Kleine Schriften. Ein Beytrag | zur ge 5 Völker „und Länderkunde, Natrsgefi chichte . Philoſophie des ebene, a 71 122 | Georg F oer ſt er. . * , . ' | | Dritter Theil, | | * 1 — 2 i Berlin | | in der Voſſiſchen Sußpandinng 1794. ‘ „ 55 5 f „ 0 « i | J n h a lt. ort, 1 WorläufigerSchllderumg des Nordens 0 yon Amerika. Seite t II. Geſchichte der Engliſchen Litteratur vom Jahre 1789. i 179 | III. Ueber Proſelytenmacherey. An die Herausgeber der Berliniſchen Mo⸗ natsſchrift, 1789. 05 IV. Leitfaden zu einer Fünitigen Ge ſchichte der Menſchen. 15 263 V. Die Kunſt und das Zeitalter. 283 Ä Inhalt. VI. ein Blick in das Ganze der Natur. Einleitung zu Anſangsgruͤnden der \ Thiergeſchichte. 309 \ VII. Fragmente aus Georg nes je Nachlaß. 375 * 1. Ueber die Vernunft, in Be⸗ 1 nehung auf das Gluck der 1 Menſchheit. 3577 2. Ueber die öffentliche Meinung. 357 360 Georg Forſter's Kleine Schriften. 451. Vorlaͤufige Schilderung det Nordens von Amerika. 1792 Hvyperborcos campos. G. Forſters kl. Schr. zr Th. 4 TE: 0 Vorläufige Schilderung g des Nordens von Amerika. §. 1. Handelsbetrieb der Englaͤnder. Der langſame Fortſchritt des Menſchen von einem beynahe vegetirenden, zu einem bloß thieriſchen, und von dieſem endlich zum ver⸗ nuͤnftigen Leben, kann jeden unbefangenen Be⸗ obachter uͤberzeugen, daß die Erziehung zwar auf ein Syſtem von abſtrakten Grundbegriffen zuruͤckfuͤhren darf, daß ſie aber von Erfah⸗ rungen, die den Unterſcheidungsſinn uͤben, ausgehen muß, weil ohne ſie ſchlechterdings keine Abſtraktion verſtanden wird. Kraft und Wille thaͤtig zu wirken, gehen dem Bewußt⸗ ſeyn, wie gewirkt werden ſolle und duͤrfe, lange vorher; ja, damit dieſer Gang der Natur un⸗ a A 2 ieee, 4 Vorlaͤufige Schilderung a veraͤnderlich bleibe, erneuert ſich das Menſchen⸗ geſchlecht immer wieder um die Zeit, wo eine Generation anfängt zum vollen Gebrauch ih— rer Vernunft zu gelangen. Im einzelnen Menſchen, der vom Beduͤrfniß zur Begierde, und von dieſer zur Leidenſchaft geleitet wird, entwickelt ſich ſtufenweiſe durch neue Erfahrun⸗ gen, neuen Genuß und neuen Drang der Ver⸗ 1 haͤltniſſe jedes wirkſame Prineip. Inſtinkt⸗ a mäßtg gehorcht er einer Anziehung, die von ſeiner Willkuͤhr unabhaͤngig iſt; er ſtrebt mit 4 jugendlichem Muthe nach der Befriedigung eis 1 nes heißen Triebes — und ihm bleibt zuruͤck, was er nicht ſuchte: das Bild der Vergangen⸗ heit, das Bewußtſeyn des Geſchehenen, der neus erlangte Begriff, verſchraͤnkt mit dem Begriffe ſeines individuellen Weſens. Allmaͤhlich, wie feine phyſiſchen Kräfte ſich vermindern, feine Nerven ſich haͤrten, feine Sinne ſtümpfer wer: 1 den, das Bekannte und Erprobte ihn nicht laͤn⸗ 20 ger reitzt und das Beduͤrfniß der Ruhe jedes ii andere Verlangen maͤßigt oder gar unterdrückt, 19 allmählich lebt er dann in ſich gekehrter als zus 1 vor, mit der Entwickelung ſeiner Sittlichkeit aus ſeinem Schatze von Empfindungen, Bil⸗ dern und Begriffen beſchaͤftigt, und eben + = 8 Fa des Nordens von Amerika. — reif zur Weisheit — wenn er kaum mehr wirken mag, Daher gehoͤrt der Wahn, als koͤnne jemals etwas Großes ohne einen gewiſſen leidenſchaft⸗ lichen Antrieb geſchehen, unſtreitig zu den ſchaͤdlichſten Vorurtheilen, die der Mißverſtand tiefſinniger Wahrheiten veranlaßt hat. Ver⸗ gebens fordert die Philoſophie, vergebens be⸗ fiehlt der Glaube das uneigennuͤtzige Streben nach dem Guten, um des abgezogenen Begrif⸗ fes willen von; Guten; diejenigen, die ihrer Wirkſamkeit dieſen Beweggrund andichteten, waren Heuchler, und die wirklich keinen ande⸗ ren hatten, verſanken hald in unthaͤtige Ruhe, oder verfielen auf kindiſche Spielereyen, oder verſuͤndigten ſich durch ihre Ugerfahrenheit, ihre Einſeitigkeit und ihr Scheinwiſſen auf Jahrhunderte lang an der Menſchheit. Wahr und heilig ſteht darum dennoch das goͤttliche Ideal der Vollkommenheit, wie ein glaͤnzendes Ziel in der Hoͤhe, vor uns aufgeſteckt. Wenn es gleich durch Erfahrung bewieſen iſt, daß ſchwerlich je ein Menſch, und ſicherlich nirgends ein Volk, nach den reinen Abſtraktionen der Metaphyſik ſeine Handlungen abmaß oder ſei⸗ nen Willen beſtimmte, ſo vermag doch nur die A 3 — 6 Vorläufige Schilderung eg a VA nn eng tranſeendentale Regel den Werth oder Unwerth des praktiſchen Lebens fuͤhlbar zu machen und zugleich den laſterhaften Abweichungen eine Schranke zu ſetzen. Beduͤrfte es noch eines Beweiſes, daß die Unterwerfung des Willens Aller unter den Wil⸗ len eines Einzigen oder einer geringen Anzahl von Menſchen, allen Geſetzen der Natur wi⸗ derſpricht, ſo wuͤrde das bisher Geſagte hinrei⸗ chend ſeyn, die Entſetzlichkeit ſolcher Anmaßun⸗ gen darzuthun. In keiner Geſetzgebung liegt der Antrieb zum Handeln: ſie kann zwiſchen Buͤr⸗ ger und Buͤrger immer nur die Wirkſamkeit des einen der Wirkſamkeit des andern zur Graͤnze beſtimmen; fie befiehlt nur, wo man zu han⸗ deln aufhören ſoll, um ſich keiner Beeintraͤch⸗ tigung eines fremden Wollens und Willens ſchuldig zu machen. Ihr kann nichts heiliger, nichts unverletzlicher ſeyn, als der freye Wille des Buͤrgers, und feine Empfänglichkeit für Alles, was ſein freywilliges Wirken hervorruft. Allein dieſes Heiligthum entweihet der Deſpo⸗ tismus, der keinen Willen außer dem ſeinigen, kein Wirken außer demjenigen geſtattet, wozu er den erſten gewaltſamen Stoß verlieh. Sein Joch, ſey es bloß inkonſequente Laune oder der g 1 Br: A un 1 1 N 8 AD SAN . eg 5 N iu, 8 0 1 2 N 5 x 55 1 Bi 2 > 4 y . + Be: „ . Bi; „ BR . 5 #3 Fr; N F * 2 1 — 8 Bin N 1 N EL. Br 2 1 1 A ö u 808 Rn RE RUE 3 ER Ta 2 n 5 2 7 a N 8 Dr 75 75 5 BR 3 ch, un des Nordens von Amerika, 7 FFT weit aͤrgere geiſttoͤdtende Mechanismus, be⸗ nimmt dem Sklaven jeden Antrieb zum Wir⸗ ken, indem er ſeine Spontaneitaͤt, ſein Selbſt⸗ gefuͤhl und ſeine Vernunft zu Boden druͤckt. Zwar gaͤnzlich erloͤſchen ſeine Begierden nicht: es giebt einen Spielraum, wohin das argwoͤh⸗ niſche Auge des Alleinherrſchers nicht dringen will oder kann; doch laßt uns ihn nicht auf⸗ decken, dieſen ekelhaften Schauplatz der nie⸗ drigſten Leidenſchaft, zu klein fuͤr die Tugend, weil er kein Vorbild in ſich faſſen kann, und dennoch beſudelt mit jeder Unſittlichkeit, welche die geſunkene Menſchheit entehrt. Was un wiederbringlich verloren geht, iſt jenes rege Streben der Menſchen nach einem groͤßeren Wirkungskreiſe, jene reine Gluth der edleren Leidenſchaften, Ehrgeitz und Ruhmbegierde, Sinn des Schoͤnen, Beduͤrfniß des verfeiner⸗ ten Genuſſes, und emſiges Bemuͤhen, ſich die Mittel zu ihrer Befriedigung zu erwerben; dies alles ſtirbt dahin, wo perſoͤnliche Unſicher⸗ heit, Ungewißheit des Eigenthums, und blie⸗ ben auch dieſe verfchont, die taufendfachen Hinderniſſe, die aus vervielfaͤltigten Verord- nungen entſpringen, oder auch nur die Furcht, daß morgen der Tyrann einreißen koͤnne, was 2 4 3 Vorlaͤufige Schilderung f heute ſein Vorgaͤnger zu bauen vergoͤnnte, jede Kraft ſchon im Keim erſticken. Der Handel, die Quelle des Reichthums und der mit ihm und durch ihn allein im Schooße der Sicherheit aufſproſſenden, zarteren Bluͤthen des geſelligen Lebens, dieſer hoͤheren Bildung und Entwickelung der edelſten Seelenkraͤfte und ihrer Ausgeburten — der Kunſt und Wiſſen; ſchaft — der Handel fordert freye ungehemmte Thätigkeit, Unverletzbarkeit der Perſon und des Eigenthums, Unpartheylichkeit der Gerichte, und um dieſe nicht der Willkuͤhr treuloſer und anmaßender Betrauten zu uͤberlaſſen, allge⸗ meine Publieitaͤt, ſtrenge Verantwortlichkeit, Urtheil durch unbeſoldete, dem Beklagten glei⸗ che, von ihm anerkannte, immer nur auf kurze Zeit berufene, einſtimmige Richter ). Wo dieſe Schutzwehr der buͤrgerlichen Freyheit unerſchuͤtterlich feft ſteht, ſey denn auch in dem Raͤderwerke der politiſchen Maſchine mehr oder minder Zuſammenſetzung, ſey immerhin in der Organtjarion der Stände, in der Stell⸗ vertretung des Volkes, in der Vertheilung der Gewalt ein Fehler, der den Keim einer kuͤnf⸗ tigen Aufloͤſung enthält; dort wird ſich dennoch ) Geſchworene (Juries). F. des Nordens von Amerika. 9 7 ah Sn ne lange durch geringe Erſchuͤtterungen das ges ſtoͤrte Gleichgewicht wieder herſtellen laſſen; durch feine innere, nie erſchoͤpfte, nie gelaͤhmte Lebenskraft wird dort der Staat in Macht, Glanz und Einfluß bluͤhen und der Welt das Beyſpiel geben von der bewundernswerthen An⸗ ſtrengung, zu der nur freye Voͤlker fähig ſind. Indeß wir auf dem feſten Lande Bedenken tragen, die einfache Frage zu bejahen, ob die Frey⸗ heit — das Recht, dem Naͤchſten unbeſchadet zu wirken und zu wollen — nicht allen Menſchen zugeſtanden werden muͤſſe, wenn man fie Einen zugeſteht, beweiſen die gluͤcklichen Bewohner der Brittiſchen Inſel mit der That, daß auf dieſem Rechte der bluͤhende Wohlſtand ihres kleinen Reiches und jene politiſche Wichtigkeit beruhet, die es in den erſten Rang der Mächte, und dort, vielleicht ohne Widerrede, auf den ober⸗ ſten Platz erhebt. Mit einer Bevoͤlkerung, die ſich noch nicht auf zehn Millionen Menſchen beläuft, vertreibt dieſe thaͤtige Nation jährlich fuͤr mehr als dreyhundert Millionen Thaler an Waaren, die ſie im Lande ſelbſt fabrieirt; und nach dieſer einzelnen Angabe zu rechnen, kann der ganze Umſatz des Brittiſchen Aktiv⸗ und Paſſiv⸗ handels nichts geringeres, als eine viermal ſo A 5 10 Vorlaͤuſige Schilderung große Summe betragen. Dieſer ungeheure Reichthum bewirkt das ſo bewunderte Phaͤno⸗ men des allgemeinen Umſchwunges, welcher dort alles in ſeinem Wirbel mir ſich fortzurei⸗ ßen und allem eine gemeinſchaftliche Bewegung mitzutheilen ſcheint; er ſetzt zugleich die Nation in Stand, die furchtbare Laſt ihrer oͤffentlichen Abgaben zu tragen, und in erforderlichem Falle ihre Flotten auszuruͤſten, um ſich die Achtung aller übrigen Seemaͤchte zu ertrotzen. Außer ihrem Weſtindiſchen Handel, der ſeit den Un⸗ ruhen in Frankreich faſt ausſchließend in ihren Haͤnden iſt, hat ihre Thaͤtigkeit alle anderen Nationen vom Chineſiſchen Markte verdraͤngt, in Indien ganze Koͤnigreiche unterjocht, mit den Amerikanern die im Kriege abgebrochenen Handelsverbindungen erneuert, und zwiſchen der Nordweſtkuͤſte jenes großen Welttheils und dem Hafen Kanton den neuen Zweig des Pelzhandels in Gang zu bringen geſucht. Die Erzeugniſſe, die Fabrikate, die Metalle, die Koſtbarkeiten und die Befriedigungsmittel des uͤppigſten Luxus ſtroͤmen aus allen Welttheilen und aus ihrem Innerſten, wie von ihren Kuͤ⸗ ſten, in die Haͤfen des Brittiſchen Reiches, und werden erſt von dorther in Europa behannt. bes Nordens von Amerika. 11 — pe —— Kein Volk des Alterthums kann in Vergleich mit dieſen Kaufleuten der neueren Zeit beſte⸗ hen; der Kuͤſtenhandel und die Karawanen der Phoͤnieier vor dreytauſend Jahren ſind ſchwache Verſuche geweſen, wenn man ſie mit dem un⸗ geheuren Waarentranſport, den Fahrten von einem Pol zum andern, den kuͤhnen Weltum⸗ ſchiffungen, den mächtigen Beſitzungen in allen Gegenden der Erde, den Fiſchereyen auf ent⸗ fernten Meeren, den unzaͤhligen Mitteln des Erwerbes und Zweigen der Betriebſamkeit, dem reichen Anbau, den bis zur Vollkommenheit organiſirten Fabriken, den gluͤcklich und weis⸗ lich erdachten Maſchinen, dem allgemeinen Wohlſtand, der Reinlichkeit, der ſoliden Pracht und Eleganz der Reichen, kurz mit der ganzen bewundernswuͤrdigen Energie und Majeſtaͤt der neuen Meereskoͤnigin zuſammenhaͤlt. Im Brennpunkte jenes untruͤglichen Spie . gels, womit die Wahrheit den Werth alles menſchlichen Thuns und Treibens pruͤft, ſchmilzt allerdings dieſes blendende Schauſpiel zum zweydeutigen Reſultat der eigennuͤtzigſten Ber gierden zuſammen. Unerſaͤttliches Verlangen nach ſinnlichem Genuß, Hoffart und Pracht⸗ liebe, Neid und Mißgunſt, Geitz und Habgier, 12 Vorlaͤufige Schilderung — , ar oder ſey es auch der verzeihlichere Antrieb des ſtolzen Kraftgefuͤhls, der Herrſchſucht und des Ehrgeitzes — wie verengen oder veroͤden fie mehr das menſchliche Herz! auf welchen Ser wegen leiten ſie es nicht uͤber Verbrechen und Laſter zum Ziele! Reichthum und Ueberfluß auf dieſem Wege oft mit dem Schweiß und Blute des unverſchuldeten Dulders erkauft — was ſind ſie anders, als neue Quellen des ſitt⸗ lichen Verderbens, neuer Zunder der Eitelkeit und des Eigennutzes, in deren Flammen alles Mitgefuͤhl verſiegt? Auch kennen wir die ſchauervolle Gewißheit, daß eine unheilbare Krankheit der Staaten aus dem Uebermaße der Macht und des Genuſſes entſpringt, die nur mit ihrem Umſturz endigen kann. Doch ge⸗ nug! die bittre Frucht der Leidenſchaft malt auch der ſtrengſte Sittenrichter nicht mit ge⸗ haͤſſigeren Farben Iſt es das Loos unſeres begraͤnzten Weſens, nur auf der Leiter der Em⸗ pfindungen und Begierden hinanzuſteigen zum ſittlichen Bewußtſeyn und zur Entwickelung des Goͤtterfunkens Vernunft; mußten uns die Be⸗ griffe von Wahrheit, Guͤte und Schoͤnheit ohne den Gegenſatz des Falſchen, Boͤſen und Haͤßli⸗ chen ſtets verborgen bleiben: ſo wird die Wahl 9. A 3 des Nordens von Amerika. 13 §—B — ba Ste nn nn uns dennoch leicht zwiſchen der rohen, unwiſ⸗ ſenden Unſittlichkeit des Muͤßigganges, und die⸗ ſer raſchen, durch ihre Fehltritte verbeſſerten und zur Erkenntniß führenden Betriebſamkeit, zwiſchen jener halbwachen, halbtraͤumenden Betaͤubung der Defpötieen, wo keine Tugend moͤglich iſt, weil das erſchlaffte Gefuͤhl ſie nicht ahnden, der traͤge Geiſt ſie nicht ereilen, der verarmte Verſtand ſie nicht faſſen kann, und dieſem Schauplatze des vollen, freyen, ge: ſchaͤftigen Lebens, wo fie von Allen gekannt und geachtet, von Einigen im edelſten Kampf errungen und von Anderen als ein Erbe davon getragen wird. Wer wollte noch Worte verthnichhen „ um die ſonnenklare Wahrheit zu beweiſen, daß der nuͤtzlichſte Fleiß, was auch ſeine erſte Triebfeder ſey, ſich ſelbſt durch Reinheit der Sitten ſchon belohnt, indem er den größten Abſchnitt des Lebens hindurch vor jenen Anfechtungen ſichert, die der langen Weile des Muͤßiggaͤngers fo ger faͤhrlich ſind? — Es iſt Zeit, daß wir dem eigentlichen Zwecke dieſes Aufſatzes näher kom⸗ men, und zuvor einen fluͤchtigen Blick auf jene gemeinnuͤtzigen Fruͤchte des Brittiſchen Han⸗ delsbetriebes werfen, auf jene wichtigen Fort⸗ 14 Vorlaͤuſige Schilderung ſchritte des menſchlichen Geiſtes in ſeiner ſchoͤpferiſchen Eigenſchaft, an denen man das Annaͤhern zu einem der vernuͤnftigen Menſch⸗ heit vorgeſteckten Ziele meſſen kann. Hier iſt der Punkt, wo thaͤtige, Handel treibende Voͤl⸗ ker ihre gefeſſelten oder trägeren Nachbarn un⸗ endlich weit hinter ſich zuruͤcklaſſen, wo folglich ber Werth jener ſo oft verkannten Antriebe gro⸗ ßer Leidenſchaften am deutlichſten ſichtbar wird. Auf der unterſten und auf der hoͤchſten Stufe der moraliſchen Bildung, kann die Summe der Gluͤckſeligkeit und des Genuſſes gleich zu ſeyn ſcheinen; allein dieſer Genuß und dieſe Gluͤck⸗ ſeligkeit, die vermuthlich den Thierarten eben ſo reichlich wie dem Menſchen zugemeſſen ſind, koͤnnen eben deswegen nicht der letzte Zweck des denkenden Weſens ſeyn. Das Hoͤchſte und Edelſte, was der Menſch beſitzt, ſeine Vers nunft, iſt auch der Gegenſtand ſeiner oberſten Sorge. Welcher Vernuͤnftige moͤchte nicht lie⸗ ber ungluͤcklich, als unvernuͤnftig ſeyn? §. 2. Geographiſche Fortſchritte. Was der Handel beygetragen hat, die Maſſe des menſchlichen Wiſſens zu vermehren des Nordens von Amerika. 15 Arm ———— . A — einer und durch den Tauſch localer Kenntniſſe das das Licht der Philoſophie anzuzuͤnden, iſt ſchon ſo nfchs allgemein bekannt, daß ich es kaum erwaͤhnen er iſt darf. Genau laͤßt es ſich indeſſen keinesweges Voͤl⸗ beſtimmen, wie groß der Antheil eines jeden un⸗ Volkes oder einzelner ausgezeichneter Men⸗ glich ſchen an dieſer wichtigſten Angelegenheit unſe⸗ gro⸗ rer Gattung ſey; und hier iſt wohl am wenig⸗ ird. ſten der Ort, wo eine ſolche vergleichende Pruͤ⸗ Dtufe fung angeſtellt werden kann. Das Verdienſt e der der Britten um praktiſche Wiſſenſchaft iſt wenig⸗ ſeyn ſtens von ſo großem Umfange, daß ihnen nicht luͤck⸗ x leicht ein anderes Volk im gegenwärtigen Zeit, eben { punkt ihren Rang in dieſer Ruͤckſicht ſtreltig mas ſind, chen wird. Daß Macht und Einfluß allein des dieſe gemeinnuͤtzige Erſcheinung nicht hervor⸗ und N bringen, beweifen jedoch die Spanier und Por⸗ Ders “ tugieſen, deren geringer Betriebſamkeit wir es rſten Schuld geben muͤſſen, daß Braſilien, Peru t lie⸗ und Mexico, nebſt ſo vielen anderen weitlaͤuf⸗ tigen Beſitzungen, uns kaum noch weiter als = dem Namen nach bekannt find, indeß man vers ggiobens nach großen Männern und merkwuͤrdt⸗ gen Epochen in der Geſchichte dieſer Nationen die 1 forſcht, denen die Wiſſenſchaft weſentliche Ent⸗ deckungen und wichtige Fortſchritte verdankte. 16 Vorlaͤufige Schilderung — — In der That ſetzt es ſchon einen Grad der Auf— klaͤrung und Einſicht voraus, dieſe Kenntniſſe, auch nur in eigennuͤtziger Beziehung auf Pri⸗ vatvortheile oder Befriedigung kleiner Privat; abſichten, einzuſammeln und wieder bekannt zu machen. Wenn aber eine thaͤtige Nation erſt dieſen Punkt gewonnen und dieſen Grad der Einſicht wirklich erbeutet hat, alsdann läßt füch mit Recht von ihr erwarten, daß jedes Jahr neue Entdeckungen, neue Verſuche ins Unbe⸗ kannte zu dringen, und die Graͤnzen ihrer Ge⸗ ſchaͤftigkeit weiter hinauszuruͤcken, mit ſich brin⸗ gen werde. Hinweggeſehen von ſo vielen theils wiſſen⸗ ſchaftlichen, theils mechaniſchen Erfindungen, welche, mittelbar wenigſtens und weil alle Theile unſeres Wiſſens mit einander in der eng⸗ ſten Beziehung ſtehen, der kaufmaͤnniſchen Ber triebſamkeit und den durch ſie in Umlauf ge— brachten Ideen ihr Daſeyn verdanken, hat ins⸗ beſondere die Laͤnderkunde ſeit einiger Zeit durch die Brittiſche Schifffahrt ihre Graͤnzen merk lich erweitert. Die edelſten Unternehmungen, welche dieſes Jahrhundert auszeichnen, die bloß in wiſſenſchaftlicher Hinſicht entworfenen und mit fo wunderaͤhnlicher Geiſtesgroͤße ausgefuͤhr⸗ ten Auf niſſe, Pri⸗ rivat⸗ nt zu n erſt d der Bt ſich Jahr Unbe⸗ r Ge⸗ brin⸗ wiſſen⸗ ungen, il alle r eng⸗ en Be⸗ uf ge⸗ at ins⸗ t durch merk⸗ ungen, ie bloß n und zefuͤhr⸗ ten ten Welumſchiffungen des unſterblichen Entde⸗ ckers, James Cook, haben von einer unbe⸗ kannten Hälfte des Erdbodens den Schleyer hinweggeriſſen, der ſie uns verhuͤllte. Die Beharrlichkeit, womit er dreymal nach einan⸗ der feine vaterlaͤndiſche Inſel verließ, um auf der Entdeckungsbahn weiter fortzuruͤcken, hat ſeine Begeiſterung dem ganzen Volke mitge⸗ thellt, und ich ſtehe nicht an zu behaupten, das Auszeichnende ſeiner Todesart hat ihr ein vol⸗ lendendes Siegel aufgedruckt. Erſt von die⸗ ſem Zeitpunkt an iſt der Geiſt der Entdeckung neu erwacht; das große Muſter hatte zur Nachfolge theils ſeine eigenen Zoͤglinge, theils andere Seefahrer gereitzt, die jetzt mit einan⸗ der wetteſferten, die entfernteſten Meere zu de ⸗ ſchiffen, um den Beyfall ihrer Nation durch neue Entdeckungen und freymuͤthige Mitthei⸗ lung derſelben zu gewinnen. Derſelbe Enthu⸗ ſiasmus ergriff auch diejenigen Mitglieder der buͤrgerlichen Geſellſchaft, die keinen unmittel⸗ baren thaͤtigen Anthell an dieſer Art der Er; weiterung des menſchlichen Wiſſens nehmen konnten: fie verbanden ſich zur Unterſtuͤtzung ſolcher kühnen Abentheurer, die es wagen woll⸗ ten, in ſernen Wildniſſen und unter rohen G. e ir Tb. E % Vorläufige Schilderung feindfeligen Horden neue Kenntniſſe einzuſam⸗ meln; fie thaten patriotiſche Vorſchluͤge, wie der ernſte Zweck der wiſſenſchaftlichen Aufklaͤ⸗ rung mit der menſchenfteundlichen Vorſorge fuͤr die ungluͤcklichſten Klaſſen unſerer Gattung gepahrt, wie die für den Staat durch ihre Vergehungen verlornen Mitglieder in einer anderen Weltgegend wieder zu nuͤtzlichen und arbeitſamen Buͤrgern umgeſchaffen, und wie die Produkte der neuentdeckten Laͤnder zum leichteren Unterhalte der im Joche der Knecht⸗ ſchaft feufzenden Schwarzen in Weſtindien benutzt werden koͤnnten. Selbſt die großen, monopoliſirenden Handlungsgeſellſchaften fuͤhl⸗ ten jetzt, wie genau das Intereſſe der Wiſſen⸗ ſchaft mit ihrem Privatvortheile verbunden iſt, oder legten wenigſtens jene Geheimnißkraͤme⸗ rey bey Seite, die ſie bisher bey dem Pu⸗ blieum nur verdächtig gemacht hatte, ohne ihnen Nutzen zu bringen. Die Oftindifche Compagnie beſoldete einen Geographen mit mehr als Koͤniglicher Freygebigkeit, und ließ ihm freye Hand, den ungeheuren Schatz von Karten und Tagebuͤchern, die ihre Schiffe: capitaine in ihren Archiven niedergelegt hatten, ohne Ruͤckhalt oͤffentlich bekannt zu machen — fan „wie ufklaͤ⸗ rſorge ttung ihre einer und d wie zum mechts indien roßen, fuͤhl⸗ Viſſen⸗ en iſt, kraͤme⸗ n Pu⸗ ohne ndiſche n mit d ließ tz von ſchiffs⸗ hatten, rächen. SD des Nordens von Amerika. 19 Die Hudſonsbay⸗Compagnie ergänzte aus ih⸗ rem Vorrathe, was dieſem talentvollen Manne an Huͤlfsmitteln zur genaueren Kenntniß des — 2— Nordens von Amerika noch fehlen konnte. Ueberall ſchien die Ueberzeugung von der Ge⸗ meinnuͤtzigkett der Wiſſenſchaften in England fo. feſten Fuß zu gewinnen, daß man ſie jetzt als Zweck an ſich, nicht bloß als Mittel, kul⸗ tivirte. Cox, ein wohlhabender Privatmann, war auf eigene Koſten nach den Inſeln des Suͤdmeers geſchifft; Duncan war von der Hudſonsbay⸗ Compagnie zur vollftändigeren Entdeckung der Amerikaniſchen Polargegenden ausgeſchickt; pitain Vancouver ab, um an der Nordweſt⸗ die Regierung fertigte den Ca⸗ kuͤſte die letzte Hand an das Entdeckungsge⸗ ſchaͤft zu legen; Mac Cluer, den die Oſtindi⸗ ſche Compagnie von Bombay aus mit zwey Schiffen nach den Pelew, Inſeln geſchickt hatte, um dem alten Koͤnig Abbathulle fuͤr die an Wilſon bewieſene Gaſtfreundſchaft ihre Dankbarkeit zu bezeigen und ihm zugleich die traurige Botſchaft von ſeines Li- Bu's Tode zu hinterbringen, hatte ſich kaum dieſes Ge⸗ ſchaͤftes entledigt und ſein Tagebuch in China den nach England zuruͤckkehrenden Oftindien, B a 20 Vorlaͤuſige Schilderung fahrern anvertrauet, als er ſchon wieder aus⸗ lief, um die noch zweifelhaften Umriſſe von Neuguinea zu berichtigen; der fo wunderbar gerettete Bligh endlich, deſſen herrliche La⸗ dung von Brotfruchtſtaͤmmen, die nach Ja⸗ maica beſtimmt waren, durch den Aufruhr ſeiner Mannſchaft ihre Beſtimmung verfehlte, ward eben jetzt mit zwey Schiffen (Provi⸗ dence und Aſſiſtant) in derſelben wohlthaͤtigen Abſicht nach den Inſeln des ſtillen Oeeans zu- ruͤckgeſandt; und Edwards erhielt den Auf⸗ trag, mit der Fregatte Pandora die Aufruͤhrer aufzuſuchen und zur verdienten Strafe zu brin⸗ gen: ein Geſchaͤft, womit die Unterſuchung un⸗ erforſchter Meeresgegenden ſich ſchicklich ver⸗ einigen ließ. §. 2. Mackenzies Entdeckungen. Wie viel die eben genannten Seefahrer jur Vollendung unſerer geographiſchen Kennt, niſſe noch beytragen duͤrften, wird ein Zeit⸗ raum von wenigen Jahren ins Licht ſetzen. Bis jetzt iſt nur erſt von der Neife des Herrn Cor eine kurze Beſchreibung erfchlehen, die man in der Geſchichte der Reiſen, die ſeit Cook an der Nordweſt / und Nordoſt Kuͤſte von — 1 des Nordens und Amerika 21 r au/ Amerika ꝛc. unternommen worden find *), e von findet. Wie aber ſeit einigen Jahrzehenden dle derbar Erforſchung neuer Länder, oder auch in dem be: che La⸗ ſondern Falle der zweyten Cookiſchen Weltum⸗ ch Ja⸗ ſchiffung die Gewißheit, daß ein fo lange ge: ufruhr glaubtes Suͤdland nicht exiſtire, die weſentlich⸗ rfehlte, ſten Veraͤnderungen ſowohl in den Karten als in Provi⸗ den geographiſchen Lehrbuͤchern erheiſcht und haͤtigen veranlaßt hat; fo wird noch alljaͤhrlich, durch die ans zus NEE von Zeit zu Zeit bekannt werdenden Entdeckungen n Auf- und Berichtigungen die Geſtalt und Lage des we⸗ fruͤhrer niger ſorgfaͤltig unterſuchten und zum Theil noch u brin unbekannten Tordens von Amerika neue Kar⸗ ing un⸗ ten noͤthig machen, indem bereitshasjenige, was ch ver: noch im vorigen Jahre als wahrſcheinlich ges gãlaubt werden konnte, jetzt durch die erlangte Ger wißheit von Augenzeugen widerlegt worden iſt. Se Feſt ſteht das Faktum: daß die Unmoͤg⸗ efahrer lichkeit einer Tordweſtlichen Durchfahrt, Kennt. in einer ſchiffbaren Meeresgegend, erwieſen iſt, n Zeit- wie es die Abhandlung über die Nordweſt⸗ ſetzen. 1 kuͤſte von Amerika im zweyten Wer diet Herrn Sammlung unwiderleglich dargethan hat; und die man feſt wird es ſtehen, bis eine neue Kataſtrophe Cook 11 der Erde Neptuns und Plutons Reichen neue A ee e. B * 23 Vorläufige Schilderung Sränzen abſteckt. Damals aber blteb uns noch eine Hoffnung uͤbrig, daß der große Cooksfluß mit dem neuentdeckten Sklavenſee, und durch - diefen mit den Seen und Fluͤſſen, die nach der Hud ſonsbay fuͤhren, in Verbindung ſtehen koͤnnte; wir hatten auf ſolche Art eine Wahrſchelnlichkeit vor uns, daß ſich der Handel mit Rauchwaaren, auf die in Nordamerika laͤngſt übliche Methode, in kleinen Kaͤhnen, die man zuweilen auf Stre⸗ cken von einigen Meilen weit über Land ſchleppt, 8 von der Hudſonsbay unmittelbar bis nach der Nordweſtkuͤſte führen ließe. Allein dieſe Aus⸗ fiht zu einem bequemen Warentransport hat ſich um vieles verſchlimmert, ſeitdem die wahre Reiſeroute des Pelzhaͤndlers Mackenzie (S. Th. II. dieſer Sammlung S. 20 F. u. f.) genau bekannt geworden iſt. Da die Veraͤnderungen, welche dadurch in der zweyten Ausgabe der von A. Arrowſmith herausgegebenen Weltkarte veranlaßt worden find, von der bisher geglaub⸗ ten Lage der dortigen Seen und Fluͤſſe merklich abweichen, fo waͤre ſehr zu wuͤnſchen geweſen, daß man das Tagebuch dieſes unternehmen⸗ den Abentheurers dem Publikum mitgetheilt hätte, Dies iſt aber noch nicht geſchehen, ob⸗ 1 es in England angekommen und in den des Nordens von Amerika. Händen eines gewiſſen Herrn Simon Mac Taviſh befindlich iſt, der Herrn Arrowſmith erlaubt hat, nach den darin aufgezeichneten Angaben ſeine Karte zu verbeſſern. Um unſer Publieum indeſſen dieſe wichtigen Entdeckun⸗ gen nicht entbehren zu laſſen, hat der Herr geheime Kriegesſekretair Sotzmann ſie auf der neuen dieſem Theile beygefuͤgten Karte eingetragen; und hier wird es zweckmaͤßig ſeyn, das wenige, was wir von dieſer Reife wiſſen, kuͤrzlich zu erzählen, um dadurch die 1 nenefte Eutdeckungsgeſchichte des Amerikanis. ſchen Nordens, fo gut es angeht, zu ergänzen, ' Man erinnert fih noch aus der Abhandlung nuͤber die Nordweſtkuͤſte von Amerika, Ch. II. S. 205), daß der Kanadier Peter Pond, nachdem er 1787 nicht nur bis an den großen Skrlavenſee, ſondern auch in einen ſehr großen AJuß an deſſen ſuͤdweſtlichem Ende gekommen mar, feinen Gefährten Mackenzie daſelbſt zu⸗ ruückgelaſſen und den Ruͤckweg nach Quebek ge; nommen hatte. Damals glaubte er, und machte ſeine Muthmaßung bekannt, daß dieſer Fluß kein anderer als der Cooksfluß ſeyn koͤnne, welcher denn ſolchergeſtalt aus dem großen Sklavenſee Ei feinen Urſprung nehmen und die inänaliee. 1 B 4 24 Vorlaͤuſige Schilderung — * Schifffahrt zwiſchen dem Atlantiſchen und dem noͤrdlichen ſtillen Meere ſehr erleichtern müßte, Nach Mackenzies Tagebuche vom Jahr 1789 verhält es ſich indeß mit dieſem Fluſſe ganz ans ders; anſtatt weſtwaͤrts in das noͤrdliche ſtille Meer, oder den großen Ocean zwiſchen Ame⸗ rika und Aſien, zu fallen, wendet er ſich ploͤtz⸗ lich gegen Norden, und fällt in das Eismeer. An der Stelle, wo dieſer Fluß, den wir kuͤnf⸗ tig den Mackenziesfluß nennen muͤſſen, aus dem großen Sklavenſee heraustritt, iſt er noch zehn Engliſche Meilen breit; etwas wei⸗ ter hinabwaͤrts verengt er ſich bis auf dine Engliſche Meile, und in der Lange feines Lau⸗ fes wird er noch beträchtlich enger; faſt überall aber finden wir in der Karte eine Tiefe ange⸗ merkt, die mit der Breite in Verhaͤltniß ſteht. So z. B. wo der Fluß eine Engliſche Meile breit iſt, beträgt die Tiefe nur viertehalb Klaf⸗ tern; hingegen unter dem Polarkreiſe, wo er auf einer Strecke von drey Engliſchen Meilen zwiſchen zwey ungeheuern Abgruͤnden ſich hin⸗ unterſtuͤrzt, die nur um fünfhundert Schritte von einander getrennt ſind, hat er eine Tiefe von funfzig Klaftern. In ſeinem Laufe nimmt er verſchiedene andere ste auf, deren > dem üßte, 1789 nz an⸗ e ſtille Ame⸗ BUNTE smeer. kuͤnf⸗ „ aus iſt er s wei: f Line 8 Lau⸗ überall ange: ſteht. Melle ) Klaf⸗ wo er Meilen h hin: chritte Tiefe Laufe deren f halb des Polarkreiſes aber, und eine Strecke des Motdene von Amerika. 235 einige von n beträchtlicher Groͤße ſi find. Zu bey⸗ den Seiten erblickt man an mehrern Stellen große Gebirgsruͤcken, worunter der Zornberg an der Oſtſeite, nicht weit von dem Orte, wo der Fluß den See verläßt, vermuthlich von ſei⸗ ner beſonderen Geſtalt den ahmen hat. Wer ter hinabwaͤrts nach Weſten findet man Ge⸗ blige mit glänzenden Steinen; etwas unter; jenſeits deſſelben, erſt am oͤſtlichen, heiiach am entgegeſetzten Ufer, liegen Schneegebirge. Die Gewalt des Stroms iſt ſtellenweiſe ſehr verſchleden: an einem Orte ziſcht das Waſſer, wie in einem ſiedenden Topfe; jenfeitg deſſelben bemerkt man, daß der Strom an Geſchwin⸗ digkeit merklich zunimmt, weiterhin aber wle⸗ der ruhiger fließt. In der Gegend der erſten Schneegebirge iſt eine ſehr ſtark abſchuͤſſige Stelle, von der Art, die man in den Nordame, rikaniſchen Fluͤſſen Rapids zu nennen pflegt, und die allenfalls mit den Faͤllen im Dnepr vers glichen werden koͤnnen, indem ſie theils durch das ſchnelle Gefaͤlle des Bodens, theils durch die im Flußbette hervorragenden Felſen perurſacht wer“ den. Unterhalb des zweyten Schneegebirges, etwa einen Grad jenfeits des Polarkreiſes, ſoll nach B 5 58 — 26 Vorläufige Schilderung dem Berichte der Indianer das Meer ſowohl gegen Oſten als gegen Weſten nicht weit ent⸗ fernt ſeyn, welches vermuthlich die Urſache iſt, warum man dieſer Gegend den Namen Iſthmus, oder die Erdenge, gegeben hat. Noch ehe man an dieſen Iſthmus kommt, bemerken die Indianer eine Stelle im Fluſſe, wovon ſie ſagen, es fen ein Manitu oder ein Geiſt darin, vermuthlich um mit dieſem Aus⸗ drucke die Bewegung eines dort etwa vorhande⸗ nen Strudels anzudeuten. Oberhalb der letzten Schneegebirge in 63° nördlicher Breite wird man keinen Baum mehr gewahr. Etwas wei⸗ ter nordwärts kam man an verlaſſene Lagerſtaͤt⸗ ten, die vermuthlich den Eskimos gehoͤrt hat⸗ ten. Hierauf zerſpringt der Fluß in mehrere Aeſte, und fällt ungefähr unter dem Eyſten Grade N. Br. in einen beynahe eirkelrunden Meerbuſen, wo⸗ die Fluth am 12ten Julius 1789. ſechzehn bis achtzehn Zoll flieg. In der Mitte dieſes Buſens liegt eine Inſel, welche den Namen Wallfiſchinſel (Whale - Island) auf der Karte hat. In der Nähe derſelben iſt das Waſſer fünf Kla ß tern tief. Macken zie landete auf dieſer Inſel, und errichtete da⸗ ſelbſt einen edle worauf er, zum Gedacht 9 — wohl ent⸗ e iſt, men hat. mmt, luſſe, r ein Aus⸗ ande⸗ etzten wird wei⸗ rſtaͤt⸗ hat⸗ hrere ↄſten nden ulius der elche nd). elben tens. e da⸗ acht des Nordens von Amerika. 27 5 —— m — 2 niß, daß er ſo weit gekommen, ſeinen Namen, die Anzahl ſeiner Mannſchaft und ſeiner Ka⸗ nots, b her noͤrdlichen Breite der Inſel, 69° 14°, anzeichnete. Nach Arrowſmith's Karte liegt dieſe Inſel in 225° oͤſtlicher (135 weſtlicher) Laͤnge von der Koͤniglichen Stern⸗ warte zu Greenwich. Ein See mit friſchem Waſſer wird in der nordweſtlichen Gegend des Mieerbuſens angedeutet, Die Abweichung der Magnetnadel betraͤgt an der Muͤndung des Fluſſes oder auf der Wallfiſchinſel 36/oͤſtlich. Es erhellet aus dieſen Angaben unwider⸗ ſpyrechlich, daß nicht nur der hoͤchſte Norden von Amerika bis zum 69ſten Grade der Breite ein zuſammenhangendes feſtes Land bildet, wo keine Durchfahrt gedenkbar iſt; ſondern auch, daß zwiſchen dem Cooksfluſſe und dem großen Sfklavenſee keine unmittelbare Communica⸗ tion zu Waſſer Statt findet. Nach den ge— naueren Angaben dieſer Reiſe, zuſammengehal⸗ . ten mit den Entdeckungen des Herrn Searne, konnte nunmehr Arrowſmith auch die Lage des Sklavenſees ſelbſt ganz anders, als in der vorigen Ausgabe, beſtimmen. Er verlegt; ihn zwiſchen 61 und 62° N. Br., anſtatt daß man ihn vorhin um wenigſtens zwey Grade 28 Vorlaͤuſige Schilderung ge — at —.— noͤrdlicher zu ſuchen hatte; und was die Länge betrifft, fo füllt er damit einen Raum von unr gefahr fuͤnf und ſechzig Seemeilen, zwiſchen 241° und 248° oͤſtlicher (119 und 1129 weſtlicher) Länge, Dieſe Lage ſetzt es außer allem Zweifel, daß ſchon Zearne, auf ſeiner merkwuͤrdigen Reiſe zu Fuß an das Eismeer, über die oͤſtliche Gegend des Sklapenſees ges kommen ſeyn muß, da man bisher immer ger glaubt hatte, daß er den Arathapeskow— ſee beruͤhrt haͤtte. Dieſer letztere aber liegt in der That weit ſuͤdlicher, als die vorige Karte ihn angab, nämlich in 59 N. Br., und iſt von ungleich kleinerem Umfange, als man ihn ſonſt, wegen der Verwechſelung mit dem Sklaven⸗ fee gezeichnet hatte, wiewohl er immer noch eine anſehnliche Groͤße behält, und von Oſten nach Weſten bey einer verhaͤltnißmaͤßig gerin⸗ gen Breite wenigſtens vierzig Seemeilen lang iſt. Der 246ſte und der 2 poſte oͤſtliche (ode. der 114te und uote weſtliche) Meridian find die Graͤnzen feiner Länge, wodurch er alſo gerade ſuͤdlich von dem oͤſtlichen Ende des Sklavenſees zu liegen kommt. Der Skla⸗ venfluß, welcher das Bindungsglied zwiſchen beyden Seen iſt, beruͤhrt den Arathapeskow⸗ zerin⸗ lang (ode. idian h er Ikla⸗ ſchen ow⸗ des Nordens von Amerika. 29 fee in feiner weſtlichen Gegend und den Skla⸗ venſee in der Mitte ſeines ſuͤdlichen Ufers. Lage, Groͤße und Geſtalt dieſer beyden Seen find alſo von dem, was man bisher da von wußte, ſehr auffallend verſchieden, und beyde, insbeſondere der Sklavenſee, liegen den Engliſchen Handelspoſten an der Zud⸗ ſonsbay viel näher, als wir fie in den letzten Karten noch angeben konnten. Dagegen bleibt der Fluß Arathapeskow auch jetzt noch in derſelben Entfernung von der Nord⸗ weſtkuͤſte, die man ihm zuvor ſchon ange⸗ wieſen hatte, welches daher kommt, daß man ihn jetzt mit dem weſtlichen Ende des Aratha⸗ peskowſees verbindet, da er ſonſt ſo vorge⸗ ſtellt wurde, als ob er in die Suͤdoſtgegend deſſelben ſiele. Zwiſchen dieſem Fluſſe und dem naͤchſten bekannten Punkte der Nordweſt⸗ kuͤſte bleibt immer noch ein Raum von hundert und achtzig Seemeilen (oder 135 Deutſchen Meilen) worin noch anſehnliche Entdeckun⸗ gen zu Waſſer und zu Lande gemacht werden koͤnnen. 4 | Um hier alles zuſammenzufaſſen, was zur Erläuterung der neuen Karte erforderlich ſeyn möchte, mͤſſen wir bemerken, daß der Punkt, wo 30 Vorlaͤuſtge Schilderung Hearne die Kuͤſte des Eismeers beruͤhrte, wie, der in 71 nördlicher Breite angegeben wor; den iſt, indem die Correction, die Herr Dal; rymple hier hat anbringen wollen, vermoͤge deren dieſer Punkt auf 68 15“ hätte redueirt werden muͤſſen, den Bemerkungen des Reiſen⸗ den ſelbſt widerſpricht. Dieſe Aenderung macht es nunmehr auch wieder unwahrſcheinlicher, daß aus der Repulſebay eine Durchfahrt in das Eismeer gehen ſollte; mithin iſt die punk⸗ tirte Linie, womit ſie angedeutet wurde, wie⸗ der weggelaſſen worden. Eben ſo wenig konnte der angegebene Umriß des großen mordiſchen Archipelagus bleiben, da noch nicht die ent⸗ fernteſte Beftätigung der von Herrn Meares . erwähnten Entdeckung der Schiffscapitaine aus Boſton (Th. II. S. 123) eingegangen iſt. Der erſte vergleichende Blick auf unſere jetzige und die dem zweyten Bande dieſer Sammlung beygefuͤgte Karte wird uͤbrigens den Unterſchied zwiſchen beyden in Abſicht auf die Lage und Ge⸗ ſtalt der Gruppe von den fuͤnf großen Seen im Innern von Nordamerika, und zugleich die Ein⸗ zeichnung verſchiedener kleinen Seen aus Longs Karte zur Erläuterung der Reiſen eines Kana⸗ diſchen Dolmetſchers, hinlaͤnglich darthun. e ent⸗ eares itaine en iſt. jetzige nlung ſchied d Ge⸗ en im e Ein⸗ ongs Nana⸗ K n gleichſam auf einmal zu uͤberſehen. des Nordens von Amerika. Ich eile nunmehr zu meinem eigentlichen Gegenſtande, um den Leſer in Stand zu ſetzen, den ganzen Norden des neuen Welttheils 31 —— — I. Geographiſche Umriffe 8. 4. e des Eismeers. Noch find die Polarpunkte der Achſe, um welche ſich täglich unſere Erdkugel waͤlzt, dem Menſchen unzugaͤnglich geblieben. Um den Tordpol kann ein Kreis, der hundert und funfzig (Deutſche) geographiſche Meilen zum WRNadius hat, gezogen werden, ohne irgend ein bekanntes Land, die noͤrdlichſten Inſeln von Spitzbergen ausgenommen, zu durchſchnei⸗ den; und nimmt man nicht den Pol ſelbſt zum Mittelpunkte, ſo iſt der unbekannte Raum eine Ellipſe, deren größter Durchmeſſer ſechs⸗ hundert geographiſche Meilen, fo wie der klei⸗ nere ungefähr dreyhundert und vierzig, ent⸗ hält, Dieſen Raum nennt man ſehr ſchicklich das nordiſche Eismeer, indem er, auf wel⸗ cher Seite man auch hineinzudringen verſucht hat, jederzeit mit ungeheuren Eisbergen und 32 Vorlaͤufige Schilderung An 2 A mn an einander hangenden Eisfeldern oder beeiſe⸗ ten Flächen bedeckt gefunden worden iſt. Man hat zwar einzelne Beyſpiele von ſo genannten Groͤnlandfahrern, oder Schiffen, die auf den Wallfiſchfang gegangen find, daß fie zwiſchen Spitzbergen und Grönland bis auf wenige Grade, ja ſogar bis auf einen Grad oder fünfzehn geographiſche Meilen, vom Pol eine offene See gefunden haben; allein dieſe ſelte⸗ nen Ausnahmen berechtigen uns keinesweges zu hoffen, daß eine freye Fahrt nach dem Pol, und uͤber denſelben hin, zwiſchen dem alten und neuen Welttheile bewerkſtelligt werden koͤnne. In einem Sommer, welcher durch vorzuͤglich milde Witterung die Maſſe des Ei ſes auf dem dortigen Meere beträchtlich ver⸗ minderte, ließe fich vielleicht ein Wageſtuͤck von dieſer Art unternehmen und ausfuͤhren; wuͤßte man nur immer im Voraus das Jahr zu bes ſtimmen, welches zu einer ſolchen Schifffahrt am meiſten verſpricht! Die größte Schwierige keit bey der Beſchiffung des Eismeers liegt un⸗ ſtreitig darin, daß, allen Ausſagen der Walk fiſchfaͤnger gemäß, das Eis erſt im Septem⸗ ber weggeſchmolzen Ifi, wenn bereits die Aequl⸗ noktialſtuͤrme dem Seefahrer drohen, und vers \ möge jeeifes Man inten f den iſchen benige oder eine felte: zweges Pol, alten verden durch des Ei ch ver⸗ ick von wuͤßte zu bes fffahrt wierig⸗ gt un⸗ Wall⸗ eptem / Aequl⸗ id ver⸗ moͤge des Nordens von Amerika. 33 PPT moͤge der ſchiefen Richtung der Erdachſe in ih⸗ rer Bahn um die Sonne, die ganze Polarge⸗ gend in Begriff iſt, in ihre ſechsmonathliche Nacht zu verſinken. an bis zum 21ſten März herrſcht ununterbro⸗ Vom 21ſten September chene Finſterniß in einem Kreiſe von 234 Gra⸗ den der Breite, oder von dreyhundert funfzig (geogr.) Meilen rund um den Pol: eine Fin: ſterniß, die durch Nebel und Sturm nur noch ſchrecklicher und gefahrvoller wird, und die erſt im Winter, wenn alles vom Eiſe ſtarrt, dem magiſchen Glanze des Mondes und der am reinen Himmel funkelnden Sterne weicht. Das Eismeer hängt zwiſchen Europa und Amerika mit dem Atlantiſchen, und zwiſchen Aſien und Amerika mit der Kamtſchatkiſchen Meere, durch dieſes letztere aber mit dem gro⸗ ßen Ocean, dem ſo genannten ſtillen Meere, zuſammen; nur mit dem Unterſchiede, daß zwiſchen dem Nordeap in Lappland und der öoͤſtlichen Spitze von Altgroͤnland in Amerika die See noch Über hundert und ſechzig geogra⸗ phiſche Meilen breit iſt, da hingegen die aͤußer⸗ ſten Spitzen von Aſien und Amerike in der Behringoſtraße ſich bis auf dreyzehn See; mellen, oder noch nicht volle zehn geographlſche 0. Jorſters tl. Schr, zr cb. C 34 Vorlauſige Schilderung Meilen, einander naͤhern. Man begreift unn leicht, wie viel ſchwerer es ſeyn muͤſſe, durch diefe letztere Enge in das Eismeer zu kommen, als in der Gegend des Nordeaps oder der Groͤnlaͤndiſchen Kuͤſten, zumal da ſich das Land oberhalb der Meerenge zu beyden Seiten vom zoften und 73fen bis zum 66ſten Grade der Breite allmaͤhlich wie ein Trichter verengt, wo⸗ durch das aus dem Eismeere ſuͤdwaͤrts ſchwim⸗ mende Eis ſich unfehlbar ſtauchen nt unbeweg⸗ lich werden muß. Hierzu kommt noch die ge⸗ ringe Tiefe des Meeres in dieſem trtchterfoͤr⸗ migen Buſen, welche nirgends uͤber dreyßig Klaftern beträgt, und woſelbſt alfo dle großen Eisberge oft genug feſt ſitzen muͤſſen, da man ſich leicht durch einen einfachen Verſuch uͤber⸗ zeugen kann, daß von einem jeden Stuͤcke ſchwimmenden Eiſes im Seewaſſer nur der zehnte Theil der Maſſe herausragt, die = gen neun Zehnth eile hingegen unter die Kr: ſerflaͤche ſi inken; mithin von einem Wuͤrſel E ſes, der fünfzig Fuß hoch über dem Waſſer ſchwimmt, behauptet werden kann, daß er ſich vierhundert und funfzig Fuß tief eintauchen muͤſſe. Ein ſolcher Würfel braucht fon, um nur eben ſchwimmen zu koͤnnen, eine Tieſe von —— ft unn durch mmen, er der s Land on vom de der zt, wo⸗ chwim⸗ beweg⸗ die ge⸗ hterfoͤr⸗ dreyßig großen da man ch uͤber⸗ Stuͤcke mr der n ie f. wit Ei⸗ Waſſer ß er ſich tauchen wa, um deze von ® 3 des Nordens und Amerika. 38 10 N 3 7 4 d — 7 — * 1 a tete —= 20 Deere, >, EEE — fünf und ſechzig Klaftern, wenn er nicht etwa mit einem Eisfelde zuſammenhaͤngt, deſſen ausgebreitete Flaͤche ihn emportragen hilft. Die Kuͤſten der alten Welt, oder Europens und Aſiens, fo fern ſie den Rand des Eismee⸗ res umſchlleßen, ſind nunmehr mit ziemlicher Beſtimmtheit bekannt. Sie ziehen ſich in ei⸗ ner Ausdehnung von mehr als 160 Graden der Länge, vom Nordcap au bis zum Oſtcap, indem ſie zwiſchen 63° und 78° mehrere tiefe Buſen und Inſeln, insbeſondere aber die Ar: ſel Towa Jemlja (das neue Land) bilden. Viele große Fluͤſſe, die Divine, die Pet: ; ſchora, der Ob und Jeniſei, die Lena, In⸗ digirka und Nowyma ſtuͤrzen ſich an dleſer Kuͤſte in das Eismeer. Die Gruppe von beei⸗ ſeten Juſeln „ die man unter dem Namen Spitzbergen kennt, liegt zwiſchen dem LTord: eap, Nowa Jemlja und Altgroͤnland in der Mitte, dem letzteren etwas näher, und er; ſtreckt ſich bis über den goften Grad der Breite. Sie theilt alſo den Strom des Eismeeres m wiſchen Europa und Amerika in zwey engere Diuourchfahrten, wovon die weſiliche, zwiſchen Spitzbergen und Grönland, kaum ſechzig Deutſche (geogr.) Meilen breit und oft des „ 36 Vorläufige Schilderung geſtauchten Eiſes wegen über dem doſten Grade der Breite nicht ſchiffbar if. Die natürliche Graͤnze zwiſchen dem Eismeer und dem Atlan⸗ tiſchen Meere bilden die drey Inſelpunkte: Island (Eisland), die Faro Infeln und die Schetland Inſeln, welche zwiſchen Groß⸗ britannien und Altgroͤnland in ſchraͤger Rich⸗ tung liegen. 4 Wir kommen nunmehr an die andere Hälfte der Umgraͤnzung des Eismeeres, an die noͤrd⸗ liche Kuͤſte des Amerikaniſchen feſten Landes. Hier iſt, außer einigen noch ſehr ſchwankend angegebenen Punkten, Alles unbekannt. Die noͤrdlichſte Gegend, wo man die Kuͤſte des alten oder Oſtgroͤnlands, Spitzbergen ge⸗ rade gegenuͤber, geſehen hat, liegt im 79 nördlicher Breite, und etwa 9 weſtlich von Greenwich. Man weiß aber nicht einmal den Entdecker, ſondern nur das Jahr der Entdek— kung, 1670, anzugeben. Von dieſem Punkte bis an das Cap des Prinzen von Wales, welches die weſtlichſte Spitze von Amerika und die oͤſtlichſte Graͤnze der Behringsſtraße bildet, haben wir einen Zwiſchenraum von 159° der Laͤnge, dergeſtalt, daß alſo die Kuͤſte der neuen Welt, welche das Eismeer umgiebt, mit der des Nordens und Amerika. 37 rade 1 Kuͤſte des alten Welttheils bis auf wenige Mei⸗ rliche T Tem gleiche Ausdehnung hat. Allein die einzi⸗ tlan gen jetzt noch bekannten Punkte dieſer Kuͤſte net: ſind die von Searne 1771, und von Macken⸗ d die zie 1739 entdeckten Muͤndungen des Nop⸗ roß⸗ permine (Kupfergruben:) und des Macken⸗ Rich. ziesfluſſes, wovon jene in 70° 4“ N. Br. und 248° oͤſtlicher (1125 weſtlicher) Länge, dieſe, hälfte aber in 69° 45, N. Br. und 225° 30“ öͤſt⸗ noͤrd⸗ 1 licher (134° 30“ weſtlicher) Länge angenom; ndes. men wird. Fr Welche Meerbuſen, welche Inſeln und ikend Ko Die Vorgebirge auf einer fo großen Strecke die des veordliche Kuͤſte von Amerika bilden konne, 1 ge⸗ und ob das Eismeer in feinem kittelpunkte 79% gaanz offen, oder mit feſtem Eiſe immerwaͤhrend von belegt, oder gar mit noch unbekannten Laͤndern den 1 ausgefuͤllt ſey, bleibt kuͤnftigen Seefahrern zu tdek⸗ entdecken uͤbrig. Als Cook durch die Beh⸗ inkte ringsenge gegen Norden ſchiffte, kam er nur ‚leg, 1 bis zum Eiscap in 7029“ N. Br. und 3 1 8. 5. en 1 N Grönland und Baffins bay. euen * Die oͤſtlichen Kuͤſten des Amerikaniſchen der Welttheils gehen ungleich * nach Norden . a 3 38 Vorlaͤuſige Schilderung hinauf, als die weſtlichen; man hat, wie ſchon geſagt, nicht nur die Kuͤſte von Oſtgroͤnland bis zum 79ſten Grade der Breite verfolgt, fon: dern auch jener große Buſen, welcher nach feis nem Entdecker die Baffinsbay genannt wird, ſteigt bis zum 78ſten Grade und noch hoͤher fort, wodurch es außer allem Zweifel geſtellt wird, daß das Land, welches dieſe Bay ums graͤnzt, ſich noch weiter gegen Norden ala ken muß. Ob Groͤnland eine Inſel ſey, ob eine von den verſchiedenen Buchten „ die Baffin im noͤrdlichen Theile eines Meerbuſens entdeckte, entweder Whale: (Wallfiſch) Sund, Sir Thomas Smiths Sund, Alderman Jones Sund oder Lancaſter-Sund, eine Durch fahrt in das Eismeer eroͤffne, iſt noch feines; weges entſchieden, weil ſeit Baffins Entdek⸗ kung im Jahre 1616 dieſe Gegend nicht wie⸗ der beſucht worden iſt, und weil er auf ſeiner Fahrt zu ſchnell an der Kuͤſte forteilte, um ſie genau aufnehmen oder erforfchen zu koͤnnen. Wie dem auch ſey, von jenem noͤrdlichſten Punkt an der Oſtſeite dieſes Landes in 79° N. Br. läuft die Kuͤſte in ſuͤdweſtlicher Richtung bis an das Cap Farewell, welches in Nader Fin im itdeckte, „ Sir Jones Durch: keines⸗ Entdef: cht wie: f feiner um fie koͤnnen. dlichſten 79 N. dichtung den Hol⸗ 5 des Nordens von Amerika. 39 laͤndiſchen Karten Statenhoek heißt und in 59° 30“ N. Br. liegt. Die Vorgebirge und Has fen an dieſer Kuͤſte, om Cap Farewell an bis Island (Eisland) gegenuͤber, kennt man jetzt nur nach den aus dem vierzehnten und junfzehnten Jahrhundert in Daͤnemark übrig gebliebenen Karten, indem das Eis, welches ſich zwiſchen dieſem Lande und Island ſeit einigen Jahrhunderten ſeſtgeſetzt hat, die ehe⸗ mals bewohnte und beſuchte Kuͤſte unzugaͤng⸗ lich macht. Die noͤrdlicheren Punkte, welche man in den Karten angegeben findet, ſind a groͤßtentheils von Holländern gefehen worden, ohne daß man die Entdecker genau anzugeben weiß. Auch der beruͤhmte und ungluͤckliche Zudſon ſah 1607 auf ſeiner erſten Reiſe dieſe Kauͤſte unter dem vaſten Grad N. Br., und nannte die eig Gegend Hold with Hope (alk an mit Hoffen 9. Vom Cap Farewell weſtwaͤrts 1 blege ſch 4 die weſtliche Kuͤſte von Grönland bald wieder nach Norden um, und ſteigt in der Baffins⸗ bay, wie ſchon geſagt, bis zum 78ſten Grade der Breite hinauf. Dieſer kalte Strich Lan⸗ des, der insgemein Weſt oder Treugroͤn⸗ land heißt, wird noch von Europaͤern de C4 40 Vorläufige Schilderung ſucht; die Dänen unterhalten daſelbſt Miſſio⸗ nen, und haben zur Bequemlichkeit ihrer Wall⸗ fiſchfaͤnger einige Poſten angelegt. Baffins Meer⸗ buſen, der, wo er am breiteſten iſt, hundert und funfzig Deutſche geographiſche Meilen von Oſten nach Weſten haͤlt, wird am Eingange, oder der ſo genannten Straße Davis, wieder beträchtlich enger, indem ſich hier auf der weſt⸗ lichen Seite deſſelben, weſtgroͤnland ge: genuͤber, das Land in eine große Anzahl groͤße⸗ rer und kleinerer Inſeln zerſtuͤckelt, zwiſchen denen Cortereal, Frobiſher, Davis, Wei⸗ mouth, Sudſon, Bylot und Baffin, Zawkbridge, For, James, Middleton und Andere mehr, verſchledene fü genannte Straßen oder Meerengen und Einfahrten theils entdeckten, theils wieder auffuchten und ge; nauer beſtimmten, in dem fruchtloſen Beſtre⸗ ben hier hindurch in das Meer, welches die Oſtkuͤſte von Aſien beſpuͤhlt, zu gelangen und die ſo ſehnlich gewuͤnſchte Nordweſtliche Durch⸗ fahrt, oder den kuͤrzeren Weg nach China und Oſtindien, zu entdecken. Frobiſher entdeckte ſchon 1778 die Einfahrt, die man jetzt Zud⸗ ſonsſtraße nennt; er hielt ſie aber fuͤr einen Weg, der ihn nur von ſeinem Ziele, der nord⸗ — iſſio⸗ Wall: Meer: undert en von gange, wieder r weſt⸗ d ge⸗ groͤße⸗ viſchen Wei⸗ daffin, dleton nannte theils nd ge⸗ Beſtre⸗ hes die n und Durch⸗ a und tdeckte Hud, einen nord⸗ — des Nordens von Amerika. 41 — ——— weſtlichen Durchfahrt, irre fuͤhrte, und gab ſeinen Namen einer etwas noͤrdlicher zwiſchen den Inſeln gelegenen Enge. Dieſe Frobi— ſhers⸗Enge fand Davis im Jahre 1587 wie⸗ der, und ohne zu wiſſen, daß fie bereits ent⸗ deckt wäre, nannte er fie Lumleys Einfahrt (inlet.) Noch noͤrdlicher hatte er ſchon zwey Jahre zuvor die Cumberlandsſtraße gefun⸗ — — — — den. Allein anſtatt auf dieſem Wege weit waͤrts vorzudringen, blieb es jederzeit das Loos bdieſer kuͤhnen, ausdauernden und zum Theil ſchwaͤrmeriſchen Seefahrer, wegen der ſtren- en Witterung und der Unmoͤglichkeit zu über: 2 wintern, gerade dann auf ihren Ruͤckweg zu denken, wenn ſie eben die erwuͤnſchteſte Aus⸗ ſicht vor ſich hatten, Entſcheidung und Gewiß⸗ heit zu erlangen. Daher laͤßt ſich noch immer die Moͤglichkeit behaupten, daß vielleicht jen⸗ ſeits des noͤrdlichſten Punktes, den Kor im Jahr 1631 erreichte, eine Communication zur See mit dem Eismeere nach Weſten hin, uns gefähr in 69° oder 70% Nördlicher Breite, Rs, | zu ſuchen fen. 42 Vorlaͤufige Schilderung 9 N 1 $. 6. b Hudſons bay, Labrador, Neufundland und Neu⸗ ſchottland. Ein hundert und funfzig geographiſche Meilen weſtwaͤrts vom Cap Farewell, oder der Suͤdſpitze von Groͤnland, beſindet man ſich im Eingange der Zudſonsſtraße, deren linkes oder ſuͤdliches Ufer einen Theil des ſo genannten Landes Labrador ausmacht. Das Cap Chidley am Eingange dieſer Straße liegt ungefähr in 609, und das Cap Digges an ihrem weſtlichen Ende in 62° 41“ N. Br., fo daß fie auf einer Strecke von 15 der Länge, oder ungefaͤhr hundert und zwanzig Deutſchen Meilen, mehr als drittehalb Grade gegen Norden anſteigt. Vom Cap Digges an läuft die Kuͤſte plotzlich ſuͤdwaͤrts, und bildet den tiefen Buſen, welcher unter dem Namen der Zudſonsbay bis beynahe zum 5 ıflen. Gr. der Breite hinuntergeht, an ſeiner weſtlichen Seite aber wieder uͤber den Polkreis bis auf 67° 30“ N. Br. ſteigt, wo er ſich in der run⸗ den Repulſebay endigt. Lange Zeit ſchmei⸗ chelte man ſich, hier, durch die geraͤumigen Buchten am weſtlichen Ufer dieſer Bay, eine Durchfahrt in die noch weſtlicher gelegene Ge⸗ d Neu⸗ phiſche oder t man deren des ſo Das Straße Digges N. Br., Länge, eutſchen gegen ges an d bildet Namen ten Gr. eſtlichen bis auf er run: ſchmei⸗ umigen iy, eine ne Ge⸗ des Nordens von Amerika. 43 gend des Eismeers zu finden; allein ſeitdem die Hudſonsbay⸗Compagnie die Stellen, die noch am meiſten verſprachen, von neuem hat unterſuchen laſſen, und am allerentſcheiden⸗ ſten, ſeitdem einer ihrer Beamten, der jetzige Gouverneur Hearne, vom Churchill⸗ Fort zu Fuß und in Kaͤhnen bis über den 7 iſten Grad der Breite an das Eismeer gekommen iſt, ſind alle dieſe angenehmen Hoffnungen gaͤnzlich ver⸗ nichtet worden. Der lange Sund, der unter dem Namen Chefterfields oder Bowdens KkEkinfahrt bekannt iſt, mag indeß wohl mit den inlaͤndiſchen Seen in Zuſammenhang ſtehen, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß der große See Dubant (Doobaunt) ſein ſuͤßes Waſſer durch einen ſtarken Strom mit mehreren Fal, len in dieſen Sund ergießt. ton entdeckte Repulſebay, wo man, zufolge . einiger von Amerikaniſchen Wilden gezeichneter Karten, noch eine Durchfahrt in die weſtliche Gegend des Eismeers für möglich hlelt, ſcheint doch gegenwartig (vielleicht nach ſpaͤteren Ber Die von Middle⸗ richten?) wenig Hoffnung mehr zu geben, da 4 ſchon Arrowſmith die auf der erſten Ausgabe ſeiner Weltkarte angedeutete Communieations⸗ ä linie aus der zweyten weggelaſſen hat. 44 Vorläufige Schilderung Der Umſtand, daß das Eismeer etwa fünf und zwanzig Grade der Länge weſtwaͤrts von der weſtlichen Umgraͤnzung der Baffinsbay geſehen worden iſt, giebt deutlich zu erkennen, daß die Laͤndereyen, welche dieſe Bay gegen Abend umſchließen, wenn ſie nicht aus Inſeln beſtehen, ſondern zuſammenhangend befunden werden ſollten, nur einen ſchmalen Strich bil⸗ den koͤnnen, der vom 79ſten oder goften Grade noͤrdlicher Breite an, ziemlich geradezu nach Süden herablaͤuft und nirgends uͤber hundert, an manchen Stellen aber kaum funfzig Dents ſche Meilen breit iſt. Dieſer dem Po nahe kommende Strich Landes kann, wenn ſein Umriß erſt bekannt ſeyn wird, dem For⸗ ſcher wenig Neues darbieten, da die Natur gegen die Pole zu erſtarrt und an Erzeugniſſen verarmt zu ſeyn ſcheint. Ich glaube nicht, daß der Name Amerikaniſche Polarlaͤnder, den ich dieſen Gegenden in meiner Karte bey⸗ gelegt habe, leicht gegen einen ſchicklicheren vertauſcht werden kann. — Die Länder, welche die Hudſonsbay gegen Abend umfangen, haben zwar beſtimmte Benennungen, aber noch keine beſtimmte Gränzen erhalten. Nord: waͤrts und weſtwaͤrts von der Repulſebay finden BR des Nordens von Amerika. 