Kleine Schriften.
Ein Beytrag | zur ge 5 Völker „und Länderkunde, Natrsgefi chichte . Philoſophie des ebene, a
71 122
| Georg F oer ſt er.
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| | Dritter Theil,
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i Berlin | | in der Voſſiſchen Sußpandinng 1794.
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« i | J n h a lt. ort, 1 WorläufigerSchllderumg des Nordens 0 yon Amerika. Seite t II. Geſchichte der Engliſchen Litteratur vom Jahre 1789. i 179 | III. Ueber Proſelytenmacherey. An die Herausgeber der Berliniſchen Mo⸗ natsſchrift, 1789. 05 IV. Leitfaden zu einer Fünitigen Ge ſchichte der Menſchen. 15 263
V. Die Kunſt und das Zeitalter. 283
Ä Inhalt.
VI. ein Blick in das Ganze der Natur.
Einleitung zu Anſangsgruͤnden der \ Thiergeſchichte. 309
\ VII. Fragmente aus Georg nes je
Nachlaß. 375
* 1. Ueber die Vernunft, in Be⸗
1 nehung auf das Gluck der 1 Menſchheit. 3577
2. Ueber die öffentliche Meinung.
357
360
Georg Forſter's Kleine Schriften.
451.
Vorlaͤufige Schilderung
det
Nordens von Amerika.
1792
Hvyperborcos campos.
G. Forſters kl. Schr. zr Th. 4
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Vorläufige Schilderung
g des Nordens von Amerika.
§. 1. Handelsbetrieb der Englaͤnder.
Der langſame Fortſchritt des Menſchen von einem beynahe vegetirenden, zu einem bloß thieriſchen, und von dieſem endlich zum ver⸗ nuͤnftigen Leben, kann jeden unbefangenen Be⸗ obachter uͤberzeugen, daß die Erziehung zwar auf ein Syſtem von abſtrakten Grundbegriffen zuruͤckfuͤhren darf, daß ſie aber von Erfah⸗ rungen, die den Unterſcheidungsſinn uͤben, ausgehen muß, weil ohne ſie ſchlechterdings
keine Abſtraktion verſtanden wird. Kraft und
Wille thaͤtig zu wirken, gehen dem Bewußt⸗ ſeyn, wie gewirkt werden ſolle und duͤrfe, lange vorher; ja, damit dieſer Gang der Natur un⸗
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ieee,
4 Vorlaͤufige Schilderung a veraͤnderlich bleibe, erneuert ſich das Menſchen⸗ geſchlecht immer wieder um die Zeit, wo eine Generation anfängt zum vollen Gebrauch ih— rer Vernunft zu gelangen. Im einzelnen Menſchen, der vom Beduͤrfniß zur Begierde, und von dieſer zur Leidenſchaft geleitet wird, entwickelt ſich ſtufenweiſe durch neue Erfahrun⸗ gen, neuen Genuß und neuen Drang der Ver⸗ 1 haͤltniſſe jedes wirkſame Prineip. Inſtinkt⸗ a mäßtg gehorcht er einer Anziehung, die von ſeiner Willkuͤhr unabhaͤngig iſt; er ſtrebt mit 4 jugendlichem Muthe nach der Befriedigung eis 1 nes heißen Triebes — und ihm bleibt zuruͤck, was er nicht ſuchte: das Bild der Vergangen⸗ heit, das Bewußtſeyn des Geſchehenen, der neus erlangte Begriff, verſchraͤnkt mit dem Begriffe ſeines individuellen Weſens. Allmaͤhlich, wie feine phyſiſchen Kräfte ſich vermindern, feine Nerven ſich haͤrten, feine Sinne ſtümpfer wer: 1 den, das Bekannte und Erprobte ihn nicht laͤn⸗ 20 ger reitzt und das Beduͤrfniß der Ruhe jedes ii andere Verlangen maͤßigt oder gar unterdrückt, 19 allmählich lebt er dann in ſich gekehrter als zus 1 vor, mit der Entwickelung ſeiner Sittlichkeit
aus ſeinem Schatze von Empfindungen, Bil⸗ dern und Begriffen beſchaͤftigt, und eben
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des Nordens von Amerika.
— reif zur Weisheit — wenn er kaum mehr wirken mag,
Daher gehoͤrt der Wahn, als koͤnne jemals etwas Großes ohne einen gewiſſen leidenſchaft⸗ lichen Antrieb geſchehen, unſtreitig zu den ſchaͤdlichſten Vorurtheilen, die der Mißverſtand tiefſinniger Wahrheiten veranlaßt hat. Ver⸗ gebens fordert die Philoſophie, vergebens be⸗ fiehlt der Glaube das uneigennuͤtzige Streben nach dem Guten, um des abgezogenen Begrif⸗ fes willen von; Guten; diejenigen, die ihrer Wirkſamkeit dieſen Beweggrund andichteten, waren Heuchler, und die wirklich keinen ande⸗ ren hatten, verſanken hald in unthaͤtige Ruhe, oder verfielen auf kindiſche Spielereyen, oder verſuͤndigten ſich durch ihre Ugerfahrenheit, ihre Einſeitigkeit und ihr Scheinwiſſen auf Jahrhunderte lang an der Menſchheit. Wahr und heilig ſteht darum dennoch das goͤttliche Ideal der Vollkommenheit, wie ein glaͤnzendes Ziel in der Hoͤhe, vor uns aufgeſteckt. Wenn es gleich durch Erfahrung bewieſen iſt, daß ſchwerlich je ein Menſch, und ſicherlich nirgends ein Volk, nach den reinen Abſtraktionen der Metaphyſik ſeine Handlungen abmaß oder ſei⸗ nen Willen beſtimmte, ſo vermag doch nur die A 3
—
6 Vorläufige Schilderung eg a VA nn eng tranſeendentale Regel den Werth oder Unwerth des praktiſchen Lebens fuͤhlbar zu machen und
zugleich den laſterhaften Abweichungen eine Schranke zu ſetzen.
Beduͤrfte es noch eines Beweiſes, daß die
Unterwerfung des Willens Aller unter den Wil⸗ len eines Einzigen oder einer geringen Anzahl von Menſchen, allen Geſetzen der Natur wi⸗ derſpricht, ſo wuͤrde das bisher Geſagte hinrei⸗ chend ſeyn, die Entſetzlichkeit ſolcher Anmaßun⸗ gen darzuthun. In keiner Geſetzgebung liegt der Antrieb zum Handeln: ſie kann zwiſchen Buͤr⸗ ger und Buͤrger immer nur die Wirkſamkeit des einen der Wirkſamkeit des andern zur Graͤnze beſtimmen; fie befiehlt nur, wo man zu han⸗ deln aufhören ſoll, um ſich keiner Beeintraͤch⸗ tigung eines fremden Wollens und Willens ſchuldig zu machen. Ihr kann nichts heiliger, nichts unverletzlicher ſeyn, als der freye Wille des Buͤrgers, und feine Empfänglichkeit für Alles, was ſein freywilliges Wirken hervorruft. Allein dieſes Heiligthum entweihet der Deſpo⸗ tismus, der keinen Willen außer dem ſeinigen, kein Wirken außer demjenigen geſtattet, wozu er den erſten gewaltſamen Stoß verlieh. Sein Joch, ſey es bloß inkonſequente Laune oder der
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des Nordens von Amerika, 7 FFT
weit aͤrgere geiſttoͤdtende Mechanismus, be⸗ nimmt dem Sklaven jeden Antrieb zum Wir⸗ ken, indem er ſeine Spontaneitaͤt, ſein Selbſt⸗ gefuͤhl und ſeine Vernunft zu Boden druͤckt. Zwar gaͤnzlich erloͤſchen ſeine Begierden nicht: es giebt einen Spielraum, wohin das argwoͤh⸗ niſche Auge des Alleinherrſchers nicht dringen will oder kann; doch laßt uns ihn nicht auf⸗ decken, dieſen ekelhaften Schauplatz der nie⸗ drigſten Leidenſchaft, zu klein fuͤr die Tugend,
weil er kein Vorbild in ſich faſſen kann, und
dennoch beſudelt mit jeder Unſittlichkeit, welche die geſunkene Menſchheit entehrt. Was un wiederbringlich verloren geht, iſt jenes rege Streben der Menſchen nach einem groͤßeren Wirkungskreiſe, jene reine Gluth der edleren Leidenſchaften, Ehrgeitz und Ruhmbegierde, Sinn des Schoͤnen, Beduͤrfniß des verfeiner⸗ ten Genuſſes, und emſiges Bemuͤhen, ſich die Mittel zu ihrer Befriedigung zu erwerben; dies alles ſtirbt dahin, wo perſoͤnliche Unſicher⸗ heit, Ungewißheit des Eigenthums, und blie⸗ ben auch dieſe verfchont, die taufendfachen
Hinderniſſe, die aus vervielfaͤltigten Verord-
nungen entſpringen, oder auch nur die Furcht, daß morgen der Tyrann einreißen koͤnne, was 2 4
3 Vorlaͤufige Schilderung f
heute ſein Vorgaͤnger zu bauen vergoͤnnte, jede Kraft ſchon im Keim erſticken. Der Handel, die Quelle des Reichthums und der mit ihm und durch ihn allein im Schooße der Sicherheit aufſproſſenden, zarteren Bluͤthen des geſelligen Lebens, dieſer hoͤheren Bildung und Entwickelung der edelſten Seelenkraͤfte und ihrer Ausgeburten — der Kunſt und Wiſſen; ſchaft — der Handel fordert freye ungehemmte Thätigkeit, Unverletzbarkeit der Perſon und des Eigenthums, Unpartheylichkeit der Gerichte, und um dieſe nicht der Willkuͤhr treuloſer und anmaßender Betrauten zu uͤberlaſſen, allge⸗ meine Publieitaͤt, ſtrenge Verantwortlichkeit, Urtheil durch unbeſoldete, dem Beklagten glei⸗ che, von ihm anerkannte, immer nur auf kurze Zeit berufene, einſtimmige Richter ). Wo dieſe Schutzwehr der buͤrgerlichen Freyheit unerſchuͤtterlich feft ſteht, ſey denn auch in dem Raͤderwerke der politiſchen Maſchine mehr oder minder Zuſammenſetzung, ſey immerhin in der Organtjarion der Stände, in der Stell⸗ vertretung des Volkes, in der Vertheilung der Gewalt ein Fehler, der den Keim einer kuͤnf⸗ tigen Aufloͤſung enthält; dort wird ſich dennoch ) Geſchworene (Juries). F.
des Nordens von Amerika. 9 7 ah Sn ne lange durch geringe Erſchuͤtterungen das ges ſtoͤrte Gleichgewicht wieder herſtellen laſſen; durch feine innere, nie erſchoͤpfte, nie gelaͤhmte Lebenskraft wird dort der Staat in Macht, Glanz und Einfluß bluͤhen und der Welt das Beyſpiel geben von der bewundernswerthen An⸗ ſtrengung, zu der nur freye Voͤlker fähig ſind.
Indeß wir auf dem feſten Lande Bedenken tragen, die einfache Frage zu bejahen, ob die Frey⸗ heit — das Recht, dem Naͤchſten unbeſchadet zu wirken und zu wollen — nicht allen Menſchen zugeſtanden werden muͤſſe, wenn man fie Einen zugeſteht, beweiſen die gluͤcklichen Bewohner der Brittiſchen Inſel mit der That, daß auf dieſem Rechte der bluͤhende Wohlſtand ihres kleinen Reiches und jene politiſche Wichtigkeit beruhet, die es in den erſten Rang der Mächte, und dort, vielleicht ohne Widerrede, auf den ober⸗ ſten Platz erhebt. Mit einer Bevoͤlkerung, die ſich noch nicht auf zehn Millionen Menſchen beläuft, vertreibt dieſe thaͤtige Nation jährlich fuͤr mehr als dreyhundert Millionen Thaler an Waaren, die ſie im Lande ſelbſt fabrieirt; und nach dieſer einzelnen Angabe zu rechnen, kann der ganze Umſatz des Brittiſchen Aktiv⸗ und Paſſiv⸗ handels nichts geringeres, als eine viermal ſo A 5
10 Vorlaͤuſige Schilderung große Summe betragen. Dieſer ungeheure Reichthum bewirkt das ſo bewunderte Phaͤno⸗ men des allgemeinen Umſchwunges, welcher dort alles in ſeinem Wirbel mir ſich fortzurei⸗ ßen und allem eine gemeinſchaftliche Bewegung mitzutheilen ſcheint; er ſetzt zugleich die Nation in Stand, die furchtbare Laſt ihrer oͤffentlichen Abgaben zu tragen, und in erforderlichem Falle ihre Flotten auszuruͤſten, um ſich die Achtung aller übrigen Seemaͤchte zu ertrotzen. Außer ihrem Weſtindiſchen Handel, der ſeit den Un⸗ ruhen in Frankreich faſt ausſchließend in ihren Haͤnden iſt, hat ihre Thaͤtigkeit alle anderen Nationen vom Chineſiſchen Markte verdraͤngt, in Indien ganze Koͤnigreiche unterjocht, mit den Amerikanern die im Kriege abgebrochenen Handelsverbindungen erneuert, und zwiſchen der Nordweſtkuͤſte jenes großen Welttheils und dem Hafen Kanton den neuen Zweig des Pelzhandels in Gang zu bringen geſucht. Die Erzeugniſſe, die Fabrikate, die Metalle, die Koſtbarkeiten und die Befriedigungsmittel des uͤppigſten Luxus ſtroͤmen aus allen Welttheilen und aus ihrem Innerſten, wie von ihren Kuͤ⸗ ſten, in die Haͤfen des Brittiſchen Reiches, und werden erſt von dorther in Europa behannt.
bes Nordens von Amerika. 11
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Kein Volk des Alterthums kann in Vergleich mit dieſen Kaufleuten der neueren Zeit beſte⸗ hen; der Kuͤſtenhandel und die Karawanen der Phoͤnieier vor dreytauſend Jahren ſind ſchwache Verſuche geweſen, wenn man ſie mit dem un⸗ geheuren Waarentranſport, den Fahrten von einem Pol zum andern, den kuͤhnen Weltum⸗ ſchiffungen, den mächtigen Beſitzungen in allen Gegenden der Erde, den Fiſchereyen auf ent⸗ fernten Meeren, den unzaͤhligen Mitteln des Erwerbes und Zweigen der Betriebſamkeit, dem reichen Anbau, den bis zur Vollkommenheit organiſirten Fabriken, den gluͤcklich und weis⸗ lich erdachten Maſchinen, dem allgemeinen Wohlſtand, der Reinlichkeit, der ſoliden Pracht und Eleganz der Reichen, kurz mit der ganzen bewundernswuͤrdigen Energie und Majeſtaͤt der neuen Meereskoͤnigin zuſammenhaͤlt. Im Brennpunkte jenes untruͤglichen Spie . gels, womit die Wahrheit den Werth alles menſchlichen Thuns und Treibens pruͤft, ſchmilzt allerdings dieſes blendende Schauſpiel zum zweydeutigen Reſultat der eigennuͤtzigſten Ber gierden zuſammen. Unerſaͤttliches Verlangen nach ſinnlichem Genuß, Hoffart und Pracht⸗ liebe, Neid und Mißgunſt, Geitz und Habgier,
12 Vorlaͤufige Schilderung
— , ar oder ſey es auch der verzeihlichere Antrieb des ſtolzen Kraftgefuͤhls, der Herrſchſucht und des Ehrgeitzes — wie verengen oder veroͤden fie mehr das menſchliche Herz! auf welchen Ser wegen leiten ſie es nicht uͤber Verbrechen und Laſter zum Ziele! Reichthum und Ueberfluß auf dieſem Wege oft mit dem Schweiß und Blute des unverſchuldeten Dulders erkauft —
was ſind ſie anders, als neue Quellen des ſitt⸗
lichen Verderbens, neuer Zunder der Eitelkeit
und des Eigennutzes, in deren Flammen alles
Mitgefuͤhl verſiegt? Auch kennen wir die ſchauervolle Gewißheit, daß eine unheilbare Krankheit der Staaten aus dem Uebermaße der Macht und des Genuſſes entſpringt, die nur mit ihrem Umſturz endigen kann. Doch ge⸗ nug! die bittre Frucht der Leidenſchaft malt auch der ſtrengſte Sittenrichter nicht mit ge⸗ haͤſſigeren Farben Iſt es das Loos unſeres begraͤnzten Weſens, nur auf der Leiter der Em⸗ pfindungen und Begierden hinanzuſteigen zum ſittlichen Bewußtſeyn und zur Entwickelung des Goͤtterfunkens Vernunft; mußten uns die Be⸗ griffe von Wahrheit, Guͤte und Schoͤnheit ohne den Gegenſatz des Falſchen, Boͤſen und Haͤßli⸗ chen ſtets verborgen bleiben: ſo wird die Wahl
9. A
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des Nordens von Amerika. 13 §—B — ba Ste nn nn
uns dennoch leicht zwiſchen der rohen, unwiſ⸗ ſenden Unſittlichkeit des Muͤßigganges, und die⸗ ſer raſchen, durch ihre Fehltritte verbeſſerten und zur Erkenntniß führenden Betriebſamkeit, zwiſchen jener halbwachen, halbtraͤumenden Betaͤubung der Defpötieen, wo keine Tugend moͤglich iſt, weil das erſchlaffte Gefuͤhl ſie nicht ahnden, der traͤge Geiſt ſie nicht ereilen, der verarmte Verſtand ſie nicht faſſen kann, und dieſem Schauplatze des vollen, freyen, ge: ſchaͤftigen Lebens, wo fie von Allen gekannt und geachtet, von Einigen im edelſten Kampf
errungen und von Anderen als ein Erbe davon
getragen wird.
Wer wollte noch Worte verthnichhen „ um die ſonnenklare Wahrheit zu beweiſen, daß der nuͤtzlichſte Fleiß, was auch ſeine erſte Triebfeder ſey, ſich ſelbſt durch Reinheit der Sitten ſchon belohnt, indem er den größten Abſchnitt des Lebens hindurch vor jenen Anfechtungen ſichert, die der langen Weile des Muͤßiggaͤngers fo ger faͤhrlich ſind? — Es iſt Zeit, daß wir dem eigentlichen Zwecke dieſes Aufſatzes näher kom⸗ men, und zuvor einen fluͤchtigen Blick auf jene gemeinnuͤtzigen Fruͤchte des Brittiſchen Han⸗ delsbetriebes werfen, auf jene wichtigen Fort⸗
14 Vorlaͤuſige Schilderung ſchritte des menſchlichen Geiſtes in ſeiner ſchoͤpferiſchen Eigenſchaft, an denen man das Annaͤhern zu einem der vernuͤnftigen Menſch⸗ heit vorgeſteckten Ziele meſſen kann. Hier iſt der Punkt, wo thaͤtige, Handel treibende Voͤl⸗ ker ihre gefeſſelten oder trägeren Nachbarn un⸗ endlich weit hinter ſich zuruͤcklaſſen, wo folglich ber Werth jener ſo oft verkannten Antriebe gro⸗ ßer Leidenſchaften am deutlichſten ſichtbar wird. Auf der unterſten und auf der hoͤchſten Stufe der moraliſchen Bildung, kann die Summe der Gluͤckſeligkeit und des Genuſſes gleich zu ſeyn ſcheinen; allein dieſer Genuß und dieſe Gluͤck⸗ ſeligkeit, die vermuthlich den Thierarten eben ſo reichlich wie dem Menſchen zugemeſſen ſind, koͤnnen eben deswegen nicht der letzte Zweck des denkenden Weſens ſeyn. Das Hoͤchſte und Edelſte, was der Menſch beſitzt, ſeine Vers nunft, iſt auch der Gegenſtand ſeiner oberſten Sorge. Welcher Vernuͤnftige moͤchte nicht lie⸗ ber ungluͤcklich, als unvernuͤnftig ſeyn?
§. 2. Geographiſche Fortſchritte.
Was der Handel beygetragen hat, die Maſſe des menſchlichen Wiſſens zu vermehren
des Nordens von Amerika. 15 Arm ———— . A —
einer und durch den Tauſch localer Kenntniſſe das das Licht der Philoſophie anzuzuͤnden, iſt ſchon ſo nfchs allgemein bekannt, daß ich es kaum erwaͤhnen er iſt darf. Genau laͤßt es ſich indeſſen keinesweges Voͤl⸗ beſtimmen, wie groß der Antheil eines jeden un⸗ Volkes oder einzelner ausgezeichneter Men⸗ glich ſchen an dieſer wichtigſten Angelegenheit unſe⸗ gro⸗ rer Gattung ſey; und hier iſt wohl am wenig⸗ ird. ſten der Ort, wo eine ſolche vergleichende Pruͤ⸗ Dtufe fung angeſtellt werden kann. Das Verdienſt e der der Britten um praktiſche Wiſſenſchaft iſt wenig⸗ ſeyn ſtens von ſo großem Umfange, daß ihnen nicht luͤck⸗ x leicht ein anderes Volk im gegenwärtigen Zeit, eben { punkt ihren Rang in dieſer Ruͤckſicht ſtreltig mas ſind, chen wird. Daß Macht und Einfluß allein des dieſe gemeinnuͤtzige Erſcheinung nicht hervor⸗ und N bringen, beweifen jedoch die Spanier und Por⸗ Ders “ tugieſen, deren geringer Betriebſamkeit wir es rſten Schuld geben muͤſſen, daß Braſilien, Peru t lie⸗ und Mexico, nebſt ſo vielen anderen weitlaͤuf⸗ tigen Beſitzungen, uns kaum noch weiter als = dem Namen nach bekannt find, indeß man vers ggiobens nach großen Männern und merkwuͤrdt⸗ gen Epochen in der Geſchichte dieſer Nationen die 1 forſcht, denen die Wiſſenſchaft weſentliche Ent⸗
deckungen und wichtige Fortſchritte verdankte.
16 Vorlaͤufige Schilderung
— —
In der That ſetzt es ſchon einen Grad der Auf— klaͤrung und Einſicht voraus, dieſe Kenntniſſe, auch nur in eigennuͤtziger Beziehung auf Pri⸗ vatvortheile oder Befriedigung kleiner Privat; abſichten, einzuſammeln und wieder bekannt zu machen. Wenn aber eine thaͤtige Nation erſt dieſen Punkt gewonnen und dieſen Grad der Einſicht wirklich erbeutet hat, alsdann läßt füch mit Recht von ihr erwarten, daß jedes Jahr neue Entdeckungen, neue Verſuche ins Unbe⸗ kannte zu dringen, und die Graͤnzen ihrer Ge⸗ ſchaͤftigkeit weiter hinauszuruͤcken, mit ſich brin⸗ gen werde.
Hinweggeſehen von ſo vielen theils wiſſen⸗ ſchaftlichen, theils mechaniſchen Erfindungen, welche, mittelbar wenigſtens und weil alle Theile unſeres Wiſſens mit einander in der eng⸗ ſten Beziehung ſtehen, der kaufmaͤnniſchen Ber triebſamkeit und den durch ſie in Umlauf ge— brachten Ideen ihr Daſeyn verdanken, hat ins⸗ beſondere die Laͤnderkunde ſeit einiger Zeit durch die Brittiſche Schifffahrt ihre Graͤnzen merk lich erweitert. Die edelſten Unternehmungen, welche dieſes Jahrhundert auszeichnen, die bloß in wiſſenſchaftlicher Hinſicht entworfenen und mit fo wunderaͤhnlicher Geiſtesgroͤße ausgefuͤhr⸗ ten
Auf niſſe, Pri⸗ rivat⸗ nt zu n erſt d der Bt ſich Jahr Unbe⸗ r Ge⸗ brin⸗
wiſſen⸗ ungen, il alle r eng⸗ en Be⸗ uf ge⸗ at ins⸗ t durch merk⸗ ungen, ie bloß n und zefuͤhr⸗ ten
ten Welumſchiffungen des unſterblichen Entde⸗ ckers, James Cook, haben von einer unbe⸗ kannten Hälfte des Erdbodens den Schleyer hinweggeriſſen, der ſie uns verhuͤllte. Die
Beharrlichkeit, womit er dreymal nach einan⸗
der feine vaterlaͤndiſche Inſel verließ, um auf der Entdeckungsbahn weiter fortzuruͤcken, hat ſeine Begeiſterung dem ganzen Volke mitge⸗ thellt, und ich ſtehe nicht an zu behaupten, das Auszeichnende ſeiner Todesart hat ihr ein vol⸗ lendendes Siegel aufgedruckt. Erſt von die⸗ ſem Zeitpunkt an iſt der Geiſt der Entdeckung neu erwacht; das große Muſter hatte zur Nachfolge theils ſeine eigenen Zoͤglinge, theils andere Seefahrer gereitzt, die jetzt mit einan⸗ der wetteſferten, die entfernteſten Meere zu de ⸗ ſchiffen, um den Beyfall ihrer Nation durch neue Entdeckungen und freymuͤthige Mitthei⸗ lung derſelben zu gewinnen. Derſelbe Enthu⸗
ſiasmus ergriff auch diejenigen Mitglieder der buͤrgerlichen Geſellſchaft, die keinen unmittel⸗ baren thaͤtigen Anthell an dieſer Art der Er; weiterung des menſchlichen Wiſſens nehmen konnten: fie verbanden ſich zur Unterſtuͤtzung ſolcher kühnen Abentheurer, die es wagen woll⸗ ten, in ſernen Wildniſſen und unter rohen
G. e ir Tb. E
% Vorläufige Schilderung
feindfeligen Horden neue Kenntniſſe einzuſam⸗ meln; fie thaten patriotiſche Vorſchluͤge, wie der ernſte Zweck der wiſſenſchaftlichen Aufklaͤ⸗ rung mit der menſchenfteundlichen Vorſorge fuͤr die ungluͤcklichſten Klaſſen unſerer Gattung gepahrt, wie die für den Staat durch ihre Vergehungen verlornen Mitglieder in einer anderen Weltgegend wieder zu nuͤtzlichen und arbeitſamen Buͤrgern umgeſchaffen, und wie die Produkte der neuentdeckten Laͤnder zum leichteren Unterhalte der im Joche der Knecht⸗ ſchaft feufzenden Schwarzen in Weſtindien benutzt werden koͤnnten. Selbſt die großen, monopoliſirenden Handlungsgeſellſchaften fuͤhl⸗ ten jetzt, wie genau das Intereſſe der Wiſſen⸗ ſchaft mit ihrem Privatvortheile verbunden iſt, oder legten wenigſtens jene Geheimnißkraͤme⸗ rey bey Seite, die ſie bisher bey dem Pu⸗ blieum nur verdächtig gemacht hatte, ohne ihnen Nutzen zu bringen. Die Oftindifche Compagnie beſoldete einen Geographen mit mehr als Koͤniglicher Freygebigkeit, und ließ ihm freye Hand, den ungeheuren Schatz von
Karten und Tagebuͤchern, die ihre Schiffe: capitaine in ihren Archiven niedergelegt hatten, ohne Ruͤckhalt oͤffentlich bekannt zu machen
— fan „wie ufklaͤ⸗ rſorge ttung ihre einer und d wie zum mechts indien roßen, fuͤhl⸗ Viſſen⸗ en iſt, kraͤme⸗ n Pu⸗ ohne ndiſche
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des Nordens von Amerika. 19 Die Hudſonsbay⸗Compagnie ergänzte aus ih⸗ rem Vorrathe, was dieſem talentvollen Manne an Huͤlfsmitteln zur genaueren Kenntniß des
— 2—
Nordens von Amerika noch fehlen konnte.
Ueberall ſchien die Ueberzeugung von der Ge⸗ meinnuͤtzigkett der Wiſſenſchaften in England fo. feſten Fuß zu gewinnen, daß man ſie jetzt als Zweck an ſich, nicht bloß als Mittel, kul⸗ tivirte. Cox, ein wohlhabender Privatmann, war auf eigene Koſten nach den Inſeln des Suͤdmeers geſchifft; Duncan war von der Hudſonsbay⸗ Compagnie zur vollftändigeren
Entdeckung der Amerikaniſchen Polargegenden ausgeſchickt; pitain Vancouver ab, um an der Nordweſt⸗
die Regierung fertigte den Ca⸗
kuͤſte die letzte Hand an das Entdeckungsge⸗ ſchaͤft zu legen; Mac Cluer, den die Oſtindi⸗ ſche Compagnie von Bombay aus mit zwey Schiffen nach den Pelew, Inſeln geſchickt hatte, um dem alten Koͤnig Abbathulle fuͤr
die an Wilſon bewieſene Gaſtfreundſchaft ihre
Dankbarkeit zu bezeigen und ihm zugleich die traurige Botſchaft von ſeines Li- Bu's Tode zu hinterbringen, hatte ſich kaum dieſes Ge⸗ ſchaͤftes entledigt und ſein Tagebuch in China den nach England zuruͤckkehrenden Oftindien, B a
20 Vorlaͤuſige Schilderung
fahrern anvertrauet, als er ſchon wieder aus⸗ lief, um die noch zweifelhaften Umriſſe von Neuguinea zu berichtigen; der fo wunderbar gerettete Bligh endlich, deſſen herrliche La⸗ dung von Brotfruchtſtaͤmmen, die nach Ja⸗ maica beſtimmt waren, durch den Aufruhr ſeiner Mannſchaft ihre Beſtimmung verfehlte, ward eben jetzt mit zwey Schiffen (Provi⸗ dence und Aſſiſtant) in derſelben wohlthaͤtigen Abſicht nach den Inſeln des ſtillen Oeeans zu- ruͤckgeſandt; und Edwards erhielt den Auf⸗ trag, mit der Fregatte Pandora die Aufruͤhrer aufzuſuchen und zur verdienten Strafe zu brin⸗ gen: ein Geſchaͤft, womit die Unterſuchung un⸗ erforſchter Meeresgegenden ſich ſchicklich ver⸗ einigen ließ. §. 2.
Mackenzies Entdeckungen.
Wie viel die eben genannten Seefahrer jur Vollendung unſerer geographiſchen Kennt, niſſe noch beytragen duͤrften, wird ein Zeit⸗ raum von wenigen Jahren ins Licht ſetzen. Bis jetzt iſt nur erſt von der Neife des Herrn Cor eine kurze Beſchreibung erfchlehen, die man
in der Geſchichte der Reiſen, die ſeit Cook an der Nordweſt / und Nordoſt Kuͤſte von
—
1 des Nordens und Amerika 21 r au/ Amerika ꝛc. unternommen worden find *), e von findet. Wie aber ſeit einigen Jahrzehenden dle derbar Erforſchung neuer Länder, oder auch in dem be: che La⸗ ſondern Falle der zweyten Cookiſchen Weltum⸗ ch Ja⸗ ſchiffung die Gewißheit, daß ein fo lange ge: ufruhr glaubtes Suͤdland nicht exiſtire, die weſentlich⸗ rfehlte, ſten Veraͤnderungen ſowohl in den Karten als in Provi⸗ den geographiſchen Lehrbuͤchern erheiſcht und haͤtigen veranlaßt hat; fo wird noch alljaͤhrlich, durch die ans zus NEE von Zeit zu Zeit bekannt werdenden Entdeckungen n Auf- und Berichtigungen die Geſtalt und Lage des we⸗ fruͤhrer niger ſorgfaͤltig unterſuchten und zum Theil noch u brin unbekannten Tordens von Amerika neue Kar⸗ ing un⸗ ten noͤthig machen, indem bereitshasjenige, was ch ver: noch im vorigen Jahre als wahrſcheinlich ges gãlaubt werden konnte, jetzt durch die erlangte Ger wißheit von Augenzeugen widerlegt worden iſt. Se Feſt ſteht das Faktum: daß die Unmoͤg⸗ efahrer lichkeit einer Tordweſtlichen Durchfahrt, Kennt. in einer ſchiffbaren Meeresgegend, erwieſen iſt, n Zeit- wie es die Abhandlung über die Nordweſt⸗ ſetzen. 1 kuͤſte von Amerika im zweyten Wer diet Herrn Sammlung unwiderleglich dargethan hat; und die man feſt wird es ſtehen, bis eine neue Kataſtrophe Cook 11 der Erde Neptuns und Plutons Reichen neue A ee e.
B
*
23 Vorläufige Schilderung
Sränzen abſteckt. Damals aber blteb uns noch
eine Hoffnung uͤbrig, daß der große Cooksfluß
mit dem neuentdeckten Sklavenſee, und durch - diefen mit den Seen und Fluͤſſen, die nach der
Hud ſonsbay fuͤhren, in Verbindung ſtehen koͤnnte; wir hatten auf ſolche Art eine Wahrſchelnlichkeit vor uns, daß ſich der Handel mit Rauchwaaren, auf die in Nordamerika laͤngſt übliche Methode, in kleinen Kaͤhnen, die man zuweilen auf Stre⸗ cken von einigen Meilen weit über Land ſchleppt, 8 von der Hudſonsbay unmittelbar bis nach der Nordweſtkuͤſte führen ließe. Allein dieſe Aus⸗ fiht zu einem bequemen Warentransport hat
ſich um vieles verſchlimmert, ſeitdem die wahre
Reiſeroute des Pelzhaͤndlers Mackenzie (S.
