid xovxo scpi] rj/ilv 6 xvgiog-
yQijyoQsixs, ösöfisvoi aötalsijcxcog. 1. Thess. 5, 17. dÖiaXsljrxcog jioooevysö&s.
Vgl. Lc. 21, 36.
1. Thess. 5, 21. 22. Orig. in Matth. Tract. 27. Num. 33. Opp. III, 852. Vere enim, qui implet illud mandatum, quod ait [sc. Christus]: Estote prudeutes nummularii, et illud quod ait: Omnia probate, quod bonum est, tenete, ab omni specie mala absti- nete vos. 1. Thess. 5, 21. 22. jiavxa 6s doxi{iaC,sxs, xc xaXbv xaxs- %sxs, ajto jtavxög tlöovg jiovrjQov djtsxsö&e. Vgl. Agrapha S. 116 ff. 233 ff.
§ 6. Das vorcanonisehe Evangelium. 79
l.Tim. 1, 15. Lc 19, 10. r/X&sv ydg 6 vlog xov avÖQcojiov £r/x?]6at xal
öcoöai xo duioXmXog. 1. Tim. 1, 15. jciöxog 6 Xoyog xal jzäö?]g djcodoyfjg afyog oxi
Xgiöxög 3lr]Oovg i]Xd-tv sig rov xoOfiov dfiagxojXovg
Gcäoai.
1. Tim. 2, 5. 6.
Mt. 20, 28. 6 vlog rov äv&gcojiov ovx i/Xfrev diaxovrftH)vai, dXXd öiaxovTJöai xal dovvai xr\v tyvyjjv avxov Xvxgov dvxl jtoXXcöv.
1. Tim. 2, 5. 6. avd-Qconog Xgiöxog 'ifjöovg 6 öovg tavxov dvxl- XVXQOV VJtSQ jtävxow.
1. Tim. 5; 18.
Mt, 10, 10. a^iog ydg 6 lgydxr\g xr\g XQO<p?jg avxov. Lc. 10, 7. dt-iog ydg 6 egydxtjg xov [iiöftov avxov.
1. Tim. 5,sli. Xiyu ydg i] ygag)?} .... a£,iog 6 igydxtjg xov
[iiöfrov avxov.
2. Tim. 2, 12.
Mt. 10, 33. oöxig tf av dgv?]Otjxai fce efijigoöfrsv xcöv dv&goi- jcodv, aQVfjöofiai xayco avxov.
2. Tim. 2, 12. et dgv7)6o[ie&a, xdxeivog dgvr/Oexai r)(iag.
Vgl. Lc. 12, 9.
2. Tim. 2, 19.
Const. II, 54. p. 81. xad-mg yiyganxai' xolg iyyvg xal xolg fia-
xgdv, ovg eyva) xvgiog ovxag avxov. 2, Tim. 2, 19. o fievxoi oxegsdg ftefieXiog xov &sov eux?jx£v,
eyoiv xt)v öygayiöa xavxijv syvm xvgiog xovg ovxag
avxov.
Vgl. Agrapha S. 109. 204 ff. 288.
1. Petr. 1, 8. Eus. H. E. I, 13, 10. yayganxai yäg jisgl eftov, xovg ta>ga- xoxag (ie fit/ jciOx evösiv ftoi, xal iva ol fif) hwgaxoxsg avxol JiiOxsvöcoOi xal Cqöovxat.
gO Text- und quellenkritische Grundlegungen.
1. Petr. 1, 8. ov ovx Idövxeg ayandxe, dg ov aqxi fi?} oqcövtsq 7iiox£vovxeg de ayalZiäo&e xaQV dv£xXaXi\xco. Vgl. Agrapha S. 462 f.
1. Petr. 4, 14.
Mi 5, 11. fiaxagioi eoxe oxav oveidiccooiv vfiag . . . evsxsv
tiiov — Syr. Cur. dia xo ovofic't [iov. 1. Petr. 4, 14. ei öv£tdi C.£0&£ Iv ovdfiaxi XqiOxov, fiaxd-
qlol.
Vgl. Lc. 6, 22.
1. Petr. 3, 14. Mt. 5, 10. fiaxdgiot ol deöuoyfuvoi tvexev dixaioovvtjg. Const. V, 2. p. 126. xal vfiäg xaiQ£XS *<*vxa jcdöxovxeg, öxi
fiaxctQtoi ysvrjGeo&s iv ixeivi] xfj r/fiega. 1. Petr. 3, 14. äAZ* ei xal oiäoxoixe did dixaioOvvijv, fia-
XCtQlOl.
Jac. 2, 13.
Ephraem Syr. Opp. 1, 30 E. xai ftaxdgioi ol £X£?}öavx£g, ort ixet eterftt'jöovTai, xai' oval xoig (irj eX£?]öaöiv, oxi ovx hX£ri^/jOovrai-
Jac. 2, 13. rj ydg xgiöiq dviXeog reo fi?) jcoirjöavxi IXmg.
Jac. 4, 17.
Lc. 12, 47. ixüvog 6 dovXog o yvovg xo &£Xt][ia xov xvgiov avxov xal fii) txoifidoag i] üioif\6ag Jtgog xo &£h](ia av- xov, 6aQTjO£xai jcoXXäg.
Orig. in Jerem. Hom. XVI, 7. dovXog 6 adrig xo &eXrj(ia xov xvgiov xal fi?) xoirjOag xaxd xo 9-tXt/fia avxov dagrjö£xai . . JtoXXdg.
Jac. 4, 17. ddoxi ovv xo xaXov xoielv xal [irj jtoiovvxi afiagxia avxcp iöxiv.
Jac. 5, 12.
Mt. 5, 34. 35. 37. eya) de Xiyco vylv fi?) ofioöai oXcog' {u?jxe iv xcß ovgavcö . . . (irjx£ iv xij y(] . . . eotco de 6 Xo- yog vficöv val val, ov ov.
§ 6. Das vorcanoniscke Evangelium. gl
Jac. 5, 12. xgo Jtdvxcov 6s, dösZyoi (iov, /irj ofivvsze, tu?/xs xov ovgavov (i?]xe xi\v y?jv (irjxs aXXov xivd oqxov ?/xco ös vfimv xo val voll, xal xo ov ov.
Apoc. 1, 3.
Lc. 11, 28. fiaxägioi ol dxovovxsg xöv Xoyov xov &eov
xal g)vXdd6ovxsg [avxov]. Herrn. Sim. V, 3, 9. p. 148. xr/Qt]6ag 6s avxä fiaxcQiog saij'
xal 6col av dxovöavxsg avxä xr/Q?]6coöi, [taxagioi
sOovxai. Apoc. 1, 3. [iaxaQiog l dvayivcGöxmv xal ol dxovovxsg xov
Xoyov x?/g jcgoyitjxsiag xal x?]QOvvzsg.
Apoc. 3, 3. Mt, 24, 43. 44. et yösi 6 oixo6söji6x?]g, jioia (pvXaxij 6 xXs- Jtxrjg sgysxai, syQ?jyoQ?jOsv äv . . . 6id xovxo xal vtueig ylvsö&s tzoifioi, oxl fi ov öoxslxs qjqo, o vlög xov dvfrooj- jtov EQysxai. Apoc. 3, 3. eäv ovv (i?] yQtjyoQtjöyg, rj^w cog xXsotxrjg, xal ov fi?) yvcoöy, jtoiav mgav rj^co sjcl os. Vgl. Lc. 12, 39. 40.
Apoc. 3, 5.
Mt. 10, 32. jcäg ovv oöxig ofioXoyrjösi ev sfiol sjujtqoö&sv xcäv äv&Qcajicov, ofioXoytjöoj xdyco iv avxcß 1[ijiqoo\)sv xov jiaxgög fiov xov ev ovgavotg [Lc. 12, 8: xcov dy- yslmv xov dsov].
Apoc. 3, 5. o (ioXoyt'jöco xo ovo;ia avxov svojjclov xov jcaxQog fiov xal evcojciov xcöv ayysXaiv avxov.
Apoc. 3, 20 a.
Mt. 24, 33. yivcoöxsxs oxl lyyvg loxtv sjiI frvoaLg. Apoc. 3, 20 a. löov l'öx?]xa sjiI xt)r d-vgav.
Apoc. 3, 2l) h. 21 a. Lc. 22, 30. Iva sodh/xs xal jrii't/xs [Syr. Cur. add. [xsx' stuov] sjcI xi/g xQajitC,tjg [iov iv xfj ßaöiXtia fiov xal xa&?)ö£6&s sjtl d-QOvatv.
Texte und Untersuchungen X. Q
£2 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Epiph. Haer. LXVI, 38. 39. p. 652 D.
xal avxov xov xvqiov 7] vjioGyßGig 6xi sGeO&s xa&i']{ievot ejcI xr\g xoajttCflg zov Jtazgog fiov iofriovxeg xal jcivovxeg.
Apoc. 3, 20 b. 21 a. xal dsutvtjGco fier' avxov xal avxog fiex* 8(iov. o vixojv, öojGoj avxcß xa&iGai tusx} tfiov sv xm
&QÖV03 flOV.
Apoc. 11, 2.
Lc. 21, 24. xal hgovGaXrjfi sGzai jcazov[itV7] vjto e&vc5v. Apoc. 11, 2. ort adofrt] zolg e&vsoiv, xal zi]v jtoXiv xrjr äy'iav TiaxT/Gorow.
Apoc. 12, 9.
Lc. 10, 18. sfrscooovv zov Gazavav mg aGzgajttjv Ix zov ovoavov üttGÖvxa.
Const. VIII, 7. p. 241. 6 gn^aq avzov wg aGzoaxrjv sB, ov- gavov slg yrjv.
