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Derlegt bei Wilhelm Borngräber Berlin
7 HERBERT WITTING BITILITTIRTTS
SCHONEBERG-BERLIN W.30
MARTIN LUTHERSTR. 90
Presented to the LIBRARY of the UNIVERSITY OF TORONTO by
Professor Heichelheim
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überſetzt von Philalefhes
Mit Bildern von GUSIAVDORE
Derlegt bei Wilhelm Borngräber Berlin
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Diese Dante-Ausgabe wurde besorgt und erläutert von Albert Ritter. Alle Rechte sind vom Verleger gewahrt.
Vorbemerkung
Dantes Böttlibe Bomödie ift im Laufe der Jahrhunderte feit der Entftehung immer wieder durch das Urteil belafter worden: es bandle fihb um eine epifche Kinfleidung der zu Dantes Zeiten berrfchenden Weltanfhauung; deshalb fei das Werk überhaupt nur durd reiche Vorkenntniffe oder Kom- mentare verftändlich und dem unmittelbaren Genuſſe entrückt. Die zablreihen Linführungen und Anmerfungen der meifien Ausgaben fcheinen diefes Urteil zu beftätigen; aber mit Recht find eine Reihe neuzeitliher Herausgeber diefer Auffaſſung ent- gegengetreten, und gerade moderne deutfche Machdichter, wie Bildemeifter und Pochhammer, haben nahdrüdlid betont, daß Dantes Werf gerade durch feine dichterifchen Schönheiten allein durchaus zu wirken vermag und in sllererfter Reibe wirken fol. Von diefem Befihtspunft ausgehend, ift die vorliegende ilbertragung, die mit Recht zu den vollendetften Nachdichtungen des berühmten Werfes gerechnet wird, obne jede Erläuterung im Rahmen des Tertes wiedergegeben. Philalethes (Rönig Johann von Sachfen) bat nicht nur durch feine Übertragung, auch durch feine textkritiſchen Bemerfungen vieles zum Verftändnis und der Verbreitung des Bedichtes in deutfchen Landen beigetragen. Aber einerfeits zerreißen die Anmerkungen in den früheren Ausgaben den dichterifchen Emdrud, da fie manchmal den größten Teil der Seite ein- nehmen und den Tert Schritt für Schritt verfolgen, anderer- feits find feitdem manche neuen Urteile hinzugefommen, die Berückſichtigung finden müffen, während anderes zumeift für den größeren Leſerkreis zu fehr ins einzelne gebt. Sat der Lefer den dichterifchen EKindruck durch fortlaufendes Lefen in fih aufgenommen, Dann erft follte er daran geben, auch den tieferen Sinn zu ergründen, den Dante, nach eigenem Zeugnis, bineingeheimnift bat. Diefem Zwede dienen die Erläuterungen, die fih der Dichtung anfchließen. Sie find
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auf das nötigfte befchränft, denn der Zweck einer Allegorie wie der Symbolik ſolches Werkes ift, dem Denfen des Leſers freien Spielraum zu laffen, fo daß er auch eigenes binein- lege — kurzum, nachdenklih wird und nur in diefem und jenem Fleine Anbaltspunfte finder, von denen ausgehend er feine Gedanken ſchweifen läßt. Das ift es gerade, was die Tiefe der Dichtung ausmacht — ihre Tiefe ift in WirFlichFeit die Tiefe der Seele des Lefers, die durch den Dichter und fein Werk erfchloffen wird. Werfe, die Reftlofes zu geben verfuchen, laffen am Ende ftets Falt und loden Faum je zu er- neutem Lefen an. Die wahrhaft großen Beiftesfhöpfungen ftellen uns vor Sragen und Probleme und Iaffen uns nad einem Sinmweis, wie an fie beranzutreten ift, mit ibnen allein. Die poetifche Form dafür ift das Symbol, das, um mit Goethe zu reden, ein Befonderes vom Allgemeinen andentet. Gier ſcheint alſo Auferfte Befchränfung am Plage, wenn es gilt, den Winf des Dichters zu erläutern.
In gleicher Abfiht fei dem Werte nur eine ganz Furze An- deutung über Dantes Lebensfchidfale vorausgeſchickt. Sicheres ift ja über ibn nur wenig befannt, Das meifte, was einft Dillani und Boccaccio, feine erften Biographen, von ihm erzäblten, bat der modernen Rritif nicht fiandgebslten. Er wurde wohl im Lenz des Jahres 1265 zu Slorenz geboren. Nur von feiner Mutter wiffen wir, daß fie einem adligen Geſchlecht entftammte. Die Samilie [cheint über etwas Grund- befis, aber wenig Geld verfügt zu haben. Dante bat fi allmählich durch fleifiges Selbftfiudium wohl das meifte des damaligen Wiffens angeeignet. Er nahm an der Regierung feiner Vaterſtadt zeitweilig teil, mußte dann mit dem Sturz feiner Partei flüchten (1302), durchzog als Verbannter nicht nur Italien, fondern auch Sranfreib und fiarb 1321 in Ravenna, obne Slorenz wiedergefeben zu haben. Die zwei großen Angelpumfte feines Lebens waren: feine Liebe zu Beatrice und feine politifche Sehnfucht. Beatrice erblidte er als neun-
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jähriger Knabe und faßte zu ihr, die noch jünger war, eitte innige Liebe. Ob diefe erwidert wurde, weiß man nicht. Sie bat einen andern gebeirstet und ftarb in blühendfter Tugend jäh dahin. Die Dichtung „Neues Leben” erzähle dies tiefe Krlebnis, das nichts aus feiner Seele löfhen konnte. — Politiſch ſchloß ſich Dante den Ghibellinen an, den Faiferlich gefinnten „Weißen“, wie fi) diefe Partei in Slorenz im Begen- fa zu den guelfifhen „Schwarzen nannte. Er ſetzte feine Soffnungen auf die Wiederberftellung des römifchen Welt- reiches umter einem Reifer, und zwar dachte er an Heinrich VII. Als deffen Römerzug durch des jungen Raifers plöglichen Tod ſcheiterte, fab er auch diefen Traum zerrinnen. Seine politifihen Anfhauungen bat er in dem Suche „De monarchia“ niedergelegt, eine Entgegnung auf Thomas von Aquinos Schrift „De regimine principum“, die eine Unterordnung der weltlihen Macht unter die geiftlihe verlangte. Dante wollte beide voneinander unabhängig willen. — Im übrigen fchrieb er noch ein halb philoſophiſches Werf, das Geftmahl, zwei ‚Eleinere Abhandlungen über die Volfsfprache, das erwähnte „Neue Leben” und eine anfebnliche Reihe Iyrifcher Gedichte, die ihm als erfte den Ruhm eintrugen, von dem er ſchon in der Göttlichen Komödie ſprechen darf.
Frühjahr 1916. AR,
Die Hölle
Erſter Gefang
Als ich auf balbem Weg ftand unfers Lebens, Sand ich mich einft in einem dunklen Walde, Weil ib vom rechten Weg verirrt mich batte; Bar bart zu fagen ift’s, wie er gewefen,
Der wilde Wald, fo raub und dicht verwachfen, Daß beim Gedanken ſich die Surcht erneuet;
So berb, daß herber kaum der Tod mir fchiene: Doch eb’ vom Yeil, das drin mir ward, ich handle, Meld' ich erft andres, was ich dort gewahrte. Wie ih bineinfam, weiß ich nicht zu fagen,
So ſchlaf befangen war idy zu der Stunde,
Als von dem rechten Weg ih abgewichen.
Doch da ich zu dem Fuß nun eines Jügels Befommen war an jenes Tales Ende,
Das mir mit Surcht das Herz durchſchauert hatte, Blickt' ih empor und fab der Berge Schultern Bekleidet ſchon mit des Planeten Strahlen,
Der andre allerıwegen recht geleitet;
Yıun ward die Furcht ein wenig mir geftillet, Die in des Herzens tieffiem Grund verweilet, In jener Nacht, durchlebt bei fo viel Leiden. Wie einer, der mit angfigepreftem dem,
Dem Meere Faum entronnen, nun vom Strande Auf die gefahrvoll wilde Flut zurückſtarrt;
So wandte fi mein Beift, noch immer fliehend zZurück, den engen Durchgang zu betrachten,
Den nie ein Wefen lebend noch verlaffen. Nachdem ih ruhend neu geftärft die Glieder, Stieg weiter ih empor am wüften Sange,
So daß der fefte Fuß ftets war der tiefre.
Doch fieh! faft ſchon beim Anbeginn des Steigens Erblickt' ein Pardel ich, gar leicht und flüchtig,
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Bedeckt mit einem buntgefleckten Felle;
Es wollte nie vor meinem Antlitz weichen,
Ja, ſchien den Weg mir alſo zu verſperren,
Daß ich mich öfter ſchon zur Rückkehr wandte. Die Stunde war es, da der Morgen anbricht, Und aufwärts ſtieg die Sonne mit den Sternen, Die bei ihr ſtanden, als die ew'ge Liebe
Zuerft Bewegung gab dem fchönen Weltall,
So daf ih guter Hoffnung voll mich freute
Am Sell des Wildes, Iuftig buntgefprenfelt,
Am Morgenliht und an des Lenzes Milde,
Doch fo nicht, daß mih Schreden nicht ergriffen, Als die Beftalt ich eines Leu'n gewabrte.
Es war, als Fäm’ er auf mic, losgegangen, Erhabnen Haupts, gereist von wilden Sunger, So, daß die Luft felbft vor ihm ber erbebte, Und eine Wölfin, deren magres Außre
Voll wilder Bier [bien und es deutlich zeigte, Daß vielen ſchon das Leben fie verbittert,
Ließ durch das Braum, das ihrem Blick entftrömte, Des Wegs Befhwerde mid fo drückend finden, Daß ich die Hoffnung des Erfteigens aufgab. Und fo wie jener, weldyer gern gewönne,
Wenn nun die Zeit Eommt, die Derluft ibm bringer, Bei jeglibem Gedanken weint und trauert;
So ward ih ob des friedenlofen Untiers,
Das, mir entgegenfommend, mehr und mehr mid Dorthin zurücdtrieb, wo die Sonne fhwinder. Indes ih wieder zu dem tiefern Grumde
Mid) ftürzte, trat mir einer vor die Augen,
Der beifer fchien durch langgewohntes Schweigen. Als in der großen Wüft’ ich den erblicte,
Rief ih ihm zu: ‚,O hab’ mit mir Erbarmen, Wer du auch feift, ob wirklich Menſch, ob Schatten.‘
„reicht Menfch,” antwortet’ er, „gewefen bin ich's; Lombarden waren meine beiden Eltern,
Und ihrer Vaterftadt nach Mantuaner.
Sub Julio geboren, ob auch fpät fchon,
Zebt’ ich zu Rom zur Zeit Augufts des Buten. Als falſche Lügengötter man noch ebrte.
Fin Dichter war ich und fang den gerechten
Sohn des Anchifes, weicher Fam von Troja, Nachdem das ftolze Ilion verbrannt war.
Doch du, was kehrſt zu folder Dein du wieder, Warum erfteigft du nicht den Wonnebügel,
Der Grund und Anfang ift von aller Freude?“ — ‚So bift du der Pirgil denn und die Quelle, Draus fi) fo reicher Strom der Red’ ergießet,‘ — Antworter’ ich ihm mit verfehämter Stirne,
„O du, der andern Dichter Licht und Ehre,
Der lange Fleiß fei und die große Liebe,
Mic der nach deinem Buch ih griff, mir günftig. Du bift mein Meiſter, mein erhabnes Muſter,
Du bift’s allein, aus dem ich fie gefchöpfet,
Die ſchöne Schreibart, die mir Rubm erworben. Sieb dort das Tier, vor dem ich mich gewendet, Errette mich von ihm, berühmter Weifer,
Es macht die Adern mir und Pulfe zittern!‘ „Vollführen mußt du eine andre Reife,” Antworter’ er, da er mich weinen feben,
„Willſt du aus diefer wilden Stätt' entrinnen; Denn diefes Tier, weshalb du riefft um Silfe, Läßt Feinen frei hinziehn auf feiner Straße,
Ja, hindert ihn fo fehr, bis es ihn tötet.
Und von Natur ift es fo ſchlimm und boshaft, Daß nimmer es den gier’gen Trieb befriedigt,
Und nad dem Fraß mehr als vorber noch bungert. Viel Tiere find, mit denen es ſich paaret,
Und mehr noch werden fein, bis einft der Windhund Erfcheint, der es vor Schmerz wird fterben machen. Nicht wird von Erd’ er und Metall fi nähren, Allein von Weisheit, Tugend und von Liebe, Geboren wird er zwifchen Selte’ und Seltro,
Dem armen Welfhland wird zum Seil er werden, Für das Camilla ftarb, die Tungfrau, Turnus Und Niſus und Euryalus an Wunden;
Der wird es hin durch alle Städte jagen,
Bis in die Höll’ er es zurüdigetrieben,
Woraus der erfte Yieid es einft bervorrief.
Drum denk' ich und erfenne für dein Beſtes, Daß du mir folgeft und ich fei dein Führer,
Der rettend durch den ew’gen Ort Dich leite. Dort wirft du der Verzweiflung Schrein vernehmen, Die Trauerfcher der alten GBeifter ſchauen,
Wo jeglicher des zweiten Tods begehret;
Dann wirft du die erblicken, die im Seuer Zufrieden find, weil fie zu Fommen hoffen,
Wann es auch fei, bin zu dem fel’gen Volfe; Willſt du zu dem such fteigen, 0 dann finder Sich würdiger als ich wohl eine Seele,
Mit der ich dich bei meinem Sceiden laffe.
Denn jener Raifer, der dort oben berrfcher,
Weil ih midy gegen fein Geſetz empöret,
Läßt Feinen mich zu feiner Stadt geleiten.
Er herrſchet allerwärts, Doch waltet dort nur; Denn feine Stadt, fein hoher Sir ift droben,
O glücklich der, den er fich dort erforen!”
Und ih zu ihm: ‚O Dichter, idy begehre,
Bei jener Gottheit, die du nicht erfannteft,
Daß diefem Web und Schlimmern idy entgebe, Daß du dabin midy führft, wo du gefagt haft, Damit das Tor Sanft Deters ih erjfchaue
Und jene, die du mir fo traurig fchilderft.‘ — Da fohritt er vor, ich folgte feinen Spuren.
Zweiter Gefang
Der Tag entwich ſchon, und der düftre Simmel Entlud Die Wefen, die auf Erden wohnen,
AU ihrer Mühen, aber ih allein nur
Hielt mich bereit, den Rampf zu überftehen, — So mit dem Weg, als audy mir dem Erbarmen, — Den mein Gedächtnis obne Trug foll Fildern. O Mufen, bober Beift, Fommt mir zu Silfe, Bedächtnis, welches fchrieb, was ich gefehen, sier wirft du deinen Adel offenbaren.
Und fo begann ich: ‚Dichter, der mich führeft, Betrachte meine Rrafe erft, ob fie ſtark ift, Eh' du dem fihweren Pfad mid anvertraneft. Du Fündeft, daß des Silvius Erzeuger, Obgleich verweslih noch, zur wandellofen Welt fei gewallt, und zwar als Sinnenwefen, Drum, wenn der Widerfacher alles Böfen Beneigt bier war, der hohen Wirfung denkend, Die ihm entfpriefen follt', und wer und weldyer, 50 ſcheint er des Verftändigen nicht umvert, Da er der hehren Roma und dem Reiche
Im höchſten Jimmel war erwählt zum Vater, Welche und welches, daß ih Wahrheit fage, Beftimmer waren zu der heil'gen Stätte,
Allwo der Erbe fit des größern Petrus.
Auf diefer Reife, die von ihm du rübmeft, Vernahm er Dinge, welche feines Sieges
Und der Tiara Urſach' fo geworden.
Sin Fam auch das Befäß der Auserwählung, Um Stärfung jenem Glauben draus zu reichen,
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Der auf dem Weg des Zeils der erſte Schritt iſt. Doch warum Fäm’ ich bin, und wer gewährt es? Sch bin Äneas nicht, ih bin nicht Paulus; Nicht ih noch andre glauben des mich würdig: Drum wenn ich dennocd hinzugeben wagte,
50, führt’ ih, wäre töricht meine Reife.
Du, Weifer, Fennft das beffer, als ich fage.
Und jenem gleicy, der nicht will, was er wollte, Und für den neuen Kinfall Vorſatz ändert,
50, daß er anzufangen ganz verzichtet,
Erging es mir in diefem dunflen Tale,
Weil finnend ich die Unternehmung aufgab,
3u der beim Anfang ich fo raſch gemwefen.‘ „Wenn deine Wort’ ich recht verftanden babe,” Entgegnet' jenes Hochgefinnten Schatten, — „So wird von Seigheit deine Seel’ erſchüttert, Die oft des Wienfchen alfo ſich bemächtigt,
Daß fie von ebrenvollem 3weck ihn abbringt, Wie wenn ein Tier fich ſcheut vor falſchen Bilden. Damit du nun von diefer Surcht dich Löfeft, Sag’ ih, warum id Fam und was ich hörte, Als idy zuerft mich über dich betrüber.
Ich war bei jenen, die in Zweifel fchweben,
Und fieb, da rief ein Weib mid, ſchön und felig, So, daß ich felbft fie bat, mir zu befeblen.
Es glänzten ihre Augen mehr als Sterne,
Und fie begann zu fagen ſanft und leife
Mit eines Engels Stimm’ in ihren Worten: — „O du, des Mantuaners holde Seele,
Des Nachruhm immer in der Welt noch wäbhret, Und ferner währen wird, folang die Welt ſteht. Mein Sreund, der nie des Glückes Sreund gewefen,
Iſt fo am wüften Abhang in dem Wege
Gehindert, daß er ſich vor Furcht gewendet,
Und bat, beforg’ ich, ſich bereits verirret,
Weil ich zu ſpät mid ihm zur Zilf' erhoben, Nach dem, was in dem Simmel ich vernommen. Wohlauf geb’ und mit deiner ſchmucken Rede Und allem, was ihm zum Entrinnen nötig, Steh’ fo ihm bei, daß ich getröfter werde, Beatrix bin ich, die dich ſendet, Eommend
Don einem Ort, nach dem ich beim mich fehne. Mid trieb die Liebe, die dies Wort mir eingab. Wenn wieder ich vor meinem Herrn erfcheine, So will ih oft bei ihm mich deiner rühmen. — Da fhwieg fie. Und ich drauf begann zu fprechen: ‚® Weib voll Tugend, die allein die Menſchheit Erhebet über alles, was der Simmel,
Den engre Rreif’ umſchließen, in ſich faſſet!
Es ift mir dein Befehl fo fehr willfommen, Daß auch fofort Gehorchen Säumen fchiene,
Mehr braucht du deinen Wunſch mir nicht zu zeigen.
Doch fag’ den Brund, warum du dich nicht Fcheuteft, In diefen Mittelpunkt herabzufteigen,
Dom weiten Ort, nach dem du heim erglübeft.‘ — Da du fo viel davon zu wiſſen wünfcheft,‘ Entgegnet' fie, Jo fag’ ich dir in Kürze,
Warum bierber zu Eommen ih nicht fürchte;
3u fürchten bat allein man jene Dinge,
Die Macht befizen, Schaden zuzufügen,
Nicht alles übrige, — es ift nicht furchtbar.
Durch Gottes Enade bin ich fo geartet,
Daß euer Elend nimmer mich mag rühren,
Noch Diefes Brandes Slamme mich ergreifet.
Im Simmel ift ein holdes Weib, das Elagend
Ob jenes Irrſals, wo ich hin dich fende,
Dort oben bricht des Richterfpruches Härte;
Die wandte’ an Aucien fih mit einer Bitte,
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Und fprach zu ihr: Bar fehr bedarf dein Treuer Jetzt dein, und darum fei er dir empfohlen.
Und Lucis, die Seindin aller Härte,
Bewegte fihb und Fam zu jenem Orte,
Allwo ich felbft mit Rahel faß, der Alten. Wabres Lob Gottes, 0 Beatrix, ſprach fie,
Was ftehft du dem nicht bei, der dich fo lieber, Daf er durch dich trat aus des Pöbels Scharen? Vernimmft du nicht die Trauer feiner Klagen, Siebft du den Tod nicht, welcher ihn bekämpfet
Auf jener Flut, die felbft dem Meer nicht Ruhm läßt?
So raſch ift niemand auf der Welt gewefen, Gewinn zu machen, Schaden zu vermeiden,
Als ich, nachdem ich ſolches Wort vernommen, Herniederſtieg von meinem fel’gen Site, Dertrauend deiner woblgewählten Rede,
Die dich ehrt, fo wie jene, die fie hören.‘ Nachdem fie ſolches Wort mit mir gefprochen, Wandte fie weinend ab die Strahlenaugen, Darob ich fchneller eilte herzufommen.
So Fam ich denn zu dir nach ihrem Willen, Entriß dich jenem Ungeheuer, das dir
Den Eurzen Weg des ſchönen Bergs verfperrte. Drum was ift das, warum, warum verziebft du? Was näbrft fo viele Seigbeit du im Herzen? Was baft Entfchloffenheit du nicht und Bühnheit, De drei fo hochgebenedeite Sranen
Im Hof des Himmels für did Sorge tragen, Und dir mein Wort fo vieles Seil verheißet?“ — Wie Blümchen fich, gebeuget und gefchloffen Dom Nachtfroſt, wenn die Sonne fie verfilbert, Yıun all’ eröffnee auf dem Stengel heben,
Ward jegt mir der erfchlaffte Mut erneuert,
Und durch das Herz rann mir fo edle Kühnheit,
Daß ich begann zu ihm, ein Sreigefinnter:
‚© wohl barmberzig fie, die mir geholfen,
Und du auch freundlich, der fogleich gehorchet Dem Wort der Wahrheit, das dir ward geboten; Du haft das Gerz mit Sehnfucht zu der Reife Durch deine Worte mir fo angereget,
Daß ich zurückgekehrt zum erſten Vorſatz.
Geh’ nun, mein Will’ ift einer mit dem deinen, Wein Sührer du, mein Meiſter, mein Gebieter. — So ſprach ich, und nachdem er vorgefchritten, Betrat auch ich den tiefen Pfad des Waldes.
Dritter Gefang
Der Kingang bin ich zu der Stadt der Trauer, Der Kingang bin ich zu dem ew’gen Schmerze, Der Eingang bin ic zum verlornen Volfe! Berechtigfeit trieb meinen hohen Schöpfer:
Die Allmacht bat der Gottheit mich gegründet, Die höchſte Weisheit und die erfte Liebe.
Dor mir ift nichts Erfchaffenes gewefen,
Als Ewiges, und auch idy daure ewig.
Laßt, die ihr eingeht, jede Joffnung fahren. — Mir dunkler Sarbe fab ich dieſe Worte Befhrieben an dem Bipfel eines Tores
Und fprah drum: Meiſter, hart erfcheint ihr Sinn mir.‘ Und er zu mir gleich einem Wohlerfabrnen: „Hier muß man jedes Jweifels fich entfchlagen, Und jede Seigbeit hier ertötet werden.
Wir find nun an dem Ört, wo ich dir fagte, Du werdeft ſchaun die Fohmerzenreihen Scharen, Die der Erkenntnis höchſtes Gut verloren.“ Und da er feine Hand gelegt in meine,
Mir Heitrem Antlig, das mid) ließ erſtarken,
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Führt' er mich ein in die geheimen Dinge. Geſeufz' und Weinen bier und dumpfes Heulen Ertönten durch den fternenlofen Luftkreis,
So daf im Anfang drob ich weinen mußte. Bemifh von Spracen, grauenvolle Reden,
Des Schmerzes Worte und des Zornes Laute, Und Stimmen tief und raub, mit Händeflopfen, Erregten ein Betümmel bier, das immer
In diefen endlos ſchwarzen Lüften Freifer,
Dem Sande glei, wenn Wirbelwinde wehen. Und ich, dem Wahn das Haupt umfangen hatte, Sprad: ‚Meifter! was ift das, was ich vernehme, Und wer find die vom Schmerz fo Übermannten ?“ Und er zu mir: „Die jammervolle Weife
Iſt den elenden Seelen jener eigen,
Die ohne Lob und ohne Schande lebten; Vermiſcht find fie mit jenem feigen Chore
Der Engel, welche nicht Empörer waren,
Noch Bott getreu, für ſich gefondert bleibend. Nicht feinen Glanz zu trüben, ftieß der Simmel Sie aus, noch nimmt fie auf die tiefe Hölle,
Weil Sünder ftolz auf fie doch bliden Fönnten.” Und ih: ‚Was ift wohl ihnen fo befchwerlidy, Mein Meifter, da fie drob fo Fläglih jammern?" „Banz kurz,“ antwortet’ er, „will ich dir's fagen: Des Todes haben diefe Feine Hoffnung,
Und fo verächtlich ift ihr dunkles Leben,
Daß jedes andre Schidfal fie beneiden.
Es läßt die Welt nicht ihren Nachruhm dauern, Gerechtigkeit verſchmäht fie und Erbarmen. Nichts mehr davon; ſchau' bin und geb’ vorüber!” Und ich, der bingeblidt, fab eine Sahne,
Die wirbelnd fo behend vorüberrannte,
Daß jede Ruhe fie mir zu verfhmähn fcbien,
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Und ein fo großer Zug des Volfes folgte
Ihr nach, daß nimmermehr geglaubt idy hätte, Daß ihrer ſchon der Tod fo viel’ entfeeler.
Da einen ich erfannt nun unter ihnen,
Schaut’ bin ih und erblidte jenes Schatten,
Der auf das Broß’ aus Seigheit einft Verzicht tat. Sogleidy fab ich es ein und ward verfichert,
Daß diefes fei der Seiggefinnten Botte,
Die Bott mißfällig find wie feinen Seinden;
Die Jämmerlichen, welche nie gelebet,
Sie waren nadt und wurden viel geftochen
Don Bremſen und von Wefpen, die bier fchwärmten; Ihr Antlig nerten ihnen die mit Blute,
Das tränenumtermifcht zu ihren Süßen
Don efelhaften Würmern ward gefaınmelt.
Und da ich weiter hingeblidt, fab Scharen
Ich an dem Ufer eines großen Stromes,
Und fprad drum: Meiſter, woll’ft mir jest gewähren, zu wiffen, wer die find und welche Sitte
Sie macht zum Ilbergang fo fertig ſcheinen,
Wie ich erfenne bei dem Dämmerlichte.“
Und er zu mir: „Berichtet wird dir alles,
Wenn unfern Schritt wir innehalten werden
An Acherons trübfeligem Beftsde.”
Drauf mit verſchämtem und gefenftem Blicke, Beforgt, es falle läftig ibm mein Reden, Enthielt ich bis zum Sluffe mich des Sprechens. Und fieh, es nahte gegen uns zu Schiffe
Ein Alter fi, weiß durd die greifen Haare, Laut rufend: „Weh' euch, ihr verruchten Seelen, Hofft nimmermehr den Simmel zu erblicen, 3um Ufer jenfeits, Fomm’ ich, euch zu führen, In ew’ge Sinfternis, in Sroft und Gluten.
Und du, was bift du dort, lebend’ge Seele?
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Beh’ fort von jenen, welche ſchon gejtorben.” Allein nachdem er fab, daf ich nicht fortging: „Durch andre Wege,” ſprach er, „andre Buchten, Nicht bier, wirft zu dem Ufer du gelangen;
Kin leichtes Schiff muß dich hinüber tragen.”
34 ihm mein Führer: „Nicht gezürner, Charon, Man will es fo an jenem Orte, wo man
Auch Fann das, was man will; und frag’ nicht weiter.” Drauf wurden ruhig die behaarten Wangen
Dem Stenermanne auf der bleichen Zache,
Der um die Augen $Slammenräder hatte.
Doch jene Seelen, welde nadt und müde, Derfärbten fi und Fnirfchten mit den Zähnen Strads, als die graufen Worte fie vernommen. Sie läfterten auf Bott und ihre Zltern,
Die Menſchheit und den Ort, die Zeit, den Samen, Aus welchem fie erzeuget und geboren.
Dann zogen famt und fonders fie vereinet
Sant weinend bin zu dem verruchten Strande, Der jedes Menſchen barrt, der Bott nicht fürchtet. Charon, der Dämon mit den glüb’'nden Augen, Winkt ihnen und verfammelt rings fie alle, Schlägt mit dem Ruder jeglihen, der zögert.
So wie zur Serbftzeit ſich die Blätter löfen,
Eins nach dem andern, bis zulesst die Zweige
Der Erd’ all’ ihren Shmud zurüdigegeben;
Auf gleiche Arc ſtürzt Adams fhlimmer Same Sid einer nach dem andern von dem Ufer
Auf Zeichen, wie ein Dogel auf den Lodruf,
So geben hin fie durch die dunkeln Sluten,
Und eh’ fie jenfeits noch ans Land geftiegen, Derfammeln diesfeits ſchon fih neue Scharen. „Mein Sohn,” fprach nun zu mir mein güt’ger Meiſter, „Sie, die in Bottes Zorn dahingeftorben,
Derfammeln bier ſich all’ aus jedem Lande Und find bereit, den Sluß zu überfchreiten,
Don ewiger Gerecdhtigfeit gefporner,
So, daß die Surcht fi wandelt in Verlangen. Hier geht nie über eine qute Seele;
Drum wenn fi Charon über dich beflsget, Magſt du wohl wiffen, was fein Wort dir tönet.“ Er ſchwieg, und rings erzitterten die düſtern Befilde plötzlich fo, daß mich der Schreden, Wenn idy dran denfe, noch im Schweiße badet. Dom tränenreihen Zand erhob ein Sturm fid, Begleitet von der Blitze rotem Leuchten,
Das jegliher Empfindung mid beraubte,
Und nieder fiel ih, wie vom Schlaf unmfangen.
Vierter Geſang
Mir brady den tiefen Schlummer in dem Haupte Ein ſchwerer Donner fo, daß ih mich ſchüttelt', Gleich einem, welcher mit Gewalt gewedt wird, Und wandte rings das ausgerubte Auge
Und richtete mic auf und fchaute ftarrend,
Den Ort zu unterfcheiden, wo ich wäre.
Und in der Tar fand ich mich an dem Rande Der [hmerzensreichen Niederung des Abgrunds, Endloſen Jammers Donnertön’ umfchliegend. So düfter war fie und fo tief und neblig,
Daf, ob zum Brund idy beftete die Blicke,
Ich nichts zu umterfcheiden drin vermochte. „Setzt fteigen zu der düftern Welt wir nieder,” Begann zu mir ganz totenbleich der Dichter, „Ich felber geh’ voraus, du wirft mir folgen!” Und id), der feiner Sarbe inne worden,
Spread: ‚Wie komm' ich hinab, wenn du erfchauderft,
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Der dur mich fonft ermutigt, wenn ich zagte ?“ Und er zu mir: „Es malt die Angft der Seelen Dort unten wohl mir des Erbarmens Züge
Aufs Angefiht, wo Furcht du glaubft zu lefen. Woblan denn; fort! Uns treibt des Weges Länge!” So fohritt er vorwärts und ließ ein mich treten Zum erften Rreife, der den Abgrund gürtet.