Th. II. dieſer Sammlung S. 20 F. u. f.) genau bekannt geworden iſt. Da die Veraͤnderungen, welche dadurch in der zweyten Ausgabe der von
A. Arrowſmith herausgegebenen Weltkarte
veranlaßt worden find, von der bisher geglaub⸗ ten Lage der dortigen Seen und Fluͤſſe merklich abweichen, fo waͤre ſehr zu wuͤnſchen geweſen, daß man das Tagebuch dieſes unternehmen⸗ den Abentheurers dem Publikum mitgetheilt hätte, Dies iſt aber noch nicht geſchehen, ob⸗ 1 es in England angekommen und in den
des Nordens von Amerika. Händen eines gewiſſen Herrn Simon Mac Taviſh befindlich iſt, der Herrn Arrowſmith erlaubt hat, nach den darin aufgezeichneten Angaben ſeine Karte zu verbeſſern. Um unſer Publieum indeſſen dieſe wichtigen Entdeckun⸗ gen nicht entbehren zu laſſen, hat der Herr geheime Kriegesſekretair Sotzmann ſie auf der neuen dieſem Theile beygefuͤgten Karte eingetragen; und hier wird es zweckmaͤßig ſeyn, das wenige, was wir von dieſer Reife
wiſſen, kuͤrzlich zu erzählen, um dadurch die
1 nenefte Eutdeckungsgeſchichte des Amerikanis. ſchen Nordens, fo gut es angeht, zu ergänzen, ' Man erinnert fih noch aus der Abhandlung
nuͤber die Nordweſtkuͤſte von Amerika, Ch. II. S. 205), daß der Kanadier Peter Pond, nachdem er 1787 nicht nur bis an den großen Skrlavenſee, ſondern auch in einen ſehr großen AJuß an deſſen ſuͤdweſtlichem Ende gekommen mar, feinen Gefährten Mackenzie daſelbſt zu⸗
ruückgelaſſen und den Ruͤckweg nach Quebek ge;
nommen hatte. Damals glaubte er, und machte ſeine Muthmaßung bekannt, daß dieſer Fluß kein anderer als der Cooksfluß ſeyn koͤnne, welcher denn ſolchergeſtalt aus dem großen Sklavenſee
Ei feinen Urſprung nehmen und die inänaliee. 1 B 4
24 Vorlaͤuſige Schilderung — *
Schifffahrt zwiſchen dem Atlantiſchen und dem noͤrdlichen ſtillen Meere ſehr erleichtern müßte, Nach Mackenzies Tagebuche vom Jahr 1789 verhält es ſich indeß mit dieſem Fluſſe ganz ans ders; anſtatt weſtwaͤrts in das noͤrdliche ſtille Meer, oder den großen Ocean zwiſchen Ame⸗ rika und Aſien, zu fallen, wendet er ſich ploͤtz⸗ lich gegen Norden, und fällt in das Eismeer. An der Stelle, wo dieſer Fluß, den wir kuͤnf⸗ tig den Mackenziesfluß nennen muͤſſen, aus dem großen Sklavenſee heraustritt, iſt er noch zehn Engliſche Meilen breit; etwas wei⸗ ter hinabwaͤrts verengt er ſich bis auf dine Engliſche Meile, und in der Lange feines Lau⸗ fes wird er noch beträchtlich enger; faſt überall aber finden wir in der Karte eine Tiefe ange⸗ merkt, die mit der Breite in Verhaͤltniß ſteht.
So z. B. wo der Fluß eine Engliſche Meile
breit iſt, beträgt die Tiefe nur viertehalb Klaf⸗ tern; hingegen unter dem Polarkreiſe, wo er auf einer Strecke von drey Engliſchen Meilen zwiſchen zwey ungeheuern Abgruͤnden ſich hin⸗ unterſtuͤrzt, die nur um fünfhundert Schritte von einander getrennt ſind, hat er eine Tiefe von funfzig Klaftern. In ſeinem Laufe nimmt er verſchiedene andere ste auf, deren
> dem üßte, 1789 nz an⸗ e ſtille Ame⸗ BUNTE smeer. kuͤnf⸗ „ aus iſt er s wei: f Line 8 Lau⸗ überall ange: ſteht. Melle ) Klaf⸗ wo er Meilen h hin: chritte Tiefe Laufe deren
f halb des Polarkreiſes aber, und eine Strecke
des Motdene von Amerika. 235
einige von n beträchtlicher Groͤße ſi find. Zu bey⸗ den Seiten erblickt man an mehrern Stellen große Gebirgsruͤcken, worunter der Zornberg an der Oſtſeite, nicht weit von dem Orte, wo der Fluß den See verläßt, vermuthlich von ſei⸗
ner beſonderen Geſtalt den ahmen hat. Wer
ter hinabwaͤrts nach Weſten findet man Ge⸗ blige mit glänzenden Steinen; etwas unter;
jenſeits deſſelben, erſt am oͤſtlichen, heiiach am entgegeſetzten Ufer, liegen Schneegebirge. Die Gewalt des Stroms iſt ſtellenweiſe ſehr verſchleden: an einem Orte ziſcht das Waſſer, wie in einem ſiedenden Topfe; jenfeitg deſſelben bemerkt man, daß der Strom an Geſchwin⸗ digkeit merklich zunimmt, weiterhin aber wle⸗ der ruhiger fließt. In der Gegend der erſten Schneegebirge iſt eine ſehr ſtark abſchuͤſſige Stelle, von der Art, die man in den Nordame, rikaniſchen Fluͤſſen Rapids zu nennen pflegt, und die allenfalls mit den Faͤllen im Dnepr vers glichen werden koͤnnen, indem ſie theils durch das ſchnelle Gefaͤlle des Bodens, theils durch die im
Flußbette hervorragenden Felſen perurſacht wer“ den. Unterhalb des zweyten Schneegebirges, etwa
einen Grad jenfeits des Polarkreiſes, ſoll nach B 5
58 —
26 Vorläufige Schilderung
dem Berichte der Indianer das Meer ſowohl gegen Oſten als gegen Weſten nicht weit ent⸗ fernt ſeyn, welches vermuthlich die Urſache iſt, warum man dieſer Gegend den Namen Iſthmus, oder die Erdenge, gegeben hat. Noch ehe man an dieſen Iſthmus kommt, bemerken die Indianer eine Stelle im Fluſſe, wovon ſie ſagen, es fen ein Manitu oder ein Geiſt darin, vermuthlich um mit dieſem Aus⸗ drucke die Bewegung eines dort etwa vorhande⸗ nen Strudels anzudeuten. Oberhalb der letzten Schneegebirge in 63° nördlicher Breite wird man keinen Baum mehr gewahr. Etwas wei⸗ ter nordwärts kam man an verlaſſene Lagerſtaͤt⸗ ten, die vermuthlich den Eskimos gehoͤrt hat⸗ ten. Hierauf zerſpringt der Fluß in mehrere Aeſte, und fällt ungefähr unter dem Eyſten Grade N. Br. in einen beynahe eirkelrunden Meerbuſen, wo⸗ die Fluth am 12ten Julius 1789. ſechzehn bis achtzehn Zoll flieg. In der Mitte dieſes Buſens liegt eine Inſel, welche den Namen Wallfiſchinſel (Whale - Island) auf der Karte hat. In der Nähe derſelben
iſt das Waſſer fünf Kla ß tern tief. Macken
zie landete auf dieſer Inſel, und errichtete da⸗
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des Nordens von Amerika. 27 5
—— m — 2 niß, daß er ſo weit gekommen, ſeinen Namen, die Anzahl ſeiner Mannſchaft und ſeiner Ka⸗ nots, b her noͤrdlichen Breite der Inſel, 69° 14°, anzeichnete. Nach Arrowſmith's Karte liegt dieſe Inſel in 225° oͤſtlicher (135
weſtlicher) Laͤnge von der Koͤniglichen Stern⸗ warte zu Greenwich. Ein See mit friſchem Waſſer wird in der nordweſtlichen Gegend des Mieerbuſens angedeutet, Die Abweichung der Magnetnadel betraͤgt an der Muͤndung des Fluſſes oder auf der Wallfiſchinſel 36/oͤſtlich. Es erhellet aus dieſen Angaben unwider⸗ ſpyrechlich, daß nicht nur der hoͤchſte Norden von Amerika bis zum 69ſten Grade der Breite ein zuſammenhangendes feſtes Land bildet, wo keine Durchfahrt gedenkbar iſt; ſondern auch, daß zwiſchen dem Cooksfluſſe und dem großen Sfklavenſee keine unmittelbare Communica⸗ tion zu Waſſer Statt findet. Nach den ge— naueren Angaben dieſer Reiſe, zuſammengehal⸗ . ten mit den Entdeckungen des Herrn Searne, konnte nunmehr Arrowſmith auch die Lage des Sklavenſees ſelbſt ganz anders, als in der vorigen Ausgabe, beſtimmen. Er verlegt; ihn zwiſchen 61 und 62° N. Br., anſtatt daß man ihn vorhin um wenigſtens zwey Grade
28 Vorlaͤuſige Schilderung ge — at —.—
noͤrdlicher zu ſuchen hatte; und was die Länge betrifft, fo füllt er damit einen Raum von unr gefahr fuͤnf und ſechzig Seemeilen, zwiſchen 241° und 248° oͤſtlicher (119 und 1129 weſtlicher) Länge, Dieſe Lage ſetzt es außer allem Zweifel, daß ſchon Zearne, auf ſeiner merkwuͤrdigen Reiſe zu Fuß an das Eismeer, über die oͤſtliche Gegend des Sklapenſees ges kommen ſeyn muß, da man bisher immer ger glaubt hatte, daß er den Arathapeskow— ſee beruͤhrt haͤtte. Dieſer letztere aber liegt in der That weit ſuͤdlicher, als die vorige Karte ihn angab, nämlich in 59 N. Br., und iſt von ungleich kleinerem Umfange, als man ihn ſonſt, wegen der Verwechſelung mit dem Sklaven⸗ fee gezeichnet hatte, wiewohl er immer noch eine anſehnliche Groͤße behält, und von Oſten nach Weſten bey einer verhaͤltnißmaͤßig gerin⸗ gen Breite wenigſtens vierzig Seemeilen lang iſt. Der 246ſte und der 2 poſte oͤſtliche (ode. der 114te und uote weſtliche) Meridian find die Graͤnzen feiner Länge, wodurch er alſo gerade ſuͤdlich von dem oͤſtlichen Ende des Sklavenſees zu liegen kommt. Der Skla⸗ venfluß, welcher das Bindungsglied zwiſchen beyden Seen iſt, beruͤhrt den Arathapeskow⸗
zerin⸗ lang (ode. idian
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Ikla⸗ ſchen
ow⸗
des Nordens von Amerika. 29 fee in feiner weſtlichen Gegend und den Skla⸗ venſee in der Mitte ſeines ſuͤdlichen Ufers.
Lage, Groͤße und Geſtalt dieſer beyden Seen find alſo von dem, was man bisher da von wußte, ſehr auffallend verſchieden, und beyde, insbeſondere der Sklavenſee, liegen den Engliſchen Handelspoſten an der Zud⸗ ſonsbay viel näher, als wir fie in den letzten Karten noch angeben konnten. Dagegen bleibt der Fluß Arathapeskow auch jetzt noch in derſelben Entfernung von der Nord⸗ weſtkuͤſte, die man ihm zuvor ſchon ange⸗ wieſen hatte, welches daher kommt, daß man ihn jetzt mit dem weſtlichen Ende des Aratha⸗ peskowſees verbindet, da er ſonſt ſo vorge⸗ ſtellt wurde, als ob er in die Suͤdoſtgegend deſſelben ſiele. Zwiſchen dieſem Fluſſe und dem naͤchſten bekannten Punkte der Nordweſt⸗ kuͤſte bleibt immer noch ein Raum von hundert und achtzig Seemeilen (oder 135 Deutſchen Meilen) worin noch anſehnliche Entdeckun⸗ gen zu Waſſer und zu Lande gemacht werden koͤnnen. 4 |
Um hier alles zuſammenzufaſſen, was zur Erläuterung der neuen Karte erforderlich ſeyn möchte, mͤſſen wir bemerken, daß der Punkt, wo
30 Vorlaͤuſtge Schilderung
Hearne die Kuͤſte des Eismeers beruͤhrte, wie, der in 71 nördlicher Breite angegeben wor; den iſt, indem die Correction, die Herr Dal; rymple hier hat anbringen wollen, vermoͤge deren dieſer Punkt auf 68 15“ hätte redueirt werden muͤſſen, den Bemerkungen des Reiſen⸗ den ſelbſt widerſpricht. Dieſe Aenderung macht es nunmehr auch wieder unwahrſcheinlicher, daß aus der Repulſebay eine Durchfahrt in das Eismeer gehen ſollte; mithin iſt die punk⸗ tirte Linie, womit ſie angedeutet wurde, wie⸗ der weggelaſſen worden. Eben ſo wenig konnte der angegebene Umriß des großen mordiſchen Archipelagus bleiben, da noch nicht die ent⸗ fernteſte Beftätigung der von Herrn Meares . erwähnten Entdeckung der Schiffscapitaine aus Boſton (Th. II. S. 123) eingegangen iſt. Der erſte vergleichende Blick auf unſere jetzige und die dem zweyten Bande dieſer Sammlung beygefuͤgte Karte wird uͤbrigens den Unterſchied zwiſchen beyden in Abſicht auf die Lage und Ge⸗ ſtalt der Gruppe von den fuͤnf großen Seen im Innern von Nordamerika, und zugleich die Ein⸗ zeichnung verſchiedener kleinen Seen aus Longs Karte zur Erläuterung der Reiſen eines Kana⸗ diſchen Dolmetſchers, hinlaͤnglich darthun.
e ent⸗ eares itaine en iſt.
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nlung ſchied d Ge⸗ en im e Ein⸗ ongs Nana⸗
K n
gleichſam auf einmal zu uͤberſehen.
des Nordens von Amerika.
Ich eile nunmehr zu meinem eigentlichen Gegenſtande, um den Leſer in Stand zu ſetzen, den ganzen Norden des neuen Welttheils
31
—— —
I. Geographiſche Umriffe
8. 4. e des Eismeers.
Noch find die Polarpunkte der Achſe, um welche ſich täglich unſere Erdkugel waͤlzt, dem Menſchen unzugaͤnglich geblieben. Um den
Tordpol kann ein Kreis, der hundert und
funfzig (Deutſche) geographiſche Meilen zum
WRNadius hat, gezogen werden, ohne irgend ein
bekanntes Land, die noͤrdlichſten Inſeln von Spitzbergen ausgenommen, zu durchſchnei⸗
den; und nimmt man nicht den Pol ſelbſt zum
Mittelpunkte, ſo iſt der unbekannte Raum
eine Ellipſe, deren größter Durchmeſſer ſechs⸗
hundert geographiſche Meilen, fo wie der klei⸗ nere ungefähr dreyhundert und vierzig, ent⸗
hält, Dieſen Raum nennt man ſehr ſchicklich
das nordiſche Eismeer, indem er, auf wel⸗
cher Seite man auch hineinzudringen verſucht
hat, jederzeit mit ungeheuren Eisbergen und
32 Vorlaͤufige Schilderung An 2 A mn an einander hangenden Eisfeldern oder beeiſe⸗ ten Flächen bedeckt gefunden worden iſt. Man hat zwar einzelne Beyſpiele von ſo genannten Groͤnlandfahrern, oder Schiffen, die auf den Wallfiſchfang gegangen find, daß fie zwiſchen Spitzbergen und Grönland bis auf wenige Grade, ja ſogar bis auf einen Grad oder fünfzehn geographiſche Meilen, vom Pol eine offene See gefunden haben; allein dieſe ſelte⸗ nen Ausnahmen berechtigen uns keinesweges zu hoffen, daß eine freye Fahrt nach dem Pol, und uͤber denſelben hin, zwiſchen dem alten und neuen Welttheile bewerkſtelligt werden koͤnne. In einem Sommer, welcher durch vorzuͤglich milde Witterung die Maſſe des Ei ſes auf dem dortigen Meere beträchtlich ver⸗ minderte, ließe fich vielleicht ein Wageſtuͤck von dieſer Art unternehmen und ausfuͤhren; wuͤßte man nur immer im Voraus das Jahr zu bes ſtimmen, welches zu einer ſolchen Schifffahrt am meiſten verſpricht! Die größte Schwierige keit bey der Beſchiffung des Eismeers liegt un⸗ ſtreitig darin, daß, allen Ausſagen der Walk fiſchfaͤnger gemäß, das Eis erſt im Septem⸗ ber weggeſchmolzen Ifi, wenn bereits die Aequl⸗ noktialſtuͤrme dem Seefahrer drohen, und vers \ möge
jeeifes Man inten f den iſchen benige oder eine
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durch
des Ei ch ver⸗ ick von wuͤßte zu bes fffahrt wierig⸗ gt un⸗ Wall⸗
eptem / Aequl⸗ id ver⸗
moͤge
des Nordens von Amerika. 33
PPT moͤge der ſchiefen Richtung der Erdachſe in ih⸗ rer Bahn um die Sonne, die ganze Polarge⸗
gend in Begriff iſt, in ihre ſechsmonathliche Nacht zu verſinken. an bis zum 21ſten März herrſcht ununterbro⸗
Vom 21ſten September
chene Finſterniß in einem Kreiſe von 234 Gra⸗
den der Breite, oder von dreyhundert funfzig (geogr.) Meilen rund um den Pol: eine Fin: ſterniß, die durch Nebel und Sturm nur noch ſchrecklicher und gefahrvoller wird, und die erſt im Winter, wenn alles vom Eiſe ſtarrt, dem magiſchen Glanze des Mondes und der am
reinen Himmel funkelnden Sterne weicht. Das Eismeer hängt zwiſchen Europa und Amerika mit dem Atlantiſchen, und zwiſchen
Aſien und Amerika mit der Kamtſchatkiſchen Meere, durch dieſes letztere aber mit dem gro⸗ ßen Ocean, dem ſo genannten ſtillen Meere, zuſammen; nur mit dem Unterſchiede, daß zwiſchen dem Nordeap in Lappland und der öoͤſtlichen Spitze von Altgroͤnland in Amerika die See noch Über hundert und ſechzig geogra⸗ phiſche Meilen breit iſt, da hingegen die aͤußer⸗ ſten Spitzen von Aſien und Amerike in der Behringoſtraße ſich bis auf dreyzehn See; mellen, oder noch nicht volle zehn geographlſche
0. Jorſters tl. Schr, zr cb. C
34 Vorlauſige Schilderung
Meilen, einander naͤhern. Man begreift unn leicht, wie viel ſchwerer es ſeyn muͤſſe, durch diefe letztere Enge in das Eismeer zu kommen, als in der Gegend des Nordeaps oder der Groͤnlaͤndiſchen Kuͤſten, zumal da ſich das Land oberhalb der Meerenge zu beyden Seiten vom zoften und 73fen bis zum 66ſten Grade der Breite allmaͤhlich wie ein Trichter verengt, wo⸗ durch das aus dem Eismeere ſuͤdwaͤrts ſchwim⸗ mende Eis ſich unfehlbar ſtauchen nt unbeweg⸗ lich werden muß. Hierzu kommt noch die ge⸗ ringe Tiefe des Meeres in dieſem trtchterfoͤr⸗ migen Buſen, welche nirgends uͤber dreyßig Klaftern beträgt, und woſelbſt alfo dle großen Eisberge oft genug feſt ſitzen muͤſſen, da man ſich leicht durch einen einfachen Verſuch uͤber⸗ zeugen kann, daß von einem jeden Stuͤcke ſchwimmenden Eiſes im Seewaſſer nur der zehnte Theil der Maſſe herausragt, die = gen neun Zehnth eile hingegen unter die Kr: ſerflaͤche ſi inken; mithin von einem Wuͤrſel E ſes, der fünfzig Fuß hoch über dem Waſſer ſchwimmt, behauptet werden kann, daß er ſich vierhundert und funfzig Fuß tief eintauchen muͤſſe. Ein ſolcher Würfel braucht fon, um nur eben ſchwimmen zu koͤnnen, eine Tieſe von
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3 des Nordens und Amerika. 38
10
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7 4 d — 7 —
* 1 a tete —= 20 Deere, >, EEE —
fünf und ſechzig Klaftern, wenn er nicht etwa mit einem Eisfelde zuſammenhaͤngt, deſſen ausgebreitete Flaͤche ihn emportragen hilft. Die Kuͤſten der alten Welt, oder Europens und Aſiens, fo fern ſie den Rand des Eismee⸗ res umſchlleßen, ſind nunmehr mit ziemlicher Beſtimmtheit bekannt. Sie ziehen ſich in ei⸗ ner Ausdehnung von mehr als 160 Graden der Länge, vom Nordcap au bis zum Oſtcap, indem ſie zwiſchen 63° und 78° mehrere tiefe Buſen und Inſeln, insbeſondere aber die Ar: ſel Towa Jemlja (das neue Land) bilden. Viele große Fluͤſſe, die Divine, die Pet: ; ſchora, der Ob und Jeniſei, die Lena, In⸗ digirka und Nowyma ſtuͤrzen ſich an dleſer Kuͤſte in das Eismeer. Die Gruppe von beei⸗ ſeten Juſeln „ die man unter dem Namen Spitzbergen kennt, liegt zwiſchen dem LTord: eap, Nowa Jemlja und Altgroͤnland in der Mitte, dem letzteren etwas näher, und er; ſtreckt ſich bis über den goften Grad der Breite. Sie theilt alſo den Strom des Eismeeres m wiſchen Europa und Amerika in zwey engere Diuourchfahrten, wovon die weſiliche, zwiſchen Spitzbergen und Grönland, kaum ſechzig Deutſche (geogr.) Meilen breit und oft des „
36 Vorläufige Schilderung
geſtauchten Eiſes wegen über dem doſten Grade der Breite nicht ſchiffbar if. Die natürliche Graͤnze zwiſchen dem Eismeer und dem Atlan⸗ tiſchen Meere bilden die drey Inſelpunkte: Island (Eisland), die Faro Infeln und die Schetland Inſeln, welche zwiſchen Groß⸗ britannien und Altgroͤnland in ſchraͤger Rich⸗ tung liegen. 4 Wir kommen nunmehr an die andere Hälfte der Umgraͤnzung des Eismeeres, an die noͤrd⸗ liche Kuͤſte des Amerikaniſchen feſten Landes. Hier iſt, außer einigen noch ſehr ſchwankend angegebenen Punkten, Alles unbekannt. Die noͤrdlichſte Gegend, wo man die Kuͤſte des alten oder Oſtgroͤnlands, Spitzbergen ge⸗ rade gegenuͤber, geſehen hat, liegt im 79 nördlicher Breite, und etwa 9 weſtlich von Greenwich. Man weiß aber nicht einmal den Entdecker, ſondern nur das Jahr der Entdek— kung, 1670, anzugeben. Von dieſem Punkte bis an das Cap des Prinzen von Wales, welches die weſtlichſte Spitze von Amerika und die oͤſtlichſte Graͤnze der Behringsſtraße bildet, haben wir einen Zwiſchenraum von 159° der Laͤnge, dergeſtalt, daß alſo die Kuͤſte der neuen Welt, welche das Eismeer umgiebt, mit der
des Nordens und Amerika. 37 rade 1 Kuͤſte des alten Welttheils bis auf wenige Mei⸗ rliche T Tem gleiche Ausdehnung hat. Allein die einzi⸗ tlan gen jetzt noch bekannten Punkte dieſer Kuͤſte net: ſind die von Searne 1771, und von Macken⸗ d die zie 1739 entdeckten Muͤndungen des Nop⸗ roß⸗ permine (Kupfergruben:) und des Macken⸗ Rich. ziesfluſſes, wovon jene in 70° 4“ N. Br.
und 248° oͤſtlicher (1125 weſtlicher) Länge, dieſe, hälfte aber in 69° 45, N. Br. und 225° 30“ öͤſt⸗ noͤrd⸗ 1 licher (134° 30“ weſtlicher) Länge angenom; ndes. men wird.
Fr Welche Meerbuſen, welche Inſeln und
ikend Ko
Die Vorgebirge auf einer fo großen Strecke die des veordliche Kuͤſte von Amerika bilden konne,
1 ge⸗ und ob das Eismeer in feinem kittelpunkte 79% gaanz offen, oder mit feſtem Eiſe immerwaͤhrend von belegt, oder gar mit noch unbekannten Laͤndern
den 1 ausgefuͤllt ſey, bleibt kuͤnftigen Seefahrern zu
tdek⸗ entdecken uͤbrig. Als Cook durch die Beh⸗
inkte ringsenge gegen Norden ſchiffte, kam er nur
‚leg, 1 bis zum Eiscap in 7029“ N. Br.
und 3 1 8. 5.
en 1 N Grönland und Baffins bay.
euen * Die oͤſtlichen Kuͤſten des Amerikaniſchen der Welttheils gehen ungleich * nach Norden
. a 3
38 Vorlaͤuſige Schilderung hinauf, als die weſtlichen; man hat, wie ſchon geſagt, nicht nur die Kuͤſte von Oſtgroͤnland bis zum 79ſten Grade der Breite verfolgt, fon: dern auch jener große Buſen, welcher nach feis nem Entdecker die Baffinsbay genannt wird, ſteigt bis zum 78ſten Grade und noch hoͤher fort, wodurch es außer allem Zweifel geſtellt wird, daß das Land, welches dieſe Bay ums graͤnzt, ſich noch weiter gegen Norden ala ken muß.
Ob Groͤnland eine Inſel ſey, ob eine von den verſchiedenen Buchten „ die Baffin im noͤrdlichen Theile eines Meerbuſens entdeckte, entweder Whale: (Wallfiſch) Sund, Sir Thomas Smiths Sund, Alderman Jones Sund oder Lancaſter-Sund, eine Durch fahrt in das Eismeer eroͤffne, iſt noch feines; weges entſchieden, weil ſeit Baffins Entdek⸗ kung im Jahre 1616 dieſe Gegend nicht wie⸗ der beſucht worden iſt, und weil er auf ſeiner Fahrt zu ſchnell an der Kuͤſte forteilte, um ſie genau aufnehmen oder erforfchen zu koͤnnen. Wie dem auch ſey, von jenem noͤrdlichſten Punkt an der Oſtſeite dieſes Landes in 79° N. Br. läuft die Kuͤſte in ſuͤdweſtlicher Richtung bis an das Cap Farewell, welches in Nader
Fin im itdeckte, „ Sir Jones Durch: keines⸗ Entdef: cht wie: f feiner um fie koͤnnen. dlichſten 79 N. dichtung den Hol⸗
5 des Nordens von Amerika. 39 laͤndiſchen Karten Statenhoek heißt und in 59° 30“ N. Br. liegt. Die Vorgebirge und Has fen an dieſer Kuͤſte, om Cap Farewell an bis Island (Eisland) gegenuͤber, kennt man jetzt nur nach den aus dem vierzehnten und junfzehnten Jahrhundert in Daͤnemark übrig gebliebenen Karten, indem das Eis, welches ſich zwiſchen dieſem Lande und Island ſeit einigen Jahrhunderten ſeſtgeſetzt hat, die ehe⸗ mals bewohnte und beſuchte Kuͤſte unzugaͤng⸗ lich macht. Die noͤrdlicheren Punkte, welche man in den Karten angegeben findet, ſind
a groͤßtentheils von Holländern gefehen worden, ohne daß man die Entdecker genau anzugeben weiß.
Auch der beruͤhmte und ungluͤckliche Zudſon ſah 1607 auf ſeiner erſten Reiſe dieſe
Kauͤſte unter dem vaſten Grad N. Br., und
nannte die eig Gegend Hold with Hope (alk an mit Hoffen 9. Vom Cap Farewell weſtwaͤrts 1 blege ſch
4 die weſtliche Kuͤſte von Grönland bald wieder
nach Norden um, und ſteigt in der Baffins⸗ bay, wie ſchon geſagt, bis zum 78ſten Grade der Breite hinauf. Dieſer kalte Strich Lan⸗ des, der insgemein Weſt oder Treugroͤn⸗
land heißt, wird noch von Europaͤern de
C4
40 Vorläufige Schilderung
ſucht; die Dänen unterhalten daſelbſt Miſſio⸗ nen, und haben zur Bequemlichkeit ihrer Wall⸗ fiſchfaͤnger einige Poſten angelegt. Baffins Meer⸗ buſen, der, wo er am breiteſten iſt, hundert und funfzig Deutſche geographiſche Meilen von Oſten nach Weſten haͤlt, wird am Eingange, oder der ſo genannten Straße Davis, wieder beträchtlich enger, indem ſich hier auf der weſt⸗ lichen Seite deſſelben, weſtgroͤnland ge: genuͤber, das Land in eine große Anzahl groͤße⸗ rer und kleinerer Inſeln zerſtuͤckelt, zwiſchen denen Cortereal, Frobiſher, Davis, Wei⸗ mouth, Sudſon, Bylot und Baffin, Zawkbridge, For, James, Middleton und Andere mehr, verſchledene fü genannte Straßen oder Meerengen und Einfahrten theils entdeckten, theils wieder auffuchten und ge; nauer beſtimmten, in dem fruchtloſen Beſtre⸗ ben hier hindurch in das Meer, welches die Oſtkuͤſte von Aſien beſpuͤhlt, zu gelangen und die ſo ſehnlich gewuͤnſchte Nordweſtliche Durch⸗ fahrt, oder den kuͤrzeren Weg nach China und Oſtindien, zu entdecken. Frobiſher entdeckte ſchon 1778 die Einfahrt, die man jetzt Zud⸗ ſonsſtraße nennt; er hielt ſie aber fuͤr einen Weg, der ihn nur von ſeinem Ziele, der nord⸗
—
iſſio⸗ Wall: Meer: undert en von gange, wieder r weſt⸗ d ge⸗ groͤße⸗ viſchen Wei⸗ daffin, dleton nannte theils nd ge⸗ Beſtre⸗ hes die n und Durch⸗ a und tdeckte Hud, einen nord⸗
—
des Nordens von Amerika. 41 — ——— weſtlichen Durchfahrt, irre fuͤhrte, und gab ſeinen Namen einer etwas noͤrdlicher zwiſchen den Inſeln gelegenen Enge. Dieſe Frobi— ſhers⸗Enge fand Davis im Jahre 1587 wie⸗ der, und ohne zu wiſſen, daß fie bereits ent⸗ deckt wäre, nannte er fie Lumleys Einfahrt (inlet.) Noch noͤrdlicher hatte er ſchon zwey Jahre zuvor die Cumberlandsſtraße gefun⸗
— — — —
den. Allein anſtatt auf dieſem Wege weit
waͤrts vorzudringen, blieb es jederzeit das Loos
bdieſer kuͤhnen, ausdauernden und zum Theil ſchwaͤrmeriſchen Seefahrer, wegen der ſtren- en Witterung und der Unmoͤglichkeit zu über: 2 wintern, gerade dann auf ihren Ruͤckweg zu
denken, wenn ſie eben die erwuͤnſchteſte Aus⸗
ſicht vor ſich hatten, Entſcheidung und Gewiß⸗ heit zu erlangen. Daher laͤßt ſich noch immer die Moͤglichkeit behaupten, daß vielleicht jen⸗ ſeits des noͤrdlichſten Punktes, den Kor im Jahr 1631 erreichte, eine Communication zur See mit dem Eismeere nach Weſten hin, uns
gefähr in 69° oder 70% Nördlicher Breite,
Rs, | zu ſuchen fen.
42 Vorlaͤufige Schilderung 9 N 1 $. 6. b Hudſons bay, Labrador, Neufundland und Neu⸗ ſchottland.
Ein hundert und funfzig geographiſche Meilen weſtwaͤrts vom Cap Farewell, oder der Suͤdſpitze von Groͤnland, beſindet man ſich im Eingange der Zudſonsſtraße, deren linkes oder ſuͤdliches Ufer einen Theil des ſo genannten Landes Labrador ausmacht. Das Cap Chidley am Eingange dieſer Straße liegt ungefähr in 609, und das Cap Digges an ihrem weſtlichen Ende in 62° 41“ N. Br., fo daß fie auf einer Strecke von 15 der Länge, oder ungefaͤhr hundert und zwanzig Deutſchen Meilen, mehr als drittehalb Grade gegen Norden anſteigt. Vom Cap Digges an läuft die Kuͤſte plotzlich ſuͤdwaͤrts, und bildet den tiefen Buſen, welcher unter dem Namen der Zudſonsbay bis beynahe zum 5 ıflen. Gr. der Breite hinuntergeht, an ſeiner weſtlichen Seite aber wieder uͤber den Polkreis bis auf 67° 30“ N. Br. ſteigt, wo er ſich in der run⸗ den Repulſebay endigt. Lange Zeit ſchmei⸗ chelte man ſich, hier, durch die geraͤumigen Buchten am weſtlichen Ufer dieſer Bay, eine Durchfahrt in die noch weſtlicher gelegene Ge⸗
d Neu⸗
phiſche oder t man
deren
des ſo Das Straße Digges N. Br., Länge, eutſchen gegen ges an d bildet Namen ten Gr. eſtlichen bis auf er run: ſchmei⸗ umigen iy, eine ne Ge⸗
des Nordens von Amerika. 43
gend des Eismeers zu finden; allein ſeitdem
die Hudſonsbay⸗Compagnie die Stellen, die noch am meiſten verſprachen, von neuem hat unterſuchen laſſen, und am allerentſcheiden⸗ ſten, ſeitdem einer ihrer Beamten, der jetzige Gouverneur Hearne, vom Churchill⸗ Fort zu
Fuß und in Kaͤhnen bis über den 7 iſten Grad
der Breite an das Eismeer gekommen iſt, ſind alle dieſe angenehmen Hoffnungen gaͤnzlich ver⸗ nichtet worden. Der lange Sund, der unter
dem Namen Chefterfields oder Bowdens KkEkinfahrt bekannt iſt, mag indeß wohl mit den inlaͤndiſchen Seen in Zuſammenhang ſtehen,
und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß der große See Dubant (Doobaunt) ſein ſuͤßes Waſſer
durch einen ſtarken Strom mit mehreren Fal, len in dieſen Sund ergießt. ton entdeckte Repulſebay, wo man, zufolge . einiger von Amerikaniſchen Wilden gezeichneter Karten, noch eine Durchfahrt in die weſtliche Gegend des Eismeers für möglich hlelt, ſcheint doch gegenwartig (vielleicht nach ſpaͤteren Ber
Die von Middle⸗
richten?) wenig Hoffnung mehr zu geben, da
4 ſchon Arrowſmith die auf der erſten Ausgabe
ſeiner Weltkarte angedeutete Communieations⸗ ä linie aus der zweyten weggelaſſen hat.