Apoc. 12,9. xal 6 Gazavag . . . eßfaj&i] slg z?)v yi]v.
Apoc. 13, 10. Mt. 26, 52. jtävzsg yäo ol Xaßovxeg fiayaioav sv {layaiQii
anolovvxaf Apoc. 13. 10. el xtg iv ftayaig?] ajtoxxevü, ösl avzov sv fia-
Xa'iQi] äjioxxavfrtjvai.
Apoc. 14, 4. Lc. 9, 57. sljcev zig Jioog avxov äxoZov&ijow Goi ojtov av
axloyi). [Cod. D.: vxdysig]. Apoc. 14,4. ovxol ol axoZovfrovvzeg xm agvico oxov av
vnäyij.
Ein vergleichender Überblick über diese Proben der Ver- wandtschaft zwischen den apostolischen Schriften und der evan- gelischen Überlieferung zeigt deutlich, dass diese Verwandtschaft gleichrnässig auf die canonischen wie die aussercanonischen Evangelientexte sich erstreckt und ebenso in alle drei syno- ptischen Evangelien hineinragt. Wer diese Beispiele aber im Einzelnen einer näheren Untersuchung theils an der Hand der in den „Agrapha" gegebenen Nachweise, theils mit Hilfe der in diesem Werke nachfolgenden Erläuterungen zu den „Aussercano-
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. 83
nischen Paralleltexten" , theils im Anschluss au die späteren Untersuchungen über die „Canonischen Evangelienparallelen" unterwerfen wird, dem wird durch die Erkenntniss, dass die meisten Differenzen zwischen den apostolischen und evangelischen Parallelen wesentlich aus der Verschiedenheit der Übersetzung des gemeinsamen hebräischen Urtextes sich erklären, es zur vollen Gewissheit werden, dass eine vorcanonische hebräische Evangelienquelle der gesammten neutestamentlichen Literatur vorausgegangen ist.
Die Symptome der Verwandtschaft zwischen den aposto- lischen Lehrschriften und den synoptischen Evangelien werden hierdurch in noch viel grösserer Ausdehnung, als dies von der Tübinger Tendenzkritik geschehen, zur Anerkennung gebracht. Aber eben auf Grund einer Vervollständigung der Symptome ist auch eine völlig neue Diagnose des Sachverhaltes ermöglicht. Die Erklärungsgründe, welche die Tübinger Schule anwendete, um das Verwandtschaftsverhältniss der synoptischen Evangelien und der apostolischen Lehrschriften historisch-genetisch zu er- läutern, werden gewissermassen ins Gegentheil verkehrt. Nicht die Evangelien sind von den apostolischen Lehrschrif- ten abhängig, sondern die apostolischen Lehrschriften sind von dem Evangelium abhängig, allerdings von einem vorcanonischen, aber eben von demjenigen vorcanonischen Evangelium, aus welchem die Verfasser der aposto- lischen Lehrschriften ebenso wie die Redaktoren der drei synoptischen Evangelien geschöpft haben. Durch diese Erkenntniss wird das von der Tendenzkritik entworfene Zerrbild endgiltig beseitigt und zugleich eine viel genauere literarische Erklärung jener zahlreichen Verwandtschafts-Sym- ptome angebahnt.
§ 7-
Die Ursprache des vorcanonischen Evangeliums.
In den Agrapha S. 42 — 45. 271 habe ich die patristischen Zeugnisse mitgetheilt, denen zu Folge Matthäus ein hebräisches Evangelium geschrieben hat. Die dort gegebenen Citate, auf
6*
§4 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Grund deren Papias, Pantaenus, Irenäus, Origenes, Eusebius, Cyrillus von Jerusalem, Epiphanius, Chrysostornus , Ephraeni Syrus, Hieronymus, Augustinus, Pseudo-Athanasius, Pseudo-Hip- polytus, Theopbylaktus, Euthymius Zigabenus, sowie eine Anzabl Codices, ferner die Syrische Version von White und ein altes Scholion die Überlief eruug von einem hebräischen Matthäus-Evan- gelium vertreten haben, vervollständige ich zunächst durch einige weitere Angaben.
August, de consensu evang. I, 66.
Matthaeus Hebraea lingua perhibetur evangelium con- scripsisse. Hieron. Ep. ad Hedibiam. Ed. Bened. IVa. p. 174.
Evangelistam Matthaeum, qui evangelium Hebraico ser- mone conscripsit. Eutychius. Tom. I. p. 328.
Ejusdem Claudii tempore scripsit Matthaeus evangelium suum Hierosolymis lingua Hebraica. Ebed Jesu. Carmen continens Catalogum Librorum omnium Ecclesiasticorum. Assemani Bibl. Or. Tom. 111. p. 3. Nunc absoluto Veteri Aggrediamur jam Novum Test.: Cujus caput est Matthaeus, qui Hebraice In Palaestina scripsit. Anast. Sin. In Hexaemeron Lib. VIII.
Matthaeus scripserit evangelium suum sermone Hebraico. Cod. ap. Blanchini in Evangeliarium quadriplex. Tom. I. Vol. IL p. 516.
ey^acp?] xo xaxa Maxdalov Evayyeliov ißgcüörl dg r?)v IIalai6xivi]V. Wenn nun auch viele von diesen patristischen Nachrichten auf Abhäugigkeit des einen Autors von dem anderen beruhen werden, so zeigen einzelne Angaben manche selbstständige Ele- mente. Dahin gehört die Betonung des Sprachcharakters bei Epiphanius und Hieronymus, wonach jenes Evangelium nicht blos in hebräischen Lettern (Eßgcüxotg ygccfifiaöiv, Hebraicis literis), sondern auch in hebräischer Sprache (Eßgcüöri, Hebrai- cis verbis) geschrieben gewesen sei. Dahin gehört ferner die Angabe von der Entstehung dieses Evangeliums in Jerusalem nach Pseudo-Athanasius, Pseudo-Hippolytus, dem Chro-
§ .. Die Sprache des voicanonischen Evangeliums. g5
nicon Pascliale und mehreren Codices. Dahin gehört endlich auch die von Theophylakt, Euthynrius, Nicephorus, einem alten Scholion und mehreren Codices vertretene genaue Zeitbe- stimmung, wonach die Entstehung des Evangeliums in das achte Jahr nach Christi äväl?]tyiq zu setzen sei, womit sich auch Eutychius berührt, wenn er das Evangelium Claudii tempore (d. i. 41 — 54) entstanden sein lässt. Diese Angaben können irrig sein, jedenfalls aber stammen sie nicht aus Pa- pias, sondern aus einer anderweiten selbstständigen Tradition. Mit alleiniger Ausnahme des Papias bezogen wohl sämmtliche Autoren, insbesondere auch die Verfasser jener Codices, diese Tradition von einer hebräischen Urschrift auf das canonische Matthäusevangelium. Dass in dieser Auffassung ein historischer Irrthum vorliegt, ergibt sich mit Bestimmtheit aus folgenden Umständen:
erstlich: der Verfasser des ersten canonischen Evangeliums schrieb in den Partien, die von ihm selbst herrühren, ein an bestimmten Ausdrücken erkennbares und von seinen Quellen deutlich zu unterscheidendes Griechisch: zweitens: die Schrift des Apostels Matthäus muss ein auf Augenzeugenschaft beruhendes originales Werk aus Einem Guss gewesen sein, während im ersten canonischen Evan- gelium auf das Deutlichste verschiedene Quellenschriften zu erkennen sind; drittens: eine von den beiden Hauptquellen, welche der Re- daktor des ersten canonischen Evangeliums benützte und verarbeitete, war das griechisch geschriebene Marcus- evangelium, dessen sprachlicher Einfluss auf das Grie- chische des canonischen Matthäus an zahlreichen Stellen zu recognoscieren ist; viertens: nur die zweite Hauptquelle, in deren Benützung der erste und dritte Evangelist in breiten Partien zusammen- treffen, ohne von Marcus abhängig zu sein, trägt einen ausgesprochenen hebraisierenden Charakter, welcher von der Quellenkritik in selbstständiger Weise — ganz ab- gesehen von der patristischen Tradition — als solcher festgestellt worden ist. Also nicht dem canonischeu ersten Evangelium, sondern dieser zweiten, oder wenn man will, ersten. Hauptquelle desselben
gß Text- und quellenkritische Grundlegungen.
hat eine hebräische Urschrift zu Grunde gelegen. Nur auf diese hebräische Quellenschrift des ersten Evangeliums kann die patri- stische Tradition von einem hebräischen Matthäusevangelium ursprünglich sich bezogen haben. Und da in dieser vorcano- nischen Quellenschrift die Reden Jesu bei Weitem praeponde- rierten, so ist es nach dem Grundsatz: a potiori fit denominatio — höchst wahrscheinlich, dass die Aoyia, welche nach Papias der Apostel Matthäus in hebräischer Sprache verfasste (Eßgäidi öialtXTcp övveyydipazo), mit jener von der Quellenkritik ent- deckten vorcanonischen Grundschrift identisch sind.
