\lt>
'/-
vi
|
'*■%- ■■.;;• . .. |
V^IH |
|
!^R |
'\, ' , ' |
|
'i |
Boston Medical Library in the Francis A.Countway Library of Mediane -Boston
Angiectasie
ein Beitrag
zur rationellen Cur und Erkenntnifs
der
Gefäfs ausd ehnun
gen
Carl Ferdinand Graefe
der Arzenei u. W. A. Dr. u. Herzog 1. Bernb. Hofrat hu. Leibarzt.
i
-. fc brate ' . '-
Leipzig,
bei K. F. Kohle r
i 8 o 3.
• fe
'Es $£ tk %'s^xtx vxtTtjfitotrx, dci Vff^xrut
Seg Kit titelt Is xxgißsixv xoxrtffTXi.
lirjroxgKrss,
('V
OCT
I
D e in
Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn
Herrn
Alexius Friedrich Christian
regierendem Herzoge zu Anhalt etc. etc. etc.
Dem erhabenen Beförderer des Wohls seiner Unterthanen.
Digitized by the Internet Archive
in 2011 with funding from
Open Knowledge Commons and Harvard Medical School
http://www.arehive.org/details/angiectasieeinbeOOgrae
Durchlauchtigster Herzog
Gnädigster Fürst und Herr.
JliW. Durchlaucht haben mich mit Beweisen des hohen Vertrauens zu beglücken geruhet, mir ist die Sorge für Höchst Dero Gesundheit anvertraut , Sie haben mich durch Banden der Ehrfurcht und Dankbarkeit gefesselt. ■ — Erlauben Ew. Durchlaucht gnädigst, dafs ich dies geringe Opfer der ehrerbietigsten Erkenntlichkeit Ihnen darbringe.
Ich preise die Vorsehung, die mich des Glückes theil- haft machte, unter einem Fürsten zu leben, der Vater sei- nes Volkes ist. Ich segne das treue Volk, weil es die Wohl- thaten zu fühlen weifs , die ihm die Vorsehung durch seinen erhabenen Fürsten erzeigt y und ich schätze mich glücklich, fortan zu denen zu gehören, die zum Werkzeuge der Wohl- thätigkeit eines so geliebten Herrschers dienen. • — -. Mit war- mer Liebe und dem beharrlichsten Eifer empfing ich die Oberaufsicht der milden Anstalt, die das Elend hülfsbe- dürftiger Kranker durch Ew. Durchlaucht Freigebigkeit er-
leichtert. Vergönnt sey es mir auch, bei dieser Gelegenheit für den fernem Schutz und die Beförderung einer Stiftung zu bitten, die eben so den schönsten Beweis Ihrer Wohl- thätigkeit an den Tag legt, als sie mir die meiste Gele- genheit darbietet, das feierliche Gelübde zu lösen , was ich meinem besten Fürsten so gern ablege : mich fortan dessen Dienste ganz zu weihen, damit ich des höchsten Ver- trauens immer würdiger erscheine und so die innige Ehr- furcht und Dankbarkeit immer mehr beweise, womit ich Zeitlebens bin
Durchlauchtigster Herzog
Gnädigster Fürst und Herr
Ew. Durchlaucht
allergetreuester
Graefe.
V o r r e d e.
JLJie Beobachtung einer eigentümlichen Krankheitsart, genauere Un- tersuchung derselben, und der Mangel ihrer richtigen Exposition, ja ihrer Erwähnung in den ärztlichen Schriften, veranlasste mich, Fälle derselben zu sammeln. Und da diese Affection die Lippen vorzugsweise ergreift, da sie an denselben verkannt, von mehrern für Lippenkrebs gehalten ward, so beschlofs ich, sie an diesem Theile mit der gröfsten Treue und möglichsten Ausführlichkeit zu schildern- und machte mir die Mittheilung ihrer Erkenntnifs, verbunden mit erleichterter und ge- wisserer Heilung durch verbesserte Bandagen, zur angenehmsten Pflicht. Interessanter und überzeugender glaubte ich jene Fälle meinem Leser darbieten zu können, wenn ich das Allgemeine der Gefäfsausdelmungen, zu denen sie als Spielart gehören, pathologisch und therapeutisch auf- zufassen suchte, da die Krankheiten der Gefäfse, insofern sie Anlafs zur Ueberschreitung des Normal durchmessers geben, trotz ihres öftern Daseyns, ohnehin blofs zerstreut und ohne Einheit in den Lehrbüchern aufzufinden sind. Vereinigung einer allgemeinen Ansicht der Gefäfsaus- delmungen, und jener besondern Krankheitsart, die von denselben, wie die Art vom Geschlechte abhängig ist, war der Plan, den ich vor mir hatte. — So entstand meine academische Probeschrift*). — Die Zufrie-
*) De notione et cura Aogiectaseos labiorum, ratione habita communis vasorum morbosae extensionis, specimen. Auctoüt. Grat. Med. Ord. p. summis in Med. et Chirurg, honoribus rite capess. pub], defend. auctor C. F. Graefe. Lips. d. 21. Apr. i£o7«
VIII
denheit, welche mehrere sachkundige Männer über dieselbe bezeugten? die günstige Ankündigung derselben im 22ten Stück des Leipziger In- telligenz-Blattes, und das Lob, welches ihr der Recensent in der all- gemeinen Litteratur - Zeitung (No. 191. p. 287.) ertheilte, flöfste mir einiges Vertrauen zu meiner Arbeit ein, so dafs ich mit Freuden der Aufforderung des nachsichtsvollen Recensenten folgte, und eine deutsche Ausgabe besorgte, die theils durch den Rath mehrerer meiner Lehrer und Freunde, theils durch eigene nochmalige Durchsicht, manche Aenderung erlitt, durch die sie, wie durch die hinzugekommenen Rupfer, merklich gewonnen haben mag.
So biete ich dem ärztlichen Publico meine Arbeit in einem viel-1 leicht vortheilhafteren Gewände dar, und wünsche ihr die nämliche gün- stige Aufnahme, deren sich ihre Mutter erfreuete — mir hingegen die fer- nere Nachsicht und wohlwollende Zurechtweisung sachkundiger Männer.
Der Verfasser.
n
t.
Erst
e r
Abschnitt.
.Anatomisch-physiologische Betrachtung der Gefäfshäute, in Bezug auf ihre Contiactiv- und Expansivkraft. §. i. Contra ctilität prädominirt in der Muskaihaut , Expansion in der Zellhaut. §. 2. Verhältnifs derselben in den Blutadern und $. 3. in den Lymphgefäfsen. . . . . , Pag.
Zweiter Ab
s c
h n i t t.
Dynamische Abweichungen der Contraction und Expansion der G e- fäfse, /sichtbar im verletzten Normal durch messer derselben. §. i. Beide Kräfte können. gleichzeitig und auf eine Art leiden. Erhöhung und
Herabstimmune derselben im sthenischen uud asthenischen Pulse, i. 2. Oder es
4 ;
kann blos eine beider Kräfte von ihrer Norm abweichen , ohne dafs die andere
verletzt sey. Erhöhung der Reizbarkeit im erethischen und veimehrte Expansion im plethorischen Pulse. . . . . . . , . -
Dritter Abschnitt.
Organische Abweichungen der Gefäfse vom Norrrialdurchmes ser. 6. i. Uebergang des Thätigen in das Leideride , erläutert durch Ausartung activer Congestionen in passive. §. 2. Organische Verengerung der Gefäfsdurchmesser. §. 3. Erweiterung desselben; beide entgegengesetzte Zustände entstehen von ent- gegengesetzten Ursachen, ........
Vierter Abschnitt.
Diagnose der Gef äfsaus dehn ungen. $. i. Wie leicht sie verkannt werden, und Nothwendigkeit einer geläuterten Zeichenlehre. $. 2. Anders wirken die Ek- tasien der äufsersten Oberfläche des Körpers auf unsre Sinne, anders die unter der Haut liegenden, und noch anders die in den Holen verborgenen. $. 3. Er- kenntnifs der oberflächlichsten Angifictasien. $. 4. der tiefer liegenden. §. 5. der
in den Holen des Körpers eingeschlossenen. $. 6. Diagnose innerer Anevrismen.
§. 7. innerer Varicen. §. 8. Cirsen. .,,.*, Tag. 11
Fünfter Abschnitt- Differenzen der Gefafsausdehnungen. §. r. Ihr Verhältnfs zur Ectasie als mögliche Krankheit aller Organe, §. 2. Wesentliche Differenzen der Gefafsaus- dehnung, Anevrismen, Varicen und Cirsen als Genera. §. 3. Ihr örtliches Er» scheinen als künstliche, aber dennoch "nothwendige Art. $. 4. Zufällige Differen- zen j) wahre, 2) falsche, 3) gemischte, 4) circumscripta , 5) diffuse, 6) totale, 7) partielle, 8) solitaire , g) aggregirte Ectasien. 10) Der Varix. aneurismatosus.
11) Exsudirende Gefafsausdehnungen und durch sie gebildete Blutgeschwülste.
12) Telangiectasie, ihr Wesen, ihr -wichtiger Unterschied als Spielart und ihre Etymologie. .' . • .- : « « . . « . """ '9
Sechster Abschnitt»
Tabelle vorgekommener An giectasien. §. 1. Ihr Zweck. §. 2. Angiectasien des Kopfes, Telangiectasie der Conjunctiva, als Nachlafs heftiger Entzündungen und Congestionen. — Telangiectasie der Hornhaut als eine Art des Traubenauges. — Telangiectasie der Sclerotica ist das von Richtern durch Vorfall der Choroidea erklärte Staphyloma Scleiotieae. Scarpa's Staphyl. Scler. ist von jenem ganz verschieden. Ursache, warum mit ersterem sich meistens Blindheit verbindet. — Anevrism der Central- Arterie und Telangiectasie der Retina, als Ursachen des schwarzen Staares. — Aneviismen d<er Zahne veranlassen die heiligsten Schmerzen, Caries im Zahne und starke Blutungen' beim Ausnehmen. — Hydatis alveolaris zerstöret den Zahn und bewirkt grofse Schmerzen. §. 3. Angiectasien des Rum- pfes , Ciisocele ist Telangiectasie des Testikels. 6. 4» Angiectasien der Gliedmafsent — 27
Siebenter Abschnitt.
Aetiologie der Gefafsausdehnungen. §. 1. Nächste Ursache, was sie sey? ihr Verhältnifs zu der entfernten. §. 2. Diathese und vorbereitende Ursachen, be- gründet in einer Mürbigkeit der säinmilichen Häute, in einem Mifsverhältnifs der Blutmasse zur Kraft der Gefäfse , in einer zu grofsen Reizbarkeit derselben, und veranlafst durch andere Krankheiten. {. 3. Gelegenheitsursachen , Congestionen, mechanische Hindernisse des Kreislaufs, heftige Anstrengung des Körpers, Ge- walttätigkeiten, verletzte Continuität der Wandungen, Form der Gefäfse, Lage des Körpers , Fehler der Urbildung. ,»»... Pag. 41
Achter Abschnitt.
Cur der Angiectasie im Allgemeinen. §. i. Modificirt durch Complication. {. 2. Beseitigung der entfernten Ursachen. §. 3. Cur der Diathese, anders bei Ple- thora als bei firethism der Geiäfse. Hauptindicationen , Mäfsigung des Kreislaufs, Stärkung der Gefafse. §. 4. Anlage der Lymph gefafse zu Cirsen. $. 5. Unmittel- bare Einwirkung auf die Eciasien durch Adstringentia, Druck und Kälte bei mäfsi- gen ; durch Ausrottung bei grofsern mit beträchtlicher Desorganisation verbun- denen. $. 6. Dieselbe Behandlung bei Telangiectasien^ §. 7. Regime und Diät. Tag. 55
Neunter Abschnitt.
Prognose §. 1. richtet sich nach der Gattung, Art, dem Alter y der Einfachheit oder Complication der Angiectasie , und der Einwirkung der Curmethoden auf dieselben, §. 2. Gewöhnliche Ausgänge, wenn die Heilung nicht gelingt, — 60
Zehnter Abschnitt.
Telan giecta s ie beider Lippen. §. 1. Krankheitsgeschichte. §..2, Beschreibung der Lippengeschwulst. $. 3. Nosologie der Krankheit. $. 4. Curplane. $. 5- Opera- tion. §. 6, Nachbehandlung. §. 7. Anatomische Untersuchung der Lippengeschwulst. — 36
Eilfter Abschnitt»
Zusammenstellung einiger Tela n giecta sie n des Angesichtes. §. 1. Telangiectasie der Augenlieder. §. 2. Telangiectasia nasi e.\sudansj §. 3. Zwei kleine Telangiectasien als Bild der ersten Entstehung gröfserer. $. 4. Telangiec- tasie der Lippen. $. 5. Telangiectasie an der Innern Fläche der Unterlippe. j. 6. Die Leopoldinische Lippe. $. 7. Telangiectasie der Stirne von D, Faxe und Zerstörung des ganzen Gesichtes durch dieselbe von'James Parson. . — 76
Zwölfter Abschnitt.
Sandagen, die bei der Heilung des im zehnten Abschnitte angeführten Kranken ge- braucht wurden, §. 1. Ausdehnende Binde des Mundes. §. 2. Eine neu einge- richtete Vereinigungsbinde, die beim Hasenschartenschnitt von vorzüglichem Nutzen ist. . . . . , , . . 4 . — 81
Erklärung der Kupfe rtaf ein, . '. . . . » —■*. 8°
Druckfehle
Pag. 14 Zeile i3 lies statt gelinde — gelindere.
— 14 — 14 — — den Kranken — dem Kranken.
— 16 in dem Citat 11) lies statt Longos — Lieutaud,
— 16 Zeile 8 lies statt Extensionen — Existenz.
— 22 Citat 22) lies statt Ausgabe 5 — Ausgabe 5.
— 23 Zeile 2 lies statt Kapitel — Abschnitt.
— 25 — 26 — — mehmal — mehrmal.
— 36 Citat 84) lies statt ichnographia — ichnyographia.
— 37 Zeile 12 — — Varicem palus — Varicomphalon.