44 Vorläufige Schilderung
Der Umſtand, daß das Eismeer etwa
fünf und zwanzig Grade der Länge weſtwaͤrts von der weſtlichen Umgraͤnzung der Baffinsbay geſehen worden iſt, giebt deutlich zu erkennen, daß die Laͤndereyen, welche dieſe Bay gegen Abend umſchließen, wenn ſie nicht aus Inſeln beſtehen, ſondern zuſammenhangend befunden werden ſollten, nur einen ſchmalen Strich bil⸗ den koͤnnen, der vom 79ſten oder goften Grade noͤrdlicher Breite an, ziemlich geradezu nach Süden herablaͤuft und nirgends uͤber hundert, an manchen Stellen aber kaum funfzig Dents ſche Meilen breit iſt. Dieſer dem Po
nahe kommende Strich Landes kann, wenn
ſein Umriß erſt bekannt ſeyn wird, dem For⸗
ſcher wenig Neues darbieten, da die Natur
gegen die Pole zu erſtarrt und an Erzeugniſſen verarmt zu ſeyn ſcheint. Ich glaube nicht, daß der Name Amerikaniſche Polarlaͤnder, den ich dieſen Gegenden in meiner Karte bey⸗ gelegt habe, leicht gegen einen ſchicklicheren vertauſcht werden kann. — Die Länder, welche die Hudſonsbay gegen Abend umfangen, haben zwar beſtimmte Benennungen, aber noch keine beſtimmte Gränzen erhalten. Nord:
waͤrts und weſtwaͤrts von der Repulſebay finden
BR
des Nordens von Amerika. 45
wir des Prinzen Wilhelms Land, welches zugleich die Suͤdweſtgegend der Baffinsbay umgiebt. Zwiſchen dieſem Lande und dem Churchillfluſſe, der in 58? so’ Noͤrdlicher Breite in die Hudſonsbay fällt, hat das Land den Namen Neu, Nord Wales (Wal: lis), und von dieſem Fluſſe ſuͤdwaͤrts bis an das ſuͤdlichſte Ende der James bay den Namen Neu Suͤd- Wales erhalten. Der Theil von Labrador, welcher an die Oft: ſeite der Jamesbay ſtoͤßt, gehoͤrt noch unter
= der Benennung Eaſt, Main oder des öftlis chen feſten Landes zum Gebiete der Hud⸗
ſonsbay⸗Compagnie, und es liegen daſelbſt verſchiedene von ihren Handelspoſten. Die weſtliche Graͤnze der oben genannten Lander, Neu⸗Suͤd⸗ und Neu: Nord, Wales, iſt gaͤnz⸗ lich unbeſtimmt; zum Theil daher, weil dieſe
9 Gegend noch nicht weiter weſtwaͤrts, als bis
zum Sflavenfee, entdeckt worden iſt. Das Meer von Kamtſchatka mit der Behringsſtraße iſt das entfernteſte Ziel gegen Abend, wohin ſie ſich erſtrecken kann; allein nur künftige po:
1 litiſche Verfügungen werden entſcheiden duͤr⸗
fen, ob die Handelsprivilegien der Hudſons⸗ | bay Compagnie ſich von Wm Oceane zum
5 — — —— mern 5
46 VBorlzuſtge Scher
un
— nn nn nn u
andern ausdehnen ſollen. Nimmt man den
Strich Landes zwiſchen der Hudſonsbay und dem Sklavenſee fuͤr das erkannte Gebiet der Compagnie an, ſo ſehen wir in ihren Haͤnden ſchon eine ungeheure, von unzaͤhllgen Seen
und Fluͤſſen bequem durchſchnittene Fläche, die mehr als funfzigtauſend Quadrakmeilen enthaͤlt.
Labrador, ſonſt auch Teu⸗ Britannien, das ſchon 1601 durch Coxtereal, im achten Jahre nach der Wiederkehr des großen Los
lumbus von ſeiner erſten Reiſe, entdeckte Land, deſſen Oſtkuͤſte ſich von dem Cap Dig:
ges an ſuͤdoſtwaͤrts bis beynahe in so N. Br. erſtreckt, iſt gleichſam ein zwiſchen der Hud⸗ ſonsbay, dem Atlantiſchen Meere und dem Meerbuſen St. Lorenz eingeſchloſſenes Dreyeck.
8 Seine aͤußere oder Oſtſeite iſt gegen zweyhun⸗
dert und ſiebzig Deutſche Meilen lang, und der ganze Flaͤcheninhalt koͤnnte leicht 20,000 Deutſche Duadratmellen betragen. Seinem ſuͤdoͤſtlichen Vorgebirge, dem Cap Charles,
gegenüber, durch die enge Straße Belleisle ge;
trennt, liegt die, wegen ihrer vlelen vortreffli⸗
chen Häfen den Europälſchen Seemaͤchten fo
wichtige, mit Sandbaͤnken umgebene Inſel Neufundland 7 ( Ne wfoundland ’ Fr. Terre.
des Nordens von Amerika. 45
neuve) und verſchließt den Eingang in den Meerbuſen St. Lorenz, bis auf die Enge, die fie mit der ſuͤdlich gelegenen, kleineren Inſel Cap Breton formirt. Schon im Jahre 1497 entdeckte Johann Cabot dieſe Inſel. Den erſten Punkt, der ihm zu Geſechte kam, nannte er primera vista, zuerſt geſehen, woher vielleicht eben erſt oder neu gefunden und Neufundland, entſtanden iſt; dem gan⸗ zen Lande aber gab er, wegen der Menge Kabbeliau, womit die dortige Meeresgegend
angefuͤllt iſt, den Namen Terra de Bac-
calhaos.
Der ſchoͤne, große Sanct Abtei kommt von Suͤdweſten herab, um ſich in den Meerbuſen dieſes Namens zu ergießen, deſſen ſuͤdliche Kuͤſte dann wieder ſuͤdoſtwärts fort⸗ ſtreicht, bis ſie ſich in der Gegend der Inſel Cap Breton, die ehedem Jole Royale hieß, ein wenig nordoſtwaͤrts heraufbiegt. Cap
Breton hat einen Flächeninhalt von hundert und ‚zwölf Deutſchen Quadrat Meilen; es
ſtreckt ſeine langen Lanidſpitzen dem gegenuͤber
liegenden Neufundland entgegen, und wird ; vom feſten Lande durch die enge Durchfahrt
sun von Canſo getrennt.
—
Vorlaͤufige Schilderung Von dieſer Gegend an behält nun die Oft: kuͤſte des neuen Welttheils im Ganzen genom⸗ men eine ſuͤdweſtliche Richtung, die ſich erſt in Florida unter 31° N. Br. wieder ändert. Der Enge Canſo gegenuͤber finden wir zuerſt die
Halbinſel Teuſchottland (Nova Scotia), ſouſt
Acadien genannt, die bereits 1524 von dem in Franzoͤſiſehen Dienſten ſtehenden Florentiner Verazzani entdeckt worden iſt. Das ehe⸗ mals zu dieſer Provinz gehoͤrige, von derſel⸗ ben durch den Meerbuſen Fundy getrennte und gegen Norden durch den St. Lorenzfluß begraͤnzte Gouvernement Neubraunſchweig (New Brunswick) und die Inſel Cap Bre⸗
ton mit eingerechnet, beträgt ihr Flächen
inhalt 1959 Deutſche Quadratmeilen. News, braunſchweig wird gegen Suͤden durch eine Gränzlinie abgeſchnitten, welche von dem Fluſſe Ste. Croix in der Bay Fundy nord⸗ waͤrts bis an das ſo genannte Zochland in
48° 45“ N. Br., dann aber weſtlich bis an
den St. Lorenzfluß geht, den ſie oberhalb
N 0
ſcontreal beruͤhrt. Alles was ſuͤdwaͤrts von
dleſer Gränze an der Seekuſte liegt, gehört: ſchon in das Gebiet der vereinigten Wm kaniſchen Staaten. 3
I. 7.
des Nordens von Amerika. 49 1 * ö J b. 7. a Canada und die Weſtlichen Laͤnder.
Als der Franzoͤſtſche Entdecker Jaques Cartier im Jahr 1535 den St. Lorenzſtrom entdeckte und hinaufwaͤrts ſchiffte, hörte er die Wilden ihre Doͤrfer oder beyſammen liegenden Huͤtten Canada nennen, und gab dem Lande, das er zum erſtenmal den Europäifchen Aben⸗ theurern bekannt machte, dieſen Namen, der ihm auch bis jetzt geblieben iſt ). Die Graͤn⸗ zen dieſer gegenwärtig unter Engliſcher Bot; maͤßigkeit ſtehenden Provinz laſſen ſich ſchon mit ziemlicher Genauigkeit beſtimmen; ſie liegt zwiſchen den Amerlkaniſchen vereinigten Staa⸗ ten und den Laͤndereyen der Hudſonsbay⸗Com⸗ pagnie gleichſam einge loſſen. Dieſe letzte⸗ ren, welche den unterjien heil des großen Meerbuſens dieſes Namens, oder der James; bay, umſchließen, ſcheiden ſich von Canada durch die natuͤrliche Graͤnze eines gebirgiger Guͤrtels, welcher vom Lande Labrador bis in
) S. Discours du Voyage de J. Cartier aux Terres neuves, les Canades ete. 8. en, 1598. J. R. Forſters Geſchichte der Ent deckungen und Schifffahrten im Norden. Frankfurt an der Oder, 1784. 8. S. 30a.
G, Forſters kl. Schr. zr cb. D
50 Vorlaͤufige Schilderung
den funfzigſten Grad der Breite nach Suͤden geht, dann einen Bogen nach Weſten macht, hierauf ſich wieder bis zum 48ſten Grade der Breite ſeukt, und endlich nochmals eine große Strecke weiter gegen Abend in 10 den See Superior von der Hudſonsbay trennt. Der St. Lorenzfluß, den man von ſeiner Mündung bis an ſeinen Urſprung im See Ontario in ſuͤdweſtlicher Richtung hinaufſleigen muß, Bil det die ſuͤdliche Graͤnze von Canada. Bis Montreal liegen Engliſche Beſitzungen zu bey: den Seiten des Fluſſes; namlich an der Nord: ſeite Canada, und an der Suͤdſeite Neu⸗ Braunſchweig. Jenſeits dieſes Ortes aber wird der Fluß die Graͤnze zwiſchen Canada, und den vereinigten Amerikauiſchen Staaten. | Dem Frledensſt chluſſe von 1783 gemäß, geht dieſe, G raͤnzlinie ſort durch die Mitte der vier. großen Seen: Ontario, Erie, Zuron und Supre ior, durch den Langen: oder Regenfee (Lac la Pluye), oberhalb des großen Tra · geplatzes (grand Portage), bis an die Nord⸗ weſtſpitze des Waldſees (Lac des Bois, L. af the Woods), und von da weſtlich bis an den Mlſſiſſippt; w rauf fie langs der Mitte dieſes Fluſß ſes bis 31° N. Br. hinabſteigt, ehe
A . ; f
des Nordens von Amerika. 51
fie ſich oſtwaͤrts über den beyden Floridas und wieder an das Atlantifche Meer begiebt. Das Gebirge, welches jo nahe am noͤrolichen Ufer des Sees Superlor ſich hinzieht, und jenſeits deſſen. der Regenſee ſchon nordweſtlich liegt, duͤrfte in: deß mit Recht das weitere Hinausruͤcken der Graͤnzen von Canada nach Weſten hin verbieten. Doch auch alsdann bleibt mit dieſer Benennung ein Land von anſehnlicher Groͤße bezeichnet, deſ⸗ ſen Umfang nicht viel weniger als 20,000 Qua⸗ dratmellen faſſen kann. Einzelne Thaͤler abs gerechnet, die ſich weit nach Norden hin er⸗ ſtrecken, iſt der Foſte Grad der Breite ſeine
noͤrdlichſte Graͤnze, fo wie der 4zſte die Spitze
zwiſchen den Seen Erie und Huron beruͤhrt, bie am weiteſten nach Suͤden geht.
Wenn man vom See Superior eine Linie nach Rordweſten zleht, fü beruͤhrt fie das Eis⸗ meer ungefaͤhr an dem Punkte, wo Macken⸗ zie auf dem von ihm neuentdeckten Fluſſe dazu gelangte. Oſtwaͤrts von dieſer Linie, liegen unzählige Seen und Fluͤſſe zwiſchen derſelben und der Hudſonsbay; weſtwärts aber iſt alles eine unbekannte Wildulß, bis an die Kuͤſten des noͤrdlichen ſtillen Meeres (großen Oceans). Viele der hier befindlichen Seen haben ſchon
| D 2 . a
52 Vorlaͤufige Schilderung . — — oſt ihre Namen verändert; und die wenigen Punkte abgerechnet, welche von den Beamten der Hudſonsbay⸗Compagnie aſtronomiſch be⸗ ſtimmt worden find, bleiben die meiſten Anga⸗ ben der Rauchhaͤndler von der Lage und Rich⸗ tung, Geſtalt und Groͤße dieſer Gewaͤſſer noch aͤußerſt unzuverlaͤſſig.
Der Fluß, auf welchem Mackenzie das Eismeer erreichte, die Muͤndung dieſes Fluſſes, das Eiscap) wo Cook des Eiſes wegen nicht weiter konnte, ſodann, von dieſem Vorgebirge an, der Umriß des Landes nach Suͤden hin, durch die Behringsſtraße, um die Landzunge Alaska, und oſtwaͤrts, den Cooksfluß und Prinz Wilhelms Snnd vorbey, bis an die Ads miralitaͤtsbay, find. die Graͤnzen der nordweſt⸗ lichen Extremitaͤt von ganz Amerika, des Theis les nämlich, womit ſich dieſer Welttheil dem nordöftlichen Aſien naͤhert. Wenn man die Länder um die ſchmale Landzunge Alaska abs rechnet, liegt dieſe ungeheuer große Landmaſſe faſt ganzlich jenſeits des 6often Grades der Breite, und ſteigt an einigen Orten, ſo viel wir jetzt wiſſen, wenigſtens bis uͤber den zoften gegen den Pol hinauf. Der Flaͤcheninhalt kann vielleicht mehr als vierzigtauſend Deut⸗
des Nordens von Amerika. 53
ſche Quadratmellen betragen, wovon außer
den eben erwähnten Kuͤſten auch nicht ein Fuß breit bekannt iſt. Die wenigen Punkte dieſes nördlichen Landes, welche durch Ruſſiſche See; fahrer und Pelzhaͤndler entdeckt worden ſind, blieben bis auf Cooks Reiſe ungewiß und un⸗ beſtimmt; allenfalls hatten Bahrings und Tſchirikofs Entdeckungen vor den ubrigen
den Vorzug einer größeren Zuverlaͤſſigkelt.
Dem großen Brittiſchen Weltumſegler gebuͤhrt das Verdienſt der erſten genaueren Beſchiffung und Aufnahme dieſer Kuͤſte, wovon ſeitdem nur einige Theile vollſtaͤndiger erforſcht worden find. Es waͤre uͤberfluͤſſig, mich hier auf Er⸗ oͤrterungen einzulaſſen, und die einzelnen Ein⸗ buſen, Vorgebirge und Inſeln der Reihe nach zu nennen, wovon man eine ſo umſtaͤndliche Nachricht in den Reiſebeſchreibungen der neuen
"Seefahrer finden kann. Mein Zweck kann
hier nur dahin gehen, das Allgemeine zuſam⸗ menzufaſſen und den Leſer auch dort, wo Ab⸗ ſchweifungen in das Umſtaͤndlichere unvermeid⸗ lich find, ſtets wieder darauf zuruͤckzufuͤhren. Verfolgt man von ver Admiralitätsbay die
Nordweſtkuͤſte von Amerika, die man von 60 bis 40 N. Br. eigentlich mit dem Namen, 3
54 Vorlaͤuſige Schilderung den ihr erſter Entdecker, Sir Francis Drake, ihr ertheilte, Neu⸗Albion nennen ſollte, fo wird man gewahr, daß faſt alles daſelbſt erſt ſeit der letzten Cookiſchen Schifffahrt bekannt geworden iſt. Nicht leicht wird man eine Seekuͤſte finden, die auf einer Strecke von zwanzig Graden der Breite ſo viele ſchon be⸗ kannte vortreffliche Häfen aufzuweiſen hatte,
und dabey noch ſo viele kuͤnftig zu entdeckende Beſtaͤtigt es ſich, daß hier ein gro⸗
verſpraͤche. ßer Theil der bisher fuͤr feſtes Land gehaltenen Entdeckungen nur aus Inſeln von verſchiede⸗ ner Groͤße beſteht, und fuͤhrt insbeſondere die merkwuͤrdige von Duncan up Meares geſe⸗
g großen Vuſen des een N der fa Aller den
äußeren Kuͤſten tief in das Land erſtreckt, ſa
hat die Schifffahrt nebſt dem Handel aus die; ſer Gegend noch wichtige Erweiterungen und Vortheile zu hoffen. Schon die jetzt durch Meares, Barclay, Hanna, Portlock, Di⸗ ron, Duncan, Colnett, Douglas u. a. m.
entdeckten Haͤfen in der Gegend, wo die Kuͤſte
einen Buſen nach Oſten macht und dle Koͤni⸗ gin⸗Charlotten⸗ Inſeln vor ſich liegen hat,
insbeſondere der Bueeleughſund, der Ste⸗
wirke denke kuͤuf beſch der ſchlo kant
des Nordens von Arerilät 55- phensſund, der Nepeanſund mit den Inſeln der Kronprinzeſſin, der Fitzhughſund, der Koͤnigin⸗Charlotten- Sund, und der Nutka⸗ fund, ohne die noͤrdlich von dieſer ganzen Strecke gelegenen Haͤſen zu rechnen, bieten dem Geographen, der nicht bloß an dem Vorhandenen ſich genuͤgen laͤßt, ſondern auch über deſſen hoͤheren Zuſammenhang mit den wirkenden Urſachen ſeines Entſtehens nachzu⸗ denken gewohnt iſt, eine reichhaltige Quelle kuͤnftiger Ergaͤnzungen der phyſikaliſchen Erd⸗ baum dar.
Die innere, zwiſchen dieſer Küste und ba Reihe bereits entdeckter Lanbſeen einge⸗ ſchloſſene Gegend, kann nur ſo lauge unbe⸗ kannt bleiben, als es die Betriebſamkeit un: ternehmender Kaufleute nicht belohnt, die im
soften Parallelgrade vom See Superior bis
an die Kuͤſte von Neu⸗Albion noch etwa drey, hundert und vierzig Deutſche Meilen lange Streckeizu durchdringen. Weiter nordwärts iſt die Entfernung des letzten Poſtens der Hudſonsbay⸗ Compagnie von dieſer Kuͤſte noch ungleich geringer. Zudſons aus am Fluſſe Saſk⸗ aſchawan liegt in 539 N. Br. und in 106° 27“ weſtlicher (253 33 oͤſtlicher) Länge: d 4
56 Vorlaͤuſige Schilderung
RR 88 nn Allein ſeit Kurzem hat man noch viertehalb Grade weiter gegen Weſten, und etwa fuͤnf und vierzig Engliſche Meilen noͤrdlicher, an dem⸗ ſelben Fluſſe den neuen Poſten Mancheſter Saus angelegt, welcher folglich von dem ͤͤſt⸗
lichen Punkte der Küfte Neu⸗Albions in eben
demſelben Grade der Breite (53 4 in ges rader Linie nur hundert ſechzig Deutſche Mei⸗ len entlegen ſeyn kann. fluſſe aber in 61 N. Br., nicht weit von dem Orte, wo er aus dem Sklavenſee her⸗ vortritt, bis an die Kuͤſſe, wo der Kreuz fund, Portlockshafen, Salisbury ⸗ und Nor folksſund, Banks⸗ und Bukarelli⸗ Hafen, Nepeanſund, u. ſ. w. alle beynahe in gleichem Abſtande, oder in einem Bogen liegen, be⸗ traͤgt die Diſtanz nur hundert fuͤnf und drey⸗ - Big Meilen. Endlich liegt der allerletzte Po: ſten der Hudſonsbay » Compagnie, Peace- river- fort oder das Fort am Friedensfluſſe, welcher in das Suͤdweſtende des . e kow (oder auch Arabaſka⸗) Sees von Suͤdwe⸗ ſten heraufkommt, nach Arrowſmiths Angabe ungefähr in 585 15“ N. Br. und 24115“ oͤſt⸗ licher Länge, mithin 12 187 weſtlicher als Hudſonshaus, und kaum hundert Deutſche
Vom Mackenzies⸗
des Nordens von Amerika. 57
- Meilen vom Nepeanſund. In dleſer Gegend alſo läßt ſich ein- Punkt denken, wo die an der Kuͤſte ins Meer fallenden Fluͤſſe mit de⸗ nen, die ſich nach dem Sklaven ⸗ und Ara⸗ thapeskowſee ziehen, auf einer gemeinſchaft⸗ lichen Hoͤhe entſpringen und vermittelſt eines Trageplatzes den kuͤhnen Pelzhaͤndlern ihren Waarentranſport erleichtern können. 5
Der 4oſte Grad der Breite kann gewiſ— ſermaßen als die ſuͤdlichſte Graͤnze desjenigen Landes gelten, welches wir hier unter dem Namen des Nordens von Amerika be⸗ ſchreiben. Philadelphia an der Oſt-, und das Vorgebirge Mendoeino an der Weſtkuͤſte dieſes Welttheils, liegen beide in dieſer Breite, und find folglich die aͤußerſten Punkte dieſes Parallelkreiſes, fo fern er Amerika berührt. Allein theils die Natur, theils die Politik verbietet uns, die Graͤnzen der Laͤnder in geraden Linien abzuſtecken; die Richtung der Gebirge und der Lauf der Fluͤſſe zwingen uns, bald hoͤher gegen Norden hinauf, bald weis ter ſuͤdlich hinabwaͤrts zu ſteigen. Der eben angegebene Parallelkreis durchſchneidet ſchon alle die Fluͤſſe, die ſich aus dem Norden in die Spaniſchen Propinzen Louiſiana, Men
D 7 |
8 Vorlaͤuſige Schilderung
mexico und Neuleon ergieſſen; den Rio Co / lorado, den Rio Bravo und den Miſſiſſippi, Unweit der Quellen des letzteren, die dreyßig bis funfzig Deutſche Meilen weſtwaͤrts vom
See Superior in 479 N. Br. liegen, nimmt
auchoder Hreganfluß ‚feinen Urſprung, der ſeinen Lauf nach Weſten richtet und von dem man ſchon lange glaubt, daß er ſich in das muthmaßliche Weſtmeer an der Kuͤſte von Neun Albion, ziemlich in einerley Breite mit Juan de Fucas Einfahrt (48 30“ N. Br.), ergieße. Aus meiner Abhandlung uͤber die Nordweſtkuͤſte von Amerika, in dem zweyten Theile dieſer Sammlung, erhellet zur Genuͤge,
daß die Graͤnze der Spaniſchen und Engli⸗
ſchen Beſitzungen in dieſer Gegend noch ſtrei⸗
tig iſt, und daß man ſogar im letzten Frie⸗ densſchluſſe die Beſtimmung derſelben vermie⸗
den hat. Wo alſo die Linie von der Kuͤſte Men ⸗Albions bis an den Miſſiſſippi zu zie⸗ hen ſey, welche den Brittiſchen Norden von Spaniens Amerikaniſchen Reichen trennt, muß
ſpaͤteren Zeiten zur Weener neee N
ge | Rechnen wir nun die Länder bed bia. den Norden von Amerika jeuſeits der.
vom mnT7arbden
- —
wohl bemerkt zu werden, daß der ganze Flaͤ⸗
—
des Nordens von Amerika. 39
Spaniſchen Beſitzungen und der neuen Re⸗ publik der vereinigten Staaten aus machen, ſo haben wir eine Oberflache von 185, 00 bis 190, geographiſchen Qnadratmeilen, zwiſchen 40 und 80 Möͤrdlicher Breite, und zwiſchen 10 und 170 Meſtlicher Laͤnge. Von dieſer Oberfläche muͤſſen wir jedoch fünf. bis ſechstauſend Quadratmeilen fuͤr den Flaͤchen⸗
inhalt der zahlreichen großen und kleinen
Seen und Fluͤſſe abziehen, welche dieſes Land fo, reichlich mit friſchem Waſſer verſorgen und
die Communication darin ſo ſehr erleichtern.
Nach dieſer Verminderung bleibt ein Land übrig, welches mit Europa, wenn wir deſſen
Flaͤcheninhalt nach Herrn Crome zu 174,090:
Quadratmeilen annehmen, voͤllig gleiche Groͤße
hat, wiewohl es im Ganzen genommen viel
weiter gegen Norden liegt. Indeß faßt auch der gemaßigtere, bewohnbare Strich die⸗ ſes weitlaͤuftigen Gebietes, zwiſchen 430 und 519 N. Br. eine Oberflache von G6, Qua⸗ dratmeilen in ſich, die in Europa nur von dem Ruſſiſchen Reich an ‚Größe übertroffen wird. Um dieſe Groͤße mit einer anderen in Amerika ſelbſt zu vergleichen, verdient hier
6 Vorlaͤuſige Schilderung
—
cheninhalt der vereinigten Staaten 62,00
Quadratmeilen beträgt, von denen 4,990 Qua⸗
dratmeilen für die Gewaͤſſerflaͤche, und 21,462 Quadratmeilen fuͤr das noch unveraͤußerte
Staatseigenthum, welches zur Tilgung der
Nationalſchuld beſtimmt iſt, abgerechnet wer⸗ den muͤſſen, da denn fuͤr die vereinigten Pro⸗
vinzen 36,058 Quadratmeilen zwiſchen dem ayften und dem zoſten Grade der N
Breite übrig bleiben ). Dieſen Seitenblieck wird man uns um fo viel eher verzeihen, da er zur Beurtheilung
des kuͤnftigen Flors der neuen Welt einen fo brauchbaren Maßſtab giebt, Ein fruchtbares
Land, groͤßer als Frankreich, Spanien, Por⸗ tugal, die Schweiz, die Niederlande und Deutſchland zuſammengenommen, in einem gemäßigten Himmelsſtriche, von zahlreichen, ſchiffbaren, leicht zu verbindenden Fluͤſſen und Seen nach jeder Richtung duschfchnitten, mit vielen geraͤumigen ſicheren Häfen verſehen, reich an Produkten des Bodens, die unter ge⸗ ſitteten Menſchen zu den allgemeinſten Beduͤrf⸗ niſſen gehören, bewohnt von drey Millionen
Morse, American Geography, Elizabeth -
town; 1789. 8. p. 33.
— 1
des Nordens von Amerika. 61
a —— (3,8 3, 600) thaͤtiger, unternehmender, arbeit⸗ ſamer, Handel treibender, freyer Buͤrger, Eu⸗ ropaͤiſcher Herkunft und einfacher Sitten ‚de ren Anzahl ſich außerordentlich ſchnell ver⸗ mehrt: welch ein Schauſpiel verſpricht es nicht unſerem Welttheil und ſeinen Bewoh⸗ nern, die auf dem langen Wege von der ur⸗ ſpruͤnglichen Wildheit zur Cultur, ſich durch die Graͤuel der Knechtſchaft und der feudali⸗ ſchen Barbarey hindurcharbeiten mußten und manche unvertilgbare Narbe davon getragen haben, um ihre Bruͤder jenſeits des Atlanti⸗ ſchen Meeres in Stand zu ſetzen, dort anzu⸗ fangen, wohin ſie bis jetzt mehrentheils ver⸗ geblich ſtrebten! - ra
U. „ pb Veſcheſfeber.
*
§. 8. Waſſerſammlungen.
Man kann es nicht oft genug wiederho⸗ len, daß der Norden von Amerika ein waſ⸗ ſerreiches Land iſt, und von ſeinen unzählie gen Fluͤſſen und Seen den unterſcheidenden Charakter entlehnt, der ihn vor allen ande⸗ ren Ländern der alten und der neuen Welt
2 2 2 + * ä — — — . — -
„ Woehe Schering |
beſonders auszeichnet. In Europa iſt Schwe⸗ den nebſt Finnland, was dieſen Punkt Be trifft, dem Lande, das wir beſchreiben, noch
am aͤhnlichſten; doch unterſcheidet es ſich theils
durch ſeine hoheren und ſteileren Gebirgsketten, theils durch feine Lage, die, Schonen ausge nommen, groͤßtentheils innerhalb des boſten Grades der Breite eingeſchloſſen iſt, theils end⸗ lich durch feinen verhaͤltnißmaͤßig unbedeuten⸗ den Umfang. In Aſten findet man zwar auch eine Kette von Landſeen zwiſchen dem ſchwarzen und dem Ochotskiſchen Meere; aber nur in wei ten Entfernungen hingeſtreuet. Von diefen iſt
der Caſpiſche See bey weltem der betraͤchtlich /
ſte, und hat zugleich die ſidlichſte Lage. Der Aralſee, in geringer Entfernung gegen Oſten, und nach jenem der groͤßte, hing wohl unſtrel⸗
tig ehedem mit ihm zuſammen; fo wle einſt
vermittelſt des Moͤotis das ſchwarze Meer ver⸗ muthlich mit dem Caſpiſchen See zuſammen⸗
floß. Die kleineren Seen, Tekegul, Kabanku⸗ kak, Schakurlik, Balchaſch, Aluktugul und
Kjurga fuhren von hier im Bogen hinauf röhrts zum Saiſſan, durch den der Irtyſchfluß feinen Lauf nach Tobolks nrmmt. Der Oleitu⸗ ſer , aus welchem der Selengoflaß entfpringt, der
/
des Rordens von Amerika. 63
. ———— Tſchintalas und der Koſogolſee liegen ebenfalls nordoͤſtlich über einander nach dem weit groͤ⸗ ßeren, noch noͤrdlicher gelegenen Balkal hin, von welchem ſuͤdoͤſtlich einige andere kleinere Seen angetroffen werden. Allein, wenn man bedenkt, daß außer dem Caſpiſchen See, dem Aral und dem Baikal, die übrigen von under deutender Groͤße find, und zwiſchen 40 und go: N. Br. auf einer Strecke von fuͤnf und ſiebzig Längengraden vereinzelt und ohne. Ver bindung liegen, ſo bedarf es kelner weitläuf⸗ tigen Eroͤrterung, um die Verſchiedenheit zwi⸗ ſchen Aſien und Amerika in Abſicht der Wäſſer⸗ menge darzuthun. Dazu kommt noch, daß der Aral und der Caſpiſche See, vielleicht auch einige von den kleinern, die ich eben nannte, ein ſtark geſalzenes Waſſer enthalten, weshalb man es allenfalls entſchuldigen kann, daß ein Landſee, wie der Caſpiſche, fe oft ein Meer genaunt worden iſt, obgleich ſchon Ariſtoteles die Unſchlekllchkeit dieſet tem. . delt hat. a
Die Gewäſfer ” Nordamerika 15 die Was mit ſo freygebiger Hand geſpendet, daß fie, nach aller Wahrſcheinlichkeit, eine Flaͤche von mehn als 15,000: Quabintmeilen- bedecken.
64 Vorlaͤuſige Schilderung
Der See Superior allein enthält 2,025 Qua- dratmeilen, alſo beynahe den ſiebenten Theil dieſer Groͤße. Bei dem erſten Blick in die Karte muß die Gruppe von fuͤnf großen Seen jedem auffallen, die gleichſam zwiſchen beyden Kuͤſten in der Mitte, jedoch der oͤſtlichen nan her, zwiſchen 42 und 49° der N. Br. den großen Waſſervorrath enthält, den der einzige St. Lorenzſtrom dem Ocean zuzuführen ſcheint. Mehr als vierzig Fluͤſſe, Baͤche und kleinere Seen, worunter der Alemipigon oder Nipe⸗ gon der vornehmſte iſt, ſtuͤrzen ihre Fluthen in das große Besfen des Sees Superior, des hoͤch⸗ ſten, groͤßten, nordweſtlichſten in dieſer Grup⸗ pe. Sein reines klares Waſſer beſitzt eine der Luft aͤhnliche Durchſichtigkeit, ſo daß man bey ſtillem Wetter das ungeheure Felſenbett, wor⸗ auf es ruhet, in einer Tiefe von mehr als ſechs Klaftern mit allen ſeinen Unebenheiten deutlich erblickt. Dabey erzaͤhlt man von ſeiner Tem⸗ peratur, daß in der Mitte des Sommers das Waſſer eine Klafter tief unter der Oberfläche. einen dem Gefrierpunkte nahen Grad der Kaͤlte hat. Die Stürme, die hauptſaͤchlich von Nordweſten her die furchtbarſten Wellen auf dem See erregen, kuͤhlen die Luft, zumal
| an
des Nordens von Amerika. 68 22 FT en Er an der Shbſette des Sees, nachdem fie über feine ungeheure Waſſerfläche hingeſtrichen find, in dem bemerklichen Grade, daß daſelbſt ge⸗ wiſſe Pflanzenarten nicht fortkommen und ins⸗ beſonbere der ſo genannte wilde Reiß (Zizania aquatica ?). feinen reifen Samen trägt. Die Inſeln diefei 8 Sees, Isle Royale, Maurepas, Pheſhpeaur und Pontchartrain, ſind von be⸗ trächtlichem Umfange; die erſtere iſt gegen zwanzig Deutſche Meilen lang und an einigen Stellen wohl acht Meilen breit.