Ein unausgeglichener Gegensatz herrscht aber unter den be- theiligten Forschern über die Frage, ob unter EßQaiöxi, 'Eßgäig cpcovfj, EßQaiq yXcöxra, Eßgalq ökxXextoq die hebräische oder die aramäische Sprache zu verstehen sei. Für das Aramäische erklärten sich De Rossi (Della Lingua propria di Cristo e degli Ebrai nationali della Palestina da' tempi de' Maccabei. Parma 1772), ferner Pfannkuche (Über die palaestinensische Landes- sprache in dem Zeitalter Christi. In Eichhorns Allgem. Bibl. VIII, 365 — 480), ebenso Neubauer (On the dialects spoken in Palestine in the time of Christ. In Studia Biblica p. I. Oxford 1885. S. 39 — 74). Für ein (modernisiertes) Hebräisch gaben ihre Stimmen ab De Sacy (Litterature Orientale. In Magazin encyclopedique. Paris 1805. I, 125 — 147), Renan (Histoire generale et Systeme compare des Langues semitiques. Paris 1863. p. 224 ff.), Seh egg (Evangelium nach Matthäus 1856. I. S. 13. 14.), Bohl (Forschungen nach einer Volksbibel zur Zeit Jesu und deren Zusammenhang mit der Septuaginta-Übersetzung. Wien 1873), Delitzsch (The Hebrew New Testament of the British and Foreign Bible Society. A contribution to Hebrew philology. Leipzig 1883. Saat auf Hoffnung XI, 4. p. 195 ff.). Alle diese Untersuchungen sind aber für die vorliegende Frage, in welchem semitischen Idiom das vorcanonische Evangelium geschrieben gewesen sei, deshalb nicht entscheidend, weil das Urtheil vor- zugsweise von allgemein historischen Gesichtspunkten be- stimmt ist und weil nach der allgemeinen historischen Zeitlage in Palaestina in der fraglichen Periode beide Sprachen, die ara- mäische wie die hebräische, in Betracht kommen können. Denn wenn irgend Etwas gewiss ist, so ist es die doppelte Thatsache, dass — abgesehen von der griechischen Sprache, welche in
§. 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. g7
Palaestina ebenfalls verbreitet war — einerseits das Aramäische (oder Syro-Chaldäiscbe) namentlich in Nordpalaestina, aber auch z. Th. in Judäa, die Volkssprache bildete und dass andererseits das Hebräische, theilweise modernisiert, als die Sprache der Literatur, vielfach auch in den gottesdienstlichen Vorlesungen und Vorträgen, namentlich aber als Schriftsprache in Südpalaestina und besonders in Jerusalem fortlebte. Hiernach ist es im hohen Grade wahrscheinlich, dass Jesus je nach Bedürfniss in allen drei Sprachen, welche in Palaestina herrschend waren, geredet bat: im Verkehr mit griechisch redenden Juden (Job. 12, 20 ff.) und beim Aufenthalte in den griechisch redenden Städten der Dekapolis griechisch, im Verkehr mit dem niederen Volke, zumal in Galiläa, aramäisch, und beim Gebrauch des Alten Testamentes sowie in den an das Alte Testament sich anschliessenden gottes- dienstlichen Lehrvorträgen sicher auch hebräisch. Hiervon ist also die vorliegende Frage wohl zu unterscheiden: Welche von diesen drei Sprachen wählte der Jünger Jesu, welcher als der Erste sich anschickte, die Thaten und Reden des Meisters schriftlich zu fixieren? Die Entscheidung dieser Frage hing wesentlich von dem Zweck ab, welchen der Schreiber sich vorsetzte. Wählte er das gelehrte hebräische Idiom, so ge- wann seine Schrift im Voraus einen esoterischen Charakter, der das frühzeitige Verschwinden derselben aus dem Gesichtskreise der altkatholischen Kirche am Besten erklären würde.
Für die Annahme des Hebräischen als des ursprünglichen Idioms bezüglich des vorcanonischen Evangeliums spricht ohne Zweifel die patristische Tradition. Wenn Marshall (im Ex- positor. 1891. IL S. 122) sagt: Papias and Pantaenus and others teil of a Gospel written in Aramaic — , so ist dies eine petitio principii. Denn da unter der Eßgaiöi öialtxrcp des Papias und den ^Eßgalojv y^dfifiaoiv des Pantaenus nach neu- testamentlichem wie patristischem Sprachgebrauche beide Idiome, sowohl das hebräische als das aramäische, gemeint sein können, so trägt Mars hall mit seinem „Aramaic" in die betreffenden patristischen Nachrichten das ein, was er erst beweisen will. Ihm gegenüber ist vielmehr auf einen Umstand aufmerksam zu machen, durch den man geneigt sein könnte, das Gegentheil von dem an- zunehmen, was Marshall in die patristischen Nachrichten ein-
gg Text- und quellenkritische Grundlegungen.
trägt. Denn während von dem in der aramäischen (oder syro- chaldäischen) Sprache verfasst gewesenen Hebräerevangelium zwar auch der Ausdruck: Hebraeus sermo, daneben aber auch die bestimmte Angabe des Hieronymus vorhanden ist: quod Chaldaico quidem Syroque sermone sed Hebraicis litteris scriptum est — : bewegen sich die patristischen Nachrichten be- züglich des vorcanonischen Matthäusevangeliums constant in den Ausdrücken: EßgaCöri, Eßocdöt öialzxro? , Eßgatöi (pcvvy, EßQäiöi ylcoxxi], ohne dass auch nur ein einziges Mal eine Andeutung des aramäischen (oder syrochaldäischen) Idioms vorkäme. Ja Epiphanius und Hieronymus bezeugen sogar ausdrücklich, dass es nicht blos Hebraicis litteris, 'EßQCü'xolq YQGfjfiaoiv, sondern auch Hebraicis verbis, EßgaCöri geschrieben gewesen sei. Hiermit wäre eigentlich schon die Frage zu Gunsten des Hebräischen entschieden. Indess, da diese Nachrichten nicht aus Autopsie der Autoren hervorgegangen sind, so wäre immer- hin ein Irrthum möglich.
Die endgiltige Entscheidung kann, wie auch sonst, nicht aus- schliesslich in der äusseren Bezeugung, sondern muss vorzugs- weise durch die inneren Kriterien gefunden werden. Die zahl- reichen griechischen Texte, welche aus jener vorcanonischen Quellenschrift semitischen Charakters geflossen sind, bieten ein weites, reiches Forschungsgebiet. Die drei synoptischen Evan- gelien, die Parallelen in den apostolischen Lehrschriften, die aussercanonischen Paralleltexte, die Agrapha, als aussercanonische Fragmente jener verlorenen vorcanonischen Quellenschrift, ge- währen ein Bild buntester Mannigfaltigkeit, sehr häufig dieselben Texte in verschiedenster Gestalt und in mehrfachen Variationen. Da aber hinter dieser bunten Mannigfaltigkeit canonischer und aussercanonischer Evangelienparallelen ganz deutlich eine höhere Einheit zu erkennen ist, so entsteht das Praejudiz, dass die Einheit in dem semitischen Quellentext zu suchen ist und dass die Variationen der griechischen abgeleiteten Texte Versionen des semitischen Grundtextes in sich schliessen. Unter der Annahme nun, dass derjenige semitische Dialekt, welcher die Wortverschiedenheiten der evangelischen Paralleltexte am besten erklärt, als die Ursprache der vorcanonischen Quellenschrift erkannt werden müsse, entsteht die Aufgabe, sämmtliche evangelischen Paralleltexte
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. §9
synoptischen Charakters — canonische wie aussercanonische — ■ daraufhin zu untersuchen, aus welchem semitischen Dialekt die in den Parallelsätzen hervortretenden Wortver- schiedenheiten der griechischen Texte sich am besten erläutern lassen.
Diese Untersuchung wird allerdings durch verschiedene Um- stände erschwert. Zunächst durch das nahe Verhältniss des Hebräischen und Aramäischen zu einander, sofern diese beiden Idiome nicht blos wurzelverwandt sind, sondern auch durch die Aufnahme vieler Aramaismen in das spätere Hebräisch und durch das Eindringen zahlreicher hebräischer Elemente in das Ara- mäische, also durch fortgehende gegenseitige Beeinflussung, im Laufe der Jahrhunderte sich einander in der Weise genähert haben, dass Aramaismen und Hebraismen innerhalb der grie- chischen Version in vielen Fällen nur sehr schwer zu unterschei- den sind.
Man könnte nun dieser Schwierigkeit gegenüber geneigt sein, auf einige semitische Elemente, welche mitten in den griechischen Evangelientexten sich finden, besonderen Werth zu legen und, da diese vorzugsweise dem aramäischen Idiom angehören, letzteres als die Ursprache des vorcanonischen Evangeliums be- zeichnen. Und ohne Zweifel sind manche Forscher durch diesen Umstand zu solcher Annahme geführt worden. Indess eine nähere Analyse dieser aramäischen Bestandteile in Verbindung mit der Quellenkritik liefert keineswegs ein sicheres Resultat. Dieselben zerfallen in folgende drei Gruppen innerhalb der synoptischen Evangelien.
A. Aramäische Nomina propria.
1. BaQaßßäq = «SK -^ — Mt, 27, 16—26= Mc. 15, 7—15.
Lc. 23, 28.
2. BaQ&oZoftcüog = Tof»5 TS — Mt. 10, 3. Mc. 3, 18. Lc. 6, 14. [3. BaQioDvä = fiShi IS — Mt. 16, 17].
4. BagzifialOQ = vn^a 13 — Mc, 10, 46.
5. BoavrjQytq (fyy\ W) — Mc. 3, 17; Lc. 6, 14 D. [6. refroiinavTi = s«ttti na — Mt, 26, 36; Mc. 14, 32]. 7. roXyoß-ä = KFDäbä '- .Mt. 27, 33. Mc. 15, 22.
s. MÜQl>a = »rnü _ Lc. 10, 38.
9Q Text- und quellenkritische Grundlegungen.
B. Aramäische Nomina appellativa. 9. dßßä = K3S? — Mc. 14, 36.
10. ßeek&ßovZT= bttT b?Z — Mt. 10, 25; 12, 24. 27; Mc. 3, 22;
Lc. 11, 15. 18. 19.
11. fiaficoväg = feWitta — Mc. 6, 24; Lc. 16, 13; 16,9. 11.