— 42 — 11 — — entfernte Ursache — entfernten Ursachen.
— 43 ■— 26 — — einer dritten — einem dritten. _ 56 — .11 '*f — Angiectasie — Angiectasien.
Die übrigen noch vorkommenden kleinen Fehler wird der geneigte Leser zu verbessern gebeten , da der Verfasser weit vom Druckort entfernt war«
Erster Abschnitt.
Anatomisch-physiologische Betrachtung der Gefäfshäute, in Bezug auf ihre Contractiv- und Expansivkraft.
j_Jfis Lumen der Gefäfse hängt von dem Gegeneinand erwirken ihrer Contractiv- und Expansivkraft sb; so lange beide noch ;im unentschiedenen Kampfe liegen,; bleibt die Norm ungetrübt ; wird eine beider Kräfte prädominirend, unterdrückt sie durch ihr Vorherrschen die entgegengesetzte , so wird Krankheit im Bilde der verletzten Form gesetzet. Es verdienen in dieser Rücksicht zwei Häute der Ge- fäfswandungen die meiste Aufmerksamkeit, weil in ihnen jene Gegensätze beson- ders vorzuherrschen scheinen. ,
Am deutlichsten sieht man dies in den Schlagadern, wo es fast am Tage liegt, dafs die innere fasrichte Muskelhau l (tunica muscularis) für Contraction, die äufsere feste aus dichtem Zellstoff gebildete Seheide (tunica cellulosa propria) für Expansion bestimmet sey.
Die fibröse Haut der Arterien bestehet aus Muskelfasern , wir dürfen ihr daher, schon durch Analogie geleitet, dea Muskeln ähnliche Eigenschaften zu- trauen. Sie ist irritabel, zieht sich bei jeder Reizung zusammen, besitzt eine be- lebte Kraft des Mikrokosm, die folglich zugleich mit seinem Leben erlischt.
Als Antipode jener tritt die Zellhaut auf j die Ausdehnbarkeit derselben gründet sich auf das Restreben, bei jeder Veränderung des Lumen den vorigen Raum wieder einzunehmen, also auf Elasticität, die aber nicht zu den belebten Kräften gehörig, noch nach -dem -Tode fortdauern kann , so lange Fäulnifs die Structur nicht zerstöret hat, der sie die Art ihrer Existenz verdanket.
Trennt man ein Stück Arterie, von den benachbarten Theilcn los, schneidet sie an beiden Enden ab, und schlitzt sie der Länge nach ganz auf, so schlägt sie
A
ei e' '
sich um, die soiut concave Fläche wird nun convex, und die vorher gewölbte
nun gehölt, als Folge der wirkenden Expansion der Zellhaut. Löset man von
einem beträchtlichen Arterienstamme die ganze Zellhaut von aufsen behutsam ab,
so fällt die Faserhaut ganz zusammen. .. Stülpt man liiugegen .das Arterienslück
i r. f ( . 1 1 r> "'\ i '
um, und schälet vorsichtig' die Faserhaut ohne Verletzung der ' cellulösen ab, so
bleibt der Cyliuder so offen wie, vorher. Leicht geräth die Umstülp ung mit kür- zeren Stücken.
Wir finden nach dem Tode die Arterien offen, indem der Widersland, den 1 •■ " ■'. ■ . • ■ -' •■:,[ - , ;) ->ii'. ■■ ■, . , . ■ ... ...
im Leben die Faserhaut durch ihre Contractililät der Expansiv- Kraft der Zell- haut entgegen s! eilte, gehoben ist, und diese nun ungestört die Oberhand be- hauptet. Wird hingegen im todten aber noch warmen Körper jene durch irgend einen heftigen Reiz, z. B. durch Galvanism, wieder belebet, erhält ß'w also einiger- rriafseh, was ihr genommen ist, zurück, so bemächtiget .sie sich auch ihres ehe- maligen Rechtes, und überwindet bei jedem ochlu'sj^ der Kette durch Zusammen,-: ziehüng die Kraft der "Zellhaut.
Im ■ ^Kreisläufe1 Wirkt der Antagonism beider Häute ähnlich, die Zellhaut be- herrscht die Contraction der ungereizten Faserhaut, die sie daher mit ausge- dehnt erhält, tritt aber die Blntwelle in das Lumen, so ziehet sich die gereizte Faserhaut so stark zusammen, dafs sie die Expansion überwindet, bis die Blut— welle entfernt ist, • Wo dann die Reizung aufhöret, die Zellhaut ihr Vorrecht be- hauptet, und der neu eindringenden Welle den Weg bahnt. So wiederholet sich mit jedem Pulssßlilaige der Antagonism beider Häute; rft
Undeutlicher verhalteh sich diese Kräfte in den Blutadern. Die Zellhaut ist we- niger elastisch, '-nachgiebiger, und mehr zähe, die Querfasern der Muskelhaut feh- len ganz und statt der länglichen sieht man in den gröfsern Venen weifste,' sehnigte, feine, netzförmig und ästig zusammen gewebte Faserm
Durch diesen Bau scheinen Contraction und Expansion so gleichförmig ent- gegengesetzt zu seyn, dafs sie ungestört in einem beständigen Gleichgewichte bleiben, aus welchem sie aber durch jede hinzukommende Kraft uni desto leichter gebracht werden können.
Da ihre Elästicität weit geringer, als die der Schlagadern ist, so geben sie nach dem Tode dem Drucke der benachbarten Theile sogleich nach und fallen
— 5 »
theils durch diese, theils durch die Schwere ihrer Wandungen zusammen, wenn angehäuftes Blut si§ nicht ausgedehnt erhält; Selbst mäfsig wirkende Ursachen be- stimmen ihr Lumen. Wird eine Blutader gedrückt, so erscheint sie über dem Drucke ganz klein, unter demselben aber vergröfsert, und dies fast ganz nachMafs- gab'e des einströmenden Blutes. Unterbindet man hingegen eine Pulsader, so wird das Blut weit eher gezwungen, sich in die Seitenäste zu verbreiten, weil die festern Häute dem Andränge nicht so leicht nachgeben. Wesen ihrer geringern Selbst- ständigkeit, ihres mehr leidenden Verhaltens gegen äufsere Kräfte, entstehen da- her Krankheiten durch Abweichung vom Normaldurchmesser weit leichter und öfter in ihnen, als in den Arterien.
. | £
Die Lymphgefäfse scheinen den Mittelweg zu halten.
Wir entdecken zwar keine deutlichen Fasern selbst in ihrem gröfs teil Stamme (Autenrieth) dem Brustgange, wozu freilich die Durchsichtigkeit ihrer Häute, und bei genommener Pellucidität die Gleichförmigkeit der Farbe viel beitragen mögen, indessen können wir aus ihren mit den beiden erstem Gefäfsen analogen Verrichtungen sclrliefsen, dafs sie auch eine ihnen analoge Structur haben mögen; eine Art reizbarer Faser mufs in ihren Wandungen,, seyn, anders mufs sie aber seyn, als die Muskelfaser der Arterien, weil sie eine andere Empfänglichkeit bedarf, um von der Flüssigkeit, die sie führet, von der Lymphe gereizet zu werden.
Betupft man in einem frisch geschlachteten Thiere ein Lymphgefäfs, oder berühret es mit chemischen Reizen , so ziehet es sich plötzlich auf eine beträcht- liche Strecke zusammen ; Galvanism bewirket dasselbe, er erreget die lür andere Reize unempfänglich gewordene Faser selbst im gestorbenen Thiere noch, und läfst sie ihre elastische Zeilhaut überwinden.
Dafs die Zusammenziehbarkeit auch hier eine von den belebten Kräften, und die Ausdehnbarkeit es nicht sey, dürfen wir behaupten , da mit dein Leben die Contractilität erlischt, Expansion aber noch, so lange Fäulnifs die Structur nicht verletzt hat, fortdauert, ja sogar durch Vernichtung ihres Gegensatzes über- hand nimmt
Die Enden der Saugadern füllen sich daher bei Menschen und Thieren noch lange nach dem Tode mit schon vorhandenen oder in den Körper gespritzten
A 2
Flüssigkeiten (todte Einsaugungskraft); so„strotzen z. B. die der Leber nahe ge- legenen Saugadern fast immer von Galle bei einem schon eine Zeitlang todten rThiere, nie aber bei einem lebend geöffneten T).
Dafs die letzten Enden der Lymphgefäfse in diesem Falle blos nach dem Ge- setze der Haarröhrchen wirken, ist mir unwahrscheinlich, sonst müfsten sie im Leben und gleich nach dem Tode eben auch gefüllt angetroffen werden , da sie durch den Tod nicht erst eine besondere Structur gewinnen können. Wahr- scheinlicher ist es mir, dafs die Füllung dieser Gefäfse durch Erweiterung noth- wendig wird. Mit dem Leben ist die Lebenskraft der Faserhaut aufgehoben, die elastische Zellhaut wird freier, dehnet die Gefäfse mehr aus, die in denselben ent- haltene Luft wird im erweiterten Räume verdünnter, und unvermögend, dem Druck der Atmosphäre das Gleichgewicht zu halten, läfst sie diesen eben so die benachbarten Flüssigkeiten in die Gefäfse hereindrängen , wie er das Wasser in die erhitzte mit dem pneumatischen Apparate verbundene Retorte leitet, wenn die Lampe erlischt und die in der Retorte verdünnte Luft dem äufsern Luftdrucke nicht mehr Widerstand leisten kann.
Schon aus dem Angeführten fällt die Aehnlichkeit auf, die die Lymphgefäfse durch ihre Contraction und Expansion mit den Pulsadern haben, ja es scheint so- gar, dafs sie ihnen verwandter als die Blutadern seyn mögen.
i) Autcn rieth' s Physiologie. Tom. II. $. 667. pag. n8. Tübing. 1802.
Zweiter Abschnitt.
Dynamische Abweichungen der Contraction und Expan- sion der Gefäfse, sichtbar im verletzten Normaldurch-
messer derselben.
JL/le mannigfaltigen Veränderungen, denen -die Kräfte der Gefäfse unterworfen sind, bedingen sowohl die Gröfse ihrer Durchmesser, als auch die Art, durch welche ihre Actionen zu Stande kommen; in so fern sie ersteres bewirken, gehö- ret eine kurze Betrachtung derselben hierher. «u Beide Kräfte können auf gleiche Art leiden.
a) Erhöhung beider Kräfte. Im sthenisch -inflammatorischen Fieber wird die reizbarere Muskelfaser vom oxydirteren Blute stärker zusammen gezogen, zugleich ist aber die Elastici- tät der Zellhaut , vermöge der Coagulations-. und Condensations - Tendenz, die der Organism vielleicht durchs Üebermafs der gerinnbaren Lymphe in stheni- schen Entzündungen bekommt, so beträchtlich geworden, dafs sie der Contrac- tion mächtig widerstrebet, ehe sie ihr endlich folget. Durch diese Spannung er- halten wir das Gefühl eines harten Pulses, der Orgasmus des Blutes verbunden mit der vollkommenen Diastole erzeugt die Fülle und Vergröfserung des Gefafses und beides zusammengenommen gibt die Symptome eines athenischen Pulses.
ß) Beide Kräfte können uns herabgestimmt erscheinen. Nach beträchtlich verminderter Quantität der Blutmasse, möge es durch Consumtion vermöge krankhafter Lebens- und Vegetationprozesse, oder durch
Verletzung eines wichtigen Gefäfsstammes geschehen, fühlen wir oft den Puls ganz klein und w e i c h.
Gleichförmiger Wechsel des Stoffes ist mit der Gesundheit gegeben, hier wird aber durch mangelndes Blut nicht so viel ersetzt, als verloren gegangen. Daher ist die Zusammenziehung geringer , denn mit dem Blute fehlt es auch an Oxygen und das wenigere vermag die Faserhaut, deren Erregbarkeit ohnedem, gemindert seyn kann, nicht so stark zu reizen, dafs eine beträchtliche Zusammen- ziehung bewirkt würde.
Zugleich wird aber auch, durch Mangel an Nahrun gsstoff, der Zellhaut nicht genug Materie zugeführet , ihre Consistenz durch verminderte Aggregation gerin- ger, und ihre Structur auf diese Art so verändert, dafs sie an Federkraft verlieret, der Contractilität nicht so kräftig entgegen wirket, und die zusammengezogene Ader nicht so vollkommen wieder ausdehnet; nothwendig werden auf diese, Art Spannung und Fülle gemindert und wir finden den Puls klein und matt als Symp- tom einer iVsthenie eigener Art, derjenigen nämlich, wo mit der Energie auch die Reizbarkeit zugleich gesunken ist.
Es kann auch blos eine beider Kräfte von ihrer Norm abweichen, ohne dafs die andere verletzt sey.
«) Erhöhte Reizbarkeit der Faserhaut.
In krampfigten Krankheiten ist die Oontraction zuweilen durch Einwirkung der Nerven auf die Faserhaut gesteigert, die unveränderte ihr nicht gleich stehende Elasticität ist nun Ursache, dafs das Gefäfs ^ich nicht bis zum Normaldiameter aus- dehnen kann, und daher kleiner erscheint; zugleich liegt aber in der beständig zusammengezogen erhaltenen Zellhaut das Bestreben sich auszudehnen, und wenn sie gleich die in diesem Falle mächtiger gewordene Faserhaut nicht überwindet, so verursacht sie durch ihr Gegenwirken dennoch eine Spannung, die das Gefäfs hart anfühlen läfst. Beides, Kleinheit und Härte, machen den Charakter des krampfhaften Pulses aus.
ß) Oder die Expansion ist "durch vermehrte Elasticitat vorschla- gend und die Reizbarkeit ist nicht verhältnifsmäfsig erhöhet.