45 wir des Prinzen Wilhelms Land, welches zugleich die Suͤdweſtgegend der Baffinsbay umgiebt. Zwiſchen dieſem Lande und dem Churchillfluſſe, der in 58? so’ Noͤrdlicher Breite in die Hudſonsbay fällt, hat das Land den Namen Neu, Nord Wales (Wal: lis), und von dieſem Fluſſe ſuͤdwaͤrts bis an das ſuͤdlichſte Ende der James bay den Namen Neu Suͤd- Wales erhalten. Der Theil von Labrador, welcher an die Oft: ſeite der Jamesbay ſtoͤßt, gehoͤrt noch unter = der Benennung Eaſt, Main oder des öftlis chen feſten Landes zum Gebiete der Hud⸗ ſonsbay⸗Compagnie, und es liegen daſelbſt verſchiedene von ihren Handelspoſten. Die weſtliche Graͤnze der oben genannten Lander, Neu⸗Suͤd⸗ und Neu: Nord, Wales, iſt gaͤnz⸗ lich unbeſtimmt; zum Theil daher, weil dieſe 9 Gegend noch nicht weiter weſtwaͤrts, als bis zum Sflavenfee, entdeckt worden iſt. Das Meer von Kamtſchatka mit der Behringsſtraße iſt das entfernteſte Ziel gegen Abend, wohin ſie ſich erſtrecken kann; allein nur künftige po: 1 litiſche Verfügungen werden entſcheiden duͤr⸗ fen, ob die Handelsprivilegien der Hudſons⸗ | bay Compagnie ſich von Wm Oceane zum 5 — — —— mern 5 46 VBorlzuſtge Scher un — nn nn nn u andern ausdehnen ſollen. Nimmt man den Strich Landes zwiſchen der Hudſonsbay und dem Sklavenſee fuͤr das erkannte Gebiet der Compagnie an, ſo ſehen wir in ihren Haͤnden ſchon eine ungeheure, von unzaͤhllgen Seen und Fluͤſſen bequem durchſchnittene Fläche, die mehr als funfzigtauſend Quadrakmeilen enthaͤlt. Labrador, ſonſt auch Teu⸗ Britannien, das ſchon 1601 durch Coxtereal, im achten Jahre nach der Wiederkehr des großen Los lumbus von ſeiner erſten Reiſe, entdeckte Land, deſſen Oſtkuͤſte ſich von dem Cap Dig: ges an ſuͤdoſtwaͤrts bis beynahe in so N. Br. erſtreckt, iſt gleichſam ein zwiſchen der Hud⸗ ſonsbay, dem Atlantiſchen Meere und dem Meerbuſen St. Lorenz eingeſchloſſenes Dreyeck. 8 Seine aͤußere oder Oſtſeite iſt gegen zweyhun⸗ dert und ſiebzig Deutſche Meilen lang, und der ganze Flaͤcheninhalt koͤnnte leicht 20,000 Deutſche Duadratmellen betragen. Seinem ſuͤdoͤſtlichen Vorgebirge, dem Cap Charles, gegenüber, durch die enge Straße Belleisle ge; trennt, liegt die, wegen ihrer vlelen vortreffli⸗ chen Häfen den Europälſchen Seemaͤchten fo wichtige, mit Sandbaͤnken umgebene Inſel Neufundland 7 ( Ne wfoundland ’ Fr. Terre. des Nordens von Amerika. 45 neuve) und verſchließt den Eingang in den Meerbuſen St. Lorenz, bis auf die Enge, die fie mit der ſuͤdlich gelegenen, kleineren Inſel Cap Breton formirt. Schon im Jahre 1497 entdeckte Johann Cabot dieſe Inſel. Den erſten Punkt, der ihm zu Geſechte kam, nannte er primera vista, zuerſt geſehen, woher vielleicht eben erſt oder neu gefunden und Neufundland, entſtanden iſt; dem gan⸗ zen Lande aber gab er, wegen der Menge Kabbeliau, womit die dortige Meeresgegend angefuͤllt iſt, den Namen Terra de Bac- calhaos. Der ſchoͤne, große Sanct Abtei kommt von Suͤdweſten herab, um ſich in den Meerbuſen dieſes Namens zu ergießen, deſſen ſuͤdliche Kuͤſte dann wieder ſuͤdoſtwärts fort⸗ ſtreicht, bis ſie ſich in der Gegend der Inſel Cap Breton, die ehedem Jole Royale hieß, ein wenig nordoſtwaͤrts heraufbiegt. Cap Breton hat einen Flächeninhalt von hundert und ‚zwölf Deutſchen Quadrat Meilen; es ſtreckt ſeine langen Lanidſpitzen dem gegenuͤber liegenden Neufundland entgegen, und wird ; vom feſten Lande durch die enge Durchfahrt sun von Canſo getrennt. — Vorlaͤufige Schilderung Von dieſer Gegend an behält nun die Oft: kuͤſte des neuen Welttheils im Ganzen genom⸗ men eine ſuͤdweſtliche Richtung, die ſich erſt in Florida unter 31° N. Br. wieder ändert. Der Enge Canſo gegenuͤber finden wir zuerſt die Halbinſel Teuſchottland (Nova Scotia), ſouſt Acadien genannt, die bereits 1524 von dem in Franzoͤſiſehen Dienſten ſtehenden Florentiner Verazzani entdeckt worden iſt. Das ehe⸗ mals zu dieſer Provinz gehoͤrige, von derſel⸗ ben durch den Meerbuſen Fundy getrennte und gegen Norden durch den St. Lorenzfluß begraͤnzte Gouvernement Neubraunſchweig (New Brunswick) und die Inſel Cap Bre⸗ ton mit eingerechnet, beträgt ihr Flächen inhalt 1959 Deutſche Quadratmeilen. News, braunſchweig wird gegen Suͤden durch eine Gränzlinie abgeſchnitten, welche von dem Fluſſe Ste. Croix in der Bay Fundy nord⸗ waͤrts bis an das ſo genannte Zochland in 48° 45“ N. Br., dann aber weſtlich bis an den St. Lorenzfluß geht, den ſie oberhalb N 0 ſcontreal beruͤhrt. Alles was ſuͤdwaͤrts von dleſer Gränze an der Seekuſte liegt, gehört: ſchon in das Gebiet der vereinigten Wm kaniſchen Staaten. 3 I. 7. des Nordens von Amerika. 49 1 * ö J b. 7. a Canada und die Weſtlichen Laͤnder. Als der Franzoͤſtſche Entdecker Jaques Cartier im Jahr 1535 den St. Lorenzſtrom entdeckte und hinaufwaͤrts ſchiffte, hörte er die Wilden ihre Doͤrfer oder beyſammen liegenden Huͤtten Canada nennen, und gab dem Lande, das er zum erſtenmal den Europäifchen Aben⸗ theurern bekannt machte, dieſen Namen, der ihm auch bis jetzt geblieben iſt ). Die Graͤn⸗ zen dieſer gegenwärtig unter Engliſcher Bot; maͤßigkeit ſtehenden Provinz laſſen ſich ſchon mit ziemlicher Genauigkeit beſtimmen; ſie liegt zwiſchen den Amerlkaniſchen vereinigten Staa⸗ ten und den Laͤndereyen der Hudſonsbay⸗Com⸗ pagnie gleichſam einge loſſen. Dieſe letzte⸗ ren, welche den unterjien heil des großen Meerbuſens dieſes Namens, oder der James; bay, umſchließen, ſcheiden ſich von Canada durch die natuͤrliche Graͤnze eines gebirgiger Guͤrtels, welcher vom Lande Labrador bis in ) S. Discours du Voyage de J. Cartier aux Terres neuves, les Canades ete. 8. en, 1598. J. R. Forſters Geſchichte der Ent deckungen und Schifffahrten im Norden. Frankfurt an der Oder, 1784. 8. S. 30a. G, Forſters kl. Schr. zr cb. D 50 Vorlaͤufige Schilderung den funfzigſten Grad der Breite nach Suͤden geht, dann einen Bogen nach Weſten macht, hierauf ſich wieder bis zum 48ſten Grade der Breite ſeukt, und endlich nochmals eine große Strecke weiter gegen Abend in 10 den See Superior von der Hudſonsbay trennt. Der St. Lorenzfluß, den man von ſeiner Mündung bis an ſeinen Urſprung im See Ontario in ſuͤdweſtlicher Richtung hinaufſleigen muß, Bil det die ſuͤdliche Graͤnze von Canada. Bis Montreal liegen Engliſche Beſitzungen zu bey: den Seiten des Fluſſes; namlich an der Nord: ſeite Canada, und an der Suͤdſeite Neu⸗ Braunſchweig. Jenſeits dieſes Ortes aber wird der Fluß die Graͤnze zwiſchen Canada, und den vereinigten Amerikauiſchen Staaten. | Dem Frledensſt chluſſe von 1783 gemäß, geht dieſe, G raͤnzlinie ſort durch die Mitte der vier. großen Seen: Ontario, Erie, Zuron und Supre ior, durch den Langen: oder Regenfee (Lac la Pluye), oberhalb des großen Tra · geplatzes (grand Portage), bis an die Nord⸗ weſtſpitze des Waldſees (Lac des Bois, L. af the Woods), und von da weſtlich bis an den Mlſſiſſippt; w rauf fie langs der Mitte dieſes Fluſß ſes bis 31° N. Br. hinabſteigt, ehe A . ; f des Nordens von Amerika. 51 fie ſich oſtwaͤrts über den beyden Floridas und wieder an das Atlantifche Meer begiebt. Das Gebirge, welches jo nahe am noͤrolichen Ufer des Sees Superlor ſich hinzieht, und jenſeits deſſen. der Regenſee ſchon nordweſtlich liegt, duͤrfte in: deß mit Recht das weitere Hinausruͤcken der Graͤnzen von Canada nach Weſten hin verbieten. Doch auch alsdann bleibt mit dieſer Benennung ein Land von anſehnlicher Groͤße bezeichnet, deſ⸗ ſen Umfang nicht viel weniger als 20,000 Qua⸗ dratmellen faſſen kann. Einzelne Thaͤler abs gerechnet, die ſich weit nach Norden hin er⸗ ſtrecken, iſt der Foſte Grad der Breite ſeine noͤrdlichſte Graͤnze, fo wie der 4zſte die Spitze zwiſchen den Seen Erie und Huron beruͤhrt, bie am weiteſten nach Suͤden geht. Wenn man vom See Superior eine Linie nach Rordweſten zleht, fü beruͤhrt fie das Eis⸗ meer ungefaͤhr an dem Punkte, wo Macken⸗ zie auf dem von ihm neuentdeckten Fluſſe dazu gelangte. Oſtwaͤrts von dieſer Linie, liegen unzählige Seen und Fluͤſſe zwiſchen derſelben und der Hudſonsbay; weſtwärts aber iſt alles eine unbekannte Wildulß, bis an die Kuͤſten des noͤrdlichen ſtillen Meeres (großen Oceans). Viele der hier befindlichen Seen haben ſchon | D 2 . a 52 Vorlaͤufige Schilderung . — — oſt ihre Namen verändert; und die wenigen Punkte abgerechnet, welche von den Beamten der Hudſonsbay⸗Compagnie aſtronomiſch be⸗ ſtimmt worden find, bleiben die meiſten Anga⸗ ben der Rauchhaͤndler von der Lage und Rich⸗ tung, Geſtalt und Groͤße dieſer Gewaͤſſer noch aͤußerſt unzuverlaͤſſig. Der Fluß, auf welchem Mackenzie das Eismeer erreichte, die Muͤndung dieſes Fluſſes, das Eiscap) wo Cook des Eiſes wegen nicht weiter konnte, ſodann, von dieſem Vorgebirge an, der Umriß des Landes nach Suͤden hin, durch die Behringsſtraße, um die Landzunge Alaska, und oſtwaͤrts, den Cooksfluß und Prinz Wilhelms Snnd vorbey, bis an die Ads miralitaͤtsbay, find. die Graͤnzen der nordweſt⸗ lichen Extremitaͤt von ganz Amerika, des Theis les nämlich, womit ſich dieſer Welttheil dem nordöftlichen Aſien naͤhert. Wenn man die Länder um die ſchmale Landzunge Alaska abs rechnet, liegt dieſe ungeheuer große Landmaſſe faſt ganzlich jenſeits des 6often Grades der Breite, und ſteigt an einigen Orten, ſo viel wir jetzt wiſſen, wenigſtens bis uͤber den zoften gegen den Pol hinauf. Der Flaͤcheninhalt kann vielleicht mehr als vierzigtauſend Deut⸗ des Nordens von Amerika. 53 ſche Quadratmellen betragen, wovon außer den eben erwähnten Kuͤſten auch nicht ein Fuß breit bekannt iſt. Die wenigen Punkte dieſes nördlichen Landes, welche durch Ruſſiſche See; fahrer und Pelzhaͤndler entdeckt worden ſind, blieben bis auf Cooks Reiſe ungewiß und un⸗ beſtimmt; allenfalls hatten Bahrings und Tſchirikofs Entdeckungen vor den ubrigen den Vorzug einer größeren Zuverlaͤſſigkelt. Dem großen Brittiſchen Weltumſegler gebuͤhrt das Verdienſt der erſten genaueren Beſchiffung und Aufnahme dieſer Kuͤſte, wovon ſeitdem nur einige Theile vollſtaͤndiger erforſcht worden find. Es waͤre uͤberfluͤſſig, mich hier auf Er⸗ oͤrterungen einzulaſſen, und die einzelnen Ein⸗ buſen, Vorgebirge und Inſeln der Reihe nach zu nennen, wovon man eine ſo umſtaͤndliche Nachricht in den Reiſebeſchreibungen der neuen "Seefahrer finden kann. Mein Zweck kann hier nur dahin gehen, das Allgemeine zuſam⸗ menzufaſſen und den Leſer auch dort, wo Ab⸗ ſchweifungen in das Umſtaͤndlichere unvermeid⸗ lich find, ſtets wieder darauf zuruͤckzufuͤhren. Verfolgt man von ver Admiralitätsbay die Nordweſtkuͤſte von Amerika, die man von 60 bis 40 N. Br. eigentlich mit dem Namen, 3 54 Vorlaͤuſige Schilderung den ihr erſter Entdecker, Sir Francis Drake, ihr ertheilte, Neu⸗Albion nennen ſollte, fo wird man gewahr, daß faſt alles daſelbſt erſt ſeit der letzten Cookiſchen Schifffahrt bekannt geworden iſt. Nicht leicht wird man eine Seekuͤſte finden, die auf einer Strecke von zwanzig Graden der Breite ſo viele ſchon be⸗ kannte vortreffliche Häfen aufzuweiſen hatte, und dabey noch ſo viele kuͤnftig zu entdeckende Beſtaͤtigt es ſich, daß hier ein gro⸗ verſpraͤche. ßer Theil der bisher fuͤr feſtes Land gehaltenen Entdeckungen nur aus Inſeln von verſchiede⸗ ner Groͤße beſteht, und fuͤhrt insbeſondere die merkwuͤrdige von Duncan up Meares geſe⸗ g großen Vuſen des een N der fa Aller den äußeren Kuͤſten tief in das Land erſtreckt, ſa hat die Schifffahrt nebſt dem Handel aus die; ſer Gegend noch wichtige Erweiterungen und Vortheile zu hoffen. Schon die jetzt durch Meares, Barclay, Hanna, Portlock, Di⸗ ron, Duncan, Colnett, Douglas u. a. m. entdeckten Haͤfen in der Gegend, wo die Kuͤſte einen Buſen nach Oſten macht und dle Koͤni⸗ gin⸗Charlotten⸗ Inſeln vor ſich liegen hat, insbeſondere der Bueeleughſund, der Ste⸗ wirke denke kuͤuf beſch der ſchlo kant des Nordens von Arerilät 55- phensſund, der Nepeanſund mit den Inſeln der Kronprinzeſſin, der Fitzhughſund, der Koͤnigin⸗Charlotten- Sund, und der Nutka⸗ fund, ohne die noͤrdlich von dieſer ganzen Strecke gelegenen Haͤſen zu rechnen, bieten dem Geographen, der nicht bloß an dem Vorhandenen ſich genuͤgen laͤßt, ſondern auch über deſſen hoͤheren Zuſammenhang mit den wirkenden Urſachen ſeines Entſtehens nachzu⸗ denken gewohnt iſt, eine reichhaltige Quelle kuͤnftiger Ergaͤnzungen der phyſikaliſchen Erd⸗ baum dar. Die innere, zwiſchen dieſer Küste und ba Reihe bereits entdeckter Lanbſeen einge⸗ ſchloſſene Gegend, kann nur ſo lauge unbe⸗ kannt bleiben, als es die Betriebſamkeit un: ternehmender Kaufleute nicht belohnt, die im soften Parallelgrade vom See Superior bis an die Kuͤſte von Neu⸗Albion noch etwa drey, hundert und vierzig Deutſche Meilen lange Streckeizu durchdringen. Weiter nordwärts iſt die Entfernung des letzten Poſtens der Hudſonsbay⸗ Compagnie von dieſer Kuͤſte noch ungleich geringer. Zudſons aus am Fluſſe Saſk⸗ aſchawan liegt in 539 N. Br. und in 106° 27“ weſtlicher (253 33 oͤſtlicher) Länge: d 4 56 Vorlaͤuſige Schilderung RR 88 nn Allein ſeit Kurzem hat man noch viertehalb Grade weiter gegen Weſten, und etwa fuͤnf und vierzig Engliſche Meilen noͤrdlicher, an dem⸗ ſelben Fluſſe den neuen Poſten Mancheſter Saus angelegt, welcher folglich von dem ͤͤſt⸗ lichen Punkte der Küfte Neu⸗Albions in eben demſelben Grade der Breite (53 4 in ges rader Linie nur hundert ſechzig Deutſche Mei⸗ len entlegen ſeyn kann. fluſſe aber in 61 N. Br., nicht weit von dem Orte, wo er aus dem Sklavenſee her⸗ vortritt, bis an die Kuͤſſe, wo der Kreuz fund, Portlockshafen, Salisbury ⸗ und Nor folksſund, Banks⸗ und Bukarelli⸗ Hafen, Nepeanſund, u. ſ. w. alle beynahe in gleichem Abſtande, oder in einem Bogen liegen, be⸗ traͤgt die Diſtanz nur hundert fuͤnf und drey⸗ - Big Meilen. Endlich liegt der allerletzte Po: ſten der Hudſonsbay » Compagnie, Peace- river- fort oder das Fort am Friedensfluſſe, welcher in das Suͤdweſtende des . e kow (oder auch Arabaſka⸗) Sees von Suͤdwe⸗ ſten heraufkommt, nach Arrowſmiths Angabe ungefähr in 585 15“ N. Br. und 24115“ oͤſt⸗ licher Länge, mithin 12 187 weſtlicher als Hudſonshaus, und kaum hundert Deutſche Vom Mackenzies⸗ des Nordens von Amerika. 57 - Meilen vom Nepeanſund. In dleſer Gegend alſo läßt ſich ein- Punkt denken, wo die an der Kuͤſte ins Meer fallenden Fluͤſſe mit de⸗ nen, die ſich nach dem Sklaven ⸗ und Ara⸗ thapeskowſee ziehen, auf einer gemeinſchaft⸗ lichen Hoͤhe entſpringen und vermittelſt eines Trageplatzes den kuͤhnen Pelzhaͤndlern ihren Waarentranſport erleichtern können. 5 Der 4oſte Grad der Breite kann gewiſ— ſermaßen als die ſuͤdlichſte Graͤnze desjenigen Landes gelten, welches wir hier unter dem Namen des Nordens von Amerika be⸗ ſchreiben. Philadelphia an der Oſt-, und das Vorgebirge Mendoeino an der Weſtkuͤſte dieſes Welttheils, liegen beide in dieſer Breite, und find folglich die aͤußerſten Punkte dieſes Parallelkreiſes, fo fern er Amerika berührt. Allein theils die Natur, theils die Politik verbietet uns, die Graͤnzen der Laͤnder in geraden Linien abzuſtecken; die Richtung der Gebirge und der Lauf der Fluͤſſe zwingen uns, bald hoͤher gegen Norden hinauf, bald weis ter ſuͤdlich hinabwaͤrts zu ſteigen. Der eben angegebene Parallelkreis durchſchneidet ſchon alle die Fluͤſſe, die ſich aus dem Norden in die Spaniſchen Propinzen Louiſiana, Men D 7 | 8 Vorlaͤuſige Schilderung mexico und Neuleon ergieſſen; den Rio Co / lorado, den Rio Bravo und den Miſſiſſippi, Unweit der Quellen des letzteren, die dreyßig bis funfzig Deutſche Meilen weſtwaͤrts vom See Superior in 479 N. Br. liegen, nimmt auchoder Hreganfluß ‚feinen Urſprung, der ſeinen Lauf nach Weſten richtet und von dem man ſchon lange glaubt, daß er ſich in das muthmaßliche Weſtmeer an der Kuͤſte von Neun Albion, ziemlich in einerley Breite mit Juan de Fucas Einfahrt (48 30“ N. Br.), ergieße. Aus meiner Abhandlung uͤber die Nordweſtkuͤſte von Amerika, in dem zweyten Theile dieſer Sammlung, erhellet zur Genuͤge, daß die Graͤnze der Spaniſchen und Engli⸗ ſchen Beſitzungen in dieſer Gegend noch ſtrei⸗ tig iſt, und daß man ſogar im letzten Frie⸗ densſchluſſe die Beſtimmung derſelben vermie⸗ den hat. Wo alſo die Linie von der Kuͤſte Men ⸗Albions bis an den Miſſiſſippi zu zie⸗ hen ſey, welche den Brittiſchen Norden von Spaniens Amerikaniſchen Reichen trennt, muß ſpaͤteren Zeiten zur Weener neee N ge | Rechnen wir nun die Länder bed bia. den Norden von Amerika jeuſeits der. vom mnT7arbden - — wohl bemerkt zu werden, daß der ganze Flaͤ⸗ — des Nordens von Amerika. 39 Spaniſchen Beſitzungen und der neuen Re⸗ publik der vereinigten Staaten aus machen, ſo haben wir eine Oberflache von 185, 00 bis 190, geographiſchen Qnadratmeilen, zwiſchen 40 und 80 Möͤrdlicher Breite, und zwiſchen 10 und 170 Meſtlicher Laͤnge. Von dieſer Oberfläche muͤſſen wir jedoch fünf. bis ſechstauſend Quadratmeilen fuͤr den Flaͤchen⸗ inhalt der zahlreichen großen und kleinen Seen und Fluͤſſe abziehen, welche dieſes Land fo, reichlich mit friſchem Waſſer verſorgen und die Communication darin ſo ſehr erleichtern. Nach dieſer Verminderung bleibt ein Land übrig, welches mit Europa, wenn wir deſſen Flaͤcheninhalt nach Herrn Crome zu 174,090: Quadratmeilen annehmen, voͤllig gleiche Groͤße hat, wiewohl es im Ganzen genommen viel weiter gegen Norden liegt. Indeß faßt auch der gemaßigtere, bewohnbare Strich die⸗ ſes weitlaͤuftigen Gebietes, zwiſchen 430 und 519 N. Br. eine Oberflache von G6, Qua⸗ dratmeilen in ſich, die in Europa nur von dem Ruſſiſchen Reich an ‚Größe übertroffen wird. Um dieſe Groͤße mit einer anderen in Amerika ſelbſt zu vergleichen, verdient hier 6 Vorlaͤuſige Schilderung — cheninhalt der vereinigten Staaten 62,00 Quadratmeilen beträgt, von denen 4,990 Qua⸗ dratmeilen für die Gewaͤſſerflaͤche, und 21,462 Quadratmeilen fuͤr das noch unveraͤußerte Staatseigenthum, welches zur Tilgung der Nationalſchuld beſtimmt iſt, abgerechnet wer⸗ den muͤſſen, da denn fuͤr die vereinigten Pro⸗ vinzen 36,058 Quadratmeilen zwiſchen dem ayften und dem zoſten Grade der N Breite übrig bleiben ). Dieſen Seitenblieck wird man uns um fo viel eher verzeihen, da er zur Beurtheilung des kuͤnftigen Flors der neuen Welt einen fo brauchbaren Maßſtab giebt, Ein fruchtbares Land, groͤßer als Frankreich, Spanien, Por⸗ tugal, die Schweiz, die Niederlande und Deutſchland zuſammengenommen, in einem gemäßigten Himmelsſtriche, von zahlreichen, ſchiffbaren, leicht zu verbindenden Fluͤſſen und Seen nach jeder Richtung duschfchnitten, mit vielen geraͤumigen ſicheren Häfen verſehen, reich an Produkten des Bodens, die unter ge⸗ ſitteten Menſchen zu den allgemeinſten Beduͤrf⸗ niſſen gehören, bewohnt von drey Millionen Morse, American Geography, Elizabeth - town; 1789. 8. p. 33. — 1 des Nordens von Amerika. 61 a —— (3,8 3, 600) thaͤtiger, unternehmender, arbeit⸗ ſamer, Handel treibender, freyer Buͤrger, Eu⸗ ropaͤiſcher Herkunft und einfacher Sitten ‚de ren Anzahl ſich außerordentlich ſchnell ver⸗ mehrt: welch ein Schauſpiel verſpricht es nicht unſerem Welttheil und ſeinen Bewoh⸗ nern, die auf dem langen Wege von der ur⸗ ſpruͤnglichen Wildheit zur Cultur, ſich durch die Graͤuel der Knechtſchaft und der feudali⸗ ſchen Barbarey hindurcharbeiten mußten und manche unvertilgbare Narbe davon getragen haben, um ihre Bruͤder jenſeits des Atlanti⸗ ſchen Meeres in Stand zu ſetzen, dort anzu⸗ fangen, wohin ſie bis jetzt mehrentheils ver⸗ geblich ſtrebten! - ra U. „ pb Veſcheſfeber. * §. 8. Waſſerſammlungen. Man kann es nicht oft genug wiederho⸗ len, daß der Norden von Amerika ein waſ⸗ ſerreiches Land iſt, und von ſeinen unzählie gen Fluͤſſen und Seen den unterſcheidenden Charakter entlehnt, der ihn vor allen ande⸗ ren Ländern der alten und der neuen Welt 2 2 2 + * ä — — — . — - „ Woehe Schering | beſonders auszeichnet. In Europa iſt Schwe⸗ den nebſt Finnland, was dieſen Punkt Be trifft, dem Lande, das wir beſchreiben, noch am aͤhnlichſten; doch unterſcheidet es ſich theils durch ſeine hoheren und ſteileren Gebirgsketten, theils durch feine Lage, die, Schonen ausge nommen, groͤßtentheils innerhalb des boſten Grades der Breite eingeſchloſſen iſt, theils end⸗ lich durch feinen verhaͤltnißmaͤßig unbedeuten⸗ den Umfang. In Aſten findet man zwar auch eine Kette von Landſeen zwiſchen dem ſchwarzen und dem Ochotskiſchen Meere; aber nur in wei ten Entfernungen hingeſtreuet. Von diefen iſt der Caſpiſche See bey weltem der betraͤchtlich / ſte, und hat zugleich die ſidlichſte Lage. Der Aralſee, in geringer Entfernung gegen Oſten, und nach jenem der groͤßte, hing wohl unſtrel⸗ tig ehedem mit ihm zuſammen; fo wle einſt vermittelſt des Moͤotis das ſchwarze Meer ver⸗ muthlich mit dem Caſpiſchen See zuſammen⸗ floß. Die kleineren Seen, Tekegul, Kabanku⸗ kak, Schakurlik, Balchaſch, Aluktugul und Kjurga fuhren von hier im Bogen hinauf röhrts zum Saiſſan, durch den der Irtyſchfluß feinen Lauf nach Tobolks nrmmt. Der Oleitu⸗ ſer , aus welchem der Selengoflaß entfpringt, der / des Rordens von Amerika. 63 . ———— Tſchintalas und der Koſogolſee liegen ebenfalls nordoͤſtlich über einander nach dem weit groͤ⸗ ßeren, noch noͤrdlicher gelegenen Balkal hin, von welchem ſuͤdoͤſtlich einige andere kleinere Seen angetroffen werden. Allein, wenn man bedenkt, daß außer dem Caſpiſchen See, dem Aral und dem Baikal, die übrigen von under deutender Groͤße find, und zwiſchen 40 und go: N. Br. auf einer Strecke von fuͤnf und ſiebzig Längengraden vereinzelt und ohne. Ver bindung liegen, ſo bedarf es kelner weitläuf⸗ tigen Eroͤrterung, um die Verſchiedenheit zwi⸗ ſchen Aſien und Amerika in Abſicht der Wäſſer⸗ menge darzuthun. Dazu kommt noch, daß der Aral und der Caſpiſche See, vielleicht auch einige von den kleinern, die ich eben nannte, ein ſtark geſalzenes Waſſer enthalten, weshalb man es allenfalls entſchuldigen kann, daß ein Landſee, wie der Caſpiſche, fe oft ein Meer genaunt worden iſt, obgleich ſchon Ariſtoteles die Unſchlekllchkeit dieſet tem. . delt hat. a Die Gewäſfer ” Nordamerika 15 die Was mit ſo freygebiger Hand geſpendet, daß fie, nach aller Wahrſcheinlichkeit, eine Flaͤche von mehn als 15,000: Quabintmeilen- bedecken. 64 Vorlaͤuſige Schilderung Der See Superior allein enthält 2,025 Qua- dratmeilen, alſo beynahe den ſiebenten Theil dieſer Groͤße. Bei dem erſten Blick in die Karte muß die Gruppe von fuͤnf großen Seen jedem auffallen, die gleichſam zwiſchen beyden Kuͤſten in der Mitte, jedoch der oͤſtlichen nan her, zwiſchen 42 und 49° der N. Br. den großen Waſſervorrath enthält, den der einzige St. Lorenzſtrom dem Ocean zuzuführen ſcheint. Mehr als vierzig Fluͤſſe, Baͤche und kleinere Seen, worunter der Alemipigon oder Nipe⸗ gon der vornehmſte iſt, ſtuͤrzen ihre Fluthen in das große Besfen des Sees Superior, des hoͤch⸗ ſten, groͤßten, nordweſtlichſten in dieſer Grup⸗ pe. Sein reines klares Waſſer beſitzt eine der Luft aͤhnliche Durchſichtigkeit, ſo daß man bey ſtillem Wetter das ungeheure Felſenbett, wor⸗ auf es ruhet, in einer Tiefe von mehr als ſechs Klaftern mit allen ſeinen Unebenheiten deutlich erblickt. Dabey erzaͤhlt man von ſeiner Tem⸗ peratur, daß in der Mitte des Sommers das Waſſer eine Klafter tief unter der Oberfläche. einen dem Gefrierpunkte nahen Grad der Kaͤlte hat. Die Stürme, die hauptſaͤchlich von Nordweſten her die furchtbarſten Wellen auf dem See erregen, kuͤhlen die Luft, zumal | an des Nordens von Amerika. 68 22 FT en Er an der Shbſette des Sees, nachdem fie über feine ungeheure Waſſerfläche hingeſtrichen find, in dem bemerklichen Grade, daß daſelbſt ge⸗ wiſſe Pflanzenarten nicht fortkommen und ins⸗ beſonbere der ſo genannte wilde Reiß (Zizania aquatica ?). feinen reifen Samen trägt. Die Inſeln diefei 8 Sees, Isle Royale, Maurepas, Pheſhpeaur und Pontchartrain, ſind von be⸗ trächtlichem Umfange; die erſtere iſt gegen zwanzig Deutſche Meilen lang und an einigen Stellen wohl acht Meilen breit. Der große, längliche, nach Suͤden hin bis zum 4ıften Grade der Breite ſich erſtreckende See Illinois, der letzt gewöhnlicher der Mi⸗ ſchigan (Michigan) g genannt wird, ergießt fich wenige Meilen üblicher als der See Quperior, und mit dieſem, in ben Zuron⸗See, welcher zweyhundert Deutſche Meilen im Umkreiſe halt und ein nach Süden. angefpigtes Dreyeck bil⸗ det. Die Euge und die Fälle von St. Marie bilden den Zusammenhang deſſelben mit dem Superior, die Straße Miſchiuimakinak hin⸗ gegen den mit dem Miſchlgan⸗See. Jene Falle tragen beynahe mit Unrecht ihren Namen, in⸗ dem ſie in einem Kanot, wenn ein erfahrner Steuermann es fuͤhrt, ihrer Abſchuͤſſigkelt un, ©, Jerſters tl. Gr, zr Th. E 66 Vorlaͤuſige Schilderung ä — geachtet befahren werden koͤnnen; der India, niſche Name der anderen Durchfahrt aber be zeichnete urſpruͤnglich eine kleine Inſel in ihrer Mitte, die einer Schildkroͤte an Geſtalt aͤhneln ſoll, und deshalb von den Tſchippewähs Mi⸗ ſchillimakinak genannt worden iſt. Der feſte Poſten dieſes Namens, der Sammelplatz vieler ſuͤdlichen, weſtlſchen und nordweſtlichen ——— Stämme der Eingebornen, die dort mit den Rauchhändlern ihre Waaren umzuſetzen pfle⸗ gen, liegt auf einer Landſpitze, in welche ſich die hohe Ebene zwiſchen dem Huron⸗ und dem Miſchigan⸗ See endigt. Eine lange ſchmale Inſel erſtreckt ſich im Huron⸗See nahe am noͤrdlichen Ufer von Oſten nach Weſten; ſie iſt den Indianern heilig, und heißt in ihrer Sprache: Manitu; alin, der Aufenthalt der Geiſter. Aus der Suͤdſpitze des Huron ergießen ſich die vereinigten Gewäͤſſer des Sees Superior und des Miſchigan⸗ Sees durch den Huronfluß in den kleinen runden See St. Clara (St. Claire), der gegen zwanzig Deutſche? Meilen tm Umkreiſe hat, und von anſehnlicher Tlefe iſt. unglücklicher Weiſe erſchwert den Waaren⸗ tranſport eine Sandbank, die ſelne Mitte ganz 8 x des Nordens von Amerika. 67 durchſchneldet, und über welche kein beladene Boot gehen kann. Unterhalb dieſes Sees fuͤhrt ein ruhiger, langſamer, tiefer Strom, Detroit, oder die Enge genannt, an deſſen weſtlichem Ufer die Stadt gleiches Namens liegt, die Waſſermaſſe weiter in den See von Oswego, der jetzt durchgehends Erie heißt. Der Erie See hat zwiſchen 41? und 430 N. B. eine Laͤnge von ſechzig Meilen von Suͤdweſten noch Nordoſten, bey einer Breite von zehn bis zwölf, wo er am breiteſten iſt. Die Gewäſſer nehmen hier allmählich eine, ihrer bisherigen beynahe entgegen geſetzte Rich⸗ tung; denn der Fluß, durch welchen ſie ſich nunmehr in den See Ontario ergießen, kommt aus der Nordoſtſpitze des Erie⸗ Sees, und geht in gerader Richtung nach Norden. Seine ganze Länge betragt nur ſechs bis ſieben Deut⸗ ſche Meilen; und etwa viertehalb Meilen nord« warts von dem Orte, wo er aus dem Erie⸗ See hervortritt und fuͤnfhundert Schritte breit iſt, bildet er jenen bewundet vagswuͤrdigen Waſſerſturz von Niagara, wo die Gewaͤſſer der vier obern Seen unaufhoͤrlich uͤber einen ſenkrechten Abgrund von hundert und vierzig Fuß — ein Anblick von unnennbarer Große! E 2 0 we, Sms hinunter rollen, ud das btauſende chere un Falles auf zehn Deurſche Meilen welt am Um; keeiſe erſchallen Kein!" der näͤchſtfolgenden Strecke von anderthalb Meilen hät das Erd, reich noch einen Abhang von hundert und funf⸗ ug Fuß, wodurch hier eine ſchnelle ungeſtüme Steomung über die Ferſtreueten Felſenſtuͤcke hin, im Fluſſe Nriugnra verurſacht wird. Das Fort dieſes Mamens liegt bey ſeinen Ausfluß in den Ontario, am zöſtlſchen Ufer Dleſer känglichrunde See kleiner als die bisher be⸗ vie benen / indem er nur hündert und Jevanzig EL ENTE hält‘, empfängt nisch an ber Suͤdoſtſelre durch den Oswegofluß die Ge; waſſes des kleſtten Oftendage Ses, und er Meßt fin dann an ſefner nordöstlichen Spitze in dein Fluß Jrocſudks, der Tor awie der On⸗ > See Eataraqut u heißen pflegte, und wa vierzig Mellen weiter (bey der Stadt Montteaf) den Munten des St? Norenzflurſ. LE Tuf ſelnem norböſtkichen Laufe kaugs der ganzen Piovin Lara nimmt er Ne Gewaſſer berſchledenter Steig auf, dle theils mnerhalb! der Gräͤnzen der Lerringten Stra, ken, wie die Seen Champlain und George a 6 daß Nosdene vag mtr. 0 a rs * wie der, Nipiſſ ing, der Temiskamigg,, der Beauha rngis, der Schwan, der St. Pe⸗ ter-, der St. John #7 ‚ber. Peritibi-, der Manikuagon⸗ See, und · andere mehr/ an der Graͤnze von Labrador und dem Behne der Hudionsbans Compagnie belegen ſind. Wenn man die Waſſermenge Fe | welche, in dieſen Seen enthalten iſt, und damit vergleicht, was der einzige Kanal des St. Los renzfluſſes davon in den Oeean ableiten kann, fo ſcheint es außer Zweifel zu ſeyn, daß die Verduͤngung. der Seen der Sammlung der Waſſertheilchen ziemlich das Gleichgewicht hal. ten muͤſſe. Augenscheinlich kann, weil der See Superior viel großer als die folgenden, niedriger gelegenen Seen ift,. nur derjenige Theil des Waſſers abfließen, welcher über dem niveau der Fälle von Ste, Marie liegt; allein giebt nach aller Wahrſcheinlichkeit betraͤcht⸗ ie Vertiefungen. in dem Boden des Sees, aus weſchem folglich das Waſſer durch dieſen Weg niemals verrinnt. Daſſelbe gilt auch von den anderen Seen, und die Natur treibt alſo. hier, unaufhörlich ihr großes, dem Menſchen unerteichbares Werk, das Waſſer in Duͤnſte eufanldien, | „ die Duͤnſte in. Luft zu verwandeln, E 3 Vorläufige Schilderung die Luft wieder zu zerſetzen und durch die Anziehungskraͤfte der Erde die Feuchte noch⸗ mals in jenen großen Behältern zu ſammeln! Nordweſtwärts vom See Superior zwi⸗ ſchen 50“ und 59 der Breite ſehen wir eine zweyte Anhaͤufung von friſchen Waſſern, wos von das Hauptreſervoir der große Winnipeg⸗ See genannt wird, den die Franzöſiſchen Las nadier Ouinipique ausſprechen, und der in altern Karten der große See der Aſſ iniboils zu heißen pflegte. Seinem aͤcheninhalte nach durfte er in Amerika nur dem See Superior nachſtehen, ſo wie die durch ſchmale Landungen von demſelben getrennten, weſtlicher gelegenen Seen, der Minitopa, der kleine Winnipeg, Cehedem Killiſtino oder Chriſtinaur) und der Cedern⸗See nach dem Ontario zu den größeren Seen gezahlt werden muͤſſen. Der große Winnipeg verengt ſich um die Mitte, und bil⸗ det daſelbſt viele Inſeln, ſo daß die älteren Franzoͤſiſchen Pelzhaͤndler wahrſcheinlich daher Anlaß genommen haben, dem oberen Theile einen beſonderen Namen zu geben und ihn den See Bourbon zu nennen. Mit der Hub: ſonsbay iſt er durch drey Kanäle, die aus an einander hangenden Fluͤſſen und Seen beſtehen, des Nordens von Amerlka. 71 bey Fort York und Severnhaus in Verbindung. Seinem ſuͤdoͤſtlichen Ende führt der große, ei⸗ nem ſchmalen See ähnliche Fluß Winnipeg dle Gewaͤſſer des Waͤlder⸗ oder Waldſees (Luc des Bois) zu; dieſer hängt wieder in Sud often mit dem langen Regen See (Lao la Pluye, Rain- Lake) zuſammen, von dem eine Kette von unzähligen kleineren Seen bis in die Nähe des weftlichen Ufers des Dees Superior führe, mit welchem fie jedoch feinen unmlttelbaren Zuſammenhang hat. Hier iſt die Stelle, die bey allen Canadiſchen Rauch⸗ haͤndlern unter dem Namen Grand Portage, oder des großen Trageplatzes, fo beruͤh mt iſt, indem alle Waaren, womit man aus Ca⸗ nada nach Nordweſten auf den Pelztauſch zieht, hier mit den Kanots eine Strecke von zwey Deutſchen Meilen uͤber Land getragen wer⸗ den, um ſle auf die kleinen Seen, von die⸗ fen ku den Regen⸗See, und ſo allmahlich weiter nach dem Winnipeg und den vor Kurzem noch undurchdrungenen Wildniſſen in Nordweſten zu bringen. In dieſer letzten Richtung hat man bereits eine ſehr große Anzahl nahe an einander liegender Seen entdeckt, die zum Theil mit dem Winnipeg und dem Cedern⸗ 5 E 4. 73 RBorläufige Schilderung. a mn See in. Verbindung ſtehen und wovon einige, J. B. der See Clair, von anſehnlicher Groͤße ſind. Ein Fluß, welcher in die Nordwertfpige | des Cedern⸗Sees tritt, verbindet ihn mit dem Piner oder Fichten ⸗ See, an welchem Lumber / landhaus gelegen iR, und der an ſeinem ſuͤd⸗ weſtlichen Ufer einen großen aus Suͤdweſten kommenden Strom, den großen Paſauia, aufnimmt. In dieſen fällt von 1 8 her ein anderer anſehnlicher Fluß, der Saſf⸗ aſchawan, an welchem, wie bereits erwähnt worden iſt, die Hudſonsbay⸗Compagnie ihre weſtlichſten Poſten in dieſer Gegend, das Hund: fonshaus. und bas Wanchefterhaus, 2, Auges legt Sr | Der große Skiaven⸗See, von dem wir ſchon mehrmals geſprochen haben, N kann als der Hauptbehaͤlter des friſchen Waſſers in der noch noͤrdlicheren Gegend von Amerlka, zwiſchen 60° N. Br. und dem Elsmetr, ange⸗ ſehen werden. Seine noch nicht genau „ber Bene Groͤße if. 1 76 0 bekannt genug, l anfeßen. Weſten nach Often, ein wenig nordöftlich, und des Nordens von Amerika. 73 gegen Norden ah et er einen mn Huſen, der einen anſehnl chen Fluß au (nimmt, und weſtwärts von dleſem ſich noch in eiue vier 11g Seemeilen tiefe Bay verlaͤugern ſoll. Aus ſeiner Suͤtweſtſpitze geht der bereits beſchrie⸗ bene große Mackenzies fluß hervor, welcher nach einem mehr als zweyhundert Dentiche Meilen langen Lauf ins Eismeer fällt. Das gegen. empfängt. er an ſeiner Sͤͤdoſtſpitze den großen Stlavenſluß, der eigentlich nur eine Verlängerung des Atathapeskoffluſſes heißen ſollte, indem dieſer letztere von ſeinem Urfprung ungefähr in 55 N. Br. nach Norden ſteigt, In den Arathapesko See an deſſen weſtlichem Ende tritt und dann ſeiner Muͤndung gerade | gegenuber wieder in derſelben nördlichen Rich⸗ tung unter dem Namen des Sklavenfluſſes ſeinen Lauf nach Norden fortſetzt. Der Ara⸗ thapeskow⸗See, den man auch Arabas ka nennt 9, wiewohl er ungleich kleiner iſt, als man ihn noch vor Kurzem aus gegeben hatte, gehört dennoch zu den größeren Amerikani⸗ ſchen Seen. Er erſtreckt ſich von Weſten °) — bat dieſe letztere Benennung in der neuen Ausgabe feiner Karte vorgeiogen; auf der unſrigen iſt die erſtere beybehalten. | | er 74 Bortäufge Sihtiderung Bi. nach Oſten, P wo er noch mit einigen andern Seen zuſammenhängt. Die vielen betraͤchtli⸗ chen Seen, d die Searne auf ſeiner merkwuͤr⸗ digen Reiſe nach dem Eismeer beruͤhrte, die theils nördlich, theils oͤſtlich vom Sklaven; See liegen, ſtehen zum Theil mit dieſem letzteren in Verbindung. Auch fallt ein dritter großer Fluß, der Clowey, aus der oͤſtlichen Gegend, unweit der Muͤndung des Sklavenfluſſes, in a dieſen See. Die Quellen des Dubant⸗ (Doo- baunt) Fluſſes, welcher in den großen See dieſes Namens faͤllt, liegen von den Quellen des Cloweyfluſſes nicht weit entfernt: wenig⸗ ſtens wird die Communication, vermittelſt det | dazwiſchen vefindlichen Gewaͤſſer, bis auf einige Trageplaͤtze, ſehr erleichtert; und da der Di bant⸗See wahrſcheinlich durch den Gbeſſerſieldz Einbuſen mit der Hudſonsbay zuſammenhaͤngt, ſo iſt auch hier dem Rauchhaͤndler ein Weg ins Innere geoͤffnet. N Nach der Analogie des bereits entdeckten Striches im noͤrdlichſten Amerika, nach det Beſchaffenheit der Kuͤſten um Nepeanſund und Fitzhughſund, wo alles offenbar die An⸗ weſenheit großer Fluͤſſe verraͤth, laͤßt ſich mit einem hohen Grade der Wahrſcheinlichkeit fol⸗ n b ' 1 ö 1 j des Nordens von Amerika. 73 m— . —— gern, daß auch die noch unbekannten Gegenden in Weſen und Norden derelnſt großen Webers fluß a an friſchen Gewaͤſſern zeigen werden. Die Oſtkuͤſte der Hudſonsbay und das ganze Labra⸗ dor weichen darin von der Beſchaffenhelt des ubrigen Nordens von Amerika nicht ab. Der Miſtaſſins See und der See Atſchi / Kunipi fü ind bier die großen Waſſerbehͤͤlter, mit de⸗ nen eine Menge kleinere im Umkreiſe verbun⸗ den find. Von Grönland und den übrigen Polarländern ift uns das Innere gändüch un⸗ bekannt; allein hier laſſen die befondere 2 age zwiſchen zwey großen Meeresflächen, die große Nordiſche Kälte und die Höhe der Gebirgsruͤk⸗ ken allerdings eine hchledene Deſchaffenhelt vermuthen. | $. 9. Gebirge ‚Grönland ſcheint nach aller Beſchretbung ein hohes felſiges Alpenland zu ſeyn, auf deſſen uͤber einander gethürmten, ſchroffen Gebirgs⸗ rücken ewiger Schnee ſich haͤuft, und unge⸗ heure Eismaſſen die Thaͤler fuͤllen. Nur an den weſtlichen Seeufern, laͤngs der Bafflus⸗ Bay bis etwa zum 7oſten Grade der Breite, | findet. man n im Sommer das niedrige and v von Eis und Schnee entbloͤßt; doch liegen aue hier die unermeß lichen Gletſcher zwiſchen beu Gipfeln hoher Alpengehirge, und drohen durch alljaͤhrliche Zunahme, bald, wie auf der gegen über liegenden Oſtkuͤſte, das noch bewohnbare Land zu bedecken. Wo dieſes Gebirge ſich gez gen Norden verliert, if uns noch unbefanut; eine in den Seekarten fo rtgepflanzte Tradi⸗ tion erwähnt in 74° N. Br. eine Anſicht des öftlichen Groͤnlands vom Jahr 1665, wo. die Hoͤhen von Schnee entbloͤßt waren, und die Witterung g milde geweſen ſeyn fol, Nach die ſer Angabe zu ſchließen, koͤnnen die Berge hien nur von unbedeutender Hoͤhe ſeyn, und vielleicht iſt dies mit dem ganzen uͤbrigen Polarlande Ad der Kuͤſte des Eismeers in Amerika der Fall. Die allgemeine nautiſche Bemerkung, daß die Tiefe des Meeres ſich mehrentheils wie die Hoͤhe der Kuͤſten verhält, ſcheiut dieſe Muthmaßung einigermaßen zu beſtaͤtigen; denn im Norden über ber Vehringsſtraße, und auf der Ameris kaniſchen Seite des Kamtſchatkiſchen Meeres iſt die Tiefe des Waſſers ſehr gering, und die Kuͤſten erheben ſich nur in flachen Sandhuͤgeln. Auch Hearne's s und Mackenzie 's Entdeckung . „ e — 2 1 des Merdend 5 Anmerifa 77 gen geben Beweiſe von der unbedeutenden Hohe der dortigen Gebirge. Sie fanden uberall Wohnſitze der Menſchen, überall jagdbare Thiere, und bis zum sarten Grade der Breite 5 Bäume, In der phyſtkaliſchen Beſchreibung besſent, gen Theils von Nordamerika, der die verelinig⸗ ten Staaten und die hler in nähere Betrach; tung gezogenen Nordweſtgegenden euthaͤlt, kann Überhaupt dle eigenthuͤmliche Beſchaffen⸗ heit der Gebirge, neben der außerördentlichen Waſſermenge 0 fuͤr den zweyten charakteriſtl⸗ ſchen Zug gelten. Sowohl die Bergruͤcken, die ſich von der Mitte des Landes. Labrador nach dem St. Lorenzfluß und rund um James⸗ bay nordwärts über den See Superior hin⸗ ziehen, als die vom Cap Roſieres in Neubraun⸗ ſchweig anfangende, „längs dem füdtichen Ufer des St. Lorenzfluſſes, und ſodann an der Oſtſelte des Sees Champläln und des Hudſonsftuſſes fortſetzende Reihe, beſteht verhältnißmäßtg üus kleinen, ſelten uͤbkr 7660 Buß. hohen und debßtenthells weit nledkigeren Bergen und Hügeln. Selbſt jene große Kette von Ge, bürgen, die fh. k mehreren hinter einander liezenden Rücken zwiſchen dem antiſchen 78 Vorlaͤufige Schilderung Meere, dem Miſſiſſippiſtrom und den fünf gro⸗ ßen Seen erſtrecken, denen man emphatiſch den Namen eines Ruͤckgrats der vereinigten Staa⸗ ten gegeben hat, die aber ſonſt auch mit der allgemein angenommenen Benennung der Als leghenny⸗Gebirge bezeichnet werden, ſelbſt dieſe ſind nicht unordentlich hingeſtreuet, oder in hohe zackige Spitzen und Zinnen, wie die Alpen, zerriſſen, ſondern bilden regelmäßige Waͤlle, deren Abhang ſich allmaͤhlich verflaͤcht und deren ſenkrechte Hoͤhe ſelten drittehalb tau⸗ ſeud Fuß uͤberſteigt. Dies iſt auch der Fall mit den nordweſtwaͤrts gelegenen Bergen zwi⸗ ſchen den Gewäffern, die mit dem Winnipeg⸗ See in Verbindung ſtehen, und jenen, die nach dem Arathapeskow / und Sklaven⸗See ihren Zug haben. Es iſt auch keinesweges wahrſchein⸗ lich, daß in dieſer mittleren Region von Nord⸗ amerika noch irgendwo ein hoͤherer Gebirgs⸗ punkt entdeckt werden konne, indem der gemein⸗ ſchaftliche Entſtehungsort der größten Fluͤſſe die⸗ ſes Landes unfehlbar euch die hoͤchſte Gegend deſſelben bezeichnen muß. Nun entſpringt aber, wie wir geſehen haben, der St. Lorenz⸗ fluß aus dem See Superior, der Miſſiſſippt etwa dreyßig Meilen weſtwuͤrts von demſelben, 8 > b . — Br. ; ä des Nordens von Amerika. 79 und der PR nur Ei Meilen. he die, Flaͤſſe Nelſon oder Bourbon, Severn und f Churchill nicht zu rechnen, die, indem ſie aus dem Winnipeg und den damit verbundenen Seen abgeleitet ſind, ebenfalls von jener ges meinſchaftlichen Hoͤhe ihre Quellen erhalten. Es verdiente. die Aufmerkſamkeit eines eins ſichtsvollen und mit Scharfſinn begabten Oro⸗ graphen, der zugleich in jeder anderen Bezie⸗ hung Phyſiker waͤre, hier die beſonderen Um⸗ ſtaͤnde in Erwägung zu ziehen, wodurch dieſes waſſerreiche Plateau ſich von den hoͤheren Ge⸗ birgspunkten unſeres Welttheils auszeichnet, und zu unterſuchen, welchen Einfluß dieſe eigen⸗ thuͤmliche Beſchaffenheit des Nordens von Amerika auf fein Klima und ſeine Erzeugniſſe haben koͤnne. Die Nordweſtkuͤſte, oder was wir hier un⸗ ter dem Namen Neu Albion verſtehen, ſcheint, wenigſtens vom 5zſten Grade der Breite an, mlt hoͤheren Gebirgen beſetzt zu ſeyn. Der Berg Edgecumbe, der Berg Fairweather, der Berg St. Elias, und die Gebirge, welche um Prinz Wilhelms Sund und um den Cooksfluß liegen, haken jene ſchroſſere pikähnliche Geſtalt, wodurch ſich 80 Vorlauſige Schilderung die höchſten Alpen unſeres Weltthells auszelch⸗ nen, und, wenn man die Entfernung, in wel⸗ cher fie über dem Horizonte ſichtbat find, in Erwägung zieht, unſtreltig auch eine beträchtli⸗ che Hoͤhe. Vielleicht alſo laßt es ſich als wahr⸗ ſcheinlich annehmen, daß die Fortſetzung der mächtigſten Gebirgskette im Amerikanlſchen Welttheile ſich von Mexicb nordwaͤrts längs der weſtlichen Kuͤſte hinaufzieht. Allein ver⸗ hͤltulßmäßtg gegen die Andes oder unſere Al⸗ pen, oder die Kaukaſtſchen und Tibetaniſchen Gebirge bleibt im Ganzen genommen jene nordweſtliche Kette von einer ſehr untergeordne⸗ ten Hoͤhe. Eine wichtige Bemerkung für den Geologen iſt hier noch anzufuͤhren uͤbrig: im ganzen Norden von Amerlka findet man nir⸗ gends eine Spur des vulkantſchen Feuers und ſeiner Wirkungen „ bis man in den Cooks⸗ fluß kommt und doͤrt auf deſſen weſtlichem ufer einen ſeuerſpeyenden, kegelfoͤrmigen Berg erblickt. Die Kette der Inſeln, welche, von der Halbinſel Alaska an, das Kamtſchatklſche Meer gleichſam verſchlteßen, und die gegen über liegende Halbinſel Kamtſcharea ſelbſt auf der Aſiatiſchen Sete, geßbreh ſchon mehr zum Plutoniſchen rn So liegt auch auf des Nordens von Amerika. 31 auf der Nordoſtſeite Island mit feinen But; kanen in der Naͤhe von Amerika. Bey der unbedeutenden Hohe der Gebirge und ihrer fanfteren Verflaͤchung bleibt in dem großen Lande, welches wir hier uͤberſehen, der größte Theil der Oberfläche den bewohnbaren Thaͤlern, den Edenen, den unabſehlichen Wie⸗ ſen an den Ufern der Fluͤſſe, den Sumpfgegen⸗ den und Niederungen zugemeſſen. Die Ger gend um die fuͤnf großen Seen iſt eine erha⸗ bene Bergflaͤche, oder Platteform (plateau), welche über alle benachbarten Oebirgsruͤcken hinausragt, und von welcher fie eigentlich nach verſchiedenen Richtungen eusgehen. Ihre verhaͤltnißmaͤßig geringe Höhe, ihr Waſſer⸗ reichthum, ihre Lage in dem gemaͤßigten Erd⸗ ſtriche zwiſchen 40° und 50% der Breite, ihr üppiger, ſtolzer, mannigfaltiger Pflanzenwuchs machen fie zum Lieblingsaufenchalte verfchieder ner Gattungen von Thieren, und zugleich der zahlreichſten und maͤchtigſten unter den einge⸗ bornen Menſchenſtaͤmmen. Schaut man von ihrer Hoͤhe nach Suͤden hinab, ſo ſieht man längs dem Laufe des Illinois, des Wabaſch, des Ohio, des Schamano und des Tſcheroki⸗ fluſſes, welche ſaͤmmtlich von Oſten Fer in den G. Forſters kl. Schr. zr Th. 7 82 Vorlaͤufige Schilderung Miſſiſſippi fallen, ein unermeßliches, zum An: bau reitzendes, mit allen Beduͤrfniſſen des gebens reichlich verſehenes Wieſenland, in dei: ſen Waͤldern unzaͤhlige Heerden von wilden Rindern und Rehen umherſtreifen, wo die Biber an den Ufern der Baͤche ihren kunſt⸗ reichen Bau vollfuͤhren, wo die Gattungen des wilden Gefluͤgels in endloſer Verſchieden⸗ heit des glaͤnzendſten Geſieders die Wipfel der Baͤume bevoͤlkern, und ein mildes Klima den Herrn der Schoͤpfung anlockt, ſich einen Wohnſitz zu waͤhlen, und in der Anwendung feiner Kräfte auf ein fruchtbares Land den reinſten Genuß, deſſen er’ fähig iſt, einzu⸗ ernten. Hier iſt es, wo die Republik der vereinigten Staaten 220 Millionen Morgen Land., zu kuͤnftigen Niederlaſſungen beſtimmm, gegen Erlegung eines geringen Ankaufpreiſes den neuen Anſiedlern uͤberlaͤßt, und wo ſie ihren in dem Kampf um Unabhaͤngigkeit ver⸗ dient gewordenen Heeren ein Eigenthum zur Belohnung angewieſen hat. Das Verkehr mit den Spaniſchan Colonieen am jenſeitigen Ufer des Miſſiſſippi und an dem Meerbuſen von Mexico, welches bald den unmittelbaren Handel nach den Weſtindiſchen Inſeln erzwin⸗ 4 1 x 4 Au⸗ des ‚bei? ilden die unſt⸗ gen den: ipfel lima inen Jung den nzu⸗ der gen mt, eiſes ſie dert; zur ehr gen iſen ren Bin des Nordens von Amerika. 83 gen wird, bietet dieſen neuen Anlagen die ſicherſte Ausſicht auf einen ſchnellen Zuwachs von Macht und Bevoͤlkerung und dauerhaf⸗ tem Wohlſtand dar. Nordoſtwaͤrts von der großen Bergs Ebene erſtrecken ſich die des Anbaues fähigen Laͤn⸗ der zu beyden Seiten des St. Lorenzſtroms; minder reich und uͤppig zwar, als an jenen von der Natur deguͤnſtigten Geſtaden des Ohio, deſſen Name ſchon vom unwiderſtehlichen Ein⸗ druck des Schoͤnen auf die Empfindung ſelbſt des rohen Indianers zeugt,) — aber gleich⸗ wohl noch ergiebig genug, um die Wehe des Pflanzers mit Ueberfluß zu belohnen. — Im Weſten ſcheint ein unermeßliches Thal den Dres ganfluß zu begleiten, und wahrſcheinlich erwei⸗ tert es ſich zu großen Ebenen, ehe dieſer Strom das weſtliche Meer erreicht. — Hingegen nach Nordweſten hin verraͤth die Zahl und Lage der Seen, nebſt dem Laufe der Fluͤſſe, daß in dieſer Richtung die große Bergebene mit ge⸗ ringen Abaͤnderungen ihrer Hoͤhe bis jenſeits des Sklaven⸗Sees fortfegen muß, und dieſe er⸗ ſtaunliche Verlangerung derſelben erklärt zu, gleich die ſonſt unbegreifliche Kälte des Nord⸗ ) Ohio heißt der Schöne, g 5 2 84 Vorlaͤufige Schilderung Gum IB weſtwindes, die beſonders auf das Klima der am Atlantiſchen Meere belegenen, mittleren Provinzen einen ſo nachtheiligen Einfluß hat. | $. 10. | Sa Amerikaniſche Kaͤlte. ' rike Es waͤre ſicherlich fuͤr die Graͤnzen dieſes Gr Aufſatzes ein viel zu weitumfaſſendes Unter⸗ als nehmen, die Urſachen der verſchiedenen Er⸗ nad | ſchelnungen, woͤdürch ſich der neue Welttheil wuaͤ von dem unſrigen auszeichnet, aufſuchen und die aus einander ſetzen zu wollen. In den mei: des ſten Fallen wuͤrden uns überdies die unuͤbers me windlichſten Schwierigkeiten an der Erreichung eit unſerer Abſicht hinderd, da die Thatſachen, der worauf ſich eine jede Unterſuchung dieſer Art we | gründen muß, noch fo vielem Widerſpruch un: def | terworfen find. Alles, was wir alſo thun ME 9 koͤnnen, wird darin beſtehen „ über die allge; un I meine Beſchaffenheit des Amertkaniſchen Nor; we 11 dens das Zuverläſſigſte auszuſondern, um es un IM den Leſern hier vorzulegen und ihnen zugleich nö ; die Anwendung davon zu uͤberlaſſen. Anſtatt ſel N 9 alſo zu unterſuchen, in wie fern die Abwe⸗ bis 11 ſenhett der Vulkane, wovon wir vorhin ge- ſch | 1 ſprochen haben, dort zur Hervorbringung einer 5 9 b di, | | . —. —— Fe des Nordens von Amerika. 35 verhaͤltnißmaͤßig weit groͤßeren Kaͤlte mitwirken koͤnne, wollen wir uns begnügen, dieſes Phaͤ⸗ nomen zuerſt in naͤhere Betrachtung zu ziehen und aufs Reine zu bringen, Alle Entdecker und Anſiedler von Nordame⸗ rika bemerkten bald, daß daſelbſt unter gleichen Graden der Breite eine weit ſtrengere Kaͤlte, als iy unſerm Welttheile, herrſchte. In Ca⸗ nada, in Neuf hottland, in Neufundland ſuͤd⸗ waͤrts vom soften Grade der Breite, erſtarren die groͤßten Fluͤſſe, ſelbſt der St. Lorenzſtrom, des Winters mehrere Monathe hindurch mit mehr als klafterdickem Eiſe; indeß in Frank⸗ reich und Deutſchland unter gleichen Graden der Breite der Winterfroſt im Durchſchnitte weit gelinder iſt. In Penſylvanien ſogar, deſſen Hauptſtant unter 40° der Breite liegt, iſt die Kaͤlte des Winters ſo ſtrenge, wie bey uns im Foſten Grade. Geht man aber noch weiter nach Norden, an die Kuͤſte Labrador und die Ufer der Hudſonsbay, die mit dem noͤrdlichen Deutſchland und den Brittiſchen In⸗ ſeln in gleicher Breite liegen, ſo findet man ein trauriges Klima, einen Boden, der zum Anbau ſchlechterhings'unfaͤhig iſt, und einen Grad des Froſtes, wobey die ſtärkſten geiſtigen Getränke 5 J 3 1 J ) 8 5 4? A 4 18 1.4 1.25 IMAGE EVALUATION TEST TARGET (MT-3) IR > Le . 4 "AR 285 Vorläufige Schilderung ſogar in geheitzten Zimmern gefrieren. Etwa hundert Meilen weiter gegen Norden, in Grönland, liegt ewiges Eis langs den Kuͤſten und auf den Gebirgen. Aus dieſen Angaben erfolgte nunmehr der Schluß, daß Amerika uͤberall welt kaͤlter als Europa unter gleichen Graden der Breite ſey; allein uns kommt es dennoch ſo vor, als ob in dleſer allgemeinen Ausdehnung des Satzes einige Uebereilung lies ge. Das Innere von Nordamerika jenſeits der Alleghenny ⸗ Gebirge genießt ein ungleich milderes Klima, als die Oſtkuͤſte unter einerley Polhoͤhe. Der wilde Reiß (Zizania), der, wie geſagt, am ſuͤdlichen Ufer des Sees Su⸗ perior nicht reifen will, waͤchſt haufig und bringt reifen Samen oberhalb des Winnipeg, beynahe fuͤnf Grade weiter gegen Norden. So viel haͤngt von beſonderer Lage und localen Um⸗ ſtaͤnden ab. Hearne und Mackenzie fanden auf ihren Reiſen die Laͤnder des Inneren bis zum 68 ſten Grade mit Waldung bedeckt; und weiter erſtreckt ſie ſich auch in unſerem Weelttheile nicht. Die Weſtkuͤſte endlich, oder Neu Albion, ſoll, nach dem Zeugniſſe der alteren ſowohl als der neueſten Entdecker, ihrer hoheren Gebirgsketten ungeachtet, ein des Nordens von Amerika. 87 fanfteres Klima als die Oſtkuͤſte genießen. Dieſe Verſchiedenheit zwiſchen den zwey ent⸗ gegengeſetzten Kuͤſten eines Welttheiles findet auch in dem unſrigen Statt. In Ochotsk unter dem 6oſten Grade der Breite ſieht man zuweilen die Sonne nicht drey⸗ oder viermal in einem Sommer; keine Art von Anbau iſt daſelbſt möglich, und die Winterkaͤlte, die bis in den May fortdauert, bedeckt den Hafen und den ganzen Meerbuſen mit Eis. Noch ungleich füdlicher, bis an die Chineſiſche Mauer, geſtat⸗ tet der Himmelsſtrich keinen Korndau, und in Peking ſelbſt, das mit Philadelphia und mit Toledo in 40 Graden der Breite liegt, iſt der — Winter außerordentlich ſtrenge. Die Urſache dieſes Unterſchledes zwiſchen der Temperatur der oͤſtlichen und weſtlichen Kuͤſten ſey welche ſte wolle, fo iſt wenigſtens das Faktum ſo ber ſchaffen, daß es den anfaͤnglich fo auffallenden Unterſchied zwiſchen der Temperatur beyder Welttheile merklich vermindert. Allerdings bleibt zwar, auch wenn man dieſen Punkt er⸗ wagt, ein Unterſchied des Himmelsſtriches zum Vortheile von Europa noch uͤbrt»; allein hier treten nun ſo viele Urſachen ein, von denen keine für ſich hinreſchend wäre, das Phänomen zu er⸗ u... 88 Vorläufige Schilderung klaͤren, die aber zuſammengenommen mehr als hinreichend zu ſeyn ſcheinen, es wirklich her⸗ vorzubringen. Dahin gehören die ungeheure Menge Waſſers „ welche die Luft ſehr feucht erhalten muß; die flache Beſchaffenheit des hoͤ⸗ heren Landes, auf welchem die kalten Nordwaſt⸗ winde ungehindert fortſtreichen koͤnnen; die Menge der Waͤlder, der Mangel der Einwoh⸗ ner und des Anbaues; endlich und zuletzt, auch ohne zu ſpotten, die ganz iche Abweſenheit eines vulkaniſchen Herdes, Vielleicht alſo, wenn die Cultur hier große Fortſchritte macht, wenn neue Niederlaſſungen nach allen Seiten hin angelegt werden, wenn das Menſchengeſchlecht ſich von drey bis zu einigen hundert Millionen vermehrt, wenn die Wälder ausgerottet find, wenn die ungepfluͤgten Aecker ausduͤnſten konnen, wenn die Seen aus Mangel an Zufluß und Anzie⸗ hungskraft allmählich austrocknen: — dann ändert ſich das Klima von Amerikg, und wird dem unſrigen ahnlicher, fo wie das unſrige vor zweytauſend Jahren nicht nur dem jetzigen Amerifanifhen an Kälte glich, ſondern auch die Thlert hervorbrachte, die gegenwärtig nur dem eyſtarrten Norden eigen find, Es kann indeſſen auch ſeyn, daß die beſondere Geſtalt des. Nordens von Amerika. 39 der Laͤnder in Amerika und ihre relgtive age auf ihren Himmelsſtrich einen gewiſſen Ein⸗ fluß hat. Unſtreitig wäre Neufundland als Inſel nicht ſo kalt, wenn Labrador ihm nicht unmittelbar zur Seite, und Grönland im na⸗ hen Norden gegenuͤber läge; unſtreitig wirken auch die tiefen Buſen der Baſſins⸗ und der Hud ſonsbay zur Mittheilung einer kalten Tem⸗ peratur, vermittelſt der daruͤber A er den Winde. 8. 1 1. Produkte des Mineral reichs, Das Innere vun Nordamerika Hin Abſicht Ä der DBeftandtheile feinen Gebirgsmaſſen noch ein unerforſchtes Land. Theils die gaͤnzliche Unbekanntſchaft der wenigen Kaufleute, die jene großen Einsden durchwandert haben, mit den Körpern des Mineralreiches, theils auch 5 die Schwierigkeit, in einem überall mit Pflant zen und Bäumen bekleideten Lande ſolche Stel; len anzutreffen, wo die Schichten und Gebirgs⸗ lager genau erkannt und unterſchleden⸗ werden koͤnnen, wird vielleicht noch (Ange Schuld ſeyn, daß in dieſem . der Gebirgslehre — e 95 Vorlaͤufige Schilderung — — * eine große Luͤcke bleibt. Ein paar allgemeine Bemerkungen, die ich hier aufzeichnen werde, ſollen daher nicht ſowohl von der wirklichen Beſchaffenheit der Nordamerikaniſchen Ge⸗ birge Rechenſchaft geben, als vielmehr kuͤnf⸗ tige Mineralogen auffordern, ſie zu beſtaͤti⸗ gen oder zu berichtigen und zu ergaͤnzen. Im hoͤchſten Norden, z. B. in Grönland und in den hohen, ſchroffen Felſengebirgen an der Kuͤſte Teu⸗Albion und am Cooksfluß duͤrf⸗ ten wahrſcheinlich Granit und Schiefergebirge von der aͤlteſten Entſtehung zu ſuchen ſeyn. Asbeſt und Amianth werden uns haufig von Neugrönland zugeführt, und als Schieferges birge ſch Cook die Bergart um Nutka⸗ ſund zu beſchreiben. Nach Nalms Berich⸗ ten iſt in Canada eine aus Quarz, Glimmer und Kalk gemiſchte Felsart, folglich ein Ge⸗ menge von verhaͤltnißmaͤßig ſpaͤterer Entſte⸗ hung, haͤuſig anzutreffen. Labrador enthält unſtreitig dem Granit verwandte Gebirge, wie ſich aus einigen Worten, die Curtis in ſeiner Beſchreibung fallen laͤßt, und aus dem Feld⸗ ſpath ergiebt, der wegen ſeines ſchoͤnen, ſchil⸗ lernden Glanzes ſo bekannt geworden iſt. Bereits in den aͤlteſten Reiſebeſchreibungen ea a AD des Nordens von Amerika. 