Der große, längliche, nach Suͤden hin bis zum 4ıften Grade der Breite ſich erſtreckende See Illinois, der letzt gewöhnlicher der Mi⸗ ſchigan (Michigan) g genannt wird, ergießt fich wenige Meilen üblicher als der See Quperior, und mit dieſem, in ben Zuron⸗See, welcher zweyhundert Deutſche Meilen im Umkreiſe halt und ein nach Süden. angefpigtes Dreyeck bil⸗ det. Die Euge und die Fälle von St. Marie bilden den Zusammenhang deſſelben mit dem Superior, die Straße Miſchiuimakinak hin⸗ gegen den mit dem Miſchlgan⸗See. Jene Falle tragen beynahe mit Unrecht ihren Namen, in⸗ dem ſie in einem Kanot, wenn ein erfahrner Steuermann es fuͤhrt, ihrer Abſchuͤſſigkelt un,
©, Jerſters tl. Gr, zr Th. E
66 Vorlaͤuſige Schilderung ä —
geachtet befahren werden koͤnnen; der India, niſche Name der anderen Durchfahrt aber be zeichnete urſpruͤnglich eine kleine Inſel in ihrer Mitte, die einer Schildkroͤte an Geſtalt aͤhneln ſoll, und deshalb von den Tſchippewähs Mi⸗ ſchillimakinak genannt worden iſt. Der feſte Poſten dieſes Namens, der Sammelplatz vieler ſuͤdlichen, weſtlſchen und nordweſtlichen
———
Stämme der Eingebornen, die dort mit den
Rauchhändlern ihre Waaren umzuſetzen pfle⸗ gen, liegt auf einer Landſpitze, in welche ſich die hohe Ebene zwiſchen dem Huron⸗ und dem Miſchigan⸗ See endigt. Eine lange ſchmale Inſel erſtreckt ſich im Huron⸗See nahe am noͤrdlichen Ufer von Oſten nach Weſten; ſie iſt den Indianern heilig, und heißt in ihrer Sprache: Manitu; alin, der Aufenthalt der Geiſter.
Aus der Suͤdſpitze des Huron ergießen ſich
die vereinigten Gewäͤſſer des Sees Superior und des Miſchigan⸗ Sees durch den Huronfluß in den kleinen runden See St. Clara (St. Claire), der gegen zwanzig Deutſche? Meilen tm Umkreiſe hat, und von anſehnlicher Tlefe iſt. unglücklicher Weiſe erſchwert den Waaren⸗ tranſport eine Sandbank, die ſelne Mitte ganz
8 x
des Nordens von Amerika. 67
durchſchneldet, und über welche kein beladene Boot gehen kann. Unterhalb dieſes Sees fuͤhrt ein ruhiger, langſamer, tiefer Strom, Detroit, oder die Enge genannt, an deſſen weſtlichem Ufer die Stadt gleiches Namens liegt, die Waſſermaſſe weiter in den See von Oswego, der jetzt durchgehends Erie heißt.
Der Erie See hat zwiſchen 41? und 430 N. B. eine Laͤnge von ſechzig Meilen von Suͤdweſten noch Nordoſten, bey einer Breite von zehn bis zwölf, wo er am breiteſten iſt. Die Gewäſſer nehmen hier allmählich eine, ihrer bisherigen beynahe entgegen geſetzte Rich⸗ tung; denn der Fluß, durch welchen ſie ſich
nunmehr in den See Ontario ergießen, kommt
aus der Nordoſtſpitze des Erie⸗ Sees, und geht in gerader Richtung nach Norden. Seine ganze Länge betragt nur ſechs bis ſieben Deut⸗ ſche Meilen; und etwa viertehalb Meilen nord« warts von dem Orte, wo er aus dem Erie⸗ See hervortritt und fuͤnfhundert Schritte breit iſt, bildet er jenen bewundet vagswuͤrdigen Waſſerſturz von Niagara, wo die Gewaͤſſer der vier obern Seen unaufhoͤrlich uͤber einen ſenkrechten Abgrund von hundert und vierzig Fuß — ein Anblick von unnennbarer Große! E 2
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hinunter rollen, ud das btauſende chere un Falles auf zehn Deurſche Meilen welt am Um; keeiſe erſchallen Kein!" der näͤchſtfolgenden Strecke von anderthalb Meilen hät das Erd, reich noch einen Abhang von hundert und funf⸗ ug Fuß, wodurch hier eine ſchnelle ungeſtüme Steomung über die Ferſtreueten Felſenſtuͤcke hin, im Fluſſe Nriugnra verurſacht wird. Das
Fort dieſes Mamens liegt bey ſeinen Ausfluß in den Ontario, am zöſtlſchen Ufer Dleſer
känglichrunde See kleiner als die bisher be⸗ vie benen / indem er nur hündert und Jevanzig EL ENTE hält‘, empfängt nisch an
ber Suͤdoſtſelre durch den Oswegofluß die Ge; waſſes des kleſtten Oftendage Ses, und er
Meßt fin dann an ſefner nordöstlichen Spitze in
dein Fluß Jrocſudks, der Tor awie der On⸗ > See Eataraqut u heißen pflegte, und wa vierzig Mellen weiter (bey der Stadt
Montteaf) den Munten des St? Norenzflurſ.
LE Tuf ſelnem norböſtkichen Laufe kaugs der ganzen Piovin Lara nimmt er Ne Gewaſſer berſchledenter Steig auf, dle theils mnerhalb! der Gräͤnzen der Lerringten Stra, ken, wie die Seen Champlain und George
a 6
daß Nosdene vag mtr. 0 a rs * wie der, Nipiſſ ing, der Temiskamigg,, der Beauha rngis, der Schwan, der St. Pe⸗ ter-, der St. John #7 ‚ber. Peritibi-, der Manikuagon⸗ See, und · andere mehr/ an der Graͤnze von Labrador und dem Behne der Hudionsbans Compagnie belegen ſind.
Wenn man die Waſſermenge Fe | welche, in dieſen Seen enthalten iſt, und damit vergleicht, was der einzige Kanal des St. Los renzfluſſes davon in den Oeean ableiten kann, fo ſcheint es außer Zweifel zu ſeyn, daß die Verduͤngung. der Seen der Sammlung der Waſſertheilchen ziemlich das Gleichgewicht hal. ten muͤſſe. Augenscheinlich kann, weil der See Superior viel großer als die folgenden, niedriger gelegenen Seen ift,. nur derjenige Theil des Waſſers abfließen, welcher über dem niveau der Fälle von Ste, Marie liegt; allein
giebt nach aller Wahrſcheinlichkeit betraͤcht⸗ ie Vertiefungen. in dem Boden des Sees, aus weſchem folglich das Waſſer durch dieſen Weg niemals verrinnt. Daſſelbe gilt auch von den anderen Seen, und die Natur treibt alſo. hier, unaufhörlich ihr großes, dem Menſchen unerteichbares Werk, das Waſſer in Duͤnſte eufanldien, | „ die Duͤnſte in. Luft zu verwandeln,
E 3
Vorläufige Schilderung
die Luft wieder zu zerſetzen und durch die Anziehungskraͤfte der Erde die Feuchte noch⸗ mals in jenen großen Behältern zu ſammeln! Nordweſtwärts vom See Superior zwi⸗ ſchen 50“ und 59 der Breite ſehen wir eine zweyte Anhaͤufung von friſchen Waſſern, wos von das Hauptreſervoir der große Winnipeg⸗ See genannt wird, den die Franzöſiſchen Las nadier Ouinipique ausſprechen, und der in altern Karten der große See der Aſſ iniboils zu heißen pflegte. Seinem aͤcheninhalte nach durfte er in Amerika nur dem See Superior nachſtehen, ſo wie die durch ſchmale Landungen von demſelben getrennten, weſtlicher gelegenen Seen, der Minitopa, der kleine Winnipeg, Cehedem Killiſtino oder Chriſtinaur) und der Cedern⸗See nach dem Ontario zu den größeren Seen gezahlt werden muͤſſen. Der große Winnipeg verengt ſich um die Mitte, und bil⸗ det daſelbſt viele Inſeln, ſo daß die älteren Franzoͤſiſchen Pelzhaͤndler wahrſcheinlich daher Anlaß genommen haben, dem oberen Theile einen beſonderen Namen zu geben und ihn den See Bourbon zu nennen. Mit der Hub: ſonsbay iſt er durch drey Kanäle, die aus an einander hangenden Fluͤſſen und Seen beſtehen,
des Nordens von Amerlka. 71 bey Fort York und Severnhaus in Verbindung. Seinem ſuͤdoͤſtlichen Ende führt der große, ei⸗ nem ſchmalen See ähnliche Fluß Winnipeg dle Gewaͤſſer des Waͤlder⸗ oder Waldſees (Luc
des Bois) zu; dieſer hängt wieder in Sud
often mit dem langen Regen See (Lao la Pluye, Rain- Lake) zuſammen, von dem eine Kette von unzähligen kleineren Seen bis in die Nähe des weftlichen Ufers des Dees Superior führe, mit welchem fie jedoch feinen unmlttelbaren Zuſammenhang hat. Hier
iſt die Stelle, die bey allen Canadiſchen Rauch⸗
haͤndlern unter dem Namen Grand Portage, oder des großen Trageplatzes, fo beruͤh mt iſt, indem alle Waaren, womit man aus Ca⸗ nada nach Nordweſten auf den Pelztauſch zieht, hier mit den Kanots eine Strecke von zwey Deutſchen Meilen uͤber Land getragen wer⸗ den, um ſle auf die kleinen Seen, von die⸗ fen ku den Regen⸗See, und ſo allmahlich weiter nach dem Winnipeg und den vor Kurzem noch undurchdrungenen Wildniſſen in Nordweſten zu bringen. In dieſer letzten Richtung hat man bereits eine ſehr große Anzahl nahe an einander liegender Seen entdeckt, die zum Theil mit dem Winnipeg und dem Cedern⸗ 5 E 4.
73 RBorläufige Schilderung. a mn
See in. Verbindung ſtehen und wovon einige, J. B. der See Clair, von anſehnlicher Groͤße ſind. Ein Fluß, welcher in die Nordwertfpige | des Cedern⸗Sees tritt, verbindet ihn mit dem Piner oder Fichten ⸗ See, an welchem Lumber / landhaus gelegen iR, und der an ſeinem ſuͤd⸗ weſtlichen Ufer einen großen aus Suͤdweſten kommenden Strom, den großen Paſauia, aufnimmt. In dieſen fällt von 1 8 her ein anderer anſehnlicher Fluß, der Saſf⸗ aſchawan, an welchem, wie bereits erwähnt worden iſt, die Hudſonsbay⸗Compagnie ihre weſtlichſten Poſten in dieſer Gegend, das Hund: fonshaus. und bas Wanchefterhaus, 2, Auges legt Sr |
Der große Skiaven⸗See, von dem wir ſchon mehrmals geſprochen haben, N kann als der Hauptbehaͤlter des friſchen Waſſers in der noch noͤrdlicheren Gegend von Amerlka, zwiſchen 60° N. Br. und dem Elsmetr, ange⸗ ſehen werden. Seine noch nicht genau „ber
Bene Groͤße if. 1 76 0 bekannt genug,
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anfeßen. Weſten nach Often, ein wenig nordöftlich, und
des Nordens von Amerika. 73 gegen Norden ah et er einen mn Huſen, der einen anſehnl chen Fluß au (nimmt, und weſtwärts von dleſem ſich noch in eiue vier 11g Seemeilen tiefe Bay verlaͤugern ſoll. Aus ſeiner Suͤtweſtſpitze geht der bereits beſchrie⸗ bene große Mackenzies fluß hervor, welcher nach einem mehr als zweyhundert Dentiche Meilen langen Lauf ins Eismeer fällt. Das gegen. empfängt. er an ſeiner Sͤͤdoſtſpitze den großen Stlavenſluß, der eigentlich nur eine Verlängerung des Atathapeskoffluſſes heißen ſollte, indem dieſer letztere von ſeinem Urfprung ungefähr in 55 N. Br. nach Norden ſteigt, In den Arathapesko See an deſſen weſtlichem Ende tritt und dann ſeiner Muͤndung gerade | gegenuber wieder in derſelben nördlichen Rich⸗ tung unter dem Namen des Sklavenfluſſes ſeinen Lauf nach Norden fortſetzt. Der Ara⸗ thapeskow⸗See, den man auch Arabas ka nennt 9, wiewohl er ungleich kleiner iſt, als man ihn noch vor Kurzem aus gegeben hatte, gehört dennoch zu den größeren Amerikani⸗ ſchen Seen. Er erſtreckt ſich von Weſten °) — bat dieſe letztere Benennung in der neuen Ausgabe feiner Karte vorgeiogen; auf der unſrigen iſt die erſtere beybehalten. | | er
74 Bortäufge Sihtiderung Bi.
nach Oſten, P wo er noch mit einigen andern Seen zuſammenhängt. Die vielen betraͤchtli⸗ chen Seen, d die Searne auf ſeiner merkwuͤr⸗ digen Reiſe nach dem Eismeer beruͤhrte, die theils nördlich, theils oͤſtlich vom Sklaven; See liegen, ſtehen zum Theil mit dieſem letzteren in Verbindung. Auch fallt ein dritter großer Fluß, der Clowey, aus der oͤſtlichen Gegend, unweit der Muͤndung des Sklavenfluſſes, in
a dieſen See. Die Quellen des Dubant⸗ (Doo-
baunt) Fluſſes, welcher in den großen See dieſes Namens faͤllt, liegen von den Quellen des Cloweyfluſſes nicht weit entfernt: wenig⸗ ſtens wird die Communication, vermittelſt det | dazwiſchen vefindlichen Gewaͤſſer, bis auf einige Trageplaͤtze, ſehr erleichtert; und da der Di bant⸗See wahrſcheinlich durch den Gbeſſerſieldz Einbuſen mit der Hudſonsbay zuſammenhaͤngt, ſo iſt auch hier dem Rauchhaͤndler ein Weg ins Innere geoͤffnet. N Nach der Analogie des bereits entdeckten Striches im noͤrdlichſten Amerika, nach det Beſchaffenheit der Kuͤſten um Nepeanſund und Fitzhughſund, wo alles offenbar die An⸗ weſenheit großer Fluͤſſe verraͤth, laͤßt ſich mit einem hohen Grade der Wahrſcheinlichkeit fol⸗
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des Nordens von Amerika. 73 m— . ——
gern, daß auch die noch unbekannten Gegenden in Weſen und Norden derelnſt großen Webers
fluß a an friſchen Gewaͤſſern zeigen werden. Die Oſtkuͤſte der Hudſonsbay und das ganze Labra⸗ dor weichen darin von der Beſchaffenhelt des ubrigen Nordens von Amerika nicht ab. Der Miſtaſſins See und der See Atſchi / Kunipi fü ind bier die großen Waſſerbehͤͤlter, mit de⸗ nen eine Menge kleinere im Umkreiſe verbun⸗ den find. Von Grönland und den übrigen Polarländern ift uns das Innere gändüch un⸗ bekannt; allein hier laſſen die befondere 2 age zwiſchen zwey großen Meeresflächen, die große Nordiſche Kälte und die Höhe der Gebirgsruͤk⸗ ken allerdings eine hchledene Deſchaffenhelt vermuthen. | $. 9. Gebirge
‚Grönland ſcheint nach aller Beſchretbung ein hohes felſiges Alpenland zu ſeyn, auf deſſen uͤber einander gethürmten, ſchroffen Gebirgs⸗ rücken ewiger Schnee ſich haͤuft, und unge⸗ heure Eismaſſen die Thaͤler fuͤllen. Nur an den weſtlichen Seeufern, laͤngs der Bafflus⸗ Bay bis etwa zum 7oſten Grade der Breite,
| findet. man n im Sommer das niedrige and v von Eis und Schnee entbloͤßt; doch liegen aue
hier die unermeß lichen Gletſcher zwiſchen beu Gipfeln hoher Alpengehirge, und drohen durch alljaͤhrliche Zunahme, bald, wie auf der gegen über liegenden Oſtkuͤſte, das noch bewohnbare Land zu bedecken. Wo dieſes Gebirge ſich gez gen Norden verliert, if uns noch unbefanut; eine in den Seekarten fo rtgepflanzte Tradi⸗ tion erwähnt in 74° N. Br. eine Anſicht des öftlichen Groͤnlands vom Jahr 1665, wo. die Hoͤhen von Schnee entbloͤßt waren, und die Witterung g milde geweſen ſeyn fol, Nach die ſer Angabe zu ſchließen, koͤnnen die Berge hien nur von unbedeutender Hoͤhe ſeyn, und vielleicht iſt dies mit dem ganzen uͤbrigen Polarlande Ad der Kuͤſte des Eismeers in Amerika der Fall. Die allgemeine nautiſche Bemerkung, daß die Tiefe des Meeres ſich mehrentheils wie die Hoͤhe der Kuͤſten verhält, ſcheiut dieſe Muthmaßung einigermaßen zu beſtaͤtigen; denn im Norden
über ber Vehringsſtraße, und auf der Ameris kaniſchen Seite des Kamtſchatkiſchen Meeres iſt die Tiefe des Waſſers ſehr gering, und die Kuͤſten erheben ſich nur in flachen Sandhuͤgeln. Auch Hearne's s und Mackenzie 's Entdeckung
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des Merdend 5 Anmerifa 77 gen geben Beweiſe von der unbedeutenden Hohe der dortigen Gebirge. Sie fanden uberall
Wohnſitze der Menſchen, überall jagdbare Thiere, und bis zum sarten Grade der Breite
5 Bäume,
In der phyſtkaliſchen Beſchreibung besſent, gen Theils von Nordamerika, der die verelinig⸗ ten Staaten und die hler in nähere Betrach; tung gezogenen Nordweſtgegenden euthaͤlt, kann Überhaupt dle eigenthuͤmliche Beſchaffen⸗ heit der Gebirge, neben der außerördentlichen Waſſermenge 0 fuͤr den zweyten charakteriſtl⸗ ſchen Zug gelten. Sowohl die Bergruͤcken, die ſich von der Mitte des Landes. Labrador nach dem St. Lorenzfluß und rund um James⸗ bay nordwärts über den See Superior hin⸗ ziehen, als die vom Cap Roſieres in Neubraun⸗ ſchweig anfangende, „längs dem füdtichen Ufer des St. Lorenzfluſſes, und ſodann an der Oſtſelte des Sees Champläln und des Hudſonsftuſſes fortſetzende Reihe, beſteht verhältnißmäßtg üus kleinen, ſelten uͤbkr 7660 Buß. hohen und debßtenthells weit nledkigeren Bergen und Hügeln. Selbſt jene große Kette von Ge, bürgen, die fh. k mehreren hinter einander liezenden Rücken zwiſchen dem antiſchen
78 Vorlaͤufige Schilderung
Meere, dem Miſſiſſippiſtrom und den fünf gro⸗ ßen Seen erſtrecken, denen man emphatiſch den
Namen eines Ruͤckgrats der vereinigten Staa⸗
ten gegeben hat, die aber ſonſt auch mit der
allgemein angenommenen Benennung der Als
leghenny⸗Gebirge bezeichnet werden, ſelbſt dieſe ſind nicht unordentlich hingeſtreuet, oder in hohe zackige Spitzen und Zinnen, wie die Alpen, zerriſſen, ſondern bilden regelmäßige Waͤlle, deren Abhang ſich allmaͤhlich verflaͤcht und deren ſenkrechte Hoͤhe ſelten drittehalb tau⸗ ſeud Fuß uͤberſteigt. Dies iſt auch der Fall mit den nordweſtwaͤrts gelegenen Bergen zwi⸗ ſchen den Gewäffern, die mit dem Winnipeg⸗
See in Verbindung ſtehen, und jenen, die nach
dem Arathapeskow / und Sklaven⸗See ihren Zug haben. Es iſt auch keinesweges wahrſchein⸗ lich, daß in dieſer mittleren Region von Nord⸗ amerika noch irgendwo ein hoͤherer Gebirgs⸗ punkt entdeckt werden konne, indem der gemein⸗
ſchaftliche Entſtehungsort der größten Fluͤſſe die⸗
ſes Landes unfehlbar euch die hoͤchſte Gegend deſſelben bezeichnen muß. Nun entſpringt aber, wie wir geſehen haben, der St. Lorenz⸗ fluß aus dem See Superior, der Miſſiſſippt etwa dreyßig Meilen weſtwuͤrts von demſelben,
8 > b . —
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des Nordens von Amerika. 79
und der PR nur Ei Meilen. he die, Flaͤſſe Nelſon oder Bourbon, Severn und
f Churchill nicht zu rechnen, die, indem ſie aus
dem Winnipeg und den damit verbundenen Seen abgeleitet ſind, ebenfalls von jener ges meinſchaftlichen Hoͤhe ihre Quellen erhalten. Es verdiente. die Aufmerkſamkeit eines eins ſichtsvollen und mit Scharfſinn begabten Oro⸗ graphen, der zugleich in jeder anderen Bezie⸗ hung Phyſiker waͤre, hier die beſonderen Um⸗ ſtaͤnde in Erwägung zu ziehen, wodurch dieſes waſſerreiche Plateau ſich von den hoͤheren Ge⸗ birgspunkten unſeres Welttheils auszeichnet, und zu unterſuchen, welchen Einfluß dieſe eigen⸗ thuͤmliche Beſchaffenheit des Nordens von Amerika auf fein Klima und ſeine Erzeugniſſe haben koͤnne. Die Nordweſtkuͤſte, oder was wir hier un⸗ ter dem Namen Neu Albion verſtehen, ſcheint, wenigſtens vom 5zſten Grade der Breite an, mlt hoͤheren Gebirgen beſetzt zu ſeyn. Der Berg Edgecumbe, der Berg Fairweather, der Berg St. Elias, und die Gebirge, welche um Prinz Wilhelms Sund und um den Cooksfluß liegen, haken jene ſchroſſere pikähnliche Geſtalt, wodurch ſich
80 Vorlauſige Schilderung
die höchſten Alpen unſeres Weltthells auszelch⸗ nen, und, wenn man die Entfernung, in wel⸗ cher fie über dem Horizonte ſichtbat find, in Erwägung zieht, unſtreltig auch eine beträchtli⸗ che Hoͤhe. Vielleicht alſo laßt es ſich als wahr⸗ ſcheinlich annehmen, daß die Fortſetzung der mächtigſten Gebirgskette im Amerikanlſchen Welttheile ſich von Mexicb nordwaͤrts längs
der weſtlichen Kuͤſte hinaufzieht. Allein ver⸗ hͤltulßmäßtg gegen die Andes oder unſere Al⸗ pen, oder die Kaukaſtſchen und Tibetaniſchen Gebirge bleibt im Ganzen genommen jene nordweſtliche Kette von einer ſehr untergeordne⸗ ten Hoͤhe. Eine wichtige Bemerkung für den Geologen iſt hier noch anzufuͤhren uͤbrig: im ganzen Norden von Amerlka findet man nir⸗ gends eine Spur des vulkantſchen Feuers und ſeiner Wirkungen „ bis man in den Cooks⸗ fluß kommt und doͤrt auf deſſen weſtlichem ufer einen ſeuerſpeyenden, kegelfoͤrmigen Berg erblickt. Die Kette der Inſeln, welche, von der Halbinſel Alaska an, das Kamtſchatklſche Meer gleichſam verſchlteßen, und die gegen über liegende Halbinſel Kamtſcharea ſelbſt auf der Aſiatiſchen Sete, geßbreh ſchon mehr zum Plutoniſchen rn So liegt auch
auf
des Nordens von Amerika. 31 auf der Nordoſtſeite Island mit feinen But; kanen in der Naͤhe von Amerika.
Bey der unbedeutenden Hohe der Gebirge und ihrer fanfteren Verflaͤchung bleibt in dem großen Lande, welches wir hier uͤberſehen, der größte Theil der Oberfläche den bewohnbaren Thaͤlern, den Edenen, den unabſehlichen Wie⸗ ſen an den Ufern der Fluͤſſe, den Sumpfgegen⸗ den und Niederungen zugemeſſen. Die Ger gend um die fuͤnf großen Seen iſt eine erha⸗ bene Bergflaͤche, oder Platteform (plateau), welche über alle benachbarten Oebirgsruͤcken hinausragt, und von welcher fie eigentlich nach verſchiedenen Richtungen eusgehen. Ihre verhaͤltnißmaͤßig geringe Höhe, ihr Waſſer⸗ reichthum, ihre Lage in dem gemaͤßigten Erd⸗ ſtriche zwiſchen 40° und 50% der Breite, ihr üppiger, ſtolzer, mannigfaltiger Pflanzenwuchs machen fie zum Lieblingsaufenchalte verfchieder ner Gattungen von Thieren, und zugleich der zahlreichſten und maͤchtigſten unter den einge⸗ bornen Menſchenſtaͤmmen. Schaut man von ihrer Hoͤhe nach Suͤden hinab, ſo ſieht man längs dem Laufe des Illinois, des Wabaſch, des Ohio, des Schamano und des Tſcheroki⸗ fluſſes, welche ſaͤmmtlich von Oſten Fer in den
G. Forſters kl. Schr. zr Th. 7
82 Vorlaͤufige Schilderung
Miſſiſſippi fallen, ein unermeßliches, zum An: bau reitzendes, mit allen Beduͤrfniſſen des gebens reichlich verſehenes Wieſenland, in dei: ſen Waͤldern unzaͤhlige Heerden von wilden Rindern und Rehen umherſtreifen, wo die Biber an den Ufern der Baͤche ihren kunſt⸗ reichen Bau vollfuͤhren, wo die Gattungen des wilden Gefluͤgels in endloſer Verſchieden⸗ heit des glaͤnzendſten Geſieders die Wipfel der Baͤume bevoͤlkern, und ein mildes Klima den Herrn der Schoͤpfung anlockt, ſich einen Wohnſitz zu waͤhlen, und in der Anwendung feiner Kräfte auf ein fruchtbares Land den reinſten Genuß, deſſen er’ fähig iſt, einzu⸗ ernten. Hier iſt es, wo die Republik der vereinigten Staaten 220 Millionen Morgen Land., zu kuͤnftigen Niederlaſſungen beſtimmm, gegen Erlegung eines geringen Ankaufpreiſes den neuen Anſiedlern uͤberlaͤßt, und wo ſie ihren in dem Kampf um Unabhaͤngigkeit ver⸗ dient gewordenen Heeren ein Eigenthum zur Belohnung angewieſen hat. Das Verkehr mit den Spaniſchan Colonieen am jenſeitigen Ufer des Miſſiſſippi und an dem Meerbuſen von Mexico, welches bald den unmittelbaren Handel nach den Weſtindiſchen Inſeln erzwin⸗
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des Nordens von Amerika. 83 gen wird, bietet dieſen neuen Anlagen die ſicherſte Ausſicht auf einen ſchnellen Zuwachs von Macht und Bevoͤlkerung und dauerhaf⸗ tem Wohlſtand dar.
Nordoſtwaͤrts von der großen Bergs Ebene erſtrecken ſich die des Anbaues fähigen Laͤn⸗ der zu beyden Seiten des St. Lorenzſtroms; minder reich und uͤppig zwar, als an jenen von der Natur deguͤnſtigten Geſtaden des Ohio, deſſen Name ſchon vom unwiderſtehlichen Ein⸗ druck des Schoͤnen auf die Empfindung ſelbſt des rohen Indianers zeugt,) — aber gleich⸗ wohl noch ergiebig genug, um die Wehe des Pflanzers mit Ueberfluß zu belohnen. — Im Weſten ſcheint ein unermeßliches Thal den Dres ganfluß zu begleiten, und wahrſcheinlich erwei⸗ tert es ſich zu großen Ebenen, ehe dieſer Strom das weſtliche Meer erreicht. — Hingegen nach Nordweſten hin verraͤth die Zahl und Lage der Seen, nebſt dem Laufe der Fluͤſſe, daß in dieſer Richtung die große Bergebene mit ge⸗ ringen Abaͤnderungen ihrer Hoͤhe bis jenſeits des Sklaven⸗Sees fortfegen muß, und dieſe er⸗ ſtaunliche Verlangerung derſelben erklärt zu, gleich die ſonſt unbegreifliche Kälte des Nord⸗
) Ohio heißt der Schöne, g 5 2
84 Vorlaͤufige Schilderung Gum IB weſtwindes, die beſonders auf das Klima der
am Atlantiſchen Meere belegenen, mittleren Provinzen einen ſo nachtheiligen Einfluß hat. | $. 10. | Sa Amerikaniſche Kaͤlte. ' rike Es waͤre ſicherlich fuͤr die Graͤnzen dieſes Gr Aufſatzes ein viel zu weitumfaſſendes Unter⸗ als nehmen, die Urſachen der verſchiedenen Er⸗ nad | ſchelnungen, woͤdürch ſich der neue Welttheil wuaͤ von dem unſrigen auszeichnet, aufſuchen und die aus einander ſetzen zu wollen. In den mei: des ſten Fallen wuͤrden uns überdies die unuͤbers me windlichſten Schwierigkeiten an der Erreichung eit unſerer Abſicht hinderd, da die Thatſachen, der worauf ſich eine jede Unterſuchung dieſer Art we | gründen muß, noch fo vielem Widerſpruch un: def | terworfen find. Alles, was wir alſo thun ME 9 koͤnnen, wird darin beſtehen „ über die allge; un I meine Beſchaffenheit des Amertkaniſchen Nor; we 11 dens das Zuverläſſigſte auszuſondern, um es un IM den Leſern hier vorzulegen und ihnen zugleich nö ; die Anwendung davon zu uͤberlaſſen. Anſtatt ſel N 9 alſo zu unterſuchen, in wie fern die Abwe⸗ bis 11 ſenhett der Vulkane, wovon wir vorhin ge- ſch | 1 ſprochen haben, dort zur Hervorbringung einer 5 9 b di, | |
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des Nordens von Amerika. 35
verhaͤltnißmaͤßig weit groͤßeren Kaͤlte mitwirken koͤnne, wollen wir uns begnügen, dieſes Phaͤ⸗ nomen zuerſt in naͤhere Betrachtung zu ziehen und aufs Reine zu bringen,
Alle Entdecker und Anſiedler von Nordame⸗ rika bemerkten bald, daß daſelbſt unter gleichen Graden der Breite eine weit ſtrengere Kaͤlte, als iy unſerm Welttheile, herrſchte. In Ca⸗ nada, in Neuf hottland, in Neufundland ſuͤd⸗ waͤrts vom soften Grade der Breite, erſtarren die groͤßten Fluͤſſe, ſelbſt der St. Lorenzſtrom, des Winters mehrere Monathe hindurch mit mehr als klafterdickem Eiſe; indeß in Frank⸗ reich und Deutſchland unter gleichen Graden der Breite der Winterfroſt im Durchſchnitte weit gelinder iſt. In Penſylvanien ſogar, deſſen Hauptſtant unter 40° der Breite liegt, iſt die Kaͤlte des Winters ſo ſtrenge, wie bey uns im Foſten Grade. Geht man aber noch weiter nach Norden, an die Kuͤſte Labrador und die Ufer der Hudſonsbay, die mit dem noͤrdlichen Deutſchland und den Brittiſchen In⸗ ſeln in gleicher Breite liegen, ſo findet man ein trauriges Klima, einen Boden, der zum Anbau ſchlechterhings'unfaͤhig iſt, und einen Grad des Froſtes, wobey die ſtärkſten geiſtigen Getränke
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285 Vorläufige Schilderung
ſogar in geheitzten Zimmern gefrieren. Etwa
hundert Meilen weiter gegen Norden, in Grönland, liegt ewiges Eis langs den Kuͤſten
und auf den Gebirgen. Aus dieſen Angaben
erfolgte nunmehr der Schluß, daß Amerika uͤberall welt kaͤlter als Europa unter gleichen Graden der Breite ſey; allein uns kommt es dennoch ſo vor, als ob in dleſer allgemeinen Ausdehnung des Satzes einige Uebereilung lies ge. Das Innere von Nordamerika jenſeits der Alleghenny ⸗ Gebirge genießt ein ungleich milderes Klima, als die Oſtkuͤſte unter einerley Polhoͤhe. Der wilde Reiß (Zizania), der, wie geſagt, am ſuͤdlichen Ufer des Sees Su⸗ perior nicht reifen will, waͤchſt haufig und bringt reifen Samen oberhalb des Winnipeg, beynahe fuͤnf Grade weiter gegen Norden. So viel haͤngt von beſonderer Lage und localen Um⸗ ſtaͤnden ab. Hearne und Mackenzie fanden auf ihren Reiſen die Laͤnder des Inneren bis zum 68 ſten Grade mit Waldung bedeckt; und weiter erſtreckt ſie ſich auch in unſerem Weelttheile nicht. Die Weſtkuͤſte endlich, oder Neu Albion, ſoll, nach dem Zeugniſſe der alteren ſowohl als der neueſten Entdecker, ihrer hoheren Gebirgsketten ungeachtet, ein
des Nordens von Amerika. 87 fanfteres Klima als die Oſtkuͤſte genießen. Dieſe Verſchiedenheit zwiſchen den zwey ent⸗ gegengeſetzten Kuͤſten eines Welttheiles findet auch in dem unſrigen Statt. In Ochotsk unter dem 6oſten Grade der Breite ſieht man zuweilen die Sonne nicht drey⸗ oder viermal in einem Sommer; keine Art von Anbau iſt daſelbſt möglich, und die Winterkaͤlte, die bis in den May fortdauert, bedeckt den Hafen und den ganzen Meerbuſen mit Eis. Noch ungleich füdlicher, bis an die Chineſiſche Mauer, geſtat⸗ tet der Himmelsſtrich keinen Korndau, und in Peking ſelbſt, das mit Philadelphia und mit Toledo in 40 Graden der Breite liegt, iſt der — Winter außerordentlich ſtrenge. Die Urſache dieſes Unterſchledes zwiſchen der Temperatur der oͤſtlichen und weſtlichen Kuͤſten ſey welche ſte wolle, fo iſt wenigſtens das Faktum ſo ber ſchaffen, daß es den anfaͤnglich fo auffallenden Unterſchied zwiſchen der Temperatur beyder Welttheile merklich vermindert. Allerdings bleibt zwar, auch wenn man dieſen Punkt er⸗ wagt, ein Unterſchied des Himmelsſtriches zum Vortheile von Europa noch uͤbrt»; allein hier treten nun ſo viele Urſachen ein, von denen keine für ſich hinreſchend wäre, das Phänomen zu er⸗
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88 Vorläufige Schilderung
klaͤren, die aber zuſammengenommen mehr als hinreichend zu ſeyn ſcheinen, es wirklich her⸗ vorzubringen. Dahin gehören die ungeheure Menge Waſſers „ welche die Luft ſehr feucht erhalten muß; die flache Beſchaffenheit des hoͤ⸗ heren Landes, auf welchem die kalten Nordwaſt⸗ winde ungehindert fortſtreichen koͤnnen; die Menge der Waͤlder, der Mangel der Einwoh⸗ ner und des Anbaues; endlich und zuletzt, auch ohne zu ſpotten, die ganz iche Abweſenheit eines vulkaniſchen Herdes, Vielleicht alſo, wenn die Cultur hier große Fortſchritte macht, wenn neue Niederlaſſungen nach allen Seiten hin angelegt werden, wenn das Menſchengeſchlecht ſich von drey bis zu einigen hundert Millionen vermehrt, wenn die Wälder ausgerottet find, wenn die ungepfluͤgten Aecker ausduͤnſten konnen, wenn die Seen aus Mangel an Zufluß und Anzie⸗ hungskraft allmählich austrocknen: — dann ändert ſich das Klima von Amerikg, und wird dem unſrigen ahnlicher, fo wie das unſrige vor zweytauſend Jahren nicht nur dem jetzigen Amerifanifhen an Kälte glich, ſondern auch die Thlert hervorbrachte, die gegenwärtig nur
dem eyſtarrten Norden eigen find, Es kann indeſſen auch ſeyn, daß die beſondere Geſtalt
des. Nordens von Amerika. 39 der Laͤnder in Amerika und ihre relgtive age auf ihren Himmelsſtrich einen gewiſſen Ein⸗ fluß hat. Unſtreitig wäre Neufundland als Inſel nicht ſo kalt, wenn Labrador ihm nicht unmittelbar zur Seite, und Grönland im na⸗ hen Norden gegenuͤber läge; unſtreitig wirken auch die tiefen Buſen der Baſſins⸗ und der Hud ſonsbay zur Mittheilung einer kalten Tem⸗ peratur, vermittelſt der daruͤber A er den Winde.