Die Plethora ist ein Zustand des Körpers, wo ein Uebermafs von festem glutinösen Blute die Gefäfse erfüllt. Dies versiehe.t die Zellhaut mit hinreichender Masse, ihre Structur wird fester, ,ihre Elasticitat wohl unterstützt. Hierbei ist aber die Reizbarkeit der Faserhaut nicht verhältnifsmäfsig gesteigert, Diastole und Systole folgen einander langsam, und wir finden einen vollen, aber weichen Puls.x
Die mit der Energie nicht verhältnifsmäfsig -erhöhte Reizbarkeit unterschei- det diesen Zustand vom sthenisch- inflammatorischen, wo das Blut durch seinen gleichzeitig gröfsern Gehalt an Oxygen die Faserhaut mit potentiirt und schnellere Contractionen bewirkt. Diese können nun zur Erzeugung der Härte des Pulses sehr viel beitragen, weil die Blutwelle durch die schnelle Zusammenziehung der Wände im ersten Moment gleichsam eingeklemmt wird. Anders ists in der Ple- thora; hier, wo die Reizbarkeit nicht erhöhet ist, geschieht die Contra ction nur langsam, das in der Ader enthaltene Blut kann besser ausweichen , bei gleicher Fülle fehlet die Härte des splenischen Pulses /, wodurch wir beide zu unterschei- den im Stande sind.
Ä'ehnlich werden auch die andern beiden Gefäfsarten verändert, wenn uns gleich ihr Affect durch die Verschiedenheit ihrer Structur nicht so deutlich vor Augen lieget, als bei den Arterien, bei welchen wir durch die alternativen Ak- tionen ? die Verletzungen weit leichter wahrnehmen können.
— 8
Dritter Abschnitt.
Organische Abweichungen der Gefäfse vom Nor m al durch- nies s er.
V i.
enes wären einige Beispiele, die auf pathologische Zustände der Gefäfshäute hin- deuteten, welche noch im dynamischen Cyclus erscheinen. Wird aber Mischung und Structur durch lang anhaltende oder mächtig wirkende Ursachen im höherii. Grade verletzet, so werden nach Verhältnifs die Kräfte der Gefäfse entweder so geschwächt, dafs sie den. Einwirkungen fremder Theile nur geringen Widerstand leisten, oder sie werden ganz vernichtet und unterliegen jenen vollkommen, wo sie denn als Fehler der Form erscheinen, die sich mehr oder weniger im Gebiete des Chronischen verlieren.
Am deutlichsten erblicken wir den stufenweisen Uebergang des Thätigen in das Leidende beim Verlaufe und den Folgen der Congestionen 2). Sind sie heftig, kehren sie oft wieder, so wird durch die Anstrengung, welche die über- mäßigen Actionen veranlassen, die Kraft der Gefäfse gemindert, endlich ganz erschöpft und die Ueberfiillung, die erst Folge schnellerer Oscillationen, also er- höhter Thätigkeit war, wird zuletzt durch erloschene Kraft veranlafst; die ge- lähmten Wandungen können nämlich der Thätigkeit der gesunden Gefäfse nicht widerstehen, müssen dem Andränge des Bluts nachgeben und werden von diesem immer mehr und mehr ausgedehnet. So verwandeln sich active Congestionen in passive, und beharren letztere anhaltend, so können sie durch immer mehr über- hand nehmende An füll im g zu Puls- und Blutadergeschwülwten werden. Durch eine scharfe Gränzlinie, das Thälige vom Leidenden zu trennen, gehöret wegen
2) Reifs Fieberlelire Vol. 3. png. g. Halle, i8o5.
der unmerklichen Abstufungen zu den schwierigsten Aufgaben, so leicht die Differenz auch in beiden Extremen vor Augen lieget.
Ich will nun meinem Zwecke näher zu kommen suchen , und die chroni- schen Abweichungen vom Normaldurchmesser der Gefäfse selbst betrachten. Bei diesen finden wir eben auch bald Zusammenziehimg, bald Ausdehnung über- wiegend, aber nicht als Product der eigenen Kraft .'der Gefäfshäute, sondern als Symptom ihrer erloschenen Kraft, als Wirkung fremder Kräfte. Diese können mm zweifach seyn, nämlich Vergröfserung und Verkleinerung des Durchmessers.
Verengerungen des L u m i n i s. Verengerung des Lumen kann durch Verstopfung, Zusammendriickung irgend eines Theils des Gefäfses oder durch Diversion des Kreislaufes, überhaupt durch alles , was Mangel am zufliefsenden Fluido in einem einzelnen Zweige zur Folge hat, bewirkt weiden. Der Stoff wird hier in beiden Häuten nicht genug reproducirt, der Faserliaut fehlet das Oxygen, der zelligten ihr nothwendiger Gehalt an nährender Lymphe. Mit der Mischung der Gefäfshäute gehen noth- wendig Ihre eigentümlichen Kräfte, ihre Selbstständigkeit, verloren, daher folgen sie denn dem Drucke der sie umgebenden Theile, fallen zusammen , ihr Lumen wird kleiner, kann mit der Zeit aucli ganz verschwinden, ihre Wandun- gen können zusammenwachsen und das Gefäfs sich in ein Band verwandeln.
Ferner können Verengerungen des Luminis durch Verdickung der Häute (Stenochorie), Absatz des phosphorsauern Kalkes u. s. w. erzeugt werden, ja die Verdickung kann so beträchtlich seyn, dafs das Lumen ganz verschlossen wird. In diesem Falle wird der Totaldurchmesser des Gefäfses zuweilen vergrößert, aber der des Luminis verkleinert, je nachdem der Ansatz nach aufsen oder innen erfolget. Die Lehre der fehlerhaften Absonderung und Reproduction gibt uns nähern Aufsehlufs hierüber.
An Beispielen von Verengerungen mangelt es in der Erfahrung nicht. Morgagni 3) fand bei einer Frau , welche in der Jugend den Schenkelhals ge- brochen hatte, nach dem Tode die Venen des kranken Schenkels um | enger als an den gesunden. Derivationen des Kreislaufs sind gewifs eben so oft Ursache der Verengerungen, als es Verstopfungen, Druck und Stenochorien sind. Wir beob-
3) ßeli's Chirurgie 5ter Theil 2te Abtheil, pag, 16g. Leipzig, 1.788.
B
«— io
a eilten dies an den Umbilical - Arterien und Venen. Ist der Nabelstrang imteu- bunden, so bekommt die Vene kein Blut mehr, und das, was sonst in den Arte- rien flofs, wird nun zu den Unterextremitäten geleitet; so verkleinert sicli nun das Lumen, bis es ganz verschwindet und die Gefäfse im späten Lebensalter in Bänder verwandelt werden. Ganz auf dieselbe Art entstehet, wenn nach der Ge- burt das Blut seinen Weg durch die Pulmonalarterie nimmt, Verwachsung des Ductus, arteriosus Botalli und des eiförmigen Loches. Seltene Fälle zeigen, dafs die Arteria pulmonalis verwächst, wenn diese den Blutstrom erhielten und ollen bleiben. Bei der blauen Krankheil sah Hunter 4) die Pulmonalarterie verschlos- sen, in eine feste Substanz ohne Canal verwandelt, der Ductus arteriosus war offen und endigte sich in den linken Ast der Lungenarterie. Voigtel 5) fuhrt mehrere solche Erfahrungen von Puls- Blut- und Saugadern an 6), Wrisberg sagt, er -konnte oft die großen Saugadergefleclite im Becken nicht entdecken, Halle fand bei einem an Atrophie gestorbenen Frauenzimmer fast keine Spur von Milchgefäfsen im Unterleibe. In der Leistengegend zeigten sich trockne matlweifse, ziemlich feste Fäden, welche Nerven glichen, und hie und da nach Art der Ner- venhäute aufgelaufen waren. Bei näherer Untersuchung fand es sich, dafs es die lymphatischen Drüsen mit ihren Lymphgefäfsen waren. Wassers Lichten, endet er, mögen oft von einem, durch Verengerung verursachten,, fündernifs des freien Durchlaufs der Lymphe entstehen,
§• 5.
Erweiterungen des L u m i n 1 s. Wie sie in Hinsicht ihres Wesens der Gegensatz der Verengerungen sind, so scheinen sie es auch in Rücksicht ihrer Ursachen zu seyn. Jene entstehen durch Mangel an zuströmendem Fluido, und diese werden durch den zu starken An- drang desselben befördert. Wenn gleich dieser Andrang erst Folge einer Be- schaffenheit der Wandungen seyn kann, so wird doch durch ihn allein die Aus- dehnung des Gefäfses bewirkt und alle übrige Ursachen scheinen blose Vorarbeiter zu seyn, indem sie dergestalt die Wandungen verändern, dafs der Andrang der Flüssigkeiten ausdehnend auf sie wirken kann, ohne welchen sonst nie eine Er- weiterung zu Staude kommen könnte.
4) Hunter medical ObserV. und Iiiquir. Vol. IV. pag. 33o.
5) Voigtel Handb. d. palh. Anat. ister Bd. Halle, 1804. P'ag-44*' et 478. 63 Ibid jiag. 5<j7.
Häufiger als die Verengerungen sind die chronischen Extensionen der Ge- fäfse anzutreffen; sie sind unbedeutend , oft aber auch gefahrvoll, zerstören ein- zelne Organe, bewirken nicht selten den Tod, veranlassen eine Menge von Krank- heiten und werden durch eben so viele erzeugt. Ihre Verhältnisse wül ich nun näher untersuchen und zwar mit ihrer Erkenntnifs den Anfang machen.
Vierter Abschnitt.
Diagnose der Gefäfsausdehiiungen.
'afs die Diagnose der Gefäfsausdehiiungen bald leichter bald schwieriger sey, ist nicht zu läuguen ; sie können für Sackgeschwülste, Eiter- und Scrophelge- schwülste gehalten, oder diese für Gefäfsausdehiiungen angesehen werden, wovon Hebe n st reit 7) mehrere denkwürdige Fälle erzählet. Bell, in seiner Chirurgie, sagt : Oft wurden unglücklicherweise Geschwülste, die aneurismatöser Natur wa- ren, für Eitergeschwiiiste gehalten und daher durch einen Einschnitt geöffnet. D afs die falsche Erkenntnifs eines Krankheitsfalles nothwendig auch eine verkehrte Behandlung nach sich ziehe, folgt von selbst. Morgagni 8) erwähnt einen Fall, wo ein Wundarzt ein Anevrism am obern Theile des Brustbeines für einen Fu- runkel ansah, und es mit erweichenden Breien und maturirenden Mitteln behandelte, bis er eine Ruptur desselben bewirkte. Zahlreiche Fälle, wo für Abscesse gehal- tene Pulsadergeschwülste geöffnet wurden und dadurch den Tod zur Folge hat- ten, finden wir durch Ludwige) gesammlet. Die Lippenkrankheit, deren Be- schreibung ich weiterhin meinem Leser mittheile, wurde für Lippenkrebs gelial-
7) B e 1 1 1. c. Tom. I. pag- 141 — : ifö.
8) Morgagni de sed. et caüs. inorb. Venet. i--6r. Epist. XXVI. {. g.
g) Panegyris medica. Diagnost. cbirurg. fragm. I. De anevr. ver. intern. JLips. i8o5. d. 8. Mar« tii p. 7.
B 2
ten, als solcher mit heroischen Mitteln behandelt, die des Knaben Gesundheit schon zu zerstören anfingen, und dem Uebel keinen Einhalt thaten.
Möge das Angeführte hinreichen zu beweisen, wie nachtheilig Irrungen die- ser Art sind. Das Mittel, sie zu verhüten, wäre freilich, eine vollkommnere Diagnostik aufzustellen, aber die öftere Verborgenheit des Uebels, die mannig- faltigen Nuancen desselben, die Veränderungen durch Dauer und Zusammen- setzung mit andern Krankheiten , stellen uns unüberwindliche Hindernisse in den Weg. Von der äufsersten Wichtigkeit der Diagnostik, die ich für den schwie- rigsten Theil der gesammten Heilkunde halte, überzeugt, habe ich mit aller Sorg- falt dieses Kapitel bearbeitet, und vielfach wäre meine Mühe belohnt, wenn ich nur ein Geringes zur Vervollkommnung dieses Theils der Zeichenlehre beige- tragen hätte.
§. 2.
Im Allgemeinen ist die Erkenntnifs der Krankheit um desto leichter, je näher diese der Oberfläche des Körpers, um desto schwerer, je näher sie der Mitte desselben liegt.
Unfehlbar ist sie an der äufsersten Fläche, wo abnorme Färbung und eigene Structur sie darbietet. Schwieriger ist sie unter der Haut, wo die Krankheit durch Geschwulst und durch die Eigen thüm lichkeit der Gefäfse erkannt wird. Am schwierigsten, und nicht selten unmöglich, ist die Erkennt- nifs in den Tiefen des Körpers, wo die Zeichenlehre uns ganz zweifelhaft läfst, wenn die Krankheit sich nicht durch ihre Einwirkung auf benachbarte Organe und durch Phaenomene verräth, die den Gefäfsen unmittelbar zu- gehörem
§. 3. Gefäfsausdehnungen an der äufsersten Oberfläche.
Sind die Gefäfse nur durch eine zarte Membran, wie z. B. die Epidermis, bedeckt, so weicht die gleichförmige Farbe der Haut ab und man entdeckt auf der- selben die Gefäfsehen durch ihre eigenthümliche Färbung, die sie ihrem verschie- denen Inhalte verdanken: so erscheinen die kleinen Arterien • hellroth, durch ihr oxydirteres JBlutj, die Venen violett oder dunkelblau, wegen ihres carbonisirten
— i5 —
Fluidi, und dieSaugadern weifs oder durchsichtig, nach der verschiedenen Lymphe die sie führen. Wir sehen deutlich an sonst freien Orten zarte Stämmchen, die theils einzeln ihrer Länge nach ausgedehnt sind , theils sich zu künstlichen Ge- flechten und Netzen vereinigen. Betrachtet man diese durch eine Lupe, so gewähren sie den interessantesten Anblick.
§. 4. ,
Sind die Ausdehnungen tiefer unter der Haut, so bilden sie mannigfal- tige Gesch wülste; werden diese von Eigentümlichkeiten der Gefäfse begleitet, so geben sie uns ihre Natur als Gefäfsausdehnungen zu erkennen.
Erscheint daher an irgend einem Orte eine Geschwulst, so sehen wTir fürs erste, ob sie mit den Kanälen des Kreislaufs in unmittelbarem Zusammenhange stehet.