Hier, dem gemäß, was ich erlaufchen Fonnte, Gab es Fein Tammern, fondern nur wie Seufzer, Davon die ew’gen Lüft' erzittern mußten;
Und dies Fam ber von Leiden obne Wiarter,
So Scharen, groß und zahlreich, bier erlitten, Don Kindern und von Weibern und von Männern. Zu mir der gute Meiſter: „Du erfragft nicht, Wer diefe Beifter find, die du erbliceft?
Jetzt follft du willen, eh’ du weiter geheft,
Daß fie nicht Sünder waren, und doch guügte Nicht ihr Verdienft, weil fie der Tauf’ entbehren, Was ja ein Satz des Blaubens, den du-glaubeft, Und da fie vor dem Chriſtentume lebten,
Ward Bott von ihnen würdig nicht verebret, Und fo bin idy von diefen felber einer.
Durch dieſen Mangel, nicht durch andres Höfe, Sind wir verloren und ſo weit nur leidend,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnen leben.” Gewalt'ger Schmerz ergriff mich, als ich's hörte, Weil Männer ih von hohem Wert erfannte,
An dieſer Vorhöll' ungewiß verbarrend.
‚Sag’ an, Bebieter, ſag' mir an, mein Weifter!‘ Begann ich, weil ich fiber wollte werden
Des Glaubens, der befieger jeden Irrtum:
‚Ram einer je durch eignes oder fremdcs Derdienft heraus, der felig dann geworden ?
Und er, der mein verhülltes Wort verftanden,
Antwortete: „Ich wer in diefem Zuftand
Kin Neuling noch, als ich, mit Siegeszeichen Gekrönet, einen Mächtigen fab Fommen.
Sinweg führt er des erften Vaters Schatten Und feines Sohnes Abel, Noeh auch,
Den Patrisrhen Abra'm, König David,
Und Moyſen, der Befe gab und geborcht,
Und Jakob mit dem Vater, den Erzeugten,
Und Rabel, für die er fo lang gedient,
Und viele noch macht’ er mit jenen felig.
Auch follft du wiffen, daß vor den Benannten Erretet wurde Feines Wienfchen Seele.” | Nicht ließen, weil er fprach, wir ab vom Beben, Sondern den Wald durhfchritten immerhin wir; Den Wald mein’ ich der dichtgedrängten Beifter. Nicht waren wir im Weg noch weit gefommen Dom Bipfel ab, als ih erblickt' ein Seuer, SalbFugelförm’ges Dunfel überftrablend.
Noch waren wir entfernt Davon ein wenig,
Doch nah genug, teilweife wohl zu fehen,
Daß ebrenwertes Dolf den Orr befäße.
‚Der jede Bunſt du ehrſt und jedes Wiffen,
Wer find fie, die fo große Ehre haben,
Daß fie getrennt find von der andern Weife ?‘ Und er zu mir: „Die ehrende Erwähnung,
Die droben tönt, in deiner Welt, von ibnen, Schafft' Gnad' im Simmel, die fie fo begünftige.” Und mittlerweile hört’ ich eine Stimme: „Erzeiget Ehre dem erhabnen Sänger,
Er Fehrt zurück, fein Schatten, der verfchwunden.” Als nun die Stimme aufgehört und ftill ward, Sah id vier hohe Schatten auf uns Fommen, Nicht beitern und nicht trüben Angefichtes.
Der gute Meiſter nun begann zu fagen:
25
„Schau jenen mit dem Schwerte in der Band an, Der vor den dreien hergeht, wie ein Serrfcher; Das ift Homer, der oberfte der Dichter;
Horaz naht, der Satirifer, als zweiter;
Der dritte ift Ovid, Lucan der letzte.
Drum, weil den YIamen alle mit mir teilen, Den jüngft die Stimme einzeln ausgerufen, Erweiſen fie mir Ehr' und tuen wohl dran.” 50 fab ih fammeln fi die [höne Schule Des Sürften der erhabnen Sangesweife,
Der ob, den andern wie ein Adler ſchwebet. Nachdem fie eine Weile fih befprochen, Wendten zu mir fie fih mit GÖrußeszeichen, Und ob der Ehre lächelte mein Meiſter.
Und noch zuteil ward mir viel größre Ehre, Da fie in ihre Schar mid aufgenommen,
Als fechften, bei fo hoher Beiftesnähe.
So gingen vorwärts wir bis zu dem Lichte, Don Dingen fprechend, drob zu ſchweigen ſchon ift, So wie das Sprechen war dort, wo's gefcheben. Wir Famen jest zu einem ftolzen Schloffe, Das, ſiebenfach umfreift mit hoben Mauern, Don einem klaren Bach rings war verteidigt; Den überfchritten wir wie feften Hoden. Eintrat Durch fieben Tor’ ich mit den Weifen, Zu einem Plan von frifhem Grün gelangend. Sier waren Leute ftillen, ernften Blickes,
In ihren Zügen hohe Würde tragend;
Sie ſprachen wenig und mit fanfter Stimme. Wir zogen fo nun aus der Eden einer
Zu einem offnen, hoh'n und lichten Orte,
Don wo man alle überfchauen Fonnte.
Dort gegenüber auf dem grünen Schmelze Wurden gezeigt mir die erhabnen Geifter,
Die ich gefehn zu haben ftill mich rühme. Elektren fab id, und in ihrem großen Befolg erkannt ich Sektor und Aneas, Cäfer im Waffenſchmuck, mit Salfenaugen, Ih ſah Camilla, fab Penthefiles
Zur andern Seit’ und fab Latin, den König, Sier mit Lavinia, feiner Tochter, fitzend; Ah ſah den Brutus, der Tarquin verjagte, Lucretien, Julien, Martien und Cornelien, Auch Saladin allein auf einer Seite. Nachdem ich mehr die Augen nun erhoben, Sah id den Meifter jener, die, durch Willen Berühmt, im Rreis der Philoſophen ſitzen, Ihm, die Bewunderung, die Derebrung aller; Dort ſah ich ferner Sofrates und Plato,
Die vor den andern ibm am nächſten ftehen; Demofrit, der die Welt dem Zufall zufchreibt, Empedokles, Diogenes und Thales, Anaxagoras, Seraflit und Zeno.
Ich fab der Qualitäten wadren Samnıler, Den Diosforides, auch Orpheus, Tulliug, Finus und Seneca, den Moraliſten,
Euclid, den Beometer, Ptolomäus, Sippofrates, Ballienus, Avicenna,
Averoes, den großen Kommentator;
Ich Fann fie alle hier nicht wiederholen, Weil midy des Stoffes Fülle fo bedränget, Daß hinter dem Geſcheh'nen oft das Wort bleibt. Die Schar der Sechfe mindert ſich auf zweie, Und aus der Stille führt mein weifer Leiter Durch andern Weg mid in der Lüfte Zittern Zu einer Stätte, wo Fein Schimmer hindringt.
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Suinfter Befang
So ftiegen von dem erften Grund wir nieder
Zum zweiten, welder mindern Raum umgürtet, Doch größern Schmerz, der bis zum SJeulen peinigt. Hier fteber Minos grauenvoll und Enirfchend;
Er unterfucht die Schuld beim Eintritt, richtet, Und weift hinab nach Zahl der Schweifesfhwingen. Ih fage, daf, wenn die verruchte Seele
Dor ihm erfcbeint, fie alles ihm geftehet,
Und jener Renner der Vergeben, ſchauend,
Was für ein Ort der Hölle für fie tauger, Umſchlingt fo oft fih mit dem Schweif, als Stufen Er fie hinunter will gefender willen.
An Scharen ftehn fie ftets vor ihm, fie treten
Der Reih' nach zum Bericht, befennen, hören
Den Spruch und werden dann binabgefchleudert. „Der du der fchmerzenreihen Wohnung naheſt,“ Sprad zu mir Minos, als er midy erblickte,
So hohen Amtes Ilbung unterbrechen,
„Wahr' deinen Eintritt, ſchaue, wen du traueft, Heap dich des Eingangs Breite nicht betrügen!“ Und drauf zu ibm mein Sührer: „Was dody fchreift du ? Derbindre nicht fein vorbeftimmtes Wandern,
Man will es fo an jenem Orte, wo man
Dermag das, was man will — und frag’ nicht weiter.” Anjesst beginnen fehmerzenvolle Töne
Sörbar zu werden; dorthin nun gelangt’ ich,
Wo vieles Jammern mich erfhüttern follte.
Ab Fam zu einer lihtberaubten Stätte,
Wo's glei dem Meer beim Ungewitter brüller, Wenn es zum Rampf erregte Stürme peitfchen. Der Wirbelwind der Hölle, nimmer ruhend,
Führt jähen Zuges mit fich fort die Beifter,
Zur Qual umber fie fhwingend und fie ſchüttelnd. Wenn in des Abgrunds Yrähe fie gelangen,
Da gebt es an ein Blagen, Schrein und Jammern, Da ſchallet Läſtrung gegen Bortes Allmacht.
Und ich vernahm, daß zu dergleihen Qualen Derdammer ſei'n die fleifchlihen Verbrecher,
50 die Vernunft den Lüften unterwürfen. Bleihwie beim Reif die Star’ auf ihren Schwingen In breiten, dichten Scharen fidy entfernen,
So führt die Windsbraut bier die ſchlimmen Geiſter sierhin und dorthin, aufwärts und bernieder,
Und Feine Hoffnung Fann fie jemals tröften,
Auf Rube nicht, ja nicht auf mindres Leiden. Und wie die Rranich' kläglich Ereifchend ziehen In Lüften, eine lange Reihe bildend,
So fab ih, laut Geheul erhebend, Schatten,
Don jenem Sturm getragen, fi uns nahen.
Da ſprach ih: ‚Mieifter, wer find jene Seelen,
Die von der düftern Luft gepeitfcht fo werden? „Die erfte derer, über die du Nachricht
Zu haben wünfcheft,“ ſprach zu mir nun jener, „sit vieler Zungen Raiferin gemwefen.
Der Unzucht Lafter war fie fo ergeben,
Daß ihr Gelüft fie durch Geſetz erlaubte,
Die Schande, die fie traf, von fich zu wälzen.
Sie ift Semiramis, von der wir lefen,
Daß fie auf Ninus folge, und fein Gemahl war, Das Land befaß fie, das der Sultan dränger.
Die andr' ift fie, die liebend fich getötet
Und Treue brach der Aſche des Sichäus. Rleopatra, die Wollüftige, folgt ihr.”
Ih fab auch Selena, ob der im argen
50 viele Zeit verſtrich; Achill, den Großen,
Der bis zulest gerungen noch mit Liebe.
Paris und Triftan ſah ich, mehr als taufend
Der Schatten nannt' und zeigt’ er mit dem Singer, Die unfrem Leben Liebe einft entführte. Nachdem von meinem Wieifter ih vernommen Der alten Ritter all’ und Frauen Namen, Ergriff mid Mitleid, daß ich wie verwirrt ftand. O Sänger!‘ ſprach ich, ‚midy verlangt zu reden Mit jenen beiden, die vereint dort wallen
Und von dem Wind fo leicht getragen ſcheinen. Und er zu mir: „Sieb zu, wenn fie uns nahen, Und dann befhwöre fie bei jener Liebe,
Die fie umbertreibt, und fie werden Fommen.” Sobald der Wind fie gegen uns gelenfet,
Erhob die Stimm’ ih: ‚O gequälte Seelen, Steht Red’ uns, fo es euch Fein andrer wehret.‘ Wie Tauben ftrads die Luft mit offnen Schwingen, Wenn Sehnſucht fie zum füßen Neſte binlodt, Durchfliegen, von dem eignen Trieb getragen,
So Famen aus der Schar, wo Dido weilte,
Auf uns heran fie durch die argen Lüfte;
Denn mächtig war das liebevolle Rufen.
„O du mitleidiges und holdes Wefen,
Das durch die purpurdunfle Luft uns aufjucht, Die wir mit blut'gem Rot die Welt gefärber; Wenn gnädig uns des Weltalls König wäre,
So würden wir für deinen Srieden bitten,
Weil du dich unfers graufen Weh's erbarmeſt. Wes willft du wiffen, fprich, und was uns fagen? Wir hören zu, und werden mit dir [prechen,
So lange noch, wie jetst, die Winde ſchweigen. Es liegt die Stadt, wo ich geboren wurde,
Am Wieeresfirand, wo fi der Do binabfenkt, Mic den Begleitern Ruhe dort zu finden;
Liebe, die ſchnell an zarten Herzen haftet,
Erfaßte diefen, durch das ſchöne Äußre,
Das mir geraubt ward — noch betrübt die Art mich,
Liebe, die Lieben nie erläßt Geliebten,
Ließ mich an ibm fo groß Gefallen finden,
Daß, wie du fiehft, es noch nicht von mir weicher: Es führte Liebe uns zu einem Tode;
Caina barrt des, der uns ſchlug im Leben.”
Das war's, was uns von ihnen her ertönte.
Als ih vernommen die gefränften Seelen,
Senkt' id den Blick und hielt fo lang ihn nieder, Bis mid der Dichter fragte: „Yun, was finnft du?” Antwortend drauf begann ich: ‚Web, wie führte So vieles Sehnen, fo viel füges Träumen
Doch diefe bier zum fehmerzenreichen Hintritt! Dann mid zu ihnen wieder wendend, ſprach ich, Und bob fo an: ‚Sranziska, deine Marter Entlockt mir fromme, [hwermutsvolle Tränen; Doch fage mir, zur Zeit der füßen Seufzer,
Wie und woran gewährte euch die Liebe,
Daß ihr den unbeftimmten Wunſch erfannter ? Und fie zu mir: „Es gibt Fein größres Leiden, Als fi der froben Zeiten zu erinnern
Am Elend — wohl bat dies gewußt dein Lehrer. Doch wenn die erften Wurzeln unfrer Liebe
Zu Fennen du fo große Sehnfucht hegeft,
Mad’ ich's wie der, fo Worte mifcht und Tränen. Wir laſen eines Tages zum Vergnügen
Don Zanzelot, wie Liebe ihn umftricer,
Wir waren ganz allein und obne Arges.
Zum öftern trafen ſchon fi unfre Slide
Bein Lefen, und entfärbte fi das Antlig;
Dod was uns ganz befiegt, war eine Stelle,
Als wir gehört, wie das erfehnte Lächeln
Don fo erbabnen Liebenden gefüßt ward;
Da Füßte mich, der nie fi von mir trennet, Banz bebend auf den Mund. Zum Gallebaut ward Uns jenes Buch und wer's gefchrieben hatte —
An diefem Tage lafen wir nicht weiter.” —
Indem der Schatten einer diefes fagte,
Weinte der andre fo, daß ih vom Mitleid Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich ftürbe,
Und niederfiel, wie tote Körper fallen.
Sechſter Gefang
Als heimgefehrt der Sinn, der aus Erbarmen Mit jenem Schwagerpasre fi) verfchloffen,
Das durch Betrübnis gänzlich mich verftörer, Sah neue Martern ib um mich und neue Bemarterte, wie ich nun mich bewegte
Und wie ih wandte midy und wie ich fchaute. Ih bin im dritten reife nun des Regens,
Des ew’gen, Falten, läft’gen, Aucherfüllten,
Dem nie Befes, noch Eigenſchaft ſich wandelt. Unreines Waſſer, Schnee und ſchwerer sJagel Ergießt fib durch der Lüfte Sinjierniffe,
Und Stanf entfteige der Erde, die es aufnimmt. Das Untier Zerberus, feltfam und wütig,
Bellt aus drei Behlen nach der Art der Hunde Die Menge an, die überfhwenmt bier lieget. Rot find die Augen, ſchwarz der Bart und triefend, Der Bauch geräumig und beflaut die Pfoten, Womit's die Beifter Fralle, zerfleifcht und vierteilt. Sie heulen Hunden glei ob ſolchen Regens. Mit einer Seite ſchirmen fie die andre,
Oft wenden fich die armen Bottvergefinen.
Als Cerberus ung wabhrt', der große Lindwurm, Rif er die Mäuler auf und wies die Sauer,
Rein Blied bett! er am Leibe, das er ftill hielt. Doc feine Spannen ftredite aus mein Führer, Erfaßte Erde, und mit vollen Säuften
Warf er hinein fie in die gier’gen Schlünde, Bleich einem Hunde, welcher bellend fordert,
Und fi beruhigt, da den Sraß er beißer
Und jest bloß aufs Verzehren finnt und firebet, Dem ähnlich machten’s die unflät'gen Schnauzen Des Dämons Cerberus, der fo die Beifter Durchdröhnet, Daß fie taub zu werden wünfchten. Wir fchritten, ob den Schatten, die des Regens Gewicht berabdrüdt, unfre Soblen ferzend
Auf ihre Wichtigkeit, die Wienfcben gleicher.
Sie lagen all’ am Boden, bis auf einen,
Der fi bebend aufrichtete zum Sitzen,
Als er uns fab bei fih vorüberwandeln.
„O du, der durdy dies Höllenloch geführt wird, Erkenne mid, wenn du's vermagft,” ſprach jener, „Du trateft in die Welt, eb’ ich beraustrat.”
Und ich zu ihm: ‚Die Qualen, die du leidet, Entziehn vielleicht dich mir aus dem Gedächtnis So, daß es fheint, nie hab’ ich dich gefeben. Doch fage mir, wer bift du, der an ſolchen Schmerzvollen Ort zu folder Dein gefandt ward? Wenn andre größer, ift mißfäll’ger Feine.‘
Und er zu mir drauf: „Deine Stadt, die voll ift Don Yleid, fo daß der Topf ſchon überfließer, Umſchloß mich dort in jenem beitern Leben.
Ihr Bürger gabt mir einft den Namen Ciacco. Ob der verderbenreichen Schuld der Reble Schlägt, wie du fiebft, mich nieder bier der Regen. Nicht bin idy bier Die einz’ge Sünderfeele;
Denn alle diefe leiden gleiche Strafe
Ob gleiher Schuld.” Mit diefem Wort verftummt er.
3 Dante 33
3%
Und ich verferte: ‚Liacco, dies dein Leiden
Drüdt mid fo ſehr, daß drob ich weinen möchte; Doc fprich, weißt du es anders: wohin Fommt es Wohl mit den Bürgern der entzweiten Stadt noch, At einer drin gerecht, und fag’ die Urſach', Warum fo große 3wietracht fie befallen ?
Und jener drauf zu mir: „Nach langem Streite Rommt es zum Blut, und die Dartei der YIeuern Dertreibt die anderen mit vielem Schimpfe;
Doch Furz darauf, noch innerhalb drei Sonnen Muß jene fallen und die andre fliegen,
Durch deffen Übermacht, der fern ſchon lauert. 30 wird fie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre fchwerbelsfter niederbaltend,
Wie fie darob auch wein’ und ſich erbofe.
Zwei find gerecht, doch will man fie nicht hören, Stolz, Neid und Habfucht, das find die drei Sunfen, Woran der Bürger Herzen fi entzunder.”
sjier endet’ er Die trauerreihen Töne,
Und ih zu ibm: ‚Wohl möcht’ ich, daß du weiter Belehrteft mich, mir mehr der Worte gönnend. Tegghiajo, Sarinata, die fo würdig,
Auch Jacob Rufticucci, Seinrih, Mosca
Und andre, die den Sinn aufs Rechttun wandten, Sag', wo ſie ſind, und laß mich ſie erkennen; Denn großer Wunſch ergreift mich, zu erfahren, Ob Simmelswonn’, ob Hhöllengift ihr Teil iſt. Und jener drauf: „Die find bei ſchwärzern Seelen; Verſchiedne Schuld drückt nieder fie zu Boden, Du ſchauſt fie, wenn fo weit hinab dur fteigeft. Eins bitt' ic), wenn zur füßen Welt du Febreft, So rufe mid) den Sreunden ins Bedächtnis, Mehr ſag' ih nicht, und mehr geb’ ich nicht Antwort.” Die geraden Augen wandte er drauf zum Schielen,
Blickt' mid ein wenig an, beugte das Haupt dann, ,
Hauptlings binfinfend, gleich den andern Blinden. Und zu mir ſprach der Sührer: „Der erwacht nicht, Eh' der Drommetenruf des Engels fchaller
Bei ihres Widerfachers Machterſcheinung.
Sein traurig Brab wird jeder wiederfinden,
Sein Sleifh dann und fein Aufres wiedernehmen Und hören, was in Ewigkeit ihm nachhallt.“
So gingen, langfam ſchreitend, durch das ſchnöde Bemifh der Schatten hin wir und des Negens, Dom Fünft'gen Leben einiges berühren?d.
Drum ſprach ih: Meiſter, jene Martern, werden Sie nah dem großen Urteilsſpruch wohl wachen, Abnehmen oder gleih an Schärfe bleiben?‘
Und er zu mir: „Rebr’ beim zu deiner Lehre, Die will, daß, je vollflommener ein Wefen,
Es Freud' und Schmerzen um fo mehr empfinde. Wiewohl nun dies verfluchte Dolf zu wahrer Vollfommenbeit nie reift, ift es beſtimmt doc, Mehr, als vorber es war, nachher zu werden.” Wir wandten uns im reis, auf diefem Wege Weit mehr befprecbend, als ich wiederfage,
Und kamen zu dem Punkt, wo man herabjteigt, sjier trafen Plutus wir, den großen Feind, an.
Siebenter Gefang
3*
„Pape Satan Pape Satan Aleppe!“
Begann nun Plutus mit der rauhen Stimme, Und, mid) zu ftärken, fprach der edle Weife, Der alles wußte: „Laß nicht Schaden bringen Dir deine Sucht, weldy eine Macht er babe, Nicht wehrt er dir, den Sels berabzufteigen.” Zu jenem zorngefchwollnen Antlig wandt' er
35
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Sich drauf und ſprach: „Verfiuchter Wolf, verftumme! Verzehr’ mit deiner Wut dich in Dir felber;
Nicht fonder Urſach' wandeln wir zur Tiefe, Dort in der Böh' beliebt's fo, wo die Rache
Der ftoken Buhlſchaft Michael genommen.” Bleich wie die von dem Wind geblähten Segel Ummwidelt fallen, ward der Maſt zerſchmettert, So fiel zu Boden bin das graufe Untier. —
So ftiegen wir zum vierten Abgrund nieder, Mehr von dem Riff der Schmerzen hinterlegen, Das alles Weh’ der Welt in fidh verfchließer.
O ewige Gerechtigkeit, wer bäufte
So viele Müh'n, als ih gefeh'n, und Deinen? Was richtet eigne Schuld uns fo zugrunde! Gleich wie die Slut dort über der Charybdis
Sich mit der andern bricht, an der fie brander, So muß fidy bier das Volk im Reigen drehen. Diel mehr als anderswo fab ich des Volfs bier Don diefer Seit! und jener, unter lautem
Geheule Laſten wälzend mit den- Brüften.
Sie ftießen aneinander, und drauf Fehrte
Allda fi jeder wieder rückwärts, [chreiend:
„Was Fargft du,” und „was machſt du tollen Aufwand?” So Fehrten durch den finftern Rreis fie wieder Zu jeder Hand, bis fie genüber ftanden,
Ihr ſchimpflich Lied von neuem anzuftimmen, Dann wandte jeder, wenn er feinen SalbFreis Surücgeleget, fich zum andern Rampfplag.
Und id), der ſchier das sJerz zerfnirfcht drob hatte, Sprach: ‚Meifter, jetzt erElär’ mir, wer dies Volk fei, Und ob fie alle Dfaffen find gewefen,
Die mit der Blaze bier zu unfrer Linken.
Und er zu mir: „Schwachſichtig waren alle
Am Beifte fo in jenem erften Leben,
Daß dort mit rechtem Meß fie nie gefpender. Wohl deutlich fagt es ihrer Stimme Rläffen, Wenn fie im Kreis an die zwei Punfte kommen, Allwo der Begenfas der Schuld fie Fcheidet.
Sie waren Pfaffen, die der Haarbedeckung
Am Baupt entbehren, Päpſt' und Kardinäle,
In denen Beiz fein Übermaß verüber.”
Und ih: ‚,O Meiſter, unter dem Gelichter
Sollte’ ich, bedünft mich, manche wiederfennen, Die unrein waren von dergleichen Übeln.“
Und er zu mir drauf: „Leere Schlüſſe machſt du: Ihr rubmlos Leben, das fie jo befudelt,
Läßt fie für das Erkennen jest im Dunfeln.
So ftoßen ewig fie nun aneinander
Und werden aus dem Grab einft auferfteben,
Die mit gefchlofiner Sauft, FablEöpfig jene. Schlecht Geben und fchleht Sparen brachte einft fie Ums [höne Leben und in diefe Kämpfe,
An denen idy Fein Wort mebr will verfchwenden. Sieh bier, mein Sohn, wie Furz die Poffe dauert Der Büter, die Sortunen anvertraut find,
Um derenbalber fi die Menſchen raufen.
Denn alles Bold, das unterm Mond ſich findet Und je ſich fand, nicht einer einz'gen Fönnt' es Aus diefen müden Seelen Ruh’ gewähren.” ‚Mein Meiſter, ſprach ich, ‚fag’ mir noch: Fortuna, Die du berührt, wer ift fie, daß die Güter
Der Welt fie alfo hält in ihren Klauen?‘
Und er zu mir: „Blödfinnige Geſchöpfe!
Wie groß ift doch die Blindheit, die eudy fchader! Test will ich, daß du ganz mein Wort erfaffeft. Er, deffen Wiſſen alles überfteiget,
Erſchuf die Simmel und gab ibnen Sübrer,
Das allen Teilen alle Teile ſchimmern,
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Auf gleiche Weife rings das Licht verteilend:
So ordnet’ er den ird'ſchen Schimmern gleichfalls Gemeinſam eine Schaffnerin zur Führung, Damit zu rechter Zeit die eitlen Güter
Don Dolf zu DolE, von Stamm zu Stamme wandern,
Trotz allem Widerftand der Menſchenklugheit. Drum berrfcher ein Volk, und das andre welfer Dahin, gemäß dem Richterfpruche jener,
Die wie im Bras die Schlange bleibt verborgen; Nicht Fann ihr euer Wiffen widerftehen,
In ihrem Reich, gleich wie die andern Götter In ihrem, ordnet, richtet und vollführt fie.
Und nimmer haben Stillftand ihre Wechfel, Yrotwendigfeit leiht Slügel ihr; denn bald kommt Ein andrer, den der Reihe 2os getroffen.
Das ift fie, die fo oft ans Kreuz gefchlagen‘ Don denen felbft wird, die fie loben follten, Doch fie durch ungerechten Tadel fhmäben; Doch felig in ſich felbft, Hört nichts davon fie Und dreht mit andern Urgefhöpfen fröblid Still ihre Kugel Bin, in ſel'ger Wonne.
Jetzt fteigen wir zu größern Leiden nieder.” Die Sterne, die bei meinem Ausgang ftiegen, Sie finfen ſchon; nicht länger ziemt’s zu weilen. Den Kreis durchſchritten wir zum andern Ufer Bis über einen Quell, der Focht und dann fich Durch einen Bach, der ihm entfpringt, ergießet. Sein Wafler war viel dunkler noch als Purpur, Und, von der grauen Slut begleitet, Famen Sernieder wir, durch einen Pfad des Braufens. Es bildet einen Sumpf, der Styr genannt wird, Der Trauerbady, wenn er zum Fuß berabfommt Des greulich unbeilvollen Selsgeftades.
Und ich, der aufmerkſam ftand im Betrachten,
Sah fhlammbededtes Volk in diefer Lache,
Nackt insgefamt und mit erzürntem Antlis,
Die fchlugen nicht allein fi mit den Händen,
Auch mit dem Haupt, der Bruſt und mit den Süßen, Stüdweife mit den Zähnen fich zerfleifchend.
Der gute Meifter ſprach: „Wein Sohn, bier fiehft du Die Seelen derer, die der Zorn befiegte,
Und auch will id, daß für gewiß du qlaubeft,
Daß unterm Waſſer Volk ift, welches fenfzet
Und Blaſen treibt auf feiner Oberfläche,
Wie di der Bli lehrt, wo er hin fi wendet. Derfenft im Sumpfe, rufen fie: ‚Wir waren
Trüb in dem füßen, fonnenbeitern Auftfreis,
Da Schleihend Feuer uns im Innern qualmte;
Uns felbft betrüben wir im ſchwarzen Schlamm jest.‘ Sie gurgeln diefes Lied in ihrer Reble,
Weil fie's mit klarem Wort nicht fagen Fönnen.”
So Freiften wir um einen großen Bogen
Der Pfütze, zwifchen Moor und feſtem Riffe,
Den Blick auf jene, die den Schlamm verfchluden. Zu eines Turmes Fuß zulest gelangend.
Achter Befang
Sortfabrend fag’ ich, daß um vieles früher,
Als wir zum Suß des hoben Turms gelangten, Sid unfer Aug’ erhob zu feinem Bipfel
Ob zweier Slämmchen, die wir richten faben,
Und eins von fern das Zeichen wiedergeben
So weit, daß Faum das Aug’ es mocht' erreichen. Und ich, zum Meer mich wendend aller Einſicht, Sprach: ‚Was befaget dies, und was antwortet Das andre Feu'r, und wer bat fie entzüunder ? Und er zu mir: „Sern auf den ſchlamm'gen Sluten
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Kannft du erkennen ſchon, was uns erwartet, Wenn es dir nicht verbirgt der Dunft der Lache.“ Nie bat der Strang noch einen Pfeil gefehneller, Der durch die Luft fo raſch dahingeftrichen,
Als durch das Waller ich ein Fleines Schifflein Alsbald heran fab Fommen uns entgegen,
Don einem Steuermann allein geleitet,
Der rief: „So bift du da, verruchte Seele?" — „Phlegias, Phlegias, für diesmal fchreift dur Vergebens,“ ſprach mein Meiſter, „länger hältſt du Uns nicht, als hier die Uberfahrt des Sumpfs währt.“ Gleich jenem, der, von großem Truge hörend,
So man ihm angetan, nun drob ergrimmet,
Ward Phlegias jetzt im Zorn, der ihn ergriffen. Wein Führer ſtieg hinab nun in das Schifflein
Und hieß darauf zu ſich hinein mich treten;
Doch erſt, als ich drin war, ſchien es belaſtet. Sobald ich mit dem Führer war im Fahrzeug,
Flog bin der alte Biel, nun tiefer ſchneidend
Ans Waſſer, als er fonft mit andern pfleget.
Indes den toten Braben wir durchliefen,
Ram einer vor das Antlig mir voll Schlammes Und fprady: „Wer bift du, der du vor der Zeit Fommft ?” Und ih zu ibm: Ich Fomme, doch nicht bleib’ idy. Doch wer bift du, der häßlich fo geworden ?‘
Er drauf: „Du fieht's, ein weinend Wefen bin ich!” Und ich zu ihm: ‚Heim Weinen und beim lagen, Dermaledeiter Beift, magft du verbleiben!