8. 1 1.
Produkte des Mineral reichs,
Das Innere vun Nordamerika Hin Abſicht Ä der DBeftandtheile feinen Gebirgsmaſſen noch ein unerforſchtes Land. Theils die gaͤnzliche Unbekanntſchaft der wenigen Kaufleute, die jene großen Einsden durchwandert haben, mit den Körpern des Mineralreiches, theils auch 5 die Schwierigkeit, in einem überall mit Pflant zen und Bäumen bekleideten Lande ſolche Stel; len anzutreffen, wo die Schichten und Gebirgs⸗ lager genau erkannt und unterſchleden⸗ werden koͤnnen, wird vielleicht noch (Ange Schuld ſeyn, daß in dieſem . der Gebirgslehre
— e
95 Vorlaͤufige Schilderung
— — *
eine große Luͤcke bleibt. Ein paar allgemeine
Bemerkungen, die ich hier aufzeichnen werde, ſollen daher nicht ſowohl von der wirklichen Beſchaffenheit der Nordamerikaniſchen Ge⸗
birge Rechenſchaft geben, als vielmehr kuͤnf⸗ tige Mineralogen auffordern, ſie zu beſtaͤti⸗
gen oder zu berichtigen und zu ergaͤnzen. Im hoͤchſten Norden, z. B. in Grönland und in den hohen, ſchroffen Felſengebirgen an der Kuͤſte Teu⸗Albion und am Cooksfluß duͤrf⸗ ten wahrſcheinlich Granit und Schiefergebirge von der aͤlteſten Entſtehung zu ſuchen ſeyn. Asbeſt und Amianth werden uns haufig von Neugrönland zugeführt, und als Schieferges birge ſch Cook die Bergart um Nutka⸗ ſund zu beſchreiben. Nach Nalms Berich⸗ ten iſt in Canada eine aus Quarz, Glimmer und Kalk gemiſchte Felsart, folglich ein Ge⸗ menge von verhaͤltnißmaͤßig ſpaͤterer Entſte⸗ hung, haͤuſig anzutreffen. Labrador enthält unſtreitig dem Granit verwandte Gebirge, wie ſich aus einigen Worten, die Curtis in ſeiner Beſchreibung fallen laͤßt, und aus dem Feld⸗ ſpath ergiebt, der wegen ſeines ſchoͤnen, ſchil⸗ lernden Glanzes ſo bekannt geworden iſt. Bereits in den aͤlteſten Reiſebeſchreibungen
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des Nordens von Amerika. 9 r 5 —— e —— —
finde ich eine Spur, daß dieſer fo genannte Las bradorſtein auch in dem Meerbuſen Fundy, zwiſchen Neuſchottland und Neuengland, drey Viertelmeilen weit von der Inſel Menan, eine Klippe bildet, die mehrentheils vom Waſſer bedeckt iſt. Ihr Entdecker, de Razilli, hielt ſie zwar fuͤr echten Laſurſtein; allein ein ſol⸗ cher Irrthum iſt einem Abentheurer von ſeiner Art verzeihlich, und war es vor hundert und funfzig Jahren noch mehr als jetzt.
Von Neufundland an uͤber Cap Breton und Neuſchottland bis in die mittleren vereinig⸗ ten Staaten erſtrecken ſich Schiefergebirge von einer ſpaͤten Eutſtehung mit unermeßlichen Koh⸗ lenfloͤtzen vermiſcht. Alle die verſchiedenen Ruͤcken und Zweige des großen Alleghenny⸗ Gebirges beſtehen aber aus Quarzfels und daruͤber geſchichtetem Sandſtein, an deren Verflaͤchungen die Kalk⸗, Schlefer⸗ und Koh⸗ lenfloͤtze aufſitzen. In allen dieſen Gebirgen ſind Eiſen und Kupfer die gewoͤhnlichſten und haͤuſigſten Metalle; Bley wird ungleich ſeltener angetroffen „und von den fo genannten edlen Metallen hat man, ſo viel ich weiß, noch keine Spur. Alles, was man in Gebirgen von ſpaͤ⸗ ter Eutſtehung anzutreffen pflegt, Pflanzen ⸗
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92 Borläufige Schilderung
abdruͤcke und Petreſakten, Steinoͤhl, Kohlen, Schwefel, Mittelſalze, phosphorſaures Eiſen, Marmorarten, u. ſ. w. beſitzen die vereinigten Staaten an verſchiedenen Stellen zwiſchen den Alleghenny? Gebirgen und dem Atlantiſchen Meere. Kochſalz, oder wenigſtens zahlreiche Salzquellen liegen an der entgegengeſetzten Weſtſeite dieſer Gebirge zwiſchen dem Ohio und Miſſiſſippi, und werden bereits in dem neuen Stgate Kentucky von den Loleniſten grabirt und benutzt,
Unſtreitig aber ſcheint pon allen Metallen im Norden von Amerika das Kupfer am häus figften vorhanden, und am allgemeinſten vers breitet zu ſeyn. Der Gebrauch des Eiſens war den urſpruͤnglichen Einwohnern jenes Welttheils gaͤnzlich unbekannt; dagegen hatten fie überall das in Menge zu Tage liegende ges diegene Kupfer zu mancherſey Werkzeugen, See täthen und Ziergthen angewandt. Searne fand noch Kupferberge am Rande des Eis; meeres im 7 iſten Grade der Breite; Carver | und Andere Pelzhändler entdeckten erſtaunlich große Maſſen dieſes Metalls theils am ſuͤd⸗ lichen Ufer des Sees Superior / theils auf den darin befindlichen W Meares ers
*
des Nordens von Amerika. 93
waͤhnt großer Klumpen von Kupfer, die er in den Händen der Einwohner des, Nutkaſundes, und nach ihrer Ausſage aus dem Inneren des Landes geholt, erblickte. Endlich erſtreckt ſich die kupferreiche Gegend auch bis in die Naͤhe von Kamtſchatka, wie die davon benannte Ku⸗ pferinſel (Mednoi⸗Oſtrow) beweiſet. Auch in der alten Welt kannte man den Gebrauch dieſes Metalls unftreitig ſchon lange, ehe noch die Kunſt in Eiſen zu arbeiten erfunden ward. Die Natur bietet Kupfer ‘Häufig in feinem ges diegenen, dehnbaren Zuſtande dar; das Eiſen hingegen, zufaͤllige Ausnahmen nicht gerechnet, iſt uberall verkalcht und nicht ohne Zuſutz von brennllchen Stoffen zur Metalleität zurüuͤckzu⸗ führen, Es erforderte alſo einen nicht gekin⸗ gen Grad der Cultur und der durch fie allein zu erlangenden Entwickelung der Geiſteskräfte, um in der Schmelzkunſt auch nur fo weit cfortzuͤſchreiten. — Von den Mineralien der weſtlich und nordweſtlich vom See Superior liegenden Lander iſt übrigens nicht das mins deſte bekannt. Die Indianer ſprechen von felfigen Gebirgen (rocky mountains) nord- warts vom Oreganfluß, und einer von ihnen hat auf einer Karte die fo genannten Berge von
94 Vorlaͤuſige Schilderung rr ung, glänzenden Steinen (Mountains of [hining ftones) angedeutet, die vielleicht Quarzkriſtall und Glimmer von glaͤnzender Metallfarbe ent⸗ halten. Auch Mackenzie fand an feinem Fluß einen Berg mit ſolchen glaͤnzenden Steinen: allein ſchon dieſe unbeſtimmten Ausdruͤcke vers rathen zur Genuͤge, wie wenig wefentliches Licht ſich fuͤr die Wiſſenſchaft aus dieſem täuſchenden Schimmer ſammeln laͤßt. 5
$ 12.
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In den lebloſen Geſtalten des Mineral⸗ vehhes bleibt die Natur einſoͤrmiger und ſich ſelbſt uͤberall ahnlicher, als im organifchen Pflanzengebilde oder in den unzähligen For⸗
men des Thierreichs. Die Zahl der chemi⸗ |
ſchen Grundſtoſſe ift beſchraͤnkt, ihre moͤglichen Zuſammenſetzungen laſſen ſich berechnen; dieſe
aber ſind nicht in gleicher Menge vorhanden,
ſondern neben einigen ſeltenen Miſchungen
giebt es andere, die in allen Weltgegenden
haufig anzutreffen ſind und deren geringe Mos difieationen eben darum weniger Eindruck ma⸗
chen, weil die Cinförmigkeis . Massen
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des Nordens von Amerika. 95 das Auge und den Geiſt ermuͤdet. Weit ſichtbarer iſt die Verſchiedenheit der einem
jeden Lande zugetheilten Natukkraͤfte in den
charakteriſtiſchen, ihrem Urbilde ſtets getreuen Formen der Pflanzen und Thiere. Entfernung, Lage, Klima ſetzen hier Unterſchiede feſt, die nur der Menſch auf der hoͤchſten Stufe ſei⸗ ner Bildung wahrnehmen, unterſuchen und durch ſeine kuͤnſtlichen Vorkehrungen gewiſſer⸗ maßen wieder abaͤndern kann, indem er die Erzeugniſſe aller Welttheile um ſich her ver⸗ mut ö
Amerika, auch RE deſſen nördliche Haͤlf⸗
te „ iſt in Abſicht feines Pflanzenreichthums
von Europa gänzlich verſchleden. Seine Wäͤl⸗
der prangen mit Nodelhoͤlzern, die mit den
unſrigen nur eine entfernte Aehnlichkeit ver⸗ rathen; unter den dortigen Laubbaͤumen haben viele bey uns nicht einmal eine verwandte Gattung; die Stauden, die. Kräuter, die Blumen, die Seren und Mooſe find dem Be: obachter, der nur Europaͤlſche Pflanzen geſehen hat, voͤllig fremd und unbekannt. Mit Recht
erſtaunt unſer Geiſt, mit Recht verſinkt er in ſtille Bewunderung bey dieſem Anblick, der von einer. ung. unbegreiflichen, unſer ganzes
1
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96 Vorlaͤuſige Schilderung
Faſſungsvermögen weit uͤberſteigenden Kraft und Wirkſamkeit der Natur Zeugniß giebt, wodurch einſt auf der Grundlage von harten, leblos zuſammengehaͤuften mineraliſchen Sub» ſtanzen das Heer der organiſchen Weſen, mit unendlicher Fortpflattzungskraft begabt, her⸗ vorging. Es ward — was bis dahin noch nicht geweſen war, und dieſe Kraft des Wer⸗ dens erfuͤllte den Erdball; denn wohin wir uns wenden, in jedem engen Bezirk, erblicken wir Pflanzen und Thlere, die nur fuͤr ihn geſchaf⸗ ‚fen, die nirgends außer ihm zu finden find, und oft ſogar an keinem andern Orte leben können. Su
Wie ein Senne entstehe, ver
greifen wir nicht; wir faſſen es nicht, nach welchen ' Geſetzen die Elemente ſich zu Welt⸗ kugeln ballten; es bleibt uns unergruͤndlich) wie Kalk und Thon und Eiſen, überall ſo
reichlich geſpendet, aus der Verbindung ihrer
Grundſtoffe wurden, und wir erblicken mit heiligem Schauer den Abgrund zwiſchen zweyen Welten, von denen eine uns verborgen iſt, ſo oft wir uns das erſte Werden der orga⸗ niſchen Schoͤpfung verſinnlichen wollen. Nur diefe einzige Vorſtellunz bleibt uns uͤbrigt wir
einſt
N 8 25
des Nordens von Amerika. 97 einſt an tauſend Millionen Punkten zugleich eine ſolche Miſchung der Elemente entſtand, wodurch die Formation der Mineralien moͤg⸗ lich und wirklich ward, ſo kam ein Zeitpunkt, wo jene anderen Kraͤfte, von denen die or⸗ ganiſche Bildung abhängt, Überall in Wirk⸗ ſamkeit geriethen. Die Oberflaͤche der Erde bedeckte ſich mit Graͤſern, Kräutern und Haus, men, und auch im Pflanzenreiche wurden ges, wiſſe Formen — nach menſchlicher Weife zu reden — von der Natur leichter hervorge⸗ bracht; Tauſende von dieſen ſproßten in ver ſchiedenen Punkten des Erdreichs auf, fuͤr Eine, die ihr Entſtehen einer bloß localen Modifica⸗ tion verdankte. Vereinzelt konnten wenigſtens weder Thier noch Pflanzenarten ſtehen; ſonſt wäre die organiſche Schöpfung: im Augenblick ihres Werdens verſchwunden. Den Zeugungs⸗ kraͤften, der Unerſchoͤpflichkeit, dem Reich⸗ thume der Natur iſt das einfache, erhabene Bild des Unbegreiflichen angemeſſen: „Die „Erde laſſe aufgehen Gras und Kraut, dat „ ſich : beſame nach ſeiner Art;“ — und wei⸗ ter: — „es errege ſich das Waſſer mit wer ae ‚ma lame e —
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6, an kl. Ehe. „. 9 6
98 Vorläufige Schilderung
Wenn nun in den Wäldern von Canada im Schatten jener einheimiſchen Baͤume, die jedem anderen Erdboden fremd ſind, hin und wieder einige Pflaͤnzchen aufſproſſen, (Lin- naea borealis, Pyrola rotundifolia, Arbu- tus uva ursi, Myrica Gale) die auch im Mor: den von Europa angetroffen werden; was noͤz⸗ thigt uns, ſie von den Weſen ihrer Art in unſerem Welttheil abſtammen zu laſſen? Was hindert uns zu glauben, daß dieſelbe unbe⸗ kannte Energie, wodurch gerade dieſe Formen bey uns ſich erzeugten, einſt auch jenſeits des Atlantiſchen Meeres wirkſam geweſen ſey ? Welch einen Vorzug haben die Schwediſchen und Deutſchen Heiden vor den Canadiſchen, daß, wenn auf beyden einerley Pflanzen ſich unter verſchiedenartigen eingemiſcht finden; wir die Amerikaniſchen von Europaͤiſchen Samen herleiten ſollten? Unſtreitig iſt es nicht ſchwe⸗ rer ſich zu denken, wie in Canada ein Win⸗ tergruͤn (Pyrola) zwiſchen den Wurzeln der Weymouths⸗Kiefer oder der Sproßtanne; und durch dieſelbe Kraft mit dieſen, als wie es in Deutſchland unter den gemeinen Kiefern und Weißtannen, und durch dleſelbe Kraft mit dieſen, zuerſt hervorgehen konnte. Wo
des Nordens von Amerika. 99 die Natur es vermochte, den Erdboden mit Millionen Weymouths⸗Kiefern, Weißeedern, Sproßtannen zu ſchmuͤcken, konnte es ihr ein leichtes ſeyn, zugleich andere Pflanzengeſtal⸗ ten zu bilden, die, vermoͤge einer voͤlligen Aehnlichkeit der Umftände, auch in unſerem Welttheil entſtanden. Die ſcholaſtiſche Gruͤs⸗ beley, die in einem dunkeln Zeitalter, aus Unkunde der im äußern Sinne gegebenen Welt, auf halbwahre einſeitige Beobachtungen allge⸗ meine Geſetze zu gründen ſich erkuͤhnte, hat mit dem Satze der Sparſamkeit in der Na⸗ tur, dem man eine bloß relative Zulaͤſſigkeit wohl goͤnnen kann, die Verwirrung geſtiftet, die wir hier beſtreiten. Wie die Natur von Einer Seite ſparſam und einfach genannt werden darf, ſo iſt ſie auch in einer anderen Hinſicht verſchwenderiſch und von unendlicher Mannigfaltigkeit. Wer im Fruͤhling einen Obſtbaum mit Bluͤthen uͤberſchuͤttet ſah, wor von unmöglich der zehnte Theil Frucht a ſetzen kann — wird der noch an dem uͤppl⸗ gen Ueberfluſſe zweifeln, den die Natur nicht zu achten ſcheint, um ihres Zweckes gewiß zu ſeyn? Der Drang iſt bewundernswerth, womit ſich alles Elementariſche beſtrebt, Ge⸗ N G2 N
100 Vorlaͤufige Schilderung ſtalten anzunehmen; auch ſcheint es faſt, daß / wie die Urſtoffe der Natur zu hoͤherem Leben gradirt find, dieſes Beduͤrfniß nur deſto drin⸗ gender werde. Iſt dieſes aber jetzt der Fall) da alle Formen bereits gebunden find — mit welcher unaufhaltſamen Gewalt mußten ſie nicht dieſe Urſtoffe aus einem Chaos an ſich reißen, worin noch nichts organiſch Gebilde⸗ tes vorhanden war, und worin fie zum er ſtenmal ihre Anziehungskrafte äußerten? Man möchte ſich den Augenblick als den erhäben⸗ ſten in der Geſchichte unſeres Planeten den / ken, den Augenblick, da Form und Stoff ſich plotzlich auf dem ganzen Erdenrund er⸗ griffen und Millionen organiſcher Weſen feine Tiefen und ſeine Berggipfel mit der Goͤtter⸗ freude des jungen Lebens und der Sponta⸗ neität, wie auf ein ausgeſprochenes Sauber. wort, mit einemmal erfuͤllten! ö Kraftloſer, unfruchtbarer und einfoͤrmiger erſcheint die Matur zur Hervorbringung der Pflanzen in kalten Gegenden. Sowohl auf den Gebirgen eines jeden Hlinnielsfteiches, als um die beyden Pole verringert ſich die Anzahl der Gewuͤchſe; ihr Wuchs wird kruͤp; pelhaft, ihre Größe unanſehnlich, und man
des Nordens von Amerika. 101
— 5 os findet mehr aͤhnliche oder ‚völlig gleiche, als von einander verſchiedene Geſtalten. Dieſe Regel beſtaͤtigt ſich an allem, was wir von der Nordamerikaniſchen Flora wiſſen. In den allerkaͤlteſten Gegenden trifft man ſelten
jene Pflanzenarten an, deren Fortpflanzung
die Natur mit dem lieblichen, aber ſchnell vorübergehenden. Phänomen der zarten farbi⸗ gen Bluͤthe und des unſichtbaren Duftes ver⸗ herrlichte. Vegetabiliſche Koͤrper von einer einfacheren Struktur, in denen der wuchernde
Saſt hoͤchſtens ein Knoͤtchen bildet, das beym
Abſterben der Pflanze den Keim des Lebens und der Entwickelung aufbewahrt, und, wie der Koͤrper, in welchem es entſtand, ſich aus breitet und ſtirbt — Flechten, Steinſchoͤrfe, Gallerte, Watten und Staubpflanzen beklei⸗ den dort die wenigen von Schnee und Eis entbloͤßten Felſen. In Groͤnland fand der ſorgfaͤltige Cranz, außer dieſen ſo genannten kryptogamiſchen Pflanzen, nur vier und zwan⸗ zig Gattungen, welche Bluͤthen trugen, und darunter den Wacholder, die Birke und einige
Weiden, wovon jedoch keine über zehn Fuß hoch
war. Davis fand Weiden und Birken bis zum 6yſten, und Mackenzie bis zum 68ſten Grade. G 3
102 Vorläufige Schilderung
um die ſuͤdlichen Ufer der Hudſonsbay, in Canada, in Neufundland und Neuſchottland findet man bereits einen kräftigen Pflanzen⸗ wuchs und einen mannigfaltigen Reichthum der Geſtalten, unter denen verſchiedene den Erzeugniſſen den Europalſchen Nordens voll⸗ kommen gleichfoͤrmig ſind. Einige wenige kom⸗ men mit den Pflanzen des nordoͤſtlichen Aſiens überein; und fo wie man ſich der Weſtkuͤſte von Amerika nähert, nimmt die Zahl der Ar⸗ ten, welche dieſer Welttheil mit Sibirien ge⸗ meinſchaftlich beſitzt, anſehnlich zu. Dagegen verlieren ſich dieſe Aehnlichkelten und Ber: wandtſchaften ſowohl mit Aſien als mit Eu⸗ ropa, je weiter man in Amerika ſuͤdwaͤrts kommt, dergeſtalt, daß an der Mittagefeite der großen Seen und in den Wieſenflaͤchen am Ohio und Miſſiſſippi nur äußert ſelten noch eine Pflanzenart gefunden wird, die unſerer alten Welt nicht völlig fremdartig wäre. Wo Steller (ein Name der keinen Beyſatz bedarf) mit Behring an den Kuͤſten von Nordweſt⸗Ame⸗ rika landete, fand er dieſe, auch in unſerm Norden bekannte Pflanzen;
Plantago major, Polemonium caeruleum.
des Nordens von Amerika. 103
Lonicera Alan
Ribes alpinum. — — Groſſularia. Vaccinium Myrtillus,
— — — Vitis Idaca, Rubus Idaeus.
Adoxa Moſchatellina.
Fragaria velca.
Leontodon Taraxacum. Artemiſia vulgaris.
— — — Ablynthium. Gnaphalium dioicum,
Erigeron acre, | Chryfanthemum eee Achillea Millefolium. Wee nigıum.
portlock fuͤgt ihnen in einem ſeiner Reise an⸗ gehaͤngten Verzeichniſſe noch folgende, um den Coobsfluß wachſende Arten bey:
Angelica (ylvelris,
Alisma Plantago, Ledum pahilire.
Arbutus uva urſi.
Rubus chamaemorus. _
Aſtragulus alopecuroides,
Orchis latifolia.
Populus alba.
Lupinus luteus.
Allium vineale.
Ä Bone | Scilberüng |
sitymbelunr nene Draba verna. Sedum ee eren, a Rumex ‚acetola, — ei acutus. — — aquaticus, Myrica Gale. Aconitum Napellus. Polygonum Biſtort : Betula nana. mee — — Alnus. — — alba. Saxifraga granulat. — — nivalis. Polypodium vulgare. a Die wichtigſten Pflanzenarten, die Aſien mit Amerika gemeinſchaftlich beſitzt, find“: das Sinſeng (Panax quinquefolium LIxw.) deſſen Wurzel in China offieinell iſt; die eßbare Lilie, Sarann (Lilium Kamtſchatkenſe Linn.), und die ſuͤße Baͤrenklau (Heracleum Panacles Linn.). Dieſen koͤnnen wir noch hin; zufuͤgen. Plantago afiatica, Chryfanthemum areticum. Altragalus uralenſis. Arnica maritima, Sinapis juncea. Convallaria ſtellata.
2
des Nordens W. 205 — Von den eigentfümlichen Pflanzenarten ur Nordamerikaniſchen Bodens ausfuhrlich zu handeln, liegt außerhalb der Graͤnzen bier ſes Aufſatzes. Die unermeßlichen Waͤlder des Landes, das wir hier hauptſaͤchlich betrachten, find mit den herrlichſten Kiefer und Eichenar⸗ ten zum Schiffbau und anderen Behuͤrfniſſen angefuͤllt. Amerika iſt, mit dem Ausdrucke des beſten Beobachters, der deſſen Wildniſſe berei⸗ ſete, des Leibarztes Schoͤpf, das Vaterland der Eichen, deren es zwar nicht die unſrigen, aber dagegen wenigſtens ſechzehn andere Arten hervorbringt. Daſſelbe koͤnnte man nicht mit unrecht von den Kiefern, Tannen und fo ger nannten Cedern wiederholen, deren Nordame⸗ rika zwiſchen 40° und 60 N. Br. wohl zwoͤlf ihm eigene Arten zähle. Auch feine Ahornar⸗ ten ſind zahlreich, und darunter zeichnet ſich der Zuckerahorn aus, den man im Fruͤhling anzapft, um feinen ſuͤßen Saft zu erhalten, der ſich zu einem vortrefflichen Zucker verdicken laͤßt. Ein zahlreiches Heer von Baͤumen, außer den eben | genannten „liefert den Canadiern und den Eins wohnern der vereinigten Staaten das beſte Nutzholz zu Verfertigung von allerley Hausge⸗ raͤth, worin ein großer Theil ihrer Ausfuhr G7 .
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106 Vorlaͤuſitge Schilderung
nach den Weſtindiſchen Inſeln beſteht. Noch andere Baumarten, die Tulpen⸗ und Lilien⸗
baͤume, die Bignonien und Magnolien ſchmuͤl⸗
ken die Wälder mit ihren breiten, fehön ge formten Blättern und außerordentlich großen Bluͤthen; andere, wie z. B. der Saſſafras, geben ihr wuͤrzhaftes Holz zum medieiniſchen Gebrauch in unſere Apotheken; noch andere ſind merkwuͤrdig wegen ihres oͤkonomiſchen Nutzens, wie der Gärberbaum, oder wegen ihrer ſchaͤdlichen Eigenſchaften, wie der Gift⸗ baum. Einige bringen eßbare Fruͤchte, andere tragen Nuͤſſe von vortrefflichem Geſchmack. Eine Menge verſchiedener bluͤhender Stauden⸗ gewaͤchſe und Geſtraͤuche wachſen in Nordame⸗ rika wild, und werden um ihrer Schoͤnheit wil⸗ len allmählich in unſere Gärten und Parks auf⸗ genommen. Die kleineren Kräuter aller Art wetteifern mit den unſrigen in Menge, Ver⸗
ſchiedenheit und eigenthuͤmlichen Vorzuͤgen.
Das fo genannte Tuͤrkiſche Norn oder der Mays (Zea Mays) ward uns zuerſt aus Nord⸗ amerika zugefuͤhrt, wo es von der Linie an bis zum 45 ſten Grade der Breite, am beſten aber zwiſchen 30° und 40° N. Br. fortkommt, und die Hauptnahrung eines großen Theils der ge⸗
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des Nordens von Amerika. 107 ſitteten und einiger wilden Einwohner aus, macht. Auch das unver dem unſchicklichen Mar men wilder Reiß bekannte Kappengras (Zi. zania aquatica) gehört zu den Getreidearten, welche jener Welttheil dem umherſtreifeuden Indianer von ſelbſt und ohne allen Anbau darbietet. Als eine haͤrtliche Pflanze findet man es noch jenſeits des Foſten Grades der Breite, wenn es gleich am ſuͤdlichen Ufer des Sees Superior nicht fortkommen will. Von den verſchiedenen Gattungen unſeres Getrei⸗ des, welche man aus Europa hinuͤber gefuͤhrt und daſelbſt angebauet hat, gedeihen die mei⸗ ſten vollkommen ſo gut, wie diesſeits des Atlantiſchen Meeres. Unſere ausdauernden
Grasarten haben zwar einen entfchledenen Vor ⸗
zug vor den in Amerika einheimiſchen Futter graͤſern; allein fie werden auch ſchon mit gutem Erfolg im dortigen Boden ausgeſaͤet. Endlich unſere Obſtſorten und Kuͤchengewaͤchſe belohnen dort ebenfalls den Rn: des er Pflan- zers. f b. 13. N f Fidherey an den Kutten. 917 W die Pflanzenſchöpfung im hohen Norden aufzuhoͤren ſcheint, ſo liegt der Grund
108 +;Borläufige Schilderung davon ſo ſichtbar in ihrer Organiſation, daß et beynahe uͤberfluͤßig iſt, daran zu erinnern. Ihre Säfte bewegen ſich fo langſam, und er, zeugen durch ihre Bewegung ſo gar keine Waͤr⸗ me, daß ſie ſchlechterdings des Reitzes einer warmen Luft beduͤrfen. Wo dieſe fehlt, ver⸗ liert ſich allmahlich alle Bewegung; Pflanzen, arten vom ſtolzeſten Wuchs ſchwinden zu unan⸗ ſehnlichen Zwergen, und endlich ſtarrt der fluͤ⸗ ßige Tropfe in den ſubtſlen Haarroͤhrchen, oder dem nicht minder zarten Netze des Zellengewebes. Ganz ‚anders: verhält es ſich mit gewiſſen Ab: theilungen des Thierrelchen, Es giebt einen Punkt, wo die vegetabiliſchen und animaliſchen Gebilde ſich einander naͤhern, und wo es man⸗ nichmal zweifelhaft ſeyn kann, zu welchem Rei⸗ che ſie zu rechnen ſind. Die hoͤchſte Einfachheit der Organiſation iſt dieſer Vereinigungspunkt. Gewiſſe gallertartige Seegewuͤrme find wenig: ‚ftend nur um eine unmerkliche Stufe über die einfachen vegetabiliſchen Subſtanzen hinaus ge⸗ ruͤckt, die man im unwirthbaren Polarlande jenſeits der Graͤnzen der zuſammengeſetzteren Vegetation noch antrifft. Beyde beduͤrfen oft mur der Naͤſſe zur Erhaltung ihres Lebens oder gar zur Auferweckung nach einem Jahrelangen
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des Nordens von Amerika. 109
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Tode. Auch die Struktur gewiſſer Waffen inſekten und Fiſche beguͤnſtigt ihren Aufenthalt in der beeisten Zone; bey einer ſehr geringen Blutmaſſe, iſt ihnen dennoch ein hoher Grad des Muskellebens eigen, und uͤberhaupt das Princip der animaliſchen Senſibilitaͤt in allen Theilen ihres Körpers gleichſoͤrmiger und inni⸗ ger inwohnend. Gewiſſe Gattungen von Bh geln ſowohl, als von vierfüßigen Thieren, hat ferner die Natur zam Aufenthalt im kaͤlteſten Klima beſonders vortheilhaft mit einer warmen Bedeckung ausgeruͤſtet, und ihrem Blute, wie
es ſcheint, dasjenige Verhaͤltniß der Beſtand⸗ theile gegeben, welches zur Erzeugung einer größeren innerlichen Hitze durch den Kreislauf geſchickt iſt. Den Wallſiſchen endlich und eini⸗ gen verwandten Saͤugethieren, die ihren Haupt⸗ aufenthalt im Waſſer haben, dient die unge: heure Menge Fett, womit ſie ganz umfloſſen ſind, zu einem beſtaͤndig angefuͤllten Wärme⸗ behaͤlter, indem die Zerſetzung deſſelben und der chymiſche Proceß, den die Natur in den Lungen unaufhoͤrlich treibt, einen hohen Grad von em pfindbarer Hitze entwickeln. Das Schauſpiel des willkuͤhrlichen thieriſchen Lebens und Re⸗ gens iſt n beinesweges aus den kalteſten
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den große Naturbegebenhelten auf den unbe
110 Vorlaͤuſige Schilderung
| Gegenden unſerer Erde verbannt, und ſo weit
man auch bis gegen den Pol gedrungen iſt, hat man noch Wallfiſche geſehen. Der Fang dier fer ungeheuern Thiere beſchaͤftigt ſowohl im Norden als im Suͤden eine große Anzahl Menſchen aus allen Seehandel treibenden Nationen; allein wir erwähnen hier nur ins: beſondere des Daͤniſchen Wallſiſchfanges in
der Baffinsbay, und der Jagd der Einge⸗ bornen, ſowohl in Groͤnland und Labrador,
als an der Nordweſtkuͤſte, vom Nutkaſund bis hinauf in die Behringsſtraße. Die Wall: fiſche follen insbeſondere an dieſer Kuͤſte fo zahl; reich ſeyn, daß dereinſt, wenn die uns naͤ⸗ her liegenden Meere erfchöpft ſeyn werden, die Fahrt dorthin den Eifer des unterneh⸗ menden Seemannes noch lange reichlich wird belohnen koͤnnen.