1) Veränderung des Volumen durch vermehrten oder un- terdrückten Zuflufs. Wird das Gefäfs zusammengedrückt, welches zu oder von der Geschwulst gehet, so hemmen wir dadurch den Rück- oder Zuflufs des Fluidi und bewirken nach Mafsgabe ein Anwachsen oder Sinken. So ver- kleinert sich z. B. ein Anevrism der Armschlagader, wenn wir sie oberhalb der Geschwulst zusammendrücken , weil das im Anevrism enthaltene Blut weiter fort strömt, und derVViederersatz desselben gehindert ist. Comprimiren wir hingegen eine Geschwulst der Vena Saphena oberhalb, so stören wir den Abflufs aus derselben, ohne den Zuflufs zu mindern und der Varix vergröfsert sich; legen wir am entgegengesetzten Ende die Ligatur an,, so erfolgt nothwendig das Ge- gentheil.
2) Leitet Uns der Sinn des Getastes. Die Geschwulst fühlt sich elastisch, weich, und zuweilen wie eine mit Wasser gefüllte Blase an, wenn der Tumor gröfser und von einem Gefäfse erzeugt ist. Sind aber mehrere kleinere Gefäfse an einem Orte zugleich ausgedehnt, so glaubt man ein Bündel Regenwürmer zwischen den Fingern zu haben. Dies wären die allgemeinen Merkmale j die besondern der einzelnen Gefafsarten mögen nun folgen.
Die P11 sadergeschwülste unterscheiden sich von den übrigen durch die Pulsation im Tumor, die zuweilen aufserovdenllich h ftig , zuweilen minder stark ist und uns dann vollkommen das We.en der Krankheit zu erkennen gibt. Man hegt zwar gegen die Zuverlässigkeit desselben mancherley Zweifel r man
will zuckende Bewegungen und Krämpfe in den äufsern Theilen (Sprengeis Fathol. T. l. §. 424.) bemerkt haben, die, wenn sie mit Geschwülsten verbun- den wären, das Ansehn der Anevrismen hätten. Allein Zuckungen und Krämpfe werden nicht so regehnäfsig und häufig erfolgen, als der Pulsschlag, nicht be- ständig fortdauern und gewifs InLermissionen haben. Ferner soll zuweilen eine verhärtete, über einer starken Arterie gelegene Drüse, die durch ihren Puls- schlag bewegt wurde, Veranlassung zu Täuschungen gegeben haben. Indefs sind diese Fälle äufserst selten, und können doch wohl von geübter Hand unter- schieden werden, da die übrigen wesentlichen Merkmale fehlen; ist die Drü- sengeschwulst klein, so wird sie durch Compression dennoch nicht, wie das frische Anevrism , an Volumen abnehmen; ferner wird, wenn gleich Pulsatio- n en für den x4rzt scheinbar da sind, der Patient dessenungeachtet keine fühlen, weil die Ader gesund ist und der gelinde Druck, den die Drüsengeschwulst erregt, den Kranken keinen Schlag fühlen läfst. Man kann durch jeden auf die Arterien angebrachten Druck dies erweisen, beim angelegten Tourniquet z. B. fühlt der Patient die Pulsation über der Pelotte und dies nur dann, wenn die Compression vollkommen ist, er fühlt aber gar keine, wenn sie nur um etwas gemindert wird.
Dies gilt von der Pulsation einzelner grofserer i^rterienstämme. Sind aber mehrere kleine Arterien an einem Theile zugleich ausgedehnt, so erhält man bei subtiler und aufmerksamer Betastung aus allen Punkten kleine sehr zarte Stofse, die durch die Pulsationen der Arterienästchen entstehen , und Ur- sache sind , dafs der Kranke sich über ein prickelndes Gefühl in der Geschwulst beklagt.
Den Blutadergeschwülsten fehlet die Pulsation , und sie wachsen , wenn man oberhalb des Tumors die Ligatur anleget, bei den Pulsadergeschwülsten findet das Gegentheil Statt; die Varices schimmern schon bei mäfsiger Größe blau durch die Haut, bilden regellose Höcker.
Die Lymphausdehnungen entfärben die Haut nie, die Geschwulst behält immer ihr weifses Ansehen, meistens leidet ein grofser Theil eines Stammes in seiner Länge, und fühlt sich dann wie ein gespannter Bindfaden oder bei längerer Dauer, wegen der vielen Valveln der Lymphgefäße , wie eine knotige Schnur an. Eher als m den übrigeu Gefäfsen gerinnt ihr Contentum, daher ihre ge- wöhnliche Hirte. Ferner erkennt man sie durch den Ort, den sie einnehmen,
— lb —
durch das beständige Mitleiden der Drüsen und durch die genaue Richtung, die sie nach denselben hin nehmen.
Doch bleiben alle diese Merkmale nicht so vollkommen, wenn die Aus- dehnung lange gedauert und sehr überhand genommen hat. Durch die Unthätig- keit der Häute häuft sich das Contentum in der Gefäfsausdehnung, stockt und ge- rinnt in derselben, es setzen sich Schichten des Coaguli an die Wände, machen diese stärker, verändern das ganze Wesen der Geschwulst und die wesentlichen Merkmale derselben gehen mehr oder weniger verloren. Die Geschwulst ver- lieret ihre Elasticität und Weichheit, sie fühlet sich hart an, verändert ihr Volu- men nicht mehr nach Mafsgabe des durch Ligatur gestörten Ein- oder Abflusses, die Pulsation der Arterien wird gemindert oder ganz aufgehoben, und die Diagnose ist zweifelhaft. Man kann die Gefäfsausdelmungen in ihren verschiedentlichen Gestalten verkennen, sie mit andern organischen Fehlern verwechseln, wenn alle ihre wesentlichen Symptome verloren gehen. Allein meistens bleiben doch einige zurück, und dafs die übrigen dagewesen, erweiset die sorgfältige Untersuchung der KrankheitsgeschicLte. So fühlte z. B. der Kranke ehedem starke Pulsationen im Anevrism, es war sonst weich und elastisch. Die Varices an den Füfsen hat- ten , ehe sie groß und hart wurden, periodisch zu- und abgenommen, waren stärker gewesen, wenn der Kranke einige Zeit gestanden hatte, verkleinerten sich, wenn die Füfse in horizontaler Lage gehalten wurden, die noch vorhandenen sinnlichen Merkmale, z. B. der Ort der Krankheit u. a. m. erhellen durch die Krankheitsgeschichte, werden uns in den meisten Fällen Auskunft über die Natur der in Anfrage stehenden Krankheit geben«
§. 5.
Ich komme endlich auf die Zeichenlehre der innern, in den Holen des Körpers eingeschlossenen Gefäfsausdelmungen.
Durch die gestörte Function des Theils, zu welchem sie gehören, und durch den Druck und die Spannung, die sie dort erregen, werden wir auf das leidende Organ aufmerksam gemacht. So erfolgt Blindheit bei anevrismafö- ser retiua; Stimmlosigkeil, beim Anevrism der Schilddrüsenschlagadern (Spren- geisPathol. T. 1.) So erzeugen Pulsadergeschwülste der Nierenarterien Ischurie to)
10) Licutaud Hist. anat. med. .Amstel. et Goth. 1796. Vol. I. Lib. 1. Observ. iG32.
— 16 —
und Blutader -Knoten im Gehirne Kopfschmerz. «), Schwindel ™), Melancholie, Manie 13) und Apoplexie *4). Sind nun die übrigen Zufälle unmittelbare Phaenomene verletzter Gefäße , dann sehen wir , dafs jene gestörten Fuiiq- tionen in Causalverbindung mit ihnen stehen, wir erkennen den Ort und das Lei- den und nicht selten auch die Art der Gefafse, wie aus folgendem deutlicher wird.
§.6.
Bei innnern Pulsaderausdehnungen ist die Diagnose leichter auszumachen; Arterien, als die vollkommensten Gefafse, besitzen eine Eigenschaft , nämlich die Pulsation , die ihre Extensionen auch im verborgensten verräth. Denn liegt das Gefäfs nicht gar zu tief, oder ist es nicht mit Knochen ganz umhüllt, wie im Kopfe, so fühlt der Arzt die Pulsalion, so z. B. entdeckt er sie bei Anevrismen der Brusthöle durch die Zwischenräume der Ribben , und bei denen des Unter- leibes an dem vordem Theil desselben, oder am Rücken. Ist die Hole aber für das Getast unzugänglich, kann also der Arzt die Pulsation nicht fühlen, so be- klagt sich dennoch der Kranke über ihr lästiges Gefühl und bestimmt genau den Ort, wo er ein Klopfen verspüret, welches durch jede Ursache erhöhet wird, die den Kreislauf befördert ; so nimmt das Uebelbefmden des Kranken durch den Ge- nufs geistiger Getränke, durch Laufen, Treppensteigen u. s.w. überhand, und wir können bei einem Aneurisma Aortae durch Laufen die Pulsation so vermeh- ren, dafs die Dyspnoe bis zur Orthopnoe gesteigert wird. -
Andere Krankheiten innerer Theile, in deren Verlaufe auch Pulsationen vorkommen, sind vom Anevrism wohl zu unterscheiden. Active Congestionen gehen sehr schnell vorüber, Anevrismen sind chronisch. Bei Entzündungen fin- det das nämliche Statt , denn, ihre wesentlichen Begleiter nicht gerechnet, finden sich blos im Anfange Pulsatiouetr bei ihnen ein.
Kranke, die ein Anevrism ohne Pulsation haben, mögen wohl selten vor- kommen, denn sie sterben eher, als das innere Anevrism zu jenem Grade heran-
Ii) 1. c. "Vol. II. Longos. 1787. Lib. 3. Observ. 348, 345 etc. 1:.) 1. c. Vol. I. Libr. 1. Observ. 204. i3) 1. c. Libr. 3. Observ. 64. 14) 1. c. Libr. 2. Observ. 16g.
— 17 —
wächst, und gesetzt, die Pulsation hätte aufgehört, so würde uns das Vorherge- gangene belehren.
Weit dunkler ist die Erkenntnifs innerer Varicen ; zwar fühlt der Kranke Druck und Spannung, bestimmt uns dadurch den Ort der Krankheit, und die verletzten Verrichtungen zeigen uns das afficirte Organ, aber es zu entdecken, dafs diese Anomalien von ausgedehnten Blutadern herrühren, dies ist sehr schwer, da ein so bestimmtes Zeichen, wie die Pulsation bei Anevrismen, uns liier fehlet. Der Arzt mufs sich also an sonstige den Gefäfsen eigenthümliche Phaenomene halten und sie mit den sichtbaren Verletzungen vergleichen, um in der Diagnose, wenn auch nicht zur vollkommenen Gewifsheit, doch zur nahen Wahrschein- lichkeit zu gelangen.
1) Venen bluten per Diapedesin und Anastomosin, und dies um desto leich- ter, je mehr sie ausgedehnt sind, weil ihre Wandungen lockerer, zum Durch- schwitzen geneigter sind, und ihre erweiterten Ostia den Blutflufs begünstigen; es stellen sich daher nebst den schon angeführten Zeichen auch Haemorrhagien ein. Pohl sah einen Knaben an Varicen des Gehirns leiden, der mit dem Niesen Blut durch die Nase verlor. Eben so entstehet Haemoptysis bei Bluladerknoten der Lungen, Haematemesis bei Varicen des Magens, der Leber und der Milz, Fluxus haemorhoidarius bei Extension der Mastdarmvenen und Haematurie bei Ausdehnungen der Nieren und Blasenblutadern. Gibt uns auch diese Erschei- nung kein Licht oder ist sie gar nicht vorhanden,, so sehen wir
2) Auf die Disposition: ob der Kranke an andern uns sichtbaren Theilen ähnliche Krankheiten gehabt hat oder noch habe. So können wir bei einer Colic, die nach unterdrückten Haemorrhoiden entstand, schliefsen, dafs es eine soge- nannte Haemorrhoidal- Colic sey, deren Wesen in einer Ausdehnung der sämmt- lichen Venen des Darmkanals begründet zu seyn scheint.
3) Unsere Aufmerksamkeit richten wir ferner auf die entfernte Ursache : ob etwan sonst öftere Congestionen nach den Theilen vorhanden waren, die jetzt erkranken. So sterben Personen, die oft an Congestionen nach dem Kopfe leiden, in ihren spätem Jahren leicht an Apoplexie, die durch Varicen des Gehirns zu Stande kommt.
C
— i8" —
4) Endlich mufs die Syndrome der gesammten Phaenomene das nähere be- stimmen. So werden uns die Molimina haemorrhoidalia, als ein Inbegriff sinn- licher Merkmale, die Ausdehnungen der Venen m dem Mastdarme ankündigen und wir die Natur der Krankheit erkennen, ohne die Varicen zusehen oder zu fühlen. Die Syndrome der Symptome wird aber durch die einzelnen Organe modincirt, ist verschieden in verschiedenen Organen, fällt also in die specielle Zeichenlehre der Extensionen und gehört nicht hierher.
5- 8.
Am weitesten zurück ist aber noch die Zeichenlehre der innern Saugader- ausdelmungen. Die nämlichen Affectionen, die sie durch ihr vergröfsertes Vo- lumen veranlassen, nämlich drückendes, spannendes Gefühl, gestörte Function des durch sie angegriffenen Organs, haben sie mit den übrigen Gefäfsen gemein. Nun sollen wir es durch ihre wesentliche Zufalle erkennen, dafs die Anomalie durch sie entstand. Allein diese sind fast nie für unsre Sinne wahrnehmbar und nur zuweilen wird das aüfgefafste Bild des Ganzen uns zur Erkenntnifs führen.
Wir müssen daher zur Diathese, der entfernten Ursache, zu den vorher gegangenen und mit vorhandenen Krankheiten, unsre Zuflucht nehmen, um et- was näheres bestimmen zu können. So sehen wir, ob seröse Anlagen, seröse Congestibnen sichtbarer Theile z. B. Oedem an den Füfsen, vorhergegangen, ob äußere Extensionen der Lymphgefäfse zugegen sind, oder ob ihnen ähnliche Krankheiten plötzlich unterdrückt wurden.