Ih kenne dich, obgleich du ganz befudelk.‘
Da ſtreckt' er nach dem Sahrzeug beide Sande;
Drob der erfahrene Meifter ihn hinwegſtieß
Und ſprach: „Sort, dorthin zu den andern Bunden!“ Den Hals umfchlang er drauf mir mit den Armen, Küßt' mir die Wang’ und fprab: „Du Seuerfeele,
Bebenedeit fei fie, die dich empfangen!
Der ift ein Stolzer in der Welt gemefen,
Es ſchmückt fein Angedenfen Feine Tugen?, Und fo ift auch bier noch fein Schatten raſend. Wie viel’ ehrt man als große Sürften droben, Die, Schweinen gleich, im Rot bier ſtecken werden, Graunvolle Flüche binter ſich verlaffend.”
Und ich: Mein Meiſter, ſehr begierig wär' ich, In dieſen Schlamm verſenken ihn zu ſehen, Bevor wir aus der Lache uns entfernen.‘
Und er zu mir drauf: „Eh' fi nod das Ufer Dir zeiget, wird befriedigt dein Verlangen,
Und billig freuft du Dich gerechten Wunfches.” Bald aber fab ich ſolcherlei Mißhandlung Don jenem ſchlammbedeckten Volk ibm antum, Daß Bott ih noch darüber lob' und preife. Sie fohrien alle: „Auf, Philipp Argenti!”
Die Slorentinifche, zornmüt'ge Seele
Wandte ſich auf ſich felber mit den Zähnen.
So ließen wir ibn. — „Mehr von ihm nicht fag’ ich." —
Doch traf die Ohren mir ein ſolches Jammern, Daß mir erfchlofinem Bli ich vorwärts fchaute. Der gute Meiſter ſprach: „Mein Sohn, jest nabt ſich Die Stadt, die Dis genannt wird, mit den Bürgern, Den fchwerbeladnen, mit der großen Menge.“
Und ih: ‚Mein Meifter, ihre Minarete
Erkenn' ich deutlich ſchon dort in dem Tale Glutrot, als ob fie aus dem Seuer Fämen.‘
Und jener ſprach zu mir: „Das ew’ge Seuer,
Das drinnen glüht, macht fie dir rot erfcheinen, Wie du nun fchauft in diefer untern Sölle.”
Wir Eamen endlich in die tiefen Bräben,
Die jene hoffnungslofe Stadt umwallen.
Don Eiſen fchienen mir zu fein die Mauern.
4]
Nicht obne erft noch weit herumzukreuzen, Belangten zu dem Ort wir, wo der Schiffer Laut zu uns rief: „Steigt aus, hier ift der Lingang!” iiber den Toren fab ich mehr denn taufend Serabgeregnete vom Simmel, die uns
Doll Troy zuriefen: „Wer ift’s, der die Reiche Des toten Volkes ohne Tod durchwandelt?“
Wein weifer Meifter drauf macht’ ihnen Zeichen, Daß heimlich er mit ihnen ſprechen wolle.
De zähmten fie den großen Zorn ein wenig
Und fagten: „Bomm allein, doch jener gebe,
Der durch dies Reich fo kecklich eingedrungen, Allein kehr' er zurück des tollen Weges.
Verſuch' er’s, wenn er's kann; doch du wirft bleiben, Der auf fo finftrer Straße ihn geleiter!”
Bedenke, Leſer, ob ih midy entmutigt
Beim Rlange der vermaledeiten Worte,
Denn nimmermehr vermeint ich heimzukehren.
O teurer Sübrer, der du fiebenmal und
Wohl öfter mir die Zuverficht erneut haft,
Mid aus Gefahr und Hindernis errettend, Verlaß mich nicht,‘ fprach ich, ‚hier wie vernichter, Und ift mebr vorzudringen uns verweigert,
Laß fchnell auf unfrer Spur zurüd uns Fehren.‘ Und jener Bohe, der mich bingeführet,
Sprach: „Sürchte nichts, denn rauben Fann uns niemand
Den Weg, den uns ein Mächtiger gewähret. Doch harre meiner bier und tröft' und nähre Den abgefpannten Beift mit guter Hoffnung. Nicht werd’ ich in der tiefen Welt dich laffen.” So geht von dannen und verläßt allbier mid Der füße Dater, daß ich zweifelnd ftebe,
Weil Ja und Ylein mir in dem Haupte ftreiten. Was jenen drauf er bot, konnt' ich nicht bören,
Allein nicht lang noch ftand er dort bei ihnen, Als jeglicher hineinfloh um die Wette.
Die Tore fchloffen unfre Widerfacher
Dicht vor dem Meiſter, welcher ausgefperrt nun Langfamen Schritts zurück zu mir fi wandte. Den BliE am Boden und die Stirn entblößet Don ftolem Mute, ſagt' er nur durch Seufzen: „Wer weigert mir, ins Jammerhaus zu treten ?” Allein zu mir ſprach er: „Weil id erzürnt bin, Erſchrick nicht; in dem Wettftreit werd’ ich fliegen Wer drin auch zur Verteidigung fidy rege.
Dies ihr Vermeſſen ift nicht neu; fie übten
Es [bon an weniger geheimer Pforte,
Die ſich feitdem noch ohne Schloß befindet,
Und wo des Todes Infchrift du erblicteft. Schon fteigt diesfeits von ihr den Abhang nieder, Serwandelnd Durch die Kreife fonder Sübrer, Ein foldyer, dem die Stadt fih wird eröffnen.”
Neunter Befang
Mein innre Furcht verratendes Krblaffen,
Als ih den Führer fab ſich rückwärts wenden, Scdien, was ihn neu bewegte, zu verfchliefen. Aufmerkfam ftand er wie ein Mann, der laufchet, Denn fern nicht Fonnten feine Augen tragen,
Weil Mebel rings den dunklen Auftfreis füllten. „Doch kommt's uns zu, im Kampf zu fiegen,” ſprach er, „Wo nicht — ift er nicht mächtig, der ſich anbot, O wie verlangt mich, daß ein andrer nahe!”
Ich ſah wohl, wie den Anfang feiner Red’ er Bemäntelt mit dem andern, was drauf folgte,
Das ganz verfhhieden lautete vom erftern;
Doch um nichts minder gab mir Surcht fein Reden,
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Weil ich vielleicht bezog auf ſchlimmre Meinung, Als er gehegt, die abgebrochnen Worte.
‚Stieg einer je vom erften Grad hernieder,
Dem nur der Hoffnung Mangel ward zur Strafe, Zu diefem Abgrund des graunvollen Bedens?‘ Die Srage tat ih; er darauf: „Nur felten
Trifft ſich's,“ entgegnet’ er, „Daß unfereiner
Den Weg betritt, auf dem ich jetzo wandle; Wahr iſt's, daß ich ſchon einmal war bienieden, Als jene grauſ' Erichtho mich befhworen,
Die beim zu ihren Körpern rief die Schatten. Dor Furzem war das Sleifch erft meiner ledig, Als fie mich fandt! in dieſer Mauer Umkreis, Um einen Beift aus Judas’ Rreis zu ziehen, Der ift der tieffte, finfterfte der Orte,
Dom Simmel, der das All umfreift, am weit'ften. Ih weiß die Straße wohl; drum fei getroft nur. Die Lade, fo die große Fäulnis ausbaucht, Umgürtet rings umber die Stadt des Jammers, In die wir obne Zorn nicht dringen mochten.” Und andres fprac er, doch mir ift’s entfallen, Weil fih mein Auge ganz hinauf gewendet
Zum hohen Turme mit der glüh’nden Spitze, Wo ih im Augenblick ſtracks aufgerichter
Drei höll'ſche Surien, blutgefärbt, erblicte,
Die weiblihe Gebärd' und Glieder batten. Hochgrüne Sydern waren ihre Gürtel, Blindſchleichen und Jeraften ihre Haare,
Die fih um ihre grauſen Schläfe fchlangen. Und jener, welcher wohl die Dienerinnen
Der Königin des ew’gen Jammers Fannte, — „Schau! vief er, „die Erinnyen, die geimmen! Dies ift Megära an der linfen Seite,
Die weinende zur Rechten ift Alekto,
Tifipbone dazwifchen!” szier verfiummt' er. Auf ri die Bruſt fich jede mit den YIägeln,
Sie fchlugen in die and’ und fehrien fo heftig, Daß ih aus Furcht mid anfchmiege an den Dichter. „Meduſa komme, daß zu Schmelz er werde!” — So ſprachen alle fie, berniederblidend, — „Schlimm war’s, daß Thefeus’ Anfall wir nicht rächten.” „Wende dich rüdwärts und verbirg dein Antlig; Denn wenn fi Borgo zeigt und du fie fäheft, Wär’ Feine Heimkehr mehr für dich nach oben.“ So ſprach der Meifter, und er felber wandte Mid um, und fo nicht gnügten meine Bänd' ibm, Daß er nicht noch mich mit den feinen deckte.
O ihr, die mit gefunden Geiſt begabt feid, Betrachtet wohl die Lehre, die verborgen
Liegt unterm Schleier feltfamen Bedichtes.
Und fhon Fam auf uns dur) die trüben Fluten Das Rrachen eines fchredenvollen Tones, Wovon die Ufer beiderfeits erbebten.
Nicht anders war's, als daß von einem Sturme, Der, tobend ob des Widerftands der Bluten, Unmwiderftehli auf den Wald fi ftürzer,
Die Äſte bricht, binwirft und raubt die Blüten, Bebüllt in Staubeswolfen ftolz einbergebt
Und fliehen macht die erde und den Sirten. Die Augen löft’ er mir und ſprach: „Test richte Auf jenen alten Schaum den Nerv des Sehens, Dorthin, wo jene Dünfte find am berbften.”
Wie vor der Schlange feindlicher Erfcheinung Die Sröfche all’ im Waffer fidy verlieren,
Bis fie zufammen ſich geduckt am Grunde,
Sah idy zerftörter Seelen mebr denn taufend Dor einem fliehen, der am Übergange
Den Styr duchfchritt mit ungenessten Soblen.
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Dom Angeficht entfernt’ die dichte Luft er,
Bar öfters mit der Linken vorwärts greifend, Und nur von folder Qual fchien er beläftigt. Wohl merkt' id), daß vom Simmel er gefandt fei, Und wendete zum Meiſter mich, der winfte
Mir, ftillzuftehn und midy vor ibm zu neigen.
O wie er mir fo voll Unwillens däuchte.
Zur Pforte Fam er, und mit einem Stäbchen Offnet' er fie, da war Fein Widerftreben.
„O ſchmählich Volk, vertrieben aus dem Simmel!” Begann er auf der graufenvollen Schmelle, „Wodurch erwächſt in euch fol ein Vermeſſen, Was feid ihre widerfpenftig jenem Willen,
Dem nimmermehr fein Ziel geraubt kann werden, Und der zum öftern eure Pein ſchon mehrte? Was bilft's, fih gegen das Geſchick zu ſtemmen? Drum eben ift, wenn ihr euch recht erinnert,
Ja Cerberus haarlos am Bals und Rinne.”
Dann wandte er heim fich durch die ſchlamm'ge Straße Und ſprach Fein Wort zu uns, fondern fein Antlitz War eines Mannes, welchen andre Sorge
Als des, der vor ihm ſtehet, drängt und ftachelt. Und wir nun lenften unfern Schritt der Stadt zu, Befihert durch den Klang der beil’gen Worte. Wir traten ohne Rampf hinein ins Innre,
Und ich, der zu betrachten war begierig,
Was folde Seftung wohl in fi verfchließe,
Lie, als ich drin war, rings die Augen Ereifen Und ſah zu jeder Hand ein groß Befilde
Mit Sammer angefüllt und großen Martern.
So wie bei Arles dort, wie die Rhone ftauet,
50 wie bei Pola nahe beim Quarnaro,
Der Welſchland ſchließt und feine Mark befpüler. Viel Gräber rings die Stätt' uneben machen:
50 feb ich deren bier auf allen Seiten,
Nur daß noch bitterer dafelbjt die Weife;
Denn zwifchen diefen Särgen waren Slammen Derftreut, durch welche fie fo ganz erglübten, Daß Feine Runft mehr von dem Kifen fordert. AM ihre Dedel waren aufgefchlagen,
Und draus erflang wohl ein fo herbes Tammern, Def es von Armen ſchien und von Beplagten. Und ih: Mein Wieifter, wer find dieſe Leute, Die, eingefarget dort in jenen Laden,
Ihr Dafein durch ein Fläglid Seufzen Funden ?' Und er zu mir: „sier find die Irrtumſtifter
Mic ihren Jüngern, aller Sekten, und wohl Mehr, als du glaubft, beladen find die Gräber; Mit ähnlichen find ähnliche begraben,
Und mebr und minder find die Gräber glühend.” Drauf wandte’ er fi zur Rechten, und wir fhritten Yıun zwifchen Martern bin und hoben innen,
Zehnter Befang
Test geht es vorwärts auf geheimem Pfade Zwifchen den Martern und dem Wall der Stadt hin, Mein Meifter und ich, feinen Serfen folgend,
‚® hohe Rraft, die durch der Srevler Rreife Mich lenfeft,‘ fing ich an, ‚wie dir's gefällig, Sag’ und befriedige mir meine Wünfce:
Kann man das Volk, das in den Gräbern ruber, Nicht näher fehn? Denn alle Dedel find ja Geöffnet ſchon, und niemand hält dran Wache.‘ Und er zu mir: „Die werden all’ gefchloffen, Wenn beim vom Tale Joſaphat fie kehren
Mit ihren Körpern, die fie droben liefen.
Auf diefer Seit’ hat ibre Grabesftätte
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Mic Epifurus feine ganze Schule,
Die mit dem Börper läßt die Seele fterben.
Und dort drin wirft du bald befriedigt werden Auf alle Sragen, die du ausgefprochen,
Und ob des Wunfches auch, den du verfchweigeft.” Und ih: ‚O guter Führer, nicht verberg’ ich Mein Gerz, nur bündig möcht’ ich mit dir ſprechen, Und deffen haft du unlängft mid ermahner.‘
„O Tuscier, der du durch die Stadt des Feuers Lebendig wallft, mit ebrenwerter Rede,
Haß dir’s gefallen, an dem Ort zu weilen!
Ih muß an deiner Sprade dich erkennen,
Als aus der edlen Vaterſtadt gebürtig,
Der ih wohl allzu läftig einft geweſen!“ Urplögzlid tönt’ es aus der Laden einer
Alfo hervor, drum ich, von Furcht ergriffen, Mid) etwas näher meinem Sübrer anfchloß.
Und er zu mir: „Wende dich um! Was tuft du? Sieh Sarinata, der fi) aufgerichtet; Dom Gürtel aufwärts Fannft du ganz ibn ſchauen.“ Schon heftet' ich mein Antlitz auf das feine,
Und jener hob den Buſen und die Stirne,
Als ob der Hölle trotzig John er [präche.
Und zwifchen ihn nun und die Bräber ftießen Mic meines Führers Hände raſch und mutig, Der fprad dazu: „Bezähle’ fein deine Worte!” Sobald ih Fam zum Fuße feines Grabes,
Blickt' er mich eine Weil’ an, und dann frage er Wie zurnend mich: „Wer waren deine Väter ?” Und id), der zu gehorchen war begierig,
Derbarg ibm nichts, nein, ließ ihn alles wiffen; Drauf er ein wenig aufwärts 309g die Brauen Und ſprach: „Sie waren fürchterlihe Seinde Mir, meinen Vätern, meinem ganzen Anhang,
50 daf ich zu zwei Wialen fie zerftreute.”
‚Wenn auch verjagt, fo kehrten beide Male
Sie allenthalben beim,‘ gab ich zur Antwort,
‚Doch eure haben ſchlecht die Kunft erlerner!‘
Da ftieg, enthüllt vom Dedel, augenſcheinlich Yracft ihm empor ein Schatten bis zum Rinne; Denn auf die Bnie, fchien’s, hatt’ er ſich erhoben. Er blidt’ um mid) berum, als ob er wünfche
3u fehn, ob jemand andres mit mir wäre;
Doc, da fich fein Vermuten ganz erledigt,
Sprach weinend er: „Wenn Durch des Beiftes Hoheit In diefem düftern Berker du einhergehft,
Wo ift mein Sohn? Warum ift er nicht mit dir?” Und ih zu ibm: Nicht von mir felber Fomm’ idy, Denn midy geleitet jener, der dort barret,
Den euer Buido wohl gering gefhätt hat.‘
Es hatten feine Worte und die Weile
Der Strafe feinen Namen mir verraten,
Drum konnt' ic ihm fo volle Antwort geben. Stracks aufgerichter rief er aus: „Wie fagft du,
Er bat gering geſchätzt? — Lebt er denn nicht mehr, Triffe nicht das ſüße Licht mehr feine Augen?”
Als er gewahr ward eines Furzen Zögerns,
Indem ich vor der Antwort war befangen,
Siel rudwärts er und Fam nicht mehr zum Vorfchein, Doc der hochherz'ge ande’, um deffen willen
Ich ftehn geblieben, ändert’ nicht fein Antlis,
szielt ſtarr den Jals und beugte nicht die Seite. „Und wenn,” ſprach er, in feiner erften Rede Fortfahrend, „ſchlecht fie diefe Kunſt erlerner,
So martert mid) dies mehr als diefes Bette;
Doch fünfzigmal nicht wird vom neu'n erglüben Das Antli jener Herrin, Die hier berrfcher,
Bis du erfährft, wie ſchwer die Kunft dir Iafter.
3 Dante
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Und willft du in der fügen Welt je weben,
So fprich, warum ift gegen meinen Stamm doc Dies Volk erbarmungslos in jeder Satzung?“
‚Die große Yriederlage und das Blutbad,
Sprach ich drauf, ‚welches rot die Arbia färbte, Bibt ſolchen Ratſchluß ein in unfern Hallen.‘ Nachdem er feufzend drauf das Haupt gefchüttelt, „licht ich allein war's,” ſprach er, „noch gewißlich Wär’ ohne Brund gefommen ih mit andern; Doch ich allein war’s, welcher dort, wo alle Einwilligten, Slorenz hinwegzureißen,
Mit offner Stirn der Stadt Partei genommen.“ ‚Wenn euer Samen je ſoll Ruhe finden,‘
Fleht' ich ibn an, ‚fo löfer mir den Änoten,
In welchen bier mein Urteil ſich verftrict hat. Es fcheint, ihr ſeht, wenn ich euch vecht verftanden, Am voraus, was die Zeit mit fich berbeiführt, Doch für die Begenwart verhält fidy’s anders.‘ „Wir fehn, wie einer, der ein ſchwach Geſicht bat, Die Dinge,” ſprach er, „Die von uns entfernt find; So viel noch läßt der höchfte Fürſt uns ſchimmern. Doh wenn fie annahn oder da find, ſchwindet
AU unfer Sinn, und bringt Fein andrer Botfchaft, So wiffen wir nichts von der Menſchen Treiben. Darum begreifft du wohl, daß unfer Willen
Banz tot fein wird von jenem Augenblide,
Da fi) das Tor der Zukunft wird verfchließen.” Da ſprach ich, von des Zögerns Schuld zerfnirfchet: ‚Bebt dann dem, welcher dort zurückſank, Runde, Daß noch den Lebenden fein Sohn vereint ift, Und wenn vorher icy blieb die Antwort [chuldig, So fagt ihm, daß es nur gefchab, weil ich ſchon Dem Zweifel nachfann, den ihr mir gelöft habt.‘ Und fhon rief mid zu ſich zurück mein Meifter,
Drob ih nun ſchneller von dem Geiſt begehrte, Daß er mir fage, wer mit ibm bier weile,
Er ſprach zu mir: „Mit mehr denn taufend lieg’ ich Allpier, bierdrinnen ift der zweite Sriedrich,
Der Rardinal auch, von den andern fehmweig’ ich.“ sierauf verbarg er fi), und meine Schritte, Wandt’ ich dem alten Dichter zu; die Rede,
Die feindlih mir gefchienen, überdenfend.
Er aber brach nun wieder auf und fragte
Am Weitergebn: „Was bat dich fo verwirrer ?” Und da ich feiner Srage drauf genüget,
Ermahnte alfo mich der Weife: „Was du
ssier Seindlihes vernommen haft, bewahre;
Doch jerzt merf’ auf (bier zeigt’ er mit dem Singer), Wenn du dort ftebft vor ihrem holden Strable, Die mit den ſchönen Augen alles fchauet,
Wird Flar durch fie dir deines Lebens Reife.”
Er wandte den Schritt zur Linken num; die Mauer Derlaffend, wallten wir zur Write? auf einem Fußpfad, der an ein Tal ftieß, wo bis oben
Uns widerliche Düft' entgegenqualınten.
Elfter Seſang
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Am obern Saume eines hohen Ufers,
Das Felſentrümmer bildeten im Breiſe, Gelangten wir ob grauſenvollre Saufen. Dort, wegen fürchterlichen Ubermaßes
Des Stankes, den der tiefe Abgrund auswirft, Verbargen dicht wir hinter einem großen Grabdedel uns, auf dem ich eine Schrift fab, Befagend: ‚Anaftafius verwahr' ich,
- Den Dapft, den ab vom rechten Weg Photin 309g.‘
„Es muß fi unfer Yriedergang verzögern,
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So, daf ſich an den fhlimmen Duft der Sinn erft Etwas gewöhn’, und dann verfchlägt’s nicht weiter.” Der Meifter fo; und zu ibm ſprach ih: ‚Einen Erſatz finn’ aus, Daß nicht umfonft die Zeit uns Derftreih'“ Und er: „Du fiebft, daß ich dran denfe. Mein Sohn, es find noch, ftufenweife finfend,
Drei Fleinre Kreiſ' in diefes Selfens Umfang,” — Begann er drauf, — „den hinterlegten ähnlich. Erfüllt find alle mit verfluchten GBeiftern.
Doch, daß dir gnüge dann am Schaum, vernimm jest, Wie und warum fie eingeferfert liegen.
Fedweder Bosheit, die des Jimmels Haß trifft,
Iſt Unrecht Zweck, und ſolchen Zweck erreicht man Bald durch Gewalt, durch Trug bald, andern ſchadend. Doch weil der Trug des Menſchen eignes Übel, Mißfällt er Gott mehr, und drum ſind zu unterſt Die Trügriſchen von größerm Schmerz befallen.
Den erſten Kreis füllt, wer Gewalttat übte;
Doch da man drei Perſonen kann Gewalt tun,
Iſt er gefügt in drei getrennte Zirkel. | Bewalt tun Fann man Bott, fidy felbft, dem Nächſten; Ih mein’ an ihnen felbft und an dem Ihren,
Wie du mir offenem Beweis wirft bören.
Mord mit Gewalt und ſchmerzliche Derwundung UÜbt man am Nächſten, und an feiner Sabe 3erftörung, Brand und unrechtmäßig Rauben. Drum peinigt Mörder auch und die, fo böslidy Verwunden, Räuber und Vermwüfter, fämtlidy
Der erfte Zirkel, in verfchiednen Scharen.
Bewaltfam Fann an fib man Hand anlegen
Und auch an feine Güter, und darum muß
Im zweiten Zirkel fruchtlos Reu' empfinden Jedweder, der ſich eurer Welt beraubet,
DVerfpielt fein Eigentum und es vergeudet
Und, ftatt der Luft, ſich Tränen nur bereitet, Gewalt verüben kann man an der Bottheit,
Sie mit dem Herzen leugnend und verläfternd
Und die Natur und ihr Geſchenk verfchmähend. Darum num brandmarft auch der engfte Zirkel Cahors und Sodoma mit feinem Siegel,
Und die, von Herzen Bott verachtend, läftern.
Den Trug, der ſtets Gewiffensbiff’ erreget,
Rann gegen den, der einem traut, man üben
Und gegen den, der Fein Vertraun gefaßt bat.
Auf lesstre Arc wird nur das Band der Liebe,
So die Ylatur erfchaffen bat, vernichtet.
Drum ift im zweiten Rreis auch eingenifter Seucheln und Schmeicheln und wer Zauberei treibt, Verfälſchung, Diebftabl, Simonie und Ruppeln, Beſtechlichkeit und mehr dergleichen Unflat.
Auf erſtre Art vergiftet man, nächſt der Liebe,
So die Ylatur fchafft, jene, die hinzukommt,
Aus der fichb der befondre Glaub’ erzeuget.
Drum wird im engftien Kreis im Mittelpunkte Des Weltalls auch, auf welchem Dis den Sig bat, Wer da verrät, in Ewigkeit verzehrer.”
Und ih: ‚Mein WMeifter, gar wohl deutlich fchreitet Dor dein Bericht und unterfcheider trefflich
Den Schlund und jene, die ihn innehaben;
Doch fage mir, die in der fchlamm’gen Lache,
Die dort die Windsbraut jagt, der Regen anfchlägt, Und die fi mit fo herbem Wort begegnen, Warum, wenn fie in Bottes Zorn find, leiden
Sie innerhalb der glüh’nden Stadt nicht Strafe, Und find fie's nicht, was trifft fie folch Verfahren?‘ Und er zu mir: „Warum doc) ſchwärmt dein Beift mebr, Als fonft er pflegee? der auf was anders,
Hat nun dein Sinn fein Augenmerk gerichtet?
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Erinnerſt du dich nicht mehr jener Worte,
Mit denen deine Sittenlehr' gedenket
Der drei Gefinnungen, verbaßt im Simmel, Unmäßigfeit und Bosbeit, und der tolle Viehiſche Sinn; daß minder Bott beleid’ge Unmäßigkeit, und mindern Tadel ernte?
Und wenn du wohl auf diefe Säge merfeft
Und in den Sinn dir heimrufſt, wer fie waren, Die aufierbalb dort oben Buß’ erleiden,
Wirft klar du fehn, warum von diefen Srevlern Betrennt fie find, und weshalb minder zürnend Sie die Gerechtigfeit zermalmt des Ew'gen.“
O Sonne, jeden trüben Blick erbellend,
So fehr befriedigt ſtets mich deine Löfung,
Daß minder nicht mich Zweifeln freut als Wiſſen. YIoh einmal wende dich ein wenig rückwärts, Sprach id, ‚dortbin, wo's bief, daß Wucher Gottes Geſchenk beleid'g’, und fo entiwirr’ den Bnoten.“ „Pbilofopbie belehret ihre Jünger,“
Sprad er zu mir an mehr als einer Stelle, „Wie die Natur aus dem Verftand der Gottheit Den UÜrfprung bat und aus der Runſt des Schöpfer. Und finden wirft du, wenn du wohl in deiner Phyſik nachforſchen willft, nach wenig Seiten, Daß eure Kunft, fo viel ihre möglich, jener,
So wie der Schüler feinem Meiſter, folger,
So daß wie Bottes Enk'lin eure Kunft ift. Durch dieſe beiden, wenn du dich erinnerft
Des Buchs der GBenefis im Anfang, foll ſich
Die Menſchheit Unterhalt und Reichtum fchaffen. Doch weil der Wuchrer andre Wege einfchlägt, Verſchmäht er die Natur an fich, verfhmäht fie An ihrer Jüng'rin, da er bofft auf andres.
Doc folge mir; denn mir gefällt's zu wandeln,
Die Sifche zittern [bon am Horizonte, Banz gen den Taurus liegt der Himmelskarren, Und weiterhin dort geht's den Fels herunter.”
Zwölfter Befang
Der Ort, wo wir zum Niedergang gelangten, War fteinig und fo graus ob feines Inhalts,
Daß jeder Blick zurückgeſchaudert hätte.
Wie jener Bergfall iſt, der eine Seite
Der Etſch diesſeits Trient bedrängt, ſei's, daß einſt Die Erd' erbebt, ſei's, daß der Grund gewichen, Denn von des Berges Höh', dem er entſtürzte,
Zur Ebn' iſt fo herabgerollt das Steinwerk,
Daß es von oben einen Pfad gewähret;
So ging es an dem Abhang hier herunter,
Und auf dem Gipfel des geborſtnen Schachtes War Rretas Schandmal ausgeſtreckt zu ſchauen, Das in dem falſchen Bild der Ruh erzeugt ward. As es uns num erblidt‘, bif es ſich felber
Bleidy einem, den der Zorn verzehrt im Innern, Ihm rief mein weifer Führer zu: „Du meineft Vielleicht, daß dies der Herzog von Athen fei,
Der oben in der Welt den Tod dir brachte.
Sort, Ungeheuer, denn nicht naht fich Diefer,
Don deiner lift'gen Schwefter unterwiefen,
Er gebt, um eure Qualen zu betrachten!”
Blei wie der Stier, der fi dem Strick entriſſen, Nachdem er ſchon empfing den Stoß des Todes, Nicht fähig mehr, zu wandeln, bin und ber fpringt, So fab id bier den Minotaurus rafen.
Da rief der Eluge Sübrer: „Eil zum Daffe,
But ift’s, hinabzufteigen, weil er wütet.“
So ging es weiter abiwärts durch den Umfturz
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Des Steingerölls, das unter meinem Fuß oft Sid ob der ungewohnten Laſt bewegte.
MNachdenkend fchritt ih vor; doc er: „Du denkſt wohl
Ob diefem Sturz nad, den des Untiers Wüten Bewachet, das ich eben jerzt befchwichtigt.
Yıun wiffe, daß, als ich das andre Mal bier Herniederſtieg in diefe tiefe Hölle,
Noch diefe Selswand nicht hinabgeftürzt war. Doch kurz vorher, wenn ih mid) recht erinnre, Eh' jener Fam, der aus dem obern Breiſe
Dem Dis die große Beute abgenommen, Zitterte fo das -tiefe Tal des Braufens
An allen Enden, daß ich meint‘, es fühle
Das All die Sympathie, die, wie geglaubt wird, Schon oft die Welt ins Chaos umgewandelt; Und damals war’s auch, wo der alte Selfen Sier und an andrer Stelle umgeftürst ward. Doch werfe nun zu Tal den Blick, es naht ſich Der blut’ge Strom, wo jeglicher muß fieden, Der durch Bewalttar andern Schaden zufügt.” O blinde Bier! © unverftändig Wüten,
Das uns fo mächtig fpornt im Furzen Leben Und dann im Ewigen ſo ſchnöd' uns einweicht. Ein breiter Graben war's, den ich erfchaute, Sm Bogen rings die ganze Fläch' umfaffend, Wie mein Begleiter mir berichtet hatte,
Und zwifchen diefem und der Selswand fprengten Zentauren bint'reinander, pfeilbewaffnet,
Wie in der Welt fie auf die Jagd gezogen. Stehn blieben all’, da fie herab uns Fommen Geſehn, und drei nur, mit vorber erlefnem Geſchoß und Bogen, trennten aug der Schar fi. Doch einer rief von weitem: „Welcher Marter Seid ihr beftimmt, die ihr das Riff herabfteigt?
Don dort aus fagt’s, ſonſt ſchnell' ich log den Bogen!” Zu ibm fprach drauf mein Meiſter: „Antwort werden Dem Cbiron dort wir in der Nähe geben; Derderblid raſch ift ftets dein Sinn gemegfen.”
Er dann, mid) leis berührend: „Das ift YIeflus, Der wegen Dejanira ftarb, der Schönen,
Und aus ſich felber Rache fidy bereitet.