9 r 5 —— e —— — finde ich eine Spur, daß dieſer fo genannte Las bradorſtein auch in dem Meerbuſen Fundy, zwiſchen Neuſchottland und Neuengland, drey Viertelmeilen weit von der Inſel Menan, eine Klippe bildet, die mehrentheils vom Waſſer bedeckt iſt. Ihr Entdecker, de Razilli, hielt ſie zwar fuͤr echten Laſurſtein; allein ein ſol⸗ cher Irrthum iſt einem Abentheurer von ſeiner Art verzeihlich, und war es vor hundert und funfzig Jahren noch mehr als jetzt. Von Neufundland an uͤber Cap Breton und Neuſchottland bis in die mittleren vereinig⸗ ten Staaten erſtrecken ſich Schiefergebirge von einer ſpaͤten Eutſtehung mit unermeßlichen Koh⸗ lenfloͤtzen vermiſcht. Alle die verſchiedenen Ruͤcken und Zweige des großen Alleghenny⸗ Gebirges beſtehen aber aus Quarzfels und daruͤber geſchichtetem Sandſtein, an deren Verflaͤchungen die Kalk⸗, Schlefer⸗ und Koh⸗ lenfloͤtze aufſitzen. In allen dieſen Gebirgen ſind Eiſen und Kupfer die gewoͤhnlichſten und haͤuſigſten Metalle; Bley wird ungleich ſeltener angetroffen „und von den fo genannten edlen Metallen hat man, ſo viel ich weiß, noch keine Spur. Alles, was man in Gebirgen von ſpaͤ⸗ ter Eutſtehung anzutreffen pflegt, Pflanzen ⸗ ae 92 Borläufige Schilderung abdruͤcke und Petreſakten, Steinoͤhl, Kohlen, Schwefel, Mittelſalze, phosphorſaures Eiſen, Marmorarten, u. ſ. w. beſitzen die vereinigten Staaten an verſchiedenen Stellen zwiſchen den Alleghenny? Gebirgen und dem Atlantiſchen Meere. Kochſalz, oder wenigſtens zahlreiche Salzquellen liegen an der entgegengeſetzten Weſtſeite dieſer Gebirge zwiſchen dem Ohio und Miſſiſſippi, und werden bereits in dem neuen Stgate Kentucky von den Loleniſten grabirt und benutzt, Unſtreitig aber ſcheint pon allen Metallen im Norden von Amerika das Kupfer am häus figften vorhanden, und am allgemeinſten vers breitet zu ſeyn. Der Gebrauch des Eiſens war den urſpruͤnglichen Einwohnern jenes Welttheils gaͤnzlich unbekannt; dagegen hatten fie überall das in Menge zu Tage liegende ges diegene Kupfer zu mancherſey Werkzeugen, See täthen und Ziergthen angewandt. Searne fand noch Kupferberge am Rande des Eis; meeres im 7 iſten Grade der Breite; Carver | und Andere Pelzhändler entdeckten erſtaunlich große Maſſen dieſes Metalls theils am ſuͤd⸗ lichen Ufer des Sees Superior / theils auf den darin befindlichen W Meares ers * des Nordens von Amerika. 93 waͤhnt großer Klumpen von Kupfer, die er in den Händen der Einwohner des, Nutkaſundes, und nach ihrer Ausſage aus dem Inneren des Landes geholt, erblickte. Endlich erſtreckt ſich die kupferreiche Gegend auch bis in die Naͤhe von Kamtſchatka, wie die davon benannte Ku⸗ pferinſel (Mednoi⸗Oſtrow) beweiſet. Auch in der alten Welt kannte man den Gebrauch dieſes Metalls unftreitig ſchon lange, ehe noch die Kunſt in Eiſen zu arbeiten erfunden ward. Die Natur bietet Kupfer ‘Häufig in feinem ges diegenen, dehnbaren Zuſtande dar; das Eiſen hingegen, zufaͤllige Ausnahmen nicht gerechnet, iſt uberall verkalcht und nicht ohne Zuſutz von brennllchen Stoffen zur Metalleität zurüuͤckzu⸗ führen, Es erforderte alſo einen nicht gekin⸗ gen Grad der Cultur und der durch fie allein zu erlangenden Entwickelung der Geiſteskräfte, um in der Schmelzkunſt auch nur fo weit cfortzuͤſchreiten. — Von den Mineralien der weſtlich und nordweſtlich vom See Superior liegenden Lander iſt übrigens nicht das mins deſte bekannt. Die Indianer ſprechen von felfigen Gebirgen (rocky mountains) nord- warts vom Oreganfluß, und einer von ihnen hat auf einer Karte die fo genannten Berge von 94 Vorlaͤuſige Schilderung rr ung, glänzenden Steinen (Mountains of [hining ftones) angedeutet, die vielleicht Quarzkriſtall und Glimmer von glaͤnzender Metallfarbe ent⸗ halten. Auch Mackenzie fand an feinem Fluß einen Berg mit ſolchen glaͤnzenden Steinen: allein ſchon dieſe unbeſtimmten Ausdruͤcke vers rathen zur Genuͤge, wie wenig wefentliches Licht ſich fuͤr die Wiſſenſchaft aus dieſem täuſchenden Schimmer ſammeln laͤßt. 5 $ 12. a Bei often In den lebloſen Geſtalten des Mineral⸗ vehhes bleibt die Natur einſoͤrmiger und ſich ſelbſt uͤberall ahnlicher, als im organifchen Pflanzengebilde oder in den unzähligen For⸗ men des Thierreichs. Die Zahl der chemi⸗ | ſchen Grundſtoſſe ift beſchraͤnkt, ihre moͤglichen Zuſammenſetzungen laſſen ſich berechnen; dieſe aber ſind nicht in gleicher Menge vorhanden, ſondern neben einigen ſeltenen Miſchungen giebt es andere, die in allen Weltgegenden haufig anzutreffen ſind und deren geringe Mos difieationen eben darum weniger Eindruck ma⸗ chen, weil die Cinförmigkeis . Massen A =) in ae Ä ne ma ut * ä ˙ TU des Nordens von Amerika. 95 das Auge und den Geiſt ermuͤdet. Weit ſichtbarer iſt die Verſchiedenheit der einem jeden Lande zugetheilten Natukkraͤfte in den charakteriſtiſchen, ihrem Urbilde ſtets getreuen Formen der Pflanzen und Thiere. Entfernung, Lage, Klima ſetzen hier Unterſchiede feſt, die nur der Menſch auf der hoͤchſten Stufe ſei⸗ ner Bildung wahrnehmen, unterſuchen und durch ſeine kuͤnſtlichen Vorkehrungen gewiſſer⸗ maßen wieder abaͤndern kann, indem er die Erzeugniſſe aller Welttheile um ſich her ver⸗ mut ö Amerika, auch RE deſſen nördliche Haͤlf⸗ te „ iſt in Abſicht feines Pflanzenreichthums von Europa gänzlich verſchleden. Seine Wäͤl⸗ der prangen mit Nodelhoͤlzern, die mit den unſrigen nur eine entfernte Aehnlichkeit ver⸗ rathen; unter den dortigen Laubbaͤumen haben viele bey uns nicht einmal eine verwandte Gattung; die Stauden, die. Kräuter, die Blumen, die Seren und Mooſe find dem Be: obachter, der nur Europaͤlſche Pflanzen geſehen hat, voͤllig fremd und unbekannt. Mit Recht erſtaunt unſer Geiſt, mit Recht verſinkt er in ſtille Bewunderung bey dieſem Anblick, der von einer. ung. unbegreiflichen, unſer ganzes 1 2 # nn — 4 96 Vorlaͤuſige Schilderung Faſſungsvermögen weit uͤberſteigenden Kraft und Wirkſamkeit der Natur Zeugniß giebt, wodurch einſt auf der Grundlage von harten, leblos zuſammengehaͤuften mineraliſchen Sub» ſtanzen das Heer der organiſchen Weſen, mit unendlicher Fortpflattzungskraft begabt, her⸗ vorging. Es ward — was bis dahin noch nicht geweſen war, und dieſe Kraft des Wer⸗ dens erfuͤllte den Erdball; denn wohin wir uns wenden, in jedem engen Bezirk, erblicken wir Pflanzen und Thlere, die nur fuͤr ihn geſchaf⸗ ‚fen, die nirgends außer ihm zu finden find, und oft ſogar an keinem andern Orte leben können. Su Wie ein Senne entstehe, ver greifen wir nicht; wir faſſen es nicht, nach welchen ' Geſetzen die Elemente ſich zu Welt⸗ kugeln ballten; es bleibt uns unergruͤndlich) wie Kalk und Thon und Eiſen, überall ſo reichlich geſpendet, aus der Verbindung ihrer Grundſtoffe wurden, und wir erblicken mit heiligem Schauer den Abgrund zwiſchen zweyen Welten, von denen eine uns verborgen iſt, ſo oft wir uns das erſte Werden der orga⸗ niſchen Schoͤpfung verſinnlichen wollen. Nur diefe einzige Vorſtellunz bleibt uns uͤbrigt wir einſt N 8 25 des Nordens von Amerika. 97 einſt an tauſend Millionen Punkten zugleich eine ſolche Miſchung der Elemente entſtand, wodurch die Formation der Mineralien moͤg⸗ lich und wirklich ward, ſo kam ein Zeitpunkt, wo jene anderen Kraͤfte, von denen die or⸗ ganiſche Bildung abhängt, Überall in Wirk⸗ ſamkeit geriethen. Die Oberflaͤche der Erde bedeckte ſich mit Graͤſern, Kräutern und Haus, men, und auch im Pflanzenreiche wurden ges, wiſſe Formen — nach menſchlicher Weife zu reden — von der Natur leichter hervorge⸗ bracht; Tauſende von dieſen ſproßten in ver ſchiedenen Punkten des Erdreichs auf, fuͤr Eine, die ihr Entſtehen einer bloß localen Modifica⸗ tion verdankte. Vereinzelt konnten wenigſtens weder Thier noch Pflanzenarten ſtehen; ſonſt wäre die organiſche Schöpfung: im Augenblick ihres Werdens verſchwunden. Den Zeugungs⸗ kraͤften, der Unerſchoͤpflichkeit, dem Reich⸗ thume der Natur iſt das einfache, erhabene Bild des Unbegreiflichen angemeſſen: „Die „Erde laſſe aufgehen Gras und Kraut, dat „ ſich : beſame nach ſeiner Art;“ — und wei⸗ ter: — „es errege ſich das Waſſer mit wer ae ‚ma lame e — Fir: 6, an kl. Ehe. „. 9 6 98 Vorläufige Schilderung Wenn nun in den Wäldern von Canada im Schatten jener einheimiſchen Baͤume, die jedem anderen Erdboden fremd ſind, hin und wieder einige Pflaͤnzchen aufſproſſen, (Lin- naea borealis, Pyrola rotundifolia, Arbu- tus uva ursi, Myrica Gale) die auch im Mor: den von Europa angetroffen werden; was noͤz⸗ thigt uns, ſie von den Weſen ihrer Art in unſerem Welttheil abſtammen zu laſſen? Was hindert uns zu glauben, daß dieſelbe unbe⸗ kannte Energie, wodurch gerade dieſe Formen bey uns ſich erzeugten, einſt auch jenſeits des Atlantiſchen Meeres wirkſam geweſen ſey ? Welch einen Vorzug haben die Schwediſchen und Deutſchen Heiden vor den Canadiſchen, daß, wenn auf beyden einerley Pflanzen ſich unter verſchiedenartigen eingemiſcht finden; wir die Amerikaniſchen von Europaͤiſchen Samen herleiten ſollten? Unſtreitig iſt es nicht ſchwe⸗ rer ſich zu denken, wie in Canada ein Win⸗ tergruͤn (Pyrola) zwiſchen den Wurzeln der Weymouths⸗Kiefer oder der Sproßtanne; und durch dieſelbe Kraft mit dieſen, als wie es in Deutſchland unter den gemeinen Kiefern und Weißtannen, und durch dleſelbe Kraft mit dieſen, zuerſt hervorgehen konnte. Wo des Nordens von Amerika. 99 die Natur es vermochte, den Erdboden mit Millionen Weymouths⸗Kiefern, Weißeedern, Sproßtannen zu ſchmuͤcken, konnte es ihr ein leichtes ſeyn, zugleich andere Pflanzengeſtal⸗ ten zu bilden, die, vermoͤge einer voͤlligen Aehnlichkeit der Umftände, auch in unſerem Welttheil entſtanden. Die ſcholaſtiſche Gruͤs⸗ beley, die in einem dunkeln Zeitalter, aus Unkunde der im äußern Sinne gegebenen Welt, auf halbwahre einſeitige Beobachtungen allge⸗ meine Geſetze zu gründen ſich erkuͤhnte, hat mit dem Satze der Sparſamkeit in der Na⸗ tur, dem man eine bloß relative Zulaͤſſigkeit wohl goͤnnen kann, die Verwirrung geſtiftet, die wir hier beſtreiten. Wie die Natur von Einer Seite ſparſam und einfach genannt werden darf, ſo iſt ſie auch in einer anderen Hinſicht verſchwenderiſch und von unendlicher Mannigfaltigkeit. Wer im Fruͤhling einen Obſtbaum mit Bluͤthen uͤberſchuͤttet ſah, wor von unmöglich der zehnte Theil Frucht a ſetzen kann — wird der noch an dem uͤppl⸗ gen Ueberfluſſe zweifeln, den die Natur nicht zu achten ſcheint, um ihres Zweckes gewiß zu ſeyn? Der Drang iſt bewundernswerth, womit ſich alles Elementariſche beſtrebt, Ge⸗ N G2 N 100 Vorlaͤufige Schilderung ſtalten anzunehmen; auch ſcheint es faſt, daß / wie die Urſtoffe der Natur zu hoͤherem Leben gradirt find, dieſes Beduͤrfniß nur deſto drin⸗ gender werde. Iſt dieſes aber jetzt der Fall) da alle Formen bereits gebunden find — mit welcher unaufhaltſamen Gewalt mußten ſie nicht dieſe Urſtoffe aus einem Chaos an ſich reißen, worin noch nichts organiſch Gebilde⸗ tes vorhanden war, und worin fie zum er ſtenmal ihre Anziehungskrafte äußerten? Man möchte ſich den Augenblick als den erhäben⸗ ſten in der Geſchichte unſeres Planeten den / ken, den Augenblick, da Form und Stoff ſich plotzlich auf dem ganzen Erdenrund er⸗ griffen und Millionen organiſcher Weſen feine Tiefen und ſeine Berggipfel mit der Goͤtter⸗ freude des jungen Lebens und der Sponta⸗ neität, wie auf ein ausgeſprochenes Sauber. wort, mit einemmal erfuͤllten! ö Kraftloſer, unfruchtbarer und einfoͤrmiger erſcheint die Matur zur Hervorbringung der Pflanzen in kalten Gegenden. Sowohl auf den Gebirgen eines jeden Hlinnielsfteiches, als um die beyden Pole verringert ſich die Anzahl der Gewuͤchſe; ihr Wuchs wird kruͤp; pelhaft, ihre Größe unanſehnlich, und man des Nordens von Amerika. 101 — 5 os findet mehr aͤhnliche oder ‚völlig gleiche, als von einander verſchiedene Geſtalten. Dieſe Regel beſtaͤtigt ſich an allem, was wir von der Nordamerikaniſchen Flora wiſſen. In den allerkaͤlteſten Gegenden trifft man ſelten jene Pflanzenarten an, deren Fortpflanzung die Natur mit dem lieblichen, aber ſchnell vorübergehenden. Phänomen der zarten farbi⸗ gen Bluͤthe und des unſichtbaren Duftes ver⸗ herrlichte. Vegetabiliſche Koͤrper von einer einfacheren Struktur, in denen der wuchernde Saſt hoͤchſtens ein Knoͤtchen bildet, das beym Abſterben der Pflanze den Keim des Lebens und der Entwickelung aufbewahrt, und, wie der Koͤrper, in welchem es entſtand, ſich aus breitet und ſtirbt — Flechten, Steinſchoͤrfe, Gallerte, Watten und Staubpflanzen beklei⸗ den dort die wenigen von Schnee und Eis entbloͤßten Felſen. In Groͤnland fand der ſorgfaͤltige Cranz, außer dieſen ſo genannten kryptogamiſchen Pflanzen, nur vier und zwan⸗ zig Gattungen, welche Bluͤthen trugen, und darunter den Wacholder, die Birke und einige Weiden, wovon jedoch keine über zehn Fuß hoch war. Davis fand Weiden und Birken bis zum 6yſten, und Mackenzie bis zum 68ſten Grade. G 3 102 Vorläufige Schilderung um die ſuͤdlichen Ufer der Hudſonsbay, in Canada, in Neufundland und Neuſchottland findet man bereits einen kräftigen Pflanzen⸗ wuchs und einen mannigfaltigen Reichthum der Geſtalten, unter denen verſchiedene den Erzeugniſſen den Europalſchen Nordens voll⸗ kommen gleichfoͤrmig ſind. Einige wenige kom⸗ men mit den Pflanzen des nordoͤſtlichen Aſiens überein; und fo wie man ſich der Weſtkuͤſte von Amerika nähert, nimmt die Zahl der Ar⸗ ten, welche dieſer Welttheil mit Sibirien ge⸗ meinſchaftlich beſitzt, anſehnlich zu. Dagegen verlieren ſich dieſe Aehnlichkelten und Ber: wandtſchaften ſowohl mit Aſien als mit Eu⸗ ropa, je weiter man in Amerika ſuͤdwaͤrts kommt, dergeſtalt, daß an der Mittagefeite der großen Seen und in den Wieſenflaͤchen am Ohio und Miſſiſſippi nur äußert ſelten noch eine Pflanzenart gefunden wird, die unſerer alten Welt nicht völlig fremdartig wäre. Wo Steller (ein Name der keinen Beyſatz bedarf) mit Behring an den Kuͤſten von Nordweſt⸗Ame⸗ rika landete, fand er dieſe, auch in unſerm Norden bekannte Pflanzen; Plantago major, Polemonium caeruleum. des Nordens von Amerika. 103 Lonicera Alan Ribes alpinum. — — Groſſularia. Vaccinium Myrtillus, — — — Vitis Idaca, Rubus Idaeus. Adoxa Moſchatellina. Fragaria velca. Leontodon Taraxacum. Artemiſia vulgaris. — — — Ablynthium. Gnaphalium dioicum, Erigeron acre, | Chryfanthemum eee Achillea Millefolium. Wee nigıum. portlock fuͤgt ihnen in einem ſeiner Reise an⸗ gehaͤngten Verzeichniſſe noch folgende, um den Coobsfluß wachſende Arten bey: Angelica (ylvelris, Alisma Plantago, Ledum pahilire. Arbutus uva urſi. Rubus chamaemorus. _ Aſtragulus alopecuroides, Orchis latifolia. Populus alba. Lupinus luteus. Allium vineale. Ä Bone | Scilberüng | sitymbelunr nene Draba verna. Sedum ee eren, a Rumex ‚acetola, — ei acutus. — — aquaticus, Myrica Gale. Aconitum Napellus. Polygonum Biſtort : Betula nana. mee — — Alnus. — — alba. Saxifraga granulat. — — nivalis. Polypodium vulgare. a Die wichtigſten Pflanzenarten, die Aſien mit Amerika gemeinſchaftlich beſitzt, find“: das Sinſeng (Panax quinquefolium LIxw.) deſſen Wurzel in China offieinell iſt; die eßbare Lilie, Sarann (Lilium Kamtſchatkenſe Linn.), und die ſuͤße Baͤrenklau (Heracleum Panacles Linn.). Dieſen koͤnnen wir noch hin; zufuͤgen. Plantago afiatica, Chryfanthemum areticum. Altragalus uralenſis. Arnica maritima, Sinapis juncea. Convallaria ſtellata. 2 des Nordens W. 205 — Von den eigentfümlichen Pflanzenarten ur Nordamerikaniſchen Bodens ausfuhrlich zu handeln, liegt außerhalb der Graͤnzen bier ſes Aufſatzes. Die unermeßlichen Waͤlder des Landes, das wir hier hauptſaͤchlich betrachten, find mit den herrlichſten Kiefer und Eichenar⸗ ten zum Schiffbau und anderen Behuͤrfniſſen angefuͤllt. Amerika iſt, mit dem Ausdrucke des beſten Beobachters, der deſſen Wildniſſe berei⸗ ſete, des Leibarztes Schoͤpf, das Vaterland der Eichen, deren es zwar nicht die unſrigen, aber dagegen wenigſtens ſechzehn andere Arten hervorbringt. Daſſelbe koͤnnte man nicht mit unrecht von den Kiefern, Tannen und fo ger nannten Cedern wiederholen, deren Nordame⸗ rika zwiſchen 40° und 60 N. Br. wohl zwoͤlf ihm eigene Arten zähle. Auch feine Ahornar⸗ ten ſind zahlreich, und darunter zeichnet ſich der Zuckerahorn aus, den man im Fruͤhling anzapft, um feinen ſuͤßen Saft zu erhalten, der ſich zu einem vortrefflichen Zucker verdicken laͤßt. Ein zahlreiches Heer von Baͤumen, außer den eben | genannten „liefert den Canadiern und den Eins wohnern der vereinigten Staaten das beſte Nutzholz zu Verfertigung von allerley Hausge⸗ raͤth, worin ein großer Theil ihrer Ausfuhr G7 . „ 106 Vorlaͤuſitge Schilderung nach den Weſtindiſchen Inſeln beſteht. Noch andere Baumarten, die Tulpen⸗ und Lilien⸗ baͤume, die Bignonien und Magnolien ſchmuͤl⸗ ken die Wälder mit ihren breiten, fehön ge formten Blättern und außerordentlich großen Bluͤthen; andere, wie z. B. der Saſſafras, geben ihr wuͤrzhaftes Holz zum medieiniſchen Gebrauch in unſere Apotheken; noch andere ſind merkwuͤrdig wegen ihres oͤkonomiſchen Nutzens, wie der Gärberbaum, oder wegen ihrer ſchaͤdlichen Eigenſchaften, wie der Gift⸗ baum. Einige bringen eßbare Fruͤchte, andere tragen Nuͤſſe von vortrefflichem Geſchmack. Eine Menge verſchiedener bluͤhender Stauden⸗ gewaͤchſe und Geſtraͤuche wachſen in Nordame⸗ rika wild, und werden um ihrer Schoͤnheit wil⸗ len allmählich in unſere Gärten und Parks auf⸗ genommen. Die kleineren Kräuter aller Art wetteifern mit den unſrigen in Menge, Ver⸗ ſchiedenheit und eigenthuͤmlichen Vorzuͤgen. Das fo genannte Tuͤrkiſche Norn oder der Mays (Zea Mays) ward uns zuerſt aus Nord⸗ amerika zugefuͤhrt, wo es von der Linie an bis zum 45 ſten Grade der Breite, am beſten aber zwiſchen 30° und 40° N. Br. fortkommt, und die Hauptnahrung eines großen Theils der ge⸗ { fg) > © = DE ur na 323. des Nordens von Amerika. 107 ſitteten und einiger wilden Einwohner aus, macht. Auch das unver dem unſchicklichen Mar men wilder Reiß bekannte Kappengras (Zi. zania aquatica) gehört zu den Getreidearten, welche jener Welttheil dem umherſtreifeuden Indianer von ſelbſt und ohne allen Anbau darbietet. Als eine haͤrtliche Pflanze findet man es noch jenſeits des Foſten Grades der Breite, wenn es gleich am ſuͤdlichen Ufer des Sees Superior nicht fortkommen will. Von den verſchiedenen Gattungen unſeres Getrei⸗ des, welche man aus Europa hinuͤber gefuͤhrt und daſelbſt angebauet hat, gedeihen die mei⸗ ſten vollkommen ſo gut, wie diesſeits des Atlantiſchen Meeres. Unſere ausdauernden Grasarten haben zwar einen entfchledenen Vor ⸗ zug vor den in Amerika einheimiſchen Futter graͤſern; allein fie werden auch ſchon mit gutem Erfolg im dortigen Boden ausgeſaͤet. Endlich unſere Obſtſorten und Kuͤchengewaͤchſe belohnen dort ebenfalls den Rn: des er Pflan- zers. f b. 13. N f Fidherey an den Kutten. 917 W die Pflanzenſchöpfung im hohen Norden aufzuhoͤren ſcheint, ſo liegt der Grund 108 +;Borläufige Schilderung davon ſo ſichtbar in ihrer Organiſation, daß et beynahe uͤberfluͤßig iſt, daran zu erinnern. Ihre Säfte bewegen ſich fo langſam, und er, zeugen durch ihre Bewegung ſo gar keine Waͤr⸗ me, daß ſie ſchlechterdings des Reitzes einer warmen Luft beduͤrfen. Wo dieſe fehlt, ver⸗ liert ſich allmahlich alle Bewegung; Pflanzen, arten vom ſtolzeſten Wuchs ſchwinden zu unan⸗ ſehnlichen Zwergen, und endlich ſtarrt der fluͤ⸗ ßige Tropfe in den ſubtſlen Haarroͤhrchen, oder dem nicht minder zarten Netze des Zellengewebes. Ganz ‚anders: verhält es ſich mit gewiſſen Ab: theilungen des Thierrelchen, Es giebt einen Punkt, wo die vegetabiliſchen und animaliſchen Gebilde ſich einander naͤhern, und wo es man⸗ nichmal zweifelhaft ſeyn kann, zu welchem Rei⸗ che ſie zu rechnen ſind. Die hoͤchſte Einfachheit der Organiſation iſt dieſer Vereinigungspunkt. Gewiſſe gallertartige Seegewuͤrme find wenig: ‚ftend nur um eine unmerkliche Stufe über die einfachen vegetabiliſchen Subſtanzen hinaus ge⸗ ruͤckt, die man im unwirthbaren Polarlande jenſeits der Graͤnzen der zuſammengeſetzteren Vegetation noch antrifft. Beyde beduͤrfen oft mur der Naͤſſe zur Erhaltung ihres Lebens oder gar zur Auferweckung nach einem Jahrelangen k . 22 . 5 „ „ — eee des Nordens von Amerika. 109 — — Tode. Auch die Struktur gewiſſer Waffen inſekten und Fiſche beguͤnſtigt ihren Aufenthalt in der beeisten Zone; bey einer ſehr geringen Blutmaſſe, iſt ihnen dennoch ein hoher Grad des Muskellebens eigen, und uͤberhaupt das Princip der animaliſchen Senſibilitaͤt in allen Theilen ihres Körpers gleichſoͤrmiger und inni⸗ ger inwohnend. Gewiſſe Gattungen von Bh geln ſowohl, als von vierfüßigen Thieren, hat ferner die Natur zam Aufenthalt im kaͤlteſten Klima beſonders vortheilhaft mit einer warmen Bedeckung ausgeruͤſtet, und ihrem Blute, wie es ſcheint, dasjenige Verhaͤltniß der Beſtand⸗ theile gegeben, welches zur Erzeugung einer größeren innerlichen Hitze durch den Kreislauf geſchickt iſt. Den Wallſiſchen endlich und eini⸗ gen verwandten Saͤugethieren, die ihren Haupt⸗ aufenthalt im Waſſer haben, dient die unge: heure Menge Fett, womit ſie ganz umfloſſen ſind, zu einem beſtaͤndig angefuͤllten Wärme⸗ behaͤlter, indem die Zerſetzung deſſelben und der chymiſche Proceß, den die Natur in den Lungen unaufhoͤrlich treibt, einen hohen Grad von em pfindbarer Hitze entwickeln. Das Schauſpiel des willkuͤhrlichen thieriſchen Lebens und Re⸗ gens iſt n beinesweges aus den kalteſten 4 den große Naturbegebenhelten auf den unbe 110 Vorlaͤuſige Schilderung | Gegenden unſerer Erde verbannt, und ſo weit man auch bis gegen den Pol gedrungen iſt, hat man noch Wallfiſche geſehen. Der Fang dier fer ungeheuern Thiere beſchaͤftigt ſowohl im Norden als im Suͤden eine große Anzahl Menſchen aus allen Seehandel treibenden Nationen; allein wir erwähnen hier nur ins: beſondere des Daͤniſchen Wallſiſchfanges in der Baffinsbay, und der Jagd der Einge⸗ bornen, ſowohl in Groͤnland und Labrador, als an der Nordweſtkuͤſte, vom Nutkaſund bis hinauf in die Behringsſtraße. Die Wall: fiſche follen insbeſondere an dieſer Kuͤſte fo zahl; reich ſeyn, daß dereinſt, wenn die uns naͤ⸗ her liegenden Meere erfchöpft ſeyn werden, die Fahrt dorthin den Eifer des unterneh⸗ menden Seemannes noch lange reichlich wird belohnen koͤnnen. Wenn es gleich eine richtige philoſophi⸗ ſche Mapime iſt, ſich über keine Einrichtung der Natur bloß zu verwundern, weil hier alles ſo offenbar nach unwandelbaren Geſetzen beſtimmt und geordnet, als Urſache und Wir⸗ kung gegenſeitig in einander greift; ſo bleibt es doch darum nicht minder der erſte Eindruck, des Nordens von Amerika. 111 fangenen Zuſchauer machen, daß. fie. Staus nen und Bewundern erregen, ihr Zuſammen⸗ hang mit dem Ganzen ſey bekannt oder nicht. Unſtreitig gehört dahin jener unſaͤgliche Reich⸗ thum an vielerley Gattungen von Fiſchen, wo⸗ von die nordiſchen Meere wimmeln, und der die Menſchen oft veranlaßt hat, auf un⸗ fruchtbaren Kuͤſten ihren Wohnſitz aufzufchlar gen. Nicht nur längs der Aſiatiſchen Um⸗ graͤnzung des Eismeers, und an den Aſiati⸗ ſchen Ufern des Kamtſchatkiſchen und Ochots⸗ kiſchen Meeres, ſondern auch an den Fuchs; inſeln, beym Cooksfluſſe und dem Prinz Wil⸗ helms Sunde, bis hinab in die Gegend von Juan de Fucas Einfahrt, bemerkt man im Sommer die Ankunft von Millionen Flſchen, insbeſondere von mehreren Arten der Lachs⸗ gattung, in den Fluͤſſen dieſer Kuͤſte, in de⸗ nen ſie bis an ihre ruhigſte Gegend hinan ſchwimmen, um fuͤr die Fortpflanzung und Erhaltung ihrer Art zu ſorgen und ihren Laich dem ſuͤßen Waſſer anzuvertrauen. Jede beſondere Art halt ſich auf ihrem Zuge von allen übrigen getrennt, und wahlt auch wohl einen beſonderen Fluß. Die Menge der Fi, ſche, die aus dem Meere heraufkommen, 1 „* * 112 Vorlaͤufige Schilderung überfteigt allen Begriff; / fie ſtauchen das Wafı ſer vor ſich her, daͤmmen die Fluͤſſe zu, und verurſachen große Ueberſchwemmungen. Fällt hernach das Waſſer, indem es einen anderen Abfluß findet, ſo bleiben ſie in ſo ungeheurer Anzahl liegen N daß ihre Verweſung die Luft vergiften wuͤrde, wenn der Sturm ſie nicht zer⸗ ſtreute. Auch giebt es gewiſſe Arten, die nur Einmal in ihrem Leben laichen und noch inner⸗ halb deſſelben Jahres ſterben. Die Kabeliau⸗ arten, die Heilbutten, die Heringe, nebſt meh⸗ reren Fiſchen, die das Seewaſſer nie verlaffen; ſind ebenfalls zu gewiſſen Jahrszeiten an der Nordweſtkuͤſte von Amerika haͤufig, und von dieſen ſowohl als den vorhin erwaͤhnten machen die Eingebornen ihren wrocknen me auf den Winter, 7 Der beſondere Umſtand, daß im Atlantt ſchen Meere in einiger Entfernung von den Kuͤſten von Neuſundland und Cap Breton ver⸗ ſchiedene Untiefen liegen, deren ſchlammiger Sandboden dem Laiche geiolſſer Seeſiſche eine ſichere und zum Ausſchlieſen vortheilhafte Stätte gewahrt, hat zu einem der bluͤhend⸗ ſten Handelszweige die erſte Veranlaſſung ge⸗ geben. Eine zweyte lag beſonders darin, daß ein des Nordens von Amerika. 113 A —Z— bt — ein ſehr betraͤchtlicher Theil des chriſtlichen Eucopa es ſich zur Pflicht machte, in einer Jahrszeit, wo die Säfte am meiſten zur Auf⸗ loͤſung und Stockung geneigt find, den geſun⸗ den Genuß des friſchen Fleiſches gegen eine hoͤchſt unverdauliche und die Faͤulniß beföoͤr⸗ dernde Nahrung von gedoͤrrten oder geſalze⸗ nen Fiſchen zu vertauſchen. Die Thunfiſche⸗ rey im Mittelländifchen Meere und der He ringsfang in der Nordſee waren nicht hinrei⸗ chend, das religioͤſe Beduͤrfniß des ſuͤdlichen Europa zu befriedigen; man entdeckte die un⸗ erſchoͤpflichen Vorrathskammern der Natur auf jenen Baͤnken im Norden von Amerika; und ſeit der Zeit hat man ſich nur darum geſtritten, welchem gluͤcklichen Volke der Ber ſitz dieſes Reichthums ausſchließlich gehoͤren ſollte. Die Anſpruͤche der Portugieſen und Spanier, die zuerſt daſelbſt fiſchten, gingen zugleich mit ihrer Thaͤtigkeit bey dem uͤberhand⸗ nehmenden kirchlichen und weltlichen Deſpotis⸗ mus in beyden Laͤndern verloren. Der freyen Engliſchen Betriebſamkeit gelang es, alle Mit⸗ bewerber zu entfernen, bis ihre Macht und ihr Uebermuth an der Unterjochung der Kolonieen ſcheiterte, und fie ſich genoͤthigt ſahen, im Frie⸗ G. Forſters kl. Schr, zr Th. H 114 Vorlaͤufige Schilderung den von 1783 ſowohl an die vereinigten Staa⸗ ten als an Frankreich einen Theil dieſer ein träglichen Fiſchereyen wieder abzutreten. Man rechnet, daß ſich achtzehntauſend Engländer jährlich mit dem Stockfiſchſang auf den Untie⸗ fen von Neufundland allein beſchaͤftigen, von denen jedoch die meiſten dort uͤberwintern. Die Ausfuhr in Engliſchen Schiffen beträgt zuweilen 700,000 Centner. Die Fiſcherey auf den Baͤnken um Neuſchottland beſchaͤftigt eben⸗ falls zehntauſend Menſchen, und die Amerika⸗ niſchen Kolonieen verkauften ſchon lange vor ihrer Independenz im Jahr 1771 mehr als 300,000 Centner Stockſiſch, nebſt 36,000 Faͤſ⸗ fern geſalzener Fiſche, nach den Weſtindiſchen Inſeln. Seit der Anerkennung ihrer Unab⸗ haͤngigkeit hat dieſer Zweig ihres Handels und ihrer Betriebſamkeit, wie faſt jeder an⸗ dere, unglaubliche Fortſchritte gemacht; und da bekanntlich ihre Maͤßigkeit, ihr geduldiger Fleiß und ihr unternehmender Muth, ſie in Stand ſetzen, dieſelbe Waare wohlfeiler als alle andere Nationen zu verkaufen, ſo laͤßt ſich leicht abnehmen, welch eine gefaͤhrliche Rivali⸗ tät für England aus ihrer Theillnahme an die⸗ ſer Fiſcherey entſtehen wird. . neo 2 uw oo Na = 2 des Nordens von Amerika. 118 1 9. 14. c Thierreich. In der thieriſchen Schoͤpfung wie im Pflanzenreiche bemerken wir einige Geſtalten, welche bloß auf kleine Bezirke eingeſchraͤnkt ſind und deren Entſtehung von bloß lokalen Bildungsurſachen abhangen mußte; dane⸗ ben aber andere, die ſich in den entfernteſten Punkten der Erde unſerem Auge darbieten, und von denen ſich alſo vermuthen laͤßt, daß gewiſſe allgemeinere Bildungsurſachen bey ihrer urſpruͤnglichen Hervorbringung wirkten. Es iſt allerdings merkwuͤrdig, daß ſich in dem gemäßigten Striche von Nordamerika wilde Ochſen aufhalten, welche mit den Aſiatiſchen und Europaͤiſchen Biſons oder Auerochſen, von denen unſer zahmes Hornvieh abſtammt, voͤl⸗ lig gleich geſtaltet ſind. Sie weiden zwiſchen 30 und ss? N. Br., und find am haͤufigſten in den fetten Graͤſereyen am Ohio und Miſiiſ⸗ ſippi. Nie hat man fie jenſeits des Koften Gras des der Breite angetroffen, fo daß die ernſtli⸗ che Bemuͤhung mancher Zoologen, ihnen uͤber die Behringsſtraße eine Bruͤcke zu bauen, ver⸗ mittelſt deren ſie aus Adams Paradieſe nach Luiſiana und Neumerivd gewandert ſeyn ſollten, che ae | 116 wenne: Pen 9 — — ein Denkmahl ihrer einfeitigen Vorſtellungsart bleibt. Außer dieſem großen Thiere, welches oft zweytauſend Pfund wiegt, hat Amerika noch eine ihm ausſchließlich eigene Art Ochſen, die nur wenig größer, als Dammhirſche und noch niedriger auf den Fuͤßen ſind. Ihre Hoͤr⸗ ner haben das Eigenthuͤmliche, daß ſie an der Wurzel dicht an einander ſtehen, in einer plat⸗ ten breiten Geſtalt zu beyden Seiten des Kos pfes flach anliegen und nur mit den Spitzen ſich wieder hinaufwaͤrts kehren. Dieſe Thier⸗ art, die ſich außerdem noch durch verſchiedene weſentliche Kennzeichen von dem Biſon unter; ſcheidet, hat auch das Beſondere, daß ſie am liebſten den hohen Norden bis zum 73ffen Grade der Breite hinauf bewohnt, wiewohl man auch „Spuren hat, daß ſie ſich zuweilen bis zum ſoſten Grade, in die Gegend von Quivira, verlaͤuft. Die genauere Beſchrei⸗ bung und Abbildung derſelben, welche Pen: nant zuerſt nach einigen Mittheilungen von den Beamten der Hudſonsbay Compagnie lieferte, klaͤrt die Verwirrung auf, welche na⸗ tuͤrlicher Weiſe aus der Verwechſelung dieſer kleinen mit den vorhin erwaͤhnten ganz ver⸗ fchiedenen großen Ochſen entſtehen mußte. Ihr des Nordens von Amerika. 117 ſchwarzes Fließ iſt ſeidenweich, und haͤngt vom Bauch bis an die Erde; auf dem Ruͤcken iſt ein weißer Fleck, ein anderer zwiſchen den Hoͤr⸗ nern, und unter dem langen Haare ſitzt eine, der Vicugnawolle allein zu vergleichende, zarte aſchgraue Wolle. Man findet ſie in Heerden von zwanzig und dreyßig beyſammen, derglei⸗ chen Zearne auf feiner Reiſe an das Eismeer an einem Tage mehrere erblickte. Das Elenn⸗ und das Rennthier (oder Muus und Caribu, wie ſie in Amerika heißen) ſind zugleich Bewohner unſeres und des Ame⸗ rikaniſchen Nordens. Jenes ſieht man faſt niemals an den ſuͤdlichen Ufern der fuͤnf großen Seen; es liebt die kalten, dichten Waͤlder des noͤrdlichen Canada und der weſtlichen Ges gend von Hudſonsbay bis an das ſtille Meer. Das Rennthier waͤhlt ſeinen Aufenthalt dem Pole noch näher, und wird diesjeits des 5 yſten Grades faſt gar nicht geſehen. Um die Hudſons⸗ bay ſind ſeine Zuͤge oft zehntauſend ſtark, wenn es im Frühling, um den Muͤcken und Stechflie, gen zu entgehen, aus den Wäldern an die See⸗ ufer wandert und der Nahrung und des Gebaͤ⸗ rens wegen zugleich ein milderes Klima ſucht. Der Hirſch im ſuͤdlichen Canada, am Miſſiſſippi, \ H 3 1 118 Vorlaͤuſige Schilderung r . am Miſſuri und in den vereinigten Staaten iſt vom Europaͤiſchen faſt gar nicht verſchteden, und das Reh, welches von Canada an bis nach Nutkaſund in unzähligen Heerden die unabſeh⸗ lichen Wieſenlaͤnder bewohnt, weicht ebenfalls nur wenig von dem unſrigen ab. Wo das Erd⸗ reich mit Salz geſchwaͤngert iſt, in den weitlaͤuf⸗ tigen Laͤndereyen zwiſchen dem Ohio und Miſ⸗ ſiſſippi, verſammeln ſich dieſe Thierarten und die Ochſenheerden, und lecken die geſalzene, von Gießbaͤchen aufgeriſſene und entblößte Erde. Das wilde Schaf, das Stammthier unſerer nuͤtzlichſten und zahlreichſten Heerden, und, wenn den neueſten Nachrichten des Umfreville zu trauen iſt, auch die wilde Ziege, wird im Amerikaniſchen Norden angetroffen. Vom er⸗ ſteren iſt es nunmehr ausgemacht, daß es an der Nordweſtkuͤſte von⸗Prinz Wilhelms Sund bis nach Californien die felſigen Gebirge be⸗ wohnt. Wir wuͤrden in ein weitläuftiges wiſſen⸗ ſchaftliches Feld gerathen, wenn wir die Thiere, die beyden Welttheilen gemein, und jene, die dem neuen ausſchließend eigen ſind, hier auf⸗ zaͤhlen wollten. Was wir bereits davon ats gefuͤhrt haben, kann als Beyſplel von erſte⸗ T1 A ˙¹w ̃ D 0 des Nordens von Amerika. 119 7 ——— Ben - 3 ren hinreichend ſeyn. Unter den Raubthieren giebt es ebenfalls einige gemeinſchaftliche Ar⸗ ten, wie den Wolf, den Fuchs, den Weißfuchs, den Luchs, den Eisbaͤren, den braunen Baͤren, den Vielfraß, den Dachs, verſchiedene Wie⸗ ſelarten, und die Seeotter nebſt den beyden Ottern des friſchen Waſſers. Unter den Na⸗ gethieren beſitzen wir mit Amerika zugleich den Biber, den veränderlichen Hafen, das Ziefels chen und einige Ratzenarten. Die Wallroſſe, die Robben und die mit ihnen verwandten Thierarten, die das Eismeer bewohnen, ſind auch auf ſeinen Europaͤiſchen, Aſiatiſchen und Amerikaniſchen Umgraͤnzungen ohne Un⸗ terſchied anzutreffen. An der ſo allgemein verbreiteten Gattung des Pferdes, und der nicht minder allgemeinen Gattung *des Schweins hingegen iſt Nordamerika leer aus⸗ gegangen; auch fanden dort die Europäer bey ihrer Ankunft nicht den Gefaͤhrten des „Menſchen, den Hund, der ihn in den uͤbri⸗ gen Welttheilen, bis in den beeiſeten Norden nicht verläßt, und wovon wenigstens eine verwandte Art auch in den Weſtindiſchen In ſeln und in Suͤdamerika gefunden ward. Hingegen hatte Nordamerika, außer unſerem 24 120 Vorlaͤufige Schilderung gemeinen Fuchs, auch eine eigene Art Fuͤch⸗ ſe, und außer dem gemeinen Luchs noch zwey andere Arten; ſelbſt das Thier, welches man ſo oft irrig mit dem Loͤwen verwechſelt hat, der Puma, der von Quito an bis nach Mexico und Florida und den Miſſiſſippi hin⸗ auf, ſeine raͤuberiſche Herrſchaft erſtreckt, wird zuweilen noch weiter im Norden, in den Waͤldern von Canada, geſehen. Der Rakkuhn oder Waſchbaͤr, ein Thier, das gleichſam zwiſchen den Koatis und den Baͤren in der Mitte ſteht, bewohnt die gemaͤßigte⸗ ren Gegenden von Nordamerika, und wird auch an der Nordweſtkuͤſte gefunden. Das Virginiſche Beutelthier endlich, deſſen ver⸗ wandte Arten nur im warmen Amerika und in den heißen Strichen des oͤſtlichen Aſiens zu Hauſe ſind, gehoͤrt auch zu den Thieren von Canada. Die auffallende Einrichtung der Natur, vermoͤge deren die Jungen dies ſes Thieres, ehe ſie noch groͤßer als Steck⸗ nadelknoͤpfe ſind, ſchon an den Zitzen des Weibchens feſtſitzend gefunden werden, und die eigene Struktur der Haut des Bauches, welche durch Verdoppelung gleichſam einen Beutel oder eine Taſche um die Zitzen bildet, des Nordens von Amerika. 121 A — —— worin die Jungen auch, nachdem ſie ſchon laufen koͤnnen, ſich noch vor einer Außeren Gefahr verkriechen, verdiente die naͤhere Un⸗ terſuchung eines geſchickten Phyſiologen. Unter den Merkwuͤrdigkeiten des Thier⸗ reiches in dem Theile von Amerika, den wir hier vor Augen haben, koͤnnen wir die Ue⸗ berreſte einer ausgeſtorbenen Gattung nicht uͤbergehen, die man anfaͤnglich mit dem Ele⸗ phanten verwechſelt, nach einer naͤheren und voll@ändigeren Unterſuchung aber als wefent: lich davon verſchieden erkannt hat. Sie ſcheint an den oͤſtlichen Kuͤſten, wo jetzt die vereinig⸗ ten Staaten liegen, gewohnt zu haben, in⸗ dem man Spuren von ihrem Gerippe in Neu⸗ Jerſey gefunden haben ſoll. Allein ihr Haupt⸗ aufenthalt war unſtreitig der ſchoͤne inlaͤndi⸗ ſche Bezirk zwiſchen den Fluͤſſen Ohio und Miſſiſſippt, wo große Strecken mit ihren zer⸗ ſtreueten Knochen bedeckt ſind. Die ungeheure Groͤße der Zaͤhne, ſowohl der Backenzaͤhne als der Hauer, bezeichnet ein Thier von drey⸗ bis viermal der kubiſchen Groͤße des Elephanten, und von einem: gänzlich verſchiedenen Bau, In Amerika hat man eine Sage, daß vielleicht jenſeits der großen Seen dieſe Thierart noch le⸗ BR... 122 Vorlaͤufige Schilderung 2 N — — bendig angetroffen werden konnte; allein ſeit⸗ dem man von mehreren Seiten ſo weit nach Weſten vorgedrungen iſt, ohne nur eine muth⸗ maßliche Spur davon gewahr zu werden, ſcheint alle Hoffnung dazu verſchwunden zu ſeyn. Wenn ein Land, wo die Auerochſen, die Elenn⸗ thiere, die Baͤren vollkommen ſo groß wie in unſerem Welttheile werden, wo die aus Europa zuerſt dahin verpflanzten Thierarten, wie z. B. Schweine und Pferde, nicht im geringſten aus⸗ geartet ſind, gegen den Vorwurf der Unvollkom⸗ menheit, der Unreife und der Schwaͤche, die ſeinen Erzeugniſſen ankleben ſoll, nicht bereits vollkommen gerechtfertigt waͤre; ſo wuͤrde die Hervorbringung eines Säugethiers, welches alle bekannten Thiere des feften Landes an Groͤße und (nach dem Baue der Theile des Ge⸗ rippes zu urtheilen) auch an Staͤrke ſo weit uͤbertrifft, jene ungegruͤndete, und hoͤchſtens von einem kleinen Punkte des mittaͤgigen Ame⸗ rika veranlaßte Behauptung zum Weberfluß widerlegen. Ä In eben dieſem Lande, wo die hervorbrin⸗ gende Natur einſt fo Eräftig wirkte, hat fie ſich auch in der Erzeugung unzaͤhliger leben⸗ diger Geſchoͤpfe von anderen Klaſſen, namlich des Nordens von Amerika. 123 U ⏑ QQ —Z— von Voͤgeln, Amphibien, Fiſchen, Inſekten und Gewuͤrmen, in mannigfaltigen Formen wirkſam gezeigt. Es herrſcht zwar weniger Uebereinkunft zwiſchen dieſen Produkten von Amerika und denen unferes Welttheils: viel⸗ leicht weil die vollkommene Gleichfoͤrmigkeit nur bey wenigen Weſen moͤglich iſt, und die Orga⸗ niſation der Saͤugethlere ſie etwa beſonders erleichtert; allein was auch die Urſache der Verſchiedenheit ſeyn mag, ſo viel iſt gewiß, daß, wenn man ſchon Mühe hat, die zufällige Aehnlichkeit einiger vierfuͤßigen Thierarten in beyden Welttheilen durch Wanderungen zu er⸗ klaͤren, es dieſe Erklaͤrungsmethode ſehr ers ſchwert, wenn man ſie bey fliegenden Thieren nicht anwenden kann. Verhaͤltnißmaͤßig giebt es nur wenige Vögel und gefluͤgelte Inſekten, die den unſrigen gleich gebildet ſind; aber auch in den Seen des innerſten Amerika finden wir Karpfen und Hechte, die doch freylich weder durch die Luft aus Europa oder Aſien hinuͤber geflogen, noch durch das geſalzene Meerwaſſer hineingeſchwommen ſind. Die eigenthuͤmlichen Gattungen Amerikaniſcher Voͤgel und Inſekten prangen oft mit dem ſchoͤnſten und mannigfach⸗ ſten Farbenglanze; die daſelbſt, wie in jedem 124 Vorlaͤuſige Schilderung —— aa — unbebaueten Lande, zahlreicheren Schlangen: und Eidechſenarten zeichnen ſich ebenfalls durch vielfältige Schattirungen aus. Fuͤr unſer zah⸗ mes Gefluͤgel, welches wir zuerſt aus Indien erhielten, bot uns Amerika ſeine Truthuͤhner zum Tauſch. Dem Beduͤrfniſſe des Menſchen aber, der jene ungemeſſene Wildniß zuerſt be⸗ trat, ſtroͤmte von allen Seiten der Ueberfluß der Natur zu ſeiner Befriedigung entgegen. Im erſten Anfange war dies vielleicht ein Hin⸗ derniß, das ſich ſeiner Cultur widerſetzte, und bald hernach, als ſeine Gattung ſich vermehr⸗ te, als er die Thiere um ſich her verſcheucht und getoͤdtet hatte, entſtand die Nothwendig⸗ keit, ſich auf weiteren Jagdzuͤgen ſeinen Unter⸗ halt zu ſammeln. ul. Bevoͤlkerung. 9. 15. Urſprung der Amerikaner. Ob die edlere menſchliche Form nur Ein⸗ mal auf der Erde vorhanden ſeyn konnte, ehe ſie durch das Geſetz der Fortpflanzung verviel⸗ faͤltigt ward, ob fie aus⸗ oder abarten konnte in ſo manche verſchiedene, ſchwerlich, oder vielleicht des Nordens von Amerika. 123 gar nicht wieder zur urſpruͤnglichen Stamm⸗ form zuruͤckzubringende klimatiſche Mißgeſtalt; oder ob, den Zonen und den Erzeugniſſen, die fie beherrſchen ſollte, angemeſſen, an verſchiede⸗ nen Punkten des Erdballs eine menſchliche Or⸗ ganiſation entſtand, die ſich bald durch größere bald durch geringere Verſchiedenheit von den verwandten Formen anderer Lander unter⸗ ſchied, und jedesmal, dem Klima angeeignete, aus dem harmoniſchen Verhaͤltniſſe mit ihm geſchoͤpfte Lebenskraͤfte beſaß: das iſt die große Frage, die uns jetzt aus gaͤnzlichem Mangel glaubhafter und hinreichender Urkunden unauf⸗ loslich bleibt. Der Vernunft ſcheint allerdings die eine Hypotheſe nicht faßlicher und begreif⸗ licher, als die andere, und den Philoſophen, der die Unmoͤglichkeit eines Experiments aner⸗ kennt, zu deſſen Abwartung mehrere Jahrhun⸗ derte und eine unter den tugendhafteſten und aufgeklärteften Völkern noch nie erlebte Nein: heit der Sitten unentbehrlich ſind, wird auch der Beweis a polteriori unmoglich duͤnken. Was die Menſchen von dem naͤchſten Thier unterſcheidet, iſt der göttliche Funke der ſelbſt⸗ bewußten, durch Sprache zuruͤckwirkenden Ver⸗ nunft. Menſchen ſind, und Menſchenrechte 126 Vorlaͤufige Schilderung — —,— nf fordern von uns, alle vernünftige Weſen, in Kraft dieſes Vorzuges, und nicht durch einen unerweislichen Stammbaum. Bey der Ent⸗ deckung von Amerika wollte man in allem Ernſte den Bewohnern jenes Welttheils den Anſpruch auf Menſchennamen und Menſchen⸗ natur verſagen, weil man es unmoͤglich fand, daß Adam dieſe Raße gezeugt haben koͤnne. Seitdem man der Vernunft auch in Geſtalt ei⸗ nes Amerikaniſchen Wilden hat huldigen muͤſ⸗ ſen, bemuͤhet man ſich, durch tauſend falſche Induktionen einen Beweis zu Stande zu brin⸗ gen, daß Adam allerdings ihr Stammvater war: Adam, das Geſchoͤpf irgend einer Orien⸗ taliſchen Phantaſie, die ſich zur Erklaͤrung des Ueberganges aus dem Unbegreiflichen ins Ber greifliche, ſo gut wie jeder andere endliche Geiſt, eine Hypotheſe ſchaffen mußte. Wir laſſen dieſe Träume, um uns an Tatſachen zu halten. $. 16. Polarmenſche n. In beyden Welttheilen giebt es eine Mens ſchenart, die den aͤußerſten Norden, gewoͤhn⸗ des Nordens von Amerika. 127 lich nur jenſeits des Koften Grades, bewohnt, von kleiner unterſetzter Statur, mit großem Kopf, breitem Geſicht, leinen Naſen und Aus gen, hervorſtehenden Jochbeinen, gelbbrauner Farbe, und ſchwarzem, ſchlichtem Haar. Un⸗ geachtet dieſer gemeinſchaftlichen Bezeichnung aber finden wir unſere Lapplaͤnder und die Samojeden in dem nordweſtlichen Aſien von den Groͤnlaͤndern und Eskimos des anderen Welttheils ſo weſentlich an Bildung, Spra⸗ che, Sitten und Lebensweiſe verſchieden, daß es uns nicht einfallen kann, mit dem beruͤhm⸗ ten Robertſon die letzteren aus Europa nach Groͤnland hinuͤber wandern zu laſſen. Die kleinen Menſchen unſeres Welttheils bilden Hirtenvoͤlker, deren einziges zaͤhmes Vieh, die Rennthiere, ihnen Nahrung und Kleidung 9% ben, und zugleich zum Zuge gebraucht werden. Unbegreiflich waͤre es daher, wenn ſie bey ihrer Wanderung in eine Weltgegend, wo ſie das Rennthier eben fo Häufig, wie in ihrem Vaters lande, in Heerden von zehntauſenden, erblicken mußten, nicht alſobald die alte Lebensweiſe fort- geſetzt, dieſe Thiere eingefangen, vor ihre Schlitten geſpannt, gezaͤhmt und zu allen Be⸗ duͤrfniſſen des Lebens angezogen haͤtten. Die * 126 Vorlaͤuſige Schilderung | RA ST En Polarmenfchen in Amerika find aber lediglich Kuͤſtenbewohner; fie leben vom Fiſch⸗ und insbeſondere vom Wallſiſchfange, und find mit dem Aufenthalt im Waſſer und feinen Gefah⸗ ren fo vertraut, daß fie gewiſſermaßen Amphi⸗ dien genannt zu werden verdienten. ‘Die fü: lichſten Punkte, wo man ſie noch gefunden hat, ſind: an der Weſtſeite von Amerika die Gruppe der Fuchsinfeln, die zwiſchen 52° und 54 N. Br. liegt, und an der Oſtſeite die Inſel Neu⸗ fundland, die ſich bis zum soften Grade N. Br. nach Suͤden erſtreckt. Zwiſchen dieſen beyden Punkten bewohnen ſie die Kuͤſten des Eismeers, des Landes Labrador, und der Halb⸗ inſel Groͤnland, nebſt den Ufern der Baffins⸗ bay und des noͤrdlichſten Theils der Hudſons⸗ bay, Ob auch die Einwohner des Prinz Wil⸗ helms Sundes und des Cooksfluſſes zu dieſer NRNaße gehoͤren, bleibt immer noch zweifelhaft: wenigſtens ſind ſie ſchon groͤßer, wohlgebildeter, den ſuͤdlicheren Kuͤſtenbewohnern ähnlicher, und wer weiß aus welcher Vermiſchung der Raßen entſprungen, da dieſe Horden noch bis jetzt die gefangenen Weiber und Maͤdchen anderer feindlichen Staͤmme zu Genoſſen ihrer Umar⸗ mungen machen. 80 Die \ des Morden von Anette 129 * iſt dieſen Polurwenſchen ſo an⸗ gemeſſen, daß ſie den Aufenthalt in einem mil deren Klima nicht lange vertragen. Der bi⸗ ſchleunigte Umlauf der Säfte in ihrem kleine: ren Körper erhält den Höheren Grad der Waͤr⸗ me darin, welcher ſie in Stand ſetzt, gegen den furchtbarſten Grab des Fröftes beynahe unem⸗ pfindlich zu ſeyn. Ihre phlogiſtiſche deührung, die aus Wallfiſchfett, faulem Fleiſch und faulen Fiſchen beſteht, iſt in jenen nordiſchen Landern nicht nur nicht gefährlich, ſondern vermehrt ebenfalls ihre innere Wärme, während das Fett, womit ſie ſich beſchmieren, die Ausduͤn⸗ ſtung verhindert und die Haut geſchmeldig, aber auch zugleich unempfindlich erhaͤlt. Man erſtaunt, wie die Unreinlichkeit, bis auf den ru Grad getrieben, dort die Wirkung un⸗ fe puͤnktlichſten Sorge für die Reinlichkeit 5 soo zaun; die Ausſchließung der friſchen Luft ans en unterirdiſchen Gruben, die ihnen zum Winteraufenthalte dienen, und worin eine vom Hauche vieler Hausgenoſſen verpeſtete Atmo⸗ fohäre herrſcht, iſt das bewährteſte Mittel, eine ihrem Körper nmägliihe warme Pr | zubringen. 8 6. zurſtere l, Scr. 37 55. 2 130 Bein Säilerung ein BEER die aus i Bogelfälen. und Qgierpäusen bereitet wird) und ihre wenigen Geraͤthſchaften verrathen den Fleiß und die Er: ſindſamkeit des langen, ruhigen Aufenthaltes im Hauſe. Eben dieſe Nothwendigkeit des Himmelsſtriches, die ihnen eine halbjaͤhrige Nacht und einen halbjährigen Tag zu durch⸗ leben bez hat auch vermuthlich einigen Einſiuß auf ee milde, geſellige Stimmung und ihre Geſpraͤchigkeit. Ihre eingeſchraͤnkten Bebduͤrfuiſſe und die gewiß auch der Entfernung von der allbelebenden Sonne zuzuſchreibende geringe Heftigkeit ihrer Leidenſchaften ſcheinen es bewirkt zu haben, daß ihre Familienvereini⸗ gung beynahe patriarchaliſch geblieben iſt, daß ſich keine angemaßte Autorität. darin empor: ſchwingt, daß kein buͤrgerlicher Zwang, außer etwa dem des Spottes und der Verachtung, den freyen Willen eines jeden Einzelnen zuͤgelt, daß kein Oberherr, kein Heerfuͤhrer, kein Machthabender unter ihnen bekannt iſt, und daß ſelbſt der Kunſtgriff, ſich zum Angekok oder Zauberer zu erklaͤren, noch kein regelmaͤßi⸗ ges Syſtem des Betruges und der Unterjo⸗ chung nach ſich gezogen hat. Ihre Phantaſie tragt den Abdruck des Bodens, den fie bewoh⸗ des Nordens von Amerika. 131 . ü a. — nen, des Himmels uͤber ihnen, der Schwache ihrer Geſtalt, und der Farbe ihres Lebens. Unkriegeriſch und unfähig den ſtaͤrkeren Ameri⸗ kaniſchen Wilden Widerſtand zu leiſten, ſind ſie nur in jenen nordweſtlichen Gegenden elend und beklagenswerth „ wo die Wuth dieſer Un erbittlichen fie verfolgt, und ihnen am aͤußer⸗ ſten Rande de Eismeers kaum eine Stätte vergoͤnnt. Dort, vereinzelt und zerſtreuet, gezwungen ihrer Lebensart in unterirdiſchen Loͤchern zu entſagen, erliegt endlich auch ihr Koͤrper, ſo ſehr er dem Norden angemeſſen ſcheint, der alles verzehrenden Kälte; Krank⸗ heit und Mangel werden das Loos der. ein zeln herumirrenden Familien, die endlich, wie jenes von Cook im Nortonſund gefun⸗ dene Paar, wenn ſie dem Tomahak der Ame⸗ rikaner entgehen, dem Hungertode zur Beute werden muͤſſen. In Groͤnland, wo kein an⸗ deres Amerikaniſches Volk ſie ſtoͤrt, und wo die Norwegiſchen Anſiedler ihnen einſt das Beyſpiel Enropäifcher, freylich damals auch noch roher, Kuͤnſte gaben, haben ſie ſich am ſtaͤrkſten vermehrt. Dort herrſcht in ihren haͤuslichen Einrichtungen gewiſſermaßen ein Sinn fuͤr die Bequemlichkeiten des Lebens; * 2 Vorlaͤuſtge Schilderung dort haben ſie endlich ſeit 1721 an vielen Stellen, durch die Bemuͤhung Daͤniſcher Miſſionarſen, ihre Mythologie gegen ein Ehkiſtenthum „ tote fie es faſſen konnten, ver⸗ ktäuſcht. Von dreißigtauſend Menſchen find indeſſen nach fechſig Jahren nur zehntauſend bvoch übrig; denn mit der heilſamen Lehre verpflänzter die Denen und Norweger zu gleich das Gift der Kinderblattern, „welches in einem mit Fett ſo verſchloſſenen Koͤrper faſt ohne Ausnahme toͤdtlich iſt, nach Groͤn⸗ tand. Auf den Kuͤſten von Labrador zaͤhlte Curtis im Johr 1774 nur noch 1595 Es- Amos. l 7 7. i Ameritaifde Eingeborne oder fo 8 g Indianer. Die Eingebornen des ganzen übrigen Ame⸗ rika, die man gewohnlich, wiewohl nicht ſchicklich, Indianer zu nennen pflegt, weil Indien das Ziel der erſten Entderker dieſes Welttheils war, haben mit den Polarmen⸗ ſchen, den eben erwähnten Groͤnlaͤndern, Ess kimos und Aleyuten, außer der Bartloſigkeit, des Nordens von Amerika. 233 ſchlechterdings nichts Charakteriſtiſches gemein. Dieſe ſo verſchrieene Bartloſigkeit der Ameri⸗ kaner iſt aber, nach dem einſtimmigen Zeug niß aller glaubwuͤrdigen Reiſenden, kein an⸗ geborner Naturcharakter, ſondern ſie wird le⸗ diglich durch Kunſt hervorgebracht, und ges. hoͤrt zu den Sitten dieſer, uͤber einen ganzen Welttheil ausgebreiteten Raße von Menſchen. Nichts iſt mißlicher, als jene von Natur⸗ beſchreibern „ Philoſophen und Hiſtorikern fo. oft gemißbrauchte Kunſt, aus einzelnen Anga⸗ ben der Beobachter in verſchiedenen Punkten dieſes großen Landes, einen allgemeinen Cha⸗ rakter der Eingebornen abzuziehen, der als Ideal der ganzen Raße ſoll betrachtet werden koͤnnen. Zwar ſcheint es mir nicht zweifelhaft, daß der ſchwarze Guianeſer und Braſilianer, der große, ſtarkgebaute Tſchileſe, der zarte, ſchlanke Peruaner, der dicke Mexicaner, der handfeſte Irokeſe, der ſchwammige Nutkaer, und wie die unzaͤhligen Zwiſchenſchattirungen heißen und bezeichnet werden moͤgen, die Spur einer gewiſſen Verwandtſchaft an ih tragen, welche fie insgeſammt zu einer gro⸗ ßen Familie vereinigt; allein in wie fern es möglich ſen, das Kennzeichen, welches fie zu J 134 Vorläufige Schilderung Gm K nn Amerikanern ſtempelt und von allen anderen Menſchenraßen unterſcheidet, ſo beſtimmt, fo unzweydeutig anzugeben, daß es auf alle die eben genannten verſchiedenen Nationen an: wendbar bliebe: — dies iſt eine Frage, zu de⸗ ren endlicher Aburtheilung es uns vielleicht noch immer an zweckmaͤßigen, mit Sachkennt⸗ niß angeſtellten Beobachtungen fehlt. Die Farbe der Amerikaner, die man ſich allgemein als kupferroth, und in allen Zonen unveraͤn⸗ derlich vorgeſtellt hatte, iſt, nach den zuverlaͤſ⸗ ſigſten Berichten, nichts weniger als gleich: foͤrmig dieſelbe bey allen Amerikaniſchen Voͤl⸗ kern. An der Nordweſtkuͤſte haben die Staͤm⸗ me, die ſich vom Fiſchfange naͤhren, wenn mau ihnen den Schmutz, der ihre Haut bedeckt, ab⸗ gewaſchen hat, eine der zarten Europaͤiſchen ähnliche Geſichtsfarbe; in Tſchile (Chile) und in dem gebirgigen Theile von Peru ſieht man ebenfalls den Teint, zumal des anderen Ge⸗ ſchlechtes, dem unfrigen ſich nuͤhern. In Mer rico, an der Moskitokuͤſte, in Florida und auf den Weſtindiſchen Inſeln hatten die urſpruͤng⸗ lichen Einwohner die gelbliche Indiſche Schat⸗ tirung, und in Braſilien waren ſie, wie der treue Lery erzaͤhlt, beynahe von ſchwarzer des Nordens von Amerika. 138 Farbe. Der rothe Kupferglanz, den ihnen die Leichtglaͤubigkeit angedichtet hat, konnte viel⸗ leicht die Wirkung der Schminke ſeyn, womit | die wilden Stämme ſich überall, entweder zum Kampf oder bey anderen ſeſlichen egen ſungen, ſchmuͤcken. | Die Voͤlkerſchaften, die den Norden von Amerika bewohnen, unterſcheiden ſich ſchon merklich von einander, je nachdem ſie ihren Aufenthalt an der Kuͤſte oder in den Wäls dern gewaͤhlt haben, und folglich entweder Ichthyophagen (Fiſcheſſer), oder umherſtrei⸗ fende Jager geworden find, Die feuchte Wit⸗ terung, die in jenen noch uneultivirten, mit Wäldern und mit Gewaͤſſern ſo reichlich were: ſehenen Gegenden herrſcht, ſcheint ihnen we⸗ nigſtens einen gemeinſchaftlichen Charakter verliehen zu haben; ich meyne ihr ſo auffal⸗ lendes, ſchwarzes, grobes, glaͤnzendes, langes und ſtarkes Haupthaar, und vielleicht eine da⸗ mit verbundene Beſchaſſenheit des Koͤrpers, eine gewiſſe zähe Elafticität, die zwiſchen der Abſpannung unſerer Sumpfbewohner und der verſchrumpften Trockenheit der Tatariſchen Steppenvoͤlker die Mitte haͤlt. Ihr Wuchs kommt durchgehends dem unſrigen an Höhe J 4 136 aa Sin gleich und iſt bel, FE 1 von mitte, rer Statur zu nennen pflegen; oft aber geht er auch noch über dieſe hinaus. Ihre Glied: maßen find gemeiniglich, ohne ſich der ideali⸗ ſchen Schoͤnheit zu naͤhern, wohlproportionirt und insbeſondere bey den Jagdvoͤlkern zu ihren behenden Uebungen und zu langer Anſtrengung geſchickt. Ihre Sinne ſind, wie bey den mei⸗ ſten ungultivieten Nationen, ſehr geuͤbt und einer uns uubegreiflichen Zartheit der Unter⸗ ſcheidung fähig, die, wenn ſie ſich mit einer geuͤbten Vernunft zuſammen gedenken ließe, die hoͤchſte Vollkommenheit der menſchlichen Natur bezeichnen wuͤrde. Allein da die Ent⸗ wickelung eines Organs immer nur auf Koſten eines anderen geſchieht, ſo iſt auch uͤberall auf dem Erdboden mit dem Fortſchritte der ſittlichen Cultur die Abnahme dieſer unbegraͤnzten Em⸗ pfaͤnglichkeit der äußeren Sinne verbunden. Irrig hat man daher in unſerer Organiſation den Grund jener ins Unendliche gehenden Klaſſiſteirung der ſinnlichen Eindruͤcke geſucht, wovon der Wilde nur darum nichts zu mil: ſen und nichts zu unterſcheiden ſcheint, weil ſie eine Wirkung der entwickelten Vernunft und der bereicherten Sprache iſt, wodurch des Nordens von Amerika. 