12. Jtdöya = xnpE — Mt. 26, 2; Mc. 14, 1; Lc. 2, 41 u. ö.
13. Qaßßovvl — Vsisn — Mc. 10, 51.
14. (,axa = Sj^-i — Mt. 5, 22.
15. oatavag — V&Bft — Mt. 4, 10; Mc. 1, 13; Lc. 22, 31 u. ö.
16. OixsQa = vhaiö — Lc. 1, 15.
C. Aramäische Sätze.
17. icpyafrd = nnsns — Mc. 7, 34.
18. zaXidd xovfi — Clp 8tt^!?tt — Mc. 5, 41.
19. slcot, slcot, ?.eiud aaßayßavsi = ^Wf)M5 tfttb '»ilbl* "»rfb« —
Mt. 27, 46; Mc 15, 34 nach den canonischen Texten.
D. Hebräische Sätze.
20. ?]Xel rjXu laua ^acp&avsi = ^POJ$ fifcb ib» ibx — Mt.
27, 46 = Mc. 15, 34 nach den vorcanonischen Texten.
21. coöavvd fJSfißQOfir/' ßaQOvyannä döovät — [Dj'ü'i'TEQ &W~yiÖin
ip« «an tpna — Acta Pil. zu Mt. 21, 9.
Die kleine Anzahl dieser aramäischen Elemente ist gewiss nicht darnach angethan, dass man daraus mit Sicherheit auf einen aramäischen Gesarnintcharakter des vorcanonischen Evan- geliums schliessen könnte. Die aramäischen Nomina propria, die noch dazu theil weise in graecisierter Form gebraucht werden, haben, wie alle Nomina propria, für die Frage nach dem Sprach- charakter einer Schrift keine Beweiskraft; in dem von Haus aus griechisch geschriebenen johanneischen Evangelium haben wir noch Bfjd-sod-a = mcn niä (Joh. 5, 2), Faßßa&ä = an^ (Joh. 19, 13), Kr](pdq = »fiis (Joh. 1, 43). Aber auch die Nomina appellativa gehen über den Charakter von Aramaismen, wie sie auch sonst als gebräuchliche termini in das Hebräische einge- drungen sind, nicht hinaus. Man denke an das aramäische "Ö in dem hebräischen Ps. 2, 12; man vgl. den nur im johannei- schen Evangelium vorkommenden aramäischen terminus fJEOoiag
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliunis. 91
= srPirh? Joh. 1, 42; 4, 25. Aber selbst solche kleine Sätzclien wie ralifra xovfi Mc. 5, 41 und iyya&ä Mc. 7, 34, wenn die Zugehörigkeit dieser beiden aramäischen Sprachbestandtheile zum Context des Urevaugeliums erwiesen werden könnte, würden nicht von ferne ausreichen, um einen aramäischen Gesammtcharakter desselben zu constatieren. Denn haben wir nicht mitten im hebräischen Contexte des Alten Testamentes aramä- ische Sprachbestandtheile, wie Gen. 31, 47 zwei aramäische Wörter und Jer. 10, 11 einen ganzen aramäischen Satz? Aber nach der in diesen Fällen sicherlich wohlbegründeten Quellen- kritik von B. Weiss gehören die zwei kleinen aramäischen Sätze Mc. 5, 41 und Mc. 7, 34 lediglich zu den Zuthaten des Marcus, nicht zum Quellentexte des vorcanonischen Matthäus. Dagegen von grösster Bedeutung würde es sein, wenn sich ergeben sollte, dass Jesus am Kreuze in aramäischer Sprache gebetet und dabei sogar ein hebräisches Psalmenwort wie Ps. 22, 2 im aramäischen Idiom wiedergegeben hätte. Denn damit wäre das Aramäische als das ureigenste Idiom Jesu erwiesen, als das Idiom, in welchem er seine tiefsten Gedanken, seine innersten Empfindungen, sein ganzes Sein auszudrücken gewohnt gewesen wäre. Und diese Thatsache, sicher beglaubigt, würde den ersten Niederschlag der Reden Jesu in einem anderen als in dem ihm eigenthümlichen aramäischen Sprachidiom und eine Fixierung derselben in einem hebräischen Evangelium als unwahrscheinlich bezeugen. Nichts weniger aber ist gewiss als diese Voraussetzung. Zwar vertreten die canonischen Parallelen Mt. 27, 46 und Mc. 15, 34 den aramäischen Wortlaut. Aber die Thatsache, dass Codex D und eine Anzahl altlateinischer Versionen, höchstwahrscheinlich auch das Diatessaron Tatians (Ephraem citiert ausdrücklich Eli, Eli) den hebräischen Wortlaut, wenn auch zum Theil in mancherlei Verstümmelungen darbieten, lassen mit Bestimmtheit er- kennen, dass der Archetypus, aus dem diese Zeugen geschöpft haben (der älteste Evangeliencanon), das Ge- bet Jesu am Kreuz nicht in aramäischer, sondern in hebräischer Sprache überliefert hat, dass mithin die ara- mäische Fassung erst der späteren Fixierung der jetzigen cano- nischen Texte angehört, wovon auch noch im Cod. Vaticanus die Nachwirkung zu verspüren ist. Und gerade die hierbei ein- geschlichenen Verstümmelungen des hebräischen Wortlautes,
{)2 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
welche durch die späteren des Hebräischen unkundigen Ab- schreiber verschuldet sind — Cod. Vat. t,aßa<pdavü, Cod. Can- tabr. Lat., Cod. Ciarom.: zapthani, Vulg. Cod. for.2: zeptani, Cod. Veron.: zaptani, Cod. Vercell.: zahtani. Cod. Vindobon: zapap- thani, Cod. Bobb.: zaphani etc. — beweisen das hohe Alter des ursprünglich hebräischen Textes. Eine ähnliche Verstümmelung liegt in dem hebräisch überlieferten, in griechischen Lettern ge- schriebenen Texte vor, mit welchem in den Actis Pilati der Zuruf der Jünger uud des Volkes bei dem Einzüge Jesu in Jerusalem wiedergegeben ist. Und auch die hier vorliegende Verstümmelung bezeugt es. dass dieser hebräische Text aus alter Tradition hervorgegangen ist. Nach der Quellenkritik von B. Weiss, welcher das vorcanonische Evangelium mit der Salbung in Bethanien abgeschlossen sein lässt, gehört nun zwar weder der Bericht über den Einzug Jesu in Jerusalem noch das Gebet Jesu am Kreuze zur Grundschrift. Aber dass gerade auf diesem Gebiete die Weissschen Untersuchungen fortgesetzt und ergänzt werden müssen, dafür wird dieses Werk, wie ich hoffe, zahl- reiche Belege bringen. Die hier aus der vorcanonischen Text- gestalt von Mc. 15, 34 = Mt. 27, 46 sowie in der aussercano- nischen Tradition der Acta Pilati zu Mc. 11, 10 = Mt. 21, 9 = Lc. 19, 38 vorliegenden inneren Zeugnisse weisen auf einen semitischen, und zwar hebräischen — nicht aramäischen — Urtext hin.
Immerhin ist die geringe Zahl von aramäischen und hebräi- schen Resten in den Evangelientexten synoptischen Charakters nicht genügend, um nach der einen oder der anderen Seite ein endgiltiges Urtheil über die Ursprache des vorcanonischen Evan- geliums zu motivieren. Die Untersuchung muss vielmehr das weitausgebreitete und bunte Feld der griechischen Parallel- texte zum eigentlichen Ausgangspunkt der fraglichen Forschungen erheben. Und nach dieser Seite lagen bis vor Kurzem nur vereinzelte und sporadische Ansätze, nirgends aber methodische Untersuchungen vor. Sofern man diese letzteren auf die synoptischen Evangelien concentriert, entsteht sofort die grosse Schwierigkeit, dass, da hier nicht einfache Übersetzungen, sondern freie Bearbeitungen des vorcanonischen Evangeliums vorliegen, die Untersuchung leicht in Gefahr ist, die Grenze zwischen dem in die synoptischen Evangelien einge-
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangelium?. 93
betteten Urtexte und den redaktionellen Zutliaten der späteren Bearbeiter zu verwischen. Mit anderen Worten: es muss die Forschung nach dem hinter den Varianten liegenden semitischen Grundtexte mit einer sehr ein- dringenden Quellenanalyse der griechischen Parallel- texte Hand in Hand gehen.
Dieser Anforderung scheint mir derjenige Forscher nicht gerecht geworden zu sein, welcher — abgesehen von den probe- weisen Darlegungen, welche ich in § 6 der „Agrapha" S. 40 — 75 auf Grund längerer Studien über die „hebräische Grundschrift und ihre griechischen Übersetzungen" dargeboten habe — zum ersten Male begonnen hat, ex professo mit dieser schwierigen Frage sich zu beschäftigen und derselben ausgedehnte Unter- suchungen zu widmen. Damals mit meinen Agrapha noch un- bekannt, hatte Marshall im Juli-Heft des Expositor 1S90 (VII. 69 — 80) die Frage behandelt: Did Saint Paul use a Semitic Gospel? Und in der Beantwortung dieser Frage war er mit meinen Forschungen nicht blos darin zusammengetroffen, dass er aus den Varianten der griechischen Paralleltexte auf den semi- tischen Urtext zurückgegangen war, sondern auch darin, dass er, wie ich es thue, die Benützung des ..Semitischen Evange- liums" durcb Paulus constatierte und an verschiedenen Bei- spielen nachwies. Erst durch die Besprechung der Agrapha von Seiten des Dr. Sanday in dem ..Expositor" war er auf meine Agrapha im Laufe des Jahres 1S91 aufmerksam und durch die Berührung mit meinen Forschungsergebnissen überrascht worden.