Der mittelfte, der auf die Bruſt herabſchaut,
Iſt Chiron, des Achilles großer Pfleger,
Der andr’ ift Pholus, der fo wuterfüllt war.
33 Taufenden umfreifen fie den Graben, Derwundend jeden Beift, der aus dem Blute Mehr taucht empor, als feiner Schuld gebübhret.” Jetzt nabten wir dem flücht’gen Wild uns, Chiron Nahm einen Pfeil zur Jand, und mit der Rerbe Strich er den Bart ſich hinter feine Kiefern; Enthüllend fo den weiten Mund, begann er
31 den Benoffen: „Merkt ihr wohl, wie jener, Der dort zulest wallt, was er trifft, beweget;
Das ift dem Fuß der Toten fonft nicht eigen.” Mein guter Hort, [bon an der Bruſt ihm fiehend, Wo beiderlei Naturen fi vermählen,
Sprach: „Wohl ift ee am Leben, und ih muß ihn So ganz allein durchs düftre Tal geleiten, - Wohin Ylotwendigkeit, nicht Luſt ihn führte. Dom sSallelujafingen Fam bernieder,
Die diefes neue Amt mir aufgetragen.
Er ift Fein Räuber, ich Fein Beift des Srevels. Doc bei der hoben Kraft, die meine Schritte Durch diefe wilde Straße lenft, gewähr' uns
Aus dem Befolge einen zum Begleiter,
Daß er uns zeige, wo die Furt zu finden,
Und auf dem Rüden den bimübertrage,
Denn wie ein Beift nicht wallt er durch die Lüfte.”
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Zur rechten Bruft gewandt, fprady jest zu Neſſus Ebiron: „Kehr' um und führ' fie fo und wehre Den andern Scharen, wenn auf fie du ftößeft.”
Wir gingen mit dem fiheren Begleiter
Yıun längs dem Rand hin des biutroten Sudes, Wo der Geſottnen lautes Schrein ertönte.
Ich fab bier Volk, verſenkt bis zu den Brauen. „Tyrannen find's, gewöhnt,” ſprach drauf der große Zentaur, „an blut'ge Tat und Räubergriffe.
Sier weint ob fo erbarmungslofen Sreveln
Mit Merander Dionys der Harte,
Der Sabre ſchweren Druds Sizilien brachte.
Und jene Stirne mit dem ſchwarzen Haare
At Ezzelino, und die andre blonde
Alt Obizzo von Eſte, der in Wahrbeit
Vom Rabenfohn auf Erden ward getötet.”
Da ih zum Dichter drauf mich wandte, [prach er: „Der fei der erfte jest div, ich der zweite.”
Ein wenig weiter hielt bei anderm Volfe
Nun der Jentaur ftill, das bis zu der Kehle Hervor aus jenem glüh'nden Strudel ragte.
An einer Eck' allein zeigt’ einen Schatten
Er, fprechend: „Der durchbohrt' im Schoße Bottes Das Herz, Das an der Themfe noch geehrt wird.” Drauf fab ich andre, nebft dem Jaupt den Rumpf noch Banz aus dem Bach emporgetragen baltend,
Don denen ich gar manchen wiederfannte.
So wurde feichter fiets das Blut und feichter,
Bis daß es nur die Süße noch bedeckte,
Allwo den Graben nun wir überfchritten.
„Blei wie auf diefer Seite du gefeben,
Daß diefes Pfuhles Tiefe immer abnimmt,” Sprach der Zentaur, „fo wifle, daß auf jener
Sein Grund ſich immer mehr und mehr berabfenft,
Bis er an jenen Ort ſich wieder anſchließt,
Wo ewiglih die Tyranmei muß feufzen.
Denn die Gerechtigkeit des Ew'gen peinigt
Dort jenen Attila, der Erde Beißel,
Pyrrhus und Sertus und preßt ewig Tränen
Den Augen aus, gebeist vom beißen Sude,
Des Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo,
Die fo gewalt'gen Brieg auf Straßen führten.”
Drauf wandte er ſich und Fehrte durch die Furt beim. -
Dreizehnter Befang
Noch wer nicht jenfeits Neſſus angefommen,
Als wir uns ſchon in ein Gehölz begaben,
Das Feine Spur von einem Pfade zeigte.
Nicht grün die Blätter, nein, von düſtrer Sarbe, Nicht glatt die Afte, nein, gekrümmt und Enotig; Nicht Srüchte gab’s bier, nein, nur gift’ge Dornen, So rauh' und dunkle Didichte bewohnt nicht, Selbft zwifchen Cecinas Flut und Lorneto,
Das graufe Wild, bebaute Striche ſcheuend.
Hier baum ibr YIeft die [heußlihen Harpyien, Die Trojas Volk von den Stropbaden trieben, Mit trüber Runde vorbeftiimmten Webes. Breitfchwingig, menfchengleih an Hals und Antlig, Beklaut, den weiten Bauch gefiedert, jammern Sie auf den abenteuerlihen Bäumen,
Der gute WMeifter: „Eh' dur weiter eintrittft,” Begann er drauf, „wiſſ', daß im zweiten Zirkel Yıunmebhr du bift, und drin auch wirft verbleiben, Bis du beim grauenvollen Sandineer anlangft; Drum blide wohl umber, und ſchauen wirft du, Was, fagt’ ich's, allen Glauben überftiege.”
Don jeder Seite her hört’ ich ein Winfeln
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Und ſah doch niemand, dem es zuzufchreiben Geweſen wär’, drob ganz verwirrt ich ftill hielt. Ich glaube, daß er glaubte, daß ich glaube,
Daß diefe Stimmen aus dem Buſchwerk Fämen Don Leuten, die ſich unferm Blick verbergen.
Und drum fprach nun der Meiſter: „Wenn du irgend Kin Zweiglein abbrichft von der Büſche einem, Wird ganz zunichte werden, was du finneft.”
Als ich ein wenig vor die Jand num ftredte,
Bin Aſtchen eines großen Dornſtrauchs pflückend, Schrie laut fein Stamm: „Warum doc mid zerfnicen ?“ Und da er drauf vom Blute ſchwarz geworden, Begann er wieder: „Was doch mich zerreißen ? Lebt in der Bruft dir gar Fein Beift des Mitleids? Wir, Menſchen einft, find Schößlinge geworden; Wohl follte liebevoller deine Hand fein, Selbft wenn wir Schlangenfeelen nur gemwefen.” Bleib wie ein grüner Brand, wenn er, entzündet An einem Ende, nun am andern träufelt
Und ziſchet, ob der Auft, die ihm entweichet,
So drangen aus dem Bruce Blut und Worte Dereint bervor; drob mir die Zweigesſpitze
Entfiel und ich ein Furchtergriffner daſtand.
„Wenn er zuvor das hätte glauben Fönnen, Befränfte Seel',“ entgegnet’ ihm der Weife,
„Was ihm aus meinem Lied allein befannt wer, So bätt! er nimmer Sand an Dich geleget;
Doch das Unglaublihe der Sache ließ mich
Die Tat ihm heißen, die mir felber lafter.
Dod fag’ ihm, wer du warft, daß ſtatt der Buß’ er Den Ruf dir droben in der Welt erneute,
Wobin ibm heimzukehren ift geftattet.”
Und drauf der Stamm: „So lodt dein füßes Wort mich, Daß ich nicht ſchweigen Fann, euch aber fei's nicht
Zur Laft, wenn im Befpräc ich mehr verweile. Ich bin es, welcher beide Scylüffel führte
Zum Herzen Sriedrihs und fo fanften Drucdes Beim Öffnen und Verfchliegen fie gewendet,
Daß alle ſchier von feinem Rat ih ausfchloß,
Und das rubmvolle Amt übt’ ich fo treulidy,
Daß drob der Schlaf mich mied, der Puls mir ftodte. Die Wiege, die nie von des Läfars Wohnung
Den Bubhlerblid gewandt, fie, das gemeine Derderben und der Höfe eignes Lafter,
Entflammte gegen mich die Seelen aller,
Die, felbft entflammt, fo den Auguft entflammten, Daß trübes Web mir ward aus heitrer Ehre. Mein Sinn voll zorn’gen Überdruſſes, hoffend, Im Tode der Verachtung zu entgehen,
Lie Unrecht mid an mir Berechten üben.
Bei diefes Baums feltfamen Wurzeln ſchwör' ich's, Daß nimmermehr ich treulog bin gewefen
An meinem Seren, der fo der Ehre wert war. Und wenn zur Welt je einer von euch heimkehrt, So richt’ er wieder auf mein Angedenfen,
Das noch darniederliege vom Stoß des Yleides.” Nach kurzem Harren fprach: „Da er noch ſchweiget,“ Mein Meiſter drauf, „verliere nicht den Zeitpunkt, Nein, ſprich und frag’ ihn, wenn du mehr noch wünſcheſt.“ Drob ich zu ihm nun: ‚Srage du ibn wieder,
Was du wohl glaubft, das mich befried'gen möchte, Ich könnt' es nicht, fo ſehr berrübt mid Mitleid.‘ Darum begann er: „Wenn man je dir tun foll Mic freiem Sinn, was deine Wort’ erfleben,
Laß dir’s gefallen, o gefangne Seele,
Uns zu berichten, wie der Beift ſich binder
In diefe Bnoten, und vermagft dus, fag’ uns,
Ob einer je ſich löft aus ſolchen Bliedern.”
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Da zifchte lauc der Stamm, und ſolches Wehen Derwandelte ſich drauf in diefe Stimme:
„Mit Eurzen Worten will id Antwort geben. Wenn ſich die geimme Seele von dem Körper Entfernt, aus dem fie felbft ſich losgeriffen,
So weiit zum Schlund, dem fiebenten, fie Minos. Sie fälle zum Wald num, ohne Wahl des Ürtes, Doc dort, wo fie das Schidfal hingeſchleudert,
Da Feimet fie empor, gleich einem Spelzforn.
Sie wächſt zum Schößling auf, zum Strauch des Waldes; Drauf die Harpyi'n, ihr Laub benagend, Schmerzen Ihr antun und den Schmerzen Auft verfchaffen. Gleich andern treffen einft wir unfre Süllen,
Doch nicht, daß eine neu damit fid) Fleide;
Denn was der Menſch ſich raube, foll er nicht haben. Hier fchleppen wir fie hin dann, und im düftern Gehölz wird jeder Leib einft aufgebangen
Am Dornbufh, wo gequält fein Schatten wohnet.” Wir harrten noch am Stamm in der Erwartung, Daß er uns mehr darob berichten wolle,
Als überrafcht von einem Lärm wir wurden, Bleidy einem Jäger, der auf feinem Stande
Den Eber plöglih nahn hört und das Treiben, Und durch der Zweige Laub die Doggen raufchen. Und ſieh da! zwei zu unfrer linken Seite
Nackt und zerfrallt, die fo gewaltig flohen,
Daß alle Bitter fie des Waldes brachen.
Der vordre: „Eil', o Tod, herbei jetzt, eile!” Drauf ſchrie der andre, dem es allzu langſam
Zu gehn fchien: „Lano! war doc fo bebende
Dein Fuß nicht bei dem Waffenfpiel am Toppo.” Und da's ihm drauf am Atem wohl gebrocden, Verſchlang er fih mit einem Strauch zum Ruoten. Dicht hinter ihnen war der Wald erfüller
Mit ſchwarzen Zundinnen, in gierigem Laufe Windhunden ähnlich, die dem Strick entkommen. Den, der gedrüct lag, padten mit den Zähnen Sie nun, und trugen, ftüdweif’ ihn zerreißend, Die ſchmerzensvollen Blieder drauf von dannen. Da faßte bei der Hand mich mein Begleiter
Und führte mi zum Buſch bin, der aus blut'gen Verlegungen fruchtlofe Tränen weinte.
„O Jakob,“ rief er aus, „von Sanft Andreas, Was half es dir, daß du mie mir did) ſchirmteſt? Was bin ich ſchuld an deinem wüften Leben?” Wein Wieifter, über jenem ftill nun baltend, Begann: „Wer bift Du, der durdy fo viel Enden Du blutgemiſchte Schmerzenswort' enthauchteft?” Und er zu uns: „O Seelen, angefommen,
Die [hmählihe Mißhandlung zu betrachten,
Die meine Blätter fo von mir getrennt hat, Raffe fie am Fuß des Jammerſtrauchs zufammen. Ab war aus jener Stadt, die mit dem Täufer Den erften Hort vertaufcht bat, drum auch dieſer Sie fters mit feinen Rünften wird betrüben,
Und wenn nit an dem Übergang des Arno Don ihm nod übrig eine Spur verbliebe,
So hätten jene Bürger, die von neuem
Sie suf dem Schutt, den Attila zurückließ, Erbauten, ein vergebli Werk begonnen.
Ich machte mir mein eigen Haus zum Galgen.“
Dierzehnter Gefang
GBedrängt von Liebe zum Geburtsort, rafft' ich Yıun die zerftreuten Blätter auf und gab fie
Dem wieder, der ſchon ſprach mit heifrer Stimme,
Drauf Famen wir zur Grenze, wo vom dritten
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Sich trennt der zweite Zirkel und der ew’gen Berechtigfeit graunvolle Runft zu fehn ift.
Die neuen Dinge klar zu fchildern, fag’ ich,
Daß wir zu einer Heide nun gelangten,
Die Fein Gewächs auf ihrem Brunde dulder.
Es Fränzer fie die fchmerzenreihe Waldung Ringsum, wie diefe der verruchte Graben;
sier hielten dicht am Rand wir unfern Schritt ein. Ein dürres, tiefes Sandfeld war der Boden Banz gleiher Art mit jenem, der vor Zeiten Don Latos Süßen ift betreten worden.
O Rabe Bottes! wie fo furchtbar mußt du Tedweden fcheinen, der es bier wird lefen,
Was meinen Augen ward geoffenbaret! Zahlreihe Scharen fab ich nacter Seelen,
Banz jämmerlih wohl famt und fonders weinend, Doch ſchien verfchiedne Satzung fie zu treffen. Rüdlings am Boden lag ein Teil des Volkes, Ein andrer faß, zufammen ganz gefauert,
Und noch ein andrer wandelt! unabläffig.
Der fo umberging, war an Anzahl größer,
Und minder der, fo in der Marter dalag,
Doch war zum Sluch ihm mehr gelöft die Zunge, Es regneten aufs ganze Sandmeer nieder Langſamen alles breite Seuerflocden,
Wie auf den Alpen Schnee an ftillen Tagen. Wie Alerander einft in jenen beißen
Landftrichen Indiens über feine Mannſchaft Sah Slammen ungedämpft zur Erde fallen, Drob er Vorfebrung traf, den Brund zu ftampfen Durch feine Scharen, weil der Dunft noch leichter Zu löfchen war, eb’ neuer noch binzufam,
So fenfte fi herab die ew'ge Lobe,
Davon der Sand, wie unterm Seuerzeuge
Der Zunder, glomm, die Qualen zu verdoppeln. Ununterbrodyen ging das Spiel beftändig
Der unglüdfel'igen Hände, welche bier bald,
Bald dort abfchüttelten die neuen Bluten.
Ih nun begann: ‚,O Meiſter, der du alles
Befiegft, nur nicht die trotz'gen Teufel, die uns Entgegentraten bei des Tores Eingang,
Wer ift der Broße, der, die Brunſt nicht achtend, So höhnend und mit fheuem Blicke daliegt,
Daß mürb’ ihn auch der Brand nicht [cheint zu machen ?‘ Und jener felbft nun, der es inne worden,
Daß feinethalb ich meinen Führer fragte,
Rief: „Wie ich lebend war, bin ic auch tor noch. Mag Tupiter au feinen Schmied ermüden,
Don dem im Zorn er nabm den fcharfen Blitzſtrahl, Der an der Tage letztem mich getroffen;
Ermüd' er all’ die andern auch der Beih' nach
In Mongibellos ſchwarzer Schmiedewerfftatt, ‚Dulfan, du Lieber, hilf mir, hilf mir!‘ rufend, Wie bei der Schlacht er tat in Phlegras Tale,
Und ſchleudr' auf mich die ganze Kraft des Blitzes, Doch wird er nie der Rache frob drum werden.” Da fprad mit folder Braft zu ihm mein Sübrer, Wie ich noch nie von ihm vernommen batte:
„O Bapaneus, daß nimmermehr fi Dämpfer
Dein Stolz, ift eben deine größte Strafe,
Denn Feine Marter, als dein eignes Rafen,
Wär’ deiner Wut ein vollgeziemend Leiden!” Drauf wandt’ er ſich zu mir mit mildrer Lippe "Und fprab: „Er ift der eine von den fieben Belsgrern Thebens, welcher Bott verfhmähte
Und nod, fo fcheint's, verfhmäht und wenig achtet; Doch, wie ich ihm gefagt, es ift fein Läftern
Wohl feinem Innern ein gebührend Brandmal.
5 Dante
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Set folge mir und hab’ wohl acht, die Süße Noch nicht in den entbrannten Sand zu fegen, Am Saum des Waldes immer dicht fie haltend.” Stillfhweigend Famen wir zu einer Stätte,
Wo aus dem Wald hervor ein Bächlein fprudelk, Des Röte mir noch jest die Haare fträuber.
Wie aus dem Schwefelpfuhl der Bad) entjtrömer, Den dann die Sünderinnen fich verteilen,
So wallte jener durch den Sand bernieder.
Des Slußbetts Grund und beide Hänge waren Don Stein, fo wie der Ranft zu jeder Seite, Daraus ich bier den Übergang erkannte.
„Es bat dein Auge unter all’ dem andern,
Was idy gezeigt dir, feit zu jenem Tore
Wir eingetreten, deffen Schwelle niemand . Derriegele ift, nichts fo Bemerkenswertes
Annoch gefehn als gegenwärt'ges Bächlein,
Das alle Slammen über fih verlöfcher.”
So Iauteten die Worte meines Führers,
Drob ich ihn bat, zu fpenden mir die Speife, Nach der er Sehnſucht mir ing Gerz gejpender. „In Weeres Mitte liegt ein Land, verwüfter, Mir Namen Rreta,” fprad zu mir num jener, „au deſſen Königs Zeit ſchuldlos die Welt war. Drin ift ein Berg, anmutig einft bewäffert
Und laubbefchattet, Ida war fein Name.
Jetzt ift er Sde, wie vom Alter modernd.
Ihn wählte Bhea zur betrauten Wiege
Des Sohnes einft und ließ dort, wenn er weinte, Geſchrei erheben, fichrer ihn zu bergen.
Kin hoher Greis fteht aufrecht in dem Innern Des Berges, nach Damiett' den Rüden wendend Und bin auf Rom, als fei’s fein Spiegel, blickend. Don feinem Bold ift ihm das Haupt gebildet,
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Aus reinem Silber Arm und Bruſt beſtehend; Dann folget Erz bis zu dem Spalt herunter; Von dort ab iſt er ganz gediegnes Eiſen,
Nur daß gebrannter Ton der rechte Fuß iſt,
Auf dem er mehr als auf dem andern feſtſteht. Bis auf das Gold iſt jeder Teil geborſten
Durch einen Spalt, aus welchem Tränen träufeln, Die dann ſich ſammelnd jenen Fels durchwühlen. In dieſes Tal entſtürzet ihre Strömung,
Den Acheron, Styr, Phlegethon zu bilden.
Dann geht's herab durch diefe enge Rinne
Bis dort, wo man nicht ferner abwärtsfteiger, 3u bilden den Bozyt; wie diefe Lache
Befchaffen, wirft du ſchaun, drum fag’ ich's hier nicht.” Und id zu ihm nun: ‚Wenn auf folhe Weife Der Abfluß bier vor uns aus unfrer Welt Fommt, Warum erfcheiner er an diefem Rand erft ?‘
Und er 3u mir: „Du weißt, daß rund die Stätte, Und ob du glei ſchon viel in ihr bernieder Beftiegen bift, ſtets links herum dich wendend, So haft du doch noch nicht den ganzen Umfreis Durdlaufen; drum, wenn Yleues dir erfcheiner, Darf Staunen nimmer auf dein Antlitz treten.” Ich wieder: ‚Meifter, Phlegethon und Lethe, Wo find fie nur? denn von dem lesstern ſchweigſt du Und ſagſt, der erftre bild’ aus diefem Tau fich.‘ „Wohl find erfreulich mir all’ deine Sragen,” Antworter’ er, „Doc follte dir das Sieden
Der roten Flut alsbald die eine löfen.
Einſt ſchauſt du, aber nicht in diefer Grube,
Den Lethe, wo zum Bad die Seelen treten, Wenn die bereute Schuld wird nachgelaffen.“ Drauf ſprach er: „Es ift Zeit, uns zu entfernen Vom Bufde nun: auf! folge meinen Schritten,
Bahn bieten ung die unentbransten Ufer, Und aller Dunft verlöſchet über ihnen.“
nl Belang
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Jetzt trägt der harten Ufer eins von dannen uns; Und dunkel qualmt darüber, vor dem Feuer Verwahrend Damm’ und Slut, der Rauch des Bächleins. Wie zwifhen Brügg' und Ladfand die Slamänder, Die Flut, die gegen fie beranftürzt, fürchtend,
Sid eine Wehr’ baun, der die Brandung weiche, Und wie die Paduaner längs der Brenta
Sie baun zum Schirm der Pillen und Raftelle. Bevor noch Kärntens Höhn die Wärme fühlen, Dem ähnlich waren jene hier gebildet,
Nur daß von gleiher Zöhe nicht, nody Stärke, Wer er auch war, der Wieifter fie errichtet.
Schon waren wir fo weit vom Wald entferne, Daß, wo er ftand, ih nicht mehr unterfchieden,
Ob ih auch rüdwärts mid gewendet hätte,
Als uns entgegenfam ein Haufen Seelen, serwandelnd längs dem Damm, und unter ihnen Sab uns jedivede an, wie wohl des Abends
Beim Yleumond einer auf den andern binblice, Anblinzelnd alfo uns mit ihren Augen,
Wie auf das Nadelöhr ein alter Schneider.
So angeftarrt von foldyerlei Gefellfchaft,
Ward ih erfannt von einem, der, beim Saum mid) Erfaſſend des Gewands, rief: „Weld ein Wunder!” Und ich, da er den Arm nach mir geftredet,
sing mit dem Bli an dem verbrammten Antlitz
So, daß die von der Blut zerftörten Züge
Nicht webrten meinem Geiſt, ihn zu erfennen, Und bin mein Angefiht zu feinem neigend,
Antwortet’ ich: ‚Seid Ihr bier, Herr Brunetto ? Und er: „O lieber Sohn, laß dir’s gefallen,
Da, weichend von der andern Spur, Brunetto Latini mit dir wandl' ein Stückchen rückwärts.“ Ich fprach zu ihm: ‚Aus ganzer Seel’ erfleh’ ich's Und ſetze mich mit euch, wenn ihr es wünfchet, Dafern es dem gefällt, denn mit ihm wand’ ich.‘ „O lieber Sohn,” fprady er, „wer aus der Schar bier Sid) irgend aufbält, liege dann hundert Jahre, Ob auch die Blut ihn fenge, unbeweglid).
Drum geh’ nur fort, ich folg’ am Saum des leide dir Und hole wieder ein dann meine Rotte,
Die weinend wallt ob ihres ew’gen Unheils.“
Ich wagt’ es nicht, vom Damm herabzufteigen Um mid ihm gleichzuftellen, doch gebüder
Hielt ih Das Haupt, wie wer voll Ehrfurcht wandelt. Er nun begann: „Welch Schickſal oder Zufall Führt vor dem letzten Tag dich bier hernieder, Und wer ift diefer, der den Weg dir zeiger ?” ‚Dort oben über uns, im beitern Leben,‘ Entgegnet' ich, ‚verirrt in einem Tale
Ich mid), bevor erfüllte noh war mein Alter. Erſt geftern morgen wandt ich ihm den Rüden, Doch da zu ihm ich kehrt', erfchien mir jener
Und führt mid beim nunmehr auf diefem Pfade.‘ Und er zu mir: „Wenn deinem Stern du folgeft, Rannft des rubmvollen Ports du nicht verfehlen, Dafern ich recht gefehn im ſchönen Leben;
Und wär’ ich fo nicht vor der Zeit geftorben,
So hätt’ ich, da ich dir des Zimmels Zeichen
So günftig ſah, zum Werfe did ermuntert.
Doch jenes Volk, fo undanfbar und boshaft,
Das niederftieg von Fieſole vor alters
Und nach dem Berg und Schieferfels noch artet,
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Wird dir zum Feind ob deines KRechttuns werden, Und da, weil ſich's nicht ziemt, daß zwifchen herben Spierlingen füßer Seigen Srucht gedeihe.
Blind nennt fie eine alte Sag’ auf Erden,
Kin geiziges Geſchlecht voll Stol und Mißgunft. Sieb zu, dich ihrer Sitten zu entfchlagen.
So großen Ruhm bewahret dir dein Schidfal, Daß beide Teil’ einft Hunger nad dir fühlen,
Doch wird vom Mund dann fern der Biſſen bleiben. Wohl mögen felber fi zu Streu zertreten
Die Beftien Siefoles, doch follen nimmer
Die Pflanze fie berühren, wenn noch eine
Dem Wuft entfeimt, in der der heil’ge Samen
Der Römer auflebt, die dort wohnhaft waren, Als ſolches Neſt voll Bosheit ward gegründet.” ‚Wenn mein Begehren ganz erfüllt der Simmel,‘ Entgegnet' ich ihm drauf, Ihr würder jetzt noch Nicht aus der menſchlichen Natur verbannt fein. Denn feft bewahrt mein Sinn, ob auch voll Schmerz jetzt Das teure, liebe, väterlihe Bild mir
Don Euch, da in der Welt Ihr Tag für Tag mich Den Weg gelehrt, wie fidy der Menſch verewigt, Und wie ich dankbar drob, fo lang’ ich lebe,
Müße Ihr an meinen Worten no erfennen.
Was Ihr von meinem Lauf erzählt, bemerk' ich Mic anderm Sprud), es zur Erläut'rung wahrend, Bis ich ein Weib, das dies verfteht, erfchaue.
So viel indes will ih Euch offenbaren,
Das, ſchilt mich anders nur nicht mein Bewiffen, Ih auf das Schidfal, wie's andy fei, gefaßt bin. Nicht neu ift foldy ein Vorklang meinen Ohren, Drum mag Fortuna immer nad Gefallen
Ahr Rad umdrehn und feinen Rarft der Landmann.‘ Da wandte auf die rechte Seite rückwärts
Mein Meifter fich, ins Angeſicht mir blidend,
Und ſprach darauf: „Recht böret, wer es merfet.” Doch drob nicht minder wand!’ ich im Geſpräch bin Mit Geren Brunetto, wer von den Benoffen
Am größten und berübmt'ften wohl? ibn fragend. Und er zu mir drauf: „Manche ziemt's zu kennen, Von andern wird es löblidy fein zu Fchweigen,
Weil allzufurz die Zeit für die Erzählung.
wi’ überhaupt, daß Beiftliche, Belehrte
Sie alle waren, groß und weltberühmet,
Die gleihe Sünd' einft auf der Welt befledte.
Dort wallt mit jener Unglüdsfchar Priscianus Und Sranz Accurfius, auch erblicken kannſt du, Wenn dich gelüften follte ſolches Unflats,
Den, der vom Knecht der Knechte ward vom Arno Verſetzt zum Bachiglione, wo die YIerven,
Zu ſchnöder Brunft mißbraucht, er binterlaffen. Mehr würd’ idy fagen, aber Red’ und Wandrung Darf nun nicht länger dauern, denn fchon feh’ idy Dort neuen Dunft vom Sandmeer fich erheben; Es nabet Volk, mit dem mir nicht zu weilen Dergönnt. Laß meinen Schag dir fein empfohlen, In dem ich leb’ annoch, und mehr nicht fordr’ ich.” Drauf wandt' er fi und ſchien von jenen einer, Die zu Verona durch das Blachfeld laufen
Ums grüne Tuch, und ſchien von ihnen jener,
Der Sieger bleibt, nicht jener, der befiegt wird.
Sechzehnter Gefang
Schon waren wir, wo man den Schall der Wäſſer Vernahm, die zu dem nächften Kreis entftürzten, Dem Summen glei, um Bienenkörbe tönend, Als ſchnellen Laufes allzumal drei Schatten
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Don einer Schar, die unter jenem Regen
Der herben Qual vorüberging, fi trennten.
Sie Famen auf uns zu und riefen fämtlidy:
„Steb ftill du, der, nach deiner Tracht zu ſchließen, Fin Bürger unfrer Stadt fcheint, der verderbten.” Weh’! welde Wunden, alt! und new, erblickt’ ich, Die ihren Bliedern eingebrannt die Slamme! Noch ſchmerzt es midy, wenn ich daran nur denke. Auf ibren Ruf biele horchend ftill mein Lehrer, Wandt' mir das Antlig zu und fprach: „Halt ein jetzt, Denn diefen muß mit Achtung man begegnen.
Und wär's nicht ob der Blut, die von Natur bier Herabgeſchleudert wird, fo möcht! ich fagen,
Dich zu beeifern zieme dir vor ihnen.”
Dos früh’re Lied begannen, da wir ftanden,
Don neuem fie, und, uns erreichend, faßten
Sich alle drei, umdrehend wie ein Rad ſich.
Wie einft entFleidet und gefalbt die Kämpfer
Sich Blöß' und Vorteil abzulauſchen fuchten,
Eh' fie einander Schlag und Stoß verfesten,
So wendete ein jeglicher das Antlis
Mir wirbelnd zu, daß in verfehrter Richtung
Der Hals beftändig umlief mit den Süßen.
„Und wenn das Elend diefer fand’gen Stätte
Und unfer traurig, lautlos Antlig uns auch
Und unfer Flehn verfhmäbn läßt,” fing der ein’ an, „So rübre deinen Sinn doch unfer Nachruhm, Uns, wer du bift, zu fagen, der die Sölle
So fonder Fahr durchſtreicht, lebend’gen Fußes.
Er, defien Spur du hier mich fiehft betreten, Obgleich er nackt jest und zerfleifcht einhergeht, War einft von größrer Wird’, als du wohl glaubeft. Der trefflichen Waldrada Enkel ift er,
Mit Namen Guido Buerra, der im Leben
Diel durch den Rat, viel mit dem Schwert vollbrachte. Der andre, binter mir den Slugfand ftampfend, Tegghiajo Aldobrandi ift, des Stimme
Man droben in der Welt wohl hören follte.
Und ich, mit ihnen bier ans Kreuz gefchlagen,
Bin Jacob Rufticucci, und gewißlidy,
Das ſchlimme Weib bringt mir am meiften Schaden.” —
Wenn vor dem Seuer ficher ich gewefen,
Hätt' ih mich unter fie berabgeftürzer,
Und wohl gelitten, glaub’ ich, hätt's der Wleifter. Doch weil ih mich gefengt dort und verbrennet, Ward von der Surcht befiegt mein guter Wille, Der mir Begierde gab, fie zu umarmen.