137 ſich unſer Bewußtſeyn in mehreren Modiſica⸗ tionen vervielfaͤltigt. Wenn wir nicht gegen das Zeugniß unſe⸗ rer Erfahrung und der Analogie annehmen wollen, daß die Natur in der Bildung des Menſchen willkuͤhrlicher, als bey anderen. Thieren, zu Werke gegangen ſey, ſo folgt unausbleiblich, daß theils feine Organifation, oder der Bau des menſchlichen Koͤrpers, theils die Verhaͤltniſſe, unter denen ſich ein jedes menſchliches Individuum auf die Welt geſetzt findet, an der Beſtimmtheit ſeiner Handlun⸗ gen und Aeußerungen einen ſehr weſentlichen Antheil haben muͤſſen. Haͤtte man dieſen Satz mit ſeinen natuͤrlichen Folgerungen ge⸗ hoͤrig bedacht, ſo waͤren unſtreitig jene uͤber⸗ eilten Schaͤſſe und Abſtammungs⸗Hypotheſen unterblieben, die man ſo oft auf bemerkte Aehn⸗ lichkeiten in der Lebens weiſe und den Sitten der verſchiedenſten Voͤlker gegründet Hat, Ich rede hier nicht ſowohl von den unſinnigen Träumen eines Moraez und eines Adair, die ohne Be⸗ denken die Juden zum Stammvolke der Ame⸗ rikaner annehmen, ſondern von den bis zum Ekel wiederholten Parallelen zwiſchen den Bes wohnern der Tatarey und denen des neuen J 133 Borldufige Schilderung Welttheils. ohne es geradezu laͤugnen zu wol⸗ len, daß Amerika von Aſien her bevoͤlkert worden ſey, ſind die zufaͤlligen Aehnlichkeiten, auf wel⸗ che man ſich beruft, keinesweges hinreichend, etwas anderes als die natuͤrliche Verwandt; ſchaft darzuthun, welche uͤberall aus den Hand⸗ lungen vernuͤnftiger Thiere von ahnlicher Orga niſation hervorleuchten muß. Charlevoix hat freylich die merkwuͤrdige Anekdote aufbewahrt, daß einſt ein Jeſuit, der P. Grollon, in der Tatarey eine Huronin angetroffen habe, die er zuvor in Canada gekannt hatte; allein was dieſe Herren finden koͤnnen, geht fo oft über den Maßſtab des Begreiflichen hinaus, daß es nur da zur Autorität werden kann, wo ihre Unfehlbarkeit noch gilt. Unerklaͤrbar wird es dagegen immer bleiben, daß die Aſiatiſchen Voͤl⸗ ker, da ſie gleichſam nur einen Schritt zu ma⸗ chen hatten, um uͤber Behrings Meerenge nach Amerika hinuͤber zu kommen, mit dieſem Schritte zugleich auch alle Gewohnheiten ihres vorigen Aufenthaltes von ſich geworfen, und nicht entweder ihre zahmen Thiere mit ſich hin⸗ Aber geb acht, oder von den wilden Heerden der in Amerika fo häufigen Rennthiere und Biſam⸗ ache ſich neues Zug; und Maftvieh zugezogen des Nordens von Amerika. 139 haben ſollten. Se näher beyde feſte Länder an einander graͤnzen, je leichter es den Menſchen werden konnte, von dem einen zum anderen hinuͤber zu gehen; deſto unaufloͤslicher wird die⸗ fer Einwurf, da die Zaͤhmung der Thiere allen Amerikanern jederzeit ſo fremd geblieben iſt, daß man ſelbſt in Mexico, bey einem ſonſt ſchon merklichen Fortſchritt in den Kuͤnſten der Re⸗ gierung, auch nicht Hm Opur davon wahr⸗ genommen hat. / Die neulichen Entdeckungen in der Lands ſchaft Kentucky, in dem Amerikaniſchen Mes ſopotamien, zwiſchen den Fluͤſſen Ohio, Tſche⸗ roki und Miſſiſſippi, ſcheinen auf ganz andere Spuren zu führen. Hier, gewoͤhnlich dicht am Waſſer, auf gut gewählten, von Natur durch ihre Lage ſchon feſten Plätzen, findet man eine Anzahl uralter kreisfoͤrmiger Fer ſtungswerke von Stein. Die Alteften India ner wiſſen nichts davon zu erzaͤhlen; jede Sage von ihrer Entſtehung iſt erloſchen, und die Bäume innerhalb ihres Bezirkes find nicht jünger oder ſchmaͤchtiger, als die im Umkreiſe derſelben emporgewachſenen. Un⸗ ſtreitig waren ſie das Werk eines Volkes, das einer welt anhaltenderen Anſtrengung ſäͤ⸗ 140 Vorlaͤufige Schilderung — ga — hig war, als die jetzigen Eingebornen von Amer ! rika, und man begreift es kaum, wie es moͤg⸗ lich geweſen iſt, ſie ohne eſſernes Handwerks⸗ geraͤth zu erbauen. In einer bequemen Ent⸗ fernung von einer jeden Feſte ſteht immer ein kleiner Erdhuͤgel in pyramidaliſcher Geſtalt, der mit der Groͤße der benachbarten Feſtungs⸗ werke in Verhaͤltniß zu ſeyn ſcheint. Wenn man ihn aufgraͤbt, findet man eine kalkar⸗ tige Subſtanz darin, die man fuͤr Ueberbleib⸗ ſel von Knochen, und zwar vermuthlich von menſchlichen Gebeinen, halt. Wer vermag die Dunkelheit zu durchdrin⸗ gen, welche die Zeitalter des Daſeyns von Amerika vor dem Anfange ſeiner Geſchichte deckt? Dieſe Geſchichte geht in den organiſir⸗ 2 Reichen von Peru und Mexico kaum zwey⸗ oder dreyhundert Jahre uͤber den Zeitpunkt der Spaniſchen Entdeckung zuruͤck. Aber in jenem allgewaltigen Kreiſen der Natur, da ſie das ungeheure erloſchene Incognitum und alle die unzähligen Thier ⸗und Pflanzengeſtalten gebar, die jetzt noch die Oberfläche des Amerikaniſchen Bodens ſchmuͤcken — wer wagt es zu laͤugnen, daß nicht auch die Menſchengeſtalt unter guͤn⸗ ſtigen Bedingniſſen daſelbſt auf irgend einem des n von Amerika. 141 4 m bequemen Mittelpunkte der Cänder TEN hen und ſich nach allen Richtungen hin ver⸗ breiten konnte? Von Norden her kamen die Voͤlker, die ſich in Mexico civiliſirten; am Mitſſiſſippi und in Florida errichteten die Natſches und die Apalaſchen ihren Sonnen dienſt; am Ohio liegen jene merkwöͤrdigen Truͤmmer; im hoͤchſten Norden verdraͤngt die Raße der wohlgebildeten Amerikaner erſt ſeit Kurzem die kleinen zwergartigen Polarmen⸗ ſchen, und die Hundsrippen⸗Indianer (Dog- ribbed Indians, Fr. Plats cdten de chien) und die Kupfer, Indianer, die jetzt bis an das Eismeer in 71 N. Br. jagen, ſcheinen vor dieſem weit ſuͤdlicher gewohnt zu haben. Mehrere Data von dieſer Wichtigkeit, die ſich vielleicht noch kuͤnftig ſammeln und zu einem hiſtoriſchen Lichtpunkte vereinigen Taf ſen, zumal wenn die Beobachter ſelbſt, mit Vorkenntniſſen ausgeruͤſtet und gegen Vor; urtheile auf ihrer Hut, den eigentlichen Punkt, warum es zu thun iſt, kennen und im Auge be⸗ halten werden, erleichtern einſt dem kuͤnftigen Geſchicht / und Menſchenforſcher die Beantwor⸗ tung jener dunkeln Frage, eg die Amer kaner mn 8 142 Vorlaͤuſige Schilderung ö —— 1 Es klingt Anfangs widerſinnig, wenn man die Engländer behaupten hoͤrt, daß die Ich⸗ thyophagen, oder Fiſcheſſer, an der Nordweſt⸗ kuͤſte an ſittlicher Bildung vor den Jagdvoͤlkern im Inneren von Canada und um die Hudſons⸗ bay den Vorzug verdienen, da man gleichwohl die Schilderung von ihrer ekelhaften Lebensart und ihrem Geſchmack am Genuſſe des Men⸗ ſchenfleiſches nicht ohne Schauder leſen kann. Allein von einer Seite ſcheint dennoch die Behauptung voͤllig gegruͤndet, und eine oder die andere barbakiſche Gewohnheit, die noch aus roheren Zeiten uͤbrig geblieben iſt, darf uns im allgemeinen Urtheile nicht irre leiten. Der ruhige Aufenthalt der Kuͤſtenbewohner in einem beſtimmteren Bezirk, die Regelmaͤßigkeit der Befchäftigungen, womit fie im Sommer ihren Lebensunterhalt gewinnen und ihren Wintervorrath einſammeln, der hoͤhere Grad des Fleißes und der Sorgfalt, die ſie auf den Bau ihrer Kaͤhne und Haͤuſer verwenden muͤſ⸗ fen, die winterliche Muße, die ihnen zur hoͤ⸗ heren Vollendung ihrer Kunſtarbeiten, an Klei⸗ dern, Zierathen, Geraͤthſchaften und Waffen dient, die leichtere Communication endlich auf dem Meere, dieſem Elemente der menſchlichen 0 ü ü | a Nordens von Ametika. 143 Cultur, wodurch ſich 7 die Gelegenheit zum Verkehr und Tauſchhandel mit entfernten Nachbarn und folglich zur Einſammlung eines groͤßern Ideenvorrathes darbietet: dies alles traͤgt dazu bey, fie auf der Bahn zur Entwicke⸗ lung ihrer ſchlummernden Geiſteskraͤfte ihren Bruͤdern im Walde zuvorkommen zu laſſen, und die Grundbegriffe aller Moralitaͤt, die richtigen Beſtimmungen des Verhaͤltniſſes zwi⸗ ſchen Menſch und Menſch ihnen naͤher zu legen. Die Jagd geſtattet keine Vereinigung der Menſchen in ſo großer Anzahl, wie der Aufenthalt an einer fifchreichen Kuͤſte. Un⸗ aufhoͤrlich in kleine Familien zertheilt, die ſi fü ch immer wieder abzweigen, jo wie das Beduͤrf⸗ niß der Nahrung fie aus einander treibt, wer⸗ den die nächfiverwandten. Horden iich dieſe Lebensart von einander entfremdet, und die Bande geloͤſet, die doch ſonſt unter den Vol kern von einerley Mundart und Sitte wirkſam ſind. In der Eindde des Waldes, fern von einander, veraͤndert ſich allmaͤhlich auch die Sprache der verſchiedenen kleinen Haufen; die wenigen Worte, welche ſie vor ihrer Trennung kannten, verlieren ſich unter der Menge der neuen, die ſie ſich nach und nach fuͤr neue Ge⸗ 144 Vorlaͤufige Schilderung . FOREN genftände in ihrem neuen Jagdbezirke, für neue Verhaͤltniſſe, für zufällige Ereigniſſe ſelbſt bilden muͤſſen. So entſteht eine endloſe Verſchiedenheit der Sprachen, wie ſie im in⸗ neren Nordamerika ſo haͤufig angetroffen und von Reiſebeſchreibern erwuͤhnt worden iſt. Eine merkliche Abweichung unter den Gebraͤu⸗ chen der mancherley Voͤlkerſchaften von einan⸗ der, laͤßt ſich leicht aus eben dieſer Vereinzelung erklären; ſelbſt der Umſtand, daß die verſchiede⸗ nen Staͤmme ihren Kindern den Kopf bald ſo, bald anders zu formen ſuchen, iſt eine Folge von der Beybehaltung eines Grundbegriffes, der ſich nur nach den Umſtaͤnden immer modiſieirt. Jagd und Krieg ſind die einzigen Haupt⸗ beſchaͤftigungen des Indlaners; er jagt, wenn ſein Vorrath zu Ende geht, und macht ſich auf den Weg, eine benachbarte Horde zu beſchlei⸗ chen, wenn er dem alten Hader nachdenkt und für eine vermeinte Beleidigung Rache fordern zu muͤſſen glaubt. Die Voͤlkerſchaften, welche den Europälſchen Niederlaſſungen näher woh⸗ nen und mit ihren Emiffarien bekannt find, haben ſich bereits an neue Beduͤrfniſſe ge⸗ woͤhnt; ſie brauchen Meſſer und anderes Eiſen⸗ geruͤth, Tuch zur Kleidung, Zierathen zum N Putz, Putz, Flinten, Pulver und Bley zur Jagd, und vor allem das unentbehrlich gewordene hitzige Getraͤnk, den ſchlechten, ungeſunden Branntwein, der ſie bis in die Wurzel des Le⸗ ö bens vergiftet, und ihre Naße gaͤnzlich auszu⸗ rotten drohet. Sie jagen aber auch ſchon nicht bloß, um ſich Speiſe und Decke zu verſchaffen, ſondern um Weiner zuſammen zu bringen, „e ſchen können. ; Durch den Umgang mit den Europäern, die ſich lange Zeit ihre Einfältige e machten, hat ihr Charakter end⸗ lich viel von ſeiner ehemaligen Redlichkeit vert loren; das Beyſpiel des Betruges mußte fie ergreifen, und jetzt fuchen fie ein Verdienſt darin, ihre habfüchtigen Bundesgenoſſen zu uͤberliſten. In trunkenem Muthe äußern ſich ihre Leidenſchaften gewaltſamer als ſonſt; und ſelbſt die Abſpannung, die darauf folgt, wech⸗ 5 ſelt mit Anfällen von kranker Reitzbarkeit, die vielleicht noch furchtharer find, als ihre uͤber⸗ legten Grauſamkeiten. Kalte, empfindungs⸗ loſe Rache it allen rohen, wilden Völkern ger mein. Sich an die Stelle eines anderen ſetzen, 5 kann nur der Menſch, den die Erziehung auf eine ‚höhere. ‚Stufe der ne bob. 8. Feen, il. Ei. 5 . Be des Mordens von Amerika. 145 152 wertet, eg Daher {fe auch der Begriff des mein dem Wilden, wie dem Kinde, ſo vlel geläufiger, als der damit verſchwiſterte Begriff des Dein. Ein Fortſchritt in der Bildung. des Geiſtes, in ber Entwickelung moraliſcher Gefuͤhle, in dern Uebung der Urthellskraft iſt auf dieſem Wege, dey dieſer Lebensart, ‚ und durch dleſes ver⸗ derbliche Verkehr mit den verworfenſten Men / en unſerer Europalſchen Raße nicht mog ich. Die alten Indianer ſelbſt hatten noch anzebornes Gefuͤhl genug, um einzuſehen, daß die Moralität ihrer Jugend durch den Umgang mit gewiſſen angeblichen Lehrern des 15 Thriſtenthums , und durch das Beyſpiel ihrer jaͤgelloſen Ausſchwelfungen zerruͤttet würde, Sie baten daher die Statthalter der Colo n hieen, daß man bdiefe Elenden von ihnen entfernen moͤchte. Allein wie leicht es den ⸗ noch ſey, mit den Amerikaniſchen Wilden auszukommen, in welcher natuͤrlichen Achtung die Geſetze der Billigkeit bey ihnen ſtehen, dies beweiſen alle die verſchiedenen Unter handlungen, welche die vereinigten Provin⸗ gen, die Canadier und die Franzoſen mit ihr nen gepflogen haben. Faſt ohne Schwert⸗ 5 ſchta 9, faſt ohne Ser, dat wan Ken‘ do des Nordens „eum. 14% Eigenthum der ER ROH 11 100 denen jetzt die Macht der Amerikaniſchen Republik mit ſo vielem Glanze zu einem ange in der politiſchen Welt heranwaͤchſt, Die beyden wichtigen Angelegenheiten des Menſchengeſchlechtes „ die in anderen Welt, theilen jeder anderen Sorge vorhergehen, und denen die Summe aller Geſchaͤftigkeiten un, tergeordnet zu ſeyn pflegt, Regierungsſorm und Gottesdienſt, haben dem wilden Amneri⸗; kaner nie viel Kopfbrechens gekoſtet. Er de darf keines Herrn und keiner Prieſter; weng er in den Krieg zieht, wählt er den Tapfer ſten ſeines Haufens zum Fuͤhrer, und wenn er an einen großen Waſſerfall kommt, ber wundert er die Macht des Unſichtbaren, der dort im Brauſen der Fluthen, wie einſt dem Aegyptiſchen Hirten in der entzuͤndeten Sümpf⸗ Auft, ihm näher zu ſeyn ſcheint. Bey go⸗ wohnlichen Ereigniſſen des Lebens wendet er ſich aber nicht an dieſen oberſten, wohlch& tigen Geiſt; da genuͤgt ihm der Geniut, den er ſich zum Schutz erkohten hat, und deſſen Ebenbild er in irgend einem Thiere zu erkennen glaubt. Bey den Kuͤſtenbewoh⸗ nern wird man bereite den Anfang elner K 2 ö 149 Vorlaͤuſige Schilderung „ — —— Deſpotismus gewahrt die Oberhäupter herr⸗ ſchen mit einer beynahe uneingeſchränkten Macht uͤber das gemeine Volk; ſie bewohnen gerätimigere Haͤuſer, ‚fe beſi itzen einen erle⸗ ſenern Hausrath, ſie genießen die Leckereyen und die fetten Biſſen, fie. werden von zahl⸗ reichen Sklaven bedient, ſie halten ſich ſogar Sklaven zum Abſchlachten fuͤr ihren Tiſch, ſie kennen den Luxus der Vielweiberey, fie erlauben oder verbieten endlich das Ver⸗ tehr mit den Fremden, und eignen ſich die beſten im Tauſche gewonnenen Waaren zu. Vom hierarchiſchen Deſpotismus hingegen, von einem abgeſonderten, privilegirten Prie⸗ ſterſtande, hat man en nech teine Spur bemerkt. * © 4 199 Das mannigfaftige Sittengemälde, die | es aller verfchiedenen Gewohnhei⸗ ten und Gebrauche, wodurch ein Stamm ſich vom anderen unterſcheidet, oder worin ſie alle mit einander uͤbereinſtimmen, ſo an⸗ muthig und anlockend dies alles auch ſchei⸗ nen mag, fuͤhrte uns hier zu weit von un⸗ ſerm Ziele. Es iſt genug, meet wir hie auf die Reiſebeſchreiber verweiſen. des Norden vonAnerffa.. 249 1 # 1 > * y 2 ! } . e „ 4 * 8 11 6. 18. 5 0 5 a Europäische Auſtedler. Zur Vollſtandigkelt dieſes Aufſatzes ge hört es nach, mit einigen Worten die Antigen Bewohner des neuen Weltthells zu erwaͤhnen b deren Ueberkunft aus unſerem Welttheite be kannt iſt, und die ſich folglich von den ur⸗ ſpruͤnglichen beyden Wein, 3 Amer orten dern laſſen. Schon fruͤh im Mittelalter „ um das Sehr 988 oder 989 nach Christi Geburt, entdeckten die kuͤhnen Norwegiſchen Abentheurer das oͤſt⸗ liche Ufer von Groͤnland, und ließen ſich dar ſelbſt nieder, weil aller »Wahrſcheinlichkeit nach damals das Klima noch ungleich milder war, als es jetzt durch die Auhaͤufung des El⸗ ſes an den Kuͤſten geworden iſt. Von hier aus beſuchten und beſetzten fie: auch die Juſel Neu⸗ fundland. Wenige Jahre nach der erſten Ent⸗ deckung (um das Jahr 1000) nahmen die dortigen Normaͤnner das EChriſtenthum an, und ungefaͤhr nach Verlauf von hundert Jah⸗ ren hatten ſie an der Ofckaſte zwoͤlf Kirchen und zwey Kloͤſter, ſo wie an der Weſtkuͤſte vier Kirchen erbauet, und wählten ihre eigenen 13 Bol. von denen man eine Folge t K 7 2350 - ©. be Ba kann. —— ie aber die um das Jahr 1376 erwühnte erſte Ueberkunft der Eskimos oder jaßigen Groͤnluͤnder aus dem füblicher gelegenen Lande Labrador, welches fie. wahrſcheinlich wegen des Andringens der anderen Amerifaniſchen Stämme verlaſſen mußten. Dieſe den Normaͤnnern ſchon laͤngſt in Neufundland bekannt gewordenen und we⸗ gen ihrer unanſehnlichen Statur von ihnen mit dem werächglichen: Namen Sbrellinger oder Zwerge bezeichneten Menſchen waren die einzi⸗ gen Bewohner der Weſtkuͤſte von Groͤnland, als man ſie 1776 wieder entdeckte. Ob die zunehmende Kaͤlte, oder die im Aufauge des funfzehnten Jahrhunderts eingeriſſene epide⸗ miſche Krankheit (der ſo genannte ſchwarze Tod), oder die Skrellinger, oder endlich alle dieſe Urſachen zuſammengenommen, die Aus⸗ rottung des Norwegiſchen Pflanzvolkes bewirkt haben, bleibt wahrſcheinlich unſerer Kritik auf ha ein unauflösliches Problem. an Nachdem Cabot 1497 die Inſel Neuſund⸗ land wieder gefunden hatte, folgten die ver⸗ ſchtedenen Entdeckungsreiſen im Norden ſchnell auf einander. So oſt indeß die Weſtkuͤſte von Orünkand hen ward, ſo wenig lockte das Besen und 252 | kalte 4 men ein. — Volt an, ſich daſeſbſt niederzulaſſen, bis der 1 Egede im Jahr 1721 ſeinen Hof bewog. Miſſionsanſtalten daſelbſt anzulegen und zu unterſtuͤtzen, die zum Theil noch ſortdauern und den Wallfiſchfang der Daͤnen erleichtern. Auf Zudſons Entdeckung des großen Meerhu⸗ ſens, der ſeinen Namen trägt, folgte 1669. die Errichtung der Hudſonsbay, Compagnie, als einer privilegirten Handelsgeſellſchaft, welche vermoͤge ihres Freybriefes von A Karl dem Fweyten das ausſchließliche Recht erhielt, ihre Faktoreyen, an bepden Ufern der Hudſonsbay ſowohl, algeim Inneren des Lan⸗ des, anzulegen. Dem zufolge begruͤndete fie: am Churchillſluß das Fort Prinz von Wales, am Nelſonfluß das Fort Nork, am Albauyfluß Zenley Saus, und auf der Kuͤſte von Labrador, oder dem ſo genannten Eaſt Main, die Forts Rupert und Richmond. Im Innern erſtrel⸗ ken fh, wie wir geſehen haben, ihre Statio⸗ nen oder Faktereyen bis jenſeits des Aratha⸗ peskow⸗ oder Arabaska⸗Sees. Ihre Ausfuhr nebſt den Koſten der Unterhaltung für ihre Ber: amten beträgt, ein Jahr ins andere, etwa zwamistauſeno Pfund Sterling; die Einfuhr K 4 nee BR ! an Peſpvert dagegen etwa ſieben und dwanzig⸗ tauſend Pfund Sterling, welches einen jaͤhrli⸗ chen Gewinn von ſieben tauſend Pfund ab⸗ wirſt. Allein nach anderen Berechnungen ge⸗ winnen die Intereſſenten ohne allen Vergleich eine größere Summe. Auch haben ſie ſeit einiger Zeit Ihren Handel ſehr zu erweitern und mit den Canadlern zu wetteifern geſucht, um dem Vorwurſe zu entgehen, daß ihre Un⸗ Hazet 2 Brittiſchen | Mie Auf bust Entdeckung von Canada im Jahr 1756 folgten bald die erſten Verſuche anderer Franzöſiſcher Abentheurer, die ſich dort ſowohl, als in der benachbarten Halbinſel Aea⸗ dien, niederlaſſen wollten; allein dieſe unreifen Verſuche blieben ohne allen Erfolg, bis Cham⸗ plain 1668: den Grund zur Stadt Quebek legte. Nunmehr haͤtte Canada in den Haͤnden der Franzoͤſiſchen Regierung eine wichtige Colo⸗ nie werden koͤnnen, zumal da man im Innern derſelben eine Communication mit Luiſiana, wel⸗ ches ebenfalls der Krone Frankreich gehörte, vermittelſt der fuͤnf großen Seen und der Fluͤſſe Illinois und Miſſiſſippt eroͤffnet hatte; allein die groben Fehler der Colonial ⸗Adminiſtration - u a WW ELLI BE SIT AS des Nordens von Amerika. 153 be m ae . 2 — vereitelten dieſe Ausſichten in dem Grade, daß man ſich 1763 gluͤcklich ſchaͤtzte, Canada und Acadien oder Neuſchottland an die wende abzutrsten. Nach dem Verluſte der übrigen Colonieen ſchenkte die Brittiſche Reglerung den bisher ver⸗ nachläſſigten und freylich auch von der Natur etwas ſtiefmuͤtterlicher behandelten nordiſchen Provinzen, die ſich ihrer Botmaͤßigkelt nicht entreißen konnten, beſondere Aufmerkſamkelt. Canada enthielt beym Friedensſchluſſe von 1783 genau 113,012 Engliſche und Franzoͤſiſche Co⸗ loniſten, und außerdem noch gegen zehntauſend Flüchtlinge aus der Amerikaniſchen Republik,, oder ſo genannte Loyaliſten, denen ein eige⸗ ner Bezirk in der oberen Gegend von Canada am Cataraquiſluß und am Ontario⸗ See ange⸗ wleſen worden iſt. Die Bevölkerung von Guebek beſtand damals aus 6,472 Seelen, und die von Montreal mochte nur um wenig f geringer ſeyn. Die fo genannte Aueber- Vill, eine Por, lamentsakte vom vierzehnten Negierungsjahre Georgs des Dritten, enthielt die Grundver⸗ ſaſſung dieſer Provinz, nach welcher die geſetz⸗ K 3 area dem ne und n ihm zugeordneten Rathe uͤbertragen war. Der Uns terſtatthalter, der Oberrichter, der Reglerungs / Sekretair und zwanzig andere Mitglieder, von denen die Halfte Franzöſiſcher Abkunft ſeyn mußten, waren die Mitglieder jenes Rathes, und erhielten einen Jahrgehalt von hundert Pfund Sterling. Allein obgleich die meiſten Funktionen der Regierung Ihnen oblagen, fo hatte ſich doch Großbritannien das Recht, die Auflagen zu erkennen, vorbehalten, und dage⸗ gen die in fuͤnf und zwanzigtauſend Pfund Sterling beſtehenden jährlichen Koſten der Ci⸗ vilekiſt⸗ zn beſtzelken verſprochen. Re, Diefe Verfaſſung konnte aber nicht a | Beſteand haben; es war natürlich, daß von allen Seiten Reklamationen dawider einliefen: 4 thells von den Einwohnern der unteren Pro⸗ vinz, die das billige Recht ich ſelbſt zu taxiren, und ihre eigene Provinzlal⸗Verſammlung ver⸗ langten; theils von den Loyaliſten im höheren Canada, die ſchon in ihrem vorigen Vater⸗ lande freyere Grundſaͤtze geſchoͤpft hatten, und ſich an das in Quebek von dem Franzoͤſiſchen Adel: eingeführte Lehusſyſtem nicht gewoͤhnen des Nordens von Amerikn. 255. konnten. Die Klugheit rieth daher dem Brit⸗ tiſchen Miniſter Piet, dem Uebel abzuhelfen, ehe noch die Klagen recht zur Sprache kaͤmen; und fo entſtand bereits im Jaßr 1790 die neue Auebek⸗ Akte, vermöge deren Canada in zwey ganz von einander unabhängige Provin⸗ zen abgetheilt wird, die nach Maßgabe des verſchiedenen Beduͤrfniſſes der Einwohner eine merklich verſchledene Verfaſſung erhalten haben. Auffallend iſt es, daß eine Engliſche geſetzge⸗ bende Verſammlung an der Neige des acht⸗ zehnten Jahrhunderts in dem Entwurfe dieſer Verfaſſungen eine privilegirte Adelsklaſſe in Canada ſoͤrmlich aber die anderen Buͤrger er⸗ hob, Ihr beſondere Immunitäten bewilligte, ihre Lehus rechte heiligte und beſtaͤtigte, und aus ihrer Mitte ein erbliches Oberparlament ſtiftete, welches, wie das Brittiſche, zugleich einen geiſtlichen Adel in ſich ſchließt. Dieſe von der Oppoſitionsparthey vergeblich geruͤgte Barbarey unſeres Zeitalters kann in jenem Weltthelle nicht leicht die ſchlimmen Folgen, wie im unſrigen, nach ſich ziehen. Das maͤch⸗ tige, glänzende Beyſpiel der Gleichheit und Freyheit in der benachbarten Republik der ver⸗ einigten Staaten, verbreitet eine ſo helle Maſſe 156 Votlaͤuſige San von Licht, daß die Werbe der Funſterniß uumdg lch lange daneben wine !nnen. | Die ganze Ausſuhp von Quebet n im Jahre 1786: 34,62 Pfund, 19 Schilling, . 6 Pence Sterling, und die Einfuhr dieſes Jah⸗ res 325,116 Pfund Sterling. Von der Aus⸗ fuhr war das Pelzwerk der Hauptartikel; denn er belief ſich auf 285,77 Pfund. Die uͤbri⸗ gen Artikel waren Weizen, Mehl, Zwieback, Leinſamen, allerley Hausrath von Holz, Fi⸗ ſche, Pottaſche, Oel, Ginſeng und andere Arz⸗ neygewaͤchſe. Dagegen wurden eingefuͤhrt: Rum, Branntwein, Melaſſen oder Syrup, Kaffee, Zucker, Wein, Taback, Salz, Schoks⸗ lade, Lebensmittel fuͤr die Truppen und allerley trockene Waaxen. a ti Ri Neuſchottland und Reubraunſchwelg Silben jetzt ebenfalls zwey abgeſonderte Provinzen, deren vorzuͤglichſter Handel in der Verfertigung von allerley Hausrath aus ihrem guten, dauer⸗ haften Holze beſteht, den fie ſodann nach den Weſtindiſchen Inſeln führen, um allerley Arti⸗ kel des Luxus, als Rum, Zucker, Kaffee, u. ſ. w. dafür einzutauſchen Ihre Ilſchered if. 1 weühnt, weil die Graͤnzen des Theils des Nordens von Amerika. 157 — —— der von Neufundland die betraͤchtlichſte, und ward im Jahr 1743 ſchon auf mehr als go, oo Pfund Sterling angeſchlagen. Der Kornbau bleibt dagegen: noch zu unbedeutend, um dem. Beduͤrfulſſe der Einwohner zu genu⸗ gen. Ihre Verfaſſung iſt nach der Engliſchen gemodelt, und fuͤr einen Staat in ſeiner Kind⸗ heit mag ſie leicht hinreichend ſeyn, bis die größere Bevölkerung ihre Mängel aufdeckt. Durch die Auswanderung der Lopaliften aus den unabhangig gewordenen Provinzen hat ſich die Volksmenge von Neuſchottland ſchon an⸗ ſehnlich vermehrt. Der Hauptort Zalifax zähle gegen 20,000 Einwohner; Annapolis mit ſeinem unvergleichlichen Hafen hat ſich ſeit dem Frieden um fünf Sechstheile vergrößert; Barrington hat 4,000, und unn 13,000 e erhalten. n Nord⸗ amerika, den wir zu betrachten hatten) ſie na⸗ taͤrlich mit einzuſchließen ſcheinen. Ueberdies gewinnen wir auch ſo viel durch dieſen Zuſatz, daß wir das wichtige Faktum der ſchnellen Fort⸗ ſchritte der hieſigen Senäiterung am Schluffe Ich habe dieſe beyden ee er⸗ iss — bleſer verfüge vor Augen behalten, und von demſelben auf die Benutzung des ganzen uner⸗ | meßlichen Landes, im Weſten von Canada, welches des Anbaues ſo faͤhlg if, „ die ee, rn 1 tunen. e & 7 x N 1 22 4 1 3 8 W * 3 N 0 2 * 1 * RR Fu 5 ih Ra . > ’ 2 * 4 Y 11 15 G e ſ chi chte \ der Engliſchen Litteratur, dom Jahr 1789. — >> A ee ee ee Fin a A u ee ei vu 9 2 Geſchichte der Engliſchen Litteratur, vom Jahre 1789. 1 eitterärifche Zeitrechnung. Kritiſcher Deſpotismus der Recenſenten. Politiſche Denkfreiheit und gelehrte Intoleranz. Prieſileys und Gibbons Verketzerung. Taylors neuplatonifche Schwaͤr⸗ mereyen. Beytraͤge der Brittiſchen Theologen Tur beſſern Interpretation der Bibel. Kennieott, Lowth, Neweome, Campbell und Weſton. Nene Bibelüberſetzung von Geddes. Innere Erleuch⸗ tung des Profeſſors Cooke. Predigten. Madans und Shepherds Kriege gegen die Ketzer. Politi⸗ ſche Kanzelreden uͤber die Revolution und uͤber den Negerhandel. Ryaus Wirkungen der vers ſchiedenen Religionen. Lardners und Warbur⸗ tons Werke. Geſchichte des Judenthums, bon Shaw. Zuſtand der Philoſophie in England. Neid über die thaͤtigen Kraͤfte im Menſchen. Effayifis, eine eigene Gattung von Schriftſtel⸗ lern. Prieſtleys Vorleſungen uber die Geſchichte. Monboddo vom Urſprung und der Ausbildung der Sprache. Vertheidigte Aechtheit der Pariſchen Chronik. Whites Ueber ſetzung der Reden des Ci kerd gegen den Wertes. Pownal vom alten Gal⸗ lien. Teſtament des Königs Alfred. Fenns diplo⸗ matiſche Seltenheiten. Gordons Geſchichte der Nordamerikaniſchen Staaten. Der letzte Krieg G. Forſters kl. Schr. zr Th. L 146 ede de Engtifchen in Indien, von Munro. Whitakers Itaters Ehret tung der Koͤnigin Maria von Schottland. Nuſ⸗ ſels Geſchichte des heutigen Europa. Revolu⸗ i tionen in Holland. Biographieen Swifts und Napiers. Politiſche Schriften von Sir John Dalrymple, Sheridan, Scott und Sinelair. Aikins Beſchreibung von England. Schutzſchrift fuͤr die Ehre der Engliſchen Flotte. Huttons Court ok Requeſts. Pamphlets über die Re⸗ gentſchaft. Schriften uͤber den Negerhandel; Beweiſe aus dem alten und neuen Teſtament für die Rechtmaͤßigkeit deſſelben. Lebhafte Theilunah⸗ me des Publicums an dieſer Unterſuchung. Hi⸗ ſtoriſche Nachrichten von der Colonie in Neu: Suͤd⸗Wallis, von Tench, White und dem Gou⸗ verneur Phillip. Portlocks und Dixons Welt⸗ 5 umſchiffungen. Irwings Reiſe nach Indien und Howels Nuͤckkehr aus Indien. Luſignans Reiſe in der Europäiſchen Tuͤrkev. Die Krim, von Lady Craven bereiſet und beſchrieben. Mrs. Pioz⸗ Iiis Italieniſche Reife. Anbureys Feldzug des Generals Burgoyne in Nordameriea. Briefe über die Barbarey vom Major Juardine. Co⸗ ſtigans Skizzen von Portugall. Conſetts Lapp⸗ laͤndiſche Reife. Gilpins maleriſche Reiſen in Eugland und Schottland. Des meuſchenfreund⸗ lichen Howards Nachricht von Gefaͤngniſſen und Krankenhaͤuſern. Neue medieiniſche Schriften. Monros Burfae mucolſae. Deumans phyſiolo⸗ site Kupfer. Bells und Pearſons Chirurgieen. Vom Lyceum und der humane Society gekrönte — — . . 8 — 2 W Oo u „„ „ „% u Wk Du eM Litteratur vom Jahre 1789. 147 Preisſchriſten. Cullens Vorleſungen über. die Materia Medica. Der Schnuͤrbruſtſchneider Philipp Jones, über die Verwachſenen. Natur⸗ biſtoriſche Schriften. Smiths Linnaiſche Ss eietaͤt. Artons Hortus Kewenfis, Murtyns Conchologiſt. Kuͤnſtliche Kalte; Zerlegung der Luft; Entdeckung neuer Trabanten um den Gas turn und den Uranus. Schottiſche und Flaͤndi⸗ ſche koͤnigliche Geſellſchaften der Wiſſenſchaften. Marſhalls Landwirthſchaft. Edwards und Hounzs oͤkonomiſche Luftſchloͤſſer. Werke der Phantaſie. Academy for grown Horſemen. Neue Schau⸗ ſpiele und Romane. Graf Strongbow. Ueber⸗ ſchwemmung von Lehrgedichten. Ueberſetzungen aus dem perſiſchen. Sine | Die eitungen des rte ele beſtimmen die gejchäftige Periode aller Kauf⸗ leute von derjenigen Klaſſe, welche von dem Luxus und der langen Weile der beguͤterten Eng⸗ laͤnder lebt. Das litterariſche Jahr hebt eben, falls mit dem November oder December an, und geht bereits im Anfang des Sommers zu ‚Ende; denn ſobald die Parlements Glieder, und mit ihnen der ganze Schwarm von Klien⸗ ten und Müßiggängern, die Hauptſtadt verlaſ⸗ ſen, ſo halten dle Buchhändler mit ihren wich⸗ tigeren Publicationen ein, aus Furcht, ihre 148 Geſchichte der Engliſchen Ankündigungen in den Londoner Zeitungsblaͤt⸗ tern möchten uͤberſehen, und ihre Verlagsarti⸗ kel nicht bekannt genug werden. Unſere An⸗ zeigen von den neuen Erſcheinungen am littera⸗ riſchen Horizont in England muͤſſen ſich nach dieſer Einrichtung bequemen, und den Leſer nur mit den bemerkenswertheſten Schriften, welche während der letzten Parlements⸗Si⸗ tzung herausgekommen ſind, bekannt machen. Es giebt gewiſſe Erſcheinungen in der menſchlichen Natur, welche em Determinis⸗ mus das Wort zu reden ſcheinen, und faͤhig ſind den philanthropiſchen Enthuſiasmus nie⸗ derzuſchlagen, der nicht allein vom Adel der menſchlichen Seele die erhabenſten Begriffe hegt, ſondern ſogar an eine allgemeine Vered⸗ lung des geſammten Menſchengeſchlechts und die Theilnehmung aller Individuen deſſelben an einem hoͤheren Grade von Gluͤckſeligkeit, durch die erhöhete Thaͤtigkeit ihres ſittlichen Princips, zu glauben wagt. Wir zaͤhlen hier, her vorzuͤglich die Traͤgheit des Verſtandes, die Macht der Erziehung und der Gewohnheit, und die daraus entſpringende Willigkeit, ſich einer fremden Autorität zu unterwerfen, die auch in einem freen Staate auffallende Hin⸗ 5 Litteratur dom Jabte 1789. 149 derniſſe der allgemeinen Aufklaͤrung bleiben. Ein merkwuͤrdiges Beyſpiel dieſer Art iſt die Geduld, womit man ſich in England ſelbſt, ei⸗ nem litterariſchen Deſpotismus unterwirft, wovon die Gelehrſamkeit in Deutſchland und in Frankreich ſich unabhaͤngig erhalten hat. Es ſtimmt in. der That, mehr als man glauben ſollte, die gegenwärtige Brittiſche Litteratur auf einen gewiſſen einſeitigen Ton, daß die Recen⸗ ſenten daſelbſt unumſchraͤnktere Schiedsrichter des Nationalgeſchmacks ſind, als in jedem an⸗ dern cultivirten Lande. Zwey Journale tha monthly und the critical Review, die ſeit beynahe vierzig Jahren exiſtiren, beſitzen in ei⸗ nem hohen Grade das Zutrauen des Publi⸗ cums, und verhindern dadurch das Empor⸗ kommen anderer Schriften dieſer Klaſſe, oder zwingen doch dieſe, ſich von ihrem Tone nicht zu entfernen. Erſt ſeit Kurzem, nachdem das Kenrickiſche London Review wieder einge⸗ gangen war, find die Engliſh und Analitical Reviews erſchienen, die ſich durch jene Folg⸗ ſamkeit vermuthlich erhalten werden. Auch im European und im General Magazine findet man jetzt ausführliche Beurtheilungen und nach Engliſcher Aft ausgehobene Stellen aus so SGeſchichte der Engliſchen 4 ——— ⏑ ————— neuen Buͤchern, wodurch aber keinesweges der Partheylichkeit abgeholfen wird. Die Recen⸗ ſenten dieſer kritiſchen Journale ſind großen⸗ theils Geiſtliche, entweder von der anglicani⸗ ſchen Kirche, oder auch, zumal im Monthly Review, ſogenannte Diſſenters, aber darin mit einander einſtimmig, daß ſie, mit der Or⸗ thodoxle ihrer Sekten gewaffnet, in der Philo⸗ fophie wie in der Religion keine Neuerung ungeahndet hingehen laſſen. Dieſer aller⸗ dings fuͤr die Recenſenten, ja fuͤr ihren Staud ſogar, bequemen Methode muß der gegen⸗ wärtige Zuſchnitt der theoretiſchen Wiſſen⸗ ſchaften in England zum Theil beygemeſſen werden. Weit entfernt, daß man ſich, der Billigkeit und der jedem freyhandelnden Weſen zuſtändigen Denkfreyheit gemaͤß, an den Platz des Schriftſtellers und in feinen Geſichtspunkt verſetzen ſollte, um alsdann das Vollgewicht feiner. Gründe zu pruͤſen, oder ihre Schwächen aufzudecken, verurtheilt man den Neuerer nach den Grundſaͤtzen des Inqulſitionsgerichts, eben weil er es wagen durfte, ohne des Inquiſitors Brille ſehen zu wollen. Man begreift gar leicht, daß in ſolchen Fällen Sarkasmen die Stelle der Nogumente vertreten. In der fe⸗ Litteratur vom Jahre 1789. 181 — „ ⅛˙»— —— ſten Ueberzeugung, daß kein anderer Weg zur Wahrheit fuͤhre, außer demjenigen, den dieſe Herren ſelbſt wandeln, halten ſie ſich berech⸗ tigt zu lachen, ſobald fie einen einſamen Wan⸗ derer auf einem Nebenpfade erblicken, unge⸗ fähr wie die Fuhrleute auf der gebahnten Heerſtraße am Verſtande des Kraͤuterkenners und Geologen zweifeln, der muͤhſam die Fel⸗ ſenhoͤhen erklimmt. Die Fälle, wo das Pu⸗ blieum fruͤher und anders als die Recenfenten entſcheidet, ſind zufaͤllige Ausnahmen, und wenige Schriftſteller duͤrfen ſich ruͤhmen, den Ariſtarchen ihrer Inſel fo ungeſtraft getrotzt zu haben, als Sterne in ſeinem unnachahmlichen em Shandy. Die Geſetzgebung in England hat in Rel güönsſachen ein Toleranzſyſtem geheiligt, wel⸗ ches die ehemaligen fanatiſchen Verordnungen ſtillſchweigend zur Vergeſſenheit verurtheilt. Die ſtrengen Geſetze, wodurch die Ausuͤbung der katholiſchen Religion in jener Inſel verbo⸗ ten wird, haben, ohne eigentliche Abrogation, faſt gar keine Wirkung mehr, indem man den Erweis der Uebertretung den Angebern zu er⸗ ſchweren gewußt hat; da hingegen beftätigt ſich en den Kritiken jene alte Regel, daß de L 4 152 Bern ber Enten 3 dee beben deren eee am wenigſten verſchieden find, einander oft am mei ſten haſſen und verfolgen. Je weniger die Ver⸗ ſchiedenheit der religioͤſen Grundſaͤtze auf die buͤrgerliche Gluͤckſeligkeit und dle öffentliche Ruhe einzelner Menſchen ihren Einfluß äußert, deſto intoleranter find die Federn der verſchiedenen Sektirer gegen einander, und es iſt eben nichts Ungewoͤhnliches, daß der moraliſche Charak⸗ ter des heterodoxen Schriftſtellers um feiner Lehre willen verdaͤchtig wird, da man von ver⸗ meintlichen Irrlehren ohne Scheu behauptet, daß ſie aus Immoralitaͤt entſprießen, und wie: der zu ihr fuͤhren. Mit ungewoͤhnlicher Stren⸗ ge eifert man insbeſondere gegen den berähmz ten Prieſtley, ſeitdem er ſich öffentlich zu So; eins Meinungen bekannte. Ob feine Gruͤnde haltbar ſind, davon iſt unter ſeinen Gegnern nie die Rede: genug, daß ſie ihn fuͤr keinen Ehriſten erkennen. Eben ſo rufen die Zeloten das Anathema uͤber den Geſchichtſchreiber Gibbon; er iſt ihnen der Feind des Chriſten⸗ thums, der Antichriſt, weil er ſich gegen den Aberglauben und den Pfaffenbetrug empoͤrt, womit man die Religion in dunklen Zeital⸗ tern beſudelte. Ueber einen Thomas Taylor U En * r r rr Litteratur vom Jabre 1789. 153 hingegen, der in feinen. eben erſchienenen phi- losophical and mathematical Commenta- ries of Proclus die chriſtliche Religion gera⸗ dezu verwirft, und die neuplatoniſche Vielgoͤt⸗ terey an ihrer Stelle zum einzig wahren Glau⸗ ben machen will, verziehen fie, wie billig, nur ſanft den Mund. In der That iſt von einem Reformator nichts zu beſorgen, der mit den Schwaͤrmereyen des Porphyr, des Proclus, und des Plotinus angezogen kommt, und ge⸗ gen einen vermeintlichen Aberglauben zu kaͤm⸗ pfen glaubt, indem er ſich des laͤcherlichſten nicht ſchoͤmt; deſto mehr hingegen von dem Scharfſinne des Forſchers, der mit unerbitt⸗ licher Strenge verwirft, was auf der Wage ſeiner Vernunft zu leicht befunden ward. Bey der vollkommenſten Denkfreyhelt, die der Staat ſeinen Gliedern geſtattet, muß das Urtheil der kritiſchen Zunft, ſobald es immer von dem größten Haufen blindlings unterſchrie⸗ ben wird, ſowohl auf den Stoff als den Fort⸗ gang der Wiſſenſchaft dennoch einen nachtheili⸗ gen Einfluß äußern. Es giebt zwar von Zeit zu Zeit originale Koͤpfe, die ihren eigenen Weg der Unterſuchung gehen, und unbekuͤmmert um den Tadel dieſer unbefugten Cenſoren neue L 1 154 Geſchichte der Engliſchen Meinungen bekannt machen, oder ſo genannte Heterodoxieen mit neuen Gründen verfechten; allein ſie ſchreiben ſelten fuͤr Andere als die kleine Parthey ihrer Anhaͤnger, und das noch kleinere Haͤuflein der philoſophiſchen und uns’ philoſophiſchen Zweifler, die uͤberall entweder Wahrheit oder Beruhigung ſuchen. Nur ſel⸗ ten, nur wenn ein allgemein bekannter und beruͤhmter Name, wie Prieſtley, ſich mit Controversſchriften uͤber die Religion beſchaͤf⸗ tigt, wird das große Publicum aufmerkſam; und alsdann geben die Reeenſenten ihr Urtheil in einem deſto ſchneidendern Tone, um die Menge vor Wen e Bedenklichkeiten zu. bewahren. Indeſſen arbeitet man jetzt in England auf dem Wege, den unſere proteſtantiſchen Theo— logen ſchon ſeit einiger Zeit betreten, und wor⸗ auf ſie ihrer Wiſſenſchaft eine neue Form er⸗ rungen haben: auf dem Wege der kritiſchen Exegeſe. Der allgemein betrauerte Biſchof Lowth hatte den Anfang gemacht; Xenni⸗ cotts neue Ausgabe der Hebräifchen Bibel, mit allen ihren Maͤngeln, wirkte nach; der Bifhof Newceome bearbeitete hierauf in Ir⸗ land den Ezechiel; Dr. Campbell in Schott⸗ Litteratur vom Jahre 1789. 155 land die vier Evangellen; Weſton den Geſang der Deborah; und endlich entſchloß ſich Dr. Geddes, eine neue Engliſche Bibeluͤberſetzung zu unternehmen, die in ſechs großen Quart⸗ baͤnden einen ungeheuren Schatz von kritiſcher und philologiſcher Gelehrſamkeit enthalten wird, und, nach den Anzeigen und Proben zu urtheilen, fuͤr das Studium der Bibel in Eng⸗ land einen nicht geringen Nutzen verſpricht. Die Bekanntſchaft der heutigen Engländer, mit auswärtiger, zumal Deutſcher Litteratur kommt ihnen bey Unternehmungen dieſer Art ſehr weſentlich zu Statten, und ſolchergeſtalt liegt doch in der genaueren Verbindung, wor⸗ in jetzt die Europaͤiſchen Staaten in politifcher Hinſicht mit einander ſtehen, ein Mittel zur gleichfoͤrmigen Ausbreitung und Mittheilung neuer Vorſtellungsarten, und man hat Urſache zu vermuthen, daß, wie Newtons Grund⸗ ſaͤtze der Phyſik, alles anfänglichen Wider⸗ ſpruchs ungeachtet, bloß durch ihre Untruͤglich⸗ keit uͤber alle Einwuͤrfe ſiegten und allgemein angenommen wurden, ſo auch die Reſultate der Pruͤfung, die bey uns ein neues Licht auf den langen Hader zwiſchen Glauben und Ver⸗ nunft verbreiten, trotz der Unbiegſamkeit 156 RE der Engliſk n orthodoxer Gifever durch ihre eigene Wahrheit zuletzt auch in England anerkannt werden, und unvermerkt eine wichtige Veränderung in den theologiſchen Lehrbegriffen hervorbringen muͤſ⸗ fen. Die neue Ueberſetzung der Salomont⸗ ſchen Sprüche von Dr. Zodgſon, dem Ver⸗ faſſer einer bereits laͤnger bekannten Verſion des hohen Liedes, kann auch gewiſſermaßen als eine Vorarbeit zum neuen Bibelwerk angeſehen werden. Schwerlich duͤrfte dies aber von einer neuen Ueberſetzung der Offenbarung Johannis gelten koͤnnen, welche der Profeſſor der. Gries chiſchen Sprache in Cambrigde, William Cooke, mit dem zu dieſer Arbeit erforderli⸗ chen Aufwand von Myſticismus und dem Ges praͤnge von innerer Kelzuchtune wee hen hat. b Dieſe Auslegungen beſchäftigen jedoch nur den kleinſten Theil der Engliſchen Geiſtlichkeit, Wie bey uns die Meß: Catalogen von neuen Predigten wimmeln, ſo findet man auch die Engliſchen Journale mit Anzeigen von Kanzel; reden angefuͤllt, deren Texte nach der bekann⸗ ten Methode der dortigen Homiletiker nur als Denkſpruͤche auf dem Titelblatte glänzen, Kürzlich, find, unter mehreren anderen die, Dres Litteratur vom Jahre 1789. 157 digten des Dr. Leland, des beliebten Engliſchen Ueberſetzers des Demoſthenes, erſchienen, die aber keine Spur von Attiſcher Beredtſamkeit vers rathen. Die Vorleſungen von der Bamptoni⸗ ſchen Stiftung, uͤber die Gruͤnde fuͤr die Glaubwürdigkeit der chriſtlichen Religion, wel⸗ che Dr. Shepherd von der Univerſitaͤt Oxford gehalten hat, ſind zwar in einer gefaͤlligen Schreibart abgefaßt; allein als Controvers⸗ Reden betrachtet, von einer Schwaͤche der Ar⸗ gumentation, die ſelbſt den Kritikern feiner - Parthey bedenklich ſcheint. Dieſe Schwaͤche haͤlt ſie indeſſen nicht ab, fuͤr die Folge die ſtaͤrkſten Hoffnungen zu aͤußern, und den Verfaſſer ei⸗ nen „David zu nennen, der den hoͤhnenden „ Philiſter am Ende doch niederſchleudern „wird.“ Dieſer geiſtliche Rieſe Goliath (und wer anders, als der von allen Sekten vers folgte Prieſtley, wird unter dieſem Namen verſtanden ?), der zum Aerger aller eifrigen Bekenner noch nicht zu Boden liegt, ſcheint in der That von den bleyernen Waffen feiner Gags ner wenig gefaͤhrdet zu ſeyn, und den fuͤrchterli⸗ chen Angriffen eines Madan und feines Get chen, mit unerſchrocknem Muthe die Stirn bieten zu können. Wenn wir zur Probe von u‘ ı 158 Geſchichte der Engliſchen der Gefährlichkeit des letztgenannten Gegners erwähnen, daß er in dem Hebraͤiſchen Elohim die Dreyeinigkeit findet, und ſich dieſes Argu⸗ ments mit unendlichem Triumph gegen Prieſt⸗ Sep bedient, fo läße ſich auf den Punkt ſchlie⸗ ßen, wohin es bis jetzt in England mit der Kritik gekommen iſt, da die Plumpheit einer ſolchen Behauptung weder von den Reeenſen⸗ ten, noch von dem gefürchteten Ketzer eine Ruͤge hervorgerufen hat. Aus der freyen Verfaſſung entſpringt eine | beſondere Gattung von geiſtlichen Reden, wel; che man Zwittergeburten der Religion und Pos litik nennen kann. Im Ganzen genommen ſcheint der Geſchmack daran ſich zu verlieren, und die Parlements⸗Haͤuſer hören nicht mehr die Bußpredigt am Gedächtnißtage des hinge⸗ richteten Koͤnigs Karl. Schoͤn waͤre dieſer Zug im National⸗ Charakter, wenn das zarte Ges fuͤhl des Anſtaͤndigen den Religionslehrern kuͤnftighin verboͤte, ihre Geheimniſſe dadurch zu entweihen, daß ſie ihrem Einfluſſe die buͤr⸗ gerlichen Verhaͤltniſſe, die eigentliche Provinz der Vernunft, unterzuordnen ſuchen. Viel⸗ leicht wäre dies das ſicherſte, auch die Philofor phen ihrer Seits zu bewegen, ihre Vernunft 8 — Z „ e e — - 8 Litteratur vom Jahre 1789. 159 nicht laͤnger uͤber Dinge entſchelden zu laſſen, welche gänzlich) außer dem Gebiete des Ber greiflichen liegen. Indeſſen predigte noch am sten‘ November 1788 Stevenſon über die Vortheile der den Englaͤndern unvergeßlichen Revolution; auch erhoben Dore, Bidlake, Mends und Sawker ihre Stimme auf oͤffent⸗ licher Kanzel gegen die Graͤuel des Negerhan⸗ dels und der Leibeigenſchaft in den Zuckerinſeln. Wir ſchweigen von ſo manchen Predigtſamm⸗ lungen, die ſich durch nichts Eigenthuͤmliches auszeichnen, wie z. B. von den acht und zwan⸗ zig Predigten eines Ungenannten, von denen des Dr. Taylor, eines vertrauten Freundes von Samuel Johnſohn, denen des ſchwuͤl⸗ ſtigen Morton, des Stockdale, des Biſchofs von Cheſter, und der langen Reihe am Feſt der Geneſung des Koͤnigs gehaltener Dank⸗ predigten. Auch verweilen wir nicht bey einem andern in das Fach der theologiſchen Litteratur gehoͤrigen Werke, worin Ryan die Wirkun⸗ gen der verſchiedenen Religionen auf die Schick⸗ fale der Menſchengattung darzulegen ſucht. Wo die Reſultate der Unterſuchung durch einen betrieglichen Cirkelſchluß zugleich als Grundbe⸗ griffe derſelben Voraugehen.: was läßt ſich dort ! 166 Geſchichte der Engliſchen außer unkritiſcher Compilation, partheylſcher Auswahl der Thatſachen, ungeheurer Weber, treibung und wiſſentlicher Verdrehung erwar⸗ ten? Den hellen philoſophiſchen Blick, den Scharſſinn und die Wahrheitsliebe des Ge⸗ ſchichtforſchers, die wir bey vergleichenden Ge⸗ mälden. der großen theokratlſchen Geſetzgebun⸗ gen billig vorausſetzen muͤſſen, ſucht man ver: gebens in dieſer unverdauten Maſſe von klein⸗ fuͤgigen Anekdoten und Gemeinplaͤtzen. Eine neue vollftändige Ausgabe von den Werken des gelehrten Lardner in eilf Oktavbänden, und die neue Sammlung von Warburtons Schrif⸗ ten in ſieben Quartbaͤnden, ſind uns dagegen willkommnere und dem Publicum Häßlichere Erſcheinungen; auch hat Dr. Shaw’s eben erſchienene Geſchichte des Judenthums bey al ler Einſeitigkeit manche Verdienſte. Vroon jener großen Reform, die allmählich von Koͤnigsberg aus ſich uͤber ganz Deutſchland verbreitet, und der geſammten Philoſophie eine neue beſtimmtere Form verſpricht, hat man in England zur Zeit noch wenig gehoͤrt. Unſere philoſophiſchen Schriftſteller ſind ihrer Mutterſprache fo treu, und dleſe iſt, zumal in den hoͤheren Wiſſenſchaften, dem Ausländer ſo Litteratur vom Jahre 1789. 161 ſo unerreichbar, daß die Mittheilung der Kenntniſſe, welche zwiſchen beyden Nationen in andern Fächern Statt findet, hier gaͤnzlich abgeſchnitten bleibt. Hierzu kommt die in England ziemlich allgemeine Meinung, daß auf dem Felde der theoretiſchen Philoſophie keine neue Ernte mehr zu gewinnen ſey, die Anhaͤnglichkeit an den allerdings fehr vortreſſ⸗ lichen Locke, und der theologiſche Haß gegen das ſkeptiſche Syſtem „dem ſchon das Vaters land ſeines Urhebers Zume bey vielen Eng⸗ laͤndern zum Vorwurf gereicht. Schottland iſt gleichwohl in tiefſi nnigen Unterſuchungen jetzt geſchaͤftiger als England; Beattie und Reid koͤnnen mit Recht unter den Denkern ih- res Zeitalters Sitz und Stimme verlangen. Die Ellays on the active powers of man, das neueſte Werk des letztgenannten Schriftſtel⸗ ters, behandeln dieſen wichtigen Gegenſtand mit einer Fuͤlle von eigenen Gedanken, die uns von dem Kopfe, in welchem ſie ſich reihe⸗ ten, und von feinem geiſtigen Genuſſe die hoͤchſten⸗Begriffe giebt. Selbſt das Deſulto⸗ riſche der Philoſophie jener Inſelaner iſt innig mit ihrem National Charakter verbunden, da hingegen der methodiſche Geist unſerer pr © Forſters kl, Chr, zr Th. M 162 Geſchichte der Engliſchen ſcher ihnen unter dem verhaßten Namen der ſcholaſtiſchen Sophiſterey ſchon Widerwillen einfloͤßt. Dennoch laͤßt es ſich ohne die min⸗ deſte Divinationsgabe vorausſagen, daß dieſes Vorurtheil verſchwinden wird, ſobald es einem faͤhigen Kopfe gelingt, die Kantiſche Kritik dem Brittiſchen Tiefſinne in ihrer ganzen Schaͤrfe deutlich darzulegen. Aus dieſer unkoͤrperlichen Region, wo nur ſelten Meteore glaͤnzen, ſenkt ſich unſer Blick zu den philoſophiſchen Schriftſtellern von der zweyten Klaſſe, uͤnd insbeſondere den in Eng⸗ land fo häufigen Ellayiſts, hinab. Lebhafte, unterhaltende, zuweilen auch gruͤndliche Ab⸗ handlungen uͤber einzelne Gegenſtaͤnde aus dem weiten Umkreiſe der Philoſophie, die wenigs ſtens oͤfter die Reſultate des eigenen Nachden⸗ kens, als der mechaniſchen Aufſammlung fremder Meinungen ſind, behalten fuͤr die in⸗ dividuelle Ausbildung derer, die ihre Kraͤfte daran uͤben, einen entſchiedenen Werth, ſo ge⸗ ring auch ihr uͤbriger Nutzen in der Litteratur ſeyn mag. Bey den litterariſchen Kleinigkeiten dieſer Art, dem Verſuch uͤber die Stufen der Cultur im Menſchengeſchlechte von Roberts; der Abhandlung uͤber die Vervollkommnung Litteratur vom Jahre 1789. 163 ————— A —— der gerichtlichen Wohlredenheit (unter dem Titel Deinology und dem angenommenen Namen Sortenſius); den Briefen von Da⸗ vy uͤber die Griechiſche Sprache und Ton⸗ kunſt; den metaphyſiſchen Disquifitions des Arztes Worthington uͤber Zeit, Graͤnzen der Vernunft, Inſtinkt und Erziehung, und bey mehreren aͤhnlichen Produkten dieſes Jahres koͤnnen wir uns indeſſen nicht aufhalten. Prieſtleys kritiſche Vorleſungen uͤber das Studium der Geſchichte haben einen aus zeichnenderen Werth, und noch wichtiger ſind in ihrer Art die nunmehr nach einer langen Pauſe erſchienenen drey letzten Baͤn⸗ de von Lord Monboddo's groͤßerem Werke uͤber den Urſprung umb die Ausbildung der Sprache. Man kennt die Beleſenheit, die Gelehrſamkeit, den feinen Sinn fuͤr die Schoͤnheiten, und die Zierlichkeit der Grie— chiſchen Litteratur, womit dieſer paradoxe Schriftſteller ſeine eigenen ungewoͤhnlichen Anſichten und Hypotheſen verbindet. In dem erſten Paͤnde waren jedoch die anſtoͤßi⸗ gen Fragen vom Urſprunge der Sprache, und von unſerer nahen Verwandtſchaft mit dem Orangutang bereits abgethan; mithin } M 2 EG 9. I IMAGE EVALUATION TEST TARGET (MT-3) 2 2 1.25 164 Geſchichte der Engliſchen konnte der Verfaſſer, jetzt mehr in ſeinem eigentlichen Elemente, auf eine befriedigende Art zeigen, wie aus der bloßen Sprache des Beduͤrfniſſes die Rede, die Zunft zu ſprechen entſtand, und wie ſich dieſe immer weiter fortbildete. Er konnte ſich hierauf weitläuftig ausbreiten uͤber die Schickſale des menſchlichen Wiſſens, uͤber die verſchiedenen Gattungen des Styls, uͤber die relativen Vor⸗ zuͤge verſchiedener Sprachen und Voͤlker; er konnte ſich ergießen im Lobe der Griechen. Seine Bemerkungen uͤber die Roͤmiſchen Schriftſteller und uͤber die poetiſche Schreib⸗ art ſollen noch folgen und das ganze Werk beſchließen. Die klaſſiſche Erziehung der Jugend un⸗ terhaͤlt in England jene Vorliebe fuͤr die einfachen Schoͤnheiten der alten Litteratur. Daher ſieht man auch nur in England man⸗ chen Kaufmannsdiener, der ſeinen Lateiniſchen Autor lieſt, und nicht ſelten einen Faͤhnrich oder einen Lieutenant, der ſich in der Wacht⸗ ſtube mit dem Griechiſchen Homer die Zeit verkuͤrzt. Mit dieſen Voruͤbungen ſtehen die Beſchaͤftigungen des reiferen Alters in Ver⸗ bindung. So ward neulich die Aechtheit 1 5 ö. * 4 1 8 „ . ² . hen eib⸗ zerk un⸗ die tur. ans hen rich ht Zeit die Zer⸗ heit Litteratur vom Jahre 1789. 165 der Pariſchen Marmor: Chronik bezweifelt, und. fo fand fie jetzt einen, freilich minder geſchickten Vertheidiger an Sewlett. So uͤberſetzte Glaſſe den Simſon Agoniftes des Dichters Milton ins Griechiſche, und ſo uͤberſetzte ganz kuͤrzlich White die Reden des Cicero gegen den Verres ins Engliſche, nicht ohne Ruͤckſicht auf den gegenwärtigen Zeitpunkt, wo man in England ſo viel von der Raubſucht der Adminiſtratoren entfernter Provinzen in Anregung bringt. Pownall, ehemaliger Gouverneur von Neu; England, lieferte ſeine antiquariſchen Unterſuchungen uͤber die Roͤmiſche Provinz Gallien, welche. die Provence, Languedoe und Dauphins in ſich begriff. Andere verwendeten hingegen ihren Fleiß auf ihres Vaterlandes ältere Ger ſchichte. Manning uͤberſetzte, und Aſtle, ein gelehrter Engliſcher Alterthumsforſcher, edirte das Teſtament Koͤnigs Alfred des Großen, ein wichtiges Aktenſtuͤck aus jenem fruͤhen Zeitalter, welches ſowohl fuͤr den Ge⸗ ſchichtsforſcher und Rechtsgelehrten, als für den Menſchenkenner, manche belehrende Stelle enthält. Sir John Fenn, der bereits vor einiger Zeit mit diplomatiſchen Selteuheiten M 3 | - 166 Geſchichte der Englischen aus den Brittiſchen Archiven ans Licht ges treten war, gab jetzt eine Menge Original⸗ briefe von Staatsmaͤnnern und anderen wichtigen Perſonen, die zu Heinrichs des Sechsten, Edwards des Vierten und Ri⸗ chards des Dritten Zeiten gelebt haben, her; aus. Manches ungekuͤnſtelt wahre Sittenge⸗ maͤlde aus jener Periode, manches Licht uͤber den Zuſtand der Wiſſenſchaft und Religion, manches ftatiftifch und hiſtoriſche Faktum, ges ben dieſer Sammlung einen ſelbſt fuͤr den Ausländer unverkennbaren Werth. Im eigentlich hiſtoriſchen Felde bemerken wir dieſesmal nur wenige Spuren von Ans ſtrengung. Dr. Gordon ſchrieb feine Ge; ſchichte der vereinigten Nordamerikaniſchen Staaten in der unbequemen Briefform, wel: che nicht das einzige Tadelhafte an ſeinen vier Oktavbaͤnden iſt. Rutherford gab eine neue Ueberſicht der alten Weltgeſchichte, die jedoch keine neue Geſichtspunkte eroͤffnet, ſondern auf dem gebahnten Wege ohne Kritik und Auswahl einhergeht. Ein dritter Schottlän: der, Capitain Innes Munro, beſchrieb die Begebenheiten des letzten Krieges in Indien, gegen den Eroberer Hyder Ali und ſeine + Litteratur vom Jahre 1789. 167 Franzoͤſiſchen Bundesgenoſſen. Auch er waͤhlte die Briefform, doch ſo, daß ein Brief jedes⸗ mal einen ganzen Feldzug enthält. Als Augen zeuge konnte er die Reihe der Begebenheiten treffender ſchildern, und es gelingt ihm oft, in muſterhafter Kuͤrze die auffallendſten Augen⸗ blicke lebendig darzuſtellen. Die vorangeſchick⸗ ten Nachrichten von der Lebensweiſe in jenem entfernten von dem unſrigen ſo ganz verſchiede⸗ nen Welttheil haben ebenfalls ihren Werth; und nimmt man hinzu, was bereits in den etwas früher gedruckten Memoirs ol the War in Aſia über die letzten Kriege der Engländer in Indien geſagt worden iſt, ſo wird die Ueberſicht uͤber die Schickſale jenes ungluͤcklichen Landes in den letz⸗ ten Jahren ſehr erleichtert. Was ſchon Stuart in ſeiner Geſchichte von Schottland, von der Unſchuld der ungluͤcklichen Koͤnigin Maria mit unwiderleglichen Beweiſen dargethan hatte, das vollendete jetzt Whitaker, der Verfaſſer der Geſchichte von Mancheſter, in einem eige⸗ nen, dieſer verlaͤumdeten Königin gewidmeten Werke, worin er mit aller Evidenz, deren nur die Geſchichte fähig iſt, ihre Unſchuld an der Ermordung Seinrichs, die Grundloſigkeit je⸗ ner fo oft erzählten Liebesgeſchichte mit dem M4 168 Geſchichte der Engliſchen — . ante nn, Itallener Niszio , die Unmoͤglichkeit, daß ihr Entehrer Bothwell anders, als durch die ſchändlichſten Mittel zum Beſiz ihrer Hand habe gelangen koͤnnen, und die von Blut trie⸗ fende Politik der eiferſuͤchtigen Eliſabeth, zu einem ſonnenklaren, überzeugenden Ganzen vereinigt. Ruſſels Geſchichte des neueren Europa, ein Werk, welches zwar einige Uns vollkommenheiten, aber auch weſentliche, ſelbſt von unſern Geſchichtskennern anerkannte Ver⸗ dienſte hat, und bereits meiſterhaft uͤberſetzt worden iſt, erhielt in einer neuen Ausgabe manche wichtige Zufäge und Verbeſſerungen. Die letzte Revolution in Holland veranlaßte zwey verſchiedene Verſuche, einer hiſtoriſchen Darſtellung der Begebenheiten des letzten Jahrzehends, welche jene Entwickelung eigent⸗ lich vorbereiteten. Der eine liefert die ganze Geſchichte der innern Angelegenheiten der Re⸗ publik, lediglich aus öffentlichen Nachrichten in einem mäßigen Oktavbaͤndchen; der andere hingegen gruͤndet feine Erzählung auf eine durch vieljaͤhrigen Aufenthalt erworbene genaue Bekanntſchaft mit den vereinigten Provinzen, und verſpricht eine getreue und vollſtändige Schilderung aller ſeit 1777 daſelbſt vorgefalle⸗ — gitt-catur vom Jahre 1799. 