Inzwischen aber hatte er bereits begonnen, im Expositor vom Januarhefte an eine längere Serie von Artikeln: ..The Aramaic Gospel" zu veröffentlichen, in welchen er, was. wie schon der Name „Semitic Gospel" zeigt, anfänglich nicht in der Weise geschehen war, mit Entschiedenheit für das „Ara- mäische" als dasjenige semitische Idiom eintritt, in welchem das vurcanonische Evangelium geschrieben sei. Mit höchstem Interesse bin ich diesen Veröffentlichungen gefolgt, indem ich jedes einzelne Beispiel der Untersuchung sorgfältig nachprüfte. Hatte ich doch gerade nach dieser Seite in vollständiger Isolierung nieine For- schungen bisher unternehmen müssen, ebenso wie Marshall (Expositor May 1891. p. 375, von sich sagt, dass er seine Theorie ..in absolute Isolation" sich gebildet habe. Und wird doch — wie
94 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
ich sicher glaube — ins Künftige das Zurückgehen auf den semitischenUrtext einHaupt-Kriterion sein bei quellen- kritischer und textkritischer Untersuchung der Evan- gelienparallelen synoptischen Charakters. Insofern ist es von hoher Bedeutung, dasjenige Sprachidiom festzustellen, in welchem die Grundschrift verfasst war und aus welchem die Parallelen und Varianten der Evangelientexte synoptischen Charakters zu erklären sind. Mit Prof. Mars hall stimme ich nun vollständig in dem Grundsatz überein, dass derjenige semitische Dialekt, welcher am besten die Verschieden- heiten der Evangelienparallelen synoptischen Charak- ters zu erklären vermag, als der Urtext der vorcano- nischen Evangelienquelle erkannt werden müsse. Vgl. Expositor 1890. VII, p. 80:
that dialect which best explains the verbal discrepancies in the synoptists must be voted the original oue in which the gospel was first written. Bei dieser allgemeinen Übereinstimmung mit Prof. Marshall hege ich im Einzelnen nicht wenige Bedenken, sowohl was den Ausgangspunkt als was die Methode seiner sprachlichen Unter- suchungen anlangt.
In der langen Serie von Artikeln über „The Aramaic Gospel" geht Marshall lediglich von den synoptischen Evangelien aus. Die in der ersten Veröffentlichung über die Frage: Did St. Paul use a Semitic Gospel? gegebene Anregung wird nicht weiter verfolgt. Aber auch die aussercanonischen Texte werden nicht herbeigezogen; weder die patristischen Citate mit ihren merk- würdigen Abweichungen noch die Codices mit ihren ältesten Varianten finden Berücksichtigung. Kurz, es ist im Wesent- lichen der recensierte canonische Text der synoptischen Evangelien, also eine ziemlich späte Textgestalt, von welcher Marshall seinen Ausgang nimmt. Und hier sind es auffallender Weise nicht sowohl die Reden Jesu, in denen doch die Urschrift am stärksten sich spiegelt, sondern die er- zählenden Partien des Marcusevangeliums und seine Parallelen, von welchen Marshall vorzugsweise seine Übersetzungs-Proben hergenommen hat, also gerade diejenigen Partien, in welchen die Scheidung zwischen Grundtext und redaktioneller Bearbeitung am schwierigsten zu vollziehen ist. Wenn wenigstens hierbei
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. 95
Marshall an die eindringenden Untersuchungen von B. Weiss sich gehalten hätte, würde er m. E. vor manchen Missgriffen be- wahrt worden sein. An einigen Beispielen möge das Gesagte klar gemacht werden.
Nach der an dieser Stelle wohlbegründeten Weissschen Quellenkritik ist in Mt. 17, 14 — 18 im Wesentlichen der kürzere, einfachere Quellentext enthalten, während Mc. 9, 14 — 27 den in der Quelle nur „skizzenhaft" berichteten Vorgang mit weiterem Detail ausstattete und „lebensvoll nach der Überlieferung seines Augenzeugen schilderte." (Vgl. Weiss, Marcusevangelium S. 303 ff. 307, Anm. 1.). Und während der Redaktor des ersten canonischen Evangeliums diese Detaiimalerei des Marcus weggelassen und auf den einfacheren Text der Urrelation zurückgegriffen hat, ist Lucas, welcher ebenfalls der Quelle folgt, doch zugleich von Marcus stärker beeinflusst worden. Man vgl. namentlich Lc. 9, 39 mit Mc. 9, 18. Ohne Rücksicht auf dieses Verhältniss sucht Mars hall zwei so weit auseinander liegende Texte wie
Mc. 9, 18: TQi^ei tovg oöövxaq — Lc 9, 39 [idyig ajtoycogel auf einen gemeinsamen aramäischen Quellentext zurückzuführen, indem er aoioyoiQüv mit pl". tqiCeiv mit p^H, ferner fioyig mit pyD, rovg oöovrag mit piTOa wiedergibt und ausserdem p"in mit p12 durch Verwechselung von n und 2?, sowie p5EQ und 'piM durch Vertauschung des W mit 2 identifiziert x). Ganz ab- gesehen von der Frage, ob Aramäisch oder Hebräisch, auch ab- gesehen von den bedenklichen Vertauschungen von Consonanten. auf welche ich noch zurückzukommen gedenke, kann ich schon aus quellenkritischen Grundsätzen mich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, dass man von so heterogenen griechischen Texten ausgehend einen semitischen Quellentext zu reconstruieren habe. Ebenso wenn Marshall die Texte
Mc. 9, 34: jcqoq uXh)lovg yag SiEltyßrjoav — Lc. 9, 40: eio- ffiftev ös öiaZoytGfioq in der Weise aus einem gemeinsamen Quellentext herzuleiten ver- sucht, dass er
yctQ = *ns$ und dörjXd-sv = Ti8 identifiziert 2) — dabei ebenfalls eine Consonanten -Vertauschung annehmend — , so ist meines Erachtens auch hier schon der
1 Kxpositor 1891. IX, 211. 214. 2) Expositor 1891. VI, 459 f.
96 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Ausgangspunkt der Untersuchung verfehlt, da die Partikeln yäg, de etc. von vornherein auf Rechnung des Redaktors zu setzen sind und höchstens als Ersatz des Vaw consecutivum sich dar- stellen. — Ahnlich liegt der Sachverhalt, wenn Mars hall
Mc. 5, 6: ajco iiaxgo&ev = ü^ljü und Lc. 8, 28: ava- xgat-ag = tfbptt identificiert J), während man doch bei Weiss (Marcusevangelinm S. 174) deutlich sehen kann, dass
avaxQagaq (Lc. 8, 28) = xQa&g (Mc. 5, 7) = exQafrv (Mt. 8, 29) den gemeinsamen Quellentext repraesentieren , sodass man an- nehmen müsste, was Marshall allerdings auch wirklich thut, dass der zweite Evangelist zwei Übersetzungen desselben Wortes, nämlich djiö f/axQo&Ei' (Mc. 5, 6) und ocga^aq (Mc. 5, 7) wieder- gibt. Aber welche Voraussetzung, dass Marcus, der doch des Aramäischen kundig war, dasselbe Wort, einmal richtig, das andere Mal ganz irrthümlich wiedergegeben habe, ohne diesen Irrthum selbst zu merken!
Es würde zu weit führen, die zahlreichen Beispiele zu re- producieren, bei denen man ohne Schwierigkeit nachweisen kann, dass Mars hall bei Aufspürung des semitischen Quellentextes einen falschen Start genommen hat. Die mitgetheilten Proben dürften auch genügen, und wem sie nicht genügen sollten, der dürfte nur die Darlegungen Marshalls im Expositor selbst nachlesen, um zu erkennen, dass die Art, wie derselbe sich das aramäische Evangelium in den synoptischen Evangelien einge- bettet denkt (an Aramaic Gospel embedded in our present Gospels -), in quellenkritischer Hinsicht nicht genügend durchdacht, dass der Unterschied zwischen wörtlicher Übersetzung (Version), freier Übersetzung (Recension) und schriftstellerischer Bearbeitung (Redaktion) des vorauszusetzenden semitischen Quellentextes nicht hinlänglich geklärt und daher in zahlreichen Fällen der Aus- gangspunkt der Untersuchung verfehlt ist.
Was nun weiter die sprachliche Methode betrifft, nach welcher Marshall seinen aramäischen Urtext zu ermitteln sucht, so hat er auch hier Wege eingeschlagen, denen ich nicht allent- halben zu folgen vermag. Sich gründend auf ähnliche Erschei-
1) Expositor 1891. XII, 445. 44ß. 2) Expositor 1891. I, 1.
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. 97
nungen in der Septuaginta und den anderen griechischen Über- setzungen des A. T. nimmt er an, dass
1, durch verschiedene - Vokalisation der Consonanten,
2, darch Austausch und Verwechselung ähnlich ge-
formter Consonanten,
3, durch Auslassung von einem oder mehreren Buch-
staben,
4, durch Transposition von zwei einander unmittelbar
folgenden Buchstaben der vorauszusetzende aramäische Urtext in den griechischen Ver- sionen, die unseren synoptischen Evangelien zu Grunde liegen, sehr verschiedene Gestalt angenommen habe.
Ich habe meinerseits den „Agrapha" auf S. 58 f. Hexapla- Proben aus den griechischen Übersetzungen des A. Testamentes einverleibt, um zu zeigen, welche Discrepanzen bei der Über- tragung des hebräischen Textes in das griechische Idiom ent- stehen können. Obwohl ich dort mich wesentlich auf solche Beispiele beschränkt habe, in denen eine Veränderung oder Vertauschung der hebräischen Consonanten nicht vorlag, so war mir doch wohl bewusst, wie viel Missverstand durch falsche Vocalisation nicht nur, sondern auch durch Vertauschung, Um- stellung und Ausfall von Consonanten aus dem hebräischen Text des A. T. in die griechischen Versionen eingedrungen ist. Im Interesse des Folgenden gebe ich nachstehend eine Anzahl der von Marshall mitgetheilten alttestamentlichen Proben, welche deshalb besonders lehrreich sind, weil dieselben in das N. T. hineinragen.