Drauf ih begann: ‚Verachtung nicht, nein, Rummer Hat euer Zuftand mir fo tief ins Innre
Beprägt, daß er nur langfam ganz entjfchwinder, Sobald mir diefer mein Gebieter Worte
Befagt, aus denen ic wohl fchliegen mochte,
Das Männer euresgleichen fih uns nabten.
Don eurer Stadt bin ich, und immer babe
Ah eurer Taten und verehrten Namen
Gedacht mit Lieb’ und fie erwähnen bören.
Den Wermut flieb’nd, wall’ ich der füßen Frucht zu, Die der wahrhaft’ge Führer mir verfprocen,
Doch muß ih bis zum Mittelpunkt erft ftürzen.‘ — „Wenn lange Zeit der Beift noch deine Blieder Bewegen foll,” antwortet drauf mir jener,
„Und wenn dein Ruf nach dir noch foll erglänzen, Sprih, wohnen Edelfinn und Tapferkeit noch
In unfrer Stadt, wie fie gepfleget, oder
Sind ganz und gar aus ihr fie jetzt entfloben ? Denn dort Wilhelm Borfiere, der feit Eurzem
Mit uns bier Elagend wallt mit den Benoflen,
Hat uns gar fehr gequält durch feine Worte.” —
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‚Das neue Volk, der ſchnellgewachſne Reichtum Sat Stolz und Übermut in dir erzeuget, Slorenz, fo daß du ſchon dich drob beflageft!‘ So rief ich mit emporgehobnem Antlig;
Die drei nun, hier die Antwort abnend, ftarrten Einander an, wie man die Wahrbeit anfterrt. „Wenn es dir Fünftig mehr nicht EFofter, andern Benugzutun,” antworteten fie alle,
„O glüklih dw, der frei den Sinn du äußerft! Drum wenn du einft aus diefen finftern Stätten Entrinnſt, die ſchönen Sterne wieder ſchauend, Und es dich dann: ‚Dort war ih!“ freut zu fagen, So unterlaffe nicht, von ung zu fprechen.” Drauf brachen fie das Rad, und Slügeln ſchienen Die raſchen Süß’ im Sliehen zu vergleichen, Nicht fchneller hätte man vermocht, ein Amen 3u fagen, als fie uns entſchwunden waren. Darob mein WMeifter fortzugehn für qut fand. Ad folge ihm, und nur waren wir ein wenig Gewallt, als uns fo nab des Waſſers Lärm Lam, Daß man Fein Wort von uns verftanden hätte. Wie jener Fluß, — der ab von Viſos Berge Nach Worgen bin zuerft den eignen Zauf hat, Der Apenninen linfem Hang entjirömend,
Der Acquacheta oberhalb genannt wird,
Bevor er niederfinft zum tiefen Grunde,
Und bei Sorli dann ift des Namens ledig, — Dort ob San Benedettos Bloſter fchaller, Durchs Hochgebirg in eine Schlucht entftürzend, Wo Taufende wohl Zuflucht finden folltenz
So hörten wir von einem fteilen Riffe
Serab die trübe Slut bier widerballen,
Die wohl in Furzer Zeit das Ohr verletzte.
Den Leib hatt’ ih mit einem Strid umgürtet,
Mit dem ich mebr als einmal jenes Pardel
Mit buntbemaltem Sell zu fangen dachte.
Nachdem ich nun ihn ganz von mir gelöfet,
So wie mein Führer mir geboten hatte,
Reicht’ ich ihn diefem bin zum Bnäul verfchlungen. Drauf er, ſich nach der rechten Seite wendend
Kin wenig von dem Rand entfernt, hinunter
Ihn fehleuderte in jenen tiefen Abgrumd. Wahrhaftig, etwas Yleues muß entfprechen,‘ Begann ich bei mir felbft, ‚dem neuen Zeichen,
Das mit dem Bli der Meiſter fo begleiter.‘
O wie behutſam ziemt's zu fein dem Menſchen Bei jenen, die nicht nur die Tat erfchauen,
Nein, mit dem Beift in die Bedanfen bliden!
Er ſprach: „Bald muß bier oben an nun langen, Was id erwart' und was dein Sinn ſchon träumte, Bald muß es deinen Blicken ſich enthüllen.”
Stets foll der Wahrheit, die der Züge ähnelt,
Der Menſch, fo viel er Fann, die Lippen fchließen, Weil fie ihm Schmad bringt obne fein Verſchulden. Doch Fann ich bier nicht fchweigen, und ich ſchwöre Bei der Komödie Worten dir, o Lefer,
So wahr fie fpäten Beifall nicht vermiffe,
Daß durdy die dichte, dunkle Luft ich eine
Beftslt, wie ſchwimmend fi empor fab heben, Drob auch felbft unerfchrodin’re Herzen ftaunten. Wie einer auf wohl fteiget, der, den Anker
3u löfen, niedertaucht” und, einen Selfen Umklammernd oder was fonft birgt die Meerflut, Sid oben ſtreckt, nach fi die Süße ziehend.
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Siebzehnter Gefang
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„Sieh dort das Untier mit dem ſpitzen Schweife, Das Berge überfteigt und Wehr und Mauern 3ertrümmert! Sieh, was alle Welt mit Stanf fülle.” Afo begann mein Führer mir zu fagen,
Und winkt ihm, daß es zu dem Ufer Fäme,
Dem Schluß nab des betrermen Marmorpfades. Und jenes widerlihe Bild des Truges
Ram num herbei, anlandend Haupt und Bruſtſtück, Doch zog es feinen Schweif nicht mit zum Strande. Sein Antlig war wie des Gerechten Antlig,
So mild von außen fchien die Oberfläche,
Indes fein Rumpf fonft einer Schlange Leib glid). Zwei Pratzen hatt’ es, baarig bis zur Achfel,
Und Rüden, Bruft und beide Seiten waren ,
Mit Breifen ibm und Schleifen bunt bemalet.
In Wollzeug woben nimmermehr mit Sarben Tataren fo als Türfen Grund und Einſchlag, YIody zog Arachne auf ein ſolch Bewebe.
Wie öfters wohl am Ufer ftehn die Barken,
Zum Teil im Waſſer und zum Teil am Lande, Und wie bei jenen Schlemmern dort, den Deutfchen, 3u feinem Bampfe fi der Biber anfchict,
50 ftand bier das heillofe Ungeheuer
Am Rand, der fteinern rings das Sandmeer ſchließet. Ganz in den leeren Raum fchlug’s mit dem Schweife Und Erummt empor die gifterfüllte Gabel,
Den Stachel auf Sforpionenart bewaffnend.
Mein Meiſter ſprach: „erst müffen wir ein wenig
Abwenden unfern Pfad bis bin zu jenem
Verruchten Untier, dag dort ausgeftrecdt liege.” Darauf flieg er berab zur rechten Seite, Zehn Schritte bin am Rand zu äuferft wallend,
Die Slammen und den Sand wohl zu vermeiden. Und als wir bei dem Tier nun angekommen, Sah idy ein wenig weiter Volk im Sande
Nah an der eingefunfnen Stätte fizen.
Der Meifter bier: „Damit von diefem Zirkel
Du ganz vollftänd’ge Kenntnis mit dir nehmeſt, Geb’ bin,” ſprach er zu mir, „und ſchau' ihr Treiben; Doch Furz nur fei dort deine Unterredung.
Bis du zurüdigefehrt, fprech’ ich mit diefem,
Daß es uns feine ftarfen Schultern leihe.”
So ging ich denn durch den entferntften Abſchnitt Don diefem Breis, dem fiebenten, allein nun Einher, wo die trübfel’gen Männer faßen. Hervor aus ihren Augen brad ihr Sammer,
Und bier oft, dort oft wehrten mit der Jand fie Den Dünften bald und bald dem beißen Boden. Im Sommer machen’s anders nicht die Hunde, Bald mit dem Fuß, bald mir der Schnauze, wenn fie Der Slöhe, Bremfen, Sliegen Biffe fühlen.
Ins Antlig einem und dem andern blidend
Der von der [hmerzensvollen Blut Befallnen, Erkannt' ich Feinen zwar, doch idy bemerkte,
Daß jedem an dem als hing eine Tafche, Gewiſſe Sarbe tragend und Bezeichnung,
Daran, fo ſchien's, ſich weidere ihr Auge.
Als unter fie num ſchauend ich getreten,
Erblickt' ich bimmelblau, vom gelben Beutel Sid hebend, eines Leu'n Geſtalt und Haltung. Da weiter drauf mein Bli die Bahn verfolger, Erblickt' auf andrem biutigroten Sädel
Ih eine Bang, viel weißer noch denn Butter; Und einer, der das Bild der trächt'gen Bache Als Zeichen, blau auf weißem Sädlein, führte, Sprach: „Was madhft du doch bier in diefer Brube?
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Jetzt geb hinweg, und da du noch am Leben,
So wiffe, daß mein Nachbar Vitalisno
Zu meiner linfen Seite bier wird fizen.
Als Paduaner unter Slorentinern
Bin ich allein hier, die, das Ohr mir öfters Durchdröhnend, ſchrein: ‚Der Fürſt der Ritter Fomme! Der einft die Tafche trägt mir den drei Böden.‘ Den Mund verzerrend, ſtreckt' er drauf die Zunge Seraus, dem Rind gleicy, das fich let die Naſe. Und ih aus Surcht, daß längres Weilen jenem Mißfalle, der mich Furz nur zu verweilen Ermahnt, kehrt' heim nun von den müden Seelen. Hier fand ich meinen Hort, der auf die Krupe
Des graufen Tiers bereits war aufgeftiegen
Und fo zu mir ſprach: „esse fei ftark und herzhaft. Don nun an geht's herab durch ſolche Stiegen. Sig’ auf vor mir, ih will die Mitte halten,
Daß dir der Schweif zu ſchaden nicht vermöge.“ Wie jener, dem fi bei dem naben Anfall
Des Wechfelfiebers fhon die VNägel bleichen,
Banz zittert bei des Schattens bloßem Anblic, So ward mir, als er mir dies Wort geboten; Doch es ergriff mih Scham bei feinem Droben, Die tapfre Diener fters vor wadren Herrn ſchafft. Jetzt ſetzt' ih mich auf jene Riefenfchultern
Und fagen wollt ich (doch nicht Fam die Stimme, Wie ich geglaubt): ‚Sieb zu, mid) zu umfangen.‘ Dod er, der öfters mir ſchon beigefprungen
In fhwerer Fahr, umſchlang mid mit den Armen Und ftügte mid), fobald ich aufgeftiegen.
Drauf ſprach er: „Beryon, wohlan, mad’ auf did), In weiten Rreifen ſenk dich langfam nieder; BedenE, welch' neue Zaft dir auferlege ift!“
Wie von dem Standort rückwärts abgeftoßen
Der Bahn wird, 309g von bier hinweg fi) jener, Und als er nun ficb ganz im Sreien fühlte,
Wandt' er den Schweif bin, wo die Bruft geftanden, Und ſtreckt' ihn aus, bewegend wie ein Aal ihn, Und rudert zu die Luft fi mir den Tanzen.
Nicht größer, mein’ id), ift die Surcht gewefen,
Als Phaethon die Zügel fallen laffen,
Weshalb, wie noch zu ſchaun, gebrannt der Simmel; Noch als die Lenden Ikarus, der Arme,
Sid fühlt entfiedern ob des Wachſes Schmelzen, Da ihm fein Vater rief: „Dein Weg ift unrecht,” Denn meine war, als id von allen Seiten
Mid) in der Luft fab und jedweder Anblid
Dem Aug’ entf hwunden war, als nur des Untiers. Und langfam, immer langfam ſchwimmt's von dannen, Es Ereift, es fenfer fi und nichts bemerf’ idy
Als nur das Wehn im Antlig und von unten. Schon hört’ idy unter uns das grauenvolle
Beräufd des Strudels auf der rechten Seite,
Drob ih das Haupt herniederblidend beuge,
Da ward ih noch verzagter ob des Abgrunds,
Denn euer fab ich dort und hörte Klagen,
So daß ich zitternd, feftgeflammert dahing.
Drauf merkt! ich, wes ich erft nicht inne worden, Das Abwärtsfreifen durch die großen Qualen,
Die aus verfchiednen Eden ſich uns nabten.
Blei wie ein Self, der lang fich auf den Schwingen Bewiegt, nicht Sederfpiel noch Vogel ſchauend,
Die lag’ entreißt dem Salfner: „Weh', du finEft ja!” Erſt mid’ ſich niederlaffend, dann ſich burtig
In hundert Kreifen plötzlich dreht und fern ſich Dom Weifter hinſetzt, unmutsvoll und tückiſch;
So legte Beryon fi bin am Boden,
Ganz nah dem Rande des gezadten Selfeng,
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Und ds er unfer ſich entladen, ſchwand er, Wie von der Sehn' entfchnellt des Pfeiles Kerbe.
Achtzehnter Befang
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Ein Ort ift in der Sölle, ÜÜbelbulgen
Benannt, ganz fteinern und von Eiſenfarbe,
So wie der Selfenring, der ibn umkreiſet.
Brad’ in des tüdifchen Befildes Mitte
Bähnt breit und tief ein Schacht, des innern Bau ich An feiner Stelle Fünftig melden werde.
Des zirkelförm’gen Umfangs Grund, der zwifchen Dem Schacht nun und dem Fuß des hohen Steinrands Derbleibt, ift in zehn Täler eingeteiler;
Kin Bild, dem ähnlich, das, wo viele Bräben
Zum Schug der Mauer eine Burg umgürten,
Der Ort, wo ſolche fich befinden, darftellt. Bewährten jene hier auf diefer Stätte;
Und wie bei ſolchen Veften von den Schwellen
Der Tore Brücdlein gehn zur äußern Böſchung,
So liefen von dem untern Rand des Felſens
Sier Rlippen bin, durchſchneidend Damm’ und Gräben, Bis zu dem Schachte, der fie ſchließt und aufnimmt. An diefem Ort nun fanden abgeladen
Wir uns von Beryons Rüden, und der Dichter Schritt nach der Linken bin, ich aber folgt’ ihm. Zur rechten Hand erblidt’ ich neuen Jammer
Und neue Martern, neue Benkersknechte,
Davon die erfte Bulge war erfüller.
Die Sünder, nadt zu ſchaun am Brunde, wallten Entgegen diesfeits bis zur halben Breit’ uns,
Doc jenfeits mit uns, nur gefhwindern Schrittes; Gleich wie die Römer, ob der Wienge Pilger
Im Jubeljahr, ein Mittel iüngft ergriffen,
Den Übergang der Brüde zu befördern,
Daß alle, mit der Stirn’ nach dem Baftelle,
Auf einer Seite gen Sankt Peter wallen,
Und nach dem Berg bin an der andern Lehne. So bier als dort erblide am finftern Sels ich Behörnte Teufel, mit gewalt’gen Peitfchen
Don binten unbarmberzig jene ſchlagend.
Weh'! wie fie auf den erften Sieb die Serfen Empor fchon zogen, und es wollte Feiner
Den zweiten ab noch warten oder dritten.
Dieweil ich alfo hinging, fiel mein Auge
Auf einen, drob fogleich ich alfo fagte:
‚reicht iſt's das erfte Mal, daß ich ibn fchaue!‘ Drum bielt ich ftill, ihn wiederzuerfennen,
Und ftehn blieb auch mit mir der füße Sübrer, Zurüdzugehn ein wenig mir geftsttend.
Und der Beftäupte, boffend, ſich zu bergen, Beugt' nieder fein Beficht, doch wenig half's ihm, Denn id begann: ‚Du, mit dem Aug’ am Boden! Wenn die Beftalt mid), die du trägft, nicht täufcher, Biſt du Denedico Taccianimico?
Dod was führe’ zu fo beizend herber Qual dich ?“ Und er zu mir: „Zwar wider Willen fag’ ich's, Allein es zwingt mich deine helle Stimme,
Die mir der alten Welt Erinnrung weder.
Ih war es, der Ghiſola einft, die Schöne, Vermocht, ſich des Marcheſe Wunfch zu fügen, Was fonft die fhnöde Mär davon auch Fünde. Auch andre Bolognefer weilen hier noch,
Ja mehr davon erfüllt ift diefe Stätte,
Als zwifhen Savens und Reno Zungen
Test find, die Sipa man gelehrt zu fagen;
Und willft dus des Beweis und Zeugnis haben, Führ' unfern geiz’gen Sinn dir zu Gemüte.”
6 Dante
8]
Doch weil er alfo fagte, gab ein Teufel
Mic der Rarbatſch' ihm eins und rief: „Sort, Ruppler!
ZSier gibt's nicht Weiber, nach dem Gülden käuflich.“ Ich holte wieder ein nun den Begleiter,
Drauf wir nad) wenig Schritten hin gelangten, Wo aus dem Sels hervorfprang eine Rlippe,
Die wir alsbald mit leichter Müh' erftiegen,
Und, rechts uns wendend über ihr Bezade,
Don jenen ew’gen Rreifen nun uns trennten.
Als wir dahin gefommen, wo fie unten
Sich öffner, den Bepeitfchten Raum zu laffen, Begann zu mir der Führer: „Wart’ und trachte, Dem Blid der andern Scurfen zu begegnen,
Die du von Angeſicht noch nicht gewahret,
Weil gleihen Weges fie mit uns gegangen.”
Don jener alten Brüde fahn den Zug wir
Der andern Schar nun, die auf ung berzufam, Bejaget ebenmäßig von der Peitfche.
Drauf ungefragt begann der gute Meiſter
Zu mir: „Schau jenen Broßen, der dort naher Und Feine Träne, fcheint’s, vor Schmerz vergießet; Welch Föniglibes Anfehn er bewabrer!
's ift Jaſon, der durch Mut dereinft und Klugheit Den Bolchiern das Goldne Vlies entriffen.
Auf diefem Zug Fam er nach Lemnos' Eiland, Nachdem die Fühnen mitleidslofen Weiber
AU ihren Männern dort den Tod gegeben.
Da war es, wo durch Wink’ und glatte Worte Sypfipyle er binterging, die Jungfrau,
Die erft die andern fämtlih hintergangen, Geſchwängert und allein ließ er zurüc fie;
Sold eine Schuld verdammt zu folder Qual ihn, Und auch Medeas Leid wird bier gerochen.
Mit ihm gebt, wer betrügt in folder Weife:
6*
Dies gnüge dir vom erſten Tal und jenen
Zu wiſſen, die's zerfleiſcht in ſeinem Schoße.“ Schon waren wir, allwo der enge Fußpfad
Sich mit dem zweiten Damm durchkreuzt und dieſen Den andern Bogen nun zur Stütze bietet.
Don bier aus hörten in der nächſten Bulge Webklagend Volk wir mit dem Maule ſchnauben Und auf fi felber mir den Händen Flopfen.
Des Brabens Ufer überzog ein Schimmel,
Vom Dunft der Tief’ erzeugt, der bier ſich anſetzt, Den Augen und der YIafe gleich verlezend.
So tiefgehöhlet ift fein Brund, def nirgends Man ihn zu ſchaun vermag als auf dem Rüden Des Bogens, wo die Klipp’ am höchſten aufiteigt. Dorthin gelangend, fahn von da wir unten
Am Graben Volk in einem Miſt verfenfer,
Wie man ihn leert aus menfchlichen Priveren. Und drunten fuchend mit dem Aug’, erblicdt ich Unflätig einen fo am SJaupt vom Rote,
Daß man nicht merke’, ob Lai’ er oder geiftlid); Der rief mir zu: „Was bift du fo begierig,
Mich mehr denn ande’ Entſtellte zu betrachten ?“ Und ich zu ihm: ‚Weil ich, wenn ich nicht irre, Di trocknen Saars einft fab ſchon, denn du bift ie Alerius Interminei von Lucca;
Drum fchau’ ich mehr di an als all’ die andern.‘ Und er darauf, fi vor den Bohlkopf fchlagend: „Hier tauchten unter mich die Schmeicheleien, Davon nie müde mir die Zunge worden.”
Alsbald begann zu mir darauf der Sührer: „Streck' nun ein wenig weiter vor dein Antlitz, Daß beſſer das Beficht dein Blick erreiche
Der ſchmutz'gen Dirne mit verworrnen Haaren, Die dort fi grimmer mit den For’gen Yrägeln,
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Sid Fauernd bald, bald auf den Süßen ftehend. Die Metze Thais iſt's, die ihrem Buhlen,
Als er zu ihr ſprach: ‚Ernte ih großen Dank wohl Bei dir?! ‚Ei freilih, ganz gewalt’gen,‘ fagte. Damit mag bier ſich unfer Bli begnügen.”
Neunzehnter Geſang
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© Simon Magus! ©, fein jämmerlidyes Gefolge! die ihr Bottes Wundergaben,
Die nur der Tugend fi vermäblen follten, Für Bold und Silber raubbegierig preisgebt! Don euch muß die Drommete nun ertönen, Weil in der dritten Bulg' ihr euch befinder. Schon waren an der nähften Brabesftätte Wir auf den Teil der Klipp' emporgeftiegen, ' Der fenfrecht ſchwebt, grad’ ob des Brabens Mitte. O hoͤchſte Weisbeit, welhe Kunſt im Simmel, Auf Erden du und in der argen Welt zeigft, Und deine Rraft, wie fie gerecht verteiler!
An jedem Abhang fab ih und am Brunde Das grauliche Geftein bededt mir Löchern, Rreisförmig insgefamt und gleicher Breite. Sie ſchienen mir nicht enger und nicht weiter, Als ih in meinem ſchönen St. Johannes
Sie fand, den Taufenden beftimmt zur Stätte. Don ihnen brach ich eins vor wenig Jahren, Daf einen, der darin erftickt‘, ich rette. (Urfunde fei mir dies, die all’ enttäufche!) Jedwedem ragten vor aus feiner YWTündung Die Süße eines Sünders nebft den Beinen Bis zu der Wad’, doch drin verblidy das andre. Die Soblen beid’ erglübten ihnen ſämtlich, Drob mit den Fußgelenken fo fie zucten,
Daß Seil und Wieden fie zerriffen hätten.
Bleihwie das Leuchten ölgerränfter Dinge
Sid an der Oberfläche binbeweget,
So fladert’s von der Serfe zu den Zeh'n bier. ‚Mein Meiſter, fprach ich, ‚wer ift dort, der an Mehr als die übrigen Benoflen tobet,
Don roter, glüh’'nder Flamme ausgefogen ?‘
Und er zu mir: „Wenn idy hinab dich trüge,
Dort, wo der Strand am flachiten liegt, fo würd’ er Don fi und feiner Schuld dir felbft berichten.” Und ih: ‚Was dir beliebt, ift mir gefällig,
Du bift mein Herr und weißt, nie weicht mein Wille Don deinem, und verftehft, was ich verfchweige.‘ Darauf gelangten auf den vierten Damm wir
Und ftiegen, linfs uns wendend, nun bernieder
3u dem durchlöcherten und engen Grunde.
Und eb’ nicht legte mich der gute Weifter
Don feiner Hüft’ ab, bis er mich genäbert
Dem Spalt, wo jener Flagte mit den Beinen.
‚© du, das Oberſte gekehrt zu unterft,
Derruchter Beift, pfeblähnlidy eingerammer,
Wer du auch feift,‘ ſprach ich, ‚vermaaft du's, rede! Da ftand ich gleih dem Mönd, der Beichte höret Den tück'ſchen Mörder, der, ſchon eingefenker, Zurück ihn rief, den Tod nody zu verzögern.
Und jener fchrie: „Biſt du ſchon eingetroffen,
Bift du ſchon eingerroffen, Bonifazius ?
Um ein paar Jahre täufchte mich die Sandfchrift! Wardft du fo fchnell der Habe überdrüffig,
Drob du dich nicht gefcheut, mit Lift zu fangen Die [höne Frau, um fie fodann zu fchänden ?”
Da ward ich jenen gleidy, die, nicht verftehend,
Was man zur Antwort gab, wie fpottbeladen, Unfähig, etwas zu entgegnen, daftehn.
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Zu mir begann Virgil jest: „Sag' ihm burtig: Ab bin es nicht, nicht bin ich, der du glawbeft.” Und ich antwortete, wie mir's geboten.
Darob der Beift, die Süße ganz verdrebend,
Mit Seufzen und wehklagendem Getöne Begann: „Was ift’s denn, das von mir du forderft? Wenn, wer ich bin, dich fo zu wiffen Fümmert, Daß du deshalb den Selfenftrand durchlaufen,
So wiſſ', einft fhmüdte mich der hehre Mantel. Als echter Sohn det Bärin war ich alfo
Doll Gier, die Bärlein zu erhöhn, daß dort ich Das Beld, mid) felber in den Sad bier ftedte. Sinabgefabren unterm Haupt find meine Vorgänger mir, die, gleihfalls Simonijten,
Im Spalt des Selfens bier verkrochen liegen. Dort fine’ auch ich dereinft hinab, wenn jener Wird Eommen, der ich glaubte, dag du wäreft, Als ih fo plögli di vorhin gefraget.
Doc länger iſt's, daß, mit den Süßen zappelnd, Ih bier kopfüber fhon, Fopfunter liege,
Als glüb’nden Fußes er gepflanzt wird bleiben; Denn nach ihm Fommt noch ſchnöderen Bebarens Dom Welten ber ein Sirt, gefeslos waltend,
Der ihn und mich dann wieder muß bedecden. Der wird ein neuer Jaſon aus dem Buche
Der Makkabäer fein, und wie dem gütig
Sein Rönig war, fo jenem Sranfreihs Herrſcher.“ Nicht weiß ich, ob ich bier zu keck gewefen,
Doch ich antwortet’ ihm in ſolcher Weife:
‚Sag’ an, wie groß der Schatz war, den vom Anfang Wohl von St. Peter unfer Herr verlangte,
Als er der Schlüffel Macht in feine Hand gab? Bewiß nichts fordert er als: „Folge nach mir!” Und Petrus nebjt den andern fordert’ Bold nicht,
Noch Silber von Matthias, als das Los ihn Des Amts traf, das verlor die Srevlerfeele!
So bleib’ denn da, dich trifft gerechte Strafe, Und wahre wohl die ſchlecht erworbnen Belder, Die gegen Rarl dir ſolche Bühnheit gaben!
Und wär’ es nicht, daß mir annoch die Ehrfurcht Vor den erhabnen Schlüffeln foldyes wehrte,
Die du getragen haft im heitern Leben,
So würd’ ich härtre Worte noch gebraucen; Denn euer Geiz betrübt die Welt, mit Süßen
Die Guten tretend und erhöh'nd die Schlechten. Ihr Sirten feid's, die der Evangeliſt fab,
Als jene, die auf großen Wäſſern ſitzet,
Don ihm erblidt ward, mit den KRön’gen bublend! Sie, die, erzeugt mit fiebenfachem Haupte,
Durch die zehn Hörner ward bewehrt, fo lang noch Ihr Batte fand Befallen an der Tugend.
Ihr ſchufet Bold und Silber euch zum Botte, Und von den Börendienern ſcheidet nichts euch, Als def fie einem, Hunderten ihr opfert.
© Ronftantin! wie vieles Übel deine
Bekehrung nicht, doch jene Schenkung zeugte,
Die du erteilt dem erften reichen Vater!‘
Und weil id foldes Lied ihm vorfang, fei’s nun, Daß Zorn, ſei's, daß Bewiffensbiß ihn quälte, Warf er gewaltig beide Sohlen aufwärts.
Wohl glaub’ ich, war's gefällig meinem Sührer, Mic fo zufriednem Anti horcht' er immer
Dem lang der ausgefprochnen wahren Worte. Darum mit beiden Armen mich erfaflend,
Hob er mich ganz zur Bruſt empor und ftieg dann Des Wegs hinauf, den er berabgefommen.
Und unermüder hielt er mich umfchloffen,
Bis auf des Bogens Spitz’ er mich getragen,
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Der von dem vierten bin zum fünften Damm führt. Drauf legt’ er fanft die Bürd' ab, die ihm fanft auch Das fteil’, zerrifine Riff hindurch gefchienen,
Das felbft ein ſchwerer Steg den Ziegen wäre.
Don bier aus ward ein andres Tal mir fichrber.
Zwanzigſter Gefang
Don neuer Pein zu dichten liegt mir ob jetzt,
Um Stoff dem zwanzigften Befang zu liefern
Des erften Lieds, das von Verfunfnen meldet. Schon hatt’ ich ganz und gar mich angeſchicket, Zu ſchaun in die mir nun enthüllte Tiefe,
Die von fo bangem Tränenftrom benetzt wird; Da ſah durchs zirfelförm’ge Tal ih Leute Stillfiehweigend und in Zähren nahn des Schrittes, In dem in diefer Welt Bittgäng' umbergehn.
Als tiefer ich auf fie den Bli nun fenfte,
Schien wunderbarlidy jegliher verdreht mir
Don Kinn bis zu dem Anbeginn des Rumpfes; Denn abgewandt war von der Zend’ ihr Antlitz Und rüdlings mußten auf uns zu fie Fommen, Weil ihnen, vor fi her zu ſchaun, verwehrt war. Dielleiht bat einmal durch Bewalt der Lähmung Wohl ganz und gar fi) einer fo verdrehet,
Doch ſah ich's nie, Doch glaub’ ich, daß es ftattfand. Wenn Bott dich, Lefer, Srucht von deinem Lefen Soll ernten laffen, fo bedenk' im Innern,
Ob tränenlos mein Antlitz bleiben konnte,
Als in der Näh' die menfchlide Beftalt ich
Alfo verwandt fah, daß des Auges Jähren
Die Sinterbaden durch den Spalt benegten; Bewiß, da weint’ ich, an ein Horn mid) lehnend Der harten Klippe, fo daß mein Begleiter
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Mir fagte: „Bleihft auch du den andern Toren? Hier lebt die Lieb’ erft, wenn fie recht erftorben; Denn wer ift frevelbafter wohl als jener,
Der nach des Ew'gen Batſchluß träge Belüften. rRicht' auf dein Haupt, richt’ auf! Shaw’ ihn, dem einft fidy Die Erd’ erfchloß vor der Thebaner Augen, Darob fie alle riefen: ‚Wohin ftürzeft,
Was weihft du aus dem Kampf, Amphiaraus ?* Und unaufbaltfam ftürze er hin zu Tale,
Bis er zu Wiinos Fam, der all’ ergreifer.
Sieb, wie den Rüden er zur Bruſt gemacht bat, Und weil zu weit er vorwärts blicken wollte, Rückwärts nun fchaut, verfebrten Pfades wandelnd. Tirefias ſchau', der die Beftalt gewechfelt,
Dom Mann zum Weibe werdend, als die Blieder An feinem Leib fi insgefamt verändert,
Und erft mußt’ wieder fie, die beiden Schlangen, Die engverfchlungnen, mit dem Stäbchen ſchlagen, Eh’ wieder ihr des Manns Behsarung wurde. Der feinem Bauch dort naher mit dem Rüden, 's ift Aruns, welcher einft in Aunis Bergen, Wo, ibren Fuß bewohnend, der Carrarer
Das Held baut zwifchen weißen Wiarmorfelfen, An einer Höhle bauft’, von wo die Ausficht Aufs Meer und auf die Stern’ ihm nicht gehemmt wer. Und jene, die mit den gelöften Zöpfen
Die Brüſte, die du nicht erblicit, bedecket
Und alles Saarige nach jenfeits kehret,
War Wisnto, die durch viele Länder ftreifte
Und dann fidy niederließ, wo ich erzeugt ward; Drob mir's beliebt, daß du mich Fürzlich böreft. Nachdem ihr Vater abtrat aus dem Leben
Und Bachus’ Stadt zur Sklavin war geworden, Durchwallte lange 3eit hindurch die Welt fie.