169 nen Unruhen, wozu fein jetzt erſchienenes g Werkchen die Einleitung enthält. Dieſen His ſtoriſchen Verſuchen laſſen ſich noch ein Paar Blographieen hinzufuͤgen, die in ihrer Art vortrefflich find, nämlich die von Swift, wel⸗ che der kuͤrzlich verſtorbene Thomas Sheri⸗ dan, ſein vertrauter Freund, ausgearbeitet hatte, und die des beruͤhmten Arithmetikers Napier, die gemeinfchaftliche Arbeit von Bu⸗ chan und Dr. Minto. Gewiſſe andere Ausarbeitungen, welche ſich mehr auf die jetzige Lage und Politik von Großbrittannien beziehen, befriedigen haupt⸗ ſuͤchlich nur die Wißbegierde des Bürgers, der an den Vorzuͤgen der Brittiſchen Regierungs- form Theil nimmt, und ihre Laſten tragen hilft. Der Geſchichtſchreiber Sir John Dalrymple ſtreitet jetzt mit großem Eifer fuͤr die Erneuerung der alten Verbindungen mit Rußland, welche während der Adminiſtra⸗ tion des Miniſters Pitt beynahe gaͤnzlich auf⸗ gehoben worden, und in gegenſeitiges Miß⸗ trauen ausgeartet find. So unausfuͤhrbar immer feine neuen Theilungsprojekte ſeyn moͤ⸗ gen, ſo einleuchtend ſcheinen manchem wohl⸗ denkenden Britten die Gruͤnde, wodurch er die M 170 Gelſchichte der Engliſchen Allianz mit Rußland als unentbehrlich vorzu⸗ ſtellen ſucht. Der Vergleich zwiſchen den bey⸗ den Entwuͤrfen einer neuen Adminiſtration der Brittiſchen Provinzen in Indien, wovon der erſte, von Mr. Fox, ihn um das Zutrauen der Nation und um feine Miniſterſtelle brachte, der andere hingegen, von Mr. Pitt, die Sank⸗ tion des Parlements erhielt — dieſer Ver⸗ gleich, ſcheint dem Rhetor Sheridan in fü fern mißlungen zu ſeyn, als er dadurch erwei⸗ ſen wollte, daß die von der Geſetzgebung ge⸗ nehmigte Bill druͤckender, deſpotiſcher, und der Verfaſſung von England ſelbſt gefaͤhrlicher ſey, als jene ſeines patriotiſchen Freundes. In ſolchen Faͤllen entſcheidet die allgemeine Stimme des Volkes, deſſen Gefuͤhl durch das kuͤnſtlichſte Raiſonnement und allen redneriſchen Schmuck nicht hintergangen werden kann. Mit weit weniger Anmaßung und mit Talen⸗ 8 ten, die keinen prahlenden Schimmer von ſich werfen, konnte daher der Major Scott, der Freund und Vertheidiger des angeklagten as ſtings, dieſe Schrift ſehr buͤndig widerlegen. Den wichtigen Gegenſtand der Brittiſchen Fi⸗ nanzen hatte Sir John Sinclair bereits in feines Hiſtory of the public Revenue abi Litteratur vom Jahre 1789. 171 handeln angefangen. Ein jetzt herausgekom⸗ mener Anhang zu den erſten zwey Baͤnden die⸗ ſes ſchaͤtzbaren Werkes verſpricht die baldige Bekanntmachung des vollendeten dritten Theils, worin der fleißige Verfaſſer die öffentliche Aus⸗ gabe und Einnahme ſeit der Revolution, die Bevoͤlkerung, den Reichthum und die politi⸗ ſchen Verhaͤltniſſe der Nation, nebſt ihren Reſſourcen und ihrer Schuldmaſſe, nach den genaueſten Angaben darlegen wird. Zur Sta⸗ tiſtik, Geographie und Produktenkenntniß von England liefert der geſchickte Arzt Aikin in ſei⸗ nem England delineated einen ſehr brauch⸗ baren Beytrag, in einer korrekten, angeneh⸗ men Schreibart. Der Vorſatz, die Ehre der Nation und zwar den kriegeriſchen Ruhm ihrer Seemacht zu retten, befeuerte einen ungenanm- ten Schriftſteller, die verſchiedenen Seetreffen des letzten ungluͤcklichen Krieges einer genauen Pruͤfung zu unterwerfen, deren Reſultat dar⸗ auf hinausläuft, daß Frankreich keinesweges, wie man behaupten wollen, an ſeemaͤnniſcher Kunſt und nautiſcher Taktik, noch weniger aber an Muth den Söhnen Albions vorge⸗ ſchritten ſey. Die Ausfuͤhrung dieſes Satzes iſt durch Buͤndigkeit und einfache Darſtellung 172 Geſchichte der Engliſchen „ Q —————— der Thatſachen gut gerathen; doch iſt dabey das merkwuͤrdige Faktum nicht zu vergeſſen, daß eine ſehr uͤberlegene Anzahl von Schiffen auf Brittiſcher Seite, an den entſcheidenden Siegen eines Anſon, eines Sawke, eines Boſcawen, im ſiebenjaͤhigen Kriege, wo nicht den ſtaͤrkſten, doch einen weſentlichen Antheil hatte. Zu dieſen neuen Schriften, welche ſich lediglich auf Nationalverhaͤltniſſe gruͤnden, fuͤ⸗ gen wir noch Sutton's Court of Requeſts hinzu. In dieſem Werkchen, deſſen Titel von einer, der Brittiſchen gerichtlichen Verfaſſung ei⸗ genthaͤmlichen Art Tribunale entlehnt iſt, wel⸗ che die Beytreibung kleiner Schulden zum End⸗ zweck haben, charakteriſirt er ſowohl die in ei⸗ nem ſolchen Forum ſitzenden Richter, als auch den ganzen Verlauf des daſelbſt zu fuͤhrenden Prozeſſes, indem er alles, was ſich in dem von Birmingham ſeit funfzehn Jahren zuge⸗ tragen hat, mit einer koͤſtlichen Laune erzaͤhlt. Sein lachender Mund zeigt hier dem jungen Rechtsgelehrten die oſt ſehr ſchwer zu erken⸗ nende Graͤnze zwiſchen dem Buchſtaben des Geſetzes und der Billigkeit, indeß ſeine Be⸗ handlungsart zugleich beweiſet, daß Witz und Geſchmack das trockenſte Studium in das an⸗ Litteratur vom Jahre 1789. 173 2—— . ————— ziehendſte verwandeln koͤnnen. Kaum bedarf es endlich hier noch einer Erwaͤhnung, daß der Strom von politiſchen Pamphlets in den Win⸗ termonathen dieſes Jahres mit ungewoͤhnlicher Wuth das Feld der Brittiſchen Litteratur uͤberſchwemmte. Der heftige Streit uͤber die Regentſchaft und die Anſpruͤche des Thronerben erfuͤllte die Gemuͤther mit bangen Erwartun⸗ gen, oder mit kuͤhnen Planen zukuͤnftiger Groͤße, fachte die Flammen des Partheygei⸗ ſtes an, und veranlaßte beyde Theile, entweder ihren Uebermuth oder ihren Unmuth in anony⸗ miſchen Aufſaͤtzen auszuhauchen. 0 Mit dir ſen dem Brittiſche; Natlonalinter⸗ eſſe ſo verwandten Materien verbindet ſich auch der immer fortdauernde Enthuſiamus fuͤr die Abſchaffung des Afrikaniſchen Negerhandels und der Weſtindiſchen Sklaverey, deſſen Aus⸗ ſtroͤmungen jener dem Britten noch näher lies gende Kampf zwiſchen dem Miniſter und dem Thronfolger zwar eine Zeitlang zuruͤckhalten, aber nicht auf immer unterdruͤcken konnte. Benezets hiſtoriſche Nachrichten von Guinea, die bereits vor der Mitte dieſes Jahrhunderts einen lauten und nachdruckvollen Zuruf an die Menſchheit zu Gunſten der Neger enthielten, 174 Geſchichte der Engliſchen - wurden im vorigen Jahre wieder neu auf gelegt. Clarkſons Preisſchrift uͤber die Sklaverey, und deſſen Aufſatz über die Nach⸗ theile des Negerhandels fuͤr England; die ſchaudervollen Nachrichten des Wundarztes Falconbridge von dieſem Handel; Sollings⸗ worths Plane zur Abſchaffung deſſelben in ſeiner Abhandlung uͤber die Sitten und die Regierungsform von Afrika; Dickſons Briefe uͤber den Zuſtand der Sklaven in Barbados; Grenville Sharp's Namenverzeichniß der Geſellſchaft, die im Jahre 1787 zufammen trat, um die Abſchaffung des Sklavenhan— dels zu bewirken; Burgeß Betrachtungen uͤber dieſen Gegenſtand; die bereits erwaͤhnten Predigten gegen die Rechtmaͤßigkeit dieſes Hans dels; die Verſuche von Hughes, Stanfield und einigen Andern, machen, nebſt Ramſays aͤlterer Schutzſchrift fuͤr dieſe ungluͤcklichen Opfer Europaͤiſcher Habſucht, eine kleine Bi⸗ bliothek, die man beynahe um die Haͤlfte ver⸗ mehren kann, wenn man die Schriftſteller darin aufnimmt, die ſowohl den Afrikaniſchen Menſchenhandel rechtfertigen, als auch die Leibeigenſchaft vertheidigen, und ihre Wirkun⸗ gen nicht allein Er. nnd. für. den Handel Eindruck gemacht haben. Dahin gehört Litteratur vom Jahre 1789. 175 r = Großbritanniens unentbehrlich, ſondern auch fuͤr die ſo erniedrigte Menſchenklaſſe wohl⸗ thaͤtig nennen. Es iſt auch wohl nicht zu leugnen, daß man im erſten Feuer der Phi⸗ lanthropie manchen Vorſchlag gethan, wo— durch der ſchwarze Naͤchſte in eine ihm ſelbſt gefaͤhrliche Ungebundenheit verſetzt, und zu⸗ gleich eine ſehr anſehnliche Klaſſe von Weißen voͤllig zu Grunde gerichtet worden waͤre. Die einzigen anwendbaren Mittel ſind un⸗ ſtreitig diejenigen, welche langſam und ohne Gewaltthaͤtigkeit die allmaͤhliche Abſchaffung des verhaßten Negerhandels und die Eman⸗ eipation der Sklaven bewirken; und dieſes Reſultat iſt die ſchoͤne Folge des freyen Unter⸗ ſuchungsgeiſtes, der ſeinen Gegenſtand von allen Seiten erforſcht. Auf Seiten der Parthey, welche die Eigenthumsrechte der Weſtindiſchen Pflanzer nicht geſchmaͤlert wiſ⸗ ſen, und die anſehnlichen Kaufleute, die unter der Garantie und Aufmunterung des Staats ihre Capitalien in die Afrikaniſche Schifffahrt legten, nicht plotzlich verarmen laſſen will, giebt es einige Schriftſteller, die mit vieler Maͤßigung geſchrieben, und dadurch großen 176 Geſchichte der Engliſchen hauptſaͤchlich Norris, der feiner Reiſe nach Abomey eine Schutzſchrift dieſes Inhalts beygefuͤgt hat, und zugleich das Elend der Neger in ihren urſpruͤnglichen Wohnſitz en unter den grauſamſten Tyrannen ſehr an⸗ ſchaulich ſchildert; ferner Fuller, der eine Sammlung von den in Jamaika promulgir⸗ ten Geſetzen zur Erleichterung des Schickſals der Negerſklaven herausgegeben hat, und Beckford (ein Sohn des beruͤhmten Mannes, deſſen Patriotismus die Stadt London durch eine Bildſaͤule verewigte), der den Zuſtand der Neger in Weſtindien in einem ſehr vor⸗ theilhaften Lichte malt. Es giebt aber auch einen Adams, der feine cool Addreis mit den heftigſten Schmaͤhungen durchwebt, und einen Solder und Harris angreift, die aus dem Moſaiſchen Rechte beweiſen, daß die ungluͤcklichen Afrikaner, dieſe verfluchte Nach⸗ kommenſchaft Chams, die Sklaven ihrer weis ßen Brüder ſeyn ſollen und muͤſſen. Freylich bleiben indeſſen dieſe menſchenfreundlichen Theologen noch weit hinter dem Deutſchen zu⸗ ruͤck, der neulich bewieſen hat, der Neger⸗ handel ſey im Evangelium erlaubt, und vom Apoſtel Paulus gehamen? Durch / —— — Schriftſtellern über einen einzelnen politiſchen Gegenſtand, geben wir den deutlichſten Begriff von der erſtaunlichen Lebhaftigkeit, womit die ganze Nation ſich fuͤr oder wider die Leibelgen⸗ Litteratur vom Jahre 1789. 177 Durch die Aufzählung dleſes Heeres von ſchaft der Schwarzen intereſſirte. Von den Parlementsdebatten, die ſich darauf beziehen, ward eine Auflage von eilftauſend, und von der Schrift des Falconbrigde eine von funf re Exemplaren oergriffen : Außer der unmittelbaren Rechtsfrage, die 6 allen dieſen Schriften beleuchtet wird, ſin⸗ det der Philo ſoph und M enſchenforſcher darin manchen wichtigen Beytrag zur Kenntniß von Afrika und Weſtindien, manchen treffenden Abriß der Sitten in beyden Welttheilen, und manche Data zur Geſchichte des Brittiſchen Handels. Die im Norris vorkommende Be⸗ ſchreibung von Guinea und ſeine Geſchichte der grauſamen Dahomer, füllt eine Lucke in unf ter Geſchichte und Geographie / Faͤchern, wor in es England jetzt feinen Nachbarn zuvorzuß chun ſchelnt. Die Litteratur dieſes Jahres liefert uns in der That viele weſentliche Erwei⸗ terungen der Lander, und Menſchenkunde, beographiſche Aus arheitungen, Sittenbeobach⸗ d G. Forſters kl. Schr. zr Th. N — 5 * 178 Geſchichte der Englischen r ———— S a te —— — ng tungen, Landreiſen und Entdeckungsfahrten in unerforſchte Meere. Von dem auf Neu⸗Suͤd⸗ Wallis, oder der oͤſtlichen Kuͤſte von Neu⸗Hol⸗ land errichteten Etabliſſement im Jackſon' s Hafen ſind berelts mehrere Nachrichten erſchie⸗ nen, welche theils die Reiſebegebenheiten des erſten dahin abgegangenen Transports von Miſſethaͤtern, theils die Beſchaffenheit des Landes, das Betragen der urſpruͤnglichen Ein⸗ wohner, und die Ausſichten fuͤr die Zutunft, die Hoffnung des Flors und Gedeihens, oder die Geſahr des Mißlingens der ganzen Unter⸗ nehmung fhildern.- Capitain Tench, vom Corps der Seeſoldaten, gab zuerſt eine kurze, jedoch gut geſchriebene und einen richtigen Blick verrathende Erzählung heraus, welche die Er⸗ wartungen von den großen Vortheilen jener Colonie um vieles herabſtimmte. Einige anonymiſche Berichte blieben nicht in den Graͤnzen der Beſcheidenheit, und ſuchten den Gedanken Neu⸗ Holland durch Delinquenten anbauen zu laſſen, unter den gehäſſigſten Farben darzuſtellen. Dieſe Vor⸗ urthelle zu entkraͤften und einen richtigern Ges ſichtspunkt anzugeben, mußte das Miniſterlum ſich entſchlleßen, die authentiſchen Berichte des Litteratur vom Jahre 1789. 179 Gouverneurs Phillip ſelbſt, mit einer Ver⸗ zierung von funfzig Kupferſtichen, auf die Art, wie man Cooks Reifen dem Publicum vorge⸗ legt hatte, herauszugeben. Dieſes wichtige Werk, welches in dem Augenblick, wo wir ſchreiben, wirklich erſchienen iſt, enthaͤlt außer der Reiſegeſchichte des Gouverneurs und der genau detanilirtem Beſchreibung der Niederlaſ⸗ ſungen zu Port Jackſon und auf der Norfolks⸗ Inſel, die Tagebücher des Lieutenants Short⸗ land, Watts und Ball, und des Capitains Marſ hall, worin dieſe Offleier von ihren Entdeckungen in dem Suͤdmeere Rechenſchaft geben. Zu gleicher Zeit kuͤndigte der Ober⸗ Wundarzt der Truppen und der Colonie in Neu⸗Suͤd⸗Wallis, John White, auch ſeine Reiſebeſchreibung nebſt den Bemerkungen, die er waͤhrend ſeines dortigen Aufenthalts, uͤber die Eingebornen ſowohl, als über die Natur⸗ produkte, die Thiere, Pflanzen und Minera⸗ lien jener Weltgegend geſammelt hatte, mit vielen botaniſchen und geographiſchen Kupfern an. Mittlerweile hatten die wichtigen Von thelle, welche der Pelzhandel an der Nordweſt⸗ Kuͤſte von Amerika darzubieten ſchien, den Unteruehmungsgeiſt mancher Britten theils in 5 a N 188 Geſchichte der Engliſchen ——— Indien und China, theils in England ſelbſt geweckt. Man ruͤſtete mehrere Schiffe aus, man folgte jener von Cook zuerſt beſchlifften Bahn, und trieb einen vortheilhaften Tauſch⸗ handel mit den Wilden jener eee Geſtade. Zwey Schiffe, von Auer in London er⸗ richteten Handlungs⸗Compagnie equipirt, gin⸗ gen unter der Fuͤhrung der Capitaine Portlok und Dixon, die beyde auf des großen Welt; umſeglers letzter Fahrt gedient hatten, nach den Sandwichs ⸗Inſeln, nach dem Cook s⸗ Fluß und des Prinzen⸗Wilhelms⸗Sund auf jenen Handel aus. Beyde Befehlshaber ga⸗ ben bald nach ihrer Zuruͤckkunft eine umſtaͤnd⸗ liche Nachricht von dem Verlauf ihrer Reiſe, und der reichlichen Nachleſe von neuen Entde⸗ dungen, wodurch fie ſich vor andern Aben⸗ theurern ausgezeichnet hatten. Viele neue Haͤ⸗ fen an der Nordoſtſeite von Amerika, manche Berichtigung der Cookiſchen Angaben, eine große Gruppe von Inſeſa und ein tiefer Meer⸗ buſen, welcher ſich mehrere hundert Meilen weit oſtwaͤrts in das Innere des Landes er⸗ ſtreckt, und die Communication zwiſchen der. Hudſons Bay und den jenſeitigen Ufern ſehr erleichtert, find die wichtigen Reſultate diefer von Brittiſchen Kaufleuten veranſtalteten Weltumſchiffung. Die Reiſebeſchreibungen ſelbſt ‚find mit einigen naturhiſtoriſchen Abbil⸗ dungen und einigen nicht ſehr bedeutenden Ausſichten geziert; ihr groͤßter Reichthum beſteht in Landcharten und Portulanen, wo⸗ durch ſie der neuern Geographie einen wich⸗ tigen Beytrag liefern. Es waͤre zu viel ge⸗ fordert, wenn man auch von Seiten der Schreibart und des Beobachtungsgeiſtes er⸗ warten wollte, was nur ein ſeltener großer Mann, wle Cook, und auch dieſer anfänglich nur mit Huͤlfe ſeiner gelehrten Begleiter, lei⸗ ſten konnte; genug, wenn die Neuheit der Ger genſtaͤnde dieſe Werke dem Forſcher in den Wiſſenſchaften empfiehlt, und wenn er darin die Beſtaͤtigung ſo mancher erſt eben bekannt gewordenen, ſo mancher ungewoͤhnlichen Sit⸗ tenſchilderungen entfernter Nationen lieſt. Zur Senn von Aſien. erhielten wir in dieſem Jahr ebenfalls einige Beytraͤge von Engliſchen Reiſenden. Rr. Eyles Irwin lieferte in einer dritten Ausgabe ſeiner Reiſe durch den Meerbuſen von Arabien: und die Aegyptiſche Wuͤſte, die Schilderung einer REES. N 3 Litteratur vom Jahre 1789. 181 — Geſchichte der Engliſchen * e | ſpaͤteren Ruͤckkehr nach Indien in den Jah⸗ ren 1780 und 1781 uͤber Venedig, Laodi⸗ eea, Aleppo, die große Wuͤſte längs dem Euphrat nach Bagdad, Baſſora, und fo weiter anf dem Perſiſchen Meerbuſen nach Bombay. In der Wuͤſte entdeckte er, nicht weit von Palmyra, der ehemals herrlichen Reſidenz einer Zenobia, die Ruinen einiger alten Gebaͤude, die er fuͤr den Sommerpal⸗ laſt dieſer großen Koͤnigin zu halten ſcheint. Ihre Bauart, ihre Pfeiler von gemiſchter und Griechiſcher Ordnung, ihre Lage auf dem halben Wege zwiſchen dem Euphrat und Palmira, eine Tagereiſe weit von bey⸗ den, koͤnnen dieſe Vermuthung unterſtuͤtzen; wiewohl es nicht minder wahrſcheinlich iſt, daß irgend ein Abaſſidiſcher Kaliph die Truͤm⸗ mer von Palmyra benutzen konnte, um ſich ein Landhaus zu erbauen, von deſſen Gaͤr⸗ ten man noch in der umliegenden Gegend einige Spuren entdeckt. Die Schrelbart des Verfaſſers hat ſehr viel Anziehendes, „ und am Schluſſe ſeines Werkes giebt er wieder einige Proben von ſeinem bereits bekannten dichteriſchen Talent. Eine andere merkwuͤr⸗ dige Reife durch Aſien eröffnet der Oſtindi⸗ Litteratur vom Jahre 1799. 183 B v ——— ſchen Compagnie die wichtige Ausſicht, daß es einen Weg zwiſchen Indien und Eng⸗ land giebt, welchen ein Courier in zwey Monathen bequem zuruͤcklegen kann. Der in Dienſten dieſer Compagnie ſtehende Arzt Thomas Sowel, reiſete von Bombay zu Schiffe nach Baſſora; ſodann in Kaͤhnen den Euphrat hinauf nach Hilleh , welches an der Stelle des alten, von unſerer Erde ver⸗ ſchwundene Babylon liegt, und von da nach dem eine Tagereiſe weit über Land am Ti⸗ gris gelegenen Bagdad. Hier nahm er Tuͤrkiſche Courierpferde und Führer, mit de? nen er über Moſul, Diarbekir und Amaſia nach Nikomedien ritt, und ſich daſelbſt nach Conſtantinopel uͤberſetzen ließ. Das kurze Tagebuch dieſer Reiſe, welche mehr als ge⸗ woͤhnliche Kräfte des Leibes, und wir moͤch⸗ ten auch ſagen des Geiſtes, vorausſetzt, enthält einige Bemerkungen über das Klima von Natolien, und uͤber die Sitten der ge⸗ meinen Tuͤrken, die uns fuͤr die Durchleſung entſchaͤdigen. Rennels vortreffliche Karte von Indoſtan nebſt dem dazu gehörigen Memoir, iſt bereits allen Geographen als ein Meiſterwerk bekannt, N4 5 164 Geſchichte der Engliſchen und wir. erwähnen es hier bloß in der Abſicht, an die darin befindliche kurze Nachricht von der auſſerordentlichan Reiſe eines gewiſſen Forſter zu erjunern, der in mohriſcher Verklei⸗ dung die inneren Provinzen des noͤrdlichen In⸗ dien durchirrte, das Paradies der Indier, Kaſchmire, beſuchte, und ſodann durch Perſien und Rußland in fein Vaterland zuruͤckkehrte, Kürzlich gab auch Luſignan, der in London wohnhafte Verfaſſer der Geſchichte des be ruͤhmten Ali Bey, ein Paar Baͤndchen Briefe au. den Arzt Sir William Fordyce heraus, worin er außer einigen Ausfallen gegen den be⸗ liebten Volney, ſeine Meile durch die Europaͤl⸗ ſche Tuͤrkey und einen Theil von Deutſchland beſchreibt. Doch nicht unſer Geſchlecht allein wagt Geſundheit und Leben, verläßt die lange gewohnten Bequemlichkeiten feiner Heimath, und durchirrt entfernte Wuͤſteneyen, oder bes ſucht die armseligen Huͤtten der Norbiſchen Sklavenvoͤlker, und der rohen Nomaden des Morgenlandes. Eine Engliſche Dame vom erſten Range, Lady Craven, hatte den Muth, jene glaͤnzenden Zirkel, wo Faͤrſten und Men ſchen ihrem Geiſt und ihrer Bildung huldigten, war, die beſchneveten Ebenen von Litthauen Litteratur vom Jahre 1789. 183 und Nußland und die Salzſteppen der Krim zu vertauſchen, um ihre Wißbegierde zu befrie⸗ digen, und die Natur nebſt ihrem Haushalter, dem Menſchen, in den auffallendſten Verſchie⸗ denheiten mit eigenem Scharfblick zu betrachten. Mit dankbarer Auſmerkſamkeit lieſt man ihre Briefe an einen Deutſchen Fuͤrſten, mit dem ihr Geiſt und Herz verſchwiſtert ſind, und ſam⸗ melt die in kunſtlos gaukelndem Ton hinge⸗ ſtreuten treffenden Bemerkungen, deren wenige ſtarkgezeichnete Umriſſe ſo viel Bedeutendes fuͤr die Phantaſie enthalten. Einige Kupfer und vorzuͤglich eine neue Karte von Taurien oder der ehemaligen Krim beamer ihre Meifebes Ein anderes Engliſches grünen immer, Wers, Piozzi, die Freundin des beruͤhmten Dr. Johnſon, und die Herausgeberin feiner Cor; reſpondenz und der Anekdoten zur Geſchichte ſeines Lebens, reiſete zwar nur nach Italien, und beſuchte auf ihrem Ruͤckwege einige Deut⸗ ſche Hauptſtaͤdte; allein ihre munteren Erzuͤn⸗ tungen von allem was ihr in dieſen Ländern merkwuͤrdig ſchien, gehören zu den unterhaltend ⸗ ſten Produkten des diesjaͤhrigen Schriftſteller⸗ leißes. Von dem unglücklichen Feldzuge des N 7 186 Geſchichte der Engliſchen Generals Burgoyne, von den Sitten der Ca⸗ nadier, der Neu⸗Englaͤnder und Virginier, und im Allgemeinen von der Anſicht der Länder zwiſchen dem Sanct Lorenz und dem Potomak / fluſſe, handelt ein Augenzeuge und mitgefange⸗ ner Officier, Anburey, in ſeinen gutgeſchrie⸗ benen Briefen. Einen andern Welttheil be⸗ treffen die Briefe des Majors Juardine, naͤmlich die Kuͤſte der Barbarey, wo ſich der Verfaſſer eine Zeitlang als Abgeordneter am Hofe des Kaiſers von Marokko aufhielt, und demnaͤchſt auch Spanien, Portugall und Frank⸗ reich beſuchte. Die Sketches oder Skizzen des Capitains Coſtigan von den Sitten in Portu⸗ * gall, gehören ebenfalls hierher. Auch muͤſſen wir noch eines Engliſchen Reiſenden, des Ba⸗ ronetts Sir Zenry Liddell, erwähnen, der Schweden, Lappland, Finnland und Daͤnne⸗ mark zum Gegenſtande ſeiner Bemerkungen waͤhlte, ein Paar Lapplaͤndiſche Maͤdchen auf einige Monathe nach England kommen ließ, und ſie mit Geſchenken reichlich ausgeſtattet, wieder zuruͤck in ihr Vaterland ſchickte. Der Freund und Reiſegefaͤhrte des Baronetts, Mr. Conſett, beſchreibt die Begebenheiten dieſer Exeurſion, freylich mit mehr gutem Wil — * Atteratur vom ahre 1989. 187 len als Talent. In Shaws Tour to the Weſt of England vermißt man ebenfalls zu ſehr den Blick und den Geiſt eines Pennant, um den dicken Band mit Vergnuͤgen zu Ende zu bringen, und nicht über den langweiligen Familien Anekdoten zu ermuͤden. Die unters haltenden mahleriſchen Reifen Gilpins in Weſt⸗ moreland, den Wyefluß hinab, und in den Gebirgen von Schottland, mit Ausſichten in Acqua tinta verziert, und mit einer lieblichen, am Schönen der Natur nie zu erſaͤttigenden Phantaſie geſchrieben, verdienen hingegen die Auſfmerkſamkeit gefuͤhlvoller Leſer, und eine Stelle in der Bibliothek eines jeden Kuͤnſtlert und eines jeden Dilettanten. Endlich duͤrſen wir hier auch das neuefte Werk des menſchenfreundlichen Zoward, über die Geſaͤngniſſe, Spitäler und Lazarethe in Europa, nicht mit Stillſchweigen uͤbergehen. Der Enthuſiasmus dieſes guten Mannes fuͤr den individgellen Gegenſtand, der fih nun eins mal feiner ganzen Seele bemaͤchtigt hat, die Erleichterung der leidenden Menſchheit im Kerker und in öffentlichen Krankenhaͤuſern, mag zuweilen, wie die Engliſchen Kritiker ihm, etwas unfein n ein wenig übertrieben 188 Geſchichte der Engliſchen S len ſeyn; aber der Gehalt ſeiner Beobachtungen iſt unſtreitig von der Wichtigkeit, welche kaum einen miß billigenden Seitenblick auf die Art, wie er. ſie ſich erwarb, zu entſchuldigen ſcheint. Dem Denker, dem Staatsmanne, und jedem gutgeſinnten Menſchen kann es nicht gleichguͤl⸗ tig ſeyn, wie Tauſende ſeiner Bruͤder, aus Mangel an Vorſorge, oder aus, übelverftans dener Gerechtigkeitsliebe verſchmachten; die Bekanntmachung guter Anſtalten kann kuͤnf⸗ tighin dazu dienen, daß menſchliche Geſetzge⸗ ber und Richter ſie zum Muſter waͤhlen; die Erweckung der allgemeinen Miß billigung kann diejenigen, die ſich nicht ſo leicht an die Stelle des leidenden Verbrechers, oder des huͤlflaſen und kranken Armen ſetzen, zur Unterſuchung und Verbeſſerung unzweckmaͤßiger Gefaͤngniſſe und ungeſunder Hoſpitaͤler bewegen; ja, im Beyſpiel der Peſt erhellt es deutlich, daß der Muth und die Beharrlichkeit des wuͤrdigen Verfaſſers einige ſelbſt dem Polütſker wichtige Reſultate erforſchen konnten, indem er es ſehr wahrſcheinlich macht,, daß der Verfall des Engliſchen Handels nach der Levante durch die Errichtung ordentlicher Quarantainen⸗ La zarethe in Cugland hätte verhuͤtet werden koͤn Litteratur vom Jahre 1789. 199 nen, in deren Ermangelung man ſich jetzt ge⸗ nöthigt ſieht, die Baumwolle, welche den Engliſchen Fabrikanten unentbehrlich iſt, durch die dritte Hand von den Hollaͤndern zu erhan⸗ deln. Das ſchaͤtzbare Werk iſt mit vielen gut ausgefuͤhrten Kupfern ausgeſchmuͤckt, ohne da⸗ durch vertheuert zu werden. Die in dem zuletzt erwahnten Werke haͤu⸗ ſig vorkommenden medleiniſchen Bemerkungen führen uns zu den gelehrten Arbeiten der praktiſchen Aerzte und Wundärzte, der Phy⸗ ſtologen und Zergliederer, deren Verdienſte ſowohl im Norden als im Suͤden der Brit, tiſchen Inſel, das Ausland anerkennt. Die wichtigſte Erſcheinung im anatomiſchen Fache iſt unſtreitig das Werk des berühmten Ale⸗ rander Monro über die Schleimſuͤcke im menſchlichen Körper, deren der größe Albinus nur ſechzehn Paar gekannt hat, da hingegen der Schottiſche Zergliederer ihre Anzahl auf hundert und vierzig bringt. Die Wichtigkeit dieſer Entdeckung fuͤr die Phyſiologle und Pa⸗ thologie, die ſich ſchon jetzt zum Theil beſtim⸗ men, zum Theil voraus ahnden laßt, werden tiſt kuͤnftige Wahrnehmungen näher entwik⸗ keln. Der Verfaſſer giebt bereits einige Ge 190 Geſchichte der Engliſchen S —— —— ſichtspunkte an, wo ſeine Beobachtungen von unmittelbarem Nutzen fuͤr die Heilkunde zu ſeyn ſcheinen; und lehrten ſie auch nur dieſe einzige Wahrheit, daß der Bau unſeres Koͤr⸗ pers noch lange nicht hinlaͤnglich erforſcht worden iſt, ſo verdienten ſie ſchon den Bey⸗ fall aller denkenden Aerzte. Weit weniger bingegen laͤßt ſich zum Ruhme der Kupfer ſa⸗ gen, welche Dr. Denman in der Abſicht, die Fortpflanzung der Thiere zu erlaͤutern, her⸗ ausgegeben hat. Aitkens Entbindungs⸗ kunſt hat wenigſtens den Beyfall des Engli⸗ ſchen Publieums fuͤr ſich, welches in Zeit von zwey Jahren drey Auflagen dieſes Werkes ver⸗ griff. Der ſechſte und vollendende Band von Bells Chirurgie hat den anerkannten Werth der vorhergehenden Baͤnde; doch verdient auch Pearſons eben angefangene neue Chirurgie in Aphorismen einigen Beyfall, und die chi⸗ rurgiſchen Abhandlungen des Dr. Under⸗ wood, wovon bereits die zweyte vermehrte Ausgabe erſchienen iſt, enthalten viele praktis ſche Bemerkungen, die dem angehenden Wund⸗ arzte lehrreich ſeyn koͤnnen. Die Schaumuͤnze des Lyceums iſt dieſesmal dem Wundarzte Moore fuͤr ſeine Preisſchrift uͤber den Gang Litteratur vom Jahre 1789. 191 der Natur bey der Heilung der Wunden, zu⸗ erkannt worden. Zwey andere Preisſchriften, eine von Goodwin, die andere von Nite, haben jene die goldene, diefe die ſilberne Mer daille der humane Society erhalten; die Preisfrage betraf die zweckmaͤßigſten Rettungs⸗ mittel der anſcheinend Todten. Zum Beſten dieſer menſchenfreundlichen Geſellſchaft lies Dr. Lettſom fein Traktaͤtchen über die Wir⸗ kungen des unmaͤßigen Trinkens drucken. Die Krankheiten des heißen Himmelſtriches wurden neuerlich von zwey geſchickten Aerzten naͤher beobachtet und beſchrieben. Der eine, Dr. Moſeley, ſchickt ſeinem Werke eine leſens⸗ werthe Abhandlung uͤber das Klima und die Lebensweiſe in den Weſtindiſchen Inſeln voran. Der andere, Dr. John Sunter, beſchreibt ebenfalls die Inſel Jamaika in medieiniſcher Hinſicht; in der Curart aber ſcheinen ſie nicht zuſalnmenzuſtimmen. Von dem letztgenann⸗ ten Arzte muß man den Wundarzt gleiches Na⸗ mens unterſcheiden, deſſen Verdienſte um die Zergliederungskunſt ſo bekannt ſind, und deſſen neuliche Abhandlung uͤber die Luſtſeuche einen gelehrten Streit zwiſchen den Wundärzten Soote und Peake veranlaßt hat. Ueber die 192 Geſchichte der Englifchen Peſt ſchrieb Dr. Zenderſon, ein Arzt, der ſich lange im Orient aufgehalten hatte; allein es ſcheint eben nicht, daß es ihm gelungen ſey, ein neues und zuverlaͤſſiges Mittel gegen dieſe fuͤrchterliche Seuche zu entdecken. Eben fo wenig moͤchten wir den Anmaßungen des Dr. Rowley trauen, der es gemeinhin mit den hartnackigſten Krankheiten aufzunehmen pflegt, und kuͤrzlich Über die Heilmethode der chront⸗ ſchen Weiberkrankheiten, uͤber Kraͤmpfe, gal⸗ lichte Zufaͤlle, Schlagfluͤſſe, Wahnſinn und Selbſtmord, geſchrieben hat. Weit wicht gere Beytraͤge zur Heilkunde enthält der jetzt erſchlenene zweyte Band der Abhandlungen der medical Society in London, und der von Dr. Duncan herausgegebene dritte Theil der medical Commentaries,. Auch iſt die neue Engliſche Ausgabe von Sydenhams un⸗ ſterblichen Werken, welche Dr. Wallis beſorgt hat, verdienſtlicher als mancher neue Verſuch eines angehenden Praktikus, der ſich einen Ruf erſchreiben will. Ein ähnliches Verdienſt hat ſich Dr. Smyth durch die Herausgabe der Handſchriften des verſtorbenen Dr. Stark en worben. Noch brauchbarer und in ihrer Art n. ſinnd aber Cullens Vorleſungen i uͤber Litteratur vom Jahre 1789. 193 4 uu 2 — ET — „* an 7 a uͤber die Arzneymittel, die jetzt in einer authen " tiſchen, vom Verfaſſer feld: ausgearbeiteten Edition zum zweytenmal erſchienen ſind. Die pharmareutiſche Chemie von Dr. Donald Monro füllte zwar eine Lücke in der medich niſchen Litteratur der Englaͤnder; allein ſie ver, dient kaum einer Nakion genannt zu werden, die einen Sagen und fo manchen andern 5 ſchickten Pharmacevtiker beſitzt⸗ 7 ! um das Verzeichniß der neuherausgekom⸗ menen medieiniſchen Schriften vollſtaͤndiger zu machen, erwähnen wir noch einer gründlichen Abhandlung aus der Vieharzneykunde, von Clark, uͤber die beſte Methode die Pferde ge⸗ ſund zu erhalten, und endlich die, wegen des Gewerbes ihres Verfaſſers, eines Schnuͤrbruſt⸗ ſchneiders, merlwuͤrdige Schrift uber die Vers wachſenen, deren Ruͤckgrat mißgeſtaltet iſt. Dieſer gelehrte Handwerker, Philipp Jones, der ſich in des verſtorbenen Dr. Zunters ana ⸗ tomiſchen Vorleſungen die gehörige Kenneniß des menſchlichen Koͤrperbaues erwarb, um uͤber einen Gegenſtand, wobey ſeine Kunſt in Be⸗ trachtung kam, mit Sachkenntniß ſprechen zu koͤnnen, liefert in ‚feinem Werke einen Voss G. Forſters kl. Schr. zr ). 0 194 Geſchichte der Eugliſchen ſchlag, wie jenen Verunſtaltungen am beſten abgeholfen werden koͤnne, welcher ſehr viel Beleſenheit in den Schriften der vorzuͤglichſten Wundaͤrzte und gründliche meta Kennt⸗ niſſe wer | ueberhaupt bemerken wir in der Dieteratur dieses Jahrs die Beſtaͤtigung deſſen, was wir bereits von dem in England ſo regen Eifer fuͤr die Erweiterung der Erfahrungswiſſenſchaften (Kleine Schriften, B. II. S. 251. u. f.) be⸗ hauptet, und mit guͤltigen Beweiſen belegt ha⸗ ben. In allen Zweigen der Naturgeſchichte und der Naturlehre finden. wir entweder neue Entdeckungen, oder doch neue Produkte des Fleißes und der Liebe für dieſe Wiſſenſchaften, welche theils Gelehrte von Proſeſſion, theils bloße Dilettanten beſeelt. Dr. Smith, der nunmehrige Beſitzer des Linnäiſchen Natura⸗ lien⸗Cabinets, und insbeſondere der lehrreichen Kraͤuterſammlung dieſes bewundernswuͤrdigen Botanikers, gab die Erſtlinge ſeiner Arbeiten uber dieſen noch nicht gehoͤrig benutzten Schatz in einem Foliob ande mit vielen Kupfern heraus, und ſtiftete auch zum Andenken des großen Schwediſchen Naturforſchers eine Linnaͤiſche eſten viel ſten ennt⸗ atur B wir für aften ) ber zt ha⸗ hichte neue e des aften, theils der atura⸗ eichen digen beiten Schatz raus, roßen aͤiſche Socletät welche ſich wöchentlich bey ihm ver⸗ Litteratur vom Jaßre 1789. 195 ſammelt, um in den Fußſtapſen des Mannes, 7 50 Namen ſie traͤgt, die Wiſſenſchaft zu be⸗ reichern. Der vortreffliche Kunſtgaͤrtner Ai⸗ ton, gab endlich auch das lehrreiche Verzeich⸗ niß der im koͤniglichen Garten zu Kew, unter feiner Vorſorge wachſenden auslaͤndiſchen Pflan⸗ zen heraus, unter denen ſich eine große Menge neuer, zuvor noch nie bekannt gewordener Gat⸗ tungen befinden. Dieſer Hortus Kewenſis fuͤllt daher drey Oktavbaͤnde „und enthält eis nige erlaͤuternde Küpfer. Martyn ließ zur beſſern Erklaͤrung ſeiner Briefe uͤber die Grundlehren der Botanik acht und dreyßig Zeichnungen von den Kennzeichen der Klaſſen des Linnäiſchen Syſtems in Kupfer ſtechen, die jedoch ſeit Millers Einleitung in die Botanik entbehrlicher zu ſeyn ſchienen. Das praͤchtigſte Kupferwerk, welches nach ſo vielen, zum Theil mit Recht bewunderten Werken uͤber die Na⸗ turgeſchichte der Muſcheln und Schnecken, un⸗ ter dem Titel! the univerſal Conchyliolo- giſt, erſcheint, hat einen andern Thomas Mar tyn zum Verfaſſer. Auf den achtzig Platten in breitem Regal⸗Folio, die mit Farben ausge⸗ mahlt 1 888 und nebſt dem Text zwey Baͤnde O 2 196 Geſchichte der Engliſchen | — TE? 0", 0 VPn | ausmachen, find alle mehr oder weniger ber kannte aus der Suͤdſee und anderen von Coot durchſchifften Meeren mitgebrachte Muſchel⸗ und Schneckenarten, mit einer Kunſt, Pracht und Schoͤnheit abgebildet, die ſich zum Theil auch ſchon aus dem ungeheuren Preiſe von drey⸗ ßig Louisd'or vermuthen laßt. Man hat ber rechnet, daß wenn die ganze Conchyliologie auf dieſe Art wirklich nach der Natur gezeich⸗ net, geſtochen und ausgemahlt werden ſollte / jedes Exemplar des ganzen Werkes 24,000 Gul⸗ den koſten wuͤrde: eine Summe, die kein Mo⸗ narch an ein fo geringfuͤgiges Studium, wie dieſes, wo nur die bunten Kalkhäufer der Schals thiere betrachtet werden, wegwerfen kann. Die neue Ausgabe von Berkenhouts Synopſis der Naturgeſchichte von Großbrittannien und Irland in zwey Oktavbaͤnden hat unzählig: Verbeſſerungen und Zuſaͤtze erhalten, wodurch ſie dem Anfaͤnger nuͤtzlich werden kann Dr. Samuel Stanhope Smith, ein Engliſcher Theologe, hat das ſo oft und manchmal ſchon ſo abentheuerlich behandelte Thema von den Varietaͤten im Menſchengeſchlechte von neuem zum Gegenſtande ſeines Nachdenkens gewaͤhlt; allein feine religioͤſen Vorurtheile, feine geringe ſcher chon den wem ihlt; inge 5 Litteratur vom Jahre 1789. 197 PTT Beleſenheit, und die Unbeſtimmtheit feiner Sir griffe ſtehen ihm uͤberall 15 3 e ade Nan e Cronſtedts Minerätogte war üngſt dus Engliſche uͤberſetzt, und hatte ſchon mehrere Auflagen erlebt, als der in London einheimiſch gewordene Portugieſiſche Phyſiker, Magel⸗ haens, die neueſten Entdeckungen der Oryktolo⸗ gen und Chymiker unſerer Zeit damit verwebte, und den Engländern ein mineralogiſches Hand⸗ buch lieferte, welches den beſſeren Schriften der Franzoſen und Dautſchen in dleſem Fache nahe kommt. Die Topographie von Selborne, welche der dortige Pfarrer White, wahrend eines langen Aufenthalts, ausgearbeitet hat, enthält eine Menge ſehr wichtiger Bemerkun⸗ gen uͤber alle verſchiedenen Theile der Natur⸗ geſchichte. Die philoſophiſchen Transaktionen der koͤniglichen Geſellſchaft der Wiſſenſchaften in London ſind bekanntlich der Mathematik und Naturwiſſenſchaft vorzugsweiſe gewidmet, und liefern eine reiche Nachleſe von Wahrnehmun⸗ gen, Entdeckungen und Unterſuchungen in al⸗ len ihren Theilen, Die Engliſchen Phyſiker Blagden, Walker, Darwin und einige an⸗ dere beſchaͤftigen ſich jetzt hauptſächlich mit O 3 198 Geſchichte der Engliſchen àᷣ Pr , r -m . Erfahrungen über die kuͤnſtliche Erzeugung der Kaͤlte, worin ſie es ſchon ſo weit gebracht haben, daß Lichtenberg mit der Laune, wel: che große Wahrheiten ſcherzend fallen laßt, ber haupten durfte: vielleicht komme noch die Zeit, daß man Staͤdte und Dörfer ſo in Froſt ſtecke, wie man ſie bisher in Brand geſteckt hat. Ein anderer Gegenſtand der neueren Phyſik und Chemie iſt die Zerlegung der bis⸗ her fuͤr Elemente gehaltenen Fluͤſſigkeiten, der Luft und des Waſſers. Prieſtley und Caven⸗ diſh erhielten wahre Salpeterſaͤure, indem ſie den elektriſchen Funken durch eine Mi⸗ ſchung von dephlogiſtiſirter und phlogiſtiſcher Luft gehen, oder auch dephlogiſtiſirte mit ent⸗ zuͤndbarer Luft verbrannten; und weit entfernt mit Cavoiſier zu glauben, das Waſſer ſey aus verſchiedenen Luftarten zuſammengeſetzt, wagt man bereits die kuͤhnere Vorausſetzung, daß es ſchon als Beſtandtheil in denſelben enthalten ſey. Jenners genaue Beohachtungen über die Sitten des Kukuks; Smiths Wahrneh⸗ mungen der vegetabiliſchen Reitzbarkeit; Las vallos und Grays elektriſche Verſuche, und Zerſchels Entdeckung eines ſechſten und ſieben⸗ ten Saturns⸗Trabanten und zweyer Monden * Litteratur vom Jahre 1789. 199 um ſeinen neuen Planeten, verdienen auch in dieſer kurzen Anzeige eine ehrenvolle Erwaͤh⸗ nung. Seit dem Jahre 1783 ward auch die in Edinburg 1731 entſtandene Geſell⸗ ſchaft zur Aufnahme der Arzneykunde, von Georg dem Dritten zum Range einer oͤffentli⸗ chen koͤniglichen Geſellſchaft erhoben, und an die Stelle ihrer bisherigen Ellays and Obſer- vations erſchien im vorigen Jahre der erſte ö Band ihrer Transaktionen, welcher theils phys - ſikaliſche, medieiniſche und naturhiſtoriſche, theils auch litterariſche, mlbansgiſche a mas‘ 8 Auſſabe enthält. dre hat ebenfalls 1 Bu de br niglche Akademie der Wiſſenſchaften, deren Transaktionen, außer einigen Aufſaͤtzen in jenen Faͤchern, noch manchen reichhaltigen Bey: trag zur ‚Erläuterung: der Irlaͤndiſchen Alter⸗ thuͤmer liefern. In der auf Naturkenntniß get gruͤndeten Landwirthſchaſt, welche dem Scharfe ſinn, dem Fleiß, dem Beobachtungsgeiſt, und der unbefangenen Experimentirluſt der Eng. laͤnder ſo große Fortſchritte verdankt, erſchel⸗ non noch taglich neue Schriften; unter andern dane . hall die verſchiedenen Get 894 tn nt ee enter eieenneeenst en 200 Geſchichte der Englischen ſchaͤfte des Hausvaters und der Hausmutter in den verſchiedenen Provinzen Englands, in Norfolk, in Vorkſhire, in Gloeeſterſhire, mlt einer lehrreichen Umſtaͤndlichkeit, in ei⸗ ner verſtaͤndlichen, angenehmen Schreibart. Sein Werk geht aber nicht allein in den klein⸗ ſten Detail, ſondern giebt auch einen Ueber⸗ blick von der Adminiſtratton ganzer Landguͤter im Großen, und gewinnt folglich auch von dieſer Seite an unmittelbarer praktiſcher Nuͤtz⸗ lichkeit. Zur Empfehlung der weitausſehen⸗ den Projekte des Dr. Edwards laͤßt ſich ſchon weit weniger ſagen. Der gute Mann meynt es zwar ſehr treu mit ſeinen Lands⸗ leuten; er giebt ihnen ein unfehlbares Mittel an die Hand, die National Schuld in drey⸗ ßig Jahren rein abzubezahlen, und die ſittli⸗ che und politiſche Gluͤckſeligkeit des Staats und der einzelnen Einwohner auf den hoͤchſten Gipfel zu bringen; er verwebt endlich in die⸗ fen: Plan die Vervollkommnung der Land⸗ wirthſchaft: aber alles geht bey ihm ins Uner⸗ meßliche, und erfordert die Mitwirkung ande⸗ rer Menſchen, als der Gattung, die unſer Pla⸗ net hervorbringt, um es nach ſeinen Viſionen auszuführen. In dieſen zwey Quartbaͤnden iſt Litteratur vom Jahre 1799. 201 A———— — — der Abſchnitt vom Ackerbau noch bel weitem der vorzuͤglichſte, und man bedauert nur, daß er mit den anderen ungleichartigen Materien verbunden iſt. Auch ein Schottlaͤnder, David Moung, iſt kurzlich mit einer Schrift ans Licht getreten, welche in einem Chaos von uͤberſpann⸗ ten Projekten viele feine en ee a tungen, uber den nde muten . 9211111 Wir verlaſſen endlich dieſen er bes menſchlichen Wiſſens, wo die Phantaſie ge: woͤhnlich am unrechten Orte ſteht und mit dem wiſſenſchaftlichen Ernſte fo ſchwer zu reimen iſt, um uns in ihr eignes Reich zu begeben, dort ihren muntern Spielen zuzuſehen und von dies . ſem langen Ritterzuge durch das Gebiet der lit⸗ terariſchen Abentheuer auszuruhen. Hier ſoll uns der ſattelfeſte Ritter Geoffrey Gambado in ſeiner Reitſchule fuͤr Erwachſene, an Swift, den großen Meiſter in der Ironie, erinnern, indem er mit feyerlichem Eruſt feine. Schalke; regeln herſagt und den modernen Geſchmack an Pferden, und die Unwiſſenheit der Käufer und Reiter perſifflirt. Mr. Bunbury, der Ka; rikaturen⸗Zeichner, trägt ebenfalls fein Scherf, hun bey, um uns bey dieſer Lektuͤre die Ner⸗ 9 202 Geſchichte der Engliſchen br r un, ven des Zwerchfells in eine wohlthaͤtige Bis: bration zu verſetzen. Die komiſche Muſe ſcheint dieſe Kraft verloren zu haben, ſo lange ſie nur mit Cumberland, Conway und Col⸗ man dem juͤngern den Reihen fuͤhrt; die Impoſtors verrathen keine Spur des Geiſtes, der einſt im Weſtindier glaͤnzte. Biſſy's De⸗ hors trompeurs verdienten ſchwerlich, daß ein Brittiſcher General feine Ueberſetzerkuͤnſte daran übte, und Colmans Ways and Means ſind unter der Kritik. Im Tauerſpiel war St. John mit ſeiner Koͤnigin Marie von Schottland, und Macdonald mit feiner Vis monda, nicht gluͤcklicher; der peichhaltige Stoff den jener waͤhlte, die ſchoͤnen Stellen welche der letztere in ſein Drama verwebte, konnten gleichwohl den Eindruck des Ganzen nicht ret⸗ ten. Bey den Romandichtern des Tages ſin⸗ den wir indeſſen wenig Erſatz für jene betro⸗ gene Erwartungen im Theater. Die mißver⸗ ſtandenen, aber auch leicht zu mißdeutenden Grundſaͤtze des Grafen Chefterfield zu beſtrei⸗ ten und horabzuwuͤrdigen, ſcheint das große Ziel zu ſeyn, welches maͤnnliche und weibliche Fe⸗ dern in Bewegung ſetzt. Miß Smiths Em⸗ melina zieht offenbar gegen biefen gefährlichen — Litteratur vom Jahre 1789. 203 Jugendverderber, wie die Moraliſten ihn nen⸗ nen, zu Felde, und der hochgeprieſene Zelueo des munteren Reiſenden, Dr. Moore, bekaͤmpft ihn mit gewaltigeren Waffen. Wie viel ſchoͤ⸗ ner aber iſt das Gemaͤhlde der Sitten der Vor⸗ zeit, im Grafen Strongbow, deſſen Geiſt die Geſchichte ſeiner Heldenthaten, und insbe⸗ ſondere jener Periode ſeines Lebens erzaͤhlt, in welcher er Irland eroberte, und es mit der Krone von Großbrittannien unzertrennlich ver⸗ band! Des Dichters wie des bildenden Kuͤnſt⸗ lers Gegenſtand ſey das Schoͤne der Darſtel⸗ lung! jeder Abweg von dieſer. Vorſchrift iſt gefaͤhrlich, und das Lehrgedicht folglich die Klippe, an welcher mittelmaͤßige Talente ſcheitern. Wen ermuͤdet nicht, trotz den ſchoͤnen einzelnen Stellen, Downmans In- fancy, polwhell's Orator, Gilbank'e Pentecoſt, und Jerninghams Enthu- ſiasm ? Lieber horchen wir auf die Strophen von Sterlings Rittergedicht, auf Cham pions Ueberſetzung des Perſiſchen Dichters Serdoſi, oder Nott's Oden nach dem Saſiz; lieber lächeln wir über die bittre epigramma⸗ tiſche Laune der Oppoſitionsparthey in ihren poetical Miſcellanies, oder uber den aben⸗ cheuerlihen Witz des umaetärchipi Dich⸗ ters der Buggiade, und die unerſchsͤpfliche Phantaſte des allen Dummezpſen are n auger e l a . 5 va V Au die herausgeben der Berliniſchen Monatsſchrift. e | Ueber Proſeirtenmacherey. V. * —* 27950 | 207 Ueber Pröfeiptenmnacheren. An die Herausgeber der Berlinische f Monathsſchrift. 1789. Verſchledenheit der Meinungen war nie ein Grund, der Sie beſtimmt hätte, jemanden Ihre Freundſchaft zu entziehen. Nie verſag⸗ ten Sie Ihre Hochachtung einem rechtſchaffe⸗ nen Manne, der aus Ueberzeugung und nach Grundſaͤtzen, dieſe mochten von den Ihrigen ſo abſtechend als moͤglich ſeyn, ohne Beein⸗ teächtigung der Rechte des einzelnen Menſchen oder des geſellſchaftlichen Vertrages, handelte. Nur der Unwuͤrdige war ihnen veraͤchtlich, er die Stimme der natuͤrlichen Gerechtigkeit n Seinem Buſen uͤbertaͤuben, und gegen beſſe⸗ res Wiſſen vorſetzlich die Befriedigung feines Willens auf Koſten der Freyheit und des Eigen: thums feines Mitmenſchen ſuchen konnte. . Der Satz, von welchem alle Moraliſten ausgehen: die Anerkennung derſelben Rechte, die man fuͤr ſich verlangt, in jedem einzelnen 208 Ueber Proſelytenmacherey. Menſchen; führt mich alſo, mit dem Bewußt; ſeyn, daß er die unerſchuͤtterliche Grundlage Ihres Denkens und Handelns bleibt, in vol⸗ lem Vertrauen zu Ihnen, indem ich eine Mei⸗ nung, welche von der Ihrigen abweicht und ſie beſtreiten ſoll, durch Ihre Monathsſchrift vor das Pubkteum zu bringen wuͤnſche. Der e Ihrer Monathsſchrift von dieſem Jahr ( galt, unter der Rubrik: Pros ſelytenmacherey, ein Schreiben des Herrn Hofgerichtsraths Bender zu Eltvill im Rhein; gau an die katholiſche Wittwe eines Proteſtan⸗ ten; worin er ihr mißraͤth, ihre Soͤhne in der Liutheriſchen Religion erziehen zu laſſen. Die öffentliche Bekanntmachung dieſes Schreibens ſoll, Ihrer Erinnerung zufolge, „zur Be⸗ 75 ſchaͤmung des Briefſtellers dienen, der auf „ das hinterliſtigſte alle Motive in Bewegung „zu ſetzen ſucht, um eine ſchwache und be⸗ „ truͤbte Perſon zu elnem unredlichen „Schritte zu verlelten, indem er ihr denſelben z als Pflicht und als Befehl von Gott vor „ ſpiegeln will.“ Erlauben Sie mir, daß ich uͤber die Wahl der auffallenden Worte, deren Sie Sich en. ein W mit 175 55 rechten darf. N Pro⸗ Ueber Proſelytenmacherey. 209 proſelytenmacherey. Ich begreife nicht, wie man im proteſtantiſchen Deutſchland, welches ſo lange her bemuͤhet geweſen iſt, von allen Verſchiedenheiten im Menſchenge⸗ ſchlechte, in Abſicht der Vorſtellungsart / der Sitten, Gebräuche, Religionen und Verfaſ⸗ ſungen, der Armuth und des Reichthums der Begriffe, des Gebrauchs, Mißbrauchs und Nichtgebrauchs der Verſtandeskrafte genaue Kenntniſſe einzufammeln; ich begreife nicht, wie man da den Geiſt eines angeblich allein⸗ ſeligmachenden Glaubens je ſo weit hat ver⸗ kennen koͤnnen, um ſich zu ſchmeicheln daß ſeine Bekenner dem ernſten Beſtreben entſagen würden, Andersgeſinnte zu ihrer Meinung zu überreden. Von wem mag ſich die Behaup⸗ tung wohl herſchreiben, daß die Katholiken auf Bekehrungen je Verzicht gethan? Nie mand hat mir ihren Urheber zu nennen ge⸗ wußt; und dies vielleicht um ſo viel weniger, als es gewiß iſt, daß dieſer Wahn erſt ſeit Kurzem geruͤgt wird, und uͤberall ſo wenig Bepfall findet, daß er kaum der Ruͤge werth zu ſeyn ſcheint. Wenn ich einer Muthmaßung Raum geben dürfte, fo wurde ich feine Ent ſtehung dort ſuchen, wo man ihn zuerſt wibet z G. Forſters kl. Schr. zr Th. P 310 Ueber Proſelytemacherey. legte. Von Schulverbeſſerungen, von Auf⸗ nahme der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, von Kloͤſteraufhebungen, von Duldung andrer Glaubens verwandten, von Befoͤrderungen pro⸗ teſtantiſcher Gelehrten im katholiſchen Deutſch⸗ land, hatte man, und zwar mit Recht, viel ruͤhmen gehoͤrt. Wie leicht ſchwaͤrmt man nicht fuͤr das Gute, welches jedem nach ſeiner Einſicht das Beſte ſcheint! Es bedurfte nur ei⸗ ner lebhaften Einbildungskraft und eines edlen Enthuſiasmus für. die Wohlthat der Reſorma⸗ tion, um den Trugſchluß zu erzeugen, daß ein aufgeklärter Katholik im Stillen ſchon mehr als halber Proteſtant ſeyn muͤſſe. Die Katholiken waren wohl weit entfernt, ſich von dieſer vermeintlichen Metamorphoſe ihrer ſelbſt etwas traͤumen zu laſſen; eben ſo entfernt, wie jene Proteſtanten, denen derſelbe Enthu⸗ ſiasmus auf den Kopf zuſagen durfte: fie koͤnn⸗ ten, ohne es ſelbſt zu wiſſen, heimliche Je⸗ ſulten ſeyn. Allein es waͤhrte gewiß nicht lange, ſo mußte der Mann, der dieſe unſicht⸗ baren Verwandlungen erſpaͤhet zu haben glaubte, ſich ſelbſt ſeinen Irrthum eingeſte⸗ hen, ſobald er nehmlich zur wirklichen Unter⸗ ſuchung ſchrite, und die Deutſchen Katholiken 2 „ — e ee . — — —. A et ) Ueber Proſelytenmacherey. 211 gegen das Ideal in ſeinem Kopfe hielt. Nach dieſer Entdeckung wußte er ſich dann vermuth⸗ lich keinen andern Rath, als jenen ſo noto⸗ riſch gewordenen Kampf mit ſeinem eigenen Hirngeſpinnſte. Die laͤngſt bekannte, nie be⸗ zweifelte Ueberzeugung der Katholiken, daß die Bekehrung der Andersgeſinnten verdienſtlich ſey, mußte itzt auf einmal etwas Unerhoͤrtes heißen, damit man. über proteſtantiſche Sorg⸗ loſigkeit laute Klagen erheben und uns in die polemiſirenden Jahrhunderte zuruͤck verſetzen konnte. Wenn der Verdruß über jene Selbſt⸗ taͤuſchung auch ſo weit gegangen waͤre, daß er über alles und jedes Beginnen unſrer katholi⸗ ſchen Landsleute die unbilligſten Urtheile ver⸗ anlaßt hätte; fo würden Sie Sich mit mir uͤber eine ſo natuͤrliche, dem menſchlichen Her⸗ zen ſo angemeſſene, Wirkung wohl ſchwerüch gewundert haben. 55 Ich wiederhole alſo: daß die meiſten Kar tholiken fich durch den Lehrbegriff ihrer Kirche berufen glauben, Proſelyten zu machen, dies konnte keinem in ſeiner Religion zweckmäßig unterrichteten Proteſtanten, keinem, fuͤr deſſen Belehrung und Unterhaltung durch un⸗ ſere zahlloſen Journale geſorgt werden ſollte, n p * 212 Ueber Proſelytenmacherey. unbekannt geblieben ſeyn. Der Glaube, daß außer dem Schooße der Kirche keine Seligkeit zu hoffen ſey, ſtaͤnde ja mit der Menſchenliebe in Widerſpruch, wenn er nicht an den Wunſch eine allgemeine Bekehrung zu bewirken, innig gebunden wäre. Dieſe beyden Grundſaͤtze ſte⸗ hen und fallen mit einander; und die Katholi⸗ ken koͤnnen nicht eher aufhören zu bekehren, bis ſie aufhoͤren zu verdammen. Der aufgeklaͤrte Proteſtant, der allen chriſtlichen Partheyen ziemlich gleiche Anſpruͤche auf die Seligkeit zu⸗ geſteht, muß zwar nach feinem Gefühl dieſen verdammenden Glauben mit ſeiner unmittelba⸗ ren Folge, dem Bekehrungseifer „ mißbilligen und verwerfen; allein er wird zugleich geſtehen, daß der Kathollk auch bey dieſem Glauben we⸗ nigſtens noch conſequent iſt. Daß dieſer Glaube, daß ſo mancher andere Glaube ſich des menſchlichen Herzens hat bemeiſtern koͤn⸗ nen: daruͤber darf der Philoſoph das Loos der Menſchheit bedauern: denn das iſt ſeinem Glauben gemäß; er wird aber unftreitig der letzte ſeyn, der ſeinen Mitmenſchen die goldene Freyheit abſprechen möchte, zu glauben, was ſie wollen oder konnen. Dieſe Freyhelt aufzu⸗ heben, iſt nicht nur unerlaubt ſondern auch 7 Aeber Profelptenmmacherey. 313 — — zum Gluͤck nur in Feine ee noch moͤglich. Sate „Der Himmel bewahre ze mird man mir antworten, „daß ein Proteſtant, er ſey Phi⸗ loſoph oder nicht, den Einfall haben ſollte, ei⸗ nen andern Glauben, waͤre es auch der allein⸗ ſeligmachende ſelbſt, im Heiligen Roͤmiſchen Reiche verfolgen oder in einem gehaͤſſigen Lichte darſtellen zu wollen! Das aber laͤßt ſich keinem wehren, daß er mach Grundſaͤtzen einer erleuchteten Vernunft, welche ſelt Kurzem ſo manche Rieſenſchritte gethan, ſich ſelbſt von feiner. Ueberzeugung Nechenfchaft geben, ſoch gegen eine Religion, welche die Zahl ihrer Bekenner zu vermehren ſucht, mit Gruͤnden verwahren, ſeine Glaubensgenoſſen vor dem Abfalle ſichern, und der eee Seugniß . geben darf.“ Wahrheit! Free PR heiliges Wort, unzertrennlich von Empfindung und Gedanken; und dem Menſchengeſchlechte ifo theuer, daß Religion und Philoſophie an die Ergruͤndung ſeines goͤttlichen Sinnes die hoͤch⸗ ſte Gluͤckſeligkeit knuͤpften ! Wer iſt ſo bloͤdſiu⸗ nnig, daß er Wahrheit nicht erkennen; wer fo ‚ned: daß er die erkannte Lahe nicht p 3 314 Ueber Proſelytenmacherey. | 1 mittheilen möchte? Verzeihen Sie dieſe Apo; ſtrophe; Sie wiſſen ja, ich war von jeher ein Eiferer fuͤr | die Sonnen: Wahr und Gut und ee Wahrheit alſo muß behauptet, muß mit Gruͤn⸗ den verfochten werden; und ſo lange ſie einem unaufgeloͤſeten Problem aͤhnlich ſieht, das iſt, überall wo Veyſchiedenheit der Meinungen herrſcht, kann ihre Erforſchung ohne Diseuſ⸗ ſionen, ihre Mittheilung ohne Ueberredung, nicht von Statten gehn. Indem ich hier die Gruͤnde meiner Ueberzeugung darlege, wuͤn⸗ ſche ich ihre Guͤltigkeit anerkannt zu ſehen; ſie ſind die Ueberredungsmittel, deren ich mich bediene, um meinen Erkenntniſſen Eingang zu verſchaffen, um Andere mit mir gleichfoͤr⸗ mig denken und empfinden zu laſſen, um fuͤr meine Meinung Stimmen zu gewinnen, In⸗ dem Sie durch Ihre Monathsſchrift dem Aber⸗ glauben, der Schwaͤrmerey und dem Betrug entgegen arbeiten wollten, hatten auch Sie die Abſicht, der Wahrheit, wie ſie von Ihnen erkannt worden war, Beyſtimmung zu erwer⸗ ben, Ihre Ueberzeugung in mehreren Köpfen geltend zu machen, Ihre Leſer, mit Einem Worte, zu uͤberreden. Behauptungen, von ueber Proſelytenmacherey. 21g deren Zuverlaͤſſigkeit man uͤberzeugt iſt, dle man aber nicht ausbreiten will, bringt man auch nicht ins Publieum. Von der Wahrheitsliebe iſt alſo der Bekeh⸗ | rungsgeiſt unzertrennlich, in fo fern er das Beſtreben iſt, Andere zu feiner Meinung zu gewinnen. Vom Wilden bis zum Großinqui⸗ ſitor, vom frommen Schwaͤrmer bis zum Phi⸗ loſophen find wir alle Proſelytenmacher: und was ſo tief in der menſchlichen Natur ge⸗ gruͤndet iſt, kann nicht an ſich, kann nur durch den Gebrauch unrechtmaͤßiger Mittel ſtraͤflich ſeyn. Der Streit zwiſchen Proteſtan⸗ ten und Katholiken hatte vieler Menſchen Blut gekoſtet, als endlich ein feyerlicher Friedens ⸗ ſchluß jeder Parthey die gewaltthaͤtige Be⸗ eintraͤchtigung der andern unterſagte. Allein auch damals ſchon kannte man die Rechte der Menſchheit zu wohl, damals ſchon hatte man ſie mit ſo großem Nachdruck geltend zu machen gewußt, daß jedem Deutſchen Manne Frey⸗ heit des Gewiſſens zuerkannt, mithin auch allen Religionspartheyen, deren Rechtmaͤßig⸗ keit jene Sanktion foͤrmlich beftätigte, geſtattet wurde, Proſelyten anzunehmen, die ſich durch Beſtimmungsgruͤnde, welche ihnen uͤberwle⸗ 4 216 Ueber Profelytenmacheren. gend ſchlenen, zu einem freywilligen Tauſche bewogen fuͤnden. Dem Katholiken ſteht es alſo frey, aus eigener Wahl zur proteſtantiſchen Religion uͤberzugehen, und eben ſo dem ra teſtanten, katholiſch zu werden. N Wenn es nun unlaͤugbar iſt, daß der Geis der Proſelytenmacherey fo lange unter den Katholiken nicht erloͤſchen kann, bis die katho⸗ liſche Kirche durch eine beſtimmte, alle ihre Bekenner bindende, Auslegung ihres Lehr⸗ begriffs den Andersgeſinnten die Hoffnung der Seligkeit zugeſtehen wird; wenn ferner durch die itzt guͤltigen Religionsvertraͤge die Gewiſſensfreyheit anerkannt, und der Ueber⸗ gang von einer Kirche zur andern geſtattet morden: wer moͤchte es wagen, den Katholiken ihre Proſelytenmacherey zu wehren, oder auch nur dieſes Wort mit dem Ausdruck der Verun⸗ glimpfung auszuſprechen, um die Handlung ſelbſt und die Religion, welche fie zu billigen ſcheint, in einem gehaͤſſigen Lichte zu zeigen? Die Erbitterung war einſt heftig zwiſchen der proteſtantiſchen und katholiſchen Parthey; baum ſind ſie noch beſuͤnftigt, kaum iſt Maͤßi⸗ zung und Duldung allgemeiner geworden; und in dieſem reitzbaren Zuſtande kann leicht ein ueber Proſelytenmacherey, 217 EA ya — ————ng hartes Wort die Ruhe ſtoͤren und für einen wirklichen Angriff gelten. Die erneuerte Wuth der Religionsſtreitigkeiten — ich appel⸗ lire an Ihr Gefuͤhl! — würde dem Schluſſe des achtzehnten Jahrhunderts n n machen. „Sind denn aber die Schranken nicht zu beſtimmen, innerhalb deren eine wohlgemeinte Warnung erlaubt und unbeleidigend iſt? Soll der eifrige Proteſtant ruhig zuſehen, daß die katholiſche Religion von allen Seiten um ſich greift, uͤberall durch ihre Ueberredungskuͤnſte neue Bekenner an ſich lockt, und das Haͤuflein feiner: Glaub ensgenoſſen groͤßtentheils oder (— meinen Sie? — ) endlich ganz vers ſchlingt?