Als erläuterndes Beispiel mögen einige Beobachtungen Lieutaud's dienen.
Ein siebenzigjähriger Mann *5) hatte Oedem derFüfse; durch die durchfressene
Haut flofs eine Menge Serum aus, zugleich hatte er einen so heftigen Ptyalism,
dafs alle Zähne ihre Festigkeit verloren, die Salivation wurde plötzlich unterbro-'
chen, der Mann ward schlafsüchtig, seine Sprache gelähmt, er starb und bei
Eröffnung seines Leichnams fand man mehrere Hydatiden von der Gröfse einer
Haselnufs im Ad ergeh1 echte des Gehirns, auch War Lymphe, wahrscheinlich durch
Zerplatzung einiger Hydatiden, in die Hirnhöle ergossen. Ebenso merkwürdig
ist ein zweites Beispiel. Ein zwölfjähriges Mädchen *6) von pituitöser Anlage litt
i i5) Lieutaud 1. c. Vol. 2. Lih. 5. Observ. l65.
16) L. c. Lib, 3. Observ. 194.
— 19 —
seit vier Monaten an einem fixen Schmerz auf dem Wirbel des Kopfes, als plötzlich neberloses Erbrechen eintrat, das der Tod endete. Bei Eröffnung des Kopfes fand man alles im normalen Zustand, bis man unerwartet, eine, Was- serblase entdeckte, die auf den Natibus und dem Infundibulo lag und aus wel- cher auf zwei Pfund Wasser mit Gewalt hervordrangen, als man sie öffnete.
Fünfter Abschnitt.
Differenzen der Gefäfsausdehnungen.
§. i.
j Jafs alle Organe, die durch Membranen Holen bilden, den Ausdehnungen vorzüglich leicht unterworfen sind, lehret die Erfahrung. Der Augapfel wird drei, viermal gröfser, als er im normalen Zustande ist, tritt weit aus der Orbita hervor, ja er zerstöret sogar durch seine Ausdehnung, im höheren Grade des Hy- drophthalmi, die benachbarten Knochen. DeHaen"7) sah die Gallenblase eines wassersüchtigen Knaben von acht §2 Galle ausgedehnt und Goldwitz 18) erzählet mehrere ähnliche Fälle. Oft war die Urinblase so weit ausgespannt, dafs man ihre Anfüllung mit Bauchwassersucht verwechselte. Parson *9) sah ein von Wasser ausgedehntes Ovarium, was zugleich so verdickt war, dafs es genug Sub- stanz hatte, um gegerbt zu werden;' nachdem es zubereitet war, konnte man 9 Gallonen Wasser hineingiefsen;
So könnte ich mehrere Beispiele anführen, wenn ich nicht voraussetzte, dafs Ausdehnungen fast in allen Organen als möglich allgemein anerkannt wären.
17) De Hden Heilungsmethode von Platner. Tom. 4. p. 10.
18) Gold-svitz neue Versuche über Pathologie der Galle. Bamberg, 178g.
ig) Philosoph. Transact. etc. reprinied accoiding to the London Edition, Vitemb. 1771- ibr the year 1757. Vol. 5o. p. 172. ( * 555.)
C 2
— 20
§. 2.
Wesentliche Differenzen der Gefäfsausdehnungen.
Zu der Klasse der krankhaften Ausdehnungen gehöret die Gefäfsausdeh- nung als Ordnung; diese zerfällt nach der physiologischen Verschiedenheit der Gefäfse in mehrere Genera.
Nothwendig und in der Cur von beträchtlichem Nutzen ist diese Eintheilung, da jedes Genus der Gefäfse ein besonderes Glied in der organischen Kette aus- macht, seine Krankheit daher in einem mehr oder weniger verschiedenen Causal- verhältüifs mit dem Organism stehet. In dieser Rücksicht können wir also so viel Genera von Gefäfsausdehnungen annehmen, als es wesentlich verschiedene Ge- fäfs- Arten gibt und wir hätten dann drei, nämlich Arterien- Venen- und Lymphgefäfsausdehnungen.,
Anevrism hat durch Convention Bezug auf Ausdehnung der Arterien. Cir- sus und Varix, auf Erweiterung der Blutadern; für diese Krankheit der Saug- adern, die oft genug vorkömmt und deutlich gesehen wird, gibt es, so viel ich weifs, noch gar keinen Namen. Hydatis. un Hygroma nennt man gewöhnlich blos blasenförmige Ausdehnungen der Lymphgefäfse, dieser Name pafst also blos für eine Variation der Lymphgefäfsausdehnungen. Da nun für Venenausdehnung zwei Namen da sind, so könnte man -einen von ihnen den LymphgefäTsen. geben, und zwar den für Blutaderausdehnungen weniger gebräuchlichen , nämlich Cir- sus 2p) ; da ich keinen bessern weis, so werde ich ihn in diesen Blättern in gesag- ter Bedeutung gebrauchen..
§". 5...
Jedes Genus begreift nun sein ganzes System und die Krankheit kann an allen Theilen desselben vorkommen, sie kann jeden Stamm, jeden Zweig und jedes äufserste Ende einnehmen, ohne deswegen in ihrem Wesen verschieden zu seyn, sie bleibet was sie ist, Anevrism, Varix oder Cirsus, möge sie am Kopfe oder Fufse vorkommen.. Dennoch ist es aber nothwendig, jeden individuellen Fall nach dem Orte bezeichnen zu können , den er behauptet , denn wenn gleich das Wesen der Gefäfsausdehnimg dasselbe bleibt, so mufs ihre Wirkung auf die
ao) Dioscor. d. mat. med. 1. 4. c. 104. dicit, x<g<m appellati sunt ab herba Kigirw, quae dolore»
. 'varicum sedavit.
21 —
Organe, die sie einnimmt, und auf die benachbarten Theile, doch eben so ver- schieden seyn, als es jene sind. So bewirkt ein Anevrisma Arteriae centralis kein Asthma und eines der Aorta keine Amavrose. Es ist also nothwendig, in jedem individuellen Falle die Gefäfsausdehnung dadurch näher zu bestimmen, dafs wir bei gröfsern Stämmen das erkrankte Gefäfs, oder bei kleinen Aestchen das eingenommene Organ mit hinzusetzen und hierauf die Arten begründen. Diese Eintheilung ist für die Diagnose von grofsem Vortheil, da sie für jede Art zugleich die Gruppe der möglichen Symptome determiniret.
i $
Zufällige Differenzen.
Die zufälligen Differenzen sind äufserst mannigfaltig ; die wichtigsten will ich nennen.
1) Mit dem Beiworte verus bezeichnet man jene Adergeschwülste, die, bei unverletzter Continuität, durch Ausdehnung aller ihrer Häute entstehen; allein dieses kann wohl ganz wegfallen, denn alle Gefafsextensionen müssen echt seyn, oder sie sind es nicht y sind also etwas anders und dürfen dann nicht mehr Gefäfsausdehnun gen heifsen. Dasselbe gilt von dem
2) Beiworte spurius, es pafst seinem Sinne nach gar nicht zur Bestim- mung eines Krankheitszustandes. Dem Sinne nach, den man in dasselbe legt, soll eine falsche Gefäfsausdehnung so viel als eine Geschwulst heifsen, die durch Zerreifsung der Gefäfswandung entstehet, wenn das Blut sich in das benachbarte Zellgewebe ergiefst. Aber dies ist nicht Ausdehnung, sondern Ruptur mit ihren Folgen, und als solche gehöret sie zu der Rubrik, die unter sich die Verletzun- gen der Continuität begreift, aber nicht zu der, welche die Gefäfsextensionen ab- handelt. Sie kann zwar Ursache und Folge der Ausdehnung seyn, ist aber den- noch nicht eins mit ihr, da sie ganz ohne alle Ectasie, .z. B. nach einem unglückli- chen Aderlafs, entstehen kann.
5) Eher gehöret der Zustand hierher, den die Aerzte den gemischten (nrix- tus 20) nennen, wo bei Verletzung einer Haut die andere vom Andränge des Blutes ausgedehnt wird. Es entstehet also ein Zustand, der gleichsam aus dem echten und unechten zusammengesetzt erscheint. 21) Richtet's Chirurgie T. I. p. 322.
4) C i r c u m s c r i p t ist eine Extension wenn sie mehr sphärisch erseheint, fast eben so lang als dick ist, und genau bestimmte Glänzen hat. So erscheinen die Cirsen unter der Form der Hydatiden und Hygrome, und eben so entstehen auch in Arterien und Venen oft ganz runde Eclasien.
5) Sind hingegen die Stämme der Gefäfse ihrer Länge nach, wie man es häufig in den Varicibus gravidarum sieht, ausgedehnt, die Extension also um vieles länger, als sie stark ist, und die Glänze derselben wenig bestimmt, so er- hält sie den Namen einer diffusen; beide gehen durch unmerkliche Stufen in einander über.
6) Total ist die Ausdehnung, wenn das Gefäfs in seiner ganzen Peripherie erweitert ist.
7) Partial, wenn die Ausdehnung blos an einer Seite des Gefäfses Statt fin- det; am häufigsten finden wir diese am Herzen, wo bald dieses bald jenes Ohr, bald der rechte bald der linke Ventrikel, oder blos die Spitze erweiteit ist.
8) Schwellen einzelne Gefafse an, so nennt man sie extensiones soli- tarias.
9) Aggregatae heifsensie, wenn mehrere an einem Ort zugegen sind; zu- weilen schwellen mehrere Venen in einen Klumpen vereinigt an , und bilden un- förmliche Geschwülste, die man nach einer entfernten Aehnlichkeit Uva, Mo- rum 22) nennt.
10) Ist eine Vene so verwundet, dafs sie mit der anliegenden Arterie durch eine gemeinschaftliche Oeffhung der Wandung unmittelbar comnruniciret , und durch das aus jener eindringende Blut ausgedehnt wird, so ist es ein Varix aneuris- matosus 23). Eine Venenausdehnuug im Verhältnifs zu einer gegebenen entfern- ten Ursache, macht also diese Variation aus.
• 11) Exsudantes extensiones: solche Ausdehnungen der Gefafse, dafs ihre dünn und locker gewordenen Wandungen das Contentum hindurchlassen.
Sind sie auf der äufsersten Fläche, so erregen sie sichtbare Blutungen; zu- weilen trocknet das Blut auf der Oberfläche und incrustiret sie schwarz; Sömme- ring 24) sah einen Mann, dem aus der Brust beständig Blut sickerte, bis ihm end-
22) Heil Fieherlehre Vol. III. p. 184. Ausg. v. 1804.
23) Fott Abli. über \erscli. Gegenst. der Clihuig. S. 173. Bell. 1. c. lib. 1. p. 117. Rich- te r 's Chir. Tom 1 . J. 857. p. 35g.
«4) Baille Anat. des krankhalten Baues etc. -von Sömmering. Berl. 1794- Anmeikung 33.
20 —
lieh ein starker Ausflufs plötzlich das Leben raubte. Einen hierher gehörigen Fall werde ich im eilften Kapitel erzählen.
Liegt das Gefafs unter der Haut, so ergiefst sich das Blut in die Zellen des
benachbarten Zellgewebes, erzeugt immer fortwachsende Blutgeschwülste, die
i zuweilen eine ansehnliche Gröfse erlangen, und nach Ausrottungen immer wie- derkehren, wenn das Gefafs nicht geheilet oder mit ausgerottet werden kann , was sie erzeugt. Auf diese Art entstehen mannigfaltige und beträchtliche Blutge- schwülste, die sich auf vielfache Art mit Angiectasien paaren.
Ist das Gefafs aber in irgend einer Hole eingeschlossen, so ergiefst sich das Blut in dieselbe; hat es nun Abflufs, so kommt dasselbe an den Tag, hat es kei- nen, so- sammelt es sich in der Hole an. Auf erstere Art mögen wohl meistens die haemorrhoidal Blutflüsse zu Stande kommen, und im letzten Falle, wo das Blut unbemerkt und ungehindert durchsickert, stirbt der Kranke allmählig unter dessen Verluste 25). Nach Voigtel's 26) Meinung mögen dies solche Fälle ge- wesen seyn, wo nach dem Tode bei unverletzter Continuitä't der Gefäfse die Ho- len mit Blut gefüllt getroffen werden.
12) Endlich ist noch eine Differenz übrig , die zwar eben auch zufällig, aber deswegen nicht minder merkwürdig ist, als die genannten^
Von je her richteten die Aerzte ihre Aufmerksamkeit mehr auf die Affec- tionen der gröfsern Gefäfse, weil sie leichter in die Augen fielen, nahmen aber Weniger Rücksicht auf das Leiden der Gefäfsenden, die als lezte Fortsetzungen jener im gesunden Zustande wegen ihrer Feinheit unser n Sinnen verborgen blei- ben. Sie leiten in ihrem äufserst kleinen Lumine nicht mehr dickes Blut, sondern zartes Serum und Dämpfe, sie werden daher auch seröse und exhalirende Ge- fäfse genannt, sind den Gesetzen ihrer Stämme unterworfen, werden unter gleichen Verhältnissen auf dieselbe Art verändert, und erleiden daher wie jene Ectasien. Dann erst, wenn ihre Diameter durch Krankheit vergröfsert sind,, ist es uusern Sinnen möglich, sie wahrzunehmen. "Wir erblicken sie durch abnorme Färbung bei den Arterien und Venen, weil in den vergröfserten Raum nun ge- färbtes Blut strömt, wo sonst nur durchsichtiges Serum und Dämpfe beweget wurden. Ausdehnungen der Lymphgefäfsenden erkennen wir dadurch,' dafs an Orten, wo sonst keine gesehen wurden > nun deutlich welche fließen. Seltener
25; Ibid. p. 17.
26) 1. c. Vol. 1. P. 468.