Wenn es gleich eine richtige philoſophi⸗ ſche Mapime iſt, ſich über keine Einrichtung
der Natur bloß zu verwundern, weil hier
alles ſo offenbar nach unwandelbaren Geſetzen beſtimmt und geordnet, als Urſache und Wir⸗ kung gegenſeitig in einander greift; ſo bleibt es doch darum nicht minder der erſte Eindruck,
des Nordens von Amerika. 111 fangenen Zuſchauer machen, daß. fie. Staus nen und Bewundern erregen, ihr Zuſammen⸗ hang mit dem Ganzen ſey bekannt oder nicht. Unſtreitig gehört dahin jener unſaͤgliche Reich⸗ thum an vielerley Gattungen von Fiſchen, wo⸗ von die nordiſchen Meere wimmeln, und der die Menſchen oft veranlaßt hat, auf un⸗ fruchtbaren Kuͤſten ihren Wohnſitz aufzufchlar gen. Nicht nur längs der Aſiatiſchen Um⸗ graͤnzung des Eismeers, und an den Aſiati⸗ ſchen Ufern des Kamtſchatkiſchen und Ochots⸗ kiſchen Meeres, ſondern auch an den Fuchs; inſeln, beym Cooksfluſſe und dem Prinz Wil⸗ helms Sunde, bis hinab in die Gegend von Juan de Fucas Einfahrt, bemerkt man im Sommer die Ankunft von Millionen Flſchen, insbeſondere von mehreren Arten der Lachs⸗ gattung, in den Fluͤſſen dieſer Kuͤſte, in de⸗ nen ſie bis an ihre ruhigſte Gegend hinan ſchwimmen, um fuͤr die Fortpflanzung und Erhaltung ihrer Art zu ſorgen und ihren Laich dem ſuͤßen Waſſer anzuvertrauen. Jede beſondere Art halt ſich auf ihrem Zuge von allen übrigen getrennt, und wahlt auch wohl einen beſonderen Fluß. Die Menge der Fi, ſche, die aus dem Meere heraufkommen,
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112 Vorlaͤufige Schilderung überfteigt allen Begriff; / fie ſtauchen das Wafı ſer vor ſich her, daͤmmen die Fluͤſſe zu, und verurſachen große Ueberſchwemmungen. Fällt hernach das Waſſer, indem es einen anderen Abfluß findet, ſo bleiben ſie in ſo ungeheurer Anzahl liegen N daß ihre Verweſung die Luft vergiften wuͤrde, wenn der Sturm ſie nicht zer⸗ ſtreute. Auch giebt es gewiſſe Arten, die nur Einmal in ihrem Leben laichen und noch inner⸗ halb deſſelben Jahres ſterben. Die Kabeliau⸗ arten, die Heilbutten, die Heringe, nebſt meh⸗ reren Fiſchen, die das Seewaſſer nie verlaffen; ſind ebenfalls zu gewiſſen Jahrszeiten an der Nordweſtkuͤſte von Amerika haͤufig, und von dieſen ſowohl als den vorhin erwaͤhnten machen die Eingebornen ihren wrocknen me auf den Winter, 7
Der beſondere Umſtand, daß im Atlantt ſchen Meere in einiger Entfernung von den Kuͤſten von Neuſundland und Cap Breton ver⸗ ſchiedene Untiefen liegen, deren ſchlammiger Sandboden dem Laiche geiolſſer Seeſiſche eine ſichere und zum Ausſchlieſen vortheilhafte Stätte gewahrt, hat zu einem der bluͤhend⸗ ſten Handelszweige die erſte Veranlaſſung ge⸗ geben. Eine zweyte lag beſonders darin, daß ein
des Nordens von Amerika. 113
A —Z— bt — ein ſehr betraͤchtlicher Theil des chriſtlichen Eucopa es ſich zur Pflicht machte, in einer Jahrszeit, wo die Säfte am meiſten zur Auf⸗ loͤſung und Stockung geneigt find, den geſun⸗ den Genuß des friſchen Fleiſches gegen eine hoͤchſt unverdauliche und die Faͤulniß beföoͤr⸗ dernde Nahrung von gedoͤrrten oder geſalze⸗ nen Fiſchen zu vertauſchen. Die Thunfiſche⸗ rey im Mittelländifchen Meere und der He ringsfang in der Nordſee waren nicht hinrei⸗ chend, das religioͤſe Beduͤrfniß des ſuͤdlichen Europa zu befriedigen; man entdeckte die un⸗ erſchoͤpflichen Vorrathskammern der Natur auf jenen Baͤnken im Norden von Amerika; und ſeit der Zeit hat man ſich nur darum geſtritten, welchem gluͤcklichen Volke der Ber ſitz dieſes Reichthums ausſchließlich gehoͤren ſollte. Die Anſpruͤche der Portugieſen und Spanier, die zuerſt daſelbſt fiſchten, gingen zugleich mit ihrer Thaͤtigkeit bey dem uͤberhand⸗ nehmenden kirchlichen und weltlichen Deſpotis⸗ mus in beyden Laͤndern verloren. Der freyen Engliſchen Betriebſamkeit gelang es, alle Mit⸗ bewerber zu entfernen, bis ihre Macht und ihr Uebermuth an der Unterjochung der Kolonieen ſcheiterte, und fie ſich genoͤthigt ſahen, im Frie⸗ G. Forſters kl. Schr, zr Th. H
114 Vorlaͤufige Schilderung
den von 1783 ſowohl an die vereinigten Staa⸗ ten als an Frankreich einen Theil dieſer ein träglichen Fiſchereyen wieder abzutreten. Man rechnet, daß ſich achtzehntauſend Engländer jährlich mit dem Stockfiſchſang auf den Untie⸗ fen von Neufundland allein beſchaͤftigen, von denen jedoch die meiſten dort uͤberwintern. Die Ausfuhr in Engliſchen Schiffen beträgt zuweilen 700,000 Centner. Die Fiſcherey auf den Baͤnken um Neuſchottland beſchaͤftigt eben⸗ falls zehntauſend Menſchen, und die Amerika⸗ niſchen Kolonieen verkauften ſchon lange vor ihrer Independenz im Jahr 1771 mehr als 300,000 Centner Stockſiſch, nebſt 36,000 Faͤſ⸗ fern geſalzener Fiſche, nach den Weſtindiſchen Inſeln. Seit der Anerkennung ihrer Unab⸗ haͤngigkeit hat dieſer Zweig ihres Handels und ihrer Betriebſamkeit, wie faſt jeder an⸗ dere, unglaubliche Fortſchritte gemacht; und da bekanntlich ihre Maͤßigkeit, ihr geduldiger Fleiß und ihr unternehmender Muth, ſie in Stand ſetzen, dieſelbe Waare wohlfeiler als alle andere Nationen zu verkaufen, ſo laͤßt ſich leicht abnehmen, welch eine gefaͤhrliche Rivali⸗ tät für England aus ihrer Theillnahme an die⸗ ſer Fiſcherey entſtehen wird. .
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des Nordens von Amerika. 118
1 9. 14. c Thierreich.
In der thieriſchen Schoͤpfung wie im Pflanzenreiche bemerken wir einige Geſtalten, welche bloß auf kleine Bezirke eingeſchraͤnkt ſind und deren Entſtehung von bloß lokalen Bildungsurſachen abhangen mußte; dane⸗
ben aber andere, die ſich in den entfernteſten
Punkten der Erde unſerem Auge darbieten, und von denen ſich alſo vermuthen laͤßt, daß gewiſſe allgemeinere Bildungsurſachen bey ihrer urſpruͤnglichen Hervorbringung wirkten. Es iſt allerdings merkwuͤrdig, daß ſich in dem gemäßigten Striche von Nordamerika wilde Ochſen aufhalten, welche mit den Aſiatiſchen und Europaͤiſchen Biſons oder Auerochſen, von denen unſer zahmes Hornvieh abſtammt, voͤl⸗ lig gleich geſtaltet ſind. Sie weiden zwiſchen 30 und ss? N. Br., und find am haͤufigſten
in den fetten Graͤſereyen am Ohio und Miſiiſ⸗
ſippi. Nie hat man fie jenſeits des Koften Gras des der Breite angetroffen, fo daß die ernſtli⸗ che Bemuͤhung mancher Zoologen, ihnen uͤber die Behringsſtraße eine Bruͤcke zu bauen, ver⸗ mittelſt deren ſie aus Adams Paradieſe nach Luiſiana und Neumerivd gewandert ſeyn ſollten, che ae |
116 wenne: Pen
9 — — ein Denkmahl ihrer einfeitigen Vorſtellungsart bleibt. Außer dieſem großen Thiere, welches oft zweytauſend Pfund wiegt, hat Amerika noch eine ihm ausſchließlich eigene Art Ochſen, die nur wenig größer, als Dammhirſche und noch niedriger auf den Fuͤßen ſind. Ihre Hoͤr⸗ ner haben das Eigenthuͤmliche, daß ſie an der Wurzel dicht an einander ſtehen, in einer plat⸗ ten breiten Geſtalt zu beyden Seiten des Kos pfes flach anliegen und nur mit den Spitzen ſich wieder hinaufwaͤrts kehren. Dieſe Thier⸗ art, die ſich außerdem noch durch verſchiedene weſentliche Kennzeichen von dem Biſon unter; ſcheidet, hat auch das Beſondere, daß ſie am liebſten den hohen Norden bis zum 73ffen Grade der Breite hinauf bewohnt, wiewohl man auch „Spuren hat, daß ſie ſich zuweilen bis zum ſoſten Grade, in die Gegend von Quivira, verlaͤuft. Die genauere Beſchrei⸗ bung und Abbildung derſelben, welche Pen: nant zuerſt nach einigen Mittheilungen von den Beamten der Hudſonsbay Compagnie lieferte, klaͤrt die Verwirrung auf, welche na⸗ tuͤrlicher Weiſe aus der Verwechſelung dieſer kleinen mit den vorhin erwaͤhnten ganz ver⸗ fchiedenen großen Ochſen entſtehen mußte. Ihr
des Nordens von Amerika. 117 ſchwarzes Fließ iſt ſeidenweich, und haͤngt vom Bauch bis an die Erde; auf dem Ruͤcken iſt ein weißer Fleck, ein anderer zwiſchen den Hoͤr⸗ nern, und unter dem langen Haare ſitzt eine, der Vicugnawolle allein zu vergleichende, zarte aſchgraue Wolle. Man findet ſie in Heerden von zwanzig und dreyßig beyſammen, derglei⸗ chen Zearne auf feiner Reiſe an das Eismeer an einem Tage mehrere erblickte.
Das Elenn⸗ und das Rennthier (oder Muus und Caribu, wie ſie in Amerika heißen) ſind zugleich Bewohner unſeres und des Ame⸗ rikaniſchen Nordens. Jenes ſieht man faſt niemals an den ſuͤdlichen Ufern der fuͤnf großen Seen; es liebt die kalten, dichten Waͤlder des noͤrdlichen Canada und der weſtlichen Ges gend von Hudſonsbay bis an das ſtille Meer. Das Rennthier waͤhlt ſeinen Aufenthalt dem Pole noch näher, und wird diesjeits des 5 yſten Grades faſt gar nicht geſehen. Um die Hudſons⸗ bay ſind ſeine Zuͤge oft zehntauſend ſtark, wenn es im Frühling, um den Muͤcken und Stechflie, gen zu entgehen, aus den Wäldern an die See⸗ ufer wandert und der Nahrung und des Gebaͤ⸗ rens wegen zugleich ein milderes Klima ſucht. Der Hirſch im ſuͤdlichen Canada, am Miſſiſſippi,
\ H 3 1
118 Vorlaͤuſige Schilderung r . am Miſſuri und in den vereinigten Staaten iſt vom Europaͤiſchen faſt gar nicht verſchteden, und das Reh, welches von Canada an bis nach Nutkaſund in unzähligen Heerden die unabſeh⸗ lichen Wieſenlaͤnder bewohnt, weicht ebenfalls nur wenig von dem unſrigen ab. Wo das Erd⸗ reich mit Salz geſchwaͤngert iſt, in den weitlaͤuf⸗ tigen Laͤndereyen zwiſchen dem Ohio und Miſ⸗ ſiſſippi, verſammeln ſich dieſe Thierarten und die Ochſenheerden, und lecken die geſalzene, von Gießbaͤchen aufgeriſſene und entblößte Erde. Das wilde Schaf, das Stammthier unſerer nuͤtzlichſten und zahlreichſten Heerden, und, wenn den neueſten Nachrichten des Umfreville zu trauen iſt, auch die wilde Ziege, wird im Amerikaniſchen Norden angetroffen. Vom er⸗ ſteren iſt es nunmehr ausgemacht, daß es an der Nordweſtkuͤſte von⸗Prinz Wilhelms Sund bis nach Californien die felſigen Gebirge be⸗ wohnt.
Wir wuͤrden in ein weitläuftiges wiſſen⸗ ſchaftliches Feld gerathen, wenn wir die Thiere, die beyden Welttheilen gemein, und jene, die dem neuen ausſchließend eigen ſind, hier auf⸗ zaͤhlen wollten. Was wir bereits davon ats
gefuͤhrt haben, kann als Beyſplel von erſte⸗
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des Nordens von Amerika. 119 7 ——— Ben - 3
ren hinreichend ſeyn. Unter den Raubthieren giebt es ebenfalls einige gemeinſchaftliche Ar⸗ ten, wie den Wolf, den Fuchs, den Weißfuchs, den Luchs, den Eisbaͤren, den braunen Baͤren,
den Vielfraß, den Dachs, verſchiedene Wie⸗
ſelarten, und die Seeotter nebſt den beyden Ottern des friſchen Waſſers. Unter den Na⸗ gethieren beſitzen wir mit Amerika zugleich den Biber, den veränderlichen Hafen, das Ziefels chen und einige Ratzenarten. Die Wallroſſe, die Robben und die mit ihnen verwandten Thierarten, die das Eismeer bewohnen, ſind auch auf ſeinen Europaͤiſchen, Aſiatiſchen und Amerikaniſchen Umgraͤnzungen ohne Un⸗ terſchied anzutreffen. An der ſo allgemein verbreiteten Gattung des Pferdes, und
der nicht minder allgemeinen Gattung *des
Schweins hingegen iſt Nordamerika leer aus⸗ gegangen; auch fanden dort die Europäer bey ihrer Ankunft nicht den Gefaͤhrten des
„Menſchen, den Hund, der ihn in den uͤbri⸗
gen Welttheilen, bis in den beeiſeten Norden nicht verläßt, und wovon wenigstens eine verwandte Art auch in den Weſtindiſchen In ſeln und in Suͤdamerika gefunden ward. Hingegen hatte Nordamerika, außer unſerem
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120 Vorlaͤufige Schilderung
gemeinen Fuchs, auch eine eigene Art Fuͤch⸗ ſe, und außer dem gemeinen Luchs noch zwey andere Arten; ſelbſt das Thier, welches man ſo oft irrig mit dem Loͤwen verwechſelt hat, der Puma, der von Quito an bis nach Mexico und Florida und den Miſſiſſippi hin⸗ auf, ſeine raͤuberiſche Herrſchaft erſtreckt, wird zuweilen noch weiter im Norden, in den Waͤldern von Canada, geſehen. Der Rakkuhn oder Waſchbaͤr, ein Thier, das gleichſam zwiſchen den Koatis und den Baͤren in der Mitte ſteht, bewohnt die gemaͤßigte⸗ ren Gegenden von Nordamerika, und wird auch an der Nordweſtkuͤſte gefunden. Das Virginiſche Beutelthier endlich, deſſen ver⸗ wandte Arten nur im warmen Amerika und in den heißen Strichen des oͤſtlichen Aſiens zu Hauſe ſind, gehoͤrt auch zu den Thieren von Canada. Die auffallende Einrichtung der Natur, vermoͤge deren die Jungen dies ſes Thieres, ehe ſie noch groͤßer als Steck⸗ nadelknoͤpfe ſind, ſchon an den Zitzen des Weibchens feſtſitzend gefunden werden, und die eigene Struktur der Haut des Bauches, welche durch Verdoppelung gleichſam einen Beutel oder eine Taſche um die Zitzen bildet,
des Nordens von Amerika. 121 A — —— worin die Jungen auch, nachdem ſie ſchon laufen koͤnnen, ſich noch vor einer Außeren Gefahr verkriechen, verdiente die naͤhere Un⸗ terſuchung eines geſchickten Phyſiologen.
Unter den Merkwuͤrdigkeiten des Thier⸗ reiches in dem Theile von Amerika, den wir hier vor Augen haben, koͤnnen wir die Ue⸗ berreſte einer ausgeſtorbenen Gattung nicht uͤbergehen, die man anfaͤnglich mit dem Ele⸗ phanten verwechſelt, nach einer naͤheren und voll@ändigeren Unterſuchung aber als wefent: lich davon verſchieden erkannt hat. Sie ſcheint an den oͤſtlichen Kuͤſten, wo jetzt die vereinig⸗ ten Staaten liegen, gewohnt zu haben, in⸗ dem man Spuren von ihrem Gerippe in Neu⸗ Jerſey gefunden haben ſoll. Allein ihr Haupt⸗ aufenthalt war unſtreitig der ſchoͤne inlaͤndi⸗ ſche Bezirk zwiſchen den Fluͤſſen Ohio und Miſſiſſippt, wo große Strecken mit ihren zer⸗ ſtreueten Knochen bedeckt ſind. Die ungeheure Groͤße der Zaͤhne, ſowohl der Backenzaͤhne als der Hauer, bezeichnet ein Thier von drey⸗ bis viermal der kubiſchen Groͤße des Elephanten, und von einem: gänzlich verſchiedenen Bau, In Amerika hat man eine Sage, daß vielleicht jenſeits der großen Seen dieſe Thierart noch le⸗
BR...
122 Vorlaͤufige Schilderung 2
N — — bendig angetroffen werden konnte; allein ſeit⸗ dem man von mehreren Seiten ſo weit nach Weſten vorgedrungen iſt, ohne nur eine muth⸗ maßliche Spur davon gewahr zu werden, ſcheint alle Hoffnung dazu verſchwunden zu ſeyn. Wenn ein Land, wo die Auerochſen, die Elenn⸗ thiere, die Baͤren vollkommen ſo groß wie in unſerem Welttheile werden, wo die aus Europa zuerſt dahin verpflanzten Thierarten, wie z. B. Schweine und Pferde, nicht im geringſten aus⸗ geartet ſind, gegen den Vorwurf der Unvollkom⸗ menheit, der Unreife und der Schwaͤche, die ſeinen Erzeugniſſen ankleben ſoll, nicht bereits vollkommen gerechtfertigt waͤre; ſo wuͤrde die Hervorbringung eines Säugethiers, welches alle bekannten Thiere des feften Landes an Groͤße und (nach dem Baue der Theile des Ge⸗ rippes zu urtheilen) auch an Staͤrke ſo weit uͤbertrifft, jene ungegruͤndete, und hoͤchſtens von einem kleinen Punkte des mittaͤgigen Ame⸗ rika veranlaßte Behauptung zum Weberfluß widerlegen. Ä In eben dieſem Lande, wo die hervorbrin⸗ gende Natur einſt fo Eräftig wirkte, hat fie ſich auch in der Erzeugung unzaͤhliger leben⸗ diger Geſchoͤpfe von anderen Klaſſen, namlich
des Nordens von Amerika. 123 U ⏑ QQ —Z— von Voͤgeln, Amphibien, Fiſchen, Inſekten und Gewuͤrmen, in mannigfaltigen Formen wirkſam gezeigt. Es herrſcht zwar weniger Uebereinkunft zwiſchen dieſen Produkten von Amerika und denen unferes Welttheils: viel⸗ leicht weil die vollkommene Gleichfoͤrmigkeit nur bey wenigen Weſen moͤglich iſt, und die Orga⸗ niſation der Saͤugethlere ſie etwa beſonders erleichtert; allein was auch die Urſache der Verſchiedenheit ſeyn mag, ſo viel iſt gewiß, daß, wenn man ſchon Mühe hat, die zufällige Aehnlichkeit einiger vierfuͤßigen Thierarten in beyden Welttheilen durch Wanderungen zu er⸗ klaͤren, es dieſe Erklaͤrungsmethode ſehr ers ſchwert, wenn man ſie bey fliegenden Thieren nicht anwenden kann. Verhaͤltnißmaͤßig giebt es nur wenige Vögel und gefluͤgelte Inſekten, die den unſrigen gleich gebildet ſind; aber auch in den Seen des innerſten Amerika finden wir Karpfen und Hechte, die doch freylich weder durch die Luft aus Europa oder Aſien hinuͤber geflogen, noch durch das geſalzene Meerwaſſer hineingeſchwommen ſind. Die eigenthuͤmlichen Gattungen Amerikaniſcher Voͤgel und Inſekten prangen oft mit dem ſchoͤnſten und mannigfach⸗ ſten Farbenglanze; die daſelbſt, wie in jedem
124 Vorlaͤuſige Schilderung —— aa —
unbebaueten Lande, zahlreicheren Schlangen: und Eidechſenarten zeichnen ſich ebenfalls durch vielfältige Schattirungen aus. Fuͤr unſer zah⸗ mes Gefluͤgel, welches wir zuerſt aus Indien erhielten, bot uns Amerika ſeine Truthuͤhner zum Tauſch. Dem Beduͤrfniſſe des Menſchen aber, der jene ungemeſſene Wildniß zuerſt be⸗ trat, ſtroͤmte von allen Seiten der Ueberfluß der Natur zu ſeiner Befriedigung entgegen. Im erſten Anfange war dies vielleicht ein Hin⸗ derniß, das ſich ſeiner Cultur widerſetzte, und bald hernach, als ſeine Gattung ſich vermehr⸗ te, als er die Thiere um ſich her verſcheucht und getoͤdtet hatte, entſtand die Nothwendig⸗ keit, ſich auf weiteren Jagdzuͤgen ſeinen Unter⸗ halt zu ſammeln.
ul. Bevoͤlkerung.
9. 15.
Urſprung der Amerikaner.
Ob die edlere menſchliche Form nur Ein⸗ mal auf der Erde vorhanden ſeyn konnte, ehe ſie durch das Geſetz der Fortpflanzung verviel⸗ faͤltigt ward, ob fie aus⸗ oder abarten konnte in ſo manche verſchiedene, ſchwerlich, oder vielleicht
des Nordens von Amerika. 123
gar nicht wieder zur urſpruͤnglichen Stamm⸗ form zuruͤckzubringende klimatiſche Mißgeſtalt; oder ob, den Zonen und den Erzeugniſſen, die fie beherrſchen ſollte, angemeſſen, an verſchiede⸗ nen Punkten des Erdballs eine menſchliche Or⸗ ganiſation entſtand, die ſich bald durch größere bald durch geringere Verſchiedenheit von den verwandten Formen anderer Lander unter⸗ ſchied, und jedesmal, dem Klima angeeignete, aus dem harmoniſchen Verhaͤltniſſe mit ihm geſchoͤpfte Lebenskraͤfte beſaß: das iſt die große Frage, die uns jetzt aus gaͤnzlichem Mangel glaubhafter und hinreichender Urkunden unauf⸗
loslich bleibt. Der Vernunft ſcheint allerdings
die eine Hypotheſe nicht faßlicher und begreif⸗ licher, als die andere, und den Philoſophen, der die Unmoͤglichkeit eines Experiments aner⸗ kennt, zu deſſen Abwartung mehrere Jahrhun⸗ derte und eine unter den tugendhafteſten und aufgeklärteften Völkern noch nie erlebte Nein: heit der Sitten unentbehrlich ſind, wird auch der Beweis a polteriori unmoglich duͤnken. Was die Menſchen von dem naͤchſten Thier unterſcheidet, iſt der göttliche Funke der ſelbſt⸗ bewußten, durch Sprache zuruͤckwirkenden Ver⸗ nunft. Menſchen ſind, und Menſchenrechte
126 Vorlaͤufige Schilderung
— —,— nf fordern von uns, alle vernünftige Weſen, in Kraft dieſes Vorzuges, und nicht durch einen unerweislichen Stammbaum. Bey der Ent⸗ deckung von Amerika wollte man in allem Ernſte den Bewohnern jenes Welttheils den Anſpruch auf Menſchennamen und Menſchen⸗ natur verſagen, weil man es unmoͤglich fand, daß Adam dieſe Raße gezeugt haben koͤnne. Seitdem man der Vernunft auch in Geſtalt ei⸗ nes Amerikaniſchen Wilden hat huldigen muͤſ⸗ ſen, bemuͤhet man ſich, durch tauſend falſche Induktionen einen Beweis zu Stande zu brin⸗ gen, daß Adam allerdings ihr Stammvater war: Adam, das Geſchoͤpf irgend einer Orien⸗ taliſchen Phantaſie, die ſich zur Erklaͤrung des Ueberganges aus dem Unbegreiflichen ins Ber greifliche, ſo gut wie jeder andere endliche Geiſt, eine Hypotheſe ſchaffen mußte. Wir
laſſen dieſe Träume, um uns an Tatſachen zu halten.
$. 16. Polarmenſche n.
In beyden Welttheilen giebt es eine Mens ſchenart, die den aͤußerſten Norden, gewoͤhn⸗
des Nordens von Amerika. 127 lich nur jenſeits des Koften Grades, bewohnt, von kleiner unterſetzter Statur, mit großem Kopf, breitem Geſicht, leinen Naſen und Aus gen, hervorſtehenden Jochbeinen, gelbbrauner Farbe, und ſchwarzem, ſchlichtem Haar. Un⸗ geachtet dieſer gemeinſchaftlichen Bezeichnung aber finden wir unſere Lapplaͤnder und die Samojeden in dem nordweſtlichen Aſien von den Groͤnlaͤndern und Eskimos des anderen Welttheils ſo weſentlich an Bildung, Spra⸗ che, Sitten und Lebensweiſe verſchieden, daß es uns nicht einfallen kann, mit dem beruͤhm⸗ ten Robertſon die letzteren aus Europa nach Groͤnland hinuͤber wandern zu laſſen. Die kleinen Menſchen unſeres Welttheils bilden Hirtenvoͤlker, deren einziges zaͤhmes Vieh, die Rennthiere, ihnen Nahrung und Kleidung 9% ben, und zugleich zum Zuge gebraucht werden. Unbegreiflich waͤre es daher, wenn ſie bey ihrer Wanderung in eine Weltgegend, wo ſie das Rennthier eben fo Häufig, wie in ihrem Vaters lande, in Heerden von zehntauſenden, erblicken mußten, nicht alſobald die alte Lebensweiſe fort- geſetzt, dieſe Thiere eingefangen, vor ihre Schlitten geſpannt, gezaͤhmt und zu allen Be⸗ duͤrfniſſen des Lebens angezogen haͤtten. Die
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126 Vorlaͤuſige Schilderung |
RA ST En
Polarmenfchen in Amerika find aber lediglich Kuͤſtenbewohner; fie leben vom Fiſch⸗ und insbeſondere vom Wallſiſchfange, und find mit dem Aufenthalt im Waſſer und feinen Gefah⸗ ren fo vertraut, daß fie gewiſſermaßen Amphi⸗
dien genannt zu werden verdienten. ‘Die fü:
lichſten Punkte, wo man ſie noch gefunden hat, ſind: an der Weſtſeite von Amerika die Gruppe der Fuchsinfeln, die zwiſchen 52° und 54 N. Br. liegt, und an der Oſtſeite die Inſel Neu⸗ fundland, die ſich bis zum soften Grade N. Br. nach Suͤden erſtreckt. Zwiſchen dieſen beyden Punkten bewohnen ſie die Kuͤſten des Eismeers, des Landes Labrador, und der Halb⸗ inſel Groͤnland, nebſt den Ufern der Baffins⸗ bay und des noͤrdlichſten Theils der Hudſons⸗ bay, Ob auch die Einwohner des Prinz Wil⸗ helms Sundes und des Cooksfluſſes zu dieſer
NRNaße gehoͤren, bleibt immer noch zweifelhaft:
wenigſtens ſind ſie ſchon groͤßer, wohlgebildeter, den ſuͤdlicheren Kuͤſtenbewohnern ähnlicher, und wer weiß aus welcher Vermiſchung der Raßen entſprungen, da dieſe Horden noch bis jetzt die gefangenen Weiber und Maͤdchen anderer feindlichen Staͤmme zu Genoſſen ihrer Umar⸗ mungen machen. 80
Die
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des Morden von Anette 129
* iſt dieſen Polurwenſchen ſo an⸗
gemeſſen, daß ſie den Aufenthalt in einem mil deren Klima nicht lange vertragen. Der bi⸗
ſchleunigte Umlauf der Säfte in ihrem kleine: ren Körper erhält den Höheren Grad der Waͤr⸗ me darin, welcher ſie in Stand ſetzt, gegen den furchtbarſten Grab des Fröftes beynahe unem⸗ pfindlich zu ſeyn. Ihre phlogiſtiſche deührung, die aus Wallfiſchfett, faulem Fleiſch und faulen Fiſchen beſteht, iſt in jenen nordiſchen Landern nicht nur nicht gefährlich, ſondern vermehrt ebenfalls ihre innere Wärme, während das Fett, womit ſie ſich beſchmieren, die Ausduͤn⸗ ſtung verhindert und die Haut geſchmeldig, aber auch zugleich unempfindlich erhaͤlt. Man erſtaunt, wie die Unreinlichkeit, bis auf den ru Grad getrieben, dort die Wirkung un⸗ fe puͤnktlichſten Sorge für die Reinlichkeit 5 soo zaun; die Ausſchließung der friſchen Luft ans en unterirdiſchen Gruben, die ihnen zum Winteraufenthalte dienen, und worin eine vom Hauche vieler Hausgenoſſen verpeſtete Atmo⸗ fohäre herrſcht, iſt das bewährteſte Mittel, eine ihrem Körper nmägliihe warme Pr | zubringen. 8
6. zurſtere l, Scr. 37 55. 2
130 Bein Säilerung
ein BEER die aus i Bogelfälen. und Qgierpäusen bereitet wird) und ihre wenigen Geraͤthſchaften verrathen den Fleiß und die Er: ſindſamkeit des langen, ruhigen Aufenthaltes im Hauſe. Eben dieſe Nothwendigkeit des Himmelsſtriches, die ihnen eine halbjaͤhrige Nacht und einen halbjährigen Tag zu durch⸗ leben bez hat auch vermuthlich einigen Einſiuß auf ee milde, geſellige Stimmung und ihre Geſpraͤchigkeit. Ihre eingeſchraͤnkten Bebduͤrfuiſſe und die gewiß auch der Entfernung von der allbelebenden Sonne zuzuſchreibende geringe Heftigkeit ihrer Leidenſchaften ſcheinen es bewirkt zu haben, daß ihre Familienvereini⸗ gung beynahe patriarchaliſch geblieben iſt, daß ſich keine angemaßte Autorität. darin empor: ſchwingt, daß kein buͤrgerlicher Zwang, außer etwa dem des Spottes und der Verachtung, den freyen Willen eines jeden Einzelnen zuͤgelt, daß kein Oberherr, kein Heerfuͤhrer, kein Machthabender unter ihnen bekannt iſt, und daß ſelbſt der Kunſtgriff, ſich zum Angekok oder Zauberer zu erklaͤren, noch kein regelmaͤßi⸗ ges Syſtem des Betruges und der Unterjo⸗ chung nach ſich gezogen hat. Ihre Phantaſie tragt den Abdruck des Bodens, den fie bewoh⸗
des Nordens von Amerika. 131 . ü a. — nen, des Himmels uͤber ihnen, der Schwache ihrer Geſtalt, und der Farbe ihres Lebens. Unkriegeriſch und unfähig den ſtaͤrkeren Ameri⸗ kaniſchen Wilden Widerſtand zu leiſten, ſind ſie nur in jenen nordweſtlichen Gegenden elend und beklagenswerth „ wo die Wuth dieſer Un erbittlichen fie verfolgt, und ihnen am aͤußer⸗ ſten Rande de Eismeers kaum eine Stätte vergoͤnnt. Dort, vereinzelt und zerſtreuet, gezwungen ihrer Lebensart in unterirdiſchen Loͤchern zu entſagen, erliegt endlich auch ihr Koͤrper, ſo ſehr er dem Norden angemeſſen ſcheint, der alles verzehrenden Kälte; Krank⸗ heit und Mangel werden das Loos der. ein zeln herumirrenden Familien, die endlich, wie jenes von Cook im Nortonſund gefun⸗ dene Paar, wenn ſie dem Tomahak der Ame⸗ rikaner entgehen, dem Hungertode zur Beute werden muͤſſen. In Groͤnland, wo kein an⸗ deres Amerikaniſches Volk ſie ſtoͤrt, und wo die Norwegiſchen Anſiedler ihnen einſt das Beyſpiel Enropäifcher, freylich damals auch noch roher, Kuͤnſte gaben, haben ſie ſich am ſtaͤrkſten vermehrt. Dort herrſcht in ihren haͤuslichen Einrichtungen gewiſſermaßen ein Sinn fuͤr die Bequemlichkeiten des Lebens;
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2 Vorlaͤuſtge Schilderung
dort haben ſie endlich ſeit 1721 an vielen Stellen, durch die Bemuͤhung Daͤniſcher Miſſionarſen, ihre Mythologie gegen ein Ehkiſtenthum „ tote fie es faſſen konnten, ver⸗ ktäuſcht. Von dreißigtauſend Menſchen find indeſſen nach fechſig Jahren nur zehntauſend bvoch übrig; denn mit der heilſamen Lehre verpflänzter die Denen und Norweger zu gleich das Gift der Kinderblattern, „welches in einem mit Fett ſo verſchloſſenen Koͤrper
faſt ohne Ausnahme toͤdtlich iſt, nach Groͤn⸗
tand. Auf den Kuͤſten von Labrador zaͤhlte Curtis im Johr 1774 nur noch 1595 Es- Amos. l 7
7.
i Ameritaifde Eingeborne oder fo 8 g Indianer.
Die Eingebornen des ganzen übrigen Ame⸗ rika, die man gewohnlich, wiewohl nicht ſchicklich, Indianer zu nennen pflegt, weil Indien das Ziel der erſten Entderker dieſes Welttheils war, haben mit den Polarmen⸗ ſchen, den eben erwähnten Groͤnlaͤndern, Ess kimos und Aleyuten, außer der Bartloſigkeit,
des Nordens von Amerika. 233 ſchlechterdings nichts Charakteriſtiſches gemein. Dieſe ſo verſchrieene Bartloſigkeit der Ameri⸗ kaner iſt aber, nach dem einſtimmigen Zeug niß aller glaubwuͤrdigen Reiſenden, kein an⸗ geborner Naturcharakter, ſondern ſie wird le⸗ diglich durch Kunſt hervorgebracht, und ges. hoͤrt zu den Sitten dieſer, uͤber einen ganzen Welttheil ausgebreiteten Raße von Menſchen.