“ Hier iſt meine Antwort. Koͤnnen die Proteſtanten wirklich der Macht der Mer berredung nicht widerſtehen; iſt es mit ihrem Herzen und ihrem Verſtande ſo beſtellt, daß die Lehre, Für welche das Blut ihrer Väter einſt gefloſſen, ihnen jetzt verwerflich ſcheint; ſo iſt ja alle Rettung verloren, aller Wider ſtand vergeblich, und jede Anklage eines katho⸗ liſchen Proſelytenmachers bey dem Publicum eine Herausforderung, welche die gefuͤrchtete Apoſtaſie des großen. Haufens und demnaͤchſt Pi / 218 Ueber Per elytenmacherey. — — — den Sturz der ganzen Parthey nur beſchleu⸗ nigt. Setzen Sie den Islam, oder welche Re⸗ ligion Sie wollen, an die Stelle der katholi⸗ ſchen; und das Reſultat bleibt daſſelbe. Koͤnnte die göttliche Sendung mohammeds durch Gruͤnde vertheidigt werden, welche jeden Ein⸗ wurf Ihrer Vernunft und Ihres Gefühls bes ſiegten, ſo muͤßten Sie noch heute Muſel⸗ maͤnner ſeyn. Doch die gute Sache des Proteſtantismus iſt bey weitem ſo verzweifelt noch nicht, als die Furcht vor den Bekehrern ſie zu machen ſcheint. Was beyde Partheyen, naͤchſt ihrer Ueberzeu⸗ gung, an Gruͤnden fuͤr ihre verſchiednen Glau⸗ bensmeynungen vorzubringen wiſſen, iſt alles laͤngſt geſagt; und wenn etwas mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit behauptet werden kann, ſo iſt es dieſer Satz: den Polemikern auf beyden Sei⸗ ten ſey Trotz geboten, daß ſie auch nur Ein neues Argument noch anzufuͤhren wuͤßten! Ihr Streit iſt ſchon darum nicht zu vermitteln, weil er die erſten Principien betrifft, und ſchon darum ſchwer zu fuͤhren, weil die tiefſinnigſten Denker, wo es auf Principien ankommt, eins ander ſo leicht mißverſtehen ). Doch geſetzt, ) S. Hern Reinholds vortreffliche Abhand⸗ Ueber — 219 daß einige der Ba een nee allgemein gültigen Principien, die jeder indivi⸗ duellen Menſchenvernunft Geſetze geben, ſo ge⸗ faßt — oder errathen — haͤtten, daß ſie daruͤber einveyſtanden waͤren, und darnach über die Anſpruͤche der Religionen aburtheilen koͤnn ten: ſo waͤre doch ihr Urthell für die Millionen von eingefchränfteren Fähigkeiten unerreichbar, mithin kein Entſcheidungsgrund. Auch die Vernunft . ile exiſtirt nur für den, der fie zu faſſen glaubt; jedem andern aufgedrun⸗ gen, wird ſie ein Goͤtze, deſſen Unfehlbarkeit zu predigen entweder Thorheit oder noch ſchlim⸗ mere Anmaßung ſcheint. Wenn man demnach, um Proteſtant ode l | Katholik zu werden, auf die erſten Principien ſelten zuruͤckzukommen pflegt, weil man es nicht kann oder mag: fo muͤſſen wohl andere Urſachen den Ausſchlag geben, ſo oft eine von beyden Partheyen einen Proſelyten macht, Hat es ferner feine Richtigkeit, daß die An⸗ zahl der von den Proteſtanten für bie katholi— ſche Kirche gewonnenen Proſelyten bedenklich ifts fo wird die Vepanlaſſung zu dieſen Bekeh⸗ lung über den Skeptieismus, im Juliusſtuͤck der Berl. Monatsſchrift von 1789. and Ueber Befinden. 5 rungen, ſobald ſie ac een das Mittel a an »die Hand geben, ihnen Einhalt zu thun. Es giebt nur zwey Wege, wie man auf die Ueberzeugung eines Menſchen wirken kann: durch den Kopf, und durch das Herz. Je hel⸗ ler und erleuchteter aber der Verſtand, je rei⸗ ner, edler und einfacher das Gefuͤhl; deſte fe⸗ ſter ſteht die Ueberzeugung, deſto ſchwerer wird es, eine andere an ihre Stelle zu ſetzen, deſto wichtiger, erhabener, vollkommener müſ⸗ ſen die Gruͤnde ſenn, wodurch man eine Be⸗ kehrung bewerkſtelligen will. Sie werden mir zugeben, daß bey Proteſtanten, welche ſchön und wahr und gut empfinden, richtig und ſcharfſinnig denken, keine Belehräng zu be⸗ fuͤrchten ſey; weil Sie dem Katholieismus, ſobald ihn Menſchen von dieſer Bezeichnung waͤhlen koͤnnten, entweder entſchiedene Vor⸗ zuͤge einräumen muͤßten, oder wenigſtens gegen den Uebertritt mehr nichts als die bloße Ver⸗ ſchiedenheit ihrer Geiſteskraͤfte einzuwenden haͤtten. Alſo: aus welcher Klaſſe von Prote⸗ ſtanten kann ſich die katholiſche Kirche Proſe⸗ lyten ſuchen? Die Antwort iſt bereits im Vor⸗ hergehenden enthalten: aus derjenigen Klaſſe, worin ſo mancher Proteſtant keinen Sinn für eo 9 ao 33 an = Ueber Proſelytenmacherey. 221 die! Moralität ſeiner Religion, fuͤr ihre Gruͤnde zu wenig Vernunft beſitzt, und nur vermoͤge der zufälligen Verhaͤltniſſe ſeiner Lage und ſeines Aufenthalts, durch Erziehung und Gewohnheit, im Proteſtantismus erhalten wird. Wie nun jeder hoͤhere Grad der Ver⸗ nunft nur demjenigen, der ihn beſitzt, Geſetze geben, und das gelaͤnterte Gefuͤhl ſeine Wir⸗ kungen von dem rohe ren nimmermehr erwarten darf: fo reduelren ſich alle Mittel / welche nicht auf die Erweckung des moraliſchen Sinnes, und auf verſtaͤrkte Wirkſamkeit der eigenen Denkkraͤfte im einzelnen Menſchen abzwecken, und wodurch man gleichwohl die Anhaͤngigkeit an eine bisher nur aus Gewohnheit von ihm anerkannte Religion erzwingen will auf eine wirkliche Beeinträchtigung der Gew rey heit, offenbare Gewalt, Recht des Staͤrke Iſt die Religion in die Verfaſſung unzertrenn⸗ lich verwebt; iſt ſie ein Hauptrad der großen Staatsmaſchine, und ſieht ſich aus dieſem Grunde die geſetzgebende Macht gezwungen, um der Proſelytenmacherey zu wehren, dem Gewiſſen des Burgers Feſſeln anzulegen: fo hut alle freye Discuffion: ein Ende; von Verr nunft, Aufklärung und Wahrheiteliebe kann 222 Ueber Proſelytenmacherey. . . ˙— — weiter nicht die Rede ſeyn; Denkfreyheit und Moralität der Wahl find vernichtet; Mar ſchine ſteht nur gegen Maſchine, und je fruͤher man die zwey ⸗ oder dreymalhunderttauſend Argumente Ihres Koͤnigs ins Feld ruͤcken laͤßt, deſto ſchneller und ſicherer iſt der Sieg des Pros. teſtantismus entſchieden. So waͤren wir aber heute noch auf demſet ö ben Punkte, wo man vor dreyhundert Jahren ſtand; und ſo viele Maͤrtyrer der Wahrheit, von allen Religionen und Sekten, wären ganz umſonſt geſtorben! Maͤrtyrer der Wahrheit, ſage ich: nicht der beſondern Meynung, die ihnen wahr und der Aufopferung des Lebens werth duͤnkte; — denn unter widerſprechen⸗ den Meynungen kann hoͤchſtens nur Eine die wahre ſeyn, und doch litten Z uß und Servet wie Märtyrer des Kalenders — ſondern der theuer erkauften, mit Blut beſiegelten Wahr⸗ heit: daß der Glaube eines Menſchen, was immer ſein Gegenſtand ſey, keiner Gewalt auf Erden unterthan, und ſelbſt vom eignen Willen unabhaͤngig iſt! Nein. Die allgemeine Anerkennung dieſer Wahrheit haben wir vor den dunkleren Jahr⸗ hunderten voraus; ſelbſt die unumſchraͤnkteſten 2 6, An Ae Bi BA Ar A en 3553 . C Ueber Proſelytenmacherey. 223 Herrſcher haben fie zur Richtſchnur gewählt; . und durch ihre Kraft iſt das ſchreckliche Zwangsſyſtem in Gewiſſensſachen endlich ge⸗ fallen. Jene großen Regenten wagten es alſo, diejenige Klaſſe von Unterthanen, deren Verſtand und Gefuͤhl den Argumenten der Bekehrer den wenigſten Widerſtand teiſten konnte, ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen. Ohne Zweis fel hatte dieſe Sorgloſigkeit die betrubteſten Folgen fuͤr die proteſtantiſche Kirche? Ganze Doͤrfer, ganze Städte und Diſtrikte bekannten ſich zur katholiſchen Religion? Die proteſtan⸗ tiſchen Pfarrer ermuͤdeten das Ohr ihrer Mo⸗ narchen mit Klagen über die Verminderung der Zehenten? Da waͤre nun der Fall doch bedenklich, und die göttliche Sache der Wahrheit beduͤrfte wohl zu ihrer Rettung — menſchlicher Huͤlfe. In der That muß ein jeder rechtſchaffner Pros teſtant, der in ſeinem Syſtem mehr Wahrheit und Menſchengluͤck findet, als andre Lehrbe⸗ griffe ihm darzubieten ſcheinen, für die Erhal⸗ tung dieſes Syſtems unter ſolchen Umſtaͤnden recht eruſtlich beſorgt ſeyn: er muß es um ſo viel eher, da er keine unmittelbare Dazwiſchen⸗ vom einer höheren Macht zum Beſten irgend 224 Ueber Proſelytenmacherey. eines menſchlichen Glaubens, auch nicht des wahren, in unſern Zeitlaͤuften erwartet, font dern leicht den Beruf fuͤhlen kann, ſtatt aller Wunderkraͤfte ſeine Klugheit und Redlichkeit für das Werkzeug anzuſehen, in welchem für dieſesmal die Beſchirmung der Wahrheit be⸗ ſchloſſen liegt. Hier iſt indeſſen keine Zelt zu verlieren. Was raͤth uns die Klugheit? g Zuerſt/ die Bekehrer ſelbſt zu erförftheni Durch welche Vorſpiegelungen, durch welche Kuͤnſte gelingt es denen, die nach der ſo aͤngſt⸗ lich wiederholten Klage der proteſtantiſchen Journaliſten, von der Eatholifchen Kirche zu die? ſem Geſchaͤfte beſonders auserſehen ſeyn ſollen, ſo viele Proteſtanten zu bethoͤren? Es | werden vieleicht Manner von tlefer Einſicht von warmen Gefaͤhl „von hinreißender Beredt ſamkeit ſeyn? 2 Weit gefehlt! Von rohen Moͤnchen und verſchmitzten Prieſtern ſprechen die Kläger, „Jenen, fo lautet ferner die Be⸗ ſchuldigung, iſt ihre Regel der Inbegriff alles Wiſſens,, ihr Gefühl. it Koͤhlerglaube, die Auelle ihrer Beredtſamkekt iſt die Legende . Dieſe, fahrt man fort, erſchleichen das Zu⸗ trauen, ſchmeicheln dem Gewiſſen, halten dem Ggennutz eine Lockſpeiſe vor:“ Wir wollen hier ee e ei » & * Ueber Proſelytenmacherey. 125 — — ce die Fragen: ob Menſchen von dieſer Bezeich⸗ nung wirklich vermoͤge eines erhaltnen Auftra⸗ ges handeln? und die andre: ob man über haupt noch Miſſionen in das proteſtantiſche Deutſchland ſchickt, fuͤrs er nm laſſn genug, Die proſelyten ſolcher Bekehrer nm alſo nur Wunderſuͤcheige von ſchwacher Ber nunft, oder Gewinnſüchtige von erſtorbenem Gefuͤhl. Die AUngluͤcklichen! die Bedauerns⸗ würdigen! Welches grauſame Schickſal ſtieß fie fo weit hinab, daß fie die ſchönſte Be ſtimmung det Menſchengeſchlechts verfehlen, im Gebrauch ihrer Anlagen gluͤcklich zu ſeyn, gluͤcklich als denkende und empfindende Weſen? | Wer feffelte ihre W eietä wer e bun ups Gefuͤhl? e er „Sie und Stlanen 0 Um ihrer Denkkraft Wirk ſamkeit, bum Gefuͤhle ſittliche Vollkommenheit zu verſchaf⸗ ſen, fordern wir alſo ihre Wiedereinfetzung ia alle Rechte der Menſchheit. Freye Menſchen nur koͤnnen ihrer Beſtinmnung gemäß han⸗ deln. Laßt uns hinwegeilen uͤber das allzu⸗ f bekannte, allzuwahre n was 7 ; ſo oft man 16 . Forſters kl. Schr. zr Th. D 226 Ueber Profelytenmacherey⸗ erwähnt, die Lebenskraft ſelbſt des Sklaven mit feiner Wahrheit durchdringt: Frey ſeyn, heiße Menſch ſeyn; der Freye nur bilde ſich hinauf zum Vollkommnen; er ſammle und er⸗ kenne die Verhaͤltniſſe der Weſen zu ihm und unter einander, fuͤhle ihre Harmonie, ehre die heilige Kraft der Menſchennatur, die das Weltall in ihn trägt, und genieße die Wonne, ſich ſelbſt und ſeinen Himmel im Buſen mit Andern zu theilen! Ein freyer Burger eines freyen Staats, und zugleich ein Proſelyt zu ſeyn: das wäre dann entweder ein Widerſpruch, oder es gereichte dem Kopfe und dem Herzen des frey Waͤhlenden zur Ehre. Man hat wohl eher den beklagenswerthen auen jener Ungluͤcklichen, die der Deſpo⸗ 1 tismus herabwuͤrdigt, die er des Adels der Menſchheit beraubt hatte, durch eine ſchlaue petitionem principii zum Beweiſe ange⸗ fuͤhrt, daß die Vormundſchaft eines Deſpoten ihnen unentbehrlich ſey; als ob nicht ſelbſt das voheſte oder auch das verworfenſte Volk eine großere Maſſe von Einſichten und mehr lauteres Menſchengefuͤhl in ſich faßte, als je eln Deſpot allein beſitzen kaun! Doch es ſey der Huͤrſt der weiſeſte und beſte Mann im Staate: Ueber Proſelytenmacherey. 227 — ͤ—— — — —A—[w—¾⁵ Weisheit und Guͤte beweiſen noch nicht das Herrſcherrecht. Kann ich die geſetz gebende Macht meiner Vernunft uͤber mich ſelbſt nur veraͤußern? die Geſetze einer Vernunft befol⸗ gen, die nicht die meinige iſt? Die annehmen, ſie anerkennen, ſie verſtehen, ſetzt bey mir glei⸗ chen Grad der Nernunft voraus; allein als⸗ dann hoͤbe die letzte Vorausſetzung die erſte auf Dieſem Dilemma entgeht man nie: ohne Aner⸗ kennung giebt es keine Superioritaͤt; Anerken⸗ nung aber iſt unmoͤglich bey ungleichem Faſ⸗ ſungsvermoͤgen; mithin iſt die Herrſchaft, ſelbſt des Weiſeſten und Beſten, kein Recht, ſondern Gewalt. Die Einſchraͤnkung der Gewiſſens⸗ freyheit iſt nur der auffallendſte Akt dieſer Ge walt; ein Akt, wodurch der Deſpotismus ſei⸗ nen Untergebenen die Ruͤckkehr zu ihrer eignen Vernunft gar abzuſchneiden, alle freywillige Regungen in ihnen zu erſticken ſucht. Mit der Freyheit, ſich vom Uebernatuͤrlichen andre als die vom Regenten vorgeſchriebnen Vorſtellun⸗ gen zu machen, verſchwindet die letzte Veran⸗ laſſung zur eignen Anſtrengung der Vernunft; bey der maſchinenmoͤßigen Befolgung einer Heilsordnung, die alles Nachdenken verbietet, erliſcht der letzte Funke von Empfindung, wo⸗ Q 2 n 228 Lieben Proſelyteumacheren. an ‚ůR. a en mit nur erkannte Wahrheit das Herz zu er⸗ waͤrmen pflegt. Weiſe Regenten, denen dieſe toͤdtlichen Folgen unverholen blieben, ſchenkten daher dem Volke die Gewiſſensfreyheit als ein kraͤftiges Mittel zur eigenen Bildung, wodurch es vorbereitet werden koͤnnte, die Majeſtaͤts⸗ rechte der Menſchheit in ſich ſelbſt zu empfinden, und deren Ausuͤbung dereinſt in feine Hände zuruͤckzufordern. O, warum glaubten ſie, daß es noch dieſer Vorbereitung beduͤrfte? War⸗ um fühlten fie ſich nicht groß genug, um die Befreyer ihres Volkes zu werden? Warum bedachten ſie es nicht, daß einen Theil ih⸗ rer Rechte aufzuapfern, fo viel als gar nichts der Freyheit des Buͤrgers einraͤumen hieße, ſo lange der Nachfolger auf dem Throne alles nie⸗ derreißen darf, was ſein Vorfahr baute, und die Geſetzgebung von der Willkuͤhr eines jeden neuen Sultans, dieſe von den Eingebungen ſei⸗ nes Divans, und dieſe wieder von den Launen des Harems, abhaͤngt? Es ſoll mich nicht wundern, wenn man n bleſe Gedanken eines ſchwaͤrmeriſchen Anſtrichs zeiht. Lebhaftigkeit des Geiſtes, und Wärme der Ems pfindung führen uns bald über die Gränzen des. Wirklichen hinaus; und was immer der 5 28 ur Dee Ueber Breite. 339 Lieblingsgegenſtand Bar bann ſich unſer In, tellektuelles Weſen beſchäftigt, fo ideakifiet ihn unſte Phantaſie. In Ihrer Monatsſchrift, dieſem Schauplatze der Schwaͤrmereyen für und wider die Vernunft, mag immerhin auch die meinige ihre Stätte finden. Sollen wir ſchwärmen, fo ſey es für bie Freyheit! Das iſt wenigſtens eine unſchüͤdliche, ehrwuͤrdige, herz⸗ und geiſterhebende Schwärmerey, die nach dem Zeugniffe der Geſchichte nicht immer ohne wohlthaͤtige Folgen bleibt. Doch itzt zurück aus ſmſern utopiſchen Theorleen in dle wirklich = tunariſche Welt. Die Gewiſſenefreyheit eyiſtirt wirklich fh einigen Staaten, deren Verfaſſung das Wider; ſpiel der republikaniſchen iſt; und man beſorgt alſo in Ernſt, daß die Bekehrung derſelben zur tatholiſchen Kirche unvermeidlich fen? Inzwi⸗ ſchen, was nach der Theorie ſo zuverlaͤſſig war, fo unfehlbar eintreffen mußte, iſt gleichwohl bis jetzt noch nicht geſchehen: kein Diſtrikt, kelne Stadt, keln Dorf in jenen Landern iſt bekehrt; kein Pfarrer hat uͤber die Verminderung feiner Heerde und die Abnahme feiner Einkünfte ges klagt. Beyſpiele von einzelnen Profelyten laf⸗ fen’ ſich nachweiſen; allein fie bleiben feltne A2 230 Ueber ene b > und 000 eben 25 wenig einen allgemein gewordnen Hang zum Katholicismus unter den Proteſtanten darthun, als Steblitzky und Lord Gordon die beſondere Neigung der jetzigen Chriſten zum Judenthum beweiſen. So giebt es auch neuerliche Beyſpiele, daß Ka⸗ tholiken zur proteſtantiſchen Religion uͤbergetre⸗ ten ſind; nur fallen ſie ſelten ſo in die Augen, wie der Uebertritt des jetzigen gerzoge von Norfolk, und man giebt ſich keine Muͤhe ſie zuſammenzuſuchen, weil die Kuͤhnheit, daraus etwas Allgemeines folgern zu wollen, hier je⸗ den abſchrecken muß. Bey der bekannten Den⸗ tungsart der katholiſchen Glaubens verwandten, die den Wunſch nach Bekehrungen rege, und die Bewerkſtelligung derſelben verdienſtlich macht, muß allerdings die Zahl der Proſelyten, welche zu dieſer Kirche uͤbergehen, die der an⸗ dern weit uͤberſteigen, ohne jedoch fuͤr eine ſtaͤr⸗ kere Neigung bey Proteſtanten zur Apoſtaſie das mindeſte erweislich zu machen. Der ganze Unterſchied liegt darin, daß die Proteſtanten ſich nicht, wie ſo manche Katholiken, um neue Bekenner ihres Glaubens bewerben. Bedenkt man aber die unleugbar häufigen Verſuche und Bemuhungen eifelger Katholiken, die Prote⸗ Pe * | Ueber Proſelytenmacherey. 231 rr —— un ſtanten zur Annahme ihres Bekenntniſſes zu uͤberreden, es ſey nun, daß fie ihr: Gruͤnde vom weltlichen oder geiſtlichen Vortheil, oder von beyden zugleich entlehnen, das Herz oder den Verſtand in Anſpruch nehmen; und zaͤhlt man noch hinzu, was ſo oft und dringend von der heimlichen Geſchaͤftigkeit gewiſſer papiſti⸗ ſchen Ordensmaͤnner durch den Weg geheimer Geſellſchaften, phyſikaliſcher und hyperphy⸗ ſiſcher Praͤſtiglatoren und andrer Emiſſarien in Ibhrer Monatsſchrift behauptet worden iſt: ſo möchte man · in Verfuchung gerathen, den uns bedeutenden Erfolg dieſer maͤchtigen Beſtuͤr⸗ mung, bey der vorausgeſetzten Schwaͤche der Principien des großen proteſtantiſchen Haus ſens, geradezu einem Wunder zuzuſchreiben; wenn uns, in Ermangelung der aufgeklaͤrten Vernunft, die Macht der Gewohnheit nicht das Räthſel loͤſete. Daß bey vernünftigen Maͤnnern Hypotheſen ſich in Dogmen verwan⸗ deln, daß die aufgeklaͤrten Britten den Sonn⸗ tag wie puritaniſche Kopfhaͤnger feyern, daß die katholiſche Kirche ſich noch der Kurie unter⸗ wirft, daß Sklaven ſich miß handeln laſſen von ſchwaͤchern Tyrannen: dieſe und ſo viele Dinge mehr, werden durch die Macht der Gewohnheit 2 4 * 232 Ueber Proſelytenmacheren. wirkt. Wie? und der proteſtantiſche Glaube wäre allein nicht ſicher unter ihrem Schutze? Wenigſtens bey den Verſuchen katholiſcher Proſelytenmacher in wankend zu machen, ſollte ich meynen, daß wir ruhig ſchlafen koͤnn⸗ ten. Oder wollen wir erſt ſehen, durch welche Mittel die Macht der Gewohnheit menen und uͤberwaͤltigt werden kann? | Zwey Kräfte giebt es allerdings deren Wirkſamkeit die Gewohnheit nicht widerſteht: der Trieb der Selbſterhaltung, und das Beyſpiel. Ihre Art zu wirken iſt ſehr ver⸗ ſchieden: die erſte bringt ſchnelle, ploͤtzliche Re⸗ volntionen zuwege; die zweyte kommt unver⸗ merkt und langſam zum Ziel. Der Druck des Deſpotismus, wenn er zu gewaltſam iſt, weckt auch in einem anſcheinlich erſtorbenen Staats⸗ koͤcver das Selbſtgefaͤhl des Buͤrgers. Zum Selb ſtgefuͤhl erwachen heißt ſchon frey ſeyn; denn eig jeder Deſpottsmus iſt wie der naͤcht⸗ liche Alp verſchwunden, in dem Augenblick, wo das Volk zum ganzen Bewußtſeyn wie⸗ der erwacht. So ſchuͤttelt Frankreich itzt den Todesſchlummer ab, in welchem es verſunken lag, und wird frey. So befreyte auch ein ploͤtzliches Erwachen der Vernunft unſre Deut⸗ — 9 — 2 1 0 0 WW we e\ Ueber Proſelytenmacherey. 233 ſchen Voreltern vom hierarchiſchen Joch; und nimmermehr wird dieſelbe Reformation, die fo ſchnell und unaufhaltſam jene aufs aͤußerſte ges triebenen Gemuͤther ergref, durch eine ahnliche Veränderung wieder plötzlich und auf einmal in den Limbus der geiſtlichen Alleingewalt zuruͤck⸗ finfen. Die einſtimmige Mißbilligung ſolcher Maßregeln, die auch nur dem leiſeſten Verdacht eines neuen Eingriffes in die Rechte der Gewiſ⸗ ſensfreyheit unterworfen find, beweiſet zur Ger nüge, daß die Tyranney einer proteſtantiſchen Unfehlbarkeit ſchwerlich in der Reihe der aus⸗ führbaren Dinge zu ſuchen iſt. Nichts gerin⸗ geres aber als der Druck einer ſolchen Tyran⸗ neh konnte die Proteſtanten auffordern, das Joch ihrer Kirche plotzlich abzuwerfen; — doch auch alsdann gewiß nicht, um ein ſchwereres ſreywillig wieder aufzunehmen. ) „Allein die Macht des Beyſpiels, dleſe langſam und ſicher wirkende, ſauft uͤberredende, ſich einſchmeichelnde Macht, kann unvermerkt die Wachſamkeit der Proteſtanten einſchlaͤfern und alle Stuͤtzen ihrer Kirche untergraben.“ Ich raͤume Ihnen ein, von dieſer Seite dro⸗ het den Proteſtanten noch die meiſte Gefahr. Wo katholiſche Fuͤrſten proteſtantiſche Staaten Q 234 Ueber Proſelytenmacherey. | 8 2 a — ‘N beherrschen, und die Religion bey der Weſehung der Aemter ihnen mehr gilt als Geſchicklichkeit und Verdienſt; dort laſſen ſich die nachtheili⸗ gen Folgen des Beyſpiels leicht voraus ſehen. Dagegen hat man aber in ſolchen Staaten dem Miß brauche der oberherrlichen Gewalt ſchon vorzubeugen und alle Beſorgniſſe in Zukunft uͤberfluͤſſig zu machen gewußt. Im Kurfuͤrſten⸗ thum Sachſen iſt die Beſetzung der Landesſtel⸗ len mit Subjekten, die der Augsburgiſchen Konfeſſion nicht zugethan ſind, dem katholiſchen Regenten ganzlich unterſagt. In Heſſen mußte Friedrich II, unter der Garantie von England und Daͤnnemark, der Erziehung ſei⸗ ner Kinder entſagen, dem aͤlteſten Sohne die Grafſchaft Hanau abtreten und den verſam melten Ständen mit einem feyerlichen Eide be⸗ theuern, daß fein Uebertritt zur katholiſchen Religion keins der konſtitutionsmaͤßigen Rechte der herrſchenden reformirten Kirche ſchmaͤlern ſollte. Dieſen Maßregeln muß mon es zu⸗ ſchreiben, daß das Beyſpiel der regierenden Fuͤrſten in beyden Laͤndern ganz unſchaͤdlich ge⸗ blieben iſt. Allein dieſe Unſchaͤdlichkeit, muß ich bekennen, iſt die Wohlthat der Verfaſſung, welche zwar von ächtrexublikaniſcher⸗ Freyhelr n „ p K e e em * mee die genug gewe⸗ ſen tft, um der Willkuͤhr des Fuͤrſten Pen: zu ſetken. „ Ganz anders und ohne allen Vergleſch 35 führlicher muͤßte es um die Sicherheit der proteſtantiſchen Kirche in ſolchen Ländern -fier hen, wo alles von der unumſchraͤnkten Gewalt eines Einzigen abhaͤngig iſt. Geſetzt einmal, der Beherrſcher einer proteſtantiſchen Deſpotie traͤte Öffentlich. zum katholiſchen Glauben uber; er beſetzte die Öffentlichen Aemter mit Katholi⸗ ken; er ſuchte dure eine Verordnung nach der andern den Geiſt der proteſtantiſchen Kirche umzumodeln, katholiſche oder eigentlicher papi⸗ ſtiſche Grundſaͤtze in denſelben uͤberzutragen, die Denk⸗ und Gewiſſensfreyheit einzuengen, kurz alles dahin einzuleiten, daß der große Schritt einer feyerlichen Wiedervereinigung mit Rom zuletzt weder auffallen noch empoͤren koͤnnte; geſetzt, er waͤre ſchlau genug, das ſinkende Auſehen des Papſtes in Deutſchland unter einem politiſchen Vorwande aufrecht zu erhalten; er legte endlich dem aufgeklärten Da: triotismus der katholiſchen Erzbiſchoͤſe neue Hinderniſſe in den Weg, und hemmte dadurch die Fortſchritte der deutſchkatholiſchen Kirche \ 236 Ueber Proſelytenmacherey. — sau ehe — zur Läuterung und Independenz: — unter Biefen, freylich hoͤchſt unwahrſcheinlichen, Vor⸗ ausſetzungen den Erfolg bezweifeln zu wollen, verriethe doch eine gänzliche Unbekanntſchaft mit den Geſetzen der Analogie. Nur ſcheint es mir aus dieſem eventuellen Falle, wie aus al⸗ lem bisher Geſagten, bis zur unleugbaren Evidenz zu erhellen, daß nicht der Katholicis: mus an und fuͤr ſich, ſondern einzig und allein in Verbindung mit den Graͤueln einer deſpotl⸗ ſchen Regierungsform, der proteſtantiſchen Kirche furchtbar iſt. Nehmen wir den Katholi⸗ eismus ganz hinweg aus der Relhe der Dinge, ſo koͤnnen Sklaven immer noch durch irgend ein andres geiſtliches Zwangsſyſtem, irgend ein ſymboliſches Formular, in Laſtthlere verwan⸗ delt werden, an denen, wie an den eee Leibeigenen, die menſchliche Geſtalt, das Ebenbild der Gottheit, und folglich das Siegel der Freyheit, kaum noch kenntlich iſt. Es iſt keine neue Lehre, die ich hier vor trage; man hat ſchon laͤngſt geſagt, ſchon laͤngſt, vielleicht mit kraͤftigern Gruͤnden, die Ohnmacht des hierarchtſchen Deſpotismus, außer in Verbindung mit dem weltlichen, er⸗ wiefen; den letztern hat man vielfältig vor dem Ueber Brofinenmaden 237 n Tribunale der Menfäpeit aller 8 ſtaͤts verbrechen angeklagt und ſchuldig erfun⸗ den. Seine Tuͤcke ſey indeß noch ſo gefaͤhr⸗ lich, ſo koͤnnen Umſtaͤnde eintteten, welche ihn in gewiſſen Schranken halten, und ihn noͤthi⸗ gen, ſeinen weitausſehenden Projekten, wenig⸗ ſtens auf einige Zeit, zu entſagen. Wenn unter mehrern Staaten von verſchiednem Intereſſe und verſchiedner Verfaſſung, die aber durch Sprache, Sitten, Handel und Litteratur im engſten Verkehr mit einander ſtehen, einer oder der andere ſich der uneingeſchraͤnkten Re⸗ gierungsform naͤhert; ſo ſcheuet doch daſelbſt die Ungerechtigkeit die von jenem Verkehr un⸗ zertrennliche Publicitaͤt. Der gewöhnliche Deſpotismus ſchaͤmt ſich, wie die niedrigen RNaubthiere, wie Tiger und Panther, wenn man ihn auf ſeinen Schlichen ertappt. Der Blutdurſt muß wirklich ſo hoch ſteigen, wie bey den Nachfolgern Auguſts auf dem Roͤmi⸗ ſchen Kaiſerthron, ehe er fich uͤber dieſe Furcht hinausſetzt. Wäre demnach der Fall möglich, daß irgend ein Alleinherrſcher den Katholieis⸗ mus in proteſtantiſchen Staaten beguͤnſtigte, ſo ſcheint mir wenigſtens in der Publicitaͤt ein ſichres Zufluchtsmittel für, die bedruͤngte 238 Ueber Proſelytenmacheren. Kirche zu liegen; die Beſorgniſſe der Untertha⸗ nen und der Nachbarn wuͤrden vereinigt bis zum Throne dringen, und vielleicht waͤre es nicht einmal noͤthig, die Stimme des Tadels und der Miß billigung zu erheben. Denn oft fuͤllt auch ein ſanfter, gutmuͤthiger Fuͤrſt den Deſpotenſitz; in dieſem Falle wuͤrde man auch durch Anſpielungen ſeinen Endzweck errei⸗ chen, und die Proſelyteumacherey koͤnnte dann der kleine Huſar ſeyn, den nnn . * neee peitſchte. Eine ſolche Metonymie hätte — — de Graͤnzen. Es waͤre doch unter dieſen umſtänden unbillig, Scherz in Ernſt zu ver⸗ wandeln, und auf die Proſelytenmacherey ſo aus allen Kräften loszuſchlagen, als ob ſie wirklich etwas verſchuldet haͤtte. Am wenig⸗ ſten duͤrfte es in einem ſolchen Falle — dem einzigen, wo es uͤberhaupt zu entſchuldigen ware, gegen die Bekehrer Zeter! zu ſchreyen — am wenigſten duͤrfte es da noͤthig ſeyn, die Handlungen, Meinungen, Briefe, auch wenn Sie wollen, die Thorheiten und Inconſeguen⸗ zen irgend einer Privatperſon von ubrigens unbeſcholtnem Rufe, oͤffentlich zur Schau zu ſtellen, und der Mißdeutung oder gar der Ueber Proſelytenmacheren⸗ 239 B K Verachtung Preis zu geben, bloß weil ſie mit unſerm Gemiſch von Ahndungen, Fertigkei⸗ ten, Ueberzeugungen und Syllogismen, wel⸗ ches wir 1 Religion weren n er rel zn. ſind. | Beſchamung! — ja! Weſch mung 0 960 sBriefftellers nennen Sie aber die andere Abr ſicht, welche Sie bewogen hat, das Schreiben des Herrn Hofgerichtsraths Bender in Ihrer Monatsſchrift abdrucken zu laſſen. Sollte wohl ſein Betragen dieſes harte Urtheil von Ihnen in einer oͤffentlichen Schrift verdienen? Er, ein Katholik, raͤth feiner Glaubensgenoſſin, ihre Kinder katholiſch zu erziehen, aus Pflicht zu ſeiner Religion und als Freund. Seit wann iſt es ein Verbrechen, nach feiner Ueberzeugung zu handeln 2 Seit wann darf eln Freund keinen wohlgemeinten Rath ertheilen, der die Gewiſ⸗ ſensruhe und die Annehmlichkeit der aͤußern Verhaͤltniſſe der ſo berathenen Perſon zur Ab⸗ ſicht hat? Allerdings ein großes, unverzeihliches Verbrechen, daß ein katholiſcher Beamter in einem katholiſchen Lande katholiſche Grundſuͤtzt hat; daß er den Satz vom einzig ſeligmachen⸗ den Glauben ſteif und feſt annimmt und dar⸗ 60 handelt; daß er von. feinen: Aeltern, in der Schule, o von ee Eee ſeiner Kirche dieſe Meinung mit der Muttermilch und mit der erſten Milch des Unterrichts: eingeſo gen hat! Ich muͤßte mich ſehr irren, oder dit Katholiken duͤrfen ſich wohl uͤber proteſtantiſche Jutoleranz beſchweren, wenn dasjenige, was nach proteſtantiſchen Grund faͤtzen hoͤchſtens ein bedauernswerthes Ungluͤck iſt, einem Men ſchen zum Verbrechen und zur Schande ange⸗ technet wird. Iſt es aber in den Augen einet Proteſtanten ſchaͤndlich, ein Katholik zu ſeyn, und feinem; Glauben gemäß zu handeln; ſo wird man ſich auch nicht wundern muͤſſen, wenn Katholiken den Proteſtantismus verabr ſcheuen, und von den Handlungen der Prote⸗ ſtanten, die aus ihrem Lehrbegriffe fließen, manches liebloſe Urtheil füllen ſollten. Wahr⸗ lich. dieſe gegenſeitige gute Meinung bereitet die beyden Partheyen zu einer gar bruͤderll chen — we en n mn leute var! Mit ee nicht Ame das aba beißt es ferner: der Rath dieſes Mannes ſey auf das hinterliſtigſte motiwirt; und: gleich wohl hatte er nicht den Schaden, ſondern des 2 der Wittwe zur Abſicht. Wenn ich mir ueber Proſelytenmacherey. 241 Gm aa KZ —— mir Sie ſelbſt, meine Herren, an dem Platz des Briefſtellers denke, der ſich in ſeinem Ge⸗ wiſſen verpflichtet glaubt, ſeiner Kirche die Kinder der Amtmannswittwe als Proſelyten zuzuſichern, ſo begreife ich wohl, daß ſie uͤber⸗ zeugender, eindringender, pathetiſcher ge⸗ ſchrieben; allein ich kann mir nicht vor⸗ ſtellen, daß Sie, als Katholiken, andre Beweggruͤnde gewaͤhlt haͤtten, oder bey deren Erwaͤhlung ſich einer Hinterliſt bewußt geweſen waͤren. Der Bekehrungseifer, den der allein⸗ ſeligmachende Glaube nothwendig zur Folge hat, ſuppeditirt alle in dem Schreiben vor⸗ kommende Argumente, und macht es begreif⸗ lich, daß der Briefſteller ſogar geglaubt haben koͤnne, ein Verſprechen duͤrfe gebrochen wer⸗ den, wenn nur der Kirche die Knaben nicht entgingen. Die Taͤuſchung laͤßt ſich leicht ers, klaͤren, vermoͤge deren man widerrechtlich han⸗ delt, und dennoch ſein Gewiſſen dadurch zu beruhigen glaubt. Kennen wir nicht die Macht religioͤſer Meinungen über die Gemuͤther? nicht die traurigen Wirkungen der Vorurtheile und Autoritaͤten, zumal einer vermeintlich - göttlichen Autorität? Dieſe rechtfertigte ja ſogar vor Zeiten jeden Angriff auf leibliche G. Forſters tl. Schr. zr Th. R 7 242 Ueber Proſelytenmacherey. Freyheit und materielles Eigenthum der An⸗ dersgeſinnten; und noch itzt wird die Uſurpa⸗ tion, womit ſie ihre Ausſpruͤche jeder Ver⸗ nunft aufdringen und bey einem jeden Raͤſon⸗ nement vorausgeſetzt wiſſen will, uͤber den gan⸗ zen Erdball theils fuͤr rechtmaͤßig anerkannt, theils des verjährten Beſitzes wegen tolerirt. „Gott“ — ſo lautet der gewöhnliche Aus: druck: — „Gott ſelbſt hat geredet; hier ver⸗ ſchwinden alle Einwuͤrfe der Vernunft.“ So urtheilt der gewiſſenhafte Mann nach den Po— ſtulaten ſeines Glaubens. Daß dadurch ein Menſch, der vielleicht auch mit unuͤberwindli⸗ cher Stärfe des Vorurtheils an feinen Glau⸗ bensmeynungen hing, und von ihrer aus⸗ ſchließenden Wahrheit nicht weniger uͤberzeugt ſeyn mochte, in feinen Erwartungen hinter⸗ gangen, daß ein feyerlicher, freywilliger Ver⸗ trag gebrochen wird: — von der Unredlich⸗ beit dieſes Schrittes, die Sie ihm vorwerfen, hat er keinen Begriff. Immerhin mag die Froͤmmigkeit mit der Jurisprudenz davon ge⸗ laufen ſeyn; unredlich kann der Briefſteller nur alsdann erſt heißen, wenn er von der Un⸗ guͤltigkeit ſeiner Gruͤnde ſchon voraus uͤber⸗ zeugt gewegen iſt, wenn er die Wittwe (die Ueber Proſelytenmacherey. 243 bey Ihnen wohl nur in Konformitaͤt einer ge⸗ wiſſen Terminologie eine ſchwache und ber truͤbte Perſon heißt) mit Vorſpiegelungen, die ſeiner eignen Ueberzeugung nicht ge⸗ nuͤgten, aufgefordert haͤtte, den Schatten thres verſtorbnen Ehemannes noch im Grabe zu beleidigen. Sie ſcheinen mir in dieſem Falle von einem Katholiken proteſtantiſche Grundſaͤtze zu fors dern, wenigſtens ſeine Handlungen und Ab⸗ ſichten nicht aus ſeinem Geſichtspunkte zu be⸗ urtheilen, und auf diefe Weiſe zu jenen harten Ausdruͤcken gekommen zu ſeyn, womit nur vorſetzliche Verbrechen, keinesweges aber die Verirrungen, die aus religioͤſen Meinungen entſpringen, geahndet werden duͤrfen. Da⸗ durch geben Sie manchem Leſer, ganz wider Ihre Abſicht, eine hinreichende Veranlaſſung, Ihre Darſtellung des katholiſchen Bekehrungs⸗ eifers in die Klaſſe gewöhnlicher Kontrovers ſchriften zu ſetzen und den Vorwurf der Proſe⸗ lytenmacherey zu retorquiren. Ihre gewiß verdlenſtliche Bemuͤhung, dem Heer von Bes triegern aller Art entgegen zu arbeiten, und ſo⸗ wohl das geiſtige Eigenthum unſrer klaren Be⸗ griffe als auch das materielle unſrer Baar⸗ R 2 244 Ueber Proſelytenmacherey. m th ne nd ſchaften vor jenem Raubgeſindel zu fichern, macht den Wunſch in mir rege, daß nichts in Ihren Auffäpen vorhanden ſeyn möchte, was die Beſchuldigung des Partheygeiſtes auch nur von fernher beguͤnſtigen koͤnnte. Es iſt aber unmöglich, bey der Wahrheitsliebe, die aus Ihren Aufſaͤtzen hervorleuchtet, nicht zugleich zu bedauern, daß darin ein etwas leidenſchaft⸗ licher Synkretismus zuweilen ſichtbar wird, welcher über wiſſentliche Betrieger, und über‘ die treuherzigen Anhaͤnger an Vorurtheile der Erziehung und religioͤſe Autorität gleiche Vers dammniß ergehen läßt: ein Synkretismus, welcher die edelſten Menſchen, wenn ſie eine Ihnen verdaͤchtige Sache aus einem andern Geſichtspunkte anſehen, ſogleich fuͤr Mitſchul⸗ dige erklärt, und als ſolche zu zuͤchtigen ſucht. Ich darf wohl ſagen, daß dieſes Verfahren dem Nutzen, welchen: Ihre Monatsſchrift ſtiften kann, ſehr weſentlichen Abbruch thut, ohne, ſo viel ich einſehe, den mindeſten Erſatz zu liefern. 5 Es raubt Ihnen erſtlich ales Sühne der Katholiken: nicht allein der ſo genannten rechtglaͤubigen, die jeder Widerſtand, wenn es möglich wäre, zu größerer Anſtrengung ger Ueber Proſelytenmacherey. 245 gen den Proteſtantismus reitzen muß; ſondern auch derjenigen, die mit redlicher Unverdroſſen⸗ heit unter ihren Glaubensgenoſſen die Maſſe von Kenntniſſen zu vermehren, den Geiſt der Duldung und feine. wohlthätigen Wirkungen immer mehr zu verbreiten, und ihre Volksreli⸗ gion nach und nach von allem papiſtiſchen Sauerteige zu reinigen wuͤnſchen. Dieſe gut⸗ denkenden Maͤnner muß es verdrießen, daß die Neckereyen der Proteſtanten und ihre Vor⸗ wuͤrfe den Eifer orthodoxer Katholiken gerade fuͤr diejenigen Saͤtze wach erhalten, deren Mißbrauch und ſchaͤdliche Mißdeutung ſie laͤngſt erkannt haben, deren Anſehen aber ein⸗ ſchlummern muß, eh es ganz geſtuͤrzt werden kann. Anſtatt alſo der Aufklaͤrung des katho⸗ liſchen Deutſchlands in die Haͤnde zu arbeiten, wirken Sie ihr gerade entgegen. In der That fehlt es den Katholiken weder an Scharfſinnig⸗ keit in Anſehung der Maͤngel, noch an Wett⸗ eifer mit den Proteſtanten, um ihnen abzu⸗ helfen; allein das Allgemeinwerden dieſer Denkungsart kann nur die Macht des Bey⸗ ſpiels bewirken: des Beyſpiels der bereits auf⸗ geklaͤrten Katholiken, die von ihren Fuͤrſten als fähigere Köpfe hervorgezogen werden und R 3 246 Ueber Proſelytenmacherey. Gem ———— na Sue durch eigne Vortrefflichkeit des Charakters glaͤnzen muͤſſen; der Proteſtanten, indem ſie ihre Nachbarn den unendlichen Gewinn an Wohlſtand und innerer ſowohl als aͤußerer Proſperitaͤt aller Art, den ihnen politiſche und religioͤſe Freyheit verſchafft, in vollem Maße empfinden laſſen, und dadurch den Wunſch nach den Mitteln ähnliche Vorurtheile zu er: langen, im hoͤchſten Grade erwecken muͤſſen. Wie viel bleibt auf dieſem Wege nicht noch den Proteſtanten für ſich ſelbſt und ihre katholiſchen Bruͤder zu erringen uͤbrig? | Bon der Härte, womit Sie Sich gegen Andersgeſinnte äußern, beforge ich ferner eis nige unvortheilhafte Eindrücke auch für Ihre proteſtantiſchen Leſer. Eines Theils wird das durch die Abneigung gegen die Katholiken und der Religionshaß nur genaͤhrt; andern Theus aber, wo dieſes nicht der Fall iſt, hebt die Un⸗ billigkeit, die man Ihnen hier vielleicht Schuld geben moͤchte, auch die gute Wirkung auf, welche ſonſt Ihre oͤffentliche Schauſtellung der neuen Schwarzkuͤnſtler, Deſorganiſatoͤre, Goldkoͤche, Monddoktoren, Roſenfelde und andecer Betrieger unfehlbar in weit groͤßerem Umfange äußern müßte, Ward einmal der Ueber Proſelytenmacherey. 247 leiſeſte Verdacht von Partheylichkeit in einer Ruͤckſicht veranlaßt, fo iſt man immer geneigt / in jedem Falle ſie wieder im Spiele zu vermuthen. Bey der hoͤchſten Achtung fuͤr die eigne Beruhigung, welche aus dem Bewußtſeyn ei⸗ ner guten Abſicht entſpringt, bleibt mir endlich der Wunſch noch uͤbrig, daß Maͤnner, die mit gleich redlichem Eifer mit mannigfaltigen Schaͤ⸗ tzen der Erfahrung und des Wiſſens, mit er⸗ leuchteter Vernunft und richtiger Empfindung auf dem Wege der Erkenntniß fortſchreiten, bloß um des verſchiedenen Ganges willen, der jedem eigen iſt, um eines Tones willen, den in⸗ nere und äußere Verhaͤltniſſe modifieirten, um der beſondern Anſicht willen, wodurch das Eine Wahre jedem anders erſcheint, doch nie vergeſſen moͤchten, daß wechſelſeitiges Wohlwollen ihre hoͤchſte Ehre iſt. Der Auf klaͤrung unſers Jahrhunderts ſcheint es un⸗ wuͤrdig, daß gelehrte Streitigkeiten zu perſoͤn⸗ licher Verbitterung fuͤhren. Wie lange wird dieſe Intoleranz, die gehaͤſſigſte von allen / noch dauern? Wann wird man aufhoͤren zu glauben, daß, weil dieſe oder jene Prineipien und Meinungen uns wahr und alleinguͤltig | 9 4 248 Ueber Proſelytenmacherey. ſcheinen, ſie darum in eben dem Lichte von Andern geſehen werden muͤſſen? Sollte man nie dahin kommen koͤnnen, die Unabhaͤngigkeit der Vernunft, die jeder fuͤr ſich verlangt, auch allen Andern zuzugeſtehen; dergeſtalt, daß kein ens rationis den freyen Menſchen feſſeln, keine Vernunft der andern gebieten duͤrfe, daß die individuelle Vernunft eines jeden Menſchen allen andern vernünftigen Geſchoͤpfen das res ſpektabelſte Weſen ſey, und daß die wahre Aufklärung, welche nimmermehr den Ends zweck haben kann, gewiſſen allgemein guͤltig ſeyn ſollenden Prinelpien einen Deſpotenſitz zu erbauen, vielmehr der eignen Vernunft und dem Gefuͤhl eines jeden Menſchen freye unge⸗ hinderte Wirkſamkeit verſchaffe? Allein bey der Stimmung unſrer Zeitge⸗ noſſen, bey ihrem Wahlſpruch: nul n'aura d' elprit hors nous et nos amis, bey der traurigen Fertigkeit Andersgeſinnte fuͤr ehrlos zu halten, und dieſes Privaturtheil auch ſo⸗ gleich im Druck zu verkuͤndigen, bleibt die Denkfreyheit nur ein frommer Wunſch. Duͤr⸗ ſen wir wohl, wenn die Katholiken uͤber eine Abweichung von ihrem Religions ſyſtem noch hier und da das brutum kulmen einer zu⸗ ueber Proſelytenmacherey. 249 kuͤnftigen Verdammniß herabſchleudern — duͤrfen wir da wohl von Unvernunft ſpre⸗ chen, ſo lange das mildere oder ſtrengere Urtheil, welches wir von dieſem Glauben faͤl⸗ len, hinreichende Veranlaſſung giebt, eine ſichere zeitliche Verdammniß, die Schaͤndung des guten Namens, uͤber uns zu bringen? Nach welchen menſchlichen, nach welchen an⸗ geblich goͤttlichen Geſetzen kann dieſes Ver⸗ fahren gerechtfertigt werden? Noch einmal; die Nichtanerkennung der Wahrheit bringt keinem Menſchen Schande, ſondern die Nichtbefolgung der erkannten Wahrheit. Wer ſich nicht belehren ließe, daß die drey Win⸗ kel eines Dreyecks zwey rechten Winkeln gleich ſind, dem wuͤrde man zwar mit Recht die Faͤhigkeit zur Mathematik abſprechen; aber ehrlos waͤre er darum nicht. Sind nun Begriffe von Ehre und Schande nicht einmal mit der Anerkennung oder Nichtan⸗ erkennung mathematiſcher Axſomen verbun⸗ den: wie wäre es billig, fie an fperulative Saͤtze oder gar an Glaubensſachen, deren Evidenz ſhlechterdiage nur ſubjektiv iſt, zu uͤpfen r R 7 250 Ueber Proſelytenmacheren. Doch geſetzt, die Wahrheit waͤre das uns verfaͤlſchte, ausſchließende Eigenthum der eis nen Parthey: iſt Entehrung der andern das natuͤrliche Zeichen, woran man ſie erkennt, das Mittel, wodurch man ihr allgemeine Annahme verſchafft? Ich zweifle ſehr, ob man auch bey dem gluͤhendſten Bekehrungs⸗ eifer den Nutzen der Verunglimpfung bey dieſem Geſchaͤfte behaupten, oder ſich ſchmei⸗ cheln wird, ſeinen Gegner dadurch leichter zu gewinnen. Wo nun aber der Streit un⸗ terſchiedene Meinungen betrifft; wo es viel⸗ leicht niemals ausgemacht werden kann, auf weſſen Seite das Recht ſich befindet; wo vielleicht Wahrheit und Taͤuſchung auf allen Seiten unzertrennlich in und neben einander beſtehen; was nutzt es da, die Ehre ſeines Gegners anzutaſten? Ich er⸗ warte keine Antwort auf dieſe Frage; da hingegen die andre: was es ſchadet? leicht ſo beantwortet werden kann, daß ein behut⸗ ſameres Verfahren gegen Andersgeſinnte un⸗ gleich raͤthlicher erſcheint. Oder iſt der gute Name eines Privatmannes, der nach andern Grundſaͤtzen als die unſrigen handelt, ein Ding, womit man nach Gutduͤnken ſpielen RN * 7 5 f N e . a t eee Ueber Proſelytenmacherey. 251 de — ta es in kann? Daß Menſchen, die das Beduͤrfniß geliebt zu werden innig empfinden, ſo leicht⸗ ſinnig andern entziehen wollen, was ſie lie⸗ benswuͤrdig und achtungswuͤrdig macht! Daß Philoſophen ſich einer Handlung nicht ent⸗ halten koͤnnen, von welcher es, gelindeſtens zu reden, unentſchieden iſt, ob ſie gut oder boͤſe, nuͤtzlich oder ſchaͤdlich ſey! Daß der Wahr: heitseifer noch immer ſo verzehrend brennt, zu einer Zeit, wo die Verſchiedenheit der Meynun⸗ gen nicht groͤßer ſeyn kann; wo der freye Un⸗ terſuchungsgeiſt erſt anfaͤngt ſeine Fackel in die Gruft des Ungeheuers, Autoritaͤt, zu tragen; wo Scharfſinn und Tieffinn, Erfahrung und Selbſtgefuͤhl ſo dringend bitten, die Entſchei⸗ dung der immer noͤthiger gewordnen Frage: was iſt Wahrheit? zuvor abzuwarten! Dieſe Gedanken erwachten von neuem in mir bey der Leſung der wenigen Zeilen, womit Sie das Schreiben des Mainziſchen Beamten begleitet haben, und bewogen mich, Ihrem Carin geaͤußerten Urtheil uͤber den Briefſteller meine Meynung von der Nothwendigkeit, dem Nutzen und der Billigkeit Ihres Verfahrens entgegenzuſtellen. Ich will mir ſchmeicheln daß ich dadurch bey manchem Ihrer Kefer, 252 Ueber Proſelytenmacherey. — — — der vermuthlich auf Ihr bloßes Wort den Briefſteller ſchon der Hinterliſt und Unredlich⸗ keit ſchuldig glaubte, eine Repiſion des Pro⸗ zeſſes veranlaſſen, bey einigen auch vielleicht Milderung des Urtheils bewirken werde. Dies iſt wohl die geringſte Entſchaͤdigung, welche man einem unbeſcholtenen Manne ) für die Kraͤnkung, ſich oͤffentlich beſchuldigt und ver⸗ urtheilt zu ſehen, verſchafſen kann; und mich duͤnkt, auch ohne in irgend einem naͤhern, per⸗ ſoͤnlichen oder unmittelbaren, Verhaͤltniſſe mit ihm zu ſtehen, wuͤrde keiner, dem meine Gruͤnde einleuchten, Bedenken tragen, damit vor dem Publicum aufzutreten. Sehr erfreulich wuͤrde es mir ſeyn, wenn dieſer Aufſatz ſo beſchaffen waͤre, daß Sie ſelbſt uͤber die darin verhandel⸗ ten Gegenſtaͤnde Ihre Geſinnung ein wenig mildern, und insbeſondre ſich dadurch uͤberzeu⸗ gen koͤnnten, in der Verurtheilung des Brief: ſtellers weiter gegangen zu ſeyn, als die Unbe⸗ kanntſchaft mit ſeiner Denkungsart, und die in ſeinem eignen Schreiben vorangeſchickten Re⸗ ligionsbegriffe es zu rechtfertigen ſcheinen. Auf keinen Fall, glaube ich, daß es ſchaden koͤnne, *) Diefen Ruf hat Herr Bender, den ich uͤbri⸗ gens gar nicht kenne. Ueber Proſelytenmacherey. 253 r bs nk durch die Eröffnung einer Anſicht der Sachen, welche von der Ihrigen abweicht, weiteres Nachdenken und nähere Prüfung zu veranlafs ſen. Dem Ziele, auf welches ich nur hindeuten konnte, kommt dann vielleicht ein Andrer etwas naͤher; und was uns dabey an abſoluter Wahr⸗ heit verloren gehen moͤchte, das gewinnen wir an relativer Erkenntniß wieder. Beduͤrfte die oͤffentliche Bekanntmachung meines Aufſatzes dennoch einer Entſchuldigung, fo fände ich enen ſehr nahen Beruf dazu in dem Mißtrauen, welches Ihre Monatsſchriſt, durch wiederholte Angriſſe auf den Katholieis⸗ mus und mißbilligende Erwaͤhnung einzelner Auftritte in katholiſchen Ländern, bey dem hie⸗ ſigen Publicum gegen die von einem aufgeklaͤr⸗ ten Fuͤrſten hergezogenen Nichtkatholiken end⸗ lich doch erwecken koͤnnte. Diefer Schade wäre ſchon an ſich ſo groß, daß er in meinen Augen von keinem vermeintlichen Vortheil aufgewogen werden kann; denn er ginge zuletzt darauf hin⸗ aus, die wohlthaͤtige Abſicht, welche man durch die Anſtellung der Ausländer, ohne Ruͤckſicht auf ihre religioͤſe Meynungen, erreichen wollte, zu vereiteln. Wenn irgendwo gegen die Ber kenner andrer als der herrſchenden Glaubens FFP 254 Ueber Profelytenmacheren. ſaͤtze ein ungegruͤndetes Vorurtheil obwaltet; fo ſcheint kein Mittel wirkſamer daſſelbe zu entkraͤften, als die Verpflanzung ſolcher Au⸗ dersgeſinnten in den Staat, damit: fie- als nuͤtzliche, rechtſchaffene und ruhige Buͤrger von jedermann erkannt und nach ihrem Verdienſte geſchaͤtzt werden koͤnnen. Wie aber, wenn es in proteſtantiſchen Ländern hinlaͤnglich ift. ein Katholik zu ſeyn, um ſchon Mißtrauen zu erwecken; wenn man es ſich dort erlaubt, unter dem Vorwande der Bekehrungsgefahr die Privatverhaͤltniſſe eines jeden Katholiken mit neugierig argwoͤhniſchen Augen zu durch⸗ ſpaͤhen; wenn Proteſtanten, nicht zufrieden dieſe Wachſamkeit, fie ſey nun uͤberfluͤſſig oder nicht, auf ihre eigene Heimath und Staaten, wo der Proteſtantismus herrſcht, vorſichtig einzuſchraͤnken, ihren Spaͤherblick auch uͤber die Graͤnze, gleichſam in Feindes Land — weil man dem Feinde keine Scho⸗ nung ſchulbig zu ſeyn glaubt? — umherirren laſſen, und dort ohne Ruͤckſicht auf die Ge⸗ haͤſſigkeit dieſer Rolle, das Innere der Fa milie, welches ſogar der Geſetzgebung heilig iſt, auskundſchaften, die willkuͤhrlichen Prir vatmeynungen der Menſchen vor ihren Nic Ueber Proſelytenmacherey. 255 terſtuhl ziehen, und indem es die Sicherheit der proteſtantiſchen Kirche erheiſchen ſoll, mit elner Anmaßung, dle ſich bis itzt noch zu. ker nem Rechte hat legitimiren koͤnnen oder wol⸗ len, gegen vermeintliche Vergehungen die harte Strafe der öffentlichen Beſchaͤmung zu erkennen? Vielleicht koͤnnten auch billigden⸗ kende Katholiken in dieſen Schritten endlich einen unverſoͤhnlichen Religionshaß, einen zuͤ⸗ gelloſen Partheygeiſt zu erblicken glauben, und ſich dann ſelbſt den Vorwurf machen, daß fie zu frühzeitig angefangen hätten, ger gen Proteſtanten mit forglofem Zutrauen und unbefangener Offenheit zu handeln. Je weir ter ſich im Mainziſchen die Toleranz gegen Nichtkatholiken bereits erſtreckt, deſto mehr wird die Unbilligkeit daſelbſt auffallen muͤſſen, womit einzelne Beyſpiele von weitgetriebener Anhaͤngigkeit an den Tridentiniſchen Lehrbe— griff muͤhſam hervorgeſucht werden, um eine Beſchuldigung zu motiviren, die man hier ſo wenig verdient. Iſt es nicht auffallend, wie ſelten von einer Seite die Beyſpiele von far tholiſcher Intoleranz in hieſiger Gegend, und wie erpicht und verhetzt auf der andern manche Menſchen auf dieſe Jagd ſeyn muͤſſen, da der 256 Ueber Proſelytenmacherey. im Grunde doch unbedeutende Vorfall in Elt⸗ vill von zwey verſchiedenen Einſendern auf⸗ geſchnappt worden iſt? In der That, wenn man katholiſcher Seits alles einraͤumen wollte, was Sie in Beziehung auf den Eltviller Brief: ſteller nur verlangen koͤnnen, wird ſich dann wohl mehr daraus ergeben, als die Intoleranz eines individuellen Menſchen? Man wird es bedauern, daß in einem, wie Sie ihn nennen, frey und beſſer denkenden katholiſchen Staate, Ausnahmen von der Regel anzutreffen ſind, und daß ein Beamter, der allenfalls Gelegen⸗ heit gehabt haben koͤnnte, redlichere Ausleger der katholiſchen Lehre als Bellarmin, Buſen⸗ baum und Conſorten, um Rath zu fragen, un⸗ gluͤcklicher Weiſe nicht gewußt zu haben ſcheint, daß man auch ohne den Probabilismus ein gu⸗ ter Katholik, und auch als Katholik zuerſt Menſch und Buͤrger ſeyn koͤnne. Aber mit dieſem einzigen Falle, oder auch mit mehrern ähnlichen, wenn ſich dergleichen finden ließen, es rechtfertigen wollen, daß dieſem Lande der rege Geiſt der Proſelytenmacherey zugeſchrie⸗ ben wird: dies hoffe ich, werden nicht allein Katholiken, ſondern auch Proteſtanten einer zu weit getriebenen Beſorgniß zuſchreiben, um ö Ihnen Ueber Proſelytenmacherey. 257 Ihnen keinen Vorwurf daruͤber zu machen. Es verſteht ſich von ſelbſt, wenn man vom Geiſte eines Landes ſpricht, ſo ſpricht man nicht von einzelnen Ausnahmen; ſonſt wär ren die Katholiken berechtigt die Stimme ei⸗ nes Herausgebers der Berliniſchen Monats⸗ ſchrift fuͤr den Geiſt des Proteſtantismus zu halten. Wenn alſo die Ausnahmen nicht gel⸗ ten ſollen, fo ruhet al erdings der Geiſt der Proſelytenmacherey nieht nur in dem Mainzi⸗ ſchen, ſondern in den meiſten aufgeklaͤrteren deutſchkatholiſchen Staaten. Es werden von hier aus weder Miſſionare in proteſtantiſche Laͤnder ausgeſchickt, noch die hier wohnenden Proteſtanten durch Bekehrungsvorſchlaͤge be⸗ unruhigt. Proteſtanten koͤnnen hier zu aller⸗ ley weltlichen Aemtern gelangen; die hieſige Univerſitar hat ſogar das ruͤhmlichſte Beyſpiel einer uneingeſchraͤnkten Toleranz gegeben, und ohne Ruͤckſicht auf reli gioͤſe Meinungen einem Juden den medieiniſchen Doktorhut ertheilt: endlich, unter dem milden Einfluß eines weiſen Menſchenfreundes auf dem Kurfuͤrſtlichen und Erzbiſchoͤflichen Throne hat die aufgeklaͤrte Geiſtlichkeit einen proteſtantiſchen Gelehrten, meinem ſeligen Vorgaͤnger Dieze, in der bies G. Forſters kl. Schr. Ir Rh. S O N. \ e x Y V 3? [2 8 * A N I RB 1 I 1⁴ E 2 IMAGE EVALUATION TEST TARGET (MT-3) 6* MN 4 ag Ueber Proſelytenmacherey. ſigen Johanniskirche eine ehrenvolle Grab, ſtätte bruͤderlich eingeräumt. In einem Lande, wo ich, wie alle proteſtantiſchen Gelehrten, der uneingeſchraͤnkteſten Gewiſſens Denk: und Preßfreyheit genieße; in einem Lande, wo man ſich der Uſurpation der Roͤmiſchen Cu⸗ rie und allen ihren Eingriffen in die Rechte der Menſchheit muthig widerſetzt; in einem Lande, wo alles von der Abſicht des Regenten, Vor⸗ urtheile hinwegzuraͤumen und eigenes Denken zu befoͤrdern, redende Beweiſe giebt: in die⸗ ſem Lande fuͤhle ich den Beruf, ſowohl den katholiſchen Einwohnern das Zeugniß einer wehren bruͤderlichen Duldung fremder Reli⸗ gions verwandten zu ertheilen, als auch im Na: men manches rechtſchaffenen Nichtkatholiken, welcher hier das freundſchaftliche Vertrauen wuͤrdiger Menſchen mit mir theilt, oͤffentlich zu verſichern, daß wir aus eigner Erfahrung und nach reiflicher Erwägung der Anklage, Ihrem Urthell über die Mainziiche Proſely⸗ tenmachereey nicht beypflichten konnen. Her⸗ berufen, nicht um feine beſondre Religions- meinung in Aufnahme zu bringen, ſondern um gemeinnuͤtzige Kenntnlſſe in Beſolgung ſei⸗ ner Amtspflichten anzuwenden, ehrt der Aus/ r Ueber Proſelytenmacherey. 259 länder hier den moraliſchen Endzweck und die frommen redlichen Lehrer und Bekenner einen jeden Glaubens, ohne dasjenige was ihm Menſchliches jedem beygemiſcht zu ſeyn ſcheint, damit verwechſeln zu muͤſſen. Verehrungs, würdig aber iſt thm dasjenige Publieum, wel⸗ ches den apoſtaſirenden Proteſtanten unfehlbar mit Verachtung auszeichnen wuͤrde; und dieſer einzige Zug enthält einen Beweis von richti⸗ gem Gefuͤhl, der alle bisher bekanntgeworde⸗ nen vorgeblichen oder wahren Beyſpiele von Proſelytenmacherey, in fo fern fie eine allge; meine Stimmung darthun follen, zu Schan⸗ den macht. Um die Ueberſicht zu Mug, af ich itzt die Hauptpunkte meiner en zu⸗ ſammen. 1. Der kathollſche Biteh enn hat ſelbſt unter den nachthelligſten Umftänden für. die proteſtantiſche Kirche, noch keinen beunru⸗ higenden Erfolg gehabt. II, Die Gewiſſensfreyheit iſt aber bey beſpotiſchen Reglerungen immer in Geſahe. a S 2 * 250 lleber Proſelytenmacherey. III. Aller Zwang bildet Maſchinen, und Pes Symbol iſt der freyen e ee des Menſchen nachtheilig. IV. Wenn Proteſtanten aboſtaſi ren, fo läßt ſich in den meiſten Faͤllen die Urſache auf Mangel an Einſicht und moraliſchem Gefuͤhl ite Ba 7 Das einzige fi chere Mittel dieſem Man gel abzuhelfen, . Ver peit. VI. Jedes audere Mittel ift gewalnhͤttg, unb ſchon darum unwirkſam. h VII. Denn feiner Meinung die Beyſum⸗ mung Andrer verſchaffen, (Proſelptenmache⸗ rey) iſt im Erkenntnißtriebe gegruͤndet, und an ſich tadelfrey. VIII. Nach der gewoͤhnlichen 1 der katholiſchen Glaubenslehre kann der Be⸗ kehrungseifer ſogar eine Pflicht ſcheinen. IX. unredlichkeit findet nur Statt, wo man gegen beſſere Ueberzeugung handelt; und alſo nur in dieſem Falle kann der Bekehrer ies verdienen, Ueber Proſelytenmacherey. 26 X. Die Befugniß aber, Privatverhaͤlt⸗ niſſe oͤffentlich bekannt zu machen, zu richten und zu beſtrafen, wenn ſie gegen die Meinung einer Privatperſon anſtoßen, iſt dieſer n noch nicht zugeſtanden. Xl. Auch ruhet wirklich der Geiſt der Proſelytenmacherey in den deutſchkatholiſchen Staaten, und einzelne Beyſpiele von intole⸗ ranten Menſchen beweiſen War wider dieſe Dehauptung. XII. Man iſt vielmehr in verſchledenen deutſchkatholiſchen Staaten eifrig mit der Laͤu⸗ terung der Religionsbegriffe, mit Erringung der Unabhaͤngigkeit von Rom, und mit der Einfuͤhrung der Denk⸗ und Gewiſſensfreyhelt beſchaͤftigt. Dieſe Saͤtze, habe ich geglaubt, gegen Sie, meine hochgeſchaͤtzten Herren, behaup⸗ ten zu koͤnnen. Itzt uͤberlaſſe ich fie, nebſt mei nen Gruͤnden, ihrem Schickſal, und bitte Sie nur nach um Erlaubniß, hier an ein paar Worte unſers verwigten Leſſing uͤber einen gewiſſen Ring zu erinnern. S2 wo; 2 262 Ueber Proſelytenmacherey. Ve re ren Der rechte Ning Beſitzt die Munderkeafe beliebt su machen, Pep Gott und Menſchen angenehm. Das muß Eutſcheiden! Denn die falſchen Ringe werden Doch das nicht konnen! — Nun; wen lieben ö wen Bor Euch am meiflen? - — Macht, ſagt an! Ihr ſchweigt; 1 Die Ninge wirken nur zurücr 7 und nicht Nach außen? Jeder liebt fich ſelber nur um meißen? — O, fo ſeyd Ihr alle drep Betrogene Beträgen! ) 8 IV. Leitfaden zu einer kuͤnftigen Geſchichte der Menſchheit. Fingere cinctutis non exaudita Cethegis Continget: dabiturque licentia fumta pu- denter. an. Hon. 1 7. 