21
als die Ausdehnungen der Stämme sind die der Gefäfsenden, weil ihre Häute im Verhältnifs zum Contento stärker sind zl), kommen aber auch oft genug vor, um einen Platz m der Pathologie zu verdienen. Bei genauerer Untersuchung ge- währen sie den überraschendsten Anblick, den ich kenne. Man hält es gar nicht für möglich, dafs der Körper so reich an Gefäfsen sey, man erblickt sie in zahl- loser Menge an Orten, wo man nie welche sah, sie sind oft so häufig, dafs sie ein ganzes Organ in eine Gefäfsmasse verwandeln, und den Beobachter verleiten können, den ganzen Organism für eine belebte hydrostatische Maschine zuhal- ten, deren verborgenster Mechanism durch diese Krankheit erst «nthüllet würde.
Bei der Ruhr findet man , nach Sömmering 28), die Gefäfse der Gedärme sehr stark angeschwollen, so dafs ihre kleinsten und sonst nie sichtbaren Zweige alsdann zu sehen sind. Geläfslos scheint die innere Haut der Gefäfse zu seyn, bei gewaltsamen Einspritzungen entdecken wir aber mehrere Gefäfse in ihr und bei der Gefäfsentzündung, wo die Vasa vasorum ausgedehnt sind, bilden sie so zahlreiche Netze., dafs die innere Haut nach Hunter's29), Osiand er 's 3o) und Abernetty's 3i) Beobachtungen ganz roth gefärbt ward. Reil 32) Und Frank 33) sahen bei inflammatorischen Gefäfsfiebern nicht blos das Herz und die Arterien, sondern selbst die Venen, auf ihrer innern Fläche ganz roth von aus- gedehnten Gefäfsen. Das Weifse im Auge ist in seinem normalen Zustande blen- dend weifs, von deinem noch so kleinen Gefäfschen getrübt und wo bleibt uns in der vollkommenen Cirsophthalmie (vid. Absch. 6. No. 11) ein Ort übrig, den wir durch die Luppe nicht als ein Gefäfs erkennen?
Dafs an Orten, wo man nie Gefäfse sah, welche erscheinen können, be- weisen die angeführten Fälle. Nun einige Worte über ihr Entstehen : Mehrere Aerzte hegen die Meinung, dafs die Röthe der Entzündungen durch Gefäfschen entstünde, die nie da waren, sondern erst jetzt sich erzeugten j das Nämliche
2*7) A u ten riet h 1. c. Tom. 1. p. 160.
28) Sömmering de morb. vasori absorb. $. XVIII. p. 36.
29) H unter Transact. of a Soc. for the improv of. Med. and Chir. Knowl. Lond. 1798. Vol. I. Med. and phil. Comm. Lond. 1774« Vol. III. p. 465.
3o") Oslander neue Denkw. B. 1. 'S. 27.
5i) Abemetty chirurg. und physiol. Vers, übers. >v. Brandis, Leipz. 1795. S. 178.
02) Pteil 1. c. tom. II. p. 35.
53) Jos. Frank Erläuter. der Erregungstheorie. Heilbronn, i8o3. T. 1. p. 187.
— 535 —
könnte man auf den chronischen Zustand übertragen; allein wozu eine erkünstelte Erklärungsart? Weit natürlicher ist sie, wenn wir Erweiterung jener -zartesten Organe annehmen, deren Existenz wir auf so deutliche Art im gesunden Zustande erweisen können. Wer wird an exhalirenden Gefäfsen zweifeln? wer an serösen, wenn nach dem Tode durch gewaltige Einspritzungen sie gefüllt unserm Auge deutlich erscheinen? Und dafs sie Product neuer Organisation auch nach dem Leben seyn, wird wohl niemand behaupten.
Ich hatte öftere Gelegenheit Ausdehnungen der Gefäfsenden zu beobachten und sah, dafs im höhern Grade nie eine Art allein, sondern stets Arterien- Ve- nen- und Lymphgefäfse zugleich extendirt waren, und glaubte daher, dafs wahr- scheinlich entweder die entfernte Ursache so wirkte , dafs alle Gefafse am gege- benen Orte erkrankten, oder dafs die Aflection der einen Art die der andern nach sich zöge; zwar war bald diese bald jene Art die vorschlagende, doch nie eine ganz allein erkrankt.
Diese Ausdehnungen der Enden aller drei Arten von Gefäfsen sind genau an einem Orte, nehmen ein ganzes Organ, oder einen Theil desselben ein , sie er- scheinen als eine verworrene Verschlingung einer unnennbaren Zahl von Gefäfsen, man sieht nichts weiter als Gefafse und alle eigenthümliche Merkmale des Organs sind verschwunden. Haut ist nicht mehr Haut, Muskel nicht Muskel, Knochen nicht Knochen, sondern ein Conglomerat zahlloser Gefafse aller Art, die, indem sie durch ihre Extension sichtbar werden, das Wesen des Organs zerstören, das sie unsichtbar sonst bildeten. >
Bei dieser Ausdehnung aller kleinsten Theile eines Ganzen mufs freilich auch das Ganze beträchtlich an Umfang zunehmen, daher die aificirten Theile an- geschwollen und unförmlich vergrößert gefunden werden ; wir sehen sie drei, sechs und mehmal gröfser. Wie fein müssen aber die Röhrchen gewesen seyn, die, um so vieles vergrößert, erst mit bewaffnetem Auge entdeckt werden , und diesem noch so zart erscheinen.
Dieser Zustand kann Mos die Fläche eines Organs betreffen, so bei der Cir- sophthalmie; er kann ein- Glied zum Theil einehmen, wie aus der Lippenkrank- heit «'hellet, die ich im zehnten Abschnitte beschreibe, ja er kann auch ein ganzes Organ afficiren, wie bei der Cirsocele der JLioden. Nicht immer ist diese Ano- malie ganz rein, öfterer wird sie von Anevrism, Varicen und Cirsen gröfserer Gefafse begleitet, die verschiedentlich mit ihr vermischt sind, wie mau schon aus
D
— 26 —
der zweiten Figur der zweiten Kupfertafel sehen kann ; zuweilen gesellen sicli ihr auch Entzündungen, Verhärtungen u. s. w. hinzu, wo wir dann hier, wie hei je- der Coraplication , den Namen des gegebenen Falles a potiori bestimmen müssen.
Von den übrigen Gefäfsausdehnungen ist diese nicht specifisch unterschie- den, sie besitzt alle wesentliche Merkmale jener, hängt von denselben Gesetzen ab, ist also als Spielart zu betrachten, indem sie sich blos dadurch unterscheidet, dafs bei derselben nicht einzelne Gefäfsstämme eines Theiles , sondern alle Gefäfs- enden desselben, ausgedehnet sind, so dafs dadurch das Wesen des Organs völlig zerstöret wird; endlich, dafs nicht blos ein Glied, sondern die ganze Trias des Gefafssystems leidet. Da nun in dieser Gruppe alle drei Arten vereint sind, so passen die Namen nicht, die die einzelnen bezeichnen, ich wähle daher einen, und glaube, das ganze Wesen dieser Spielart mit dem Worte Telangiectasie ^4) aus- gedrückt zu haben. In den folgenden Paragraphen werde ich es also für einen Krankheitszustand gebrauchen, den ich hier zur Gnüge erläutert zu haben glaube.
34) Aus «Aof das Ende, »y/aov oder ecyytv das Gefäfs , und cxr#;»$ Ausdehnung.
— s7 —
Sechster Abschnitt.
Tabelle vorgekommener Angiectasien.
I
§. i.
cli würde sogleich zur Aetiologie der Gefäfsausdehnung übergehen, wenn ich es nicht für nöthig hielte, die mir bekannt gewordenen Fälle hier aufzuzeichnen. TheiLs ersehen wir durch den Umfang der Krankheit, wie mannigfaltige Ursachen sie erzeugen können; theils macht die Erfahrung, dafs an diesen oder jenen Theilen Ectasien schon beobachtet wurden, bei vorkommenden Fällen den Arzt aufmerksamer, und endlich gibt diese Anreihung Gelegenheit, manche verkannte und mit unpassenden Namen bezeichnete Krankheiten zu berichtigen. Vollkom- men kann sie nicht seyn, da die Gefäfsausdeimungen nur zumTkeil mit Genauigkeit beobachtet, zum Theil auch ganz vernachlässiget, und endlich in mehrern Fällen schwer zu entdecken sind.
Angiectasien des Kopfes.
i) Varices plexus choroidei sah Lieutaud35) bei einem jungen Menschennach anhaltenden, anstrengen den Kopfarbeiten beträchtlich grofs werden, und den Tod veranlassen. Sömmering~6) sagt, dafs die Gefä'fse des Aderge- flechts bei Erfrornen und am Schlagilufs gestorbenen, immer sehr ausgedehnt ge- funden worden.
2) Cirsi*) plexus choroidei circumscripti sah Lieutaud nebst vielen andern unter Form der Hydatiden.
55) 1. c. Llb. III. Observ. 164. etc.
36) In Bajllie Anat. d. krank. Baues v. Sümmering übers. Berl. I7Q4- Pag. 261. Anmerk. 558.
*) Mehrere Aerzle halten d5e Hydatiden für Producte eigenartiger "Würmer , andeie haben
hingegen auch nicht die mindesten Spuren yon Thieren an ihnen entdecken können.
D 2
— . a8 — «
5) Varices cerebri 48). Eine blödsinnig gewordene Frau starb wenige Monate nach entstandener Krankheit; die Venen des Kopfes fand man nach dem Tode sehr ausgedehnt und mit Blut überfüllt.
Lettsom 3y), C ruiks h a n k 33) und Söramerlng 3g) sehen sie für Cirsen an. Bi dl oo 40") glaubt, dafs alle Hydatiden durch Ausartung der Lymphgefäfse entstün- den , wenn nämlich der zwischen zwei Valveln gelegene Raum ausgedehnet wütde. Von den Hydatiden, die mehrere enthalten, nimmt Voigtel4i) Veits 42) Meinung an , dafs sie nämlich Producte neuer Organisationskraft wären. Nicht zu bezweifeln ist es, dafs sie zuweilen durch Würmer entstehen, wenn man die Erfahrungen von Fischer 43), Treutier 44), Brera45) u. a. m. vergleichet. Da so achtungs- werthe Männer in der Untersuchung eines Gegenstandes nicht so leicht irren können, so glaube ich, beide Fälle als möglich annehmen zu müssen.
"Wie werden wir aber beide unterscheiden können? — Rudolph! 46) sagt, dafs die einfachen Hydatiden Erzeugnisse ausgedehnter Lymphgefäfse seyn , die bewohnten aber zu den Wurmarten gehörten. Die wesentlichen Merkmale der Taenia Hydatigena gehören nicht hierher, sondern in die Helmintholgie. Sollte aber,, da die Diflerenz in der Form oft schwer zu finden seyn wird, nicht der Inhalt jener Bläschen, chemisch untersucht, einige Criterien hergeben? Das Contentum der Cirsen mufs dem der Lymphgefäfse gleich, also reich an Eiweifsstoff-seyn. Ein einzigesmal sah ich eine einfache Hydatide, die, als ich sie zur AufbeAvahrung in Weingeist legte, in kurzer Zeit alle ihre Durchsichtigkeit veilor, zusammen schiumpfte und ganz milch weifs ward. Anders verhält sich die Erfahrung Richters 4-7). Er untersuchte die Flüssigkeit be- wohnter Hydatiden , die den Tod eines Mannes veranlagst hatten ; aber weder Alrohol noch Hitze konnten die mindeste Gerinnung hervorbringen; Rudolph i's Meinung wurde also durch -diese Untersuchung auch auf chemischem Wege bestätiget, man kann nämlich annehmen, dafs letzteres der Inhalt der Taenia hydatigena, erster.es aber der eines umschriebenen Cirsen gewesen sey. Oft genug mögen sie bei der grofsen An- zahl von Saugadern und ihren so mannigfaltigen Krankheiten" entstehen , und deswe« gen glaubte ich mich berechtigt, ihnen in jener Aureihung einen Platz anzuweisen. Wie sie blos als Spielarten der Cirsen anzusehen sind , habe ich im 5ten Abschnitte unter No. 4 gesagt.
57) Memoirs of the med. Soc. of Lond. Vol. II. Lond. 178g. pag. 32.
38) Geschichte und Beschreibung der einsaug. Gef. übers, v. Ludwig. Leipz. 178c). p. 83.
3g) De inorb. vasor. absorb. corp. hum. Traj.- ad. Moen. I7g5. §. XLVHI. pag. 1Z2.
40) Exercitat. anat. chirurg. Lugd. Bat. 1708. E.\. II. pag. 10 — 16.
41) L. c. pag. 5o5.
42) In R ei l's Archiv. B. 2. S. 486 — 4g6.
43) Disseit. Leipz. 178g.
44) Dissert. Leipz. i7g3. —
45) Voiles, über Eingeweidewürmer übers, von Weber. Leipz. i8o3. pag. i4> etc.
46) Anat. physiol. Abhd. Berlin , 1802. pag. ig3.
47) In Loder's Journal d. Chir. etc. B. I. p. 4x5 — 429* Jena, 1797.
48) Lieutaud L. c. üb. III. Obs. 60 et 61.
— 29 —
4) Ein umschriebener Cirsus von der Gröfse eines Hiinereies veranlafste den Tod 49).
5) Die Oberfläche des Hirns eines an Kopfschmerz und Convulsionen ge- storbenen Jünglinges war mit Hydatiden bedeckt 5o).
6) Varices piae matris machten ein. sechsjähriges Mädchen dumm, ver- gefslich und tödteten sie durch Apoplexie 5i).
7) Anevrismen der harten Hirnhaut beobachtete Mala c am e 52) in meh- rern Zweigen der Arteria spinosa; sie waren theils diffus, theils circumscript und von der Gröfse eines Taubeneies.
8) Anevrismen beider innern Carotiden, zur Seite der sella turcica, be- schreibt Blane53)j das gröfste glich einer Kirsche, das andere war um et- was kleiner.
9) Telangiectasie im Gesichte findet man durch Manget, Fax und meh- rere aufgezeichnet, deren Beobachtungen im eilften Abschnitte vorkommen.
10) Telangiectasie der Augenlieder beschreibt Aetius 5-j); auch ich hatte Gelegenheit, sie einigemal zu beobachten.