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Ein See liegt droben in dem ſchönen Welfchland, Am Fuß des Alpenftods, der Deutſchland ſchließet, Nah bei Tirol und wird genannt Benacus.
Aus taufend Quellen und wohl mehr benetet Anmitten Dalcamonicas und GBardas
Das Waffer den Dennin, das in dem See ftaut. In feiner Mitte liege ein Ort, wo Brescias, Trients und auch Veronas Sirt zu fegnen Berechtigt wären, wenn des Wegs fie Fämen. Deschiera thront, ein Rüftzeug, ftarf und prächtig, Die Stirn den Bergamasfen und Brescianern 34 bieten, wo am tiefften rings der Strand ſinkt. Sierhin muß fämtlidy ſich das Waſſer ftürzen, Was in Benacus’ Schoß nicht bleiben Fann,
Und ſtrömt als Fluß dann ab durch grüne Triften. Sobald die Flut bier ihren Lauf beginnt, seißt fie Benacus nicht mehr, fondern Mincio, Bis bei Boverno fie fi miſcht dem Po.
Nach Furzem Lauf erreicht fie eine Niedrung, In der fie, ſich verbreitend, fie umſumpfet
Und oft verderblich pflege zu fein im Sommer, Die graufe Tungfrau, bier vorüberziehend, KErblidte Land in des Wioraftes Witte, Unangebaut und von Bewohnern ledig ;
Dort blieb, der Menſchen Umgang zu entfliehen, Mic ihren Bnechten fie und trieb ihr Wefen, Und lebt’ und ließ dort den entfeelten Körper. Die Leute drauf, die rings zerftreut bier lebten. Vereinten an dem Ort ſich, weil er feſt war
Ob des Morafts, der allfeics ihn umfaßte.
Die Stadt erbauten über dem Bebein fie,
Nach ihr fie, die den Ort zuerft erfiefen,
Ohn' andre Vorbedentung Mantua nennend. Zahlreicher war in ihr einft die Bevölfrung,
Bevor die Torheit des von Lafalodi
Durch Pinamonte hintergangen worden.
Darum belehr' ich dich, daß, wenn du jemals
Den UÜrfprung meiner Stadt hörft anders deuten, Die Wahrheit Feine Lüg' entftellen möge.”
Und ib: ‚So zuverläffig ift, o Meiſter!
Mir dein Bericht und heifcht fo meinen Glauben, Daß leere Spreu mir wären all’ die andern.
Doch fprid, von jenem Volk, das dort einberzieht, Erkennſt du einen, der bemerkenswert fei?
Denn nur darauf ift. jegt mein Sinn gebefter.‘ Drauf er: „Der, dem dort zu dem braunen Rüden Der Bart berabwallt von der Wange, war einft Augur, als Briedhenland fo männerleer war,
Daß ihrer Faum noch in den Wiegen blieben, Und gab mit Calchas an die Sternenftunde
In Aulis, um das erfte Tau zu Fappen.
Er bieß Kurypylus, wie meine hohe
Tragödie von ihm fingt in einem Verfe;
Wohl weißt du ihn, du Fennft fie ganz und gar je. Der andre mit den hagern Weichen war fonft Michael Scotus und verftand wahrhaftig
Das trügerifche Spiel der Zauberfünfte.
Sieh dort Buido Bonatti, fieb Asdente!
Der fih mit Naht und Leder jetzt befchäftige Yıur haben möchte, doch zu fpät gereut’s ibn. Sieh die Erbärmlichen, die, YIadel, Spule
Und Schiff verlaffend, Zauberinnen wurden
Und sSererei mit Braut und Wadsbild trieben. Doch Fomm von dannen, denn es ftebt an beider SalbEugeln Brenze und berührt die Fluten Tenfeits Sevilla Rain mit feinen Dornen.
Und daß der Mond zur Nacht ſchon geftern voll war, Mußt du wohl willen, denn im tiefen Walde
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War er dir mehr als einmal gar willfommen.” So redet’ er, indes wir weitergingen.
Einundzwanzigſter Befang
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Von Brüde fo gelangten wir zu Brüde, Noch andres, das nicht wert ift, daß es meine Romödie fing’, befprehend, bis am Gipfel Wir hielten, ilbelbulgens nächſte Spalte
Zu ſchaun und ande’ umjonft geweinte Tränen,
Und wunderbarlich ſchien mir jene düfter.
Wie in dem Arfenal der Venetianer
Im Winter Focht der zähe Teer, mit welchen
Die led gewordnen Schiffe fie kalfatern; —
Denn nicht ift’s Zeit zur Sciffabrt, und ftatt deſſen Baut der fein neues Fahrzeug, jener ftopfer
Die Rippen dem, das öfters ſchon in See ftach, Der hämmert vorn am Schiff und jener hinten, Der ſchnitzet Ruder zu, der windet Taue,
Der am Befan-, der flickt am Bugſpritſegel:
So kocht' bier unten, nicht durch Seuersgluten, Ylein, durch des Schöpfers Runft, ein dider Pechbrei, Der allerfeits die Ufer überFlebte.
Ich ſah ihn (nichts erblidend von dem Inhalt
Als nur die Blaſen, die das Kochen auftrieb),
Sah ihn fi heben und verdickt dann ſetzen.
Weil unverwandt dort unten bin icy blickte,
30g mid) mein Sührer: „Schau’ doch, ſchau' doch!“ rufend, Zu fi bin von dem Ort, wo ich geftanden.
Da wandte’ ih um mid, ähnlidy einem Wanne, Der, was er fliehn muß, gern erfihauen möchte, Doch übermannt vom jäben Surchtgefühle,
Ob er auch hinblidt, nicht die Slucht verzögert. Und hinter uns ſah ich in fchnellem Laufe
Die Blipp’ erfteigen einen ſchwarzen Teufel.
Weh’! wie fo wild fein Antlig war zu ſchauen,
Wie rob er ſchien in jeglicher Bebärde,
Die Schwingen ausgefpannt und leichten Sußes.
Mit beiden Hüften laftere ein Sünder
Auf feinem hoh'n und ſpitz'gen Schulterpaare,
Und felbft hielt er umfrallt des Fußes Sehn’ ihm. „Ihr Braufersgen unfrer Brüde,” rief er,
„Ds ift der Ält'ſten von Sankt Zita einer!
Stedt ibn hinunter, denn idy Febr’ nun wieder
Zu jener Stadt, die wohl damit verfehn ift,
Seil find fie alle dort bis auf Buonturo;
Ums Geld pflege man dort Nein aus Ja zu machen.” Dort ſchmiß er ihn herab, durchs harte Riff ſich Zurück drauf wendend, haft'ger, als ein Hofhund, Los von der Bette, je dem Dieb gefolgt ift.
Der fanf zum Grund, doch ſchnell fi wendend, taucht’ er Empor, allein die Teufel, unterm Brüdlein Verſteckt, f[hrien: „Stier Fromme nicht das heil’ge Antlitz! sjier ſchwimmt's gar anders ſich als in dem Serdio! Drum willft du nicht der Zinken Schärfe fühlen,
So wag’s nicht, aus dem Pech bervorzutauchen.” Mit mehr denn bimdert Haken drauf ihn padend, Begannen fie: „Du mußt verdedt bier hüpfen,
Um beimli no, wo möglidy, zu erfapern.”
Nicht anders läßt der Rod das Sleifh durch feine Dafallen in des Reſſels Mitte nieder
Mit Gabeln drüden, daß es auf nicht ſchwimme.
Zu mir der gute WMieifter drauf: „Damit fie
Dein Hierfein nicht bemerken, fo verFrieche
Di) hinter einen Sels, der Schu Dir leihe,
Und daß mir irgend Leid bier widerfahre,
Befürcte nicht — ich bin befannt mit allem,
Denn einmal [bon war ich bei ſolchem Strauße.“ —
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Den Ausgang überfchritt er drauf der Brücke,
Und als er an den fechften Strand gelangt war, Muße eine mut'ge Stirn er wohl bewähren;
Denn mit der Wut und mit dem Ungeſtüme,
Womit die Junde auf den Armen fahren,
Der, wo er ftill hält, glei zu betteln anfängt, Entſtürzten diefe vor nun unterm Brücklein,
Die Hafen fämtlih auf ibn zugewerder;
Er aber rief: „Zu freveln wage Feiner!
Bevor mich eurer Zinfen Spis’ ergreife,
Romm’ einer vor erft, der mich hör’, und dann mögt Ihr weiter denfen dran, mich zu zerfrallen.”
Da fohrien fie fämtlih: „Braufefhwanz mag geben!” Drob einer vortrat, weil die andern hielten,
Und hin zum Meifter Fam und ſprach: „Was ſchaffſt du ?’— „Glaubſt, Braufefhwanz, du, daß du mich bier unten Erbliden würdeft, der ich ſchon gefichert
Dor aller eurer Wehr bin,” ſprach mein Meiſter, „Wär’s göttlich Wollen nicht und Bunft des Schidfals? Laß mich drum ziehn, im Simmel ift’s beſchloſſen, Daß Durch den wilden Pfad ich einen leite.”
Da ward der Stolz ihm dergeftalt gebeuget,
Daß er zum Fuß fich ließ den Hafen finfen
Und zu den andern ſprach: „Den fchlage mir jesse nicht!“ Drauf rief mir zu mein Führer: „Du, der zwifchen Der Brüde Selfenfpigen liegft verfrocen,
Kehr' ohne Furcht zu mir anjego wieder.“
Da Fam ich eilends zu ihm hin, und vorwärts
Rückt' insgefamt der Teufel Schar, drob Furcht mid Befiel, fie möchten den Vertrag nicht halten.
So fab ich einft die Lanzenfnechte zittern,
Die durch Vertrag Capronas Burg verließen,
Als fo viel Seinde fie um ſich erblidkten.
Ih ſchmiegte drum midy mit dem ganzen Leibe
Dem Führer an, die Augen nicht verwendend
Don ihrem Anblik, der mir gut nicht deuchte.
Die Hafen neigten fie, und zu den andern
Sprach einer: „Soll ih auf die Krupp’ ihn treffen?“ Der drauf: „Ia, fieb, daß du ihm eins verfegeft!” Doch jener Damon, der mit meinem Führer
Sich unterredet, wandte fih um behende
Und rief: „Gemach! gemah! o Raufefanfel.” Sodann ſprach er zu uns: „Auf diefem Riffe Rann man nicht weitergebn, weil an dem Grunde GBeborften ganz der fechfte Bogen daliegt.
Allein gefäll!s Euch mehr noch vorzudringen,
So gebt nur immerhin auf jenem Selsdamm,
Wo bald ein andres Riff euch überführert.
Fünf Stunden fpäter, als es jerze ift, waren Zwölfhundertfehsundfehzig Jahre geftern Dollender, feit der Weg zerftört bier worden. Dortbin zu fend’ ich einige der Meinen,
Um nachzuſehn, ob ſich nicht einer lüfte.
Mit ihnen geht, ſie werden euch nicht ſchaden. Tritt vorwärts, Bückeſchnurbs und Fröſtetretel,“ Begann er jetzt, „und da auch, Reckelſchnauzer, Und Sudelbart du, führ' die Schar der Zehne. Noch komm' auch Scharlahmohr und Drachennafer, Scweinsborft mit feinen Hauern, SJundefraller, Sausfleder und Karfunkelpolt, der Tolle,
Streift ringsum an dem glüh'nden Leim; und diefe Laßt fiber zu dem andern Riff gelangen,
Das unverfehrt die Gruben überbrüder.” —
‚Web' mir, was muß id) fehn, mein Meiſter, rief ich, Laß uns allein gehn ohne Führung; mich nicht Verlangt nad ihr, bift du des Wegs nur Eundig. Bift hier umfichtig du, wie fonft du pflegeft.
So ſieh doch, wie fie dort die Zähne fletfchen
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Und, Ränfe drohend, mit den rauen winfen.‘ Und jener drauf zu mir: „Du darfſt nicht beben, Laß fletſchen immerhin fie nach Gefallen,
Das gilt allein den jammernden Befotenen.”
Dann wandten linfs fie auf den Damm, Doch hatte Kin jeder erft noch, drauf die Zähne ferzend,
Die Zung’ als Zeichen zugeftredt dem Obmann, Und der gebraucht den Hintern als Trompete.
Zweiundzwanzigſter Befang
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Aufbrechen fab ich fonft wohl Reiterfcharen, Angreifen und in Schlachtordnung fidy ftellen
Und manchmal auh im Rüdzug Rettung fuchen. In eurer Stadt fab ich, o Aretiner, \ Wertläufer fliegen und Geſchwader umziehn
Und Lanzenbreden auch und Ringelrennen.
Bald zum Trompeten, bald zum Blocdenklange, Zur Trommel bald und bald nah Turmwartzeichen, Nach heim'ſcher Weife bald und bald nad) fremder, Doch nimmer zu fo feltfamer Schalmei ſah
Ah Reiterei noch Fußvolk ſich bewegen,
Noch Schiffe ftenern nach Beftirn und Küfte,
Wir gingen hin mit jenen zehn Dämonen
(® graufiges Geleit!), doch in der Kirche
Mir Seiligen, heißt's, im Wirtshaus mit den Zechern. Aufs Pech allein war jest mein Sinn gerichtet, Den Zuftand ganz der Bulge zu gewahren,
So wie des Volfes, das in ihr geglüht ward. Gleich wie ein Zeichen die Delphine geben
Den Schiffern mit dem Bogen ihres Rüdgrats, Damit ihr Sahrzeug fie zu retten trachten;
50 zeigte, fi die Qualen zu erleichtern,
Don 3eit zu Zeit den Rüden uns ein Sünder,
Ihn ſchneller, als es blitzt, aufs new’ verſteckend. Und wie am Rand im Waſſer eines Brabens Die Sröfche mit dem Maul allein hervorftehn, Die Süße bergend und den Schwulft des Leibes, 50 waren allfeits bier zu ſchaun die Sünder; Allein, wie Sudelbart ſich ihnen nabte, Derfrocen fie fi wieder unterm Sude. Ih fab, noch ſchaudert's mir darob im sJerzen, Verziehn den einen, fo wie wohl zuweilen Kin Froſch zurücbleibt, weil der and’r enthüpfet. Doch SHundefraller, ibm zunächft genüber, Hakt' ihm das pechverFlebte Saar, und einer Sifchotter alidy er, als ihn der emporzog. Schon wußt ih insgefamt die Namen aller, Wohl merfend, als fie auserforen wurden, Und borchend drauf, wie fie einander riefen. „Barfunfelpolt, auf! fall’ ihm mit den Klauen Den Rüden alfo an, daß du ihn fcbindeft!” Scrien allzugleich jest die Dermaledeiten. Und ih: ‚Sieb zu, mein Meiſter, ob dir’s möglidy, Des Unglückſel'gen Namen zu erfahren, Der bier in feiner Begner Hand gefallen.‘ Mein Meifter drauf, ihm nah’ zur Seite tretend, Befragt' ihn, wer er fei, und der entgegnet': „Beboren bin ih in dem Reich Navarra; In eines Herrn Dienft gab mich meine Mutter, Die midy mit einem Taugenichts erzeuget, Der felber ſich zerftört und feine abe. Hausdiener bei Thibaut, dem guten König, Begann ich drauf Durchftecherei'n zu treiben, Drob Rechenſchaft in diefer Blut ich gebe.” Und Schweinsborft, dem zu jeder Seit’ ein Sauer Wie einer Sau hervorragt' aus dem Maule, Lie ihm des einen Schärf’ im Reifen fühlen.
7 Dante
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3u ſchlimmen Raten war die Maus gefommen, Doch Sudelbart umfchlang ihn mit den Armen
Und ſprach: „Beibt dort, fo lang ich ihn umklammre!“ Sein Antlig drauf zum Meiſter wendend, ſagt' er: „Setzt frag’ ihn, wenn du mehr zu wiffen wünfcheft, Bevor ein andrer ihn zugrunde richtet.”
Der Führer nun: „Sag’ an, ob unterm Peche
Du fonft wohl einen Fennft von jenen Srevlern,
Der ein Lateiner fei?” und der: „Ich trennte
Don einem Nachbar jenes Lands mid Fürzlidy.
O wär’ ih doch mit ihm noch fo verborgen,
Dann braucht’ ih Klaw’ zu fürchten nicht, noch Hafen!” Doch Scharlahmohr rief: „Allzulang ertrugen
Wir's ſchon,“ und packt' am Arm ihn mit dem Hafen So, daß er draus den vordern Teil ihm abriß.
Und Drachennaſer auch wollt’ an den Beinen‘
Ihn unten Fneipen; doch ihr Zehntmann wandte Sid rings umber darob mit wilden Blicke.
Als fie hierauf ein wenig ſich beruhigt,
Fragt' jenen, der annoch auf feine Wunde Sinftsrrte, ungefäumt jest mein Begleiter:
„Sag' an, wer war's, von dem 3u deinem Schaden Du dich getrennt, um an den Strand zu Fommen ?” Und er: „Der von Ballurs war's, der Bruder Gomita, ein Gefäß voll Arglift, der einft
Die Seinde feines Herrn in feiner Sand hielt
Und fo dann tat, daß drob fie all’ ihn loben.
Beld nabm er und lieg dann fie ungehudelt,
Wie er fib ausdrückt, und war fonft im Amt auch Ein Makler nicht im Fleinen, nein im großen.
Mit ibm pflege Umgang dort Don Michael Zanche Don Zogodor', und ihre Jungen werden
Nie müde, von Sardinien zu fprechen.
©, Web’ mir! Seht, wie dort der andre fletfcher!
Mehr würd’ ich fagen noch; allein ih fürchte,
Er ſchickt fih an ſchon, mir das Sell zu Fragen.” Ihr großes Haupt, Sausfledern zu fi) wendend, Der ſchon den Blid verdreht, um auszubauen, Rief: „Mach' dic) fort von hier, du ſchlimmer Vogel!“ — „Begehrt zu fehn ihr oder zu vernehmen,”
Begann drauf der Erfchrodne, „ſei's Lombarden, Sei’s Tuscier, ich will berbei fie ſchaffen;
Doc laßt die Grauſetatzen erft ein wenig
Surüc ſich ziehn, daß ibre Rache jene
Nicht fürchten, und an diefer Stätte fizend,
Stell’ fieben id an meiner Statt, des Einz'gen, Indem ich ihnen pfeife, wie wir pflegen
3u tun, wenn einer ſich berausgewagt bat.”
Die Goſch', auf ſolches Wort, bob Redelfhnauger. Und ſprach kopfſchüttelnd: „Hört einmal den Schurken! Er finnt nur drauf, daß er hinab fidy ftürze.“ Drauf er, der Schlih’ in Meng' im Haupte hatte, Entgegnet': „Ich bin wohl ein arger Schurfe,
Da ich den Meinen ſchlimmres Web’ bereite.“
Doch Bückeſchnurbs hielt ſich nicht mehr, und gegen Der andern Meinung rief er: „Springft hinab du, So galoppier' idy dir nicht nach, es foll dich
Mein Slügelfhlag ſchon überm Pedy ereilen.
sort von der Böh', es mag der Strand uns deden; Laß fehn, ob mehr du giltft als wir zufammen!“ Du, Leer, wirft von neuem Spaß jest hören! Ein jeder wandte den Bli zum andern Ufer,
Und der zuerft, der drob am meiften zürnte.
Der Navarreſe, wohl den Zeitpunft wahrend, Drückt' feſt die Süß’ ein, und mit einem Sprung Set’ er hinab, entrinnend ihrer Abficht.
Da faßte Reu' ob ihrer Schuld fie fämtlich,
Doch den am meiften, der des Fehlers Urſach',
Drum eilt’ er fort und fchrie ihm nach: „Ich hab’ dich!" Doch wenig balf’s, denn fehneller als fein Slügel War noch des andern Surcht, der ging zu Grunde, Und jener richtete zum Slug die Bruſt auf; Nicht anders duckt fogleih die Ente unter, Wenn ihr zu nah der Salfe Fommt, und diefer Kehrt dann empor, voll Ärgers und ermüder. Und Sörftetretel, zürnend ob des Poffens,
Slog drein dicht hinter ibm, voll Gier, def jener Entrinnen möcht‘, auf daß es Hader gebe,
Und wandte, da verfchwunden war der Mäkler, Die Rrallen alfobald auf den Benoffen
So, daß fie überm Graben fich zerzanften.
Doch diefer, als ein echter Wildfangsfperber, sing an, ibn fo zu Frallen, daß fie beide Sinfielen in des glüh'nden Pfuhles Mitte. Rampffohlichter ward zwar ungefäumt die ige, Doch nicht vermochten fie fih zu erheben,
So waren überflebt mit Pech die Slügel. Wehklagend mit den übrigen Benoffen,
Lie viere Sudelbart zum andern Ufer
Mic ihren Hafen fliegen: ſchnell num gingen Sinab auf ihren Stand fie dies- und jenfeits, Die Gaben nach den Überpappten ſtreckend,
Die ganz gekocht ſchon in der Rinde ſtaken,
Und wir verließen alfo fie befhäftigt.
Dreiundzwenzigfter Gefang
Stillfehweigend, einfam, unbegleiter [chritten
Wir num einher, der eine hinterm andern,
Wie ihres Wegs die mindern Brüder hingehn. — Ob jenes Zwifts war jeno mein Bedanfe Berichtet auf die. Sabel des
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Wo von der Maus er handelt und dem Srofche. Denn mebr nicht läßt fi ‚belt‘ und ‚man‘ vergleichen Als dies’ und jener, wenn man End’ und Anfang Recht hält zufammen aufmerffamen Sinnes.
Und fo, wie ein Gedank' entfpringt dem andern, Entſtand aus diefem alfobald ein zweiter,
Der doppelt mir die früh're Srucht vermehrte.
Ab dachte fo: Um unſertwillen hat fie
So vieler Spott und Schaden jest getroffen,
Daß ih vermut’, es mag fie wohl verdriefen;
Wenn ſich der Zorn gefelle dem böfen Willen,
So werden wütender fie uns verfolgen
Als je ein Hund den Safen, den er rammer!
Schon fühle ich, Daß ſich ganz das Haar mir fträubte Dor Furcht, und horchend rüdwärts bin, begann ich: „O Wieifter, wenn du di und mich nicht ſchleunigſt Derbirgft, fo fürcht' ih von den Grauſetatzen
Ber viel; fie find [bon hinter uns gewißlich,
Mir ift es fo, als ob ich ſchon fie hörte.‘
Und er: „Wär’ ich von bleibelegtem Blas auch, Nicht würde fchneller ſich dein Außres fpiegeln
In mir, als idy dein Innres jetzt erfaffe.
Denn ftrads Fam dein Bedanfe zu dem meinen,
Der gleihen Inhalts war und gleihen Ganges,
So daß ich beide ſchmolz in einen Ratſchluß.
Böfhr fo ſich rechts der Strand, daß uns berumter 3u Fommen in die nächfte Bulge möglich ift,
So werden die geahnte Jagd wir meiden.”
Und eh’ er nody fein ratend Wort vollendete,
Sah idy fie nahn mit ausgefpannten Slügeln,
Um uns zu fangen, nicht mehr weit entfernt von uns. Urplöglid faßte mid anjegt mein Führer,
Der Mutter gleich, die, durch den Lärm gewedet, Erblickend über fidy die lohe Slamme,
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Den Sohn ergreift und flieht und ſo viel Zeit nicht Sich nimmt, für ihn mehr ſorgend als ſich ſelber, Daß fie ein Hemde nur fi überwürfe.
Und von dem Bipfel nun des harten Strandes Rutfcht mir dem Rüden er hinab am Selshang, Der eine Seite fperrt der nächften Bulge.
Nie glite fo ſchnell die Flut noch durchs Berinne Fin oberfhlähtig Mühlrad zu bewegen,
Dort, wo zumeift fie fi den Schaufeln nähert, Als bier an diefem Rand hinab mein Meifter, Don dannen auf der eignen Bruft mich tragend, Als ob fein Sohn ich wär’, nicht fein Benoffe. Raum war er mit den Süßen zu dem Bette
Des Grunds gelangt, als droben jen’ erfchienen Brad’ über uns, doch gab’s ihm Feine Surcht mehr; Denn die erhabne Vorficht, die zu Dienern Des fünften Brabens fie beftellen wollte,
Lie Feinem Wacht, von dort fi zu entfernen. Dort unten traf ein übertünchtes Volk ich,
Das weinend rings gar trägen Schrittes wallte, Am Angeficht verdroffen und gebeuget.
Sie trugen Rutten, die mit tiefen Rappen
Das Aug’ bedecdten, ganz von jenem Schnitte, Wie für die Wönd’ in Llugny man fie fertigt. Dergolder find fie außen, daß es blendet,
Dod drinnen ganz von Blei und alfo wuchtend, Daß Sriedrihs Kutten Stroh dagegen wären.
O Mantel, Ewigfeiten durch befchwerlidy!
Links abermald uns wendend, wallten bin wir Mit ihnen, aufs trübfel'ige Jammern merfend,. Doh ob der Laſt Fam jenes müde Volk fo CLangſam berbeigefchlidhen, daß in neuer Befellfhaft wir bei jedem Schritt uns fanden. Drum ſprach ih zu dem Führer: ‚Sud’ mir einen,
Den von Beftalt id oder Namen Fenne,
Und la im Gehn ringsum dein Auge Freifen.‘ Und einer, der mein Tusciſch Wort verftanden, Schrie hinter uns ber: „Haltet euern Schritt ein, Die durch die finftre Luft fo fehnell ihr binrennt! Dielleiht erbältft von mir du, was du wünſcheſt.“ Der Sührer drauf zu mir fi wendend: „Warte, Und dann geh’ gleihen Schritts dahin mit jenem.” Still hielt ih und ſah großen Drang der Seelen Yıab mir im Antlig zweier, doch es hemmte
Sie die Belaſtung und des Pfades Enge.
Und angelangt nun, fchielten mit den Augen Lang auf mid hin fie, ohn' ein Wort zu fagen, Und fprachen drauf, fi zu einander wendend: „Der lebt noch, fcheint's nach feiner Kehlbewegung ! Und wenn fie tot find, welch ein Vorrecht läßt fie Don Iaftenden Talsr enthüllt bier wandeln ?“
Zu mir drauf: „Tuscier, der du zur VDerfammlung Der jämmerlichen Seuchler bift gefommen, Verſchmäh' nicht, wer du feift, uns zu berichten.” Ih drauf: ‚Erzeugt bat mich und auferzogen
Die große Stadt an Arnos ſchönem Strome,
Und nod trag’ ich den Leib, den ftets idy hatte. Doch ihr, wer feid ihr, denen’s fo gewaltig
Vor Schmerz herniederträufelt an den Wangen, Und welche Pein in euch entlader fo fi?‘
Und mir antwortet’ einer: „Diefe Rutten,
Die goldenfarb’gen, find von Blei fo wuchtig, Daß unter dem Bewicht fo knarrt die Wage.
Wir waren Brüder-Auftig aus Bologna,
Ich Catalan und jener Lodoringo
Genannt, die deine Stadt zugleich einſt wählte, Wie man wohl einen kürt, der einzeln ſtehet,
Zu wahren ihre Ruh'; doch wie wir's trieben,
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Kann man noch ſchaun rings um Bardingos Straße.” Ib nun begann: ‚O Brüder, eure übeln —
Doch mehr nicht ſprach ich, da mein Blick auf einen Siel, an der Erd’ gefreuzigt mit drei Pfählen.
Als er mich ſah, verdreht’ er ganz am Leib fidy Und blies in feinen Bart mit tiefen Seufzern. Doch Bruder Catalan, der drob fein wahrnahm, Sprach: „Diefer, den du hier durchbohrt erblickeſt, Rier einft den Pharifäern, es fei ziemend,
Den einen Mann fürs Volk der Qual zu weiben. Fest liegt er überzwerdy und nackt am Wege,
Wie du bier fiebft, und feine Laſt muß jeder,
Eh' er vorübergeht, ihm fühlen laffen.
Auf gleihe Art wird aud gequält der Schwäher An diefer Brub’ und all’ aus der Verfammilung, Die für die Juden ward des Übels Samen.”
Da ſah ich, daß Virgil verwundert daftand
Ob jenem, der bier ausgeftredt am Kreuz lag
So ſchmachvoll in der ewigen Verbannung.
Drauf richte” an den Moͤnch er diefe Worte: „Laßt Euch's gefallen, wenn Ihr's dürft, zu fagen, Ob ſich zur rechten Hand ein Ausgang finder,
Auf dem wir beid’ uns wegbegeben mögen
Und nicht genötigt find, die ſchwarzen Engel
Zu zwingen, aus der Schlucht hier uns zu tragen.” Und jener drob: „Wohl näher, als du ahbneft, Liegt eine Klipp’, die, von dem großen reife Ausgeh’nd, die graufen Täler all! durchſchneidet, Yıur daß fie bier zerfchellt nicht überführer;
Doch Fönnt empor ihr auf dem Schutte fteigen, Der ſich am Rande böſcht und häuft am Grunde.” Bin wenig ftand gefenften Saupts der Führer Und fprac dann: „Übel hat er uns berichtet,
Der jenfeits mit dem Hafen Frallt die Sünder.”
Der Mönch darauf: „Schon in Bologna hört’ ich Dom Teufel mandes Hof’ und drunter auch, Daß er ein Lügner fei und Lügenvater.“
Mir großen Schritten ging mein Führer jegt Davon, etwas verftört von Zorn im Antlig, Drob ich auch die Belaſteten verließ,
Den Spuren folgend der geliebten Süße.
Vierundzwanzigſter Befang
In jener Zeit des jugendlichen Jahres,
Da Sol im Waſſermann die Locken wärmet,
Und glei ſchon wird die Nacht dem halben Tage; Wenn nun der Reif das Bild des weißen Bruders Auf Erden darzuftellen ftrebt, doch wenig
Nur dauert das Bebilde feiner Sedern:
Dann fteht der Landmann, dem’s gebricht an Sutter, Wohl auf und [haut umher und fieht die Sluren Weißglänzen rings und fchlägt ſich drob die Büfte, Kommt jest nach Haus, fi) hier und dort beflagend, Dem Schluder gleid, nicht wiflend, was er tun foll; zZurück drauf Fehrend, faßt er neue Hoffnung, Gewahrend, wie die Welt in wenig Stunden Geſtalt gewechfelt, und ergreift den Stecden
Und treibt hinaus die Schäflein auf die Weide,
Alfo entſetzt' idy jest mich ob des Meiſters,
Da feine Stirn ich fo gerrübt erblickte,
Und alfo ſchnell auch ward der Wund’ ihr Pflafter; Denn als wir zur zerftörten Brücke Famen,
Wandt' er mir zu fi mit dem holden Blicke,
Den ich zuerft gefehn am Fuß des Berges.