1. Veränderte Vocalisation. Ps. 2. 9. ny-\F\=övv{)l(xG£ig avrovg—LXX. Apoc. 2, 27. DS^IF!—
jtoificcvtlg avzovq. Ps. 51,6. ^-Qia = £*> xcö Xsyeiv oe — LXX. Rom. 3, 4. Tp-i:na =
Iv xolq löyoiq öov. Gen. 47, 31. ni3T2n = ?; xUvrj - LXX. Ebr. 11, 21. nDl?n =
o (xxßöoq. Prov. 3, 12. nXD1 = ?«u coq jtarrjQ — LXX. Ebr. 12, 6. 2XD* =
fiaorr/ol 64.
2. Consonanten-Verwechselung. Jes. 42, 4. Qi«» = vfjaoi — LXX. Mt. 12, 21. Z^y = lih-,l.
Texte u. Untersuchungen X. 7
gg Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Am. 9, 12. tmyi* = x/Lf]Qovo(iJjomüiv — LXX. Act. 15. 17.
■jEf-n1! = exty]T?'/6cooiv. Am. 9, 12. ni-tf = !Etfo?> — LXX. Act. 15, 17. m$ = av-
Jes. 28, 16. t5TP = ysv&rcu — (LXX). Rom. 9, 33. ü'^ =
X<XTCCl6XVV{)?]GETCU.
Habak. 1, 5. D?i]Ö = e*> rofg efrvsöiv — LXX. Act. 13, 41. D'HIJQ = xaza<pQoi>?]Tai.
3. Consonanten-Weglassungen.
Joel 3, 2. CH^fi = rovg öovXovg — LXX. Act. 2, 18. ''13? =
TOV? ÖovXovg flOV.
Ps. 16, 11. SO'tS = yögraGfia, jiX?]Qcofia — LXX. Act. 2, 28.
?3Tön = jtXrjQcoosig. Ex. 9, 16. T]nknn = df/go? tfo* — LXX. Rom. 9, 17. qs ninn =
IvösiB.mnai sv 6oi.
4. Consonanten-Umstellungen.
Hos. 13, 14. *rx& = l<Soßai — LXX. 1. Cor. 15, 55. rr« — jcov. Habak. 2,4. iS ^E£3 rntfjpft HbE? n:ri = idot; sjraiQsrai, ov
öixaia söriv r] tyvxi] avrov sv avrS. LXX. Ebr. 10, 38. iS itftt räTlTKb :ib2 ]n = £a?' vjcoOrsiXrjrac,
ovx svöoxsl r/ xpvyjt) fiov sv avTcö.
5. Nicht reconstruierbare Übersetzungen.
Gen. 15, 14. biia TÖD"13 sisep»=Act. 7, 7. sBsXsvoovrai xcä Xa- rgsvoovoiv fioi sv rop rojim Tovrcp [LXX: sgsXsvöovrai cbde fisra djrooxsvrjg jroXXfjg].
Jes. io, 23. -b2 rnpa nir'y rrians rrin* ^i« ftsirrF nbD ^
LXX. ort Xöyov ovvTsnttjfisvov xvgiog jroirjösi iv rfi oixov-
\isvxi öXt]. Rom. 9, 28. Xöyov yäg ovvxsXmv xal ovvrifivcov jtoirjosL xvgiog
sm rr/g yrjg.
Um das weite Verbreitungsgebiet solcher Übersetzungsver- schiedenheiten, die nur aus den unvocalisierten und bei der Ähn- lichkeit gewisser Consonanten leicht missverstandenen hebräischen Texten sich erklären, noch etwas gründlicher zu kennzeichnen,
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. 99
füge ich obigen von Mars hall gegebenen Proben einige andere signifikante Beispiele hinzu.
1. Verschiedene Vocalisation.
Jes. 33, 18. öiVwarrn»==Tovs jtvQyovg — LXX. ET:^rrnx=
rovg TQStyopErovg. Nah. 2, 4. tiftiSn — xvQQOs — LXX. D"Ti«3 = ££ dvd-Qcöjiov. Nah. 3, 3. rp'ab = toÖ Jcrc6tuaTi — LXX. TTtffob = rolg t&veöiv
avrrjg. Nah. 3, S. "'Ziprn = aga d äya&ij; — LXX. illtpWl = srol-
fiaocu.
2. Verwechselung von Consonanten.
Jerem. 10,20. C'1P'a = ävaöTrjöcov — LXX. S^ptt = rojiog. Ezech. 8, 5. n2T72n = 6 ßcotu6g — LXX. rn?T2n = al avaxolai. Nah. 2, 12. srnb == Uaiva — LXX. xinb = TOÜ eiöeA&elv. Sacharj. 13, 1. Tiptt —xtjYij — LXX. ffiptt = rostog.
3. Auslassung von Consonanten.
Hiob 39, 30. "ltt'»S = LXX. ov av = Symni. -f»3 = oaQxsg.
4. Umstellung von Consonanten. Prov. 27, 13. 212 = iyyv asrai = LXX -Q? — jtctQrjlfre.
Diese Beispiele, die ins Unzählige vermehrt werden könnten J), zeigen Jedem, der es nicht schon weiss, die Dehnbarkeit und Unsicherheit der unvocalisierten hebräischen Texte, bei deren Deutung und Übersetzung in andere Idiome durch verschiedene Vocalisation oder durch Verwechselung, Umstellung, Auslassung auch nur eines einzigen Consonanten das Wortbild voll- ständig verändert und die stärkste Discrepanz der Übersetzung erzeugt wird. Dass ähnliche Umstände auch bei der Über- tragung der hebräischen oder aramäischen Evangelien-Quellen-
1) Man vgl. weitere Nachweise hei Buhl, Kanon und Text des Alten Testaments. Leipzig 1S01 in dem Abschnitt Textübevlieferung, wo S. 239ff. Beispiele verschiedener Vocalisation gegeben, S. 242. 255 Vertauschungen der Consonanten, S. 257 Umstellungen von Consonanten besprochen und namentlich die Verwechselungen von n mit s, z mit 2, i mit s, n mit ">, T, mit n, i mit ■*, t mit :, r mit t, a mit c erwähnt sind.
7*
100 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
schritt ins Griechische mitgewirkt haben mögen, ist ausser Zweifel. Namentlich was die Verschiedenheit in der Vocalisation der Consonanten sowie auch in der Auffassung der Tempora anlangt, so bieten sich in den Evangelientexten synoptischen Charakters nicht wenige Beispiele, bei denen ein Zurückgehen auf den Urtext manche Schwierigkeiten löst. (Vgl. z. B. Agrapha S. 142. 260.) Auch Vertauschungen, Umstellungen, Auslassungen von Consonanten mögen in die Abschriften des vorcanonischen Evangeliums eingedrungen sein und Dunkelheiten des Sinns er- zeugt haben. Auf einen solchen Fall habe ich Agrapha S. 256 hingewiesen, wonach das dunkele cp&ovog in Jac. 4, 5 sicher auf eine Verstümmelung eines hebräischen Quellentextes zurück- zuführen ist. Einen andern Fall vergleiche man zu Lc. 10, 27 = Mt. 22, 40, wo die Verwechselung von n nnd D höchstwahr- scheinlich die Lesarten xQefiaö&cu (Mt.) und jiätjqovö&ccl (Paulus, Justin) verursacht hat. Auch Lc. 10, 7=Mt. 10, 10 ist vielleicht durch Verwechselung von f\ und 1 die Übersetzungsverschieden- heit: rov (ito&ov avzov = ^^Ti)2 und z?]q TQCxprjg avToü = irPn£ entstanden. Aber bei den Versuchen zur Reconstruction eines vorcanonischen, hebräischen oder aramäischen, Evangelientextes sehr häufig mit derartigen Voraussetzungen zu operieren, halte ich für ein sehr bedenkliches Experiment, welches leicht ins Bodenlose hinabführen kann. Im A. T. haben wir den hebrä- ischen Text als Erläuterungsmittel und Correktiv für die Über- setzungs Varianten und Übersetzungsfehler der griechischen Ver- sionen. Für die neutestamentliche Gestalt der hebräischen Grundschrift fehlt ein solches Correktiv; den einzigen Halt bieten die griechischen Texte, von denen wir uns nicht so leicht ent- fernen dürfen, wenn wir mit dem Lichte, das von ihnen ausstrahlt, das Dunkel, in welchem der hebräische Grundtext liegt, auf- zuhellen versuchen wollen.