8 9. Leitfaden zu einer künftigen Sen der water * a Neulich fiel mir Prior's Alma wieder in die Haͤnde. In dieſem Spottgedichte, wo er die Truͤume der Philoſophen uͤber den Sitz der Seele belacht, hat er den drolligen Einfall, die Seele durch die Zehſpitzen in den neugebildeten Körper dringen, und allmaͤhlich in verſchledenen Perioden des Alters, durch die Beine und Schenkel hinauf, zum Gürtel, dann zum Her zen, endlich in den Kopf ſteigen zu laſſen. Statt des Bewetſes, beruft er ſich auf die Erſcheinungen, die eine jede Lebensepoche ans⸗ zuzeichnen pflegen. Die Seele des Saͤuglings zum Beyſpiel, kann nach feiner Meynung nits gend anders, als in ſeinen Fuͤßen wohnen; denn mit dieſen ſtoͤßt und zappelt er ſchon lange, ehe er kriechen und andere Theile ſeines Koͤr⸗ pers bewegen lernt. Auch beym Knaben ver⸗ weilt ſſo noch in dieſen Extremitaͤten. Steht S 7 366 Leitfaden zu einer kuͤnſtigen man nicht am Steckenreiten und Springen, an der Raſtloſigkeit, die es ihm unmöglich macht, einen Augen lick fill zu ſtehen, daß ſeine Beine in einem fort ſeinen Willen beſtimmen? Allein es kommt die Zeit, wo die Seele Hör her ſteigt: andere Organe bilden fü ich zu ih⸗ rem Thron, von wannen ſie den ganzen Koͤr⸗ per beherrſcht; und alle feine Handlungen ber zlehen ſich auf die Beſtimmung und Kraft die⸗ fer. Theile. Kindiſches Spiel und raſches Um: hertreiben ergößt den blühenden Jüngling nicht mehr; ein neuer Trieb erfüllt fein ganzes We⸗ fen, richtet alles Wirken feines Geiſtes auf el⸗ nen Punkt, und kettet ihn an den Guͤrtel der Liebe. So geht es nun weiter zur Charakte⸗ riſtik des männlichen und hoͤhern Alters. Die Ausführung dieſer Phantaſie, die zwar etwas unfein und deſultoriſch, in Prior's eis gener Manier, gerathen iſt, hatte wenigſtens Laune genug, um zu ihrer Zeit das Laͤcherliche eines nunmehr vergeſſenen gelehrten Streits aufzudecken und ſcherzhaft zu zuͤchtigen. Jetzt faͤngt man an, mit der Sache das Gedicht zu vergeſſen; denn die neuere Philoſophie hat wichtigere Sorgen, als dieſe, dem Wohn orte der Seele nachzuſpuͤren. Sie ſtehet am e e N N Gefchichte der Menſchheit. 267 F , Rande jenes kritiſchen Abgrunds, den Mil, tons Satan einſt durchwanderte. Die Sub⸗ fangen, ſagt man, fliehen ſſe ſtaͤrker, je eifriger ſie ihnen nachforſcht; ſie hat nicht nur die Seele ganz aus dem Geſichte verloren, ſondern ſogar der Koͤrper ſoll ihr neulich abhanden gekommen ſeyn. Wenn es ſo fortgeht, und alles um fie her verſchwindet, To läuft fie wirklich Gefahr, im großen idealiſchen Nichts ſich ſelbſt zu vers lieren, wofern nicht das uralte Chaos fie eben ſo freundſchaftlich wie den Hoͤllenfuͤrſten lehrt, in jener „Unermeßlichkeit ohne Graͤnzen, Ausdehnung und Gegenſtand, wo Zeit und Raum unmöglich find,“ — ſich zu orientiren! Doch zuruͤck von dieſer Nacht des Ungrunds, des Zwiſts und der Verwirrung, wohin vielleicht keiner von meinen Leſern weder einem geſalle⸗ nen Engel noch einem exaltirten Denker Luft zu folgen bat, | Kaum hatte ich jenes Gedicht wieder gele⸗ ſen , ſo reihte ſich in meinem Kopf ein ganzes Syſtem der ſogenannten Geſchichte der Menſch⸗ heit daran. Das Bindungsglied war jener fe bekannte als gemißbrauchte Vergleich der ver⸗ ſchiedenen Lebensepochen des einzelnen Men⸗ ſchen mit den Stuſen der Cultuv bey ganzen 263 Leitfaden zu einer kuͤnftigen 7— —— —— Familien und Voͤlkern. Ich weiß, wie viel ich wage, indem ich dieſe Aehnlichkeit des Allgemei⸗ nen mit dem Beſondern wieder hervorſuche. Wie leicht ſind nicht Aehnlichkeiten uͤberall ge⸗ ſund n? Die Weisheit der alten Baſe entdeckt bey jedem jungen Ehepaare gleichfoͤrmige Zuͤge, deren Anziehungskraft, nach ihrer Phyſik, zu wechſelſeitiger Neigung die erſte Veranlaſſung gab. So bemerkt fie auch an jedem alteren Ehepaar immer fortſchreitende Veraͤhnlichung, und wundert ſich, daß deſſen ungeachtet die An⸗ ziehungskraft mit jedem Jahre ſich merklich vers mindert. Sollten, aller Vorſichtigkeit unge⸗ achtet, die Reſultate meiner Wahrnehmungen mit dieſer ehrwuͤrdigen Matronenphyſiogno⸗ mik eine ungluͤckliche Verwandtſchaft verra⸗ then, ſo werde ich mich gleichwohl, mit dem un⸗ vermeidlichen Schickſal aller meiner Vorgaͤnger, die den Ereigniſſen im Gebiete der Humanität nachgeforfcht haben, wie es einem nm ziemt, zu troͤſten wiſſen. Ohne Prior s dichteriſchen Apparat zu be⸗ nutzen, und ohne mich, mit wem es auch ſey, uͤber die Art und den Namen des wirkenden Prineips im Menſchen zu entzweyen, halte ich mich zuvoͤrderſt an die Erfahrung allein, und | A * Geſchichte der Menſchheit, 269 betrachte Erſcheinungen oder Wirkungen, die unſern Augen täglich hund werden, die ſich taͤg⸗ Anmut laſſen. Die erſten Organifationseräfte, man nenne fe plaſtiſch mit den Alten, Seele mit Stahl, weſentliche Kraft mit Wolf, Bildungstrieb mit Blumenbach, u. ſ. w. wirken im Menſchen dahin, daß er ſich ſelbſt erhalten, und ſoin indi⸗ viduelles Daſeyn hier gegen alle äußern Ver⸗ haͤltuiſſe behaupten koͤnne. Die weſentliche Bedingniß zur Erreichung dieſes Endzwecks, iſt Wachsthum des Korpers, Feſtigkeit und Staͤrke der Glieder, vor allen derjenigen, die Jur Bewegung erforderlich find, der Knochen und Muskeln. Von der Empfaͤngniß an, bis zum Augenblick der natürlichen Auflöfung, be⸗ merkt man daneben einen allmaͤhlichen Ueber⸗ gang aus einem vollkommen fluͤſſtgen Anfang, in einen bis zur Verhaͤrtung feſten Zuſtand der meiſten Organe, und in eine zaͤhe Verdickung der Saͤfte. Die Federkraft des organifchen Stoffes nimmt ſo lange zu, als das Wachsthum dauert, und vielleicht noch laͤnger, indem die Vollkommenheit aller Theile des Koͤrpers in einem mittleren Verhaͤltniſſe zwiſchen ihren ſe⸗ ſten und fluͤſſigen Urſtoffen beſteht. Zuerſt alſo — ero Leitfaden zu einer künftigen ö ˖ 2 r 2 . 2 m 2 a iſt der Wirkungskreis der Krafte, die eine menſchliche Geſtalt beleben, auf ihte eigene Materie und desen Entwickelung eingefchräntt. So wie die ganze Organiſatton mehr Conſiſtenz erhält, erweitert ſich die Sphäre ihrer Mit ſamkeit auch jenſeits ihrer koͤrperlichen Gruaͤnzen, vermittelſt der willkuͤhrlichen Bewegungs dolh hat ſie außer der Selbſterhaltung, und der da⸗ mit verbundenen Vernichtung fremdartiger Or⸗ ganiſationen, noch keinem beſtimmteren Zweck. Bewegung iſt der Genuß des Knabenalters: fie entſpringt aus einem Gefühle der Kruͤfte, und iſt Wirkung ihres inneren Reitzes; auch befoͤr⸗ dert fie wieder das Wachsthum, die gleichföͤt⸗ mige Entwickelung und die Stärke des . pers: 4 Eine Folge des dene eee aſt aber die Ausbildung der Organe und Abſon⸗ derung der Stoffe, welche zur Hervorbringung derſelben Form des Daſeyns in andern Indivi⸗ duen unentbehrlich iſt. Der Menſch wird zur Fortpflanzung faͤhig, ehe er zu ſeiner beſtimm⸗ ten Länge und Stärke gelangt, ehe er vollig ausgebildet iſt, ehe die Knorpel alle geſchwun⸗ den ſind. Mit der Entwickelung jener Organe, mit der Scheidung jener Säfte verbindet ſich Geſchichte der Menſchbeit. 271 ein ſtarker Reitz, das Kennzeichen einer neuen Richtung der Organiſatlonskraͤfte, die auf ein Wirken außer ſich, und zwar nicht mehr auf Zerſtoͤrung, ſondern auf Vereinigung und Mit theilung hinauslaͤuft. Die Bluͤthezeit des Menſchen, die frohe Zeit des berauſchenden Genuſſes, der im Tauſche der Empfindungen und wechſelſeitiger Hingebung beſteht, iſt jedoch wie jede Bluͤthezeit, ein kurzer, FOREN varüber eilender Augenblick. Nach der Erſcheinung des Geſchlechtettte⸗ bes erreicht der Koͤrper ſein volles Wachsthum, ſeine hoͤchſte Reife. Der Widerſtand der Theile kommt mit der ausdehnenden Kraft ins Gleich: gewicht. Knochen, Sehnen, Muskeln gewin⸗ nen den hoͤchſten Grad ihrer Feſtigkeit, Spann⸗ kraft und Stärke: Das Blut, welches zur Ergaͤnzung, nicht mehr zur Vergroͤßerung des Koͤrpers ſeinen Kreislauf fortſetzt, iſt nicht nur in groͤßerer Menge vorhanden, ſondern wird ſeuriger, it: ſich ſelbſt lebendiger und beleben / der, als zuvor. Man iſt daher geneigt, ſchon im voraus eine wichtige Revolution im Mens ſchen, bey dieſem Stillſtand in feinem. Wachs⸗ thume zu erwarten. Wenn die Erhaͤrtung ge⸗ wiſſer Theile der bildenden Kraft nun Graͤnzen 272 Leitfaden zu einer kuͤnſtigen ſteckt, und keine Ausdehnung mehr Statt finden läßt, ſo wuͤrde bald das Blut in allen Adern ſtocken, falls es kein Mittel gabe, daſſelbe in dem Maße, wie es aus den Speiſen bereitet wird, wieder zu verarbeiten. Dieſes Mittel bietet aber die Abnutzung der Organe dar, wel⸗ che jetzt um ſo ſchneller vor ſich. geht, je heftiger das Gefuͤhl ihrer Kraft zu anhaltender Bewe⸗ gung, zu gewaltſamer Anſtrengung, zur Thaͤ⸗ tigkeit im Aeußern reißt. Nie trug der Koͤrper größere Laſten, nie regten ſich die Glieder mit geringerer Erſchoͤpfung, nie vermochten die ge⸗ ſpannten Mus keln mehr als jetzt, da die Ergäns zung. aus dem reichen Blutsquell fo leicht von Statten geht. In der That ſteigt auch das Ge⸗ fühl der eigenen Kraft im Menſchen jetzt auf den höchften Punkt; er empfindet mehr als je⸗ mals den Trieb, außer ſich zu wirken, den maͤch ' tigen Willen, womit er ſich ein Herr der Schoͤp⸗ fung waͤhnt, und die zur Leidenſchaft verſtaͤrkte Begierde, wodurch er, ohne die Gefahr im Hinterhalte zu ahnden, ein Sklav der coexiſti⸗ renden Dinge wird. Nach dem Rauſch eines Augenblickes kehrt das Gefuͤhl der freyen Selbſt⸗ heit zuruͤck, zum Gebrauche der inwohnenden Kraft; aber milder iſt doch der Genuß in h dieſer Geſchichte der Menſchheit. 273 dieſer langen Epoche des reifen Alters, welches auch im Erhalten die A feines Wirkens 8 fuͤhlt. Das ſeuchteſte, weichſte zarteſte, eindruck | fäßigfte Organ, das Organ der Empfindung, der Erinnerung und des Bewußtſeyns, mit Ei⸗ nem Worte bas Sirn, empfaͤngt und ſammelt von Kindheit an die Einwirkungen der äußeren Gegenftände, vermittelſt der Sinneswerkzeuge, und des ganzen Nervenſyſtems. Seine Maffe bleibt weich, und erlangt erſt im ſpaͤteren Alter eine gewiſſe, jedoch immer ſehr geringe Feſtig⸗ keit. Kein Wunder alſo, daß erſt in der Pe⸗ riode des Stillſtands die Lebenskräfte des Hirns ihre hoͤchſte Regſamkeitkaͤußern / und durch die von ſolchen Aeußerungen unzertrennliche Reak⸗ tion die Klarheit des Bewußtſeyns erhöhen. Wenn bereits die Knochen ſproͤde, die Mus keln ſteif, die Sinne ſtumpf und die Nerven uͤberhaupt weniger empfindlich geworden ſind, erhaͤlt ſich noch die Wirkſamkeit dieſes bewun⸗ dernswuͤrdigen Organs. Zuruͤckgezogen aus feinem größeren Wirkungskrziſe, bleibt alsdann der Menſch ſich ſelbſt noch uͤbrig, und findet in dem zarten Gewebe feines Hirns das Weltall wieder, wenn es außerhalb deſſelben kaumemeht G. Forſters kl. Schr. zr Th. T 274 Leitfaden zu einer kuͤnftigen für ihn exiſtirt. Herrlicher Genuß auch dieſer !: und vielleicht der herrlichſte von allen, dieſes ers. hoͤhte Bewußtſeyn des Menſchen, der in ſich, ſelbſt eine Welt beſchaut, und ſolchergeſtalt die letzten Hoͤhen ſeiner Ausbildung erſteigt! So ſind alſo die Hauptbeſtimmungen des; Menſchen, Selbſterhaltung, Fortpflanzung, Wirkſamkeit gußer, und Ruͤckwirken in ſich ſelbſt, von einer nach und nach erfolgenden Veränderung verſchiedener Organe abhaͤngig, und im genaueſten Verhältniſſe mit den Perio⸗ den des Wachsthums, der Pubertät, des Still⸗ fiandes und der Hirnerhaͤrtung. > Mit allen Thieren haben wir Erhaltung. are Fortpflanzung gemein; in ſo fern alſo ſind dieſe Funktionen mit den beſondern und aus⸗ ſchließenden Beſtimmungen der Menſchheit nicht zu. vergleichen. Das Daſeyn des Einzel⸗ nen und der geſammten Gattung hinge gleiche wohl an einem gar zu ſchwachen Faden, wenn die Periode des Wachsthums und des Ge⸗ ſchlechts triebes nicht vor der hoͤchſten Egtwicke⸗ lung der Tätigkeit, nach Außen und der Denk kraft vorherginge. Vor allen Dingen muͤſſen wir ſeyn; ſodann erſt koͤnnen wir auf eine beſtimmte Art und Weiſe unſere Kräfte aͤußern. Geſchichte der Menfchheit, Ayz 82 | A nr en Da indeſſen das Wachsthum aller Organe gleichzeitig fortſchreitet, (wiewohl das zarteſte früher ausgearbeitet erſcheint) 3 da nur die Zeit punkte ihrer hoͤchſten Wirkſamkeit, ihrer Reife, verſchieden finds da auch das Handeln und Denken ſchon während: der Epoche des Wachsthums ſeinen Anfang nimmt: ſo darf man in gewiſſer Hinſicht behaupten, daß un ſere Exiſtenz zu keiner Zeit bloß thieriſch iſt. Was ſcheint nun wohl natuͤrlicher, als die Vorausſetzung, daß zwar keine Anlage im Menſchen unbenutzt und unentwickelt bleiben aber auch keine auf Koſten der übrigen aus⸗ gebildet und vervollkommnet werden dürfe? Die Natur bindet ſich jedoch nirgends an dieſe Regel. Waͤrr ſie unabaͤnderlich, ſo wuͤßten wir nicht, wie weit ſich die Perfektibilität jedes ein⸗ zelnen Organs erſtreckt, und in welchem Grade die Lebenskraft ſich darin äußern kann, ſobald fie ſich ganz derauf coneentrirt und die uͤbrigen Organe vernachlaͤſſiget. Nun wird aber dieſe Kraft durch geringe Anomalieen der Bildung und hinzutretende aͤußere Verhaͤltniſſe fo bes ſtimmt, daß einzelne Theile durch fie im Kör⸗ per gleichſam herrſchend werden, daß alles ſich auf dieſe zu beziehen ſchelnt; und zur Vetvlele T 2 276 Leitfaden zu einer kuͤnftigen faͤltigung, Erleichterung und Vervollkommnung ihrer Funktionen dienen muß. Das unbaͤn⸗ digſte Kraftgefuͤhl, die unerſaͤttlichſte Salaci⸗ tät, die heftigſte Leidenſchaft und der goͤtt⸗ lichſte Tlefſinn koͤnnen nimmermehr in einem Menſchen vereinigt ſeyn; ſondern eine von dieſen Eigenſchaften, ſobald ſie in ihrem Grade hervorſticht, verdraͤngt die übrigen, und entzieht andern Organen die erforderliche Energie. Der Wolluͤſtling Sardanapel konnte nicht die Geſetze des Zuſammenhanges ergruͤn⸗ den, wie der Denker Newton; die enthalt⸗ ſamen Kornaren hatten nicht, wie Milo der Kaͤmpfer, einen Ochſen getragen, u. ſ. f. Gleichgewicht unter jenen Kigenſchaften ift alſo das Kennzeichen ihrer Mittelmäßigkeit, und beruhet auf einer ſehr vertheilten Lebens kraft; die Mannigfaltigkeit hingegen erfordert partielle Disharmonieen und Exeentrieitäͤten. Die urſache dieſer Abweichungen von einer gleichfoͤrmigen Entwickelung entzieht ſich unſeren Blicken. Verkettungen des Schickſals aufſtei⸗ gend in unabſehlicher Reihe, wirken im Mo⸗ ment der Zeugung unaufhaltſam, das Maß der Empfaͤnglichkeit der neuen Organiſation 123 in allen ihren Theilen zu beſtimmen; ein geringe 4 3 Geſchichte der Menſchheit. 277 ſuͤgiger, dem Anſchein nach unbedeutender Um⸗ ſtand, durch eine eben ſo lange Reihe vorher⸗ gehender Begebenheiten vorbereitet, ertheilt durch einen unmerklichen Stoß dieſer Mas ſchine eine Richtung, die ſie Zeitlebens be⸗ haͤlt; und jeden Augenblick des Daſeyns folgen ſich ſchnell dieſe Stöße und verruͤcken die Kreiſe, die unſere Philoſophen in Gedanken ziehen. Dieſe allgemein bekannten Erfahrungen ſcheinen ſich mir auch in der großen Maſſe des Menſchengeſchlechtes zu beſtaͤtigen, und ganze Voller ſcheinen jene verſchiedenen Stu⸗ fen der Bildung hinanzuſteigen, die dem ein⸗ zelnen Menſchen vorgezeichnet ſind. Die Na⸗ tur ſcheint anfänglich auch bey dieſen Haufen nur fuͤr Erhaltung zu ſorgen; ſpaͤterhin, wenn ſie reichlichere Quellen der Subſiſtenz ausfindig gemacht haben, kommt der Zeitraum ihrer Ver⸗ mehrung; ſodann entſtehen große Bewegungen, gewaltſames Streben nach Herrſchaft und Ge⸗ nuß; endlich entwickelt ſich der Verſtand, ver⸗ feinert ſich die Empfindung, und die Vernunft beſteigt ihren Thron. | Tanz und Kampf find die erften Fertigket⸗ f ten des Wilden, der ſich um eine einzige Stufe nur über das Beduͤrfniß der Thierheit erhebt. T 3 * — — . anne en = en — — 273 Leitfaden zu einer kuͤnftigen Er fuͤhlt feine Kraft im Vernichten; im Tau⸗ mel der Siegesfreude ſtampft er unwillkuͤhrlich die Erde mit ſeinen Fuͤßen; alles an ihm iſt un⸗ baͤndiger Knabenmuthwille und eee Was ben ohne Richtung. ' Der Ueberfluß, gleichviel ob 900 * Vieh; zucht oder Ackerbau ihn erzeugte, läßt in der bee haglichen Ruhe, die er veranlaßt, durch den fanfteren Reitz wuchernder Säfte den Ge: ſchlechtstrieb ſtaͤrker entflammen. Ein mildes Klima, ein fruchtbares Land, eine ruhige, un⸗ geſtoͤrte Nachharſchaſt, und wer mag beſtim⸗ men, welcher andere Zuſammenfluß von Orga⸗ niſation und aͤußeren Verhaͤltniſſen beſchleunigte das Wachsthum ſowohl der Chineſer und In⸗ dier als der Neger, entwickelte fruͤher ihren Geſchlechtstrieb, führte die Polygamie unter ih⸗ nen ein, und machte ſie zu den volkreichſten Nationen der Erde. Allein Erſchlaffung iſt das Loos einer zu uͤppigen Verſchwendung der Zeu⸗ gungskraͤfte. Im Herzen und Hirn dieſer BL ker ſchlief die belebende Kraft, ober zuckte nur eonvulſiviſch. Zur Knechtſchaſt geboren, ber durften ſie, und beduͤrfen noch der Weisheit ei⸗ nes Deſpoten, der ſie zu den Kuͤnſten des Fries dens anfuͤhrt, und mechaniſche Fertigkeit in ihr , nen weckt. wenn eine milde Hand ſie regiert, kann jedoch nnn a member. 279 Die — des , auch nur das Menſchengeſchlecht auf dem Wege der Nachahmung und Gewohnheit in ewig einfoͤr⸗ migem Schritte vor ſich hintreiben, nicht eigen⸗ thuͤmliche Bewegung und erfinderiſche Kraft in ihm hervorrufen. Was iſt der hoͤchſte, aber geſchmackloſe und keiner Vervollkommnung faͤ⸗ hige Kunſtfleiß noch werth, bey jener ſtarren Unveraͤnderlichkeit der Sitten und Gebrauche, jener finſtern Schwaͤrmerey einer herz und ſinnloſen Religion, jener ſchwerfaͤlligen , kind ſchen Vernunft der Aſlatiſchen Volker? Unter einer andern Verbindung von Um⸗ ſtaͤnden begünftigte hingegen der Zeitpunkt, wo der ruhige Beſitz des Eigenthums eine ſtaͤrkere Bevoͤlkerung nach ſich zog, die Entwickelung ei⸗ nes Keims zu großen und erhabenen Leidens ſchaften, der ſchon im rohen, Zerſtoͤrung ath⸗ menden Barbaren liegt. Die beherzten Mäus berbanden in Griechenland und Latium ſchufen ſich eine Verfaſſung, wo Tapferkeit, Vater⸗ landsliebe, Freyheitsſinn, Edelmuth, Ehrgeitz und Herrſchſucht, ſchon lange bevot noch ein Strahl von wiſſenſchaftlicher Aufklaͤrung ihnen leuchtete, die Triebfeder großer eee T4 | | — — PPP e — — — Ic — — 2 r ET - Zn = — ir — — - 5 „ 215 N W 2 ehe 3 Bi a e e eee a eee err Se a 280 Leitfaden zu einer kuͤnftigen waren. Weichlinge, ohne dieſes Loͤwenherz voll „Kraft, konnten nicht jenes hohen Gefuͤhls, nicht Einer jener Heldentugenden faͤhlg ſeyn Nur ſolche Volker, die in ihrer ‚früheren Periode der Wolluſt gluͤcklich entgangen, und in den Armen der Freyheit zu muͤnnlicher Stärke heran gewachſen find, konnen und muͤſſen zuletzt den hoͤchſten Gipfel der Bildung erſteigen, wo die ganze Energie unſeres Weſens ſich in den feiseren Werkzeugen der Empfindung und des Verſtandes am thütigſten erweiſet. Nur drey⸗ mal, nur in Europa, und jede mal in anderer Geſtalt, erblickte die Welt das Schauſpiel die: ſer letzten Ausbildungsſtufe. Einzig und uner⸗ reichbar erhob Athen zuerſt fein ſtolzes Haupt, da bluͤhende Phantaſie und reiner Schoͤnheits⸗ finn in ihm die Erſtlinge der Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft erzeugten. Rom war nicht mehr frey, und die Beute der halben Welt hatte daſelbſt bereits das zuͤgelloſeſte Sittenverderbniß ange⸗ zuͤndet, als es die Truͤmmer Attiſcher Cultur in ſeinen Schooß aufnahm, und glaͤnzender durch Ueppigkeit, als durch hohen Schwung des Ger nies, fuͤr feine kuͤnftigen Ueberwinder ſie aufs bewahrte. Schon war der ſanſte Fruͤhlings⸗ zauber von Duft und Bluͤthe dahin, und die Geſchichte der Menfchheit: 281 Periobe Roͤmiſcher Aufklärung glich einem ſchwuͤlen Sommertage, den am Abend ein Don⸗ nerwetter beſchließt. Uns endlich, der Nach⸗ kommenſchaft eines gluͤcklich organiſirten Bars barenſtammes, bey dem hernach das romanti⸗ ſche Feuer des Rittergeiſtes ſo ſchoͤn aufloderte, uns bleibt der Herbſt mit ſeinen reifen Fruͤchten noch übrig; wir ernten und keltern und füllen unſre Scheuren, der Himmel weiß, für men bevorſtehenden / Winter! — | Doch es ſey für heute genug geträumt von dieſen vier Stufen der muskulariſchen, ſper⸗ matiſchen, heroiſchen und ſenſitiven Cultur. Die mancherley Schattirungen, welche zwiſchen einige dieſer Haupteintheilungen fallen, gehen mich hier nichts an, und laſſen ſich leicht klaſſi⸗ fſigiren. Ich verfpare die Ausführung meines Syſtems fuͤr ein dickes Buch, wozu ein Ocean von Citaten in Bereitſchaft liegt, der bey ſeiner Ueberſchwemmung alle Einwuͤrſe, wie unſichere Daͤmme, zu durchbrechen und zu vertilgen droht. Mit Citaten kämpft man ja gegen Citaten, und, wie die Erfahrung lehrt, auch nicht ſelten ſehr gluͤcklich gegen den Menſchenverſtand. Die meiſten alten Eintheilungen der Menſchengat⸗ tung * ohne dies ſchon laͤngſt verworfen. J T7 282 Leitfaden zii einer kunft. Geſch. ꝛc. | e 122 Noahs Söhne; die vier Welttheile; die vir Farben, weiß, ſchwarz, gelb, kupferroth: + wer denkt noch heut zu Tage an dieſe veral⸗ teten Moden? Ein anderes iſt es freylich um eine metaphyſiſche Eintheilung! Dem kuͤhnen Verſuch/ alle Voͤlker der Erde von einem guten und einem böfen Prineip abſtammen zu laſſen, ſehlt nichts als — ein Beweis, — ſo ſtreicht meine Hypotheſe die Seget, und ihr Urheber muß ſich noch allzu men geg e kein no re Bd | cr 7 | | v. i } h Die Kunſt und das Zeitalter: — Vos exemplaria Graeca Nocturna verlate manu, verlate diurna. Ne Hon ATT. on“ RETTET AT. > [2 285 Die Kunſt und das Zeitalter, 75 — Von allen zarten Bluͤthen, welche den Garten des geſelligen Lebens ſchmuͤcken, von allen die zarteſte, die ſchoͤnſte, die vergaͤnglichſte, iſt die Bluͤthe der Kunſt. Vor dem Entfalten ſcheint ihre Knoſpe nur ein dunkles Chaos, welches ſich muͤhſam zu formen beginnt. Was auf den Augenblick ihrer Vollkommenheit folgt, iſt nur entſeelte Geſtalt. Vergebens wuͤnſcht man, dieſen glänzenden Moment zu verlaͤngern oder feſtzuhalten; nicht einmal ihn wiederzu⸗ bringen, ſteht in menſchlicher Hand. Unter er nem gluͤcklichen und in ſeiner Art einzigen Zu⸗ ſammenfluſſe von Umſtaͤnden erhoben ſich die Griechen gunz allein zur hoͤchſten Vollkommen⸗ heit des Ideals. Was von ihren goͤttlichen Werken der Zerſtoͤrungswuth der Jahrhunderte entgangen, oder auch nur in Nachahmungen den Spätlingen des Menſchengeſchlechts ers ſchienen iſt, bewahrt noch die heilige Gluth, an welcher der Genius der neuern Kunſt ſeine Fackel zu zuͤnden verſuchte. Allein was bleiben die Kunſtepochen dos alten und des neuen Roms, was 286 Die Kunſt und das Zeitalter. — die eden Frankreichs und Großbritanniens, ſobald Griechenland ſeine Modelle zuruͤckfor⸗ dert, und ihnen nur ihr Eigenthuͤmliches uͤbrig laͤßt? Jede Abweichung von dem Eben⸗ maße, welches Polyklet in ſeinem Kanon oder Parrhaſius als anerkannter Geſetzgeber der Malerey gebot, jeder ungriechiſche Ausdruck der Koͤpſe, jede Geſtalt, die nicht ihren Cha⸗ rakter, ihre Harmonie von irgend einer Grie⸗ chiſchen Gottheit entlehnt, ſinkt unverzüglich in die Region der Verunſtaltung hinab. Giebt es nur eine erträgliche Statue neuerer Zeiten, wozu die Griechiſche Mythologie nicht den Ge⸗ danken, die Formen und Verhöͤͤltniſſe, Griechi⸗ ſches Coſtume nicht die Gewänder hergegeben haͤtte? Wo iſt ein Schnirkel unſerer Baukunſt, wenn er das Siegel des Schoͤnen an ſich trägt, deſſen Urbild nicht aus dem Kopf eines Griechen ſtammt? Warum endlich ſteht Raphael ein⸗ zig unter den Neueren? Warum hatte Guido, daß ich Mengs fuͤr mich reden laſſe, ſo viel Anlage zum großen Maler? Weil jener die hohe Idea⸗ liſtrungskunſt der Alten beſaß, und dieſer nach ihren ſchoͤnſten Werken kopirte. Unermeßlich iſt die Entfernung, in wel cher die moderne Kunſt hintet der alten zuruͤck / Die Kunſt und das Zeitalter. 287 bleibt; unermeßlich! denn wer getrauet ſich die Kluſt zu meſſen, die das Wahre von dem Falſchen trennt? In dieſer ſchneidenden Be⸗ zeichnung ſcheint etwas Hartes, vielleicht ſogar Unbilliges zu liegen; allein retten wir in der Folge nur den relativen Werth neuer Kunſt⸗ werke, ſo wird man uns eine ſtrenge Wahr⸗ heit hingehen laſſen, für welche die Rekrimina⸗ tionen des Publieums und der Kuͤnſtler ſelbſt uns Buͤrgſchaft leiſten. Die Norm des Schoͤ⸗ nen liegt ſchon im Innerſten unſeres Weſens; fie beſtimmt des Kuͤnſtlers Wahl und Ausführ rung, wie das Urtheil des Kenners. Dieſes, der menſchlichen Natur angeborne Geſuͤhl zeigt ihnen untruͤglich in den Ueberreſten anti⸗ ter, Kunſtgebilde das Schöne des inneren Sin. nes, im Schönen der Geſtalt, den erhabenen Einklang, den man im glaͤnzenden Machwerke der Neuern faſt gaͤnzlich vermißt. Was be⸗ deutet anders die allgemeine, die laute Ber ſchuldigung, daß Gewinnſucht und Stolz den neueden Artiſten beherrſchen, nicht edle Ruhm⸗ begierde und reine Begeiſterung des Schoͤn⸗ heitsſinnes? Wohin anders zielt die bittere Gegenklage der Kuͤnſtler über Kälte der Zeltge⸗ noſſen, uber Verfall des Geſchmacks, über * 288 Die Kunſt und das Zeitalter. Vervollkommnung mechaniſcher Gewerbe, wel⸗ che das Werk der hoͤheren Kunſt entbehrlich machen, indem ſie einem Luxus Genuͤge leiſten, der keines erhabenen Schwunges faͤhig iſt? Zu welchem andern Endzwecke tritt auch die Schiedsrichterin Philoſophie hervor, um den Streit des Zeitalters mit den Kuͤnſtlern zu ſchlichten? Beſchuldigt ſie nicht den rauheren Himmelsſtrich mit ſeinen verkruͤppelten Geſtal⸗ ten, ſeinen reitzloſen Verhuͤllungen und der ſtei⸗ fen Ehrbarkeit feiner gleißenden Sitten? Ja, ſie beſchuldigt auch jene finſtere Schwaͤrmerey, die aus Furcht vor dem Mißbrauche ſich von allen Naturbeſtimmungen losſagen, und aus Men⸗ ſchen ſinn⸗ und ſeelenloſe Maſchinen ſchaffen moͤchte; ſie beſchuldigt endlich noch jenen welt⸗ lichen Deſpotismus, wo ein trages Rad alle täder treibt, und, wenn dieſes ſtockt, fie alle ſtocken. Eine Wirkung, wovon man uͤberall die Urſache ſucht, muß wenigſtens vorhanden, und ihre Exiſtenz von allen Seiten anerkannt wor⸗ den ſeyn. Naͤhere Beſtimmung des Begriffes, den wir mit dem Endzwecke der Kunſt verbin- den, und Winke von demjenigen, was der heutige Kuͤnſtler uns gewaͤhrt, werden unſere Behauptung in ein helleres Licht ſetzen. | Das — * . Kunſt no dad Beate, | 28 3 Kunſtwerk im Verhältniß zu ſeinem urheber iſt die Schöpfung feiner individuellen Kräfte in einer ſchon gegebenen Materie} um: wandlung derſelben nach den Bildern, welche ſeine Phantaſie, vom Anſchauen geſchwängert⸗ als ihre geiſtigen Kinder gebar; empfangenet Eindruͤcke Darſtellung im Aeußern. Dieſet ſittliche Bildungstrieb iſt, wie der phyſiſche, in in jedem einzelnen Menſchen von hoͤchſt verſchle⸗ dener Intenfion, und Überdies entwickelt er ſich anders in jedem, nach der mannichfaltigen Verſchtedenhelt des außeren Verhaͤltniſſes⸗ In manchem Griechen ging vieleicht ein Ayſander | oder Apelles nur darum verloren weil er nicht als Alexanders Zeitgenoſſe die Hallen und Tempel in Athen durchwandelte; da Hin’ gegen auch mitten im Genuſſe des Attiſchen Ideenreichthums ein ſchwacher Kunſttrieb in fruchtbarer Ruhe dahin ſtarb. Jntenſion der wirkenden Krafte, Zartheit und Schaͤrfe des aͤußern und innern Sinnes und hoͤchſte Perfek⸗ tibilitaͤt des dienenden Mechanismus der Glled⸗ maßen, mit Einem Worte, die ſittliche und phyſſche Bolkommenhelt des Künſtlers, ft. ſolglich nur das erſte Erforderulß der Kunfl Er empfinde lebhaft, empfange zahlloſe Eins f 8. Forſterdel. Echr. u Th, u 290 Die Kunſt und das Zeitalter. druͤcke, und ſetze ſie ſchoͤner zuſammen, ſeine kuͤnſtliche Hand gehorche willig dem ſchaffenden Triebe, und ihr materielles Gebilde verſinnliche treu und vollkommen das Geſchoͤpf ſeiner Phan⸗ taſie: wenn die Natur, aus welcher er ſchoͤpſen muß, ihm ihre ſchoͤnſten Formen voventhaͤlt, verloren iſt dann alle feine Muͤgee. Wir wollen nicht hinabſteigen in die Tiefen der Metaphyſik, um dort zu erfragen, was Schoͤn genannt zu werden verdiene. Das Weſentliche der Empfindung reicht uͤber die Graͤnze der meſſenden und vergleichenden Ver⸗ nunft hinaus. Die verſchiedene Brechbarkeit der Lichtſtrahlen erklart uns eben ſo wenig, wie die Vorſtellung ihrer verſchiedenen Farben in uns entſteht, als die logiſche Definition des Schönen jenes untheilbare, ihm immanente Wirken in einen fuͤr daſſelbe geſchaffenen Sinn. Mit dem Schoͤnen verbruͤdert ſind die Begriffe des Ganzen „ Harmoniſchen, Vollkommenen. Dieſe Verhaͤltniſſe beſchaͤftigen den Verſtand; er findet die Schoͤnheit in ihrer Mitte; aber lange zuvor fand ſie das Herz, und ſchmolz in namenloſem Entzuͤcken. So umſchweben Cy⸗ theren die Grazien und Nymphen; doch wehe dem, der nur an ihren Geſpielinnen die Goͤttin 0 Die Kunſt und. das Zeitalter. 291 erkennt! Um die Schönheit zu empfinden, muͤſſen wir ſie anſchauen in der Natur oder im Werke des Kͤnſtlers; wenn wir hingegen von ihr reden, bezeichnen wir nur die Verhaͤlt⸗ niſſe der begleitenden Erſcheinungen. Dem zu folge iſt die Empfindung des Schonen die veinfte, wenn ihr Gegenſtand ein Ganzes bil det, dar durch feine inneren und aͤußeren Be ziehungen unſerer Vernunft vor allen anderen richtig iſt. Alſo nicht die ganze, unermeßliche, heilige Natur, denn wir erkennen ſie nur in ab⸗ geriſſenen Theilen; nicht die lebloſen Felſen⸗ maſſen des Erdballs, denn auch ihnen fehlt die weſentliche, beſtimmbare Einheit; nicht die ge⸗ flaulligeren Geſtalten des Pflanzenreiches, denn ihre Form hat noch kein ſtrenges Geſetz, und ſie ſind gefeſſelt an der Erde muͤtterlichen Schooß; ſelbſt thleriſches Leben nicht, des Da ſeyns unbewußt, an inneren Beziehungen arm: ſondern der Menſch, der ſich von allem Eos eylſtitenden unterſcheidet und gleichwohl außen | ſich nur Eorreläte feiner inneren Harmonie erblickt, — der menſch iſt der hoch ſtt Gegenſtand der ſchoͤnheitbildenden Kunſt, Was man auch uͤber den Urſprung der Menſchengattung waͤhnen mag; es ſey, daß je 2 2 292 bes Kunſt und des Seine, des Land ſeine Bewohner als Autochthonen aus eigenem Schlamme hervorgehen ließ, oder daß von Einem gemeinſchaftlichen Stamm, oder von etlichen wenigen Uraͤltern das ganze Heer der Nationen entſproß und ſich allmaͤhlich uͤber alle Weltgegenden verbreitete: ſo mußte doch bey der vielfaͤltig verſchiedenen Beſchaffen⸗ heit der Länder und ihrem wirkſamen Einfluß auf innere und Äußere Bildung, die Gegend irgendwo zu finden ſeyn, wo die menſchliche Organiſation mit der Lage, den Erzeugniſſen, dem Himmelsſtriche, vor allen uͤbrigen harmo⸗ nirte, wo alles zuſammenſtimmte , fie zur hoͤch⸗ ſten Vollkommenheit und Schoͤnheit zu bilden. Es duͤrfte nicht ſchwer halten, nach den Merk⸗ mahlen, welche der Vernunft die Gegenwart des Schönen bezeichnen, mit uͤberfuͤhrender Klarheit darzuthun, daß Griechenland jenes be⸗ glückte Laͤndchen war, wg die ſchoͤnſten For⸗ men der Menſchengattung einſt entſtehen muß⸗ ten. Das milde, gemaͤßigte Klima, die zum Handel und Verkehr mit entfernten Voͤlkern, mithin zur Entwickelung der Kräfte und Ver⸗ mehrung der Kenntniſſe ſo bequeme Lage, die Freyheit der Verfaſſungen, das daraus entfter hende fööne Gleichgewicht ver phyſt ichen und Die Kunſt und das Zeitalter. 293 ſittlichen Cultur, der Gedankenreichthum bey der hoͤchſten Reitzbarkeit des Gefuͤhls; kurz, al⸗ les deutet hin auf dieſes Ziel. Hier alſo vereinigten ſich jene Bedingniſſe, welche zur Schoͤpfung eines vollendeten Kunſt⸗ werkes unentbehrlich ſind. Der Kuͤnſtler, reich an innerer Vollkommenheit und Harmonie, fand um ſich her Geſtalten, die ſeinem Sinne für. das Schöne entſprachen, und durch ihre Nachbildung konnte er anſchaulich machen, wie er das Schöne empfände, Nun blieb er nicht mehr knechtiſch bey der einzelnen Form; von muͤhſamer Nachahmung ſchwang er ſich empor zur edlen Freyheit der Wahl; das Schoͤnſte erkohr er unter dem Schönen, So ſtellte Jeuxis die Toͤchter von Agrigentum in blendender Schoͤnheit vor ſich hin, um aus ih⸗ ren verſchmelzten Reitzen fuͤr den Tempel der Juno Lueinia fein bewundertes Gemälde zu ent; werfen. Denn ohne leiſen Mißton iſt keine, ſelbſt nicht die beblichſte, Form in der Natur; vielleicht, weil auch das vollendetſte irdiſche Weſen nur ein Accord iſt jenes großen Zuſam⸗ menklanges, in deſſen Menzer unſer Geiß verspüren, ' u.; 294 Die Kunſt und das Zeitalter. Eine Stufe REN zu erſteigen übrig, und auch zu dieſer erhob ſich die Griechiſche Kunſt. Das Gefühl des Kuͤnſtlers war bereits vertraut mit jenen feineren Zuͤgen, in denen ſich die Le⸗ benskraft offenbart. Es genuͤgte ihm nicht laͤn⸗ ger, nur einen ſchoͤnen Leichnam zu formen; den ſchoͤnen Körper, belebte die ſchoͤnere Seele, und vor ſeinem Marmorbilde ahndete der Zu⸗ ſchauer zum erſtenmale, wie größere Menſchen empfinden „Dieſe Stirn birgt hohe Weis⸗ heit,“ rief man einander zu; „jener Blick er⸗ gruͤndet die Gedanken und entraͤthſelt die Zu: kunft; Weberredung fließt von ſolchen Lippen! Den Schleyer der Geſtalten durchſchimmern hier Leiden und Genuß; aber ſie ſtoͤren nicht das ſchoͤne Ebenmaß ihrer Zuͤge, entadeln nicht ihre Stellung:, fo leidet und fo genießt der Held und der Weiſe!““ Von gehaltener Wir⸗ kung iſt jeder Charakter, wenn Schoͤnheit ſeinen Ausdruck begraͤnzt. Die ernſte Jungfräulich⸗ keit ſcheuchet nicht mehr das Auge des Staunen⸗ den zuruͤck. Auch die reitzen en Formen der Liebe wecken nicht den Sturm unedler Begier⸗ den, ſondern floͤßen das ſtille Sehnen der Zaͤrt⸗ kichkeit in das Herz. Liſt und Trug werden im Sohn der Maja u anſchmiegenden Grazie 7 en ee ˙ e ũ¶ M c... Die Kunſt und das Zeitalter. 195 PPP der Jugend. Des Rebengottes Trunkenhelt iſt nur Frohſienn und Freude. Auf Apollons, des Fernhertreffenden, Lippe verſchwindet inn Siegeslaͤchein der Zorn. So gelang es den kuͤhnen Kuͤnſtlerphantaſieen, berauſcht von den Goͤttergeſuͤngen ihres Homers, eine Schoͤnhelt zu dichten, die fuͤr Sterbliche zu rein, zu wun⸗ derbar, zu göttlich iſt. Entfaſſelt von dem groͤ⸗ deren Korper, allwirkſam, ſtand die Lebenskraft vor ihnen da, in Atherifchen Umriſſen noch ſicht⸗ bar, wie ſie im Ichorſtrom die ſchöne Form ers fuͤlt. An der furchtbaren Graͤnze, wo bie Schoͤnheitsſinie wieder in Mißgeſtalt uͤbergeht, ergriffen ſie die moͤglichen Geſtalten des Er⸗ habenen, deren Urbilder die Natur nicht in ſich faßt, und ſchufen ahndungs voll das de Ideal! ; "Schön iſt der Lenz des Lebens, wenn die Empfindung uns begluͤckt und die freye Phan⸗ taſie in roſigen Träumen ſchwaͤrmt. Uns ſelbſt vergeſſend im Anſchauen des gefuͤhlerweckenden Gegenſtandes, faſſen wir ſeine ganze Fülle, und: werden Eins mit ihm. Nicht bloß die Liebe ſbpricht: gebt alles hin, um alles zu gewinnen! Bey jeder Art des Genuſſes iſt dieſe unbet fangen Hingebung der Kaufpreis des voll u 4 296 Die Kunſt und das Zeitalter. | Eommenen Beſitzes. Aber auch nur was ſo innig empfangen, uns ſelbſt ſo innig angeeig⸗ net ward, kann wieder eben ſo vollkommen von uns ausſtroͤmen und als neue Schöpfung hervorgehn. Dieſen Urſprung erkennt man in den. Werken, die achtes Genle gebar; fie find die Kinder eines edlen, großen, umfaf⸗ ſenden Sinnes und einer Bildungskraft von unaufhaltſamer Energie. Das reifere Alter iſt ſelten jener Hingebung fähig; die Erkennt; niß des Mannigfaltigen, indem ſie das Selbſt⸗ bewußtſeyn ſchaͤrfte, hat ihm feine Unbefangen⸗ heit geraubt. Vergleich und Wahl gehen vor allen feinen Handlungen her; Selbſterhaltung iſt ihr Zweck und Selbſtverherrlichung. Der Genuß des eigenen Daſeyns ſchließt jedes Wirken aus, wobey die Individualität verläns gert werden muß; die Vernunft uſurpirt die Rechte des Gefuͤhls, und ihre Geſetze beſchraͤn⸗ ken die Thaten des Herzens. Weſſen Blick durchdringt die dunkle Ferne verflofiener : und kommender Jahrhunderte, um den Lebenslauf ganzer Nationen ſo zu fuſſen und in einem großen Zuſammenhange vor ſich aufgedeckt zu uͤberſchauen? Wer ver⸗ folgt den zarten Faden ihrer Schickſale vom Die Kunſt und das Zeitalter: 297 Entſtehungspunkt an, von jener erſten Wild⸗ heitsepoche der faͤlſchlich fo genannten Will⸗ kuͤhr, wo ſinnliches Gefuͤhl die einzige un⸗ mittelbare Triebſeder ihres Handelns wat, zum jugendlichen Etwachen der Mittlerin Pernunft, die mit den Sinnen ſpielte, bald um die Herrſchaft mit ihnen rang und bald mit unumſchraͤnktem Zepter regierte; bis end⸗ lich auch ihre Kraft wieder erliſcht und der Mechanismus ihrer Vorſchriften allein uͤbrig bleibt, in deſſen lange gewohnten Banden die geſchwaͤchte Organiſation maſchinenmaͤßig ofı eillirt, gleichfern von eigener Empfindung und eigenem Denken? Wagt es jemand, dieſen Analogieen mit dem Einzelnen noch weiter nachzuſpuͤren, und die Dauer der geſammten Menſchengattung, als Einheit betrachtet, mit den Stufen unſeres individuellen Wachsthums und unſerer Abnahme zu vergleichen, des Kin⸗ des thieriſche Sinnlichkeit, des Juͤnglings ideen⸗ reiche Bluͤthe der Gefühle, des Mannes rich: tenden Ernſt und des Greiſes Gewohnheitsſpiel in jenem großen Zirkel wiederzufinden ? We⸗ nigſtens ware es nicht ungereimt, an endli⸗ chen Dingen die Punkte des Werdens und der Aufloſung heſtimmen, oder mit den Phaͤ⸗ u . 298 Die Kunſt und das Zeitalter. nomenen der Geſchichte ein hypothetiſches Ge⸗ rippe bekleiden und zu einem moͤglichen Ganzen verbinden zu wollen. Doch es iſt mehr als Hypotheſe; dem Forſcher wird es wahr, daß auf jenen edlen Zeitpunkt, da das Feuer der Begeiſterung die Menſchheit ergriff, ihr Sinn ſich aufſchloß dem Schoͤnen, ſich naͤhrte von den Rhapſodieen des Dichters und des plaſti⸗ ſchen Kuͤnſtlers — die größte aller Veraͤnde⸗ rungen in ihr erfolgte. Die ec ward die Pflegerin der Wiſſenſchaft. Das ſchoͤne Ebenmaß ihver Bilder erzeugte jene abgezoge⸗ nen Begriffe, mit denen der Menſch das Sinnenall umfaßte und bald auch die unab⸗ ſehbaren Gefilde der intellektuellen Sittenwelt durchdrang. Wo der Kuͤnſtker iuaig gefühlt, kuͤhn geahndet und gluͤcklich dargeſtellt hatte, dort beſtimmte nun der Denker die Regeln des Vollkommnen, der Symmetrie und Ueberein⸗ ſtimmung, dort abſtrahirte er die ganze Kritik der Kunſt. Jetzt alſo demonſtrirte und be⸗ griff man die Tugend, das liebenswuͤrdige Sittlichſchoͤne, welches inan bis dahin in dem Rhytmus des Sängers, in des Bildhauers oder des Malers Zauberwerken empfand. Allein indem der menſchliche Geiſt fick feiner: ! Die Kunſt und das Zeitalter, 299 freyeſten Thätigkeit, und insbeſondere die Vers nunfſt ſich ihrer hoͤchſten Entwickelung nahte, sing unvermerkt die oͤſthetiſche Empfaͤnglichkeit verloren. Der geiſtreichſte Schrlftſteller unſe⸗ des Jahrhunderts hat irgendwo ſo fein als richtig bemerkt, daß auf ein gentereiches Zeit ⸗ alter nur ein ſchurfſinniges folgen kann, und modernes Verdienſt nur in der Berglieberung bi Verdienſtes der Alten beſteht. Griechische Weisheit hat ſich daher er⸗ Halten bis auf uns, indeß Griechiſche Kunſt, wie der Bluͤthenſchnee des Fraͤhlings, dahin ſchwand. Die Weltbeherrſcherin Rem vet: breitete in ihren entfernteſten Provinzen den⸗ ſelben Geiſt der Geſetze, der ihre Stifter aus Griechenland entlehnten; und die neue Neli⸗ gion, die mit der Schnelle des Wunderg uon Morgenland aus die ganze abendliche Welt uͤberzog, verſchmaͤhte nicht den Mantel der Griechſſchen Philofophie. Der Staez des Reiches, der eine unvermeidliche Folge des er⸗ ſtickten Schoͤnheits⸗ und Tugendſinnes war, vermochte nicht die Fortſchritte der Vernunft zu hemmen; ſelbſt Gothen und Sarmaten, Araber und Kreuzfahrer walten zur Aufbewah⸗ rung und Fortpflanzung Griechiſcher Wiſſen⸗ 300 Die Kunſt und das Zeitalter. ſchaften beytragen, bis die erſchoͤpfte Frucht: barkeit des barbarenreichen Norden und die erfundene Buchdruckerkunſt ihnen ewige Dauer verhießen. Wo nun immer die Staatsverfaſſung die Kräfte des Bürgers in Thaͤtigkeit und Span⸗ nung verſetzte, wo nach den Stuͤrmen des Krieges ein Zwiſchenraum der Ruhe und des Wohlſtands eintrat, wo das Gluͤck den Voͤl, kern lächelte, dort zeigten ſich zugleich wieder die erſten Keime des kuͤnſtleriſchen Triebes. Allein uͤberall hatte die neuere Kunſt das Un⸗ gluͤck, daß die Wiſſenſchaft ihr laͤngſt zuvorgeeilt war, und anſtatt daß man ehemals von dem Kunſtwerke Regeln entlehnte, ward jetzt der Kuͤnſtler verurtheilt, in den Feſſeln der Theorie einherzugehen. Drum war es nicht mehr jene achte Kunſt der Alten, die jetzt auf den Brands ſtaͤtten Latiums gruͤnte und bald im rauhen Norden als eine kranke Treibhauspflanze in Blaͤtter und in bluͤthenloſe Zweige trieb. Die ſeelenvolle Tochter der Begeiſterung und des Gefuͤhls war verſchwunden; an ihrer Stelle wankte mit unſicherm Tritt eine Truggeſtalt, die Zeburt des ee und der ee nen heit. KB — 1 Die Kunſt und das Zeitalter. 301 — — — Wie Aſtraͤens Sendung an die Menſchheit vollendet war, ſobald die blinde Gerechtigkeit mit Wage und Schwert vor dem duͤrren Worte des Geſetzes im Richtſtuhle ſaß, ſo war auch die erhabene Beſtimmung der Kunſt, die Lehrerin und Bildnerin der Menſchen zu ſeyn, in jenem Augenblick erfullt, da die Philoſophte dieſes Lehramt übernahm. Wen nimmt es Wunder, daß die Himmliſche ſo fruͤh der Schweſter nachzog auf den Olymp, daß ſie ſich nicht zum Zeitvertreib des verfeinerten Menſchen herab⸗ wuͤrdigen ließ, und feiner Ueppigkeit nicht froͤhnte? Wenn wir uns in Gedanken jenes frühere Weltalter vorftellen, welches noch von unſerm Apparat des logiſchen Wiſſens weit entfernt, aus unmittelbarem Anſchauen Be⸗ lehrung und Weisheit ſchoͤpfte; wenn wir die Jugendkraft der Menſchheit in jenem Volke trachten, das mit umfaſſendem Sinn der cawirkenden Natur entgegenkam. mit liebli⸗ cher Phantaſie die friſchgeſammelten Bilder verwebte , mit zartem Menſchengefuͤhl und ho⸗ her Einfalt des Geiſtes das Gute und Schöne uͤberall empfand, mit ungeſchwaͤchtem Triebe die Empfindung in That ſich aͤußern ließ; end⸗ lch, wenn wir dort, ehe noch ein Dialektiker 302 Die Kunſt und das Zeitalter. die Symbolik der Empfindungen beſtimmte, ehe noch die Theorie erſonnen ward, welche Kunſt in Mechanismus verwandelt, dort die zahlloſen Kunſtgebilde erblicken, die jene Kraft, inſtinktaͤhnlich, zu Meiſterwerken ſtempelte; zu Meiſterwerken, denen nicht etwa nur ein ſelbſtſuͤchtiger Lucull in ſeinen Palaͤſten hub digen ließ, dern die mit dem Enthuſiasmus der Vaterlau sllebe und Vaterlandsehre zum Genuß und zur Erweckung Aller gebildet, das ganze Volk mit Ahndung des Sittlichſchoͤnen, mit edler Ruhmbegierde, mit dem Feuereifer fuͤr das Wohl des Staats, mit dem frohen Gemiſch von Ehrfurcht und Vertrauen zu ſel⸗ nen menſchenaͤhnlichen Goͤttern erfüllten: o dann! dann zweifeln wir nicht mehr, daß dieſer reitzende Augenblick im Leben der Men ſchengattung wie die Bluͤthezeit der Roſe ver; gaͤnglich ſeyn, und wie ein holder Morgen, traum zerrinnen mußte! | Wie ſtoſſen die Erſtlinge Griechiſcher Kunſt fo ſanft aus dem reichen Quell der Empfin⸗ dung! Die Liebe fuͤhrte dem Korinthiſchen Juͤng⸗ linge die Hand, als er das erſte Schattenbilb eutwarf. Bewunderung des Helden ruͤhrte dem Künfiler das Herz, als er die edle Geſtalt in Die Kunſt und das Zeitalter. 303 Metall oder Marmor zuetſt verewigte. Dank⸗ barkeit gegen die „geahndeten, beſſeren We⸗ fen,‘ womit die Einbildungskraft den Olymp und das Empyraͤum bevoͤlkerte, ſchuf die erſte Bildſäule eines Gottes mit den Zuͤgen der vers Härten Menſchheit. Jetzt ergriff dieſe edle Schwaͤrmerey das ſtaunende Volk; es be⸗ lohnte die Tugend ſeiner Feldherren, ſeiner Geſetz geber, feiner Wohlthuaͤter und Retter durch öffentliche Denkmaͤhler und Statuen; es kieß den Delphiſchen Tempel und das Poͤeile von Polygnot verzieren, und Phidias mußte m feinen Donnerer und feine Minerva von old und Elfenbein bilden. Buͤder, Gym nafieh und Tempel, die der Stolz der Baur kunſt waren, erhoben ſich auf jener bezauber⸗ ten Erde; der Pinſel und der Meißel bildeten Wunderwerke, die der Aſiatiſche Luxus mit Lybiſchen Schaͤten aufwog; die Kuͤnſtler und das Volk uͤberließen ſich der Reitzbarkeit des Geſuͤhls, und beeiferten ſich in die Wette, das Verdlenſt ihrer Mitbuͤrger zu krönen, den Glanz ihrer Religion zu erhöhen; — und fern von ihnen blieb noch jene Seuche des Egoismus, der ſich am gemeinſchaftlichen Ge⸗ nuffe nicht genügen laßt. Vis iu das Zeitalter 304 Die Kuuſt und das Zeitalter. des Perikles, da das ſtohe Athen an be Ver⸗ ſchoͤnerung der Stadt und an die Pracht der offen lichen Feſte mit jugendlichem Leichtſinne Millionen verſchwendete, blieb der Privatlu⸗ zus in engen Schranken; die Wohnungen; die Hausgeraͤthe, die Gewaͤnder, die Mahl: zeiten, alles verrieth noch Maͤßigkeit und Ha falt der häuslichen Sitten. 91 Die moderne Kunſt hatte einen andern Urſprung und ein anderes Schickſal. Die Unfeinheit des Zeitalters war nicht mehr jene rohe Natureinfalt, aus welcher alles werden kann; tief in die Wurzel hinein waren bereits die Sitten verderbt, und zwar bey dem gaͤnzli⸗ chen Mangel des aͤſthetiſchen Sinnes, durch feu⸗ daliſche Tyranney und immerwaͤhrende Kriege) zur thieriſchen Luͤſternheit, zur eigennuͤtzigſten Selbſtſucht, zu allen niederen Leidenſchaften tief hinabgeſunken. Scholaſtiſches Scheinwiſ⸗ ſen, unheilbarer als Unwiſſenheit, thronte in den Lehrſtuͤhlen; gekettet an den todten Buch! ſtaben vertiefte man ſich in logiſche Spitzfindig⸗ teiten und metaphyſiſche Gruͤbeleyen, und fuͤhr⸗ te unverſoͤhnlichen Wortſtreit, indeß der Weg der Anſchauung und Erfahrung unbetreten blieb, und die Nacht der Verurtheile ihren dichten G Tu kr IES De 2 Die Kunſt und das Zeitalter. 303 dichten Schleyer um die beſten Köpfe zog. Mit vereinigter Macht wirkten geſchmackloſe Uep⸗ pigkeit und kleinliche Selbſtſucht in den Sit⸗ ten, Thorheit in den Wiſſenſchaften, und Wahn im Volksglauben, auf die Phantaſie des modernen Artiſten, und laͤhmten den Fitz tig, womit er ſich, ſtolz auf beffere mechaniſche i Huͤlfsmittel und beſeelt vom Anblick Atti ſcher Truͤmmer, den n We ranken N . Ein Gefuͤhl iſt es, aus welchem die Kunſt und die Tugend entſpringt; aber der kalte Hauch des Deſpotismus hatte es gewelkt. Va⸗ terlandsliebe konnte den nicht begeiſtern, det fein Vaterlund hatte, ſondern einen Herrm Keln befteytes Athen winkte dem Kuͤnſtler, feinen germodine für die Nachwelt zu bilden; keine Amphiktyonen erwieſen ihm Eyre im Nas men des großen Völkerbundes. Im Stahl der Ruͤſtung, unter den unfoͤrmlichen Wolken der nordiſchen Kleidung ſuchte fein forſchender Blick vergebens den Menſchen; die Helden feines Zeitalters bargen vergebens ihre Bloͤße in dies fen barbariſchen Huͤllen; Griechenkands Her roen waren edler und ſchoͤner in ihre Tugend gekleidet! Selbſt im Heiligthume der Tempel C. doerſtere tl. Schr. zu Th. E 306 Die Kunſt und das Zeitalter. | — a N nn wartete des Künftlers kein belebendes Feuer, das ihn hoͤher als der Griechiſche Anthropo⸗ morphismus entzuͤckte. Im Schoͤnſten und Beſten alles Sichtbaren, in der menſchlichen Form, deren erhabenſte Reitze die Griechiſche Kunſt den Goͤttern verlieh, in idealiſchen Ver⸗ haͤltniſſen, die den Glauben an mehr als mmenheit verſiegelten, ſah in den unentwickelten Gliedern des Saͤug⸗ lings, in der Qual des gefolterten Dulders bleibt die Darſtellung des Goͤttlichen ein un⸗ aufloͤsbares Problem. Doch hinweg mit die⸗ ſen Spielen der Phantaſie, aus dem Ju⸗ gendalter der Menſchheit; hinweg mit jedem kindiſchen Verſuch, den reinen Vernunſtbe⸗ griff in ſinnliche Symbole zu bilden! Seit⸗ dem den Voͤlkern der vier Welttheile die hohe Offenbarung: Gott iſt ein Geiſt! ge⸗ predigt wird, entweihet ein Bild die heilige N W wo man reingeiſtiges Urweſen verehrt. S0 ſtieß die alternde Menſchheit mit ih⸗ rer vernuͤnſtelnden Kälte die neugeborne Kunſt in die Sphaͤre der Dienſtbarkelt hingb. Den⸗ voch ſtreben viele hinan den a Pfad * Die Kunſt und das Zeitalter. 307 zum Küͤnſtlerruhme. Ihnen winkt das Ziel der uͤberwundenen Schwierigkeit. Nur durch das Thor der Wiſſenſchaft duͤrfen ſie heran⸗ nahen zum Tempel der Kunſt. Nach tauſend erlernten Regeln waͤhlen ſie ihren Gegenſtand, ordnen Stellungen und Figuren, charakteri⸗ ſiren die Affekten, und oft gelingt es ihnen, durch treue Nachahmung Natur eine Taͤu⸗ ſchung zu bewirken, die 5 grundgelehrten Kenner einen kalten Lobſpruch abgewinnt. Aber die Palme der Simplieitaͤt errangen die Grie⸗ chen, denen das beneidenswerthe Loos ge⸗ fallen iſt, im Chaos der unverdorbenen Na⸗ tur den Keim der Sittlichkeit zu entwickeln, den Denker zut Abſtraktlon zu geleiten, und die Ahndungen des Bilden, womit er ſich die Naturnothwendigkeit unter dem rohen Bilde algewaltiger, menſchenaͤhnlicher Weſen traͤumte, in die keitzende wohlthaͤtige Hülle der ldealiſchen Schönheit zu kleiden. Die ſchoͤnen Stunden des unbefangette Genuſſes find auf ewig entflohen! Traure, wer ſeiner Jugend nicht froh geworden iſt! Hohnneckend triumphire der finſtre Freuden⸗ ſtoͤrer, der nie empfand! Troͤſte ſich der * 2 | 308 Die Kunſt und das Zeitalter. - Weife, der im wege der Dinge Bon Ziel herannahen ſieht ). 3 Die RR diefes uüchti en Auffaßes wird man vielleicht eher Aas i⸗ gen wenn man erwaͤgt, daß er nur die ers en Anſichten der Manta ber einen Ges enſtand enthaͤlt, deſſen vollſtändige und be⸗ 1155 1 Sıllar Bde Fan Si Ernſt er 6 kennen die Verwi⸗ für kbelt Wi chriftſteller oft un⸗ ml brlich f | | 17 05 . 1 Im Shader . mM. | ART das Ganze der Natur. Einleitung „ Anfangsgruͤnden der Thiergeſchichte. 9080 TEE EAU ET ERTEN 0 Vumersnn Ein Blick 0% in | das Ganze der Natur Einleitung ui zu Anfangsgruͤnden der Thiergeſchichte. Da Wiſſenſchaft und Kunſt noch in der Wiege lagen, und der Trieb des Menſchen, feine phyſiſche Beſtimmung zu erfuͤllen, faſt als lein ſein Forſchen beſeelte: da faßte noch ein einziger Kopf alles menſchliche Wiſſen, da konnte derſelbe Mann zu gleicher Zeit ein Prie⸗ ſter Gottes, ein Koͤnig, ein Hausvater, ein Arzt, ein Ackermann und ein Schaͤfer ſeyn. Drey bis vier Jahrtauſende haben alles veraͤn⸗ dert. Wir find Aufbewahrer der unzähligen Begebenheiten, der Erfahrungen, der Erfin⸗ dungen und der Werke des menſchlichen Gei⸗ ſtes, welche jener große Zeitraum beſchließt. Ungeheuer iſt die Summe dieſer Kenntniſſe; ſie wachſt 15 immer fort, und bleibt in keinem X 4. Ebenmaße mit den engen Schranken dieſes Le⸗ bens. Zwar erwacht zuweilen noch ein vielfaſ⸗ ſender Kopf, der, in mehreren Wiſſenſchaften gleich groß, nicht an ihrer Flaͤche dahinſchwebt, ſondern ihre Tiefen verſucht und ergruͤndet. Allein wie ſelten wird der Welt ein ſolches Goͤt⸗ tergeſchenk? Oft iſt ausgebreitete Gelehrſam⸗ keit biefer Art ein bloßes Gedaͤchtnißwerk, wel⸗ ches die Urtheilss und Anſchauungskraͤfte ent / nervt. Der Heiligenſchein (nimbus) unſerer Polyhiſtoren zerflattert leicht, und laͤßt uns ſo⸗ dann nur lebendige Regiſter oder Wörterbücher zuruͤck. Statt des Verſtandes gilt noch oͤfter Witz, der nicht nach ſtrengen und bewährten Regeln ſchließt, der Reſultate ahnden und ers rathen will, ſich aber uͤbereilt und die Wahrheit öfter verſehlen als treffen kann ). Nur wah⸗ res Genie dringt in das finftre Chaos der Ge⸗ lehrſamkeit, und ſchafft es zur organifchen Ger ſtalt um: es verdguet gleichſam das Ganze, und bereitet aus feiner heterogenen Miſchung geſunden, gleichartigen Lebensſaft. Mit kuͤh⸗ nen aber ſichern Schritten nahet es ſich der Wahrheit, als ſeinem Ruhepunkte, und ver⸗ ſchwendet, um dahin zu gelangen, keine Kraft ) S. Hemsterhuis Lottre sur l' homme etc, p. 9. in das Ganze der Natur. 313 umſonſt: mit eigenthuͤm ichem Scharfſinn vers kettet es Erfahrungen, und ergreift die entfern⸗ teſten Reſultate eines gepruͤſten Saßes, faſt in dem Augenblicke des Anſchauens ja, ian ſchon ſympathetiſch die neue Wahrheit am Ende einer Reihe von Schluͤſſen, ehe noch der Fon 9 5 des alltaͤglichen Denkers ein Glied dieſer Schluß folge berichtigen kann. Allein achtes Genie iſt am litterariſchen Horizonte noch ſel⸗ tener als Kometen und neue Irrſterne an der Buͤhne des Himmels: Jahrhunderte können verfließen, ohne daß ein ſo wohlthaͤtiges Phäͤ⸗ nomen fie der Vergeſſenheit entreißt, und die Nationen mit deen benen eiche be⸗ gluͤckt. „x a | Man zerſtuͤckte alfo die Wiſenſchaft, und glaubte, nun ſey jede Schwierigkeit beſuugt. Es entſtanden Facultaͤten, und in dieſen faſt unzaͤh⸗ lige Unterabtheilungen und Faͤcher. Jeder ein⸗ zelne Theil der menschlichen Kenntniſſe erhielt eigne Beobachter, die auf das ganze Verzicht thun, ſich nur dem Theile widmen ſollten. Da entwic dem ſchoͤnen Koͤrper die ſchoͤnere Seele, und jedes erſtarrte, abgeſchnittene Glied wuchs durch innerliche Gährung zum linholde von eigner Art. Ae 2 die Wish 8 * 7 314 Ein Blick . i nah D - h 0 b ſchaft, die er gewaͤhlt, und ſchien zu vergeſſen, daß ſie nur in Verbindung mit den andern das Gluͤck der Menſchheit befoͤrdert. So er⸗ gögt ſich das Kind noch an den Trümmern ſei⸗ ner kuͤnſtlichen Spielſachen, die es muthwillig zerſchlug. Die Folgen dieſer Sünde blieben nicht aus: ſie hemmte die Aufklaͤrung und den Wachsthum des nuͤtzlichen Wiſſens; fie ers’ ſchwerte die Anwendung neuer Erfindungen zum Beſten des Staats, und ſtreute eine reiche Saat von Vorurtheilen aus. Der unentbehrliche Zweig unſerer Erkennt⸗ niß, auf dem die Erhaltung und Pflege des phyſiſchen Lebens, und großentheils auch die Bildung des Geiſtes und Herzens fuͤr die Zu⸗ kunft, beruhet, die Kenntniß der Natur, entging keinesweges einem aͤhnlichen Schick⸗ fol Allmählich entriß man ihr jede Huͤlfs⸗ wiſſenſchaft, ſchraͤnkte fie auf die aͤußerlichen Geſtalten der Körper ein, und machte fie zu ek nem leeren Gewaͤſch von Namenverzeichniſſen, Kunftwörtern und Syſtemen. Phyſik — die Entwickelung der allgemeinen Geſetze, nach wei chen ſich das Weltall in ungeſtoͤrter Harmonie bewegt, und die Lehre von den lebenden, regen, wirkſamen Kraͤften der Natur; — dann Phys in dag 1 der mur. 418 ſiologie, die — ee — dung und Verrichtungen eines jeden Theile, 5 ik in des organiſchen Koͤr⸗ — Zesgliederungakunſt, der einzige wi Weg „den inneren Bau der Körper, und mit ihm den wundervollen Mechanismus des Ganzen, ſo wie den Sitz und Grund der Krankheiten zu enthuͤllen; — endlich Chymie, das Mittel, dem Grundſtoff eines jeden Dinges nachzuſpaͤhen / und deſſen Anwendung zu ent⸗ decken: — dies find lauten Wiſſenſchaften, die ſo mancher Naturalienmükler zucht kennt, der gleichwohl keck auf den (rwuͤrdigen Namen des Naturforſchers Auſpruch macht. Ihm iſt Naturkunde eine Wiſſenſcho für die Sinne allein. Ihr glänzendes Aeuße ne beftimme ſie in der That zum Spielzeuge der We er und Kinder, und ſolcher Maͤnner, deren Gevacht⸗ niß fuͤr die Namen vieler Schnecdenhärier und Schmetterlinge Raum genng enthält. Ich ei⸗ fere nicht wider den Liebhaber der Matur, der, ohne Kenner zu ſeyn, deunoch an der Ger ſchauung ihrer Produkte Wohlgefallen hat. Mag der Fleiß des arbeitſamen Buͤrgers ſich immer mit ſelbſtgewaͤhltem Genuſſe belohnen, wenn er anſchuldig wie We, it! Mag der Ein Blick Redliche, der alle Kräfte zum Flor des Vater: landes angeſtrengt, in Erholungsſtunden, im haͤuslichen Kreiſe der Seinen, oder beg ſtiller Einſamkeit) immerhin ſo glücklich ſeyn, als der Anblick einer endloſen Mannigfaltigkeit der Geſchoͤpfe, und der dabey erwachende Gedanke an des Schöpfers Allmacht, Weis dit und Liebe ihn machen kann! Veraͤchtlich iſt nur der Prahler, der feine Unwiſſenheit fuͤr baare Ge⸗ lehrſamkeit verkauft, und dadurch die nuͤtz⸗ lichſte Wiſſenſchaft um ihr Anſehen bringe. Daß der fleißigſte Forſcher der Natur alles mit eigenen Augen ſehen , jede Beobachtung wiederholen, und dennoch die Wiſſenſchaft mit eigenem Scharfſinn erweitern, und in Anwen dung auf das phyſiſche und ſittliche Gluͤck der Menſchheit benutzen koͤnne, iſt nach dem Maße ag Kräfte und Lebensjahre nicht zu erwar⸗ Allein die quverläffigen Entdeckungen An⸗ b. zu benutzen, und den ganzen gegenwaͤrti⸗ gen Zuſtand der Wiſſenſchaft lune zu haben, Wahrheit und Thatſache von Irrthum und Betrug zu unterſcheiden, die weſentlichen Grundlehren ganz zu verdauen, und dann den 59 NMatuurkundige Verhaudlingen ve van Zee Gatnper, ett. P. 23 ¼, ; —ͤ ne PPP * A a CTT in das Ganze der Natur. 