Nach Furzer Überlegung fi entfchliefend,
Tat er die Arm’ auf jegt, und das Getrümmer Erſt vecht betrachtend, faßt' er mit dem Arm mich,
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Dem gleich, der bei der Arbeit überleget
Und ftets, man fieht's ihm an, der Zufunft denfet, Zeigt’ er mir, auf den Gipfel bin midy hebend Des einen Felsſtücks, ſchon die andre Spitze
Und fprab: „An jene mußt du nun dich Flammern, Doch prüf’ erft, ob fie auch dich tragen Fönne.” Das war Fein Pfad wohl für die Kuttenträger, De er, der leicht, und ich, den er doch forthob, Don Trumm zu Trumm empor Faum ftieigen Fonnte, Und wenn der Strand an diefem Umfang Fürzer Nicht als am andern wer, er zwar vielleicht nicht, Doch ich gewißlid wär’ hier unterlegen.
Allein weil Ülbelbulgen gen den Kingang
Des tiefften Schachts ganz abwärts hin fich neiget, So bringt’s mit fih die Lage jedes Tales,
Daß ſich ein Strand erhebt, der andre fenket.
So nun gelangten wir bis zu der Böhe,
Don wo ab fi die legte Trümmer löfet.
An Atem war die Lung’, als ih hinaufkam,
Mir fo erfhöpft, daß ich nicht weiterfonnte, Vielmehr alsbald mich bei der Ankunft fette. „Woblan, jest ziemt es dir, di zu ermannen!” Begann mein Meiſter, „Denn in Federn liegend Und unter Deden, Fommt zu Feinem Ruhm man, Und wer fein Leben des entbehrend binbringt, Der binterläßt nur folde Spur auf Erden,
Wie Raub in Lüften und Geſchäum im Waſſer. Drum auf! Dein Gerz befiege die Erfchöpfung, Das immerdar im Rampfe Sieger bleibet,
Wenn es des Körpers Schwere nicht berabziebt. Erklimmen müflen wir noch längre Stiegen,
Und nicht genügt's, von diefen uns zu trennen; Saft du verftanden? Wohl, fo nüg’ die Lehre.” Darauf erhob ich mid), bei Atem befjer
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Mich zeigend, als ih wohl midy felber fühlte,
Und ſprach: ‚Beb bin denn, ih bin ftarf und mutig.‘ Die Klipp' empor nun nahmen unfern Weg wir, Der gar mübfelig war und eng und höd’rig
Und fteiler noch um vieles als der früh're.
Um ſchwach mich nicht zu zeigen, ging ich fprechend hin. Drauf aus der Schlucht empor fcholl eine Stimme, Die Worte ungeformt hervor nur fprudelte;
Nicht weiß ich, was fie ſprach, ftand auf dem Rücken Ih glei des Bogens, der bier überführert,
Doch ſchien der Redende zum Zorn gereizt mir.
Ich beugte mich, doch ob des Dunfels Fonnte
Nicht des Lebend’gen Blick zum Brunde dringen, Drob ih: ‚Auf, Wieifter! fchnell zum andern Umkreis! Und laßt die Selswand uns berniederfteigen;
Denn wie von bier ich hör’ und nichts verftebe, Schau ich hinab und Fann nichts unterfcheiden.‘ „richt anders,” ſprach er, „geb’ ich drauf Befcheid dir Als durch die Tat; denn ebrenwerter Bitte
Muß durch Erfüllung ſchweigend man willfsbren.” Den Ausgang ftiegen wir herab der Brüde,
Wo mit dem achten Strand fie ſich verfnüpfet,
Und drauf ward mir die Bulge offenbarer.
Darin erblickt' ih fürchterlide Saufen
So wunderlid verfchiedenart'ger Schlangen,
Daß nod das Blut mir ſtarrt bei der Erinnrung. Nicht rühme Libyen mehr fi) feiner Wüfte;
Denn bringt es Ringler, Ottern, Brillenfchlangen Hervor und Waſſer- auch und Aanzennattern,
Hat es doch nie fo viel’ und fo verruchte
Untier’ annoch gezeugt, nebft ganz Äthiopien
Und nebjt dem Küftenland des Roten Meeres.
In diefer graufen, wilderboſten Menge
Lief nadtes Volk umher und voll Entſetzens,
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Schlupfwinfel nicht, noch Seliotrop erhoffend.
Die Hand’ am Rüden hatten fie mit Schlangen Gebunden, die durch ihre Hüften fteckend
So Kopf als Schweif, fi vorn zum Knoten Fnüpften. Und fieb, auf einen nab an unferm Strande Schnelle eine Schlange hin fi und durchſtach ihn, Allwo der als fi bindet mit den Schultern.
Nie bat fo fhnell man ® noch TI gefchrieben,
Als er entzunder ward und brannt’ und gänzlich
zu Aſch' alsbald hinfallend mußte werden.
Und als er fo vernichtet lag am Boden,
Vereinte fih von neu'm die Afch’ und wurde
Don felbft ſtracks wieder, was fie erft geweſen.
So ftirbt, berichten uns die großen Weifen,
Der Phönir und wird wieder drauf geboren,
Wenn er beinah’ fünfbundert Jahre zäbler.
Don Korn und Kraut nicht nährt er ſich im Leben, Yıur von des Weihrauhs Tränen und von Ingwer, Und Yard’ und Wiyerben ift fein Sterbelager.
Wie der fo felbft, nicht ahnend, wie, dabinfanf, Sei’s, daß Dämonenfraft ihn riß zu Boden,
Sei’s Stodung, die den Sinn des Menſchen bindet, Sid wieder drauf erhebend, um ſich ber fchaut, Ob der gewalt’gen Angft, die er erlitten, Derworren ganz und feufzend hebt die Blicke; — Alfo der Sünder, als er aufgeftanden.
Gerechtigkeit des Ew'gen, wie du ftreng bift,
Die rächend du ausſchütteſt ſolche Schläge!
Da ihn mein Führer, wer er fei, jest fragte, Entgegnet er: „Ich regnet’ aus Tosfana
Serunter jüngft in diefen Schlund des GBraufens. Rein menſchlich, nein, ein viehiſch Leben liebt’ ich, Wie’s mir, dem Maul, ziemt'; Danni Fucci bin id, Die Beftie, der ein würd’ger Bau Piftoja.”
Zum Führer ih: ‚Derbeut ihm zu entfchlüpfen
Und frag’ ihn, welche Schuld ihn bier herabftieß, Den ich als zorn'gen Blutmann einſt gefeben.‘
Und jener Sünder, der’s vernabm, verftellte
Sich nicht, nein, Sinn und Antlig nad mir wendend, Begann er jest, von wilder Scham verfärber: „Mehr ſchmerzt es mich, daß du mich bier getroffen An diefem Elend, wo du midy erbliceft,
Als 96 ich aus der andern Welt entrüdt ward. Abfchlagen kann ich nicht, was du begehreft.
Ich Fam fo weit herunter, weil das ſchöne
Gerät ih aus der Safriftei geftoblen
Und fälfchli ward ein andrer des bezichtigt.
Doch daß du ſolches Anblids did nicht freueft, Wenn jemals du entfommft den finftern Orten, Schließ jest dein Ohr auf meiner Rund’ und höre: Don Schwarzen wird vorerft entblößt Piftoje, Dann ändert auch Slorenz Sitt' und Bewohner. Mars zieht aus Dal di Magra einen Dunft auf, Der, eingehüllt in trübe Wetterwolfen,
Mit einem fchneidend ungeftümen Sturmmind
Den Rampf befteht in dem Befild Piceno;
Drauf jener ftrads den YIebel wird zerreißen, Davon die Weißen all’ getroffen werden —
Und hab's gejagt, damit's dich ſchmerzen möge.”
Fünfundzwanzigſter Geſang
Bei feiner Worte Schluß hob beide 3ände
Der Dieb empor mit durchgeftedten Daumen
Und rief: „Nimm hin fie, Bott, dir ball’ ich zur fie!” Seitdem bin idy befreunder mir den Schlangen; Denn eine widelte fib um den als ibm,
Als ob fie ſpräche: „Mehr follft du nicht fagen,”
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Und um die Arm' ein' andre und umſchlang ihn, Sich vorn ſodann dermaßen rückwärts krümmend, Daß keinen Ruck er konnte tun mit ihnen. Piſtoja, o Piſtoja, was doch ſäumſt du,
Dich einzuäſchern, daß du mehr nicht dauerſt,
Da deine Brut im Böſetun du förderſt.
Nicht einen Geiſt in all den finſtern Kreiſen
Der Hölle ſah ich gegen Gott ſo trotzig;
Selbſt der nicht war's, der fiel vor Thebens Mauern. Und jener nun entfloh und ſprach kein Wort mehr. Drauf ſah ich einen wütenden Zentauren
Laut ſchreiend nahn: „Wo iſt, wo iſt der Berbe?“ Maremma, glaub' ich, bat fo viele Schlangen Selbft nicht, als diefer trug auf feinem Kreuze, Bis wo die menfchlihe Geſtalt beginnet.
Ein Drache lag ibm hinten am Benide
Mit ausgefpannten Slügeln überm Rüden, Endzundend jeglichen, dem er begegnet.
Zu mir begann mein Weifter: „Dies ift Cacus, Der unterm Sels des Aventinfhen Sügels
Oft einen ganzen See von Blur vergoffen;
Nicht geht er gleihen Wegs mit feinen Brüdern, Des Diebftahls wegen, den mit Lift er übte
An jener großen Herd', als fie ihm nah’ Fam. Dort macht’ ein Ende dem verfehrten Treiben Die Keule SJerkuls, der ihm hundert Schläge Wohl gab, von denen er nicht zehn gefühler.” Weil er fo ſprach und jener flog vorüber, Gelangten unter unfern Fuß drei Schatten,
Die weder ich gewahrte, noch mein Sübrer,
Als bis wir fchrein fie hörten: „Wer doc feid ihr?” Darob in unfrer Mär wir ftill nun bielten,
Auf jen’ allein das Augenmerf gerichtet.
Nicht kannt' ich fie, Doch es gefchab, fo wie es
Durch einen Zufall oft wohl zu gefhehn pflegt, Daß einer mußt’ des andern Namen nennen, Andem er ſprach: „Wo mag nur Lianfa bleiben ?” Drob ich, daß aufmerffam mein Führer ftände, Den Singer mir vom Kinn zur Ylafe legte.
Wenn du jetzt, Zefer, was ich fagen werde,
31 glauben zögerft, nimmt es midy nicht wunder, Da ich, der’s ſah, mir's felbft kaum eingeftehe. Weil ih auf fie den Blick hielt aufgefchlagen, Fällt plöglid eine Schlange mit ſechs Süßen
Den einen vorn an, ganz an ihn fidh Elammernd; Den Bauch umſchlang fie mit den Mittelfüßen Und pade ihm mit den vorderen die Arme, Drauf biß fie in die Wangen beiderfeits ihn.
Die Hinterfüße nach den Schenfeln ftredend,
Legt! ihren Schwanz jesst bin fie zwifchen beide, Ihn hinten an den Lenden aufwärtsbiegend. Nicht bäfelte um einen Baum ſich Efeu
Te fo, wie das grau'nvolle Ungeheuer
Die eignen [lang um eines andern Blieder; Drauf ineinander fchmelzend, gleidy, als fei'n fie Von warmem Wachs, vermifchten fie die Sarben, Daß Fein’s von beiden fchien, was es gewefen. Alfo verbreitert aufwärts am Papiere
Sid vor dem Brande bräunlich eine Sarbe,
Die noch nicht ſchwarz, erftirbt ſchon gleich das Weiße. Die andern zwei fahn zu und riefen beide:
„Weh' dir, Agnello, wie du dich veränderft,
Sieh doch, ſchon bift du zwei nicht mehr, noch einer!” Schon waren die zwei Häupter eins geworden, Als zwei Geftalten uns vermifcht erfchienen
In einem Antlis, dein ſich zwei verloren.
Zwei Arme bildeten ſich aus vier Zweigen,
Und Rumpf und Bauch und Bein’ und Schenkel wurden
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Zu Bliedern, wie man nie fie noch gefeben; Verlöſcht war bier jedwedes frühre Anfebn,
Zwei ſchien und Feins von beiden das verfehrte Bebild und ging fo fort langfamen Schrittes, Wie unterm beft'gen Stih der Bundsſterntage Die Eidechſ', wenn fie Zaun mit Zaun vertaufchet,
Des Wandrers Weg durhfchneidend fcheint ein Blitzſtrahl;
Dem ähnlich ſchien mir jest, den beiden andern
Sidy ftürzend nach dem Woanft, ein wütend Schlänglein, Das braun und ſchwarz gleidy einem Pfefferforn war. Und jenen Teil, durch den zuerft die Nahrung
Der Menfd empfängt, dem einen drauf durchſtach es, Dann fiel’s vor diefem bingeftredt zu Boden.
An ftarrt’ es der Beftohne und verftummte,
Doch ftill jet haltend, fing er an zu gähnen,
Als ob, ſei's Schlaf, fei’s Sieber, ibn befiele,
Die Schlange blidt' auf ibn, er auf die Schlange; Sie dDampfte durch den Mund, er durch die Wunde Gewaltig, und es Freuzten ſich die Dämpfe.
Lukan verftumme dort, wo er erwähnet
Das Elend des Sabellus und Naſſidius,
Und hör’ aufmerffam, was fidy jegt entwidelt; Don Eadmus fhweig’ Ovid, von Arechufe,
Denn wenn er den zur Schlange, die zur Quelle Derwandele im Gedicht auch, nicht beneid’ ich's; Denn nie bat zwei Naturen gegenüber
Er fo vertaufcht, daß beide Bildungsfräfte
Bereit fich zeigten, ihren Stoff zu wechfeln.
In folder Solg’ entfprachen fie einander,
Daß, weil den Schweif die Schlange gablig fpellte, Die Serfen 309 zufammen der Bebiffne,
Die Beine nebft den Schenfeln miteinander Derfhmolzen fo, daß Feine Spur in Furzem
Don der Verbindung war zu unterfcheiden.
Der fo gefpaltne Schweif nahm die Beftaltung Drauf an, die dort verlorenging, und weid ward Die Haut ibm bier, weil jenfeits hart fie wurde. Einkriechen fab ich durdy die Achfelhöhlen
Die Arm’, indes des Untiers Furzes Beinpaar
Um fo viel länger ward als jene Fürzer,
Drauf bildeten, verfchlungen miteinander,
Das Blied die sJinterbeine, das der Mann birgt, Weil zwei der Arme aus den feinen fpreiste, Indes der Dampf mit neuer Sarbe beide
Umbülle und, überm Leib auf einer Seite
Das Haar erzeugend, andrerfeits es abftreift‘, Stand jener auf, und diefer fiel zu Boden,
Yıdt drum verwendend die ruchlofen Slide,
In deren Schein fie tauchten die Gefichter.
Der Steh’nde 309 es rückwärts nach den Schläfen, Und von dem Überfluß des Stoffes traten
Hervor die Öhren aus den glatten Wangen;
Der Reft, der nicht zurückwich, fondern vorn blieb, Beftaltete dem Antlitz fih zur Naſe,
So viel die Lippen ſchwellend, als ſich ziemte. Der Liegende ſchiebt jego vor die Schnauze, Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren, Bleih wie die Bartenfchned’ ihr Fühlhorn einzieht, Und feine Zunge, ganz erft und zum Reden
Stets fertig, ſpaltet fi, und die gefpaltne
Des andern ſchließt fich, und der Dampf hört auf jez. Die Seele, fo zum Ungeheuer worden,
Flieht mit Geziſch von dannen durdy das Tal bin, Weil hint'r ihr ber der andre ruft und fprudelk. Drauf wandt' er jenem zu den neuen Rüden
Und fprah zum andern: „Test foll Buofo laufen Wie ich fonft diefes Pfads auf allen Vieren.“
So fab ich's in der fiebenten Rloafe
8 Dante
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Sich wandeln und verwandeln, und entfchuld’gen Mag mid) der neue Stoff, ſchweift hier die Zung' ab; Und waren glei die Augen mir ein wenig
Getrübt und abgefpannt des Beiftes Stärfe,
Doch Fonnten jen’ im Sliehn fi fo nicht bergen,
Daß ih nicht wohl Puccio Sciancato Fannte,
Der einzig unverändert war geblieben
Don den zuerft gefommnen drei Benoffen.
Der andre war's, ob dem du weinft, Gaville.
Sehsundswanzigfter Befang Erfreue dich, Slorenz, ob deiner Bröße, Daß über Land und Meer du fchlägft die Slügel, Und in der Söll’ auch ſich dein Ruf verbreiter! Denn bei den Dieben fab ich fünf dergleichen Aus deinen Bürgern, drob mih Scham ergreifet, Und du auch fteigft drum nicht zu großer Ehre. Doch wenn auf Wahrheit Wiorgenträume deuten, Fühlſt du in Eurzer Zeit von bier, was Prato, Don andern nicht zu reden, an dir wünfchet. Und ob auch jest, würd’ es nicht vor der Zeit fein, O daß es wäre ſchon, da’s einmal fein muß, Denn mehr wird’s mid) bei böberm Alter drüden. Wir gingen fort, und an den Steinvorfprüngen Empor, die abwärts uns gedient als Stufen, Stieg, nach mich ziehend, wiederum mein Sübrer. Und weiter jest den öden Weg verfolgend, Vermochte zwifhen Splittern ſich und Zacken Des Riffs der Fuß nicht ohne Hand zu fördern. Da trauert’ ich und traure jest von neuem, Indem den Sinn ich aufs Befeh'ne richte, Den Wis mehr zügelnd, als ich fonft wohl pflege, Daß es der Zucht der Tugend nicht entfchlüpfe,
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So daß, wenn, ſei's ein günſt'ger Stern, ſei's Beſſres, Ein Gut mir gab, ich ſelbſt mir's nicht mißgönne. Wie viel der Landmann, an dem Hügel ruhend,
Zur Zeit, da jener, der die Welt erleuchtet,
Sein Antlig weniger uns hält verborgen,
Wenn fihon die Sliege weicht der Waffermücde, Leuchtwürmchen unten in dem Tal erblider
Dort, wo er pflüge vielleicht und Trauben fammelt; Don fo viel Slammen glänzte allentbalben
Die achte Bulg', wie ich ſogleich gewabhrte,
Als an der Stell’ ich fand, wo man den Brund fieht. Wie der, fo einft fib mit den Bären rächte,
Die Roffe ſah, als des Elias Wagen
Sinwegfuhr, himmelwärts gradauf fih Schwingen, So daß fein li ihm fo nicht folgen Fonnte,
Daß andres er als nur gleih einem Wölfchen
Die Flamm' empor fidy hebend hätt’ erblicer;
Alſo bewegten durch den Schlund des Brabens
Sid alle hin, ohn' ihren Raub zu zeigen, Denn jede Flamm' entrüdt uns einen Sünder. So ausgeftredt zum Schaun fiand auf der Brück' ic,
Daß, hätt’ ein Felsſtück ich nicht feftgebalten,
Sinabgeſtürzt ich wär’ ohn' anzuftoßen.
Und als fo aufmerffam mid) ſah mein Sührer, Sprach er: „In diefen Slammen find die Beifter, Und jeglichen hüllt die, dran er entbrannt ift.” Ich drauf: ‚Mein Meiſter, feit ich dich vernommen, Iſt ſichrer mir's, doch ſchon hatt’ ich geurteilk, Daß es ſo ſei, und wollte ſchon dich fragen: Wer iſt im Feuer dort, das ſo nach oben Geſpalten naht, als ſchlüg' es aus dem Holzſtoß, Darauf Kteocles lag mit dem Bruder ?
Drauf er: „Bemartert wird dadrin Ulyſſes
Mit Diomed, und wie zu zorn’ger Tat fie
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Vereint ſonſt eilten, eint ſie jetzt die Strafe. Beſeufzet wird im Innern ihrer Flamme
Die Kriegslift mit dem Pferde, fo das Tor brach, Daraus der Römer edler Sam! hervorging:
Drin wird die Runft beweint, drob nach dem Tod nody Acills Derluft beklagt Deidamia, |
Drin wird auch des Pallediums Raub gebüßer.” ‚Wenn innerhalb der Loh' fie reden Fönnen,‘ Sprach ich, ‚fo bite’ ich, Meiſter, Dich von SJerzen, Einmal und abermals ſtatt taufend Malen,
Daß du mir nicht verweigerft bier zu weilen,
Bis die gehörnte Slamme fi uns nabet;
Du fiehft, wie Sehnfucht nach ihr hin mich beuger.‘ Und er zu mir: „Bar großen Lobes würdig
At dein Begehr, drum ich es auch genehm'ge; Doch fieh, daß deine Junge hier du zähmeſt,
Und laß mid) fprechen; denn begriffen hab’ ich, Was du verlangft, und weil fie alle Griechen, würden Dielleiht fidy jene deinem Wort verbärten.” Nachdem dahin die Slamme war gefommen,
Wo f&idli meinem Führer Ört und Zeit fchien, Hört' ich in folder Weife jet ihn ſprechen:
„O ihr dort, zwei vereint in einem Seuer,
Wenn ih um euch verdient, folang ich lebte, Wenn icb um euch verdient viel oder wenig,
Als das erhabne Lied ich fchrieb auf Erden, Bewegt euch nicht, doch einer von euch fage,
Wo er fib bin verlor, den Tod zu finden.”
Das größre Zorn nun diefer alten Slamme
Sing mit Befnifter an zu fladern, jener,
Die von des Windes Wehn bedrängt wird, ähnlich. Darauf die Spige bin und ber bewegend,
Als fei des Sprecders Zunge fie, enthaucht
Es eine Stimm’ und fprach: „Als id von Lirce
Entfernt mich hatte, die mehr als ein Jahr mid) Zurüdgebalten nah dort bei Gaeta,
Eh' es Aneas ſo genannt, vermochte
Die Luſt am Sohn, das Mitleid für den greifen Erzeuger nicht und nicht die ſchuld'ge Liebe, Daran Penelope fi freuen follte,
Am Innern die Begier mir zu befiegen,
Mich mit der Welt ringsum befannt zu machen Und mit der Menſchen TrefflihFeit und Laſtern; Ylein, ich begab aufs hohe weite Meer mich
Mit einem Schiff allein und mit der Fleinen Benoffenfchaft, die nimmer mich verlafien.
Die Ufer beide fab ich bis nach Spanien
Und nah Marokko und der Sarden Kiland, Und all’ die andern, die dies Meer umfpüler. Ab war nebft den Benofien alt und ſchwer fchon, Als wir zu jenem engen Schlund gelangten,
Wo Zzerkules fein Grenzmal aufgerichter,
Damit der Menſch fi weiter hin nicht wage. Zur rechten Sand ließ ich Sevilla liegen,
Weil ih zur andern Ceuta ſchon gelaffen.
„O Brüder,‘ ſprach ich, ‚die zum ferien Weft ihr Durch bunderttaufend Sährlichkeiten dranget, Verſchmaht doch nicht die Furze Abendwache
Der Sinnesfraft, die euch noch übrig bleiber,
Zu nüsen, um, der Sonne folgend, Runde
Dom menfchenleeren Weltteil zu erlangen.
Zieht euern Urfprung in Betrachtung, wurdet Ihr doch gemacht nicht, gleich dem Vieh zu leben, Ylein, daß nach Tugend ihr und Kenntnis ringet.‘ Und die Benoflen macht’ ich nach der Reife
Alfo begierig durch die Eurze Rede,
Daß ich fie Faum dann abgehalten hätte.
Drauf, unfer SHinterfchiff gewandt nach Morgen
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Bewegten, Schwingen gleich zum tollen Sluge,
Die Ruder wir, ftets mehr zur Linken fteuernd. Schon fab das Aug’ der Nacht die Sterne ſämtlich Des andern Poles und fo tief den unfern,
Daß Faum er aus der Wieeresflut emporftieg. Sünfmal war neu entzunder und verlöfcht ſchon Des Liht am untern Teil des Mondes worden, Seit in den ſchweren Dfad wir eingetreten,
Als endli dunkel uns dur die Entfernung
Ein Berg erfchien, der alfo hoch uns deuchte,
Wie ih noch Feinen je gefeben hatte.
Wir jauchzten; doch bald ward die Zuft zum Jammer, Denn wirbelnd ging vom neuen Land ein Sturm auf, Der unfer Fahrzeug traf am vordern Ende. Dreimal ſchwang er’s umber famt den Gewäffern, Beim vierten warf empor das Sinterfchiff er,
Den Schnabel fenfend (als wollt’s ein andrer),
Bis über unferm Haupt ficb ſchloß die Meerflut.“
Siebenundzwanzigſter Gefang
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Schon war die Slamme nad gefchlofiner Rede Still und grad aufgerichtet und hinwegging
Sie mit Bewilligung des füßen Dichters,
Als hinter ihr einberfam eine andre,
Die unfern Blick nad ihrer Spitze hinzog
Ob des verworrnen Tons, der draus berpordrang. Wie der fizil’fhe Stier, der durch das TTammern Des, der mit feiner Seil’ ihn hergerichtet,
Zum erftenmal gebrüllt (alfo war’s billig),
So durdy die Stimme des Bequälten brüllte, Daß, wenn er gleih von Erz nur war gebildet, Er um nichts minder ſchien von Schmerz durchbohret ; So wandelten ſich in des Seuers Sprache,
Da weder Weg noch Ausgang draus fie fanden, Am Anbeginn die jammervollen Worte,
Doch als fie Bahn ſich droben durch die Spitze Bebrochen drauf, mitteilend ihr die Schwingung, Die ihnen felbft die Zunge gab beim Durchgang, Dernabmen wir, wie folgt: „Ö du, an den ich Mein Wort jegt richte, der du auf Lombardifceh Erſt ſprachſt: ‚Bebft halt jerzt weg, i' aiz' 98’ nimmer‘, Laß dich's, weil etwas fpät ih wohl gefommen, Nicht reu'n, mit mir zu weilen im Befpräcde! Du fiehft, mich reut es nicht, obgleich idy brenne, Wenn du erft Fürzlich bift herabgeftürzer
In diefe finftre Welt aus jenem füßen Lateinerland, wo meine Schuld fidy berfchreibt, Sprich, hat Romagnas Volk Rrieg oder Srieden? Denn aus den Bergen bin ich, die Urbino
Dom Tode trennen, dem entquillt die Tiber.” Ich fand annoch binabgebeugt und Iaufchend, Als leis mich in die Seite ftieß mein Sübrer Und ſprach: „sJier rede du, 's ift ein Lateiner,” Und ich, der ſchon bereit die Antwort hatte, Begann drauf fonder Zögern fo zu fprecen:
‚® Seele, die verſteckt du weilft dort unten,
Es ift nicht und war nimmer dein Romagna In feiner Zwingherrn SGerzen ohne Brieg noch; Doch offenbar verließ idy dort jest Feinen. Ravenna fteht, wie's ftand feit vielen Jahren, Es borfter da der Adler von Polents,
So daf er Cervia deckt mit feinen Schwingen, Die Stadt, die einft fo lange fiandgehalten
Und der Sranzofen biut’ge Zeichen bäufte, Weilt unterm Schu anjegt der grünen Rlauen! Veruchios alten Sanghund und den neuen,
Der einft fo ſchnöd verfabren mit Montagna,
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Sieht man, wo ſonſt ſie pflegten, biſſig wüten. Die Städt' am Strand Lamones und Santernos Regiert der junge Löw' aus weißem Lager, Partei von Mitternacht zu Mittag wechſelnd,
Und die vom Savio wird beſpült zur Seite, Gleich wie ſie zwiſchen Ebne liegt und Bergen, Schwankt zwiſchen Zwingherrſchaft und freiem Weſen. Jetzt fleh' ich an dich, wer du biſt, zu künden,
Sei unerbittlicher nicht als die andern,
Wenn ſich dein Nam' behaupten ſoll auf Erden.‘ Nachdem die Flamm' auf ihre Weiſ' ein wenig Bebrauft, bewegte fie die fpige Zunge
Bald hin, bald ber und hauchte drauf dies Wort aus: „Wenn meine Antwort ich gerichtet glaubte
An einen, der zur Welt zurüd je Febrte,
So würde mebr nicht diefe Flamm' erzittern; Doh weil, wenn anders Wahrheit idy vernommen, Aus diefem Grund noch niemand beimgefebrt ift, Antwort’ ich jezt dir ohne Furcht vor Schande. Ich war erft Rriegsmann und dann Sranzisfaner, Dom Strid umgürtet, abzubüßen boffend,
Und fiber wär’ erfüllt mein Hoffen worden, Wenn nicht der Broßpfaff war (befomm's ihm übel)), Der mid in meine frühre Schuld zurückwarf.
Wie und warum, follft du anjegt vernehmen. Solang als ih in Sleifh und Bein noch webte Dem Erbteil meiner Mutter, übt’ idy Taten,
Die löwenartig nicht, nein, fühfifh waren.
Die liſt'gen Streich’ all’ und geheimen Schliche Derftand ich, ibre Runſt fo trefflidy treibend,
Daß drob mein Ruf drang zu der Erde Enden. Doch als an jenem Zeitpunkt meines Alters
Ich angelangt mich ſah, wo jeder follte
Einziehn die Tau' und feine Segel ftreichen,
Ward, was mich erjt erfreut, mir jest zuwider, Und reuevoll befennend meine Sünden,
Hätt' ich, (O Weh' mir Armen!) mid) gerettet.
Das Oberhaupt der neuen Phärifäer, —
Banz nab beim Lateran in Rrieg verwicelt,
Und nicht mit Sarazenen, noch mic Juden;
Denn Chriften nur allein hatt’ es zu Feinden,
Und Feiner war bei Acres Sturm gewefen,
Yıob als ein Raufmann in des Sultans Landen, — Nicht achtet’ er in ſich die heil'ge Weihe,
Nicht das erhabne Amt, in mir den Strid nicht, Durd den fonft magrer ward, wer ihn getragen. Ylein, wie einft Ronftantin dort im Sorakte Silvefter rief, vom Ausſatz ihn zu heilen,
Alfo begehrte diefer mich zum Meiſter,
Daß ih ihm ftille feines Sohmuts Sieber,
Und fragt’ mid drob um Rat; doch ich verſtummte, Denn eines Trumfnen ſchien mir feine Rede,
Und jener drauf: ‚Zaß nicht dein Berz verzagen! Ich fpredy’ didy los für jet; Doch du belehr’ mich, Wie Peneftrinos Burg ich brechen möge.