Ist es wahrscheinlich, dass die vorcanonische (hebräische oder aramäische) Grundschrift in der kurzen Zeit von höchstens einigen Jahrzehnten zwischen ihrem ersten Erscheinen und der Entstehung unsrer synoptischen Evangelien ähnliche Textver- änderungen durchgemacht haben sollte, wie die Bücher des Alten Testaments, deren Textgeschichte nach Jahrhunderten zählt? Und ist es glaublich, dass die Übersetzer und Bearbeiter der neutestamentlichen Evangelien-Grundschrift, unter ihnen der
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. 101
des Aramäischen und Hebräischen sicherlich kundige Marcus, in einer Zeit, wo die Übertragung der biblischen Ideen ins grie- chische Idiom theils eben durch die Septuaginta, theils durch den Yölkerverkehr und die Völkermischung, sowie Sprachen- mischung innerhalb des römischen Reiches so weit verbreitet war, und da ausserdem die frischen Erinnerungen innerhalb der jungen Kirche noch so lebendig waren, in ähnliche Übersetzungs- fehler verfallen sein sollten, wie jene Männer der LXX, die zum ersten Male versucht hatten, hebräische Texte ins Griechische zu übertragen und die Denkweise der alttestamentlichen Autoren mit dem Sprachgut der griechischen Bildungswelt zu vermählen? Nein, sicherlich standen die neutestamentlichen Übertragungen der urevangelischen Grundschrift, eben namentlich weil sie sich in den schon gebahnten Wegen des griechischen Alten Testa- mentes bewegen konnten, viel höher als die ungelenken Über- setzungen der Septuaginta, welche von Übersetzungsfehlern wimmeln. Ebenso wäre es ein Fehler, wenn man jener hebrä- ischen (oder aramäischen) Evangelien-Quellenschrift so viele Textverstümmelungen und Textänderungen imputieren wollte, wie solche in die Handschriften des A. T. so zahlreich ein- gedrungen waren.
Nach diesen Betrachtungen ist es begreiflich, dass ich mich nicht entschliessen kann, bei dem Versuch nach einer Recon- struierung des hebräischen (oder aramäischen) Quellentextes mit so vielen Consonanten- Verwechselungen, Umstellungen und Aus- lassungen, mit so zahlreichen Übersetzungsirrthümern zu operieren, wie Prof. Mars hall es thut.
Bereits in den oben mitgetheilten Proben ist es ersichtlich geworden, dass Marshall z. B. ptP und pin, "pryn und pMÖ, "nx und Titf, XaHE und xbrE ausgetauscht sein lässt. Ich füge hier noch weitere Proben derart bei.
Ußn[Q = öojgov rjfiäq Mt. 8, 25 = »aitt = sjciörara Lc. 8, 24. ninr'x = rorips = evQtdrj Lc. 9, 36 = *DFIDÄ = elöov Mc. 9,8;
' Mt. 17, 8.' ' "^nm üb = ovx eZa&s Lc. 8, 47 = Tnnn Tib = ytyovev avti]
Mc. 5, 33. K*Vip = noliq Lc. 8, 27 = Wü% = (iV7j(i£lov Mc. 5, 2; Mt.
8,28.
102 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
arm = tfrQI = avifiov Lc. 8, 23 = SFQn = j.ieyaX?j, [isyag Mc.
4, 37 ; Mt. 8, 24. jcnin1! = xov Xoyov Lg. 8, 12 = t&)mHft = xo aojtaQfisvov Mt.
13, 19. rnsnx = djiiZ&sv Lc. 5, 13 = Fi]5:n« = sxa&aQiod-rj Mt. 8, 3. ■pbü'1 = ixßaXcooiv Lc. 6, 22 = "p üb"1 = sijmüGiv ücav üiovijqov
Mt. 5, 11. ■pnns = xegaftoi Lc. 5, 19 = Tnipn = st-OQvi-avxeg Mc. 2, 4. an~«i3 = süil xo avxö Lc. 17, 35 = tf^sa = hv xm (ivXcovt
r Mt. 24, 41. nDttJ = evoiöxco Lc. 8, 35 = iCO = d-emgelv Mc. 5, 15. i3bnb = xolq Xouiolq Lc. 8, 10 = "pbfD = exslvoig Mt. 13, 11. ibrnx = EJiXtjOd-ipav Lc. 6, 11 = "nÄhK = si-sX&ovveQ Mc. 3, 6;
' Mt. 8, 3. "jlbittriK = dieXäXovv Lc. 6, 11 = "pobEns = OvfißovXiov eXccßov
' Mc. 3, 6. HS9 = jcoulv Lc. 6, U = -l$X = äjtoXXvvai Mc. 3, 6; Mt. 12, 14. n«>2 = TcQOOevgaod-aL Lc. 9, 28 = Tltib? = v V^o*' Mc- 9> 2? Mt-
' 17, 1.
Auch hier sind viele von diesen — noch leicht zu vermeh- renden — Beispielen als Übersetzungs-Parallelen aufgefasst, wo gar nicht daran zu denken ist, wo vielmehr die Arbeit des Re- daktors die Differenzen der Darstellung erklärt. Aber abgesehen hiervon, was müssten das für Abschriften des vorcanonischen Evangeliums gewesen sein, in welche sich binnen kürzester Frist derartige Textverstümmelungen eingeschlichen hätten! Nein, wenn nur auf diese Weise das Aramäische als Sprache des vor- canonischen Evangeliums dargethan werden soll, so wird dies ein Beweis für das Gegentheil. Wie der Ausgangspunkt der Marshallschen Untersuchungen, so führt auch die dabei ange- wandte sprachliche Methode nicht zum Ziel.
Wo aber das aramäische Wort, welches Mars hall als Quellwort divergierender griechischer Parallelen bezeichnet, eine gute Lösung bietet, da ist in der Regel auch ein hebräisches Wort vorhanden, welches dieselben Dienste leistet. Einige Bei- spiele mögen hier folgen.
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums.
103
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Vorstehende lediglich aus Marshalls Untersuchungen ent- nommene Beispiele könnten durch zahlreiche weitere Belege vermehrt werden, aus denen sich ergeben würde, was auch jedem
104 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
Kenner ohnehin schon feststeht, dass im Aramäischen und Hebräischen viele Wörter theils durch Stammverwandtschaft, theils durch die verschiedenen im Sprachgebrauch festgestellten Bedeutungen einander parallel gehen. Hierbei möchte ich nament- lich zweier Fälle Erwähnung thun, in denen das Aramäische vor dem Hebräischen zu praeponderieren scheint.
Der erste Fall betrifft die Varianten: 6<p£ih]{ia (Mt. 6, 12) = oqufa'i {AlÖ.) = aiiaQtia (Lc. 11, 4) im Herrengebet, wofür ge- wöhnlich ^n (hebräisch) = tfSin (aramäisch) als Quell wort in Anspruch genommen wird. Dieses Wort ist ursprünglich ara- mäisch, aber in das spätere Hebräisch (Ezech. 18, 7) in der Be- deutung „Schuld" eingedrungen. Die Bedeutung „Sünde" kann im biblischen Hebräisch nicht nachgewiesen werden. Dass den erwähnten Varianten ein semitisches Qu eil wort zu Grunde liegt, ist ausser Zweifel. Muss es nun das aramäische fctoin sein, welches beide Bedeutungen „Sünde" und „Schuld" in sich ver- einigt? Ist es ausgeschlossen, dass das hebräische lin, welches das A. T. nur in der Bedeutung „Schuld" darbietet, nicht auch in der anderen Bedeutung „Sünde" gebraucht worden sei? Delitzsch übersetzt wenigstens unbedenklich rag a^aQTiaq i]ficöv mit Wpitt (Lc. 11, 4). Oder kann den drei griechischen Varianten nicht auch ÜftttJX zu Grunde liegen, welches in der Regel ScpeiX?'/. 6q>eiXi]fia bedeutet, aber von den Septuaginta (1. Chron. 21, 3) auch mit afiagrla wiedergegeben wird und welches Salkinson sowohl Lc. 11, 4 als Mt. 6, 12 bei seiner Rückübersetzung anwendet?
Ahnlich verhält es sich mit den Varianten öexeodcu (Mt. 10, 40) und axovsiv (Lc. 10, 16), für welche Marshall das aramäische Quellenwort b3j? anführt. Aber dieser Stamm ist als hebräisches Piel bäp ebenfalls in das spätere Hebräisch aufgenommen worden, allerdings nachweisbar nur in der Bedeutung von ttjpb. Und im Aramäischen hat baj? die übertragene Bedeutung axovsiv auch nur in der Verbindung mit )"Q, und dagegen wie fij?b Hiob 4, 12; 22, 22 in die Bedeutung von axovsiv übergeht, wird sicherlich auch das aus dem Aramäischen aufgenommene bap dieselbe Bedeutung im Hebräischen mit eingeschlossen zu haben, ohne dass wir solches aus den knappen Resten der alttestamentlichen Literatur ausdrücklich nachweisen können. Gerade aus diesen Beispielen ersieht man recht deutlich das Ineinanderfliessen des
§ 7. Die Sprache des vorcanonischen Evangeliums. [05
Aramäischen und Späthebräischen, den Misch charakter des Idioms oder der Idiome, welche zu den Zeiten Jesu gesprochen worden sind, wie Marshall (Expositor 1890. VII. S. SO) selbst sagt: a study of the literature nearest to times of Christ convinces one that the language spoken was a sort of amalgam — very composit in its character.