11) Telangiectasie der Conjunctiva sah ich öfterer. Die ganze Conjunc^ tiva war nämlich in Gefäfse aufgelöset. Was Richter 55) als Ursache der Cirsophthalmie an einigen Gefäfsen sah, das fand ich bei allen. Es ist dies keine Entzündung mehr, sehr oft aber eine Folge übermässiger Anstrengung sämmt- licher Gefäfse der Conjunctiva, deren Procefs erlöschend die Kräfte der Geläfse lähmet, die dann dem Andränge der Säfte nicht mehr Widerstand leisten können, und also beträchtlich, ausgedehnt werden. Wenig oder gar keine Gefäfse sehen wir in der gesunden Conjunctiva; hier entdecken wir keinen Ort, wo nicht ein be- trächtlich ausgedehntes Gefäfsstämmchen läge. In der Entzündung sind zwar die Gefäfse um etwas ausgedehnet, doch nicht in dem Grade; denn wir unterscheiden in der Taraxis die einzelnen Gefäfschen als die subtilsten Ramificationen, die so
4g) Ibid. Obs. 194 et ig5.
5o) Ibid. Obs. !68.
5i) Ibid. Obs. 411.
52) Malacarne Encefalotomia nuova universale, Toiino , 1780. p. G8.
55) Abhandl. z. Gebr. f. pract. Aerzte. Vol. [I. S. 563.
54) Synops. medic. Tetr. II. Serm. 3. cap. 84.
55) Rieht ejf'a Wundarzneikunst, Tom. 3. {. 46.
fein sind, dafs wir ihnen fast alle Stärke abzusprechen geneigt wären; in der Chemosis hingegen sehen wir einen Fleischklumpen, ohne Ramificationen unter- scheiden zu können ; bei der Telangiektasie ist zwar auch ein bald rötherer, bald dunklerer Klumpen zwischen den Augenliedern, aliein wir unterscheiden deutliche Gefäfsausdehnungen auf denselben und zwar dicht neben und unter einander. Als ich die Conjunctiva in diesem Zustand aufmerksam durch die Lupe untersuchte, fand ich sie gleichsam in einen, aus hellrothen und violet- ten Fäden gewebten Teppich verwandelt, der, als ich ihn durchschnitt, un- gefähr auf eine bis anderthalb Linien stark war.
Hatte diese Anomalie noch nicht lange gedauert und ihren höchsten Grad noch nicht erreicht, so heilte ich sie einigemal durch Incisionen, Ausleerungen des angehäuften Blutes, durch stärkende und zusammenziehende Mittel , anhal- tend angewandt. Ganz auf dieselbe Art heilt Richter 56) che Varicen des Fuises, da das Wesen beider Zustände fast dasselbe ist.
12) Hydatiden der Conjunctiva sah Sömmering 57) und Voigtel58).
i5) Varicen und Anevrismen der Cornea begleiten öfters die pterygia, nephelia und ulcera der Hornhaut, wo man ihnen die Namen der vasorum nutrientium gibt.
i4) Telangiectasie der Hornhaut. In Halle operirte ich die siebenjährige Tochter des Soldaten Berger, an einem nach der Aussage der Aeltern ange- bornen Staphylom, das zu der Gröfse herangewachsen war, dafs die Au- genlieder nicht mehr geschlossen werden konnten, wodurch die kleine Patien- tin vielen Beschwerden ausgesetzt war. Die vordere Augenkammer war nicht ausgedehnt und das Staphylom also Anschwellung der Hornhaut; ich schnitt so viel davon weg als nöthig war, um die Augenlieder schliefsen zu können, wodurch die Beschwerden gehoben und die Entstellung gemindert wurde. Durch den Gebrauch der Spiesglanzbutter gab ich -dieser Hülfsleistung Dauer, und erreichte meinen Zweck so weit vollkommen, denn an Wiederherstellung des Gesichts war bei der völligen Desorganisation der Hornhaut nicht zu denken. Das abgeschnittene Stück der Hornhaut untersuchte ich genau und fand es auf eine bewundernswürdige Art ganz aus kleinen, in sich verwebten Gefäfschen
56) S. Rieht. ' ]. c. Tom. 3. §. 46. tu Tom. 1. $. 566 et 567.
57) So tniiie ring de morb. vai. abs. I. 5g. p. 42. 53) Voigt el 1. c. p. 5oi.
zusammengesetzt, doch, war die Anzahl der LymphgeFäfse "bei weiten vorherr- schend, die Lymphe war in ihnen geronnen, und sie bildeten milchweifse Rarai- ficationen. Mit der Lupe sah man alles dies sehr deutlich. Nach der Zeit beob- achtete ich öfterer Staphylome, und- fand sie meistens von dieser Art, aufser einem, wo die Cornea ganz weifs war 5 wahrscheinlich mögen diese ein höherer Grad von Leucoin seyn, und ihre Entstehung einer Ausschwitzung von Lymphe zwischen den Lamellen der Cornea verdanken; zwar erheben sie sich auch hügel- förmig, ja sogar in einen spitzen Winkel, sie werden aber nie so grofs und trau- benförmig, wie erstere. Beide gehören, nach der gewöhnlichen Definition des Staphyloms, zu demselben', ihr Wesen aber ist,, wie aus dem Gesagten erhel- let, ganz verschieden.
i5) Telangiectasie der Sclerotica. Die unter dem Namen Staphyloma Scle- roticae von Scarpa59) beschriebene Krankheit ist in einer Verdünnung der Häute des Auges begründet 3 sie wurde von ihm zweimal, aber blos au der hintern Fläche des Augapfels neben dem nervo optico, beobachtet; der Fleck war etwas erhaben. Wenn man das ausgeschnittene Auge so wandte, dafs die Lichtstrahlen durch die Pupille auf denselben fielen, so erschien er durchsichtig. An der innern Fläche fehlte auf dem Flecke die Retina und Choroidea, und die Sclerotica war dünner wie das feinste Papier.
-Richter 6o) beschreibt unter demselben Namen kleine dunkelblaue oder schwärzliche Erhabenheiten, die am äußern oder innern Winkel im Weifs en des Auges entstehen, weich sind, und zurückgedrückt werden können, indem er es für wahrscheinlich hält, dafs es Vorfälle der Choroidea wären, die durch Spal- tungen der .Sclerotica entstünden. Aus den angeführten Merkmalen folgt, dafs die Krankheit, welche Searpa Staphyloma Scleroticae nennt, von der ganz verschieden sey, welcher Richter denselben Namen ertheilet. Letztere beob- achtete ich einigemal im chirurgischen Clinico zu Halle.
Der G. R. Lo der, dessen Namen ich mit Dankgefühl nenne, übertrug mir die Behandlung eines Kranken, der nach vorhergegangener Ophthalmitis seii mehrern Jahren am schwarzen Staare litt. Im äufsern Winkel des rechten Auges war in dem Weifsen desselben eine Erhabenheit, von der Gröfse einer kleinen Linse; man konnte sie zurückdrücken, ihre Farbe war violett und die Oberfläche
59) Sfcarpa t:aite pratique des mal .dies des yeux, trad. par Leveillie3 aPar. X. T. 2. p. i33 et 18g.
60) Richter 's Wuudarzn. Tom. 3. §. 154. Götr. 1795.
— 32 —
ß
mit einem äufserst zarten Häutchen (wahrscheinlich conjunctiva) überzogen, des- sen Durchsichtigkeit die Untersuchung der Krankheit sehr erleichterte. Man ent- deckte schon mit bloßem Auge, noch besser aber durch die Lupe, dafs das Ganze in seiner Peripherie durch kleine Ramificationen aus der Sclerotica entstand, und in seiner Mitte sich in ein Bündel der zartesten Gefäfschen verwandelte, unter welchen dunkel gefärbte Blutäderchen am zahlreichsten waren. Mit gelinder Kraft konnte man den kleinen Hügel in das Innere des Auges drücken, wodurch die Feuchtigkeiten desBulbi die Iris an dieCornea drängten. Ich hatte Gelegenheit, nachher noch mehreremal diese Krankheit zu beobachten, fand aber nie weder eine Spalte der Sclerotica, noch irgend eine Aehnlichkeit mit einem Vorfalle der Choroidea, immer sah ich deutlich das Conglomerat von Gefäfschen und dessen Uebergang in die Sclerotica, durch zarte Zerästelungen. Nothwendig verliert die Sclerotica und Choroidea , durch die topische Auflösung in Gefäfse, ihre wesent- lichen Eigenschaften, ihre Festigkeit und ihre sehnige Bauart; sie hält daher am erkrankten Orte die Augenfeuchtigkeiten nicht genug zurück, wird durch sie hervorgedrängt, und theils hierdurch, theils durch die Ectasien der einzelnen Ge- fäfschen wird sie in eine hügelförmige Geschwulst verwandelt.
Richter und Scarpa halten diese Anomalie für eine sehr bösartige Krankheit. In den Fällen , die ich beobachtete , ging ihr unheilbare Blindheit entweder vor, oder folgte derselben bald eher, bald später.
Von den Krankheiten sichtbarer Theile dürfen wir zuweilen auf ähnliche AiFectioiien innerer Theile schliefsen. Daher glaube ich, dafs in diesen Fällen zugleich die edlern Theile des Auges, z. B. die Retina u. s. w. auf ähnliche Art, nämlich durch Gefäfsausdehnung, verletzt seyn mögen; dafs aber Degenerationen jener Organe nothwendig Amaurose zur Folge haben, lehrt die Erfahrung. So mag wahrscheinlich Telangiectasie der Sclerotica als ein Symptom innerer Telan- giectasien des Auges an den Tag kommen.
16) Anevrismen der Centralarterie. Im Herbste des vorigen Jahres starb im. Jacobs -Hospitale zu Leipzig eine Frau an scirrhöser Verhärtung des Gehirns. Einige Monafe vor ihrem Tode lilt .sie an einer äufserst heftigen Photophobie, die von einem stark pochenden Gefühle in der Tiefe der Orbita begleitet wurde, und mit Verminderung des Schmerzes in Amaurose überging. Der Primair- Arzt des clinischcn Instituts, D. Reinhold, mein würdiger Lehrer, hatte die Güte, mir bei Eröffnung des Leichnams ein Geschenk mit den Augen jener Person zu
— 35 —
machen. Als ich das Fett vom Bulbo getrennt hatte, sali ich bald längliche, bald runde Hügel, von der Gröfse einer kleinen Linse, im ganzen Umfange der Scle- rotica durch dieselbe schimmern, die von unterliegenden Venen entstanden. Als ich den optischen Nerven quer durchschnitt, lag die Centralarterie in dessen Achse bis zur Stärke eines Strohhalms ausgedehnt. Bei Zergliederung der Häute traf ich auf
17) Varicen der Choroidea. Mehrere Gefäfse derselben und vorzüglich die Vasa verticillala, waren ausgedehnt und vom Blute strotzend j sie bildeten die schon erwähnten Hügel. Endlich zeigte sich auch
18) Telangiectasie der Retina. Sie war nämlich in ein sehr schönes, hoch- rothes Netzwerk verwandelt, wobei ihre Normal -Farbe und Gestalt so aufgeho- ben war , dafs man auch nicht das mindeste markige Wesen mehr entdeckte.
Als ich dieses Frühjahr bei meinem kurzen Aufenthalte in Dresden aufge- fordert ward , nebst andern Aerzten meine Meinung über die Augenkrankheit des allgemein geschätzten Königl. Sachs. Ministers Zedtwitz zu äufsern, so fand ich bei der Untersuchung der Augen eine Menge varicöser Gefäfse auf der Conjunc- tiva und entdeckte sogar Gefäfsausdehnung über und unter der Linse , die deutlich von scharfen Augen gesehen werden konnten. Aus der Krankheitsgeschichte er- gab es sich, dafs die vorhandene Amavrose und Cataracte Folgen aufserordent- licher Congestion waren, die in ihrem Anfange von heftigem Klojjfen in der Tiefe der Orbita begleitet wurden. Ich bin überzeugt, dafs auch in diesem Falle Telan- giectasie der R.etina und Anevrism der Centralarterie vorhanden ist , da diese Augenkrankheit so viel Aehnlichkeit mit der erstem' hat, und Ectasien der Art öftere Ursachen der Amavrose seyn mögen, denn auch Ploucquetöi) und P o r- tal62) fanden die Retina bei Amavrosen durch Gefäfsausdehnungen entartet.
19) Anevrismen des Ohres sah Portal 63) als Ursache der Taubheit. • 20) Telangiectasie der Nase (vid. Absch. 11. §. 2.)
21) Telangiectasie der Ober- und Unterlippe (vid. Abschn. 10.)
22) Colomb 64) beobachtete ein Anevrism der Zunge von der Gröfse einer Haselnufs.
61) Ploucquet diss. de amauros. Tübing. 1789. {. 11.
62) Portal Cours d'anatomie medicale, tom. 5.
63) Ibid.
64) Oeuvres med. chir. p. 45 1.
E
25) Anevrismala alveolaria. In mehrern Zähnen, die icli ausnahm, waren die Alveolar -Aesle der Maxillararterien stark ausgedehnet. Leicht zu entdecken ist dies, wenn man die Wurzeln der Länge nach spaltet, oder sie quer mit einer Zange abkneipt. Die Personen, von denen sie waren, litten die heftigsten Schmerzen, die keinem Mittel wichen. Die Kronen der Zähne hatten meistens ein gesundes Ansehen, durchschnitt man aber den Zahn, so war die Zahnhöle xmd die Kanäle der Wurzeln carios durch die Eotäsie ihrer Gefäfschen. Letztere veranlagten beim Ausnehmen starke Blutungen, wenn ihre Ausdehnung sich bis in die alveola erstreckte.