Den Simmel Fann ich öffnen und verſchließen,
Das weißt du ja; dazu gibt's zwei der Schlüffel, Die jüngft mein Vorfahr nicht gar hochgehalten.‘ Da trieben an mid) die gewicht’gen Bründe,
Weil Schweigen hier mir ſchien der ſchlimmſte Batſchluß, Daß ich begann: ‚Da du mid), Vater, reinigft
Don diefer Sünd', in die ich jet muß fallen — Ein lang Verſprechen und ein Furzes Halten
Wird auf erbabnem Stuhl dir Sieg verfchaffen.‘ Sranszisfus fuchte drauf mich, als ich tot war, Doch einer von den ſchwarzen Cherubinen
Sprach zu ihm: Hol' ihn nicht, tu’ mir nicht Unrecht! Der muß binab zu meinen Sklaven Fommen,
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Weil er gegeben bat den Rat des Truges, Seitdem ich ftets im Haar ihm bin gelegen.
Wer nicht bereut, den Fann man los nicht fprechen, Und nicht Fann man zugleidy bereun und wollen, Dieweil der Widerfprucd es nicht geftatter.‘
O weh’ mir Tammerndem! wie ich erbebte,
Als er mid) packt' und 3u mir rief: ‚Du dachteft Vermutlidy nicht, daß ih Logik verftände.‘
zu Minos trug er hin mic), und der fchmiegte Den Schweif achtmal fih an den harten Rüden. Drauf, fi vor großer Wut in jenen beißend, Sprad er: ‚Der Slammenhüll’ ift diefer fchuldig.‘ Drob bier, wo du mich fiebft, ih bin verloren Und fo ummwallt in Serzeleid einhergeh’.” Nachdem er feine Red’ alfo vollender,
Entfernte fib mit Wehgeklag die Slamme,
Das ſpitze Horn verneigend und bewegen).
Wir gingen weiter, ich drauf und mein Führer, Am Riff hinan bis auf den andern Bogen,
Der überm Schlund ſchwebt; drin mit Pön belegt wird, Wer, Spaltung ftiftend, felbft fihb LZaft bereitet.
Achtundzwaͤnzigſter Befeng
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Wer Eönnt‘, auch felbft in ungebundner Rede Mehrmals erzählend, gnügli all’ die Wunden
Und all’ das Blut, das ich jetzt fab, befchreiben ? Bewiß zu ſchwach wär’ hier jedwede Zunge,
Weil unfre Sprach' und unfer Sinn fo vieles
An fi nicht zu umfaffen Raum befigen.
Wenn all’ das Volk auch gleich verfammelt wäre, Das auf Apuliens Shidfalsreihem Hoden Bejammert ob des eignen Bluts Vergiefen
Durch Römerhand erft, in der langen Schlacht dann,
Die fo gewalt’ge Bent’ an Ringen bracdıte,
Wie Livins fonder Irrtum uns berichtet,
Nebſt jenem Volke, dem geſchmerzt die Siebe, Weil Robert Buiscard es ſich widerferet,
Und jenem, des Gebein noch jetzt man auflieft Bei Ceperano, wo zu Lügnern wurden
AW die Apulier, und bei Tagliacozzo,
Wo Ehrhard ſiegt', der Alte fonder Waffen, Und der durchbohrt ein Blied und der verftümmelt Es zeigte’, war’s mit der widrigen Beftaltung Der neunten Bulge nichts doch im Vergleiche. Nicht fprang, wenn Mittelftüd es oder Gere Derloren, je ein Faß fo, als durchhauen
Dom Kinn bis wo man furst, ich einen ſchaute. Sinab hing das Bedärm ihm an den Meinen. Und das Befchling war ſichtbar und der Beutel, Der ſchnöde, der aus dem Verfchlungnen Drei macht. Dieweil ich ganz auf ihn den Bli num befte, Sah er mid an und fprad, fi mit den Händen Auftu'nd die Bruft: „Sieb, wie ich mich zerlege, Sieb, wie verftümmelt Mahomed ift! Weinend Geht Ali vor mir ber, im Angeficht
Dom Rinn binaufgefpalten bis zum Stirnhaar, Und all’ die andern, die du bier erblicdit,
Weil Unruh' fie und Spaltung ausgeſtreuet
Im Leben, find anjetzt alfo zerfpellt.
Lin Teufel fpaltet uns dadrin fo graufam
Und läßt jedweden aus der Rotte über
Des Schwertes Klinge wiederum dann fpringen. Wenn wir die jammervolle Bahn umlaufen; Denn ſtets aufs new verſchließen fi die Wunden, Eh' einer abermals vor jenen hintritt.
Doch wer bift du, der von dem Riff du gaffeft, Wohl zögernd, zu der Strafe dich zu ftellen,
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Die auf Befchuldigung dir zuerfannt ward?” — „Nicht bat der Tod ihn nody erreicht, noch führet Ihn Schuld zue Qual,” entgegnete mein WMeifter — „Doch um vollflommne Rund’ ihm zu gewähren, Muß ich, der tot fhon bin, von Rreis zu Rreife Sier unten durch die Holl’ ihn jest geleiten,
Und alfo ift’s, fo wahr ich mit dir fpreche!” Wohl mehr denn hundert blieben in dem Graben, Als fies vernahmen, ftehn, mid anzubliden,
Die Marter vor Derwunderung vergeffend.
„SP fag’ dem Fra Dolcino denn, du, der wohl Die Sonne bald aufs neu’ erblicdft, daß, will er Mir nicht in Furzem folgen, er ſich alfo
Mit Vlabrungsmitteln rüfte, daß die Schneenot Den Yrovarefern nicht den Sieg verleibe,
Der außerdem nicht leicht wär’ zu erringen.”
Den einen Fuß zum Weitergehn erbebend,
Sprab Mahomed zu mir fotane Worte
Und ſtreckt' darauf, fortſchreitend, ihn zu Boden. Ein andrer, dem durchbobret war die Kehle
Und abgefturzt die Naſ' bis zu den Brauen
Und der annoch ein einzig Ohr nur hatte, Stillhaltend vor Derwundrung nebft den andern, Um mid) zu ſehn, riß jest vor den Genoſſen Den Schlund auf, blutrot allerfeits von außen, Und ſprach: „O du, den Feine Schuld verdammer Und den icy einft fab im Lateinerlande,
Wenn mid zu große Ähnlichkeit nicht täufcher, Gedenk' an Peter doch von Medicine,
Wenn je dus wiederfiehft die holde Fläche,
Nach Marcabd fi fenfend von Vercelli.
Und gib die Rund’ den beiden beften Bürgern Don Sano, Angiolello’n und Heren Buido,
Daß, wenn bier eitel nicht ift das Vorberfehn,
Sie aus dem Schiff geworfen und gefäcer
Einſt werden in der Näh' dort von Lattolica,
Don einem ſchnöden Wüterich verraten.
Nicht ſah anno Neptun fo große Übeltat
Je zwifchen Zyperns Eiland und Majorca
Nicht von Seeräubervolk, nicht von Argiviſchem. Denn der Verräter mit dem einen Auge,
Der jene Stadt beſitzet, die geſehen
Wohl einer hier bei mir nicht haben möchte,
Wird ſie zu ſich zur Unterredung laden
Und ſo dann tun, daß bei Focaras Windſtoß
Sie nicht Gebet mehr brauchen, noch Gelübde.“ Und ich zu ibm drauf: Zeig' mir und erkläre, Wenn ih hinauf von dir foll Nachricht bringen, Wer jener fei, denn berb ift das Befeh'ne.‘
Dranf, an die Rinnlad’ eines der Benoflen
Die Zand anlegend, riß er ihm den Mund auf
Und rief: „Der ift es felbft bier, der nicht reder.
Er war es, der verbannt, in Cäſars Seele
Den Zweifel tilgt’, bebauptend, Daß nur Schaden Stets den Berüfteten das Zögern brächte.”
O wie erfhroden Curio jet mir deuchte
Mic der zerfchnittnen Jung’ in feiner Burgel,
Er, der fo Fe im Sprechen einft gewefen;
Und einer, der beraubt war beider Hände,
Streckt' in die dunkle Luft empor die Stumpen, So daß das Blur befudelte fein Antlig,
Und rief: „Du wirft doch Moscas noch gedenken, Der id, weh mir, einft ſprach: Geſchehnes fügt ſich — Ein Wort für Tusciens Dolf des Unheils Samen,” ‚Und deinem Stamm‘ — fügt’ ich hinzu — ‚Vernichtung!‘ Drob jener, häufend Schmerz auf Schmerz, davonging, Gleich einem, der im trüben Wabhnfinn hinwallt. Doch ich verblieb, die Schar noch zu betrachten,
Und fab etwas, das ich mich ſcheuen würde, Allein obn’ anderen Beweis zu melden,
Bäb’ mein Bewiffen mir ein gut @Beleit nicht, Das unerſchrocknen Sinn dem Menſchen leiber, Wenn ihn als Harnifh dedt ein rein Bewußtſein. Ad) ſah gewiß (noch deucht mir, daß ich’s febe) Hauptlos einbergehn einen Rumpf, glei wie auch Die andern wallten aus der Jammerherde.
Das abgefhlagne Haupt bielt bei den Haaren Laternenartig in der Zand er fchwebend,
Und diefes blidt’ uns an und ſprach: „O web mir!" — Sich felber macht’ er felbft ſich fo zur Leuchte, Daß zwei in einem, eins in zwei’n fie waren.
Wie ſolches fein kann, weiß, wer’s fo geordnet, Als er gerad’ am Fuße fand der Brücke,
3zob er den Arm empor zufamt dem Haupte, Damit er feine Wort’ uns näher brächte;
Die waren: „Sieb die qualenvolle Strafe,
Der du noch atmend wallft, zu iſchau'n die Toten, Sieb, ob fo groß wohl eine fei wie diefe.
Und daß von mir du Nachricht bringen mögeft, So will’, ih bin Bertram von Born, derfelbe, Der einft dem Bönig Johann böfen Rat gab. Den Pater hab’ ih mit dem Sohn entzweier, Achitophel trieb Schlimmres nicht mit David
Und Abfalon, voll Bosheit fie verhetzend.
Weil ih fo Engverbundene getrennt,
Muß id getrennt, weh! mein Gehirn jetzt tragen Don feiner Wurzel, die in diefem Strunf ift.
So wird in mir Vergeltungsrecht geübet.”
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Neunundzwanzigſter Befang
Dom vielen Volk und den verfchiednen Wunden War alfo mir das Auge trunken worden,
Daß es zu ruhn fi und zu weinen fehnte,
Doch zu mir ſprach Virgil: „Was ſtarrſt du länger, Was weilen noch dort unten deine Alice
Bei den verftümmelten betrübten Seelen ?
So tarft du ja nicht bei den andern Bulgen. Denk', wenn du meinft, die Beifter all’ zu zählen, Daß zweiundzwanzig Meilen diefes Tal Ereift
Und fhon der Mond ſteht unter unfern Süßen. Yıur wenig Zeit ift ung annoch vergönner
Und mehr zu fchaun, als du allhier erbliceft.” ‚Wenn auf die Urfach’ du gemerfer hätteft,‘ Entgegnet' ich ihm drauf, drob ich hinabfab, Hätt'ſt du mir wohl nody ftillzuftehn geftatter.‘ Dieweil von dannen ging mein Sübrer, folge ic) Abm nah, und fernerhin ihm Antwort gebend, Fügt' ich hinzu: ‚In diefer Höhle Umfang, Worauf idy jest die Augen bielt gebefter, Beweint, glaub’ ich, ein Schatten, blutsverwandt mir, Die Schuld, die drunten Fommt zu ſtehn fo teuer.‘ Drauf fprach der Meifter: „Daß dich der Bedanfe An ibn von nun an Fünftig nicht mehr ftöre, Merk' auf das andre’ und laß ihn bier verbleiben, Denn auf dich fab ich ihn am Fuß des Brückleins Hindeuten mit dem Singer, ernft dir drohend, Und nennen hört’ ich ihn Beri del Bello.
Alfo warft damals du mit dem befchäftigt,
Der einft auf Hautefort baufte, daß dorthin du Beblidt nicht haft, und fo ging er von dannen.” ‚O Sübrer, die gewaltfame Ermordung,‘
Sprach ic, ‚Die ungerächt ihm ift geblieben
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Durch irgendeinen, fo der Schmach Benoffe, Sat ihn erzürnt, weshalb er, wie ich glaube, Davon ging, obn’ ein Wort mit mir zu reden, Und foldes bat mich mehr für ihn bemweger.‘ 50 ſprachen wir bis zu der erften Stelle,
Wo von der Klippe fih bei mehrem Lichte Das andre Tal vom Grund aus zeigen würde. Als an dem letzten Kreuzgang Übelbulgens Wir ftanden fo, daß feine Laienbrüder
Dor unfern Bliden nun erſcheinen Fonnten, Traf mid verſchiedenart'ges Wehgeklage,
Das mit des Mirleids Pfeilen mich durchbohrte, Drob ih mir dedite mir der Hand die Ohren. Bin Sammer, gleich als ob die Sofpitäler - Don Valdichiana zwifchen Heu- und Serbfimond Und von Maremm’ und von Sardinien ſämtlich An einer Brub’ all’ ihre Seuchen einten,
Ward dort gehört, und fol ein Stanf entftieg ihr, Wie ibn ein eiternd Blied pflegt auszubauchen. Wir ftiegen zu dem legten Strand herab nun Der langen Klipp’, aufs neue linfs ung wendend, Und drauf begann ich deutlicher zu ſehen
Bis auf den Grund, allwo die unfehlbare Gerechtigkeit, des Söchſten Dien’rin, alle Verfalſcher ftraft, die bier fie aufgezeichnet. Berrübter, mein’ ich, war nicht anzufchauen Das Volk Aginas, insgefamt erFranfer,
De fo von böfem Stoff die Luft erfüllt war, Daß alle Tier’ auch bis zum Fleinften Wurme Sinfielen und fodann aus Ameisfamen,
Wie es die Dichter uns für ficher geben,
Das frühere Gefchleht erneuert wurde, —
Als die verfchiednen Haufen bier der Beifter, Die man hinſchmachten fab im finftern Tale.
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j- B 3 3
a
Der bier lag auf dem Bauch, der auf dem Rüden Des andern, der dort fchleppt’ auf allen Vieren
Don Play zu Play fih bin am Pfad des Jammers. Stillfiehweigend gingen Schritt vor Schritt einher wir Und blikten bin und horchten auf die Branfen,
Die nicht vermochten, fi emporzurichten,
Zwei fab ich finen alfo aneinander
Geſtützt, wie Pfann’ an Pfann’ am Zerd man ſtützet, Und Brinde dedten fie vom Kopf zu Suße.
So eilig fab noch niemals ih den Burſchen,
Auf den die Herrfchaft wartet, noch auch jenen,
Der ungern aufbleibt, feine Striegel rühren,
Als unabläffig mit der Nägel Schärfe
Sid beid’ anflelen bier, weil fo gewaltig
Das Jucken raft’, dem nimmermehr wird sSilfe.
Sie zogen fi) die Krätz' ab mit den Yrägeln,
Wie mit dem Wieffer das Befhupp man abftreift Dem Braffen oder größerfhupp’gen Sifche.
„Du, der du mit den Singern did) zerreißeft Manchmal,” begann mein Sührer zu dem einen, „Abkneipend mit denfelben, wie mit Zangen,
Sag’ an, ift ein Asteiner unter jenen,
Die drin bier find, foll anders dir der Nagel
3u folder Arbeit ewiglid genügen?” —
Cateiner find wir felbft, die beid’ entftellt fo
Du bier erblickſt,“ antwortet’ einer weinend,
„Doch du, wer bift du, der nach uns du frageft ?” Der Sührer drauf: „Begleiter des Lebend'gen Allhier bin ich, und ftieg von Fels zu Selfen Serunter, daß ich ihm die Zölle zeige.”
Drob los von der gemeinfchaftlihen Stüge
Sid) reigend, wandte’ das Paar nach mir fich zitternd, Nebſt andern noch, Die es beian vernommen.
Banz dicht zu mir trat bin der gute Meiſter
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Und ſprach: „Sag' ihnen jetzt, was dir beliebet.“ Und ich begann darauf nach ſeinem Willen: Wenn euer Angedenken aus der Menſchen Erinnrung in der erſten Welt nicht flieh'n ſoll, Nein, manche Sonnenwende durch noch leben,
So ſagt mir, wer ihr ſeid und welches Volkes. Abſchrecken mög’ euch eure ekelhafte
Und graufe Dein nicht, mir euch zu entdecen.‘ „Ih wear ein Aretiner, und verbrennen
Ließ mich,” ſprach einer, „Albert von Siena,
Doch das, warum ich ftarb, führe’ mid hierher nicht. Wahr ift’s, daß ih im Scherz zu ihm gefprocden, Ich könnt' im Slug mich durdy die Luft erheben, Und er, der voll Besier, dody leer an Wig wer, Verlangt', daß ich die Kunft ihm zeig‘, und ließ mid, Nur weil er Dädalus nicht ward, durch jenen,
Der ihn als Sohn bielt, in das Seuer werfen. Doch zu der letzten Bulge von den zeben Verdammte, weil ih Alchymie im Leben Betrieben, Minos mid, der nie Fann irren.”
Und zu dem Dichter fprad ih: ‚Bab’s ein Volk je Leichtfinnig wohl, gleidy wie die Sienefer ?
Bewiß, nicht die Sranzofen find’s um vieles.‘ Darsuf der andre’ Ausfägige, mich hörend,
Ans Wort mir einfiel: „Nimm mir aus den Stricce, Der Aufwand fo mit Maß verftand zu machen, Und Yrifolaus, der zuerjt erfunden
Die prächt'ge Roft der Nelk' in jenem Garten, Wo alfobald bekleibt dergleichen Same.
Das Kränzchen auch nimm aus, darin verzettelt Den Sorft und Weinberg Caccia von Asciano
Und Abbagliato feinen Witz gezeigt hat.
Doch jerzt, damit du wiffeft, wer dir gegen
Sienss Volk fo beiftebt, blick' mich ſcharf an,
So dafs mein Antlis ganz div Antwort ftehe. Und fehn wirft dur in mir Capocchios Schatten, Der einft Metall durch Aldyymie verfälfcher; Denn kenn' ich recht dich, mußt du dich erinnern, Was für ein guter Aff’ ich der Natur war.”
Dreißigfter Gefang
Zu jener Zeit, als gegen Thebens Samen
Ob Semeles in Zorn entbrannt wer Juno,
Wie zu verfchiednen Malen fie gezeigt bat,
Ward Athamas vom Wahnfinn fo ergriffen, Daß, da, auf jeder Seite gleich beladen,
Sein Weib er fommen fab zufamt zwei Söhnen Er rief: „Spannt aus die Netze, daß die Löwin Mit ihren Jungen ih am Ausgang fange.” Ausftredend drauf die unbarmberz’gen Klauen, Packt' er den einen, der Leardy genannt ward, Und fchleudert und zerfchlug an einem Stein ihn, Und jen’ ertränfte mic der andern LZaft fich.
Und als Fortuna der Trojaner Bröße,
Die alles fih vermaß, zu unterft Fehrte,
So daß der König mit dem Reich zugrund ging, Hört' die gefangne Hefuba man traurig
Und elend, da fie Polyrenen tot ſah
Und ihres Polydors, die Jammervolle,
War inne worden an dem Strand des Meeres, In Raferei glei einem Sunde bellen,
Weil fo viel Schmerz den Sinn verftört ihr hatte. Doch nicht thebanifche, nicht Trojas Surien
Sah je fo wild man Tiere, noch viel minder Anfallen je die Blieder eines Menſchen,
Als, um ſich beigend, nackt und bleich zwei Schatten Ich jetzt herbei fab Iaufen gleih dem Schweine,
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Das aus dem Bof iſt losgelaffen worden. Anlangend bei Capocchio, packt der ein’ ihn
So mit den Zähnen am Benid, daß hin er
Ibn 390g am harten Grund, den Bauch ihm reibend. Zu mir der Aretiner drauf, der zitternd
Noch ftand: „Der Kobold, der umber fo mwüter, Befhädigend die Beifter, ift Sans Schicht.”
‚„O, ſprach ich, ‚foll der andre dir die Zähne Nicht in den Rüden ferzen, fo verdrieße
Dich's nicht, eh’ er entfchlüpft, ihn mir zu nennen.‘ Und er zu mir: „Das ift die alte Seele
Myrrhas, der Srevlerifchen, die dem Vater
Arie mebr denn rechter Liebe ward gewogen, Und ihr gelang’s, zu fündigen mit jenem,
In fremdes Auß’re trügerifch ſich büllend,
Wie jener, der dort hingeht, einft die Rolle Buoſo Donstis fälſchlich durchgeführet, Letztwillig fo nah Form des Rechts verfügend, Damit der Herde Sürftin er gewinne.”
Und als die beiden Rafenden vorüber
Yun waren, drauf geruht mein Auge batte, Wandt' ich’s, die andern Schurfen zu betrachten. Da ſah ich einen, ähnlich einer Laute
Geſtaltet, hätt' ihm anders man die Weichen Dort, wo der Menſch gefpalten ift, verftuter.
Die läft’ge Waſſerſucht, die durch die Säfte,
Die ſchlechtverdauten, fo verzerrt die Blieder, Daß das Befihe nicht mehr entfpricht dem Wanfte, Sielt ihm die Lippen aufgefperrt, wie fonft wohl Schwindſücht'ge tun, die ob des Durfts die eine Dem Rinne zu, aufwärts die andre ziehen.
„O ihr, die fonder Straf’ ihr (und nicht weiß ich, Warum) euch in der ſchlimmen Welt befinder,” Begann er jest zu uns, „Schaut und betrachtet
Das Elend Meiſter Adams; denn im Leben
Hatt' alles ih vollauf, was ich begehrte,
Und ſchmacht', ach! jetzt nach einem Tröpflein Weiler. Die Bächlein, die, herab zum Arno wallend
Don Eafentinos grünen Sügeln, Rüblung
Und Seuchtigkeit in ihrem Bett verbreiten,
Stehn vor dem Beift mir fters, und nicht vergebens, Denn mehr nody dörrt mich aus ihr Bild als felber Das Übel, das mich abzehrt im Befichte;
Denn die Gerechtigkeit, die ftreng mid) peinigt, Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gefündigt, Um baftiger die Seufzer mir zu jagen.
Dort liege Romena, wo den Seingehalt ich, Beſiegelt mit des Täufers Bild, verfälfcher,
Drum id verbrannt den Leib zurüdließ droben. Doc ſäh' ih Buidos oder Aleranders
Derruchte Seel’ bier oder ihres Bruders,
Für Brandas Born gäb’ ich nicht bin den Anblic. Drin ift die eine ſchon, wenn mid) die Schatten, Die ringshberum bier rafen, wahr berichtet,
Allein was bilft’s mir mit gebundnen Bliedern! Wär’ ich fo leicht nur, daß in hundert Jahren Ich einen Zoll mid vorbewegen Fönnte,
So hätt! ih [yon mich auf den Weg begeben, Ihn unter dem entftellten Volk zu fuchen,
Wenn es elf Meilen gleih im Rreis umberliegt Und in der Breite mind’ftens eine halbe.
Bei folderlei Benoffen bin durch jen’ ich,
Da die Floren' fie mich verführt zu ſchlagen,
So drei Barat enthielten an Legierung.”
Ich drauf: ‚Wer find wohl die armfel’gen beiden, Die dampfend, glei der Sand, getaucht ins Waffer Beim Winterfroft, dicht dir zur Rechten liegen ?‘ „Hier fand ich fie, die nie feitdem fich wandten,”
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Sprach er drauf, „als in dieſen Spalt ich fchneite, Und werden's, mein’ ich, nicht in Ewigkeiten.
Dief’ ift die falſch' Anklägerin des Joſeph,
Sinon von Troja der, der falfhe Grieche,
Don Brodem qualmend beid' im hitz'gen Sieber.” Und einer drauf von ihnen, dem’s zuwider
Wohl war, verächtlich fo genannt zu werden, Schlug mit der Sauft auf den gefpannten Wanft ibm, Der einem Trommelfell glei widerdröhnte;
Doch Meiſter Adam gab ibm mit dem Arme,
Der minder hart nicht ſchien, eins ins Befichte
Und fprad zu ibm: „Muß glei ic die Bewegung Entbehren durch die Schwere meiner Blieder,
Hab' ih doch frei zu ſolchem Zweck den Arm noch.” Und jener drauf entgegnet’: „Als zum Seuer
Du fohritteft, war er dir nicht fo bebende,
Doch fo und mehr noch war er’s, als du prägteft.” Der Weflerfücht'ge jest: „Dran fprichft du Webrbeit, Doch warſt du nicht ein fo wahrhaft'ger Zeuge,
Als man bei Troja di nach Wahrbeit fragte.” — „wenn falſch ich ſprach, fo fälfchteft du die Münze,“ Rief Sinon, „und bin bier ob eines Fehls ich,
Bift du's ob mehr, denn irgend fonft ein Teufel.” — „Krinn’re dich, Meineidiger, des Pferdes,”
Bab der mit dem gefhwoll'nen Wanft zur Antwort, „Und Strafe fei dir’s, daß es alle Welt weiß.” — „nur Strafe,” ſprach der Grieche, „fei der Durft dir, Drob dir die Zunge platzt, und vor den Augen,
Den Bauch dir türmend auf, das Kiterwaffer.”
Der Münzer drauf: „So reifeft du wie immer
Den Mund dann auf, Verkehrtes nur zu fprechen; Denn dürft’ ih auch, bin ich gefüllt mit Naß doch, Di aber plagt die Sie famt dem Bopfſchmerz, Und lang’ wird man dic) nicht zu bitten brauchen,
Damit YIarciffus’ Spiegel du beledeft.”
Dieweil ich fo gefpannt auf jene borchte,
Begann zu mir mein Wfeifter: „Sieb mir einer, Es fehlt nur wenig, daß mit dir ich badre!”
Als id ibn jest im Zorn fo fprechen hörte,
Wande ich mich gegen ihn fo voll Beſchämung, Daß fie mir noch fi regt in der Erinn'rung.
Und jenem gleich, der, eignes Unglück träumend, Im Traum zu träumen wünfcht, ſich das erfehnenD, Was wirflidy ift, als ob es nicht fo wäre,
Ward mir, ds voll Begier, mich zu entfchuld’gen, Ich Feine Worte fand, und bei dem allen
Mich doch entfchuldigte, ohn' es zu wiffen. „Bering're Scham tilge aus wohl größern Sebleritt, Als deine ift gewefen,” fprad mein Weifter, „Darum entlade dich jedweden Trübfinns
Und denk’ nur dran, daß ich dir immer nah' bin, Wenn's je gefchieht, dag dich der Zufall hinführt, Wo Leut' in folcherlei Gezänk fich finden,
Denn niedrig ift der Wunſch, derlei zu bören.”
Einunddreißigfter Gefang
Diefelbe Zunge, die mich erft verwundet,
So daß fi rot mir beide Wangen färbten, Sie reichte wieder mir die Arzenei dann.
So hört’ ich, daß die Lanze des Achilles
Und feines Vaters erft ein ſchlimm Geſchenke Und dann ein gutes zu erteilen pflegte.
Dem Jammertal num wandten wir den Rüden, Ouer überm Felsrand, der es rings begrenzet, Sinfchreitend, ohn' ein Wort von uns zu geben. Hier war es Wacht nicht ganz und gänzlih Tag nicht, So daß mein Blick nur wenig vorwärts reichte,
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Doch hört' ich in ein Horn lautfchallend blafen, Drob felbft der Donner ſchwach geflungen hätte, Und einem Punft zu lenften beide Augen
Sich mir, dem Ton nad) in verkehrter Richtung. Nach jener ſchmerzensvollen Yliederlage,
Die Karl des Broßen beil’gen Zug vereitelt,
Hat alfo furchtbar Roland nicht geblafen.
Raum hatt? ich dort hinauf das Saupt gewendet, Als es mir deucht', ich fäh’ viel hohe Türme, Drob ih: ‚Sprich, Wieifter, welche Stadt ift diefes ?' Und er zu mir: „Weil durch die Sinfterniffe
Zu weit umber du fchweifft, fo muß es Fommen, Daß deine DVorftellung ſich dann verirret,
Denn deutli wirft du fehn, wenn dort du anlanaft, Wie fehr der Sinn fi täufcht aus der Entfernung; Drum treibe felbft dich etwas fchneller vorwärts.” Darauf, mich freundlich bei der Hand ergreifend, Sprad er: „Eh' wir nody weiterhin gelangen, Daß dir die Sache minder feltfam fcheine,
So wiſſe, nicht find’s Türme, nein Biganten,
Die von dem Nabel abwärts famt und fonders Im Schadte ftehn ringsum am Selfenufer.”
Wie, wenn der YIebel fidy zerftreut, das Auge Jetzt nah und nach beginnt zu unterfcheiden,
Was erft der Dunft barg, von der Auft verdichtet, So, als ich mehr die dien, dunflen Lüfte Durchdrang und mebr mich näherte dem Strande, Floh Irrtum mich, indes mich Surcht ereilte. Denn wie an feinem zirfelförm’gen Umfang
Mit Türmen ift gefrönt Wiontereggione,
Alfo umtürmten mit dem halben Leibe
Den Rand, der ringsumber den Schacht umgürtet, Die ſchrecklichen Giganten, die, wenn's donnert, Noch immer Jupiter bedroht vom Simmel,
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Und ſchon gewahrt ih Antlig, Bruſt und Schultern Des einen und den Bauch zum großen Teile,
Und beiderfeits hinab die Arme bängend.
Traun, als der Runft, zu zeugen ſolche Wefen, Natur entfagte, bandelte gar wohl fie,
Dem Mars derlei Vollfireder zu entziehen,
Und wenn fies auch, Walfifch und Klefanten
Zu fchaffen, nicht gereut hat, fcheint fie weifer Drum und gerechter bei genauer Prüfung;
Denn wo fi noch die UÜrteilsfraft des Beiftes Dem böfen Willen und der Wacht vereiner,
Rann niemand einen Damm entgegenftellen.
Sein Antlig ſchien mir gleih an Läng' und Breite Dem Pinienzapfen bei Roms Petersfirche,
Und demgemäß der andern Blieder Bröße,
So daf der Strand, der bis zur halben Söbe Ihm dient! als Schurz, nady oben bin fo viel noch Sehn ließ von ihm, daß bis zum Saar zu reichen Vergebens fi gerühmt drei Sriefen hätten;
Denn fein gewahrt idy volle dreißig Spannen Abwärts vom Ort, wo man den Mantel befter. „Rafel mai amec zabi almi,“
Begann der graufe Mund anjetzt zu fchreien,
Für den fi füßrer Pfalmen Ton nicht fchicte.
zu ihm mein Sührer drauf: „Blödſinn'ge Seele, Bleib bei dem Sorn, dir Auft mit ihm zu machen, Wenn, fei’s der Zorn, fei's andrer Trieb, dich faffer! Sud’ nur am Hals, dort findeft du den Riemen, Derworrne Seele, dran es hängt gebunden,
Und fieb, wie's dir die breite Bruſt umreifet.”
3u mir fuhr er jest fort: „Er felbft verklagt ſich; Nimrod iſt er, durch des verfehrten Anfchlag Mehr herrſcht als eine Sprache noch auf Krden. Mag er denn ftehn, laß uns umfonft nicht fprechen,
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Denn ibm ift jede Spracde, wie