Hatte sich Marshall damals in seinem ersten Artikel: Did St. Paul use a Semitic Gospel? noch nicht endgiltig nach der einen oder der anderen Seite entschieden, ja seine interessanteste Entdeckung, bezüglich der Identität von jcayig = bSfi in Lc. 21. 35 und coölv — bsri in Thess. 5, 3 mit Hilfe des Hebräischen vor- geführt, so tritt er in der späteren Artikelreihe: The Aramaic Gospel entschieden für das in Galiläa gesprochene Aramäisch ein. Dazu war er sichtlich durch den Vorgang von Neubauer, Lehrer des rabbinischen Hebräisch an der Universität zu Oxford, bewogen worden, welcher in der bereits oben erwähnten Ab- handlung: On the dialects spoken in Palestine in the tirne of Christ (Studia Biblica I. p. 61) sich folgendermassen geäussert hatte: ;.The language of the Palestinian Talmud (or, as it is commonly called, the Talmud of Jerusalem), which consists of discussions by natives of Galilee, and which is really a Galilean courposition , represents, according to our opinion, the language which the disciples of Jesus spoke and wrote."' Aber wenn auch dieses auf allgemein sprachhistorischen Momenten fassende Urtheil bezüglich des nordpalaestinensischen Idioms als der U m- g'angssprache der Jesusjünger als begründet zu erachten wäre, so kann daraus noch nicht mit Bestimmtheit gefolgert werden, dass die Jünger Jesu auch in dieser Sprache ihre schriftlichen Aufzeichnungen gemacht haben sollten. Die aus Galiläa stam- menden Apostel Johannes und Petrus haben griechisch ge- schrieben. Und wenn die Nachrichten, dass Matthäus sein hebrä- isches Evangelium in Jerusalem verfasst habe, irgendwie be- gründet sein sollten, so würde ohne Weiteres in Kraft treten, was Neubauer (Studia Biblica p. 45 ff.) selbst ausführlich dar- gelegt hat, dass Südpalaestina und besonders Jerusalem nicht in der Weise wie Galiläa dem Aramaisierungs- process erlegen und dass namentlich in den Kreisen der Gelehrten das (modernisierte) Hebräisch die Schriftsprache geblieben sei. Es kommt dazu, dass die Zeit und die Art der
IQQ Text- und quellenkritische Grundlegungen
Entstehung für die fraglichen jüdischen Targumim keineswegs feststeht. „Zu den älteren Targumen (Onkelos, Jonathan) mag der Grund noch im letzten vorchristlichen Jahrhundert ge- legt worden sein, indem man bei der Schriftvorlesung in den Synagogen einzelne nicht mehr verstandene Wörter und Wen- dungen durch s. g. d'OttJPlftü oder Dolmetscher mündlich inter- pretieren Hess. Doch hat der Process der schriftlichen Fixie- rung und der immer weiteren Ausdehnung dieser Interpretationen auf ganze Bücher Jahrhunderte hindurch gedauert und ist wohl erst im 4. Jahrhundert n. Chr. in den babylonischen Juden- schulen zu einem relativen Abschluss gelangt. Dagegen fällt die Schlussredaktion des Pseudo-Jonathan frühestens in das 7. Jahrh.. andere Targume noch später." (Kautzsch. Grammatik des Biblisch- Aramäischen. S. 12). Ob daher die Gestalt jenes nordpalaesti- nensischen Dialektes zu den Zeiten Jesu dieselbe war, in welcher diese Targumim uns überliefert sind, und ob die schriftliche Fixierung jenes Dialektes bereits so weit vorgeschritten war, dass Matthäus, als er sein Evangelium schrieb, gerade dieses Dialektes sich hätte bedienen müssen, das sind Fragen, welche mit all- gemein historischen, bezw. sprachhistorischen Urtheilssprüchen nicht entschieden werden können. Immer wieder wird man dahin zurückgeworfen, dass das entscheidende Kriterium in der Unter- suchung darüber zu suchen ist, welcher semitische Dialekt am besten sich eignet, um die in den Paralleltexten synoptischen Charakters vorhandenen Differenzen sprachlich zu erklären. Hierfür aber ist es sehr bezeichnend, dass Prof. Marshall in seinem ersten Artikel aus dem J. 189ü durch die dort mit Hilfe des Hebräischen vorgenommenen Unter- suchungen viel fruchtbarere Resultate erzielt hat, als in der ganzen Artikelreihe des Jahres 1891, in welcher er das Aramäische der Targumim herbeigezogen hat, um den semitischen Quellen- text zu reconstruieren. Es ist ferner sehr merkwürdig und für die Position des Aramäischen sehr wenig empfehlend, dass nach Marshalls eigenem Geständniss die judäischen Stoffe der synoptischen Evangelien fast vollständig die Anwen- dung seiner Hypothese verweigert haben. Er sagt darüber in dem V. Artikel von The Aramaic Gospel (Expositor 1891. V. p. 381): In fact, we fail to find in any part of the Judaean ministry, except the great eschatological discourse, any satis-
§ 7. Die Sprache des vorcanoniscben Evangeliums. \{)1
factory evidence that the narratives were trauslated from tlie same Aramaic docuinent. After most laborious efforts, the divergences which occurr in the Judaean narratives obstinately refuse to yield to our hypothesis.
Hiernach wird es wohl nicht zu viel behauptet sein, wenn ich von den MarshaUschen Untersuchungen auf Grund eingehender und sorgfältiger Nachprüfung meine Meinung dahin ausspreche, dass dieselben sowohl nach dem Ausgangspunkt als nach der sprachlichen Methode als nach ihren vorläufigen Resultaten zu einer befriedigenden Lösung der Frage noch nicht geführt haben. Gleichwohl behalten diese Untersuchungen insofern einen höheren Werfch, als Marshall das wichtige Problem nicht blos mit Energie aufgestellt, sondern auch dessen praktische Lösung mit mühe- vollem Fleiss angestrebt hat. Es sind ja durchweg zunächst nur Proben, die angestellt werden können. Auch die von mir an- gestrebte Lösung bezeichne ich als einen Versuch, dem wirk- lichen Sachverhalt näher zu kommen. Davon aber bin ich über- zeugt, dass jeder, welcher an der Erforschung der synoptischen Evangelien mit arbeiten will, zunächst allen Fleiss darauf wird wenden müssen, um die Ursprache festzustellen, in welcher die Grundschrift der drei synoptischen Evangelien geschrieben ge- wesen ist und, soweit möglich den semitischen Quellentext auf- zusuchen, der den synoptischen Parallelen zu Grunde liegt. Denn wenn ich auch nicht soweit gehe, mit Marshall zu hoffen, dass mit der Feststellung des den synoptischen Evangelien zu Grunde liegenden semitischen Urtextes „alle" Phänomene, die bei der Evangelienforschung in Frage kommen, in vollständig befriedigen- der Weise erklärt werden könnten (a satisfactory explanation of all the phenomena in question — Expositor 1891. 11. p. 12 1 . sofern wir es ja nicht mit reinen Übersetzungen der Urschrift, sondern mit selbsständigen Bearbeitungen zu thun haben: so viel ist doch gewiss, dass da, wo man in den synoptischen Texten mit Sicherheit die Spuren eines semitischen Ur- textes nachzuweisen vermag, auch der Einfluss des vor- canoniscben Evangeliums zu constatieren ist.
Meinerseits habe ich bis jetzt keine Veranlassung, von der bereits in den Agrapha S. 50 ff. vertretenen Voraussetzung einer hebräischen Grundschrift abzugehen. Dasselbe Idiom, welches Delitzsch. Dalman, S alkin son bei den Rückübersetzungen
108 Text- und quellenkritische Grundlegungen.
des Neuen Testamentes ins Hebräische angewendet haben — ob etwas mehr dem biblischen Hebräisch genähert oder ob etwas mehr modernisiert, ist dabei eine untergeordnete Frage — bietet sich ohne Zweifel als das bequemste Mittel dar, um den semitischen Grundcharakter der den synoptischen Evangelien zu Grunde ge- legenen Quellenschrift zur Darstellung zu bringen, zumal da das die synoptischen Evangelien beherrschende Griechisch dem Septua- ginta- Griechisch sehr congenial ist und mithin der Sprachge- brauch der Septuaginta bei Wiedergabe des alttestamentlichen hebräischen Textes zahlreiche und instruktive Analogien dar- bietet zur Reconstruktion des neutestamentlichen hebräischen Urtextes.
Erwähnen möchte ich noch den von Prof. Harnack gegen mich ausgesprochenen Gedanken, dass das Urevangelium sowohl hebräisch als aramäisch existiert habe. Harnack stützt sich dabei auf die bekannte aber dunkele Mittheilung des Eusebius über Hegesipp (Eus. H. E. IV, 22, 8.), welche er so auffasst. dass Hegesipp neben dem Hebräerevangelium ein syrisches Evangelium gebraucht habe (tov xad-' 'Eßoalovg evajysliov xal tov JZvQiaxov) und letzteres, xo JZvgiaxov (worunter Andere freilich das syrische Diatessaron Tatians, das ursprünglich einzige Evangelium der syrischen Kirche, verstehen) auf das Ur- evangelium in aramäischer = syrochaldäischer Sprache bezieht. Er bemerkt dazu: „Ist es andrerseits wahrscheinlich zu machen, dass das Urevangelium hebräisch war, so hätten wir zwei Redak- tionen, und diese Annahme scheint dem sprachlichen Befunde in unseren Evangelien und aussercanonischen Parallelen zu ent- sprechen." Immerhin würde damit die letzte Frage nicht abge- wiesen sein: in welchem Idiom ist das vorcanonische Evangelium zuerst und ursprünglich geschrieben gewesen?
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Die griechischen Übersetzungen des yorcanonischen Evangeliums.
Es ist ein Umstand von folgenschwerer — in ihren Con- sequenzen noch lange nicht genug gewürdigter — Bedeutung, dass die ältesten Urkunden des Christenthums, die wir besitzen,
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in einer anderen Sprache verfasst sind, als derjenigen, in welcher der Stifter der christlichen Religion seine Lehren rnitgetheilt, als derjenigen auch, in welcher die älteste — aber verloren ge- gangene — Quellenschrift des Christenthunis verfasst gewesen ist. Es spiegelt sich auch hierin die einzigartige Stellung des Christenthums. sein universaler Charakter und die geistige Frei- heit, mit der es in die Welt herangetreten ist. Es ist ein Siegel auf das apostolische Wort: xo yQafitua ajtoxTÜVEi, zo ob jtvsv/ict ^coojcoiel (2. Cor. 3, G). Das älteste und ursprüngliche ygäfifia des Christenthums ist uns verloren gegangen. Was wir davon besitzen, das besitzen wir nur aus zweiter Hand, nämlich auf dem