Nichts iſt mißlicher, als jene von Natur⸗ beſchreibern „ Philoſophen und Hiſtorikern fo. oft gemißbrauchte Kunſt, aus einzelnen Anga⸗ ben der Beobachter in verſchiedenen Punkten dieſes großen Landes, einen allgemeinen Cha⸗ rakter der Eingebornen abzuziehen, der als
Ideal der ganzen Raße ſoll betrachtet werden
koͤnnen. Zwar ſcheint es mir nicht zweifelhaft, daß der ſchwarze Guianeſer und Braſilianer, der große, ſtarkgebaute Tſchileſe, der zarte, ſchlanke Peruaner, der dicke Mexicaner, der handfeſte Irokeſe, der ſchwammige Nutkaer, und wie die unzaͤhligen Zwiſchenſchattirungen heißen und bezeichnet werden moͤgen, die Spur einer gewiſſen Verwandtſchaft an ih tragen, welche fie insgeſammt zu einer gro⸗ ßen Familie vereinigt; allein in wie fern es möglich ſen, das Kennzeichen, welches fie zu J
134 Vorläufige Schilderung
Gm K nn Amerikanern ſtempelt und von allen anderen Menſchenraßen unterſcheidet, ſo beſtimmt, fo unzweydeutig anzugeben, daß es auf alle die eben genannten verſchiedenen Nationen an: wendbar bliebe: — dies iſt eine Frage, zu de⸗ ren endlicher Aburtheilung es uns vielleicht noch immer an zweckmaͤßigen, mit Sachkennt⸗ niß angeſtellten Beobachtungen fehlt. Die Farbe der Amerikaner, die man ſich allgemein als kupferroth, und in allen Zonen unveraͤn⸗ derlich vorgeſtellt hatte, iſt, nach den zuverlaͤſ⸗ ſigſten Berichten, nichts weniger als gleich: foͤrmig dieſelbe bey allen Amerikaniſchen Voͤl⸗ kern. An der Nordweſtkuͤſte haben die Staͤm⸗ me, die ſich vom Fiſchfange naͤhren, wenn mau ihnen den Schmutz, der ihre Haut bedeckt, ab⸗ gewaſchen hat, eine der zarten Europaͤiſchen ähnliche Geſichtsfarbe; in Tſchile (Chile) und in dem gebirgigen Theile von Peru ſieht man ebenfalls den Teint, zumal des anderen Ge⸗ ſchlechtes, dem unfrigen ſich nuͤhern. In Mer rico, an der Moskitokuͤſte, in Florida und auf den Weſtindiſchen Inſeln hatten die urſpruͤng⸗ lichen Einwohner die gelbliche Indiſche Schat⸗ tirung, und in Braſilien waren ſie, wie der treue Lery erzaͤhlt, beynahe von ſchwarzer
des Nordens von Amerika. 138 Farbe. Der rothe Kupferglanz, den ihnen die Leichtglaͤubigkeit angedichtet hat, konnte viel⸗ leicht die Wirkung der Schminke ſeyn, womit | die wilden Stämme ſich überall, entweder zum Kampf oder bey anderen ſeſlichen egen ſungen, ſchmuͤcken. | Die Voͤlkerſchaften, die den Norden von Amerika bewohnen, unterſcheiden ſich ſchon merklich von einander, je nachdem ſie ihren Aufenthalt an der Kuͤſte oder in den Wäls
dern gewaͤhlt haben, und folglich entweder
Ichthyophagen (Fiſcheſſer), oder umherſtrei⸗ fende Jager geworden find, Die feuchte Wit⸗ terung, die in jenen noch uneultivirten, mit Wäldern und mit Gewaͤſſern ſo reichlich were: ſehenen Gegenden herrſcht, ſcheint ihnen we⸗ nigſtens einen gemeinſchaftlichen Charakter verliehen zu haben; ich meyne ihr ſo auffal⸗ lendes, ſchwarzes, grobes, glaͤnzendes, langes und ſtarkes Haupthaar, und vielleicht eine da⸗ mit verbundene Beſchaſſenheit des Koͤrpers, eine gewiſſe zähe Elafticität, die zwiſchen der Abſpannung unſerer Sumpfbewohner und der verſchrumpften Trockenheit der Tatariſchen Steppenvoͤlker die Mitte haͤlt. Ihr Wuchs kommt durchgehends dem unſrigen an Höhe J 4
136 aa Sin
gleich und iſt bel, FE 1 von mitte, rer Statur zu nennen pflegen; oft aber geht er auch noch über dieſe hinaus. Ihre Glied: maßen find gemeiniglich, ohne ſich der ideali⸗ ſchen Schoͤnheit zu naͤhern, wohlproportionirt und insbeſondere bey den Jagdvoͤlkern zu ihren behenden Uebungen und zu langer Anſtrengung geſchickt. Ihre Sinne ſind, wie bey den mei⸗ ſten ungultivieten Nationen, ſehr geuͤbt und einer uns uubegreiflichen Zartheit der Unter⸗ ſcheidung fähig, die, wenn ſie ſich mit einer geuͤbten Vernunft zuſammen gedenken ließe, die hoͤchſte Vollkommenheit der menſchlichen Natur bezeichnen wuͤrde. Allein da die Ent⸗ wickelung eines Organs immer nur auf Koſten eines anderen geſchieht, ſo iſt auch uͤberall auf dem Erdboden mit dem Fortſchritte der ſittlichen Cultur die Abnahme dieſer unbegraͤnzten Em⸗ pfaͤnglichkeit der äußeren Sinne verbunden. Irrig hat man daher in unſerer Organiſation den Grund jener ins Unendliche gehenden Klaſſiſteirung der ſinnlichen Eindruͤcke geſucht, wovon der Wilde nur darum nichts zu mil: ſen und nichts zu unterſcheiden ſcheint, weil ſie eine Wirkung der entwickelten Vernunft und der bereicherten Sprache iſt, wodurch
des Nordens von Amerika. 137
ſich unſer Bewußtſeyn in mehreren Modiſica⸗ tionen vervielfaͤltigt. Wenn wir nicht gegen das Zeugniß unſe⸗
rer Erfahrung und der Analogie annehmen
wollen, daß die Natur in der Bildung des Menſchen willkuͤhrlicher, als bey anderen. Thieren, zu Werke gegangen ſey, ſo folgt unausbleiblich, daß theils feine Organifation, oder der Bau des menſchlichen Koͤrpers, theils
die Verhaͤltniſſe, unter denen ſich ein jedes
menſchliches Individuum auf die Welt geſetzt findet, an der Beſtimmtheit ſeiner Handlun⸗
gen und Aeußerungen einen ſehr weſentlichen
Antheil haben muͤſſen. Haͤtte man dieſen Satz mit ſeinen natuͤrlichen Folgerungen ge⸗ hoͤrig bedacht, ſo waͤren unſtreitig jene uͤber⸗ eilten Schaͤſſe und Abſtammungs⸗Hypotheſen unterblieben, die man ſo oft auf bemerkte Aehn⸗ lichkeiten in der Lebens weiſe und den Sitten der verſchiedenſten Voͤlker gegründet Hat, Ich rede
hier nicht ſowohl von den unſinnigen Träumen
eines Moraez und eines Adair, die ohne Be⸗ denken die Juden zum Stammvolke der Ame⸗ rikaner annehmen, ſondern von den bis zum Ekel wiederholten Parallelen zwiſchen den Bes
wohnern der Tatarey und denen des neuen
J
133 Borldufige Schilderung Welttheils. ohne es geradezu laͤugnen zu wol⸗ len, daß Amerika von Aſien her bevoͤlkert worden ſey, ſind die zufaͤlligen Aehnlichkeiten, auf wel⸗ che man ſich beruft, keinesweges hinreichend, etwas anderes als die natuͤrliche Verwandt; ſchaft darzuthun, welche uͤberall aus den Hand⸗ lungen vernuͤnftiger Thiere von ahnlicher Orga niſation hervorleuchten muß. Charlevoix hat
freylich die merkwuͤrdige Anekdote aufbewahrt,
daß einſt ein Jeſuit, der P. Grollon, in der
Tatarey eine Huronin angetroffen habe, die
er zuvor in Canada gekannt hatte; allein was dieſe Herren finden koͤnnen, geht fo oft über
den Maßſtab des Begreiflichen hinaus, daß es
nur da zur Autorität werden kann, wo ihre
Unfehlbarkeit noch gilt. Unerklaͤrbar wird es dagegen immer bleiben, daß die Aſiatiſchen Voͤl⸗
ker, da ſie gleichſam nur einen Schritt zu ma⸗
chen hatten, um uͤber Behrings Meerenge nach Amerika hinuͤber zu kommen, mit dieſem Schritte zugleich auch alle Gewohnheiten ihres vorigen Aufenthaltes von ſich geworfen, und
nicht entweder ihre zahmen Thiere mit ſich hin⸗
Aber geb acht, oder von den wilden Heerden der
in Amerika fo häufigen Rennthiere und Biſam⸗ ache ſich neues Zug; und Maftvieh zugezogen
des Nordens von Amerika. 139 haben ſollten. Se näher beyde feſte Länder an einander graͤnzen, je leichter es den Menſchen werden konnte, von dem einen zum anderen hinuͤber zu gehen; deſto unaufloͤslicher wird die⸗ fer Einwurf, da die Zaͤhmung der Thiere allen Amerikanern jederzeit ſo fremd geblieben iſt, daß man ſelbſt in Mexico, bey einem ſonſt ſchon merklichen Fortſchritt in den Kuͤnſten der Re⸗ gierung, auch nicht Hm Opur davon wahr⸗ genommen hat. /
Die neulichen Entdeckungen in der Lands ſchaft Kentucky, in dem Amerikaniſchen Mes ſopotamien, zwiſchen den Fluͤſſen Ohio, Tſche⸗ roki und Miſſiſſippi, ſcheinen auf ganz andere Spuren zu führen. Hier, gewoͤhnlich dicht am Waſſer, auf gut gewählten, von Natur durch ihre Lage ſchon feſten Plätzen, findet man eine Anzahl uralter kreisfoͤrmiger Fer ſtungswerke von Stein. Die Alteften India ner wiſſen nichts davon zu erzaͤhlen; jede Sage von ihrer Entſtehung iſt erloſchen, und die Bäume innerhalb ihres Bezirkes find nicht jünger oder ſchmaͤchtiger, als die im Umkreiſe derſelben emporgewachſenen. Un⸗ ſtreitig waren ſie das Werk eines Volkes, das einer welt anhaltenderen Anſtrengung ſäͤ⸗
140 Vorlaͤufige Schilderung — ga — hig war, als die jetzigen Eingebornen von Amer !
rika, und man begreift es kaum, wie es moͤg⸗ lich geweſen iſt, ſie ohne eſſernes Handwerks⸗ geraͤth zu erbauen. In einer bequemen Ent⸗
fernung von einer jeden Feſte ſteht immer
ein kleiner Erdhuͤgel in pyramidaliſcher Geſtalt, der mit der Groͤße der benachbarten Feſtungs⸗ werke in Verhaͤltniß zu ſeyn ſcheint. Wenn man ihn aufgraͤbt, findet man eine kalkar⸗ tige Subſtanz darin, die man fuͤr Ueberbleib⸗ ſel von Knochen, und zwar vermuthlich von menſchlichen Gebeinen, halt.
Wer vermag die Dunkelheit zu durchdrin⸗ gen, welche die Zeitalter des Daſeyns von Amerika vor dem Anfange ſeiner Geſchichte
deckt? Dieſe Geſchichte geht in den organiſir⸗ 2 Reichen von Peru und Mexico kaum zwey⸗ oder dreyhundert Jahre uͤber den Zeitpunkt der Spaniſchen Entdeckung zuruͤck. Aber in jenem allgewaltigen Kreiſen der Natur, da ſie das ungeheure erloſchene Incognitum und alle die unzähligen Thier ⸗und Pflanzengeſtalten gebar, die jetzt noch die Oberfläche des Amerikaniſchen Bodens ſchmuͤcken — wer wagt es zu laͤugnen, daß nicht auch die Menſchengeſtalt unter guͤn⸗ ſtigen Bedingniſſen daſelbſt auf irgend einem
des n von Amerika. 141 4 m
bequemen Mittelpunkte der Cänder TEN hen und ſich nach allen Richtungen hin ver⸗ breiten konnte? Von Norden her kamen die Voͤlker, die ſich in Mexico civiliſirten; am Mitſſiſſippi und in Florida errichteten die Natſches und die Apalaſchen ihren Sonnen dienſt; am Ohio liegen jene merkwöͤrdigen Truͤmmer; im hoͤchſten Norden verdraͤngt die Raße der wohlgebildeten Amerikaner erſt ſeit Kurzem die kleinen zwergartigen Polarmen⸗ ſchen, und die Hundsrippen⸗Indianer (Dog- ribbed Indians, Fr. Plats cdten de chien) und die Kupfer, Indianer, die jetzt bis an das Eismeer in 71 N. Br. jagen, ſcheinen vor dieſem weit ſuͤdlicher gewohnt zu haben. Mehrere Data von dieſer Wichtigkeit, die ſich vielleicht noch kuͤnftig ſammeln und zu einem hiſtoriſchen Lichtpunkte vereinigen Taf ſen, zumal wenn die Beobachter ſelbſt, mit Vorkenntniſſen ausgeruͤſtet und gegen Vor; urtheile auf ihrer Hut, den eigentlichen Punkt, warum es zu thun iſt, kennen und im Auge be⸗ halten werden, erleichtern einſt dem kuͤnftigen Geſchicht / und Menſchenforſcher die Beantwor⸗ tung jener dunkeln Frage, eg die Amer kaner mn 8
142 Vorlaͤuſige Schilderung ö —— 1 Es klingt Anfangs widerſinnig, wenn man die Engländer behaupten hoͤrt, daß die Ich⸗ thyophagen, oder Fiſcheſſer, an der Nordweſt⸗ kuͤſte an ſittlicher Bildung vor den Jagdvoͤlkern im Inneren von Canada und um die Hudſons⸗ bay den Vorzug verdienen, da man gleichwohl die Schilderung von ihrer ekelhaften Lebensart und ihrem Geſchmack am Genuſſe des Men⸗ ſchenfleiſches nicht ohne Schauder leſen kann. Allein von einer Seite ſcheint dennoch die Behauptung voͤllig gegruͤndet, und eine oder die andere barbakiſche Gewohnheit, die noch aus roheren Zeiten uͤbrig geblieben iſt, darf uns im allgemeinen Urtheile nicht irre leiten. Der ruhige Aufenthalt der Kuͤſtenbewohner in einem beſtimmteren Bezirk, die Regelmaͤßigkeit der Befchäftigungen, womit fie im Sommer ihren Lebensunterhalt gewinnen und ihren Wintervorrath einſammeln, der hoͤhere Grad
des Fleißes und der Sorgfalt, die ſie auf den
Bau ihrer Kaͤhne und Haͤuſer verwenden muͤſ⸗ fen, die winterliche Muße, die ihnen zur hoͤ⸗ heren Vollendung ihrer Kunſtarbeiten, an Klei⸗ dern, Zierathen, Geraͤthſchaften und Waffen dient, die leichtere Communication endlich auf dem Meere, dieſem Elemente der menſchlichen
0 ü ü |
a Nordens von Ametika. 143 Cultur, wodurch ſich 7 die Gelegenheit zum Verkehr und Tauſchhandel mit entfernten Nachbarn und folglich zur Einſammlung eines groͤßern Ideenvorrathes darbietet: dies alles traͤgt dazu bey, fie auf der Bahn zur Entwicke⸗ lung ihrer ſchlummernden Geiſteskraͤfte ihren Bruͤdern im Walde zuvorkommen zu laſſen, und die Grundbegriffe aller Moralitaͤt, die richtigen Beſtimmungen des Verhaͤltniſſes zwi⸗ ſchen Menſch und Menſch ihnen naͤher zu legen.
Die Jagd geſtattet keine Vereinigung der Menſchen in ſo großer Anzahl, wie der Aufenthalt an einer fifchreichen Kuͤſte. Un⸗ aufhoͤrlich in kleine Familien zertheilt, die ſi fü ch immer wieder abzweigen, jo wie das Beduͤrf⸗ niß der Nahrung fie aus einander treibt, wer⸗ den die nächfiverwandten. Horden iich dieſe Lebensart von einander entfremdet, und die Bande geloͤſet, die doch ſonſt unter den Vol kern von einerley Mundart und Sitte wirkſam ſind. In der Eindde des Waldes, fern von einander, veraͤndert ſich allmaͤhlich auch die Sprache der verſchiedenen kleinen Haufen; die wenigen Worte, welche ſie vor ihrer Trennung kannten, verlieren ſich unter der Menge der neuen, die ſie ſich nach und nach fuͤr neue Ge⸗
144 Vorlaͤufige Schilderung . FOREN genftände in ihrem neuen Jagdbezirke, für neue Verhaͤltniſſe, für zufällige Ereigniſſe ſelbſt bilden muͤſſen. So entſteht eine endloſe Verſchiedenheit der Sprachen, wie ſie im in⸗ neren Nordamerika ſo haͤufig angetroffen und von Reiſebeſchreibern erwuͤhnt worden iſt. Eine merkliche Abweichung unter den Gebraͤu⸗ chen der mancherley Voͤlkerſchaften von einan⸗ der, laͤßt ſich leicht aus eben dieſer Vereinzelung erklären; ſelbſt der Umſtand, daß die verſchiede⸗ nen Staͤmme ihren Kindern den Kopf bald ſo, bald anders zu formen ſuchen, iſt eine Folge von der Beybehaltung eines Grundbegriffes, der ſich nur nach den Umſtaͤnden immer modiſieirt. Jagd und Krieg ſind die einzigen Haupt⸗ beſchaͤftigungen des Indlaners; er jagt, wenn ſein Vorrath zu Ende geht, und macht ſich auf den Weg, eine benachbarte Horde zu beſchlei⸗ chen, wenn er dem alten Hader nachdenkt und für eine vermeinte Beleidigung Rache fordern zu muͤſſen glaubt. Die Voͤlkerſchaften, welche den Europälſchen Niederlaſſungen näher woh⸗ nen und mit ihren Emiffarien bekannt find, haben ſich bereits an neue Beduͤrfniſſe ge⸗ woͤhnt; ſie brauchen Meſſer und anderes Eiſen⸗ geruͤth, Tuch zur Kleidung, Zierathen zum N Putz,
Putz, Flinten, Pulver und Bley zur Jagd,
und vor allem das unentbehrlich gewordene
hitzige Getraͤnk, den ſchlechten, ungeſunden
Branntwein, der ſie bis in die Wurzel des Le⸗ ö
bens vergiftet, und ihre Naße gaͤnzlich auszu⸗ rotten drohet. Sie jagen aber auch ſchon nicht
bloß, um ſich Speiſe und Decke zu verſchaffen, ſondern um Weiner zuſammen zu bringen,
„e
ſchen können. ; Durch den Umgang mit den
Europäern, die ſich lange Zeit ihre Einfältige
e machten, hat ihr Charakter end⸗
lich viel von ſeiner ehemaligen Redlichkeit vert
loren; das Beyſpiel des Betruges mußte fie
ergreifen, und jetzt fuchen fie ein Verdienſt darin, ihre habfüchtigen Bundesgenoſſen zu
uͤberliſten. In trunkenem Muthe äußern ſich ihre Leidenſchaften gewaltſamer als ſonſt; und
ſelbſt die Abſpannung, die darauf folgt, wech⸗ 5
ſelt mit Anfällen von kranker Reitzbarkeit, die vielleicht noch furchtharer find, als ihre uͤber⸗ legten Grauſamkeiten. Kalte, empfindungs⸗
loſe Rache it allen rohen, wilden Völkern ger mein. Sich an die Stelle eines anderen ſetzen, 5 kann nur der Menſch, den die Erziehung auf
eine ‚höhere. ‚Stufe der ne bob. 8. Feen, il. Ei. 5 . Be
des Mordens von Amerika. 145
152 wertet, eg
Daher {fe auch der Begriff des mein dem Wilden, wie dem Kinde, ſo vlel geläufiger, als der damit verſchwiſterte Begriff des Dein. Ein Fortſchritt in der Bildung. des Geiſtes, in ber Entwickelung moraliſcher Gefuͤhle, in dern Uebung der Urthellskraft iſt auf dieſem Wege, dey dieſer Lebensart, ‚ und durch dleſes ver⸗ derbliche Verkehr mit den verworfenſten Men / en unſerer Europalſchen Raße nicht mog ich. Die alten Indianer ſelbſt hatten noch anzebornes Gefuͤhl genug, um einzuſehen, daß die Moralität ihrer Jugend durch den Umgang mit gewiſſen angeblichen Lehrern des
15 Thriſtenthums , und durch das Beyſpiel ihrer
jaͤgelloſen Ausſchwelfungen zerruͤttet würde, Sie baten daher die Statthalter der Colo n hieen, daß man bdiefe Elenden von ihnen entfernen moͤchte. Allein wie leicht es den ⸗ noch ſey, mit den Amerikaniſchen Wilden auszukommen, in welcher natuͤrlichen Achtung die Geſetze der Billigkeit bey ihnen ſtehen, dies beweiſen alle die verſchiedenen Unter handlungen, welche die vereinigten Provin⸗ gen, die Canadier und die Franzoſen mit ihr nen gepflogen haben. Faſt ohne Schwert⸗ 5 ſchta 9, faſt ohne Ser, dat wan Ken‘ do
des Nordens „eum. 14%
Eigenthum der ER ROH 11 100 denen jetzt die Macht der Amerikaniſchen Republik mit ſo vielem Glanze zu einem
ange in der politiſchen Welt heranwaͤchſt, Die beyden wichtigen Angelegenheiten des Menſchengeſchlechtes „ die in anderen Welt, theilen jeder anderen Sorge vorhergehen, und denen die Summe aller Geſchaͤftigkeiten un, tergeordnet zu ſeyn pflegt, Regierungsſorm und Gottesdienſt, haben dem wilden Amneri⸗; kaner nie viel Kopfbrechens gekoſtet. Er de darf keines Herrn und keiner Prieſter; weng er in den Krieg zieht, wählt er den Tapfer ſten ſeines Haufens zum Fuͤhrer, und wenn er an einen großen Waſſerfall kommt, ber wundert er die Macht des Unſichtbaren, der dort im Brauſen der Fluthen, wie einſt dem Aegyptiſchen Hirten in der entzuͤndeten Sümpf⸗ Auft, ihm näher zu ſeyn ſcheint. Bey go⸗ wohnlichen Ereigniſſen des Lebens wendet er ſich aber nicht an dieſen oberſten, wohlch& tigen Geiſt; da genuͤgt ihm der Geniut, den er ſich zum Schutz erkohten hat, und deſſen Ebenbild er in irgend einem Thiere zu erkennen glaubt. Bey den Kuͤſtenbewoh⸗ nern wird man bereite den Anfang elner K 2 ö
149 Vorlaͤuſige Schilderung „ — —— Deſpotismus gewahrt die Oberhäupter herr⸗ ſchen mit einer beynahe uneingeſchränkten Macht uͤber das gemeine Volk; ſie bewohnen gerätimigere Haͤuſer, ‚fe beſi itzen einen erle⸗ ſenern Hausrath, ſie genießen die Leckereyen und die fetten Biſſen, fie. werden von zahl⸗ reichen Sklaven bedient, ſie halten ſich ſogar Sklaven zum Abſchlachten fuͤr ihren Tiſch, ſie kennen den Luxus der Vielweiberey, fie erlauben oder verbieten endlich das Ver⸗ tehr mit den Fremden, und eignen ſich die beſten im Tauſche gewonnenen Waaren zu. Vom hierarchiſchen Deſpotismus hingegen, von einem abgeſonderten, privilegirten Prie⸗ ſterſtande, hat man en nech teine Spur bemerkt. * © 4 199
Das mannigfaftige Sittengemälde, die | es aller verfchiedenen Gewohnhei⸗ ten und Gebrauche, wodurch ein Stamm ſich vom anderen unterſcheidet, oder worin ſie alle mit einander uͤbereinſtimmen, ſo an⸗ muthig und anlockend dies alles auch ſchei⸗ nen mag, fuͤhrte uns hier zu weit von un⸗ ſerm Ziele. Es iſt genug, meet wir hie auf die Reiſebeſchreiber verweiſen.
des Norden vonAnerffa.. 249
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8 11 6. 18. 5 0 5
a Europäische Auſtedler. Zur Vollſtandigkelt dieſes Aufſatzes ge hört es nach, mit einigen Worten die Antigen
Bewohner des neuen Weltthells zu erwaͤhnen b
deren Ueberkunft aus unſerem Welttheite be kannt iſt, und die ſich folglich von den ur⸗ ſpruͤnglichen beyden Wein, 3 Amer orten
dern laſſen.
Schon fruͤh im Mittelalter „ um das Sehr 988 oder 989 nach Christi Geburt, entdeckten
die kuͤhnen Norwegiſchen Abentheurer das oͤſt⸗
liche Ufer von Groͤnland, und ließen ſich dar ſelbſt nieder, weil aller »Wahrſcheinlichkeit
nach damals das Klima noch ungleich milder
war, als es jetzt durch die Auhaͤufung des El⸗ ſes an den Kuͤſten geworden iſt. Von hier aus beſuchten und beſetzten fie: auch die Juſel Neu⸗ fundland. Wenige Jahre nach der erſten Ent⸗ deckung (um das Jahr 1000) nahmen die dortigen Normaͤnner das EChriſtenthum an, und ungefaͤhr nach Verlauf von hundert Jah⸗
ren hatten ſie an der Ofckaſte zwoͤlf Kirchen und zwey Kloͤſter, ſo wie an der Weſtkuͤſte vier
Kirchen erbauet, und wählten ihre eigenen
13 Bol. von denen man eine Folge t
K 7
2350 - ©.
be Ba kann. —— ie aber die um das Jahr 1376 erwühnte erſte Ueberkunft der Eskimos oder jaßigen Groͤnluͤnder aus dem füblicher gelegenen Lande Labrador, welches fie. wahrſcheinlich wegen des Andringens der anderen Amerifaniſchen Stämme verlaſſen mußten. Dieſe den Normaͤnnern ſchon laͤngſt in Neufundland bekannt gewordenen und we⸗ gen ihrer unanſehnlichen Statur von ihnen mit dem werächglichen: Namen Sbrellinger oder Zwerge bezeichneten Menſchen waren die einzi⸗ gen Bewohner der Weſtkuͤſte von Groͤnland, als man ſie 1776 wieder entdeckte. Ob die zunehmende Kaͤlte, oder die im Aufauge des funfzehnten Jahrhunderts eingeriſſene epide⸗ miſche Krankheit (der ſo genannte ſchwarze Tod), oder die Skrellinger, oder endlich alle dieſe Urſachen zuſammengenommen, die Aus⸗ rottung des Norwegiſchen Pflanzvolkes bewirkt haben, bleibt wahrſcheinlich unſerer Kritik auf ha ein unauflösliches Problem. an
Nachdem Cabot 1497 die Inſel Neuſund⸗ land wieder gefunden hatte, folgten die ver⸗ ſchtedenen Entdeckungsreiſen im Norden ſchnell auf einander. So oſt indeß die Weſtkuͤſte von Orünkand hen ward, ſo wenig lockte das
Besen und 252 |
kalte 4 men ein. — Volt an,
ſich daſeſbſt niederzulaſſen, bis der 1 Egede im Jahr 1721 ſeinen Hof bewog. Miſſionsanſtalten daſelbſt anzulegen und zu unterſtuͤtzen, die zum Theil noch ſortdauern und den Wallfiſchfang der Daͤnen erleichtern. Auf Zudſons Entdeckung des großen Meerhu⸗ ſens, der ſeinen Namen trägt, folgte 1669.
die Errichtung der Hudſonsbay, Compagnie, als einer privilegirten Handelsgeſellſchaft,
welche vermoͤge ihres Freybriefes von A
Karl dem Fweyten das ausſchließliche Recht erhielt, ihre Faktoreyen, an bepden Ufern der Hudſonsbay ſowohl, algeim Inneren des Lan⸗
des, anzulegen. Dem zufolge begruͤndete fie:
am Churchillſluß das Fort Prinz von Wales, am Nelſonfluß das Fort Nork, am Albauyfluß Zenley Saus, und auf der Kuͤſte von Labrador, oder dem ſo genannten Eaſt Main, die Forts Rupert und Richmond. Im Innern erſtrel⸗ ken fh, wie wir geſehen haben, ihre Statio⸗ nen oder Faktereyen bis jenſeits des Aratha⸗ peskow⸗ oder Arabaska⸗Sees. Ihre Ausfuhr nebſt den Koſten der Unterhaltung für ihre Ber: amten beträgt, ein Jahr ins andere, etwa zwamistauſeno Pfund Sterling; die Einfuhr K 4
nee BR
! an Peſpvert dagegen etwa ſieben und dwanzig⸗ tauſend Pfund Sterling, welches einen jaͤhrli⸗ chen Gewinn von ſieben tauſend Pfund ab⸗ wirſt. Allein nach anderen Berechnungen ge⸗ winnen die Intereſſenten ohne allen Vergleich eine größere Summe. Auch haben ſie ſeit einiger Zeit Ihren Handel ſehr zu erweitern und mit den Canadlern zu wetteifern geſucht, um dem Vorwurſe zu entgehen, daß ihre Un⸗ Hazet 2 Brittiſchen | Mie
Auf bust Entdeckung von Canada im
Jahr 1756 folgten bald die erſten Verſuche anderer Franzöſiſcher Abentheurer, die ſich dort ſowohl, als in der benachbarten Halbinſel Aea⸗ dien, niederlaſſen wollten; allein dieſe unreifen Verſuche blieben ohne allen Erfolg, bis Cham⸗ plain 1668: den Grund zur Stadt Quebek legte. Nunmehr haͤtte Canada in den Haͤnden der Franzoͤſiſchen Regierung eine wichtige Colo⸗ nie werden koͤnnen, zumal da man im Innern derſelben eine Communication mit Luiſiana, wel⸗ ches ebenfalls der Krone Frankreich gehörte, vermittelſt der fuͤnf großen Seen und der Fluͤſſe Illinois und Miſſiſſippt eroͤffnet hatte; allein die groben Fehler der Colonial ⸗Adminiſtration
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des Nordens von Amerika. 153 be m ae . 2 — vereitelten dieſe Ausſichten in dem Grade, daß man ſich 1763 gluͤcklich ſchaͤtzte, Canada und Acadien oder Neuſchottland an die wende abzutrsten.
Nach dem Verluſte der übrigen Colonieen ſchenkte die Brittiſche Reglerung den bisher ver⸗ nachläſſigten und freylich auch von der Natur etwas ſtiefmuͤtterlicher behandelten nordiſchen Provinzen, die ſich ihrer Botmaͤßigkelt nicht entreißen konnten, beſondere Aufmerkſamkelt. Canada enthielt beym Friedensſchluſſe von 1783
genau 113,012 Engliſche und Franzoͤſiſche Co⸗ loniſten, und außerdem noch gegen zehntauſend Flüchtlinge aus der Amerikaniſchen Republik,, oder ſo genannte Loyaliſten, denen ein eige⸗ ner Bezirk in der oberen Gegend von Canada am Cataraquiſluß und am Ontario⸗ See ange⸗ wleſen worden iſt. Die Bevölkerung von Guebek beſtand damals aus 6,472 Seelen, und die von Montreal mochte nur um wenig f geringer ſeyn.