37 einzelnen: Theil, den Punkt der Wiſpenſchaſt, deſſen Aufklärung uns naͤher liegt, mit ſteter Mückſicht auf jene Grundlage genauer zu ſich⸗ ten und zu kultiviren: dazu iſt das Leben nicht nur, ſondern ſelbſt die Zeit der Bildung, uns ſere Jugend, lang genug. Mit Recht fordert man daher dieſe Vorkenntniſſe von jedem, der ſich um die Unſterblichkeit des Ruhms bewirbt, und etwas mehr als eigene Ergoͤtzung, naͤmlich das Beſte ſeiner Mitbuͤrger, am Herzen su ba, Im vorglebt. „ . Die achte Naturkunde in Ihrem gem Umfange verdient aber billig das Lob der Ge⸗ meinnuͤtzigkeit. Ihre Werke umgeben den Menſchen überall; er ſelbſt iſt das größte ihs rer Wunder; das einzige ſichtbare Geſchoͤpf, dem ein innerer Trieb beſtaͤndig zuruft: ſich ſelbſt zu erkennen, in dieſer Erkenneniß nirgends ſtille zu ſtehen, ſondern die Raͤthſel feines Das ſeyns von einer Auflöſung zur andern zu ver⸗ folgen und zu entwickeln. Dieſer heilige Trieb macht ihm alles wichtig und ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit wuͤrdig. Er kann fich ſelbſt die Wahr⸗ heit nicht verſchwelgen: was auf ihn wirke, ſtehe mit ihm in Verhältniß, habe eine beſtimmte Beziehung auch auf ihn; ohne Prüfung dieſer Ein Blick Berhälenife koͤnne feine, Ertenntnlß nicht voll⸗ kommen ſeyn, und ſeinem Verlangen nach Weisheit und Vollendung kein Genüge ger 1 han \ ‚Die, unterſuchung des Thierreichs — ei⸗ ned Tropfens aus jenem großen Meere ge⸗ ſchoͤpft — iſt zum Geſchäfte dieſer Stunden beſtimmt. Ehe wir aber dieſen Theil heraus⸗ heben, fuͤr ſich betrachten, und ſeinen Inhalt zergliedern, wollen wir ihn zuvor im Zuſam⸗ menhange mit dem ganzen großen Weltenbgu ſehen. Dieſer Blick ins Ganze der Natur, der fuͤr unſer Vorhaben ſeinen vielfältigen Nutzen hat, iſt zugleich Entſchaͤdigung für die Einfoͤr⸗ migkeit, welche bey ſpeciellen Eroͤrterungen ums vermeidlich iſt, wo alles auf kaltbluͤtige Ge⸗ duld, und Anſtrengung der Verſtandeskräfte ankommt, und nichts dem kuͤhnen Schwunge der Phantaſie geſtattet wird. An Buͤffons Hand ſey uns denn heute ein Blick ins Heilig⸗ thum vergoͤnnt! Dann erſt empfinden wir die Wuͤrde unſerer Wiſſenſchaft, wenn der ganze Reichthum der Natur und ihres groͤßern Schoͤpfers ſich unſerm mee Sinne wal ſttiſch abet! he in das Ganze der Natur. 319 Wem fällt hier nicht zuerſt die Frage ein: Was iſt Natur! was iſt dieſe plaſtiſche Bildnerin, die alles veraͤndern, umbilden, auflöfen, entwickeln, erneuern, nur nichts erſchaffen und vernichten kann? Iſt fie, wie Plato und feine fpätern Schüler es ſich dach⸗ ten, ein verſtaͤndiges Weſen, eine Intelligenz, eine Seele der Welt? oder gar unmittelba⸗ res Wirken Gottes, ſeine lebendige Kraft, die a alles umfaßt und belebt, und die Materie um⸗ ſtaltet? — Wie ſchwer dieſe Frage zu entſchei⸗ den ſey, wird derjenige am beſten empfinden, der auch die Frage: was iſt Got r? oft und reiflich erwogen hat, u und dem dieſes Nachden⸗ ken das Bekenntiß bes Syrakuſers ablockt: je mehr er die Tiefen dieſes erhabenſten Weſens zu ergruͤnden verſuche, je unmoͤglicher finde er es, zu ſagen, was es ſey. Wir uͤberlaſſen ſpeeulativen Koͤpfen, geübten Metaphyſikern beyde Aufgaben zur Entſcheidung, und, falls ſie dieſelbe nicht loͤſen koͤnnten, zur Uebung ih⸗ rer Urtheils⸗ und Einbildungskraft. Uns genügt nichts Geringeres als Wahrheit, und dieſe bietet uns die Betrachtung der Schoͤp⸗ fung in uͤberſchwenglichem Maße dar. Je weniger wir im Stande ſind, eine einzige 320 . Ein Bue Kraft 10 der Natur ganz zu begreifen, um f viel mehr finden wir zur ehrfurchtsnolleften.. Anbetung, zur feurigſten Dankbarkeit, zur kindlichſten Gegenliebe, die dringendſte Veran⸗ laſſung. Die Natur, es ſey als Wirkung oder wirkende Kraft, bleibt. allezeit dle erſte unmittelbare Offenbarung Gottes an einem je den unter uns. „„Sie iſt ein offenes Buch,“ ſagt der beredte Buͤffon, „in welchem mir leſen, als in einem Exemplare oder Abdruck der Gott⸗ heit. % Was wiſſen wir anders von unſerm unſichtbaren 9 unerforſchlichen Urheber, als was uns die laute Stimme dieſer Offenbarung durch ſo unendlich viele bewunderswerthe Krafte verkuͤndigt? Eben das Unbegretfliche, nicht bloß im Kreislaufe der Geſtirne 5 ſondern in der Entwickelung eines jeden Dinges aus feinem unſichtbaren Keime; das Urferfehöpfliche ſo vieler Millionen Zeugungen, die ſtets dem Urbilde aͤhnlich ſind; kurz, diefes beſtaͤndige, | jedoch faſt unerkannte Wunder, das nun ſeit einigen Jahrtauſenden währt und immer wie der vor unſern Augen ſich erneuert, — iſt Vorbereitung unſeres Geiſtes zu Wundern an⸗ derer Art, zum Glauben an jene nachfolgenden Offenbarungen, welche das Heil det Menſchen ge⸗ in das Dane 2 322 gefätshtes alien. Pils 50 die Sof gen der Vorwelt erfüllten. . Wohin wir uns wenden, ſehen EN überall nur Wirkung in der Welt; den Wirker ſelbſt erblicken wir nie. Die thaͤtige, lebendige Kraft, die alles in der uns bekannten Schöpfung | wirkt, iſt geiſtig und unſichtbar. Eine er⸗ ſtaunlich große koͤrperliche Maſſe iſt der Steff, deu de bearbeitet, und den ſie, anſtatt ihn zu ierſchoͤpfen, unerſchoͤpflich macht. Zeit, Raum und dieſe Materie ſind ihre Mittel, das Wel⸗ tall ihr Schauplatz, ene und Leben ihre Endzwecke. Alle Erſcheinungen 10 der Kbrperwelt find Wirkungen dieſer Kraft. Alle Kräfte und Trlebſedern in dieſer Welt entſtammen von ihr, und fuͤhren wieder auf ſie zuruͤck. Vi lelleicht Ä ſind Anziehen, Fortſtoßen, Wärme und For⸗ men der Koͤrper uͤberall nur Modiſicationen jener allgemeinen „urſpruͤnglichen Kraft, wo⸗ durch fie. alles durchdringt und alles erfuͤllt. Koͤnnte fie vernichten und ſchaffen, alles würde fie: vermögen; allein Gott bat ſich dieſſr beyden Endpunkte der M acht nicht entaͤußert. ' ‚Krfchaffen und Vernichten find. Eigenſchaf⸗ ten der Allmacht. Das Erſchaffene umgeſtab G. Forſtero tl. Schr. 3 Th. 9 Ein Blick ken, aufloͤſen und wieder einkleiden: fo weit gehen die Veränderungen, denen es untetwor⸗ ſen iſt. Die Natur, als eine Dienerin der unwliderruflichen Befehle Gottes, und als Be; wahrerin feiner. unwandelbaren Nathſchluͤſſe, entfernt ſich nie aus dieſen Graͤnzen, aͤndert nichts an den ihr vorgezeichneten Entwuͤrfen, und trägt das Siegel des Hoͤchſten allen ihren Werken aufgedruͤckt. Dieſes goͤttliche Ge⸗ praͤge, das unwandelbare Urbild von dem was iſt, iſt das Muſter, nach welchem die Na⸗ tur arbeitet, deſſen Züge alle mit unausloͤſchli⸗ chen Merkmahlen ein fuͤr allemal ausgedruͤckt find: ein Muſter, welches durch die unzaͤhli⸗ den Nachbildungen beſtaͤndig ernouert wird. Wir wollen verſuchen, die Natur in einigen Punkten jenes unbeſtimmten. Raumes, wo fie bloß zwiſchen Erſchaffen und Vernichten ſchon ſeit Jahrtauſenden ſchwebt, du een und zu betrachten. a Wetche Gegenſtaͤnde! Welche Zurüſten ngen den lebloſen Stoff zu beſeelen, und in ſeine kleinſten Theile Lebenskraft zu legen! Millio⸗ nen leuchtender Kugeln in unbegreiflichen Ent: fernungen, als Grundfeſten des Weltgebaͤudes z hingeſtellt, die Sonne mit ihrem Heere von S e 2 mın . mn ao in das Ganze der Natur. 323 Irrſternen und Kometen, gehorchen allzumal den allgemeinen Geſetzen der Bewegung. Zwey Urkrafte find es, welche dieſe großen Maſſen fortwaͤlzen, und nie aufhören zu wirken, ſon⸗ dern mit einer Genauigkeit und Beſtimmtheit, die wir uns kaum denken koͤnnen, ihre Bahnen unabaͤnderlich im leichten Aether beſchreiben. So entſpringt ſeloſt aus der Bewegung das Gleichgewicht der Himmels koͤrper, die Sicher⸗ heit und Ruhe des Weltalls. Die Anziehungs⸗ kraft, die erſte dieſer beyden Kraͤfte, iſt uͤberall gleichfſ mig vertheilt; die andere, die fortſto⸗ ßende Kraft, in ungleſchem Maaße. Auch giebt es Firſterne, und Planeten; Sphaͤren die bloß zum Anziehen, und wieder andere, die nur gemacht zu ſeyn ſcheinen fortjuftoßen, oder fortgeſtoßen zu werden; Weltkoͤrper, die zu gleicher Zeit einen gemeinſchaftlichen, und andre, die einen beſonderen Schwung erhalten zu haben ſcheinen; einſame Geſtirne, und fols che die mit Trabanten begleitet ſind; Lichtkoͤr⸗ per und finſtre Korper; Planeten, die in ihren verſchiedenen Theilen nur nach und nach er⸗ borgtes Licht genießen; Kometen, welche ſich in die dunkeln Tiefen des Raums verlieren und nach Jahrhunderten zuruͤckkehren, um ſich . | — ea — Fa Tu aueh ee re er - c — > En Ri on je mit 0 wir zu ſchmuͤcken; Sonnen, die zum Vorſchein kommen and verſchwinden, viel⸗ leicht wechſelsweiſe ſich entflammen und ver⸗ loͤſchen; andere, die ſich nur einmal zeigen, und hernach auf immer unſichtbar werden. Der Himmel iſt der Schauplatz großer Begeben⸗ heiten, die aber dem menſchlichen Auge kaum bemerkbar find. Eine verloͤſchende Sonne, die den Umſturz einer Welt oder Lines Welt ſyſtems verurſacht, thut auf unſere Augen keine andere Wirkung, als ein glaͤnzendes und bald verſchwundenes Irrlicht. Der Menſch klebt an dem irdiſchen Atom, auf dem er pflan⸗ zenähnlich leht, und ſieht ihn for eine Welt an, da hingegen er Welten als Atome betrachtet. Lambert, der große Lambert, wagte den Gedanken, daß ſich jene ungeheure Menge von Firfternen, und unſere Sonne mit ihnen, vielleicht alle mit einer Geſchwindigkeit, die ſich unſern Gedanken entzieht, um einen gemein⸗ ſchaftlichen Mittelpunkt wälzen; er ging noch welter, und hielt es für moglich, daß die Milchſtraße, welche durch gute Fernrohre als ein unermeßliches Sternenheer erſcheint, ein anderes dem unſrigen ähnliches Syſtem von Firſternen ſeyn, und daß jene entfernten Wolz * * . | { { ws. t in das Ganze der Natur. 325 chen von Sternen, welche man am Himmel noch außerdem erblickt, noch mehrere große Syſteme dieſer Art bilden koͤnnten, denen dieſelbe Kraft Bewegung und Geſetze gäbes Die Gruͤnde, auf welchen dieſe Muthmaßung beruhet, gehoͤren nicht hierher; genug fuͤr uns, daß der menſchliche Verſtand Kraft ger habt hat, ſie zu faſſen. Wir kehren in den kleineren Raum zuruͤck, worin die Sonne als Regent erſcheint, und ſieben, oder, wie man jetzt will, acht Planeten, nebſt ihren Traban⸗ ten und einigen hundert Kometen, in leid gewicht erhält. 0 Welch ein bewundernswuͤrdiger Korper m diefe Sonne! Welch elne unerſchöoͤpfliche, ſtets von ſich ſtromende, und gleichwohl nie verrin⸗ gerte Quelle des Lichtes? Und dieſes Licht, dieſes ſubtilſte Weſen, das wir nur an ſeiner Wirkung erkennen, das alles durchdringt, und uͤberall Bewegung und Leben ſchafft: was iſt es für eine uns unbekannte Subſtanz? Iſt es vielleicht eins und daſſelbe mit jener Anzie⸗ hungskraſt, der Urkraft des Weltalls? Wie unerklärbar iſt dieſes Beſtreben fo vieler großet dunkler Körper, fih der Quelle des Lichtes zu nähern) ſobann jener heftige Schwung, der Y 3 3 — * — —— — . —— 326 Eein Blick ſie ſtets aus eben dieſem Mittelpunkte ent⸗ fernt, und jene, aus beyden gegen einander wirkenden Kräften entſtandene, ſchnelle kreis; ahnliche Bewegung! Wie auffallend, und wichtig iſt es nicht, daß eben dieſes Phaͤno⸗ men ſich auf jeder dieſer Himmelskugeln, wel⸗ che ſich um die Sonne drehen, im Kleinen wieder darſtellt! Hier finden wir Ebenfalls eine anziehende Kraft gegen den Mittelpunkt zu,, welche alle Theile der Kugel feſt an ſich reißt, und eine ſchwingende aus dieſem Mit⸗ telpunkte hervor gehende Centriſugalkraft, wo⸗ durch die Kugel ſich um ihre Achſe bewegt, und ein Beſtkeden zeigt, alle hre Theile aus ein⸗ ander zu ſprengen, dem die Centripetalkraft der Schwere oder Anziehung des Gleichge⸗ wicht halt Die Sonne ſelbſt ſchwingt ſich in fünf und zwanzig Tagen um ihre Achſe, und vielleicht iſt die Bewegung der Planeten zin ih⸗ den Lauſbahnen nur eine Fortſetzung jener Sonnenſchwingungen. NER In einem Syſteme, wo) alles wechfelfeitig guet, und angezogen wird, kann nichts verloren gehen; die Menge des vorhandenen Stoffes bleibt immer dieſelbe, und folglich er⸗ licht auch nie die wohlthaͤtige Quelle des Fichte. 3 i 7 in das en der Natur. 327 een gehen aberall t in e Stoff Ver⸗ aͤnderungen vor, welche zwar, wie es ſcheint, auf das Ganze keinen merklichen Einfluß haben, aber gleichwohl anſehnlich genug ſind, die Oberflächen der Weltkugeln auf eine ſehr ſichtbare Art umzugeſtalten. Die Anzie⸗ hungskraft des Lichtkörpers verurſacht eine Veränderung, eine Aufloͤſung in dem ange⸗ zogenen dunklen Koͤrper, welche ſtaͤrker, auf⸗ fallender, ſichtbarer, in dem Verhaͤltniſſe wird, in welchem beyde Körper ſich einander naͤhern. Dieſe Aufloͤſung nennen wir Waͤrme; in ſtaͤr⸗ kern Graden Sitze, und im heftigſten, wo fie ſichtbar iſt, Feuer. Dieſe Veränderungen wuͤrden aber nicht Statt finden, wofern die Bahnen der Planeten immer in gleicher Ent⸗ fernung von ihrem Mittelpunkte, nämlich; der Sonne, blieben. Allein dieſe Bahnen bilden nicht voͤllige Kreiſe, ſondern laͤngliche Figuren oder Ellipſen. Ueberdies ſteht die Achſe eines Planeten nicht ſenkrecht; auf ſeiner Bahn, ſon⸗ dern ihre ſchiefe Richtung verurſacht, daß bald. die eine, bald die andere Halbkugel der, Sonne näher iſt, Es kann demnach, ſo oft der Pla⸗ net auf ſeiner Bahn der Sonne näher kommt, jene Aufltſung Statt finden, welche die gröͤt Y 4 3 1 S — 7 — ————— — —.̃ . —————j5 — er Ein Vllck ßere Wärme des Frühlings und Sommers verurſacht: So oft das Sonnenlicht mit vers mehrter Kraft in die Körper dringt, ſo oft er» neuert es das Leben ihrer eigenthůͤmlichen Kräfte Nicht nur die Schwungkraft des Planten ſelbſt wird ſtärker ; er bewegt ſich ſchneller als ſonſt in der ihm vorgeſchriebenen Bahn; ſondern auch die unendlich vielen Theile, aus welchen er beſteht, erhalten neue Kraft, und gewinnen andre Geſtalten“ Denn elne unermeßliche Menge von Geſchoͤpfen ver⸗ ſchledener Art, bilden das Ganze eines großen Erdkorpers- Mehr oder weniger Wirkſam⸗ keit ihrer Anztehungs⸗ und Stoßkraͤfte brin⸗ gen wahrſcheinlich das Phaͤndmen ihrer gro⸗ ßen Munnigfaͤltigkeit hervor. Die Graͤnzen, wo das Mineralreich aufhört, und die orga⸗ niſche Bildungskraft den Anfang nimmt, die Gränzen wo bloße Pflanzenempfindlichkeit, und thieriſches Wollen ſich ſcheiden, ſind un⸗ ſern Sinnen und Verſtandeskräften ſchwer⸗ lich offenbar. So viel ſcheint indeſſen gewiß, daß, wo die Anziehungskräfte der Koͤrper nicht oganiſche Geſtalten bilden, daß da alles ins Mineralreich gehort; daß Organiſatlon und Le⸗ dene zwar Pläne un 9 willkuͤhrliche t in das Ganze der Natur. 329 Bewegung der Theile aber den letztern aus⸗ ſchließlich eigen ſey. Der Chymiker, der fie zerlegt, findet uͤberall nur ahnliche Grund⸗ ſtoſſe, uberall nur Licht und Luft und Waſſer und Erde, woraus alle Koͤrper beſtehen. Wie die unzaͤhlig verſchiedenen Miſchungen aus dies fen Elementen alle entſtanden find; begreift er anders nicht, als indem er eine, jeder Art von Geſchoͤpfen eigenthuͤmliche, weſentliche Kraft an⸗ nimmt, welche ſich dis Elemente aneignet, und nach ihrer jedesmaligen Beſchaffenheit bildet. Dies iſt derjenige Bildungstrieb, den Blumen, bach beſchreibt. Auch dieſe weſentliche Kraft, die fer jedem Geſchoͤpfe eingepflanzte, und in jedem ganz verſchiedene Bildungstrieb, erwacht gleich ⸗ ſam bey der Ruͤckkehr des Sonnenlichtes. Wie praͤchtig glänzt nicht alsdann die Nan tur auf unſerer Erde! Ein reines Licht ergießt ſich vom Morgen bis gen Abend, und vergol⸗ det nach und nach beyde Halbkugeln; ein durch⸗ ſichtiges und leichtes Element umgiebt ſie; eine fanfte, fruchtbare Waͤrme belebt und entwickelt alle Keime des Lebens. Friſches Waſſer dient zu ihrem Unterhalt und Wachsthum. Mitten durch die Lander gezogene Gebirgsketten hal: ten die Duͤnſte der Luft auf, und verſehen jene 97 * 390 ⁵Ü Ein Blick RE, £: = — r VE nn me, 7 nie verſiegenden, immer neuen Quellen; ner: meßliche Hoͤhlungen zu ihrer Aufnahme. bevel⸗ tet, theilen das feſte Land. Das Meer erſtreckt ſich eben ſo weit als das Land; es iſt kein todtes, unfruchtbares Element; ein neues Reich iſt es, eben fo ergiebig und volkreich als jenes. Bey⸗ der Graͤnzen hat Gottes Finger geſteckt; tritt das Meer über feine weſtlichen Geſtade, ſo wer⸗ den die oͤſtlichen Kuͤſten entbloͤßt. Zwar iſt die⸗ fer ungeheure Zuſammenfluß der Waſſer an ſich unthaͤtig; allein er folgt den Eindruͤcken, wel⸗ che die Bewegung der Himmelskoͤrper ihm er⸗ theilt, und regelmaͤßig abwechſelnde Ebbe und Fluth erhalten ihn im leichgewicht. Er ſteigt und allt mit dem Monde; noch mehr erhebt er ſich, wenn Mond und Sonne zuſammentreffen und zur Zeit der Tag⸗ und Nacht⸗Gleichen ihre Kräfte vereinigen. Wie auffallend, wie deut lich iſt nicht dieſes Zeugniß unſerer Gemeinſchaft mit. dem uͤbrigen Sonnenſyſtem. Aus dieſen allgemeinen und beftändigerm Bewegungen ent; ſpringen wieder andere, welche veraͤnderlich und eingeſchraänkter ſind. Verſetzungen des Erd⸗ reiches, Erhoͤhungen im Grunde des Meeres, die denen auf der Erdflaͤche ähnlich ſind; Stroͤ⸗ mungen, welche jenen Anhoͤhen folgen, ſie noch in das Ganze der Natur. 331 mehr vertiefen, und im e das, was 1 dem Lande die Fluͤſſe, ſind. | Ii Die : Luft, welche noch leichter und ffiger als das Waſſer if; gehorcht einer groͤßern An, zahlwoan Kräften. Der entfernte Einfluß der Sonne und des Mendes, die Uniwittelbare Wirkung des Meeres, verurſachen in ihr be⸗ ſtaͤndige Bewegungen; aufgeloͤſet und verdunnt wird ſie durch die Wärme, und verdickt durch die Abweſenheit der Lichtkvaft. Die Winde find ihre Stroͤme: fie treihen die Wolken zuſam⸗ men; fie, bringen die Lufterſcheinungen zuwege, und führen: die aus dem Meer aufſteigenden feuchten Duͤnſte über die trockne Oberfläche der Lander; fie beſtimmen das Ungewitter / ſie ver⸗ breiten fruchtbare Regenguͤſſe und wohlchätigen - Thau; ſie verwirren die Bewegung des Meeres und erſchuͤttern feine bewegliche Flaͤche; ſie hem men und beſchleunigen wechſelsweiſe den Lauf der Ströme, und zwingen fig, eine ungewohnte Richtung. zu nehmen; ſie thuͤrmen die Wellen himmelan, die ſich mit fuͤrchterlichem Getoͤſe an jenen unerſchuͤtterlichen Felſendämmen bre⸗ chen, ohne ſie je zu uͤberwaͤltigen. “m; Die Erdoberflache iſt vermoͤge ihrer höher N Loge vor den Ausbrüchen des Meeres geſichert. 1 33 Ein Be PPT Ihre Oberfläche iſt mit Blumen beſtreuet, mit: einem ſich ſtets verjuͤngenden Gruͤn geſchmuͤckt, mit vielen tauſend Thierarten bevoͤlkert; ſte iſt ein ſchoͤner freudiger Aufenthalt, wo der Menſch⸗ hingeſtellt um der Natur zu Huͤlfe zu kommen, vor allen Weſen den Vorrang hat. Gott machte ihn allein faͤhig, ein Beſchauer ſeiner Werke, ein Zeuge ſeiner Wunder zu ſeyn. Der göttliche Funke, der in ihm lebt / macht ihn die⸗ fer Geheimniſſe theilhaftig. Indem der Menſch die Natur, den Vorhof des Thrones goͤttlicher Herrlichkeit, betrachtet und ermißt, erhebt er ſich ſtuſenweiſe zum inwendigen Sitze der a er und Allgegenwart. Doch iſt hienieden keine Geſtalt/ fo en als der Menſch ſelbſt, beſtaͤndig. Unſterblich keit wäh die Natur keinem zuſammengeſetzten, zerbrechlichen Körper. Der Stoff, aus weh chem ſie beſtehen, iſt in beſtaͤndiger Bewegung. So iſt zum Beyſpiel in allen organiſirten Ge⸗ ſchoͤpfen das Wirken ihrer ihnen eingepflanzten Grundkraft, wodurch immer einige Theile «bs geſondert, neue dem Koͤrper angeeignet werden, zugleich die erſte Urſache ihrer endlichen Aufloͤ⸗ ſung. Allein unaufhoͤrlich vererben dieſe Grund⸗ kraͤfte ihre Wirkſamkelt auf neue Keime, welche K KX ne „/ in das Ganze der Natur. 933 das altere Geſchlecht uͤberall erſetzen, und den ganzen Schmuck der Erde erneuern. Wie groß und praͤchtig iſt nicht das Schauſpiel dieſes im merwährenden Cirkels ! Schoͤnheit und Volk kommenheit des Ganzen ſind dabey der allge⸗ meine Endzweck der Natur. Umſonſt widerſetzt ſich die Zerbrechlichkeit der Geſchoͤpfe dieſer wein ſen Einrichtung. Die Natur erhält ſie nicht: aber fie ruft unzaͤhlige neue Geſtalten an ihrer Stelle ins Daſeyn. Die Erde muß ſich mit neuen Kräften ſchmuͤcken, die veralternden, ent⸗ kraͤfteten Koͤrper muͤſſen vollends verſchwinden, und Ueberſluß und Schönheit herrſchen wieder wie zuvor. Wen ergoͤtzt nicht dieſer Sieg der Natur in der blumenreichen Jahreszelt? Sie ſpottet alsdann des Todes, indem ſie ihm von ihren Schägen freygebig einen großen Antheil uͤberlaͤßt. Millionen und aber Millionen neuer Bluͤthen und Keime mag er immerhin verſchlin gen; es bleiben noch mehr als genug / um jeden Verluſt zu erſetzen und n neues Labem zu verbreiten. | | Ä Leben und Empfindung — fie find es „ die großen Zwecke der Natur, womit fie überall der fchäftigt des Schoͤpfers Willen verrichtet, und ſeine Gute verherrlicht. In der ganzen Anlage 334 Ein Buck — . ᷑ — — dieſer Welt, die wir zwar mit Ehrfurcht be⸗ ſchauen, wovon aber kein endlicher Geiſt das Warum)? begreifen kann — in der ganzen Anlage dieſer Welt iſt alles auf Beweglichkeit, Veränderlichkeit, nicht auf Dauer und Unzer⸗ ſtoͤrbarkeit, eingerichtet. Auf der Erde, in der Luft, im Waſſer, uͤberall giebt es lebendige Kei⸗ me, welche ſich die ſichtbare Materie aneignen, ſie in ihr eignes Weſen verkehren, ſich in neue Keime von gleicher Art fortpflanzen oder ab⸗ zweigen, und den andern zur Nahrung dienen. Eben die Materie erſcheint immerfort unter einer andern Geſtalt. Das Thier, von Pflan⸗ zen genährt, die es in feine eigne Subſtanz vers wandelte, ſtirbt hin, wird aufgeloͤſt, und ſein Stoff wird wieder begierig von Pflanzenwur⸗ zeln eingeſogen; eben dieſelben Grundſtoffe find mineraliſch im Steine, vegetabiliſch in der Pflanze, animaliſch im Thiere. Die Anzahl dieſer plaſtiſchen Kräfte: iſt der Menge des Grundſtoffes angemeſſen: veraͤnderlich zwar in jeder Gattung, im Ganzen genommen aber im⸗ mer dieſelbe. Durch dieſes ſich immer gleiche Verhaͤltniß bekommt die Natur ſelbſt ihre Ges ſtalt; und da ihre Anordnung, was die Anzahl, Erhaltung und das Gleichgewicht der Gattun⸗ in das Ganze der Natur. 335 gen betrifft, unwandelbar iſt, ſo wuͤrde fie ſich immer unter einerley Geſtalt zeigen, ſie wuͤrde zu allen Zeiten, und unter allen Himmelsſtri⸗ chen, durchaus und auch beziehungsweiſe die⸗ ſelhe ſeyn, wenn fie nicht in allen einzelnen Bildungen fo viel als moglich Veränderung und Abwechſelung liebte. Das Gepraͤge einer je⸗ den Gattung iſt ein Urbild, deſſen vornehmſte Züge mit unausloͤſchlichen und ewig bleiben⸗ den Merkmahlen eingegraben ſind; aber alle hinzugekommenen Pinſelſtriche find verſchieden. Kein Individuum gleicht dem andern vollkom⸗ men; es iſt keine einzige Gattung ohne eine ziemliche Anzahl von Abänderungen. Der Menſchengattung ward das Siegel der Gott⸗ heit am ſichtbarſten aufgedruͤckt; gleichwohl aͤndert ſich dieſes Gepraͤge vom Weißen ins Schwarze, vom Kleinen ins Große, ꝛce. Der Lapplaͤnder, der Patagonier, der Hottentot, der Europaͤer, der Amerikaner, der Neger, ſtammen zwar alle von Einem Vater her, ſind aber doch weit entfernt ſich als Bruͤder zu glei⸗ chen. Alle Gattungen ſind demnach dergleichen bloß individuellen Verſchiedenheiten unterwor⸗ fens aber die beſtaͤndigen Abweichungen, die ſich durch die Zeugungen fortpflanzen, kommer — — —— ͤſ; — —— 3 N 8 ER — 336 Eein Blick nicht allen Gattungen in gleichem Grade zu. Je hoͤher die Gattung iſt, deſto weniger Ver⸗ ſchiedenhelten wird man darin gewahr. Da die Ordnung in der Vermehrung der Thiere ein umgekehrtes Verhaͤltniß zur Ordnung in Ahrer Größe hat, und die Möglichkeit der Vers ſchiedenheiten ſich gerade ſo verhält wie die Anzahl der Zeugungen, ſo mußten nothwendig mehr Abweichungen dey den kleinen als bey den großen Thieren ſeyn Aus eben der Ur⸗ ſache giebt es auch bey d. kleinen Thieren mehr unter einander nahe verwandte Gattun⸗ gen. Der Abſtand, der die großen Thiere von einander trennt, iſt weit großer. Wie viele Mannigfaltigkeiten und verwandte Gattungen haben nicht das Eichhorn, die Rabe, und die andern kleinen Thiere zur Begleitung, als Ge⸗ folge oder Vortrab; indeß der Elephant allein, ‚und ohne feines, ee an m ene von ‚allen einhertritt. 22 Ein Indtuldunm, Re wache ae es auch gehoͤren mag, iſt in dem Weltalle gleich⸗ ſam für nichts zu rechnen. Hundert ſolche einzelne Geſchoͤpfe, ja tauſend, find noch nichts. Die Gattungen ſelbſt (collective), u bie einigen Weſen der Natur: immerwaͤh⸗ rende, A A „ Ba m a S I — di — der 222 2 2 2228 2 in das Ganze der Natur. 337 F TTT rende, der Natur an Alter und an Dauer gleiche Kräfte, Am fie richtiger zu beurtheilen, muͤſſen wir eine jede Gattung nicht mehr als eine Sammlung oder auf elnander folgende Reihe einzelner ahnlicher Dinge, ſondern als ein Ganzes, unabhangig von Zahl und Zeit, immer lebend, nimmer daſſelbe, betrachten: ein Ganzes, das unter den Schoͤpfungswerken fuͤr Eins gezaͤhlt worden iſt, und alſo auch in der Natur nicht fuͤr mehr gelten kann. Die Men⸗ ſchengattung iſt die erſte von allen dieſen Ein⸗ heiten; die andern, vom Elephanten bis zur Milbe, von der Ceder bis an den Yſop, find in der zweyten und dritten Linie: und wiewohl jede verſchieden geſtaltet und von verſchiedener Beſchaffenheit iſt, ja ſelbſt eine eigne Lebens⸗ art hat, ſo nimmt ſie doch ihren Platz ein, be⸗ ſteht für ſich, wehrt ſich gegen andre, und macht zuſammen mit den andern die lebende Natur aus, die ſich erhalt, und wie bisher noch fer; ner erhalten wird, ſo lange die gegenwaͤrtige Einrichtung der Welt den Abſichten des Schoͤp⸗ fers gemäß iſt. Ein Tag, ein Jahrhundert, ein Menſchenalter, alle Zeitabſchnitte machen keinen Theil von ihrer Dauer aus. Die Zeit ſelbſt hat nut ein Verhaͤltniß zu den einzelnen G. Forſters kl. Schr. zr Th. 3 Ein Blick Geſchoͤpfen, das iſt, zu ſolchen Weſen, deren Daſeyn vorüber gehend iſt. Das Daſeyn der Gattungen aber waͤhrt ununterbrochen ſort; folglich macht dies ihre Dauer, und ihre Ver; ſchiedenheit ihre Anzahl aus. Jede Gattung hat ein gleiches Recht an den Guͤtern der Na⸗ tur; alle find ihr gleich lieb: denn eine jede erhielt die Mittel von ihr, ſo lange als 0 ee zu ſeyn und fortzudauern. | Wit wollen nun einmal die Gattung an die Stelle des Individuums ſetzen, uns den ganzen Schauplatz der Natur, und zugleich den uͤberſchauenden Blick eines Weſens denken, das die ganze Menſchengattung vorſtellte. — Wenn wir an einem ſchoͤnen Fruhlingsrage alles gruͤnen ſehen; ſehen ‚wie Blumen ſich uͤffnen, alle Keime hervorbrechen, wie die: Bienen wie⸗ der aufleben, und die Schwalbe wiederkehrt; . wenn die liebefloͤtende Nachtigall ſich hoͤren laͤßt; wenn Liebe in den Spruͤngen des Wid⸗ ders, und in der Stimme des Stiers ſich Aus ßert; wenn alles was lebt, ſich ſu ot und paart, um neue Weſen hervorzubringen: — ſo herrſcht in dieſer ganzen Scene die Vorſtel⸗ lung einer neuen Belebung, Hervorbringung und Entſtehung. Sehen wir Dante in der * in das We der Natur. finfern Yahıspeit, wenn Frost und Reif die Oberhand gewinneſ daß die Geſchlechter gleichgültig werden, einander fliehen, anſtatt f ſich wie vorher zu ſuchen z daß die Luftbemohner 1 unſer Klima verlaſſen, dle Waſſerthiere unter 1 Gewoͤlben von Eis ihre Freyhelt verlieren; daß alle Inſekten entweder verſchwinden oder um; kommen; daß die meiſten Fhiere träge. und ſchlaͤf⸗ rig werden, und ſich Löcher graben, wohin ſi fie, ‚ihre Zuflucht nehmen; daß die Erde ſich verhärtet, die Pflanzen verdorren, die entlaubten Bäume, h ſich unter der Laſt des Schnee kruͤmmen und „ nieberfenfen; fo dringt ſich uns überalf der Be, — griff. von Entkraͤftung und Vernichtung auf, 5 Allein diese Ideen von Zerſtaͤrung und Erneue⸗ N, rung, oder vielmehr die e Bilder von Tod und e⸗ Leben, 1: ‚fie mögen unt had ſo groß und allge⸗ t; mein vorkommen, find doch nur individuell und n einzeln. Der Menſch ſt jg ſelbſt ein Indivi⸗ d⸗ duum, und ſo beurtheilt er auch die Natur; da u⸗ hingegen das Weſen, welches nach unſerer obi⸗ nd gen Vorausſetzung die Stelle der ganzen Gat⸗ * tung vertraͤte, ein allgemeineres und vollſtaͤn⸗ 1 el⸗ digeres Urtheil fällen wurde, Es ſieht in die ⸗ 1 1g fer Zerſtoͤrung, fo wie in der Erneuerung — in 7 er allen biefen Abwechſelungen und a ſieht es 5 2. 340 Ein Blick nichts als Bleiben und Daher! Die eine Johrs⸗ | zelt iſt fur ein ſolches Weſen mit der im vor⸗ hergehenden Jahre Kinerley; einerley mit den | Jahrszelten aller Jahrhunderte. In feinen Au⸗ gen ſind das tauſendſte Thier in der Reihe der Geſchlechter, und das erſte, eins und daſſelbe Thler. In der That aüch; wenn wie immer fo wie jetzt fortlebten, und dazu alle Weſen um uns her, fo wie fie jetzt ſind, beftändig blieben; wenn alles beftändig fo wäre wie heute! fo wuͤr⸗ de der Begriff, den wit uns von der Zeit ma⸗ chen, verſchwinden, und das Individuum zur Gattung werden. Warum ſollten wir uns das Vergulgen nicht goͤnnen, die Natur einige Aus genblicke aus dieſem neuen Geſichtspunkte zu betrachten? Wahtlich/ der Menſch , wenn er in die Welt tritt, kommt aus der Finſternis Seine Seele ift ſo nackt wie ſein Korper; er wird ohne Kenntniß, fo wle ohne Schutzwehr geboren; bringt nur leidende Eigenſchaften zur Welt; kann bloß die Eindruͤcke der äußerlichen Gegenſtaͤnde empfängen, und feine Sinnes⸗ werkzeuge ruͤhren laſſen. Das Licht ſchimmert lange vor ſeinen Augen, ehe er davon erleuch⸗ tet wird. Im Anfange empfaͤngt er alles von der Natur, und glebt ihr nichts zuruͤck; ſob ald — A e N n 22 . ei NN cr * — in das Ganze der Natur. 241 PPP aber ſeine Sinne mehr Feſtigkeit erlangt haben, ſobald er ſeine Gefuͤhle mit einander vergleichen kann: ſo gehet er mit ſeinen Betrachtungen in die weite Welt; er macht ſich Begriffe, er be⸗ hält fie, erweitert und verbindet fie mit einan⸗ der. Der Menſch, und beſonders der unter⸗ tichtete Menſch, iſt kein bloßes Individuun mehr; er iſt, einem großen Theile nach, der Nepräfentant der ganzen Menſchengattung. Anfänglich theilten ihm feine Eltern die ihnen von ihren Voreltern uͤberlieferten Kenntniſſe mit. Dieſe hatten die goͤttliche Kunſt erfunden, Gedanken zu zeichnen, und ſie auf die Nachwelt zu bringen; dadurch ſind ſie gleichſam in ihren Enkeln wieder aufgelebt, und unſere Enkel wer: den einſt auf eben dieſe Art mit uns ſich ver⸗ einbaren. Dieſe in einem einzigen Menſchen vereinigte Erfahrung mehrerer Jahrhunderte, erweitert die Schranken ſeines Weſens unend⸗ lich. Nun iſt er kein bloßes Individuum niehr, nicht mehr gleich den uͤbrigen, auf die Gefuͤhle des gegenwärtigen Augenblicks, noch auf die Erfahrungen eines von ihm ſelbſt durchlebten Tages eingeſchraͤnkt; er it beynahe jenes We⸗ fen, welches wir uns vorhin an die Stelle der ganzen Gattung dachten. Er lieſt im Vergan⸗ 33 T BEE be ea Se — —̃ xx — genen, ſieht das Gegenwaͤrtige, urtheilt über das Zukuͤnftige; und in dem Strome der Zei⸗ ten, der alle einzelne Dinge in der Welt her⸗ beyfuͤhrt, fortzieht und verſchlingt, ſieht er die Gattungen beſtaͤndig, und die Natur unwan⸗ delbar. Da das Verhaͤltniß der Dinge immer daſſelbe bleibt, fo uͤberſieht er alle Zeitordnung: dle Geſetze, nach welchen die Dinge ſich er⸗ neuern, ſind in ſeinen Augen bloß ein Erſatz für dasjenige, was den Geſetzen ihrer Fortdauer fehlt; und eine ſtete Folge von Weſen, die alle einander gleich ſind, gilt in der That gerade ſo viel, als das immerwaͤhrende Daſeyn eines ein⸗ zigen von dieſen Weſen. Was bedeutet aber dieſes große Oiptögge immer wiederholter Zeugungen, dieſer faſt ver: ſchwenderiſche Aufwand, wenn gegen tauſend Keime, die verungluͤcken, kaum Einer fortkommt und ſeine ganze Beſtimmung erfuͤllt? Wozu dieſe Fortpflanzung und Vervielfaͤltigung der Weſen, die ſich doch unnufhörlich zerſtoͤren und wieder erneuern, die immer nur einerley Schauſpiel machen, und die Natur weder mehr noch weniger bevoͤlkern? Woher kommen dieſe Abwechſelungen von Tod und Leben dieſe Ge⸗ ſetze des Wachsthums und Erſterhens, alle dieſe in das Ganze der Natur. 343 Veranderungen in einzelnen Dingen? woher alle dieſe erneuerten Vorſtellungen von einer und derſelben Sache? Ich antworte: alles dieſes gehort mit zum Weſen der Natur, und haͤngt von der erſten Einrichtung der Weltma⸗ ſchine ab. Das Ganze dieſer Maſchine iſt feſt; alle ihre Theile find beweglich. Die allgemei⸗ nen Bewegungen der Himmelskoͤrper ſind die AUrſachen von den beſondern Bewegungen der Erdkugel. Die durchdringenden Kraͤfte, wel⸗ che dieſe großen Körper beleben, wodurch fie auf entfernte Gegenſtaͤnde, und wechſelsweiſe auf einander wirken, beleben auch jedes Atom der Materie; und dieſe gegenſeitige Zuneigung ’ aller Theile unter einander iſt das erſte Band. der Weſen, der Grund vom Beſtande der Dinge, und die Stuͤtze der Harmonie im Weltall. Die großen Verbindungen haben alle kleinere, untergeordnete Verhaͤltniſſe hervor; gebracht, Die Umdrehung der Erde um ihre Achſe verurſacht die Abtheilung der Zeitraͤume in Tage und Nächte. Daher haben alle leben, dige Bewohner der Erde ihre gewiſſen Zeiten des Lichts und der Finſterniß, des Wachens und Schlafens. Ein großer Theil von der Einrich⸗ tung der thieriſchen Natur, die Wirkſamkeit F884 | der Sinne, BER bie Wee der Gliedmaßen beruhet auf dieſer erſten Verbindung. In eis: ner Welt, die in immerwaͤhrende Nacht ver⸗ huͤllet wäre, öffnete ſich ſchwerlich ein un fuͤr * Aae * Da dle ſchiefe Richtung der Erdachſe bey der e Bewegung der Erde um die Sonne, ſtete Abwechſelungen von Waͤrme und Kälte, nämlich die Jahrszeiten, hervorbringt; ſo hat auch alles was lebt und waͤchſt, im Ganzen genommen, und in einzelnen Fällen, ſeine beſtimmte Zeit des Lebens und des Todes. Das Abfallen der Blaͤtter und Fruͤchte, das Vertrocknen der Kraͤuter, der Tod der Inſek⸗ ten hangt gänzlich: von dieſer zweyten Verbin⸗ dung ab. In den Erdſtrichen, wo dieſe Ver⸗ bindung nicht Statt findet, wird das Leben der Gewächſe niemals unterbrochen; jedes In⸗ ſekt durchlebt ſein Alter. Und ſehen wir nicht aus eben dieſem Grunde unter der Linie wo die vier Jahreszeiten in Eine zuſammen ſchmel⸗ zen, die Erde zu aller Zeit mit Blumen ge ſchmuͤckt, die Bäume immer grün, und die Natur in beftändigem Fruͤhlinge? Die beſondre Einrichtung in dem Bau der Thiere und der Pflanzen ſteht mit der Be⸗ F | | | | in das Ganze der Natur. 348 vn ſchaffenheit der Luft auf dem Erdboden uͤber⸗ haupt in Verhaͤltniß, und dleſe letztere hangt von der Lage der Erde, oder ihrem Abſtande von der Sonne ab. In einer groͤßeren Ent⸗ fernung wuͤrden unſere Thiere und Pflanzen weder leben noch wachſen koͤnnen. Das Waſ⸗ ſer, der Nahrungsſaft, das Blut, kurz alle anderen Saͤfte wuͤrden ihre Fluͤſſigkeit verlieren. Waͤre die Erde weniger von der Sonne ent⸗ fernt, fo. wuͤrden dieſe Säfte verſchwinden und in Duͤnſte verfliegen. Das Eis und das Feuer ſind die Elemente des Todes, die ge⸗ maͤßigte Waͤrme iſt der erſte Keim des Lebens. Thiere und Pflanzen haben außerdem noch ein eignes Verhaͤltniß zur Luft. Die reinſte Luft, welche zur Reſpiration der Thiere am beſten taugt, iſt den Pflanzen toͤdtlich; im Gegentheil wachſen ſie am beſten in der von Thieren aus⸗ gehauchten verdorbenen Luſt. Noch mehr. Im Sonnenlichte, und uͤberhaupt bey Tage, geben die Pflanzen aus ihren Blättern jene reine Luft in groͤßrer Menge als eine Ausduͤnſtung von ſich. Abermals eine weiſe Einrichtung der Na⸗ tur, welche die Atmoſphaͤre gerade zu der Jahrs⸗ zeit, wo ſie von phlogiſtiſchen und brennbaren Daͤmpfen, welche haͤufig aus der Erde auf 8 7 346, Ein Blick ſteigen, und ſie für Thiere toͤdtlich machen würden, durch dieſes Mittel wieder veinigen, oder wenigſtens mit reſpirablen Sri mir ſchen läßt. Die in allen eesaniſchen Koͤrpern befnd⸗ lichen Lebenskraͤfte, ſtehen mit dem Licht in genauem Verhaͤltniß. Ueberall, wo die Son⸗ nenſtralen die Erde erwaͤrmen koͤnnen, wird die Oberfläche lebendig, mit Grün bekleidet, mit Thieren bevölkert. Das Waſſer iſt noch fruchtbarer als die Erde. Es empfaͤngt mit der Waͤrme Bewegung und Leben. Das Meer bringt in jeder Jahrszeit mehr Thiere hervor, als die Erde ernaͤhrt, aber weni⸗ ger Pflanzen; und da alle Thiere, die auf der Oberfläche des Waſſers ſchwimmen, oder deſſen Tiefen bewohnen, nicht, wie die Land⸗ thiere, zu einem hinlaͤnglichen Vorrathe von Gewaͤchſen angewieſen ſind: ſo ſind ſie ge⸗ zwungen, unter ſich, das eine auf Unkoſten des andern zu leben; und in dieſer Verbin⸗ dung liegt der Grund ihrer ungeheuren Ver, mehrung. Allein auch auf dem Lande ſind die Gattungen der Thiere ungleich zahlrei⸗ cher, als die Gattungen der Pflanzen: ſyo getreu iſt die Natur ſich ſelbſt in allen ihren Be n „ e 2 „ in das Ganze der Natur. 347 Werken, fo ſicher erreicht fie auch in dieſem Verhaͤltniß ihren Endzweck, und verbreitet nicht nur überall lebendige Geſchoͤpfe, ſondern auch ſolche, die eines hoͤhern Grades von Em⸗ pfindung, eines willkuͤhrlichen Triebes, kurz des thieriſchen Lebens fähig ſind. "Unzählige Inſektenarten naͤhren ſich oft von einer ein⸗ zigen Pflanzengattung; ihre zahlreichen Hee⸗ re, die in der Luft, auf der Erde, im Waſ⸗ ſer umherziehen, ſind eine Nahrung der Voͤ⸗ gel, Fiſche und kriechenden Thiere. Bey dieſem Kriege der Thierarten unter ein⸗ ander iſt file ihre Erhaltung dennoch ger ſorgt. Bald muß eine unzahlbare Menge von Zeugungen, eine unbeſchreibliche Frucht⸗ barkeit, die Fortdauer der Gattung ſichern; bald hat die Natur ſo viele kuͤnſtliche Triebe in das Thier gelegt, die alle auf ſeine Be⸗ ſchuͤtzung und Erhaltung zwecken, daß es ſicherlich fo lange ſeinen Feinden entgeht, bis es fuͤr die Fortpflanzung ſeiner Gattung geſorgt, und ſeine Nachkommenſchaft im Keime hinterlaſſen hat. Der Vermehrungs⸗ trieb, der ſo heftig und unwiderſtehlich iſt, daß er die Natur der Thiere auf eine Zeitlang ümündert, und die furchtſamſten grimmig 9 —— — — — . — — —— in Ik A 0 Ein Blick der bis zum Heldenmuthe, bis zur Aufopfes rung fuͤr die Jungen geht, ſind kraftige und fichere Mittel zur Erhaltung der Gattungen, und entſtammen vielleicht der erſten Urkraft, der wechſelſeitigen Anziehungskraft gleicharti⸗ ger Weſen, ſo wunderbar, ſo nahe graͤnzend an Vernunft ihre Wirkungen ſind. Doch dieſer Vorzug iſt dem Menſchen aus⸗ ſchließend eigen. Zur Anbetung des Schoͤp⸗ fers gemacht, gebietet er uͤber alle Geſchoͤpfe; als Vaſall des Himmels, und Koͤnig der Erde, veredelt, bevoͤlfert, und bereichert er ſie: er zwingt die lebenden Geſchoͤpfe zur Ordnung, Unterwuͤrſigkeit und Eintracht; er ſelbſt ver⸗ ſchoͤnert die Natur; er bauet, erweitert und verfeinert ſie. Er rottet Diſteln und Dornen aus, pflanzt Weinſtoͤcke und Roſen an ihre Stätte. Dort liegt ein wuͤſter Erdſtrich, eine traurige, von Menſchen nie bewohnte Gegend, deren Höhen mit dichten ſchwarzen Wäldern, überzogen ſind. Baume ohne Rinde, ohne Wipfel, gekruͤmmt, oder vor Alter hinfällig und zerbrochen; andere in noch weit groͤßrer Zahl, an ihrem Fuße hingeſtreckt, um auf be⸗ macht; der Trieb der muͤtterlichen Zärtlichkeit, J 1 . ee et u Zr reits verfaulten Holihaufen zu modern, — in das Ganze der Natur. 349 erſticken und vergraben die Keime, die ſchon im Begriff waren, hervorzubrechen. Die Nas tur, die ſonſt uberall fo jugendlich glaͤnzt, ſcheint hier ſchon abgelebt; die Erde, mit den Trüms mern ihrer eigenen Produkte belaſtet, trägt Schutthaufen, anſtatt des blumigen Gruͤns, und abgelebte Baͤume, die mit Schmarotzerpflan⸗ zen, Mooſen und Schwaͤmmen, den unreinen Fruͤchten der Faͤulniß, beladen find, In allen niedrigen Theilen dieſer Gegend ſtockt todtes Waſſer, well es weder Abfluß noch Richtung erhält; das ſchlammige Erdreich, das weder feſt noch fluͤſſig, und deshalb unzugänglich iſt, bleibt den Bewohnern der Erde und des Waſ⸗ ſers unbrauchbar. Sümpfe, die mit uͤbel rie⸗ chenden Waſſerpflanzen bedeckt ſind, ernähren nur giftige Inſekten, und dienen unreinen Thie⸗ ren zum Aufenthalt. Zwiſchen dieſen Moraͤſten und den verjährten Wäldern‘ auf der Höhe, lege eine Art Heiden und Gräfereyen, die uns ſern Wieſen in nichts ahnlich ſind. Die ſchlech⸗ ten Kraͤuter wachſen dort uͤber die guten weg, und erſticken ſie. Es iſt nicht der feine Raſen, den man den Flaum der Erde nennen koͤnnte, nicht eine bebluͤmte Aue „die ihren glaͤnzenden Reichthum von fernher verkuͤndigt; es ſind ee eig 850 Ein Blick | rauhe Gewächſe, horte ge Dan durch en ander geſchlungene Kräuter, „die nicht ſowohl ſeſt gewurzelt als unter ſich verwirrt zu ſenn ſcheinen, nach und nach verdorren, einander verdraͤngen, und eine grobe, dichte, und meh⸗ rere Schuhe dicke Watte bilden. Keine Stra; ße, keine Gemeinſchaft, nicht einmal die Spur von einem verſtaͤndigen Weſen zeigt fü ch in die⸗ ſer Wuͤſteney. Will der Menſch ſie durchwan⸗ dern, ſo muß er den. Gängen wilder Thiere nachſpuͤren, und ſtets auf ſeiner Hut ſeyn, wenn er ihnen nicht zum Raube werden ſoll. Ihr Gebruͤll erſchreckt ihn; ein Schauder Ä uͤberfaͤllt ihn ſelbſt bey dem Stlllſchweigen die; ſer tieſen Eindbe. Plötzlich kehrt er um, und ſpricht: die Natur iſt ſcheußlich, und liegt in ihren letzten Zuͤgen; ich, nur ich allein, kann ihr Anmuth und Leben ſchenken. Auf! laßt uns jene Moräfte trocknen, jenes todte Waſſer beleben, fließend machen, Bäche und Kanäle damit anlegen! Laßt uns von jenem wirkſamen, und verzehrenden, vorher verborgenen und bloß durch unſer Nachſorſchen entdeckten Ele; mente Gebrauch machen! Laßt uns dieſen uͤberfluͤſſigen Unrath, jene ſchon halb vergan⸗ genen Wälder mit Feuer verbrennen, und, in das Ganze der Natur. 351 was das Feuer nicht aufreibt, vollends mit der Art zerſtoͤren. Bald werden wir, anſtatt der Binſen und Waſſerlilien, unter denen die Kroͤte wohnte, Ranunkeln und Klee nebſt andern ſuͤ⸗ ßen und heilſamen Kräutern hervorkommen ſe⸗ hen. Huͤpfende Heerden ſollen dieſen vor⸗ mals unwegſamen Boden betreten, dort reichli⸗ chen Unterhalt, eine immergruͤne Weide finden, und ſich immer ff weer vermehren. Diefe neuen Huͤlfsmittel nutzen wir zur Vollendung unferes Werkes; wir beugen den Ochſen unter das Joch, und laſſen ihn das Land mit Furchen beziehen; bald gruͤnt die neue Saat auf unſern Aeckern, und eine neue, verjuͤngte Natur geht aus unſern Händen hervor! | Wie ſchoͤn iſt ſie nicht, dieſe gebaute Nas tur! Wie hat Die Sorgfalt des Menſchen ſie ſo glaͤnzend und praͤchtig geſchmuͤckt! Er ſelbſt, der Menſch, gereicht ihr zur vornehmſten Zierde; er iſt das edelſte Erdeugeſchoͤpf; er pflanzt ihre koſtbarſten Keime fort, indem er ſichl ſelbſt vermehrt. Auch ſie, die Erde ſcheint mit ihm ſich zu vermehren. Alles, was ſie in ihrem Schooße verbarg, bringt er durch ſeine Kunſt an das Licht. Wie viele Schaͤtze, die man ſonſt nicht kannte! Welche neue Reich⸗ * 5 ** „* IMAGE EVALUATION TEST TARGET (MT-3) IE 14 1.25 graphic Photo ell Sci = = 5 332 Ein Bllck TT. . ¼²— thuͤmer! Blumen, Fruchte, Getrelde, alles wird zur Vollkommenheit gebracht, und bis ins Unendliche vervielfältigt, Die nuͤtzlichen Gattungen von Thieren werden vermehrt, die ſchaͤdlichen vermindert, eingeſchraͤnkt und verwieſen. Gold, und Eiſen, das noch un⸗ entbehrlicher tft als Gold, wird aus dem In⸗ nerſten der Erde hervorgeholt. Stroͤme werden in ihren Ufern gehalten, Fluͤſſe gelei⸗ tet oder eingeſchraänkt; ſelbſt das Meer hat man ſich unterwärfig gemacht, ausgekundſchaf⸗ tet, und von einer Halbkugel zur andern durchſegelt. Das Erdreich iſt uͤberall zugaͤng⸗ lich, uͤberall ſo belebt als fruchtbar geworden; in den Thaͤlern findet man lachende Wieſen, auf den Ebenen fette Weiden und noch fettere Aecker; die Huͤgel find mit Reben und Obſt⸗ baͤumen, und ihre Gipfel mit nuͤtzlichen Fot⸗ ſten bekraͤnzt. Aus Wuͤſteneyen find volkreiche »Stuͤdte geworden, deren Einwohner ſich in einem beftändigen Kreislaufe aus dieſen Mit⸗ telpunkten in die entfernteſten Gegenden vers breiten. Die Landſtraßen, und das Verkehr mit den Nachbarn, find Zeugen von der Staͤr⸗ ke und Vereinigung der Geſellſchaft. Tauſend andere Denkmüͤhler der Macht und des Ruhms bewei⸗ * = . — N => Be 3 u = * — — ———U— — — — — 5 5 — — — nen — 5 in das a One: der W 353 n dt Genäge) daß der Menſch als & genthumsherr der Erde ihre ganze Oberfläche verwandelt und erneuert, ja daß er von jeher die Herrſchaft mit der Natur getheilt hat. Indeſſen giebt ihm nur die Eroberung ein Recht zu regieren. Seine Reglerung iſt mehr Genuß als Beſitz; er muß feine Sorgfalt be⸗ ſtaͤndig erneuern, wenn er das Seinige behal⸗ ten will: ſobald diefe aufhört, To ſchmachtet, verdirbt und verwandelt ſich alles; alles kehrt in das Gebiet der Natur zuruck: fie tritt wieder in ihre Nechte, löſcht die Werke des Menſchen aus, bedeckt feine ſtolzeſten Dentmähler mit Staub und Moos, zerſtoͤrt ſi vollends mit der Zeit, und läßt ihm vichts Abrig, als den guzlenden Ver; druß / das muͤhſam erworbene But feiner Vor ſahren durch feine Schuld verloren zu haben. Dieſe Zeiten, wo der Menſch ſein Ei⸗ genthum verliert, die Jahrhunderte der Bar, barey, da alles zu Grunde geht, werden im; mer durch Kriege vorbereitet und bringen in ihrem Gefolge Hungersnoth und Entvolkerung. Der Menſch, der nichts vermag, als durch feine Anzahe, der ohne Vereinigung mit an⸗ dern keine Starke beſitzt, und nur durch den Frieden gläͤcklich leht, — der Menſch iſt un⸗ ſinnig genug, zu ſeinem Unglück die Waffen zu G. Fordere kl. Echt. 31 b. Aa einne ſich wen ER zu ne Gereltzt von unerſaͤttlicher Begierde, und geblen⸗ det von dem noch unerfättlicheren Ehrgeitz , ent⸗ ſagt er den Empfindungen der Menſchheit, ge: braucht alle ſeine Krafte gegen ſich ſolbſt, ſucht ſich gegenſeltig zu zerſtören, und zerſtört ſich i der That. Wenn nun die Tage des Mordens und Blutvergleßens voruͤber ſind, und der ODufaſt von Ehre zerſtattert tft; ſo ſieht er mit traurigen Blicken die Erde verwuͤſtet, die Kuͤnſte begraben, die Voͤlker geſchwaͤcht und zerſtreuet) fein eignes Gluͤck zu Grunde geübt und feine wirkliche Macht zerſtort . Wer kann eine unendliche Wenge von Ge⸗ genſtänden ordnen? oer kann ihre Beſthrel! bung in wenige Worte zuſammendrängen? wer vermag es, einen Blick in das Weltall zu thun, und ger ade das Merkwoͤrdigſte da her⸗ auszuheben, wo alles gleich wichtig und gleich wunderbar, wo der Schöpfer im ganzen Son⸗ Nen ⸗ und Sternenſyſtem nicht bewundernswuͤr⸗ Vier als im kleinſten Staͤubchen it? Wo iſt An⸗ fang, wo iſt Ende eines ſolchen Blickes? Einige Punkte, eintge frärker ins Auge fallende Gegen⸗ Hände verſprach ich zu haſchen, und vorzutragen. N und Wie nicht Wr ich 8 51 5 „nn Hama a 2 impfen. geblen⸗ swuͤr⸗ ſt An einige egen⸗ agen. —— 5 um — en u cn re . RÄT N ER an TEE N. Fragmente i aus N Georg Jorſters Rah f. * 1 ’ — — — — —— —ä— ng ꝙ—̃ — . un nn Re ® n „ le. en ehe an ge er ren A — 387 ewe aus W Forſters 10 10g een I, Ueber die Vernunft. in Beziehung auf das Gluck der Wenſthheit, Der Zeitpunkt, in dem wir leben, iſt, wie mich duͤnkt, beſonders dadurch merkwuͤrdig, daß die Verhaͤltniſſe der Menſchen unter einan⸗ der ſich vervielfältigen, daß die Extreme durch dazwiſchen gebrachte Mittel ſich beſſer verbins den laſſen, und daß, indem ſich das Heterogene nähert, ein Gedraͤnge entſteht, wodurch die Heftigkeit des Stoßes, welcher ſonſt ſo zerſtz⸗ rend wirkte, jetzt gebrochen wird. Dafuͤr ſcheint aber vermittelſt der Menge ſchnell auf einander folgender Beruͤhrungen und Attritionen jene milde genialiſche Waͤrme ſich zu erzeugen, welche die verborgenſten Kräfte der Menſchheit ent⸗ wickelt und neue Anſichten der Dinge eroͤffnet. Die Organe nenn und des Mitthei⸗ g 3 ö Fragmente leus ſind jetzt beyde mit ihrer hoͤchſten Reitzbar⸗ keit begabt; nie galt das große mechaniſche Ge⸗ ſetz der Staͤrke weniger, nie vermochten die in⸗ tellektuellen Kräfte fo viel; nie empfand man inniger die ſuͤße Wolluſt, über die Gemuͤther zu herrſchen, indem man ihre Phantaſie mit den Bildern der ſeinigen erfuͤllte, und nie wußte man beſſer, welche füße Wollust es ſey, mit har; moniſch geſtimmter Phantaſie die Geſchöͤpfe 1 ner andern ganz zu faſſen. Es iſt vielleicht uns möglich zu errathen, wat dieſe allgemeine geiſtige Gaͤhrung in der Maſſe des Menſchengeſchbechte fuͤr Folgen haben, welche neue Miſchungen ſie geboren, wie fie, geſtoͤrt oder auch durch die Fort dauer in ihrem Grade verſtaͤrkt, anſtatt die Lau ⸗ terung des Ganzen zu befoͤrdern, ſeine enolſche Aufloſung vielleicht hervorbtingen könne. O, mein Freund! über dieſen unerſchoͤpflichen Ger genſtand unſeres Nachſinnens habe ich fo man ches Traumbild in der Seele, das ich gern auch vor der Ihrigen hinaufzauhern möchte! Ich will wenigſtens verſuchen, mich verſtaͤndlich zu machen. Sie wiſſen, an der Gränze, wo die menſchliche Vorſtellungsart ſich nur als eine Modifikation offenbart, dort bleibt une nur Ahudung, nur Stäckwerk, vielleicht gar nur Wr 4 aus G. Forſters Nachlaß. 389 Taͤuſchung. Aber wenn die menſchliche Natur fo ruͤhrend ſich ein Ziel erſehnt, nach welchem fie hinarbeiten könne; wenn der Gedanke, daß dieſe blaue Ausdehnung, in welcher wir ſchwim⸗ men, nach allen Richtungen hin unendlich, uns ermeßlich ſey, mit undwwillkuͤhrlichem Schauer uns ergreift, und der Glaube an Zuſammenhang und moraliſche Conſequenz dieſes ſichtbaren Schöpfungsappargts ein fo heiliges Beduͤrfniß wird, daß ohne ihn die melſten Menſchen fi fi ch ſelbſt als ſittliche Beſtandthelle eines ſolchen Ganzen nicht ehren, und noch weniger ſo ge⸗ berden wuͤrden: dann laſſen Sie uns wenig⸗ ſtens der ee en 1 r | Aa 4 360 Fragmente 2. N ueber die öffentliche Meinung. Fragment eineg Briefe) — u Sie ſehen alſo wohl, liebſter Freund, auch ich klammere mich aus allen Kräften an die troͤſtliche Vorſtellungsart eines zwar nicht abſo⸗ luten, aber doch bedingten Optimismus und ei⸗ ner wahrſcheinlich weiſen Cauſalverbindung der Schickſale unſerer Gattung. Gut ſeyn, weil das Gegentheil unſerer Empfindung und unſerm ſtolzen Bewußtſeyn zuwider laͤuft, ſey immer⸗ hin die Vollkommenheit des durch Philoſophie gereiften Mannes; der leidenſchaftliche Jung; ling, und mit ihm der gewoͤhnliche Menſch, will ein Ziel, worauf er hinarbeite, den Glau⸗ ben an Zuſammenhang und moraliſche Conſe⸗ * quenz dieſes ſichtbaren Schoͤpfungsapparats, um ſich ſelhſt als ſittlichen Beſtandtheil eines ſittlichen Ganzen ehren zu koͤnnen, und ſo ge⸗ berden zu muͤſſen — und wenn das Täufchung ift, fa laſſen fie uns wenigſtens ihrer hellſamen Wirkung huldigen. | Die fo oft gemachte, fo langweilig gewordene Beſchuldtgung, daß wir keine Nation, daß wir nd, die bſo⸗ d ei der peil erm ner⸗ phie ing; ſch, aus nſe⸗ ats, nes ge⸗ ing ien ne vir aus G. bete. dlachlaß. 402 nur be und e nur Ober⸗ und Viederſachſen, oder gar uur Mainzer, Frank⸗ furter, Leipziger, Berliner, Hannoveraner, Göttinger, u. ſ. w. ſind; ach! ſie iſt leider ſo wahr, daß ſie mich zwingt, einen Geſichtspunkt aufgufuchen, wo eine ſolche Vereinzelung wenig⸗ ſtens für die Zukunft vorthellhaft ins Ganze zu wirken ſcheint. Eine große Hauptſtadt, die den Tom angiebt, kann zwar die Reife ihrer Nation befördern, allein wohl ſchwerlich anders, als auf Koſten ihrer reinen Univerjalitäg;. ‚Nom, Paris, London, geben den Dewels. Die ges theilte, rivaliſirende Cultur der griechiſchen Städte, wenn ſie auch zu diefer ertenfiven Voll: kommenheit nicht gelangte, blieb fihon darum der Natur getreuer, weil ſie immer etwas hat⸗ ten, wonach ſie ihre Abweichungen rorrigiren konnten. Die Vortheile unſerer geographiſchen Lage muͤßten uns billig noch weiter bringen; wir find zur vollendeten politiſchen Einheit gleich: ſam geſchaffen, und fie verbluͤhten ſchon in ihrer wettelfernden Periode. Das einzige, was mich irre macht, Ift der unläugbar weite Abſtand, in welchem wir hin⸗ ter den Laͤndern mit großen Hauptſtaͤdten zw ruͤckgeblieden find, und die beynahe unverbeſſer⸗ 363 Fragm. aus G. Forſters Nachlaß. liche, mit ſelbſtgenuͤgſamem Duͤnkel verkinipfte Verwahrloſung, worin wle ſchon zu verfinfen ſcheinen; ſchon haben wir ſiebentauſend Schrift⸗ ſteller, und deffen ungeachtet, wle es keinen deut; Shen Gemeingeiſt giebt) ſvegiebt es auch keine deutſche öffentliche Meynung. Selbst dieſe Woͤrter ſind uns ſo neu ſo fremd daß jeder⸗ mani Erläuterungen und Definitionen fordert, Andeß kein Engländer den andern mißverſteht, wenn vom public ſpirit, kein Franzoſt den an⸗ dern, wenn von opinion publique die Rede iſt. ei res % eine A * 5 N ... [En DU er * i 1 * 1 4 v, 4 \ I \ N N 108 A . N g 0 N N EN ID IN 7 ARE hin — 2 | | wur wur Eee ne ¹ſ·—— — „ — 2 — ——[— —— — —— —— — — TE, des, nöruchten Aurkic A, 4 ! ET Az . e . eingetra er, 8283 57 e ee nach de Be TR rer 789 e 115 oder „Bownzs } Land 2 ; 7 * N el ** e „ 0 Kurz W * 5 7 * 1 AR! — — — eakod — — ee re a ng a * 7 L Te eee 5 ö i 7 1 eu u., „ { . 4 * 2 Ja (UP Ze 0 gen n . * 82 7 4 — ‚Rother Hie er a der e > IM mr + SS . , > Ya Wu / 8 » N , . N. a N Bi 95 * zn PN’ 9 Y 1177 128 0 eee N 5 N) 2 N AN N ve * (77 N e U bt ud 9 — a hl bit) Han EN MOIN, Son ne DES 25 95 > 3 „MN N 00 N N “in 2 7 x 7 MM ele 1b > WIV. W » NL x — (MV N W