Die fo genannte Aueber- Vill, eine Por, lamentsakte vom vierzehnten Negierungsjahre Georgs des Dritten, enthielt die Grundver⸗
ſaſſung dieſer Provinz, nach welcher die geſetz⸗
K 3
area dem ne und n ihm zugeordneten Rathe uͤbertragen war. Der Uns terſtatthalter, der Oberrichter, der Reglerungs / Sekretair und zwanzig andere Mitglieder, von denen die Halfte Franzöſiſcher Abkunft ſeyn mußten, waren die Mitglieder jenes Rathes, und erhielten einen Jahrgehalt von hundert Pfund Sterling. Allein obgleich die meiſten Funktionen der Regierung Ihnen oblagen, fo hatte ſich doch Großbritannien das Recht, die Auflagen zu erkennen, vorbehalten, und dage⸗ gen die in fuͤnf und zwanzigtauſend Pfund
Sterling beſtehenden jährlichen Koſten der Ci⸗ vilekiſt⸗ zn beſtzelken verſprochen. Re,
Diefe Verfaſſung konnte aber nicht a | Beſteand haben; es war natürlich, daß von allen Seiten Reklamationen dawider einliefen: 4 thells von den Einwohnern der unteren Pro⸗ vinz, die das billige Recht ich ſelbſt zu taxiren, und ihre eigene Provinzlal⸗Verſammlung ver⸗ langten; theils von den Loyaliſten im höheren Canada, die ſchon in ihrem vorigen Vater⸗ lande freyere Grundſaͤtze geſchoͤpft hatten, und ſich an das in Quebek von dem Franzoͤſiſchen Adel: eingeführte Lehusſyſtem nicht gewoͤhnen
des Nordens von Amerikn. 255. konnten. Die Klugheit rieth daher dem Brit⸗ tiſchen Miniſter Piet, dem Uebel abzuhelfen, ehe noch die Klagen recht zur Sprache kaͤmen;
und fo entſtand bereits im Jaßr 1790 die neue Auebek⸗ Akte, vermöge deren Canada in zwey ganz von einander unabhängige Provin⸗ zen abgetheilt wird, die nach Maßgabe des verſchiedenen Beduͤrfniſſes der Einwohner eine merklich verſchledene Verfaſſung erhalten haben. Auffallend iſt es, daß eine Engliſche geſetzge⸗ bende Verſammlung an der Neige des acht⸗ zehnten Jahrhunderts in dem Entwurfe dieſer Verfaſſungen eine privilegirte Adelsklaſſe in Canada ſoͤrmlich aber die anderen Buͤrger er⸗ hob, Ihr beſondere Immunitäten bewilligte, ihre Lehus rechte heiligte und beſtaͤtigte, und aus ihrer Mitte ein erbliches Oberparlament ſtiftete, welches, wie das Brittiſche, zugleich einen geiſtlichen Adel in ſich ſchließt. Dieſe von der Oppoſitionsparthey vergeblich geruͤgte Barbarey unſeres Zeitalters kann in jenem Weltthelle nicht leicht die ſchlimmen Folgen, wie im unſrigen, nach ſich ziehen. Das maͤch⸗ tige, glänzende Beyſpiel der Gleichheit und Freyheit in der benachbarten Republik der ver⸗ einigten Staaten, verbreitet eine ſo helle Maſſe
156 Votlaͤuſige San von Licht, daß die Werbe der Funſterniß uumdg lch lange daneben wine !nnen. |
Die ganze Ausſuhp von Quebet n im
Jahre 1786: 34,62 Pfund, 19 Schilling,
. 6 Pence Sterling, und die Einfuhr dieſes Jah⸗ res 325,116 Pfund Sterling. Von der Aus⸗
fuhr war das Pelzwerk der Hauptartikel; denn
er belief ſich auf 285,77 Pfund. Die uͤbri⸗
gen Artikel waren Weizen, Mehl, Zwieback, Leinſamen, allerley Hausrath von Holz, Fi⸗
ſche, Pottaſche, Oel, Ginſeng und andere Arz⸗ neygewaͤchſe. Dagegen wurden eingefuͤhrt: Rum, Branntwein, Melaſſen oder Syrup, Kaffee, Zucker, Wein, Taback, Salz, Schoks⸗
lade, Lebensmittel fuͤr die Truppen und allerley trockene Waaxen. a ti Ri
Neuſchottland und Reubraunſchwelg Silben jetzt ebenfalls zwey abgeſonderte Provinzen, deren vorzuͤglichſter Handel in der Verfertigung von allerley Hausrath aus ihrem guten, dauer⸗
haften Holze beſteht, den fie ſodann nach den Weſtindiſchen Inſeln führen, um allerley Arti⸗ kel des Luxus, als Rum, Zucker, Kaffee, u. ſ. w.
dafür einzutauſchen Ihre Ilſchered if. 1
weühnt, weil die Graͤnzen des Theils
des Nordens von Amerika. 157 — —— der von Neufundland die betraͤchtlichſte, und ward im Jahr 1743 ſchon auf mehr als go, oo Pfund Sterling angeſchlagen. Der Kornbau bleibt dagegen: noch zu unbedeutend, um dem. Beduͤrfulſſe der Einwohner zu genu⸗ gen. Ihre Verfaſſung iſt nach der Engliſchen gemodelt, und fuͤr einen Staat in ſeiner Kind⸗ heit mag ſie leicht hinreichend ſeyn, bis die größere Bevölkerung ihre Mängel aufdeckt. Durch die Auswanderung der Lopaliften aus den unabhangig gewordenen Provinzen hat ſich die Volksmenge von Neuſchottland ſchon an⸗ ſehnlich vermehrt. Der Hauptort Zalifax zähle gegen 20,000 Einwohner; Annapolis mit ſeinem unvergleichlichen Hafen hat ſich ſeit dem Frieden um fünf Sechstheile vergrößert;
Barrington hat 4,000, und unn
13,000 e erhalten.
n Nord⸗ amerika, den wir zu betrachten hatten) ſie na⸗ taͤrlich mit einzuſchließen ſcheinen. Ueberdies gewinnen wir auch ſo viel durch dieſen Zuſatz, daß wir das wichtige Faktum der ſchnellen Fort⸗ ſchritte der hieſigen Senäiterung am Schluffe
Ich habe dieſe beyden ee er⸗
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bleſer verfüge vor Augen behalten, und von
demſelben auf die Benutzung des ganzen uner⸗ | meßlichen Landes, im Weſten von Canada,
welches des Anbaues ſo faͤhlg if, „ die ee, rn 1 tunen. e
& 7 x N 1 22 4 1 3 8 W * 3 N 0 2 * 1 * RR Fu 5 ih Ra . > ’ 2 * 4 Y 11
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Engliſchen Litteratur, dom Jahr 1789.
—
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2
Geſchichte der Engliſchen Litteratur, vom Jahre 1789.
1
eitterärifche Zeitrechnung. Kritiſcher Deſpotismus der Recenſenten. Politiſche Denkfreiheit und gelehrte Intoleranz. Prieſileys und Gibbons Verketzerung. Taylors neuplatonifche Schwaͤr⸗ mereyen. Beytraͤge der Brittiſchen Theologen
Tur beſſern Interpretation der Bibel. Kennieott, Lowth, Neweome, Campbell und Weſton. Nene Bibelüberſetzung von Geddes. Innere Erleuch⸗ tung des Profeſſors Cooke. Predigten. Madans und Shepherds Kriege gegen die Ketzer. Politi⸗ ſche Kanzelreden uͤber die Revolution und uͤber den Negerhandel. Ryaus Wirkungen der vers ſchiedenen Religionen. Lardners und Warbur⸗ tons Werke. Geſchichte des Judenthums, bon Shaw. Zuſtand der Philoſophie in England. Neid über die thaͤtigen Kraͤfte im Menſchen. Effayifis, eine eigene Gattung von Schriftſtel⸗ lern. Prieſtleys Vorleſungen uber die Geſchichte. Monboddo vom Urſprung und der Ausbildung der Sprache. Vertheidigte Aechtheit der Pariſchen Chronik. Whites Ueber ſetzung der Reden des Ci kerd gegen den Wertes. Pownal vom alten Gal⸗ lien. Teſtament des Königs Alfred. Fenns diplo⸗ matiſche Seltenheiten. Gordons Geſchichte der Nordamerikaniſchen Staaten. Der letzte Krieg G. Forſters kl. Schr. zr Th. L
146 ede de Engtifchen
in Indien, von Munro. Whitakers Itaters Ehret tung der Koͤnigin Maria von Schottland. Nuſ⸗ ſels Geſchichte des heutigen Europa. Revolu⸗ i tionen in Holland. Biographieen Swifts und Napiers. Politiſche Schriften von Sir John Dalrymple, Sheridan, Scott und Sinelair. Aikins Beſchreibung von England. Schutzſchrift fuͤr die Ehre der Engliſchen Flotte. Huttons Court ok Requeſts. Pamphlets über die Re⸗ gentſchaft. Schriften uͤber den Negerhandel; Beweiſe aus dem alten und neuen Teſtament für die Rechtmaͤßigkeit deſſelben. Lebhafte Theilunah⸗ me des Publicums an dieſer Unterſuchung. Hi⸗ ſtoriſche Nachrichten von der Colonie in Neu: Suͤd⸗Wallis, von Tench, White und dem Gou⸗ verneur Phillip. Portlocks und Dixons Welt⸗ 5 umſchiffungen. Irwings Reiſe nach Indien und Howels Nuͤckkehr aus Indien. Luſignans Reiſe in der Europäiſchen Tuͤrkev. Die Krim, von Lady Craven bereiſet und beſchrieben. Mrs. Pioz⸗ Iiis Italieniſche Reife. Anbureys Feldzug des Generals Burgoyne in Nordameriea. Briefe über die Barbarey vom Major Juardine. Co⸗ ſtigans Skizzen von Portugall. Conſetts Lapp⸗ laͤndiſche Reife. Gilpins maleriſche Reiſen in Eugland und Schottland. Des meuſchenfreund⸗ lichen Howards Nachricht von Gefaͤngniſſen und Krankenhaͤuſern. Neue medieiniſche Schriften. Monros Burfae mucolſae. Deumans phyſiolo⸗ site Kupfer. Bells und Pearſons Chirurgieen. Vom Lyceum und der humane Society gekrönte
—
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Litteratur vom Jahre 1789. 147 Preisſchriſten. Cullens Vorleſungen über. die Materia Medica. Der Schnuͤrbruſtſchneider Philipp Jones, über die Verwachſenen. Natur⸗ biſtoriſche Schriften. Smiths Linnaiſche Ss eietaͤt. Artons Hortus Kewenfis, Murtyns Conchologiſt. Kuͤnſtliche Kalte; Zerlegung der Luft; Entdeckung neuer Trabanten um den Gas turn und den Uranus. Schottiſche und Flaͤndi⸗ ſche koͤnigliche Geſellſchaften der Wiſſenſchaften. Marſhalls Landwirthſchaft. Edwards und Hounzs oͤkonomiſche Luftſchloͤſſer. Werke der Phantaſie. Academy for grown Horſemen. Neue Schau⸗ ſpiele und Romane. Graf Strongbow. Ueber⸗ ſchwemmung von Lehrgedichten. Ueberſetzungen aus dem perſiſchen. Sine |
Die eitungen des rte ele beſtimmen die gejchäftige Periode aller Kauf⸗ leute von derjenigen Klaſſe, welche von dem Luxus und der langen Weile der beguͤterten Eng⸗ laͤnder lebt. Das litterariſche Jahr hebt eben, falls mit dem November oder December an, und geht bereits im Anfang des Sommers zu ‚Ende; denn ſobald die Parlements Glieder, und mit ihnen der ganze Schwarm von Klien⸗ ten und Müßiggängern, die Hauptſtadt verlaſ⸗
ſen, ſo halten dle Buchhändler mit ihren wich⸗ tigeren Publicationen ein, aus Furcht, ihre
148 Geſchichte der Engliſchen Ankündigungen in den Londoner Zeitungsblaͤt⸗ tern möchten uͤberſehen, und ihre Verlagsarti⸗ kel nicht bekannt genug werden. Unſere An⸗ zeigen von den neuen Erſcheinungen am littera⸗ riſchen Horizont in England muͤſſen ſich nach dieſer Einrichtung bequemen, und den Leſer nur mit den bemerkenswertheſten Schriften, welche während der letzten Parlements⸗Si⸗ tzung herausgekommen ſind, bekannt machen. Es giebt gewiſſe Erſcheinungen in der menſchlichen Natur, welche em Determinis⸗ mus das Wort zu reden ſcheinen, und faͤhig ſind den philanthropiſchen Enthuſiasmus nie⸗ derzuſchlagen, der nicht allein vom Adel der menſchlichen Seele die erhabenſten Begriffe hegt, ſondern ſogar an eine allgemeine Vered⸗ lung des geſammten Menſchengeſchlechts und die Theilnehmung aller Individuen deſſelben an einem hoͤheren Grade von Gluͤckſeligkeit, durch die erhöhete Thaͤtigkeit ihres ſittlichen Princips, zu glauben wagt. Wir zaͤhlen hier, her vorzuͤglich die Traͤgheit des Verſtandes, die Macht der Erziehung und der Gewohnheit, und die daraus entſpringende Willigkeit, ſich einer fremden Autorität zu unterwerfen, die auch in einem freen Staate auffallende Hin⸗
5
Litteratur dom Jabte 1789. 149 derniſſe der allgemeinen Aufklaͤrung bleiben. Ein merkwuͤrdiges Beyſpiel dieſer Art iſt die Geduld, womit man ſich in England ſelbſt, ei⸗ nem litterariſchen Deſpotismus unterwirft, wovon die Gelehrſamkeit in Deutſchland und in Frankreich ſich unabhaͤngig erhalten hat. Es ſtimmt in. der That, mehr als man glauben ſollte, die gegenwärtige Brittiſche Litteratur auf einen gewiſſen einſeitigen Ton, daß die Recen⸗ ſenten daſelbſt unumſchraͤnktere Schiedsrichter des Nationalgeſchmacks ſind, als in jedem an⸗ dern cultivirten Lande. Zwey Journale tha monthly und the critical Review, die ſeit beynahe vierzig Jahren exiſtiren, beſitzen in ei⸗ nem hohen Grade das Zutrauen des Publi⸗ cums, und verhindern dadurch das Empor⸗ kommen anderer Schriften dieſer Klaſſe, oder zwingen doch dieſe, ſich von ihrem Tone nicht zu entfernen. Erſt ſeit Kurzem, nachdem das Kenrickiſche London Review wieder einge⸗ gangen war, find die Engliſh und Analitical Reviews erſchienen, die ſich durch jene Folg⸗ ſamkeit vermuthlich erhalten werden. Auch im European und im General Magazine findet man jetzt ausführliche Beurtheilungen und nach Engliſcher Aft ausgehobene Stellen aus
so SGeſchichte der Engliſchen 4 ——— ⏑ —————
neuen Buͤchern, wodurch aber keinesweges der Partheylichkeit abgeholfen wird. Die Recen⸗ ſenten dieſer kritiſchen Journale ſind großen⸗ theils Geiſtliche, entweder von der anglicani⸗ ſchen Kirche, oder auch, zumal im Monthly Review, ſogenannte Diſſenters, aber darin mit einander einſtimmig, daß ſie, mit der Or⸗ thodoxle ihrer Sekten gewaffnet, in der Philo⸗ fophie wie in der Religion keine Neuerung ungeahndet hingehen laſſen. Dieſer aller⸗ dings fuͤr die Recenſenten, ja fuͤr ihren Staud ſogar, bequemen Methode muß der gegen⸗ wärtige Zuſchnitt der theoretiſchen Wiſſen⸗ ſchaften in England zum Theil beygemeſſen werden. Weit entfernt, daß man ſich, der Billigkeit und der jedem freyhandelnden Weſen zuſtändigen Denkfreyheit gemaͤß, an den Platz des Schriftſtellers und in feinen Geſichtspunkt verſetzen ſollte, um alsdann das Vollgewicht feiner. Gründe zu pruͤſen, oder ihre Schwächen aufzudecken, verurtheilt man den Neuerer nach den Grundſaͤtzen des Inqulſitionsgerichts, eben weil er es wagen durfte, ohne des Inquiſitors Brille ſehen zu wollen. Man begreift gar
leicht, daß in ſolchen Fällen Sarkasmen die Stelle der Nogumente vertreten. In der fe⸗
Litteratur vom Jahre 1789. 181 — „ ⅛˙»— —— ſten Ueberzeugung, daß kein anderer Weg zur Wahrheit fuͤhre, außer demjenigen, den dieſe Herren ſelbſt wandeln, halten ſie ſich berech⸗ tigt zu lachen, ſobald fie einen einſamen Wan⸗ derer auf einem Nebenpfade erblicken, unge⸗ fähr wie die Fuhrleute auf der gebahnten Heerſtraße am Verſtande des Kraͤuterkenners und Geologen zweifeln, der muͤhſam die Fel⸗ ſenhoͤhen erklimmt. Die Fälle, wo das Pu⸗ blieum fruͤher und anders als die Recenfenten entſcheidet, ſind zufaͤllige Ausnahmen, und wenige Schriftſteller duͤrfen ſich ruͤhmen, den Ariſtarchen ihrer Inſel fo ungeſtraft getrotzt zu haben, als Sterne in ſeinem unnachahmlichen em Shandy.
Die Geſetzgebung in England hat in Rel güönsſachen ein Toleranzſyſtem geheiligt, wel⸗ ches die ehemaligen fanatiſchen Verordnungen
ſtillſchweigend zur Vergeſſenheit verurtheilt. Die ſtrengen Geſetze, wodurch die Ausuͤbung der katholiſchen Religion in jener Inſel verbo⸗ ten wird, haben, ohne eigentliche Abrogation, faſt gar keine Wirkung mehr, indem man den Erweis der Uebertretung den Angebern zu er⸗ ſchweren gewußt hat; da hingegen beftätigt ſich en den Kritiken jene alte Regel, daß de L 4
152 Bern ber Enten
3 dee beben deren eee am wenigſten verſchieden find, einander oft am mei ſten haſſen und verfolgen. Je weniger die Ver⸗ ſchiedenheit der religioͤſen Grundſaͤtze auf die buͤrgerliche Gluͤckſeligkeit und dle öffentliche Ruhe einzelner Menſchen ihren Einfluß äußert, deſto intoleranter find die Federn der verſchiedenen Sektirer gegen einander, und es iſt eben nichts Ungewoͤhnliches, daß der moraliſche Charak⸗ ter des heterodoxen Schriftſtellers um feiner Lehre willen verdaͤchtig wird, da man von ver⸗ meintlichen Irrlehren ohne Scheu behauptet, daß ſie aus Immoralitaͤt entſprießen, und wie: der zu ihr fuͤhren. Mit ungewoͤhnlicher Stren⸗ ge eifert man insbeſondere gegen den berähmz ten Prieſtley, ſeitdem er ſich öffentlich zu So; eins Meinungen bekannte. Ob feine Gruͤnde haltbar ſind, davon iſt unter ſeinen Gegnern nie die Rede: genug, daß ſie ihn fuͤr keinen Ehriſten erkennen. Eben ſo rufen die Zeloten das Anathema uͤber den Geſchichtſchreiber Gibbon; er iſt ihnen der Feind des Chriſten⸗ thums, der Antichriſt, weil er ſich gegen den Aberglauben und den Pfaffenbetrug empoͤrt, womit man die Religion in dunklen Zeital⸗ tern beſudelte. Ueber einen Thomas Taylor
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Litteratur vom Jabre 1789. 153
hingegen, der in feinen. eben erſchienenen phi- losophical and mathematical Commenta- ries of Proclus die chriſtliche Religion gera⸗ dezu verwirft, und die neuplatoniſche Vielgoͤt⸗ terey an ihrer Stelle zum einzig wahren Glau⸗ ben machen will, verziehen fie, wie billig, nur ſanft den Mund. In der That iſt von einem Reformator nichts zu beſorgen, der mit den Schwaͤrmereyen des Porphyr, des Proclus, und des Plotinus angezogen kommt, und ge⸗ gen einen vermeintlichen Aberglauben zu kaͤm⸗ pfen glaubt, indem er ſich des laͤcherlichſten nicht ſchoͤmt; deſto mehr hingegen von dem Scharfſinne des Forſchers, der mit unerbitt⸗ licher Strenge verwirft, was auf der Wage ſeiner Vernunft zu leicht befunden ward.
Bey der vollkommenſten Denkfreyhelt, die der Staat ſeinen Gliedern geſtattet, muß das Urtheil der kritiſchen Zunft, ſobald es immer von dem größten Haufen blindlings unterſchrie⸗ ben wird, ſowohl auf den Stoff als den Fort⸗ gang der Wiſſenſchaft dennoch einen nachtheili⸗ gen Einfluß äußern. Es giebt zwar von Zeit zu Zeit originale Koͤpfe, die ihren eigenen Weg der Unterſuchung gehen, und unbekuͤmmert um den Tadel dieſer unbefugten Cenſoren neue
L 1
154 Geſchichte der Engliſchen Meinungen bekannt machen, oder ſo genannte Heterodoxieen mit neuen Gründen verfechten; allein ſie ſchreiben ſelten fuͤr Andere als die kleine Parthey ihrer Anhaͤnger, und das noch kleinere Haͤuflein der philoſophiſchen und uns’ philoſophiſchen Zweifler, die uͤberall entweder Wahrheit oder Beruhigung ſuchen. Nur ſel⸗ ten, nur wenn ein allgemein bekannter und beruͤhmter Name, wie Prieſtley, ſich mit Controversſchriften uͤber die Religion beſchaͤf⸗ tigt, wird das große Publicum aufmerkſam; und alsdann geben die Reeenſenten ihr Urtheil in einem deſto ſchneidendern Tone, um die Menge vor Wen e Bedenklichkeiten zu. bewahren.
Indeſſen arbeitet man jetzt in England auf dem Wege, den unſere proteſtantiſchen Theo— logen ſchon ſeit einiger Zeit betreten, und wor⸗ auf ſie ihrer Wiſſenſchaft eine neue Form er⸗ rungen haben: auf dem Wege der kritiſchen Exegeſe. Der allgemein betrauerte Biſchof Lowth hatte den Anfang gemacht; Xenni⸗ cotts neue Ausgabe der Hebräifchen Bibel, mit allen ihren Maͤngeln, wirkte nach; der Bifhof Newceome bearbeitete hierauf in Ir⸗ land den Ezechiel; Dr. Campbell in Schott⸗
Litteratur vom Jahre 1789. 155 land die vier Evangellen; Weſton den Geſang der Deborah; und endlich entſchloß ſich Dr. Geddes, eine neue Engliſche Bibeluͤberſetzung zu unternehmen, die in ſechs großen Quart⸗
baͤnden einen ungeheuren Schatz von kritiſcher und philologiſcher Gelehrſamkeit enthalten wird, und, nach den Anzeigen und Proben zu urtheilen, fuͤr das Studium der Bibel in Eng⸗ land einen nicht geringen Nutzen verſpricht. Die Bekanntſchaft der heutigen Engländer, mit auswärtiger, zumal Deutſcher Litteratur kommt ihnen bey Unternehmungen dieſer Art ſehr weſentlich zu Statten, und ſolchergeſtalt liegt doch in der genaueren Verbindung, wor⸗ in jetzt die Europaͤiſchen Staaten in politifcher Hinſicht mit einander ſtehen, ein Mittel zur gleichfoͤrmigen Ausbreitung und Mittheilung neuer Vorſtellungsarten, und man hat Urſache zu vermuthen, daß, wie Newtons Grund⸗ ſaͤtze der Phyſik, alles anfänglichen Wider⸗ ſpruchs ungeachtet, bloß durch ihre Untruͤglich⸗ keit uͤber alle Einwuͤrfe ſiegten und allgemein angenommen wurden, ſo auch die Reſultate der Pruͤfung, die bey uns ein neues Licht auf den langen Hader zwiſchen Glauben und Ver⸗ nunft verbreiten, trotz der Unbiegſamkeit
156 RE der Engliſk n
orthodoxer Gifever durch ihre eigene Wahrheit
zuletzt auch in England anerkannt werden, und unvermerkt eine wichtige Veränderung in den
theologiſchen Lehrbegriffen hervorbringen muͤſ⸗ fen. Die neue Ueberſetzung der Salomont⸗ ſchen Sprüche von Dr. Zodgſon, dem Ver⸗ faſſer einer bereits laͤnger bekannten Verſion des hohen Liedes, kann auch gewiſſermaßen als eine Vorarbeit zum neuen Bibelwerk angeſehen werden. Schwerlich duͤrfte dies aber von einer neuen Ueberſetzung der Offenbarung Johannis gelten koͤnnen, welche der Profeſſor der. Gries chiſchen Sprache in Cambrigde, William Cooke, mit dem zu dieſer Arbeit erforderli⸗ chen Aufwand von Myſticismus und dem Ges
praͤnge von innerer Kelzuchtune wee
hen hat. b
Dieſe Auslegungen beſchäftigen jedoch nur den kleinſten Theil der Engliſchen Geiſtlichkeit, Wie bey uns die Meß: Catalogen von neuen Predigten wimmeln, ſo findet man auch die Engliſchen Journale mit Anzeigen von Kanzel;
reden angefuͤllt, deren Texte nach der bekann⸗
ten Methode der dortigen Homiletiker nur als Denkſpruͤche auf dem Titelblatte glänzen, Kürzlich, find, unter mehreren anderen die, Dres
Litteratur vom Jahre 1789. 157
digten des Dr. Leland, des beliebten Engliſchen Ueberſetzers des Demoſthenes, erſchienen, die aber keine Spur von Attiſcher Beredtſamkeit vers rathen. Die Vorleſungen von der Bamptoni⸗ ſchen Stiftung, uͤber die Gruͤnde fuͤr die Glaubwürdigkeit der chriſtlichen Religion, wel⸗ che Dr. Shepherd von der Univerſitaͤt Oxford gehalten hat, ſind zwar in einer gefaͤlligen Schreibart abgefaßt; allein als Controvers⸗ Reden betrachtet, von einer Schwaͤche der Ar⸗ gumentation, die ſelbſt den Kritikern feiner - Parthey bedenklich ſcheint. Dieſe Schwaͤche haͤlt
ſie indeſſen nicht ab, fuͤr die Folge die ſtaͤrkſten Hoffnungen zu aͤußern, und den Verfaſſer ei⸗ nen „David zu nennen, der den hoͤhnenden „ Philiſter am Ende doch niederſchleudern „wird.“ Dieſer geiſtliche Rieſe Goliath (und wer anders, als der von allen Sekten vers folgte Prieſtley, wird unter dieſem Namen verſtanden ?), der zum Aerger aller eifrigen Bekenner noch nicht zu Boden liegt, ſcheint in der That von den bleyernen Waffen feiner Gags ner wenig gefaͤhrdet zu ſeyn, und den fuͤrchterli⸗ chen Angriffen eines Madan und feines Get chen, mit unerſchrocknem Muthe die Stirn bieten zu können. Wenn wir zur Probe von
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158 Geſchichte der Engliſchen
der Gefährlichkeit des letztgenannten Gegners erwähnen, daß er in dem Hebraͤiſchen Elohim die Dreyeinigkeit findet, und ſich dieſes Argu⸗ ments mit unendlichem Triumph gegen Prieſt⸗ Sep bedient, fo läße ſich auf den Punkt ſchlie⸗ ßen, wohin es bis jetzt in England mit der
Kritik gekommen iſt, da die Plumpheit einer
ſolchen Behauptung weder von den Reeenſen⸗
ten, noch von dem gefürchteten Ketzer eine Ruͤge
hervorgerufen hat.
Aus der freyen Verfaſſung entſpringt eine | beſondere Gattung von geiſtlichen Reden, wel; che man Zwittergeburten der Religion und Pos litik nennen kann. Im Ganzen genommen ſcheint der Geſchmack daran ſich zu verlieren, und die Parlements⸗Haͤuſer hören nicht mehr die Bußpredigt am Gedächtnißtage des hinge⸗ richteten Koͤnigs Karl. Schoͤn waͤre dieſer Zug im National⸗ Charakter, wenn das zarte Ges fuͤhl des Anſtaͤndigen den Religionslehrern kuͤnftighin verboͤte, ihre Geheimniſſe dadurch zu entweihen, daß ſie ihrem Einfluſſe die buͤr⸗
gerlichen Verhaͤltniſſe, die eigentliche Provinz
der Vernunft, unterzuordnen ſuchen. Viel⸗ leicht wäre dies das ſicherſte, auch die Philofor phen ihrer Seits zu bewegen, ihre Vernunft
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Litteratur vom Jahre 1789. 159
nicht laͤnger uͤber Dinge entſchelden zu laſſen, welche gänzlich) außer dem Gebiete des Ber greiflichen liegen. Indeſſen predigte noch am sten‘ November 1788 Stevenſon über die Vortheile der den Englaͤndern unvergeßlichen Revolution; auch erhoben Dore, Bidlake, Mends und Sawker ihre Stimme auf oͤffent⸗ licher Kanzel gegen die Graͤuel des Negerhan⸗ dels und der Leibeigenſchaft in den Zuckerinſeln. Wir ſchweigen von ſo manchen Predigtſamm⸗ lungen, die ſich durch nichts Eigenthuͤmliches auszeichnen, wie z. B. von den acht und zwan⸗ zig Predigten eines Ungenannten, von denen des Dr. Taylor, eines vertrauten Freundes von Samuel Johnſohn, denen des ſchwuͤl⸗ ſtigen Morton, des Stockdale, des Biſchofs von Cheſter, und der langen Reihe am Feſt der Geneſung des Koͤnigs gehaltener Dank⸗ predigten. Auch verweilen wir nicht bey einem andern in das Fach der theologiſchen Litteratur gehoͤrigen Werke, worin Ryan die Wirkun⸗ gen der verſchiedenen Religionen auf die Schick⸗ fale der Menſchengattung darzulegen ſucht. Wo die Reſultate der Unterſuchung durch einen
betrieglichen Cirkelſchluß zugleich als Grundbe⸗
griffe derſelben Voraugehen.: was läßt ſich dort
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166 Geſchichte der Engliſchen
außer unkritiſcher Compilation, partheylſcher Auswahl der Thatſachen, ungeheurer Weber, treibung und wiſſentlicher Verdrehung erwar⸗ ten? Den hellen philoſophiſchen Blick, den Scharſſinn und die Wahrheitsliebe des Ge⸗ ſchichtforſchers, die wir bey vergleichenden Ge⸗ mälden. der großen theokratlſchen Geſetzgebun⸗ gen billig vorausſetzen muͤſſen, ſucht man ver: gebens in dieſer unverdauten Maſſe von klein⸗ fuͤgigen Anekdoten und Gemeinplaͤtzen. Eine neue vollftändige Ausgabe von den Werken des gelehrten Lardner in eilf Oktavbänden, und die neue Sammlung von Warburtons Schrif⸗ ten in ſieben Quartbaͤnden, ſind uns dagegen willkommnere und dem Publicum Häßlichere Erſcheinungen; auch hat Dr. Shaw’s eben erſchienene Geſchichte des Judenthums bey al
ler Einſeitigkeit manche Verdienſte. Vroon jener großen Reform, die allmählich von Koͤnigsberg aus ſich uͤber ganz Deutſchland verbreitet, und der geſammten Philoſophie eine neue beſtimmtere Form verſpricht, hat man in England zur Zeit noch wenig gehoͤrt. Unſere philoſophiſchen Schriftſteller ſind ihrer Mutterſprache fo treu, und dleſe iſt, zumal in den hoͤheren Wiſſenſchaften, dem Ausländer ſo
Litteratur vom Jahre 1789. 161 ſo unerreichbar, daß die Mittheilung der Kenntniſſe, welche zwiſchen beyden Nationen in andern Fächern Statt findet, hier gaͤnzlich abgeſchnitten bleibt. Hierzu kommt die in England ziemlich allgemeine Meinung, daß auf dem Felde der theoretiſchen Philoſophie keine neue Ernte mehr zu gewinnen ſey, die Anhaͤnglichkeit an den allerdings fehr vortreſſ⸗ lichen Locke, und der theologiſche Haß gegen das ſkeptiſche Syſtem „dem ſchon das Vaters land ſeines Urhebers Zume bey vielen Eng⸗ laͤndern zum Vorwurf gereicht. Schottland iſt gleichwohl in tiefſi nnigen Unterſuchungen jetzt geſchaͤftiger als England; Beattie und Reid koͤnnen mit Recht unter den Denkern ih- res Zeitalters Sitz und Stimme verlangen. Die Ellays on the active powers of man, das neueſte Werk des letztgenannten Schriftſtel⸗ ters, behandeln dieſen wichtigen Gegenſtand mit einer Fuͤlle von eigenen Gedanken, die uns von dem Kopfe, in welchem ſie ſich reihe⸗ ten, und von feinem geiſtigen Genuſſe die hoͤchſten⸗Begriffe giebt. Selbſt das Deſulto⸗ riſche der Philoſophie jener Inſelaner iſt innig mit ihrem National Charakter verbunden, da hingegen der methodiſche Geist unſerer pr
© Forſters kl, Chr, zr Th. M
162 Geſchichte der Engliſchen ſcher ihnen unter dem verhaßten Namen der ſcholaſtiſchen Sophiſterey ſchon Widerwillen einfloͤßt. Dennoch laͤßt es ſich ohne die min⸗ deſte Divinationsgabe vorausſagen, daß dieſes Vorurtheil verſchwinden wird, ſobald es einem faͤhigen Kopfe gelingt, die Kantiſche Kritik dem Brittiſchen Tiefſinne in ihrer ganzen Schaͤrfe deutlich darzulegen.
Aus dieſer unkoͤrperlichen Region, wo nur
ſelten Meteore glaͤnzen, ſenkt ſich unſer Blick
zu den philoſophiſchen Schriftſtellern von der zweyten Klaſſe, uͤnd insbeſondere den in Eng⸗ land fo häufigen Ellayiſts, hinab. Lebhafte, unterhaltende, zuweilen auch gruͤndliche Ab⸗ handlungen uͤber einzelne Gegenſtaͤnde aus dem weiten Umkreiſe der Philoſophie, die wenigs ſtens oͤfter die Reſultate des eigenen Nachden⸗ kens, als der mechaniſchen Aufſammlung fremder Meinungen ſind, behalten fuͤr die in⸗ dividuelle Ausbildung derer, die ihre Kraͤfte daran uͤben, einen entſchiedenen Werth, ſo ge⸗ ring auch ihr uͤbriger Nutzen in der Litteratur ſeyn mag. Bey den litterariſchen Kleinigkeiten dieſer Art, dem Verſuch uͤber die Stufen der Cultur im Menſchengeſchlechte von Roberts; der Abhandlung uͤber die Vervollkommnung
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der gerichtlichen Wohlredenheit (unter dem Titel Deinology und dem angenommenen Namen Sortenſius); den Briefen von Da⸗ vy uͤber die Griechiſche Sprache und Ton⸗ kunſt; den metaphyſiſchen Disquifitions des Arztes Worthington uͤber Zeit, Graͤnzen der Vernunft, Inſtinkt und Erziehung, und bey mehreren aͤhnlichen Produkten dieſes Jahres koͤnnen wir uns indeſſen nicht aufhalten. Prieſtleys kritiſche Vorleſungen uͤber das Studium der Geſchichte haben einen aus zeichnenderen Werth, und noch wichtiger ſind in ihrer Art die nunmehr nach einer langen Pauſe erſchienenen drey letzten Baͤn⸗ de von Lord Monboddo's groͤßerem Werke uͤber den Urſprung umb die Ausbildung der Sprache. Man kennt die Beleſenheit, die Gelehrſamkeit, den feinen Sinn fuͤr die Schoͤnheiten, und die Zierlichkeit der Grie— chiſchen Litteratur, womit dieſer paradoxe Schriftſteller ſeine eigenen ungewoͤhnlichen Anſichten und Hypotheſen verbindet. In dem erſten Paͤnde waren jedoch die anſtoͤßi⸗ gen Fragen vom Urſprunge der Sprache, und von unſerer nahen Verwandtſchaft mit dem Orangutang bereits abgethan; mithin } M 2
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1.25
164 Geſchichte der Engliſchen konnte der Verfaſſer, jetzt mehr in ſeinem eigentlichen Elemente, auf eine befriedigende Art zeigen, wie aus der bloßen Sprache des Beduͤrfniſſes die Rede, die Zunft zu ſprechen entſtand, und wie ſich dieſe immer weiter fortbildete. Er konnte ſich hierauf weitläuftig ausbreiten uͤber die Schickſale des menſchlichen Wiſſens, uͤber die verſchiedenen Gattungen des Styls, uͤber die relativen Vor⸗ zuͤge verſchiedener Sprachen und Voͤlker; er konnte ſich ergießen im Lobe der Griechen. Seine Bemerkungen uͤber die Roͤmiſchen Schriftſteller und uͤber die poetiſche Schreib⸗ art