24} Hydatis alveolaris. Einem kleinen Mädchen mufste ich wegen unaus- stehlicher Schmerzen einen Backzahn ausnehmen, dessen drei Wurzeln unge- wöhnlich grofs waren. Zwischen denselben lag ein rundes, durchsichtiges, mit Lymphe gefülltes Bläschen, etwas gröfser als eine gewöhnliche Erbse. Durch, ihren Druck hatte sie die Flächen der Wurzeln, an denen sie gelegen hatte, gleich- sam ausgeholt, so dafs sie bis auf ihren Kanal resorbiret waren ; eben so war sie durch den Hals des Zahnes fast bis in die Hole desselben gedrungen, mit der sie durch ein dünnes Fädchen^ zusammen zu hängen seinen. Die Lymphe derselben geronn durch Alcohol zu festem Eiweifsstoffe.
Angiec tasien des Rumpfes.
1) Anevrismen des Rückenmarks beobachtete Malacarne 65) j die Medul- Jararterien waren zur Gröfse einer Erbse ausgedehnet.
2) Pohj66) sah, dafs Varicen des Schlundes Dysphagie, und
3) Varicen des Kehlkopfs 67) erschwertes Athemholen veranlafsten.
4) Ein durch einen Pistolenschufs entstandenes Anevrism der innern Carotis heilte Acrel 68).
65)Malacarn e I. 9. et Holtorf casus anevrismaiis in Capite pueri 11. annorum. urgent.
1722.
66) Pohl über die innern Blutaderknoten a. tL Lat. in der neuesten Samml. auserlesener Abb. für Clür. Leipz. 1763. St. 6. S. 35.
67) Ibid. p. 36.
68) Acrel chir. Vorfalle, übers, v. Murray. Gott. 1777. Tom. 5. p. s5S.
5) Auevrisnien beider Carotiden sah Morgagni 69).
6) Eine Telangiectasie des Schulterblatts beobachtete Dr. Reinhold, der mir folgende Krankheitsgeschichte mitzutheilen die Güte halte: Es starb nach einer langwierigen Krankheit ein Mädchen, die von ihren Aeltern durch Schläge auf den Rücken roifshandelt worden war. Bei der Leichenöffnung fand man den •untern Theil des Schulterblattes ganz pulpös, den obern hingegen in ein Couglo- inerat zahlloser Gefäfse verwandelt; die meisten von ihnen waren dunkelgefärbt: ob alle drei Gefäfsarten ausgedehnt waren, bemerkte man nicht. Mir ist es wahr- scheinlich, denn werden die Gefäfse in solcher Menge und in dem Grade ausge- dehnt, dafs dabei das Wesen des Theiles ganz unigeschaffen wird, so leiden sie meistens alle; dafs bald diese bald jene Art vorschlagen könne, habe ich oben erwähnt, und die angeführten Fälle haben meine Behauptung bestätiget. Anevris- men praedominirten in der Telangiectasie der Retina, Varices-in der Telangiec- tasie der Sclerotica, und Cirsen in der Telangiectasie der Hornhaut.
7) Varices der Brüste entstehen leicht in der Schwangerschaft 70).
8) Diffuse Cirsen der Brüste werden oft durch Brustkrebs veraulafst 7*).
9) Anevrism der Arteria subclavia war mit Dyspnoe verbunden 72).
10) Anevrism der Aorta kommt oft vor und ist von vielen Schriftstellern beschrieben.
11) Anevrism des Herzens, a) Total: Guattani fand das Herz drei- bis viermal gröfser 73). b) P a r t i e 1 1 kommt es öfterer vor : Walther sali au einem Herzen den linken Ventrickel in einen Sack ausgedehnt 74) und liefs dasselbe in natürlicher Gröfse abbilden. Van Swieten75) fand die hintere Herzkammer dreimal gröfser als die vordere. Bei der blauen Krankheit, meint Voigtel-6), soll der Umfang des Herzens immer vergröfsert seyn, und mit der Krankheit in gleichem Schritte überhand nehmen.
60) Morgagni I. c. episr. 17. $. 28. — et Journal de Medec. Tom. s5. p. 4,5i.
70) Richter dissert. de varic. gravidarum. Lips. 1781. p. 11.
71) Voigt e! 1. c. p. 49g.
72) Ibid. p. 466.
"fj) Guattani de anevrismat. ext. etc. Rom. 1772. p. 9t.
74) J. G. Walt her sur les maladies du Coeur. In Memoires de TAcad. de sciens. a Berlin, i785. tab. IV. fig. 1. b. b. b.
75) Van Swieten Comment. in Boerhav. Aphor. tom. I. p. 292.
76) Voigtel 1. c. p. 384.
E 2
— 56 ~
12) Anevrismen und Varicen der Kranzgefä'fse des Herzens beobachtete Sandifort li).
i3) Hydatiden des Herzens und des Herzbeutels entdeckte Heuermann 78).
i4) Anevrism der Pulmonalarterie mit gleichzeitiger Ausdehnung der Aorta beschreibt uns Baader 79). Aehnliche Fälle sah Blaucard 80). Eisen- schmidt 81) beobachtete beim Anevrism der Lungenschlagader heftige Kurz- athmigkeit.
i5) Varices venarum pulmonalium sind von Morgagni 82) aufgezeichnet.
16) Varices der Lungen veranlassen nach Pohl 83) Haemoptysis und dar- auf folgende Schwindsucht.
17) Diffuse Cirsen der Lungen beobachtete Mascagni84) genau. Cir- cumscripte mit Asthma und Orthopnoe verbunden, führt Lieutaud 85) an.
18) Ein Varix der obern Hohlader , welcher durch seinen Druck auf den Oesophagus Dysphagie veranlafste, wird von Bleuland 86) beschrieben.
19) Varix. der untern Hohlader nahe am Herzen. B o erhave 87) fand bei einem melancholischen Manne alle Gefäfse ausgedehnt, mit Blut überfüllt, vor- züglich erweitert aber die Hohlader am bezeichneten Orte.
20) Baillie88) erwähnt einen Fall , wo die Vena azygos so stark ausge- dehnet war, dafs sie allein das ganze Blut des Unterleibes nach dem Herzen führte ^ weil die untere Hohlader verschlossen wTar.
77) Sandifort obs* anat. patliol. Lib. I., c, 1. p. 27«.
78) Heuer mann 's. Physiologie 176-1. tom. I. p. 202.
7g), Baader observ. med. incis. cadaverum anatom. illustrat. Friburg. 1765. p. 555.
80) Blancard. anatomia pract. rat. Cent. n. obs. 74. p. 2,86.
81) In Schmucker's -verm. Schriften. Vol. 2. p. 241. 8,2) Morgagni 1. c. Epist. 64. §. 7.
83) Pohl 1. c. p. 36.
84) Siehe: dessen Werkj Vasorum Lymphaticorum histöxia et ichnögraphia, Senis, 1787, tah. 20 et 21..
85) Lieutaud 1. c. lib. 2.. obs. 842 — 844*
86) Dessen Specimen de difTicil. alimentorum. depulsione. Vol. I. 178a in Samml. auserl. Ab* handl. für pract. Aerzte ,. Bd. IX. p. 73i. '
87) Samml. auserlesener Abb. für pract. Aerzte. Bd. XIX.. S. 5i2. aa> Baillie 1. c»p. 57..
- 37 -
21) Einen diffusen Cirsus des Brustgangs von der Stärke der Subclavia sah Cruikshank 8y).
22) Andere 90) fanden das Receptaculum pequetianum bei scrophulösen Menschen sehr augeschwollen.
25) Varices venarum gastro-epiploicarumg1) sind im Blutbrechen vorhanden.
24) Anevrismen und Varicen der kurzen Gefäfse beobachtete Lieutaud 92) beim Blutbrechen 5 ein Gefäfs derselben hatte die Stärke des kleinen Fingers erlangt.
25) Anevrismen der Kranzscjilagader des Magens 9^),
26) Hydatiden des Magens beschreibt Baillie94).
27) Einen durch den Nabel hervorgedrungenen Varix nennt Gorterg5) Varicem palus.
28) Ein Anevrism der Milzarterie liefs Morgagni abbilden 96).
29) Varices der Milz erregen sehr oft, eben so wie
30) Varices der Leber, Biutbrechen. Reil fand diese Organe sehr oft an- geschwollen, weich, elastisch und von schwarzem Blute strotzend. Dabei war eins von beiden meistens verkleinert 5 es scheint, sagt er 97),.
„als dringe das Blut desto stärker in die übrigen Aeste der Arteriae coeliacae „und schwelle die ihnen angehörigen Eingeweide auf, wenn der Einflufs „desselben in einen ihrer Aeste, der zu einen kleinen und zarten Eingeweide „ gehet, gellindert ist. Im Kapitel 98), wo er die Polycholie so belehrend ab- handelt, führt er viele Schriftsteller an, die in dieser Krankheit und im „ schwarzgallichten Fieber am Senegal die Leber sehr angeschwollen und „ihre Gefäfs e vom Blute strotzend fanden.
89) Cruiksbank über die Saugadern.. 2te Ausg. p. 207. dessen Abbild, tab. 5. go) Lieutaud I. c. üb. 2. obs, 7.
91) Reil 1. c. T. III. $. 65. p. i53.
ga) Lieutaud 1. c, lib. 1. obs. 47 et 4g-
90) Reil 1. c.
gj) B aillie 1. c. p. 84.
g5} Gorteri cbLurgia repurgata 1. r2. c. 5. n. i553. p. 36o..
96) Mo tg. Ep. 3. $. 2.
97) Reil 1. c. §. 65. p. i5l.
98) Ibid. 170. p. 440.
5i) Hydstiden der Milz 99).
5.2) Hydatiden der Leber iocj).
55) Varicen der Eingeweide. Stahl *oi) meint, äufsere Haemorrhoiden entstünden durch Ausdehnung der äufseren Haemorrhoidal- Venen, die sich in der Vena hypogastrica und von da in die Uiaca und Caya öffnen. Die innern sind Krankheiten der innern Haemorrhoidal- Venen, die sich entweder {in den Stamm der Pfortader, oder in die Netzvenen ergießen; daher, sagt er, sind die innern Haemorrhoiden mit Passionibus hypochondriaco-hystericis, die ä'ufsera mit affectibus spasmodico - dolorificis und ischiadico-podagricis verbunden. Va- ricen der ganzen Gedärme, ihrer ä'ufsera und innern Fläche, so wie des Zwerch- felles sah Pohl 102);
54) Hydatiden des Mesenteriums sah Baillie io3)} diffuse Cirsen Wris- bergI04) am Gekröse und andern Organen, zuweilen in einer Länge von zwei bis drei Zoll in grofse Blasen ausgedehnt.
55) Diffuse Cirsen der dünnen Därme. Sömmering *o5) fand die Saug- adern in Vorgetriebenen Stücken des dünnen Darmes über die Mafse ausgedehnt. Das allerschönste Stück sah er in Monro's Sammlung zu Edinbürg. Oefters waren sie mit einer dicken, gelblich weifsen Materie so stark ausgefüllet, dafs sie eine Perlenschnur vorstellten. Walt her *o6) hat einen solchen Fall sehr schön abgebildet.
56) Anevrisma aortae abdominalis. Einmal verrieth es sich durch eine starke Pulsation über dem Nabel l0l), in einem andern "Fall drang es zwischen der 7. und 12. Rippe nach aufsen *o8),
57) Varix diffusus der obern und untern Hohlader 109).
gg) Baillie 1. c. p. i55.
100) Sömmering in Baillie pag. i3g. i6ma adnotat.
ioi) In Alberti traetat. de haemorrhoid. Halle, 1722. Pars. I, p. 68.
102) Pohl 1. c. . , ;
io3) Baillie 1. c. p. 116.
10 f) De System, vas. absorbentium in Comment. soc. Gott. 178g. Vol. g. p. 168.
io'j) In Baillie 1. c. p. 120. notatio 11 et 12.
106) Walther sur la resorption in Mem. de l'Acad. de Sc. a Berlin pour l'an 1807. p. 2.1.
107; Lieutaud 1. c. Vol. III. Goth. 1802. p. 25g.
108) Baillie 1. c. p. i5. Sömmeringii additam. 3o.
10g) Ilufeland Journ. der prakt. Heilk. B. 5. p. 820.
- 39 -
38) Anevrism der Nierenschlagader veranlafste Haernäturie "o).
59) Hydatiden der Nieren beobachtete Baillie i") im Parenchyma und an der Oberfläche.
4o) Ein Anevrism der iliaca interna erzeugte das heftigste Hüftweh und ward für eine Ischias nervosa gehalten *IZ).
4i) Varicen der Harnblase werden gewöhnlich Blasen - Haemorrhoiden ge- nannt, und haben zuweilen Blutharnen zur Folge "3).
42) Varicen des Uteri sah Paraeus»4), des Multerhalses Heunius II5) und Pohl Il&) beobachtete sie bei Frauenzimmern, deren Reinigung ; in Unord- nung gerathen war.
43) Von Varicen der Scheide und der Schamlefzen spricht Heunius am Angeführten Orte, Dionis "7) in seinem Werke, und Siebold II8), der durch ihre Vergröfserung grofse Beschwerden entstehen sah.
44) Anevrisma arteriae sperm.aticae "9).
45) Win ekler 120) beschreibt einen Varix der Samenvene, welcher an Stärke der Hohlader gleich kam.
46) Telangiectasie der Hoden. Most121) beobachtete sie. Richter122) hält sie für eine Ausdehnung der Venen und Samengefafse des Testikels. Ich sah sie einigemal in ihrer höchsten Vollkommenheit, und konnte durchs Gefühl leicht unterscheiden, wie der ganze Hode in Gefäfse aufgelöset war 5 er fühlte sich gleich einem Bündel Regenwürmer an, und seine Oberfläche hatte alle regelmäfsige Ge- stalt verloren , man konnte ihn auch formen wie man wollte. . Erhitzte sich der
110) Ephemer, nat. cur. Cent. 9. obs. 5g.
in) Baillie 1. c. p. 164.
112} Sandifort jun., tab. anat. Lugd. Bat, 1801. Faseicul. I. tab. ? et gf
n3) Haller. diss. pract. Vol. VII.
114) Paraeus lib. 12. c. 10.
n5) Heunius ad Aphorismos Hipp. Lib. 6. A. 21,.
n6, Pohl 1. c.
117) Dionis couvs d'operations chir. Demonst. 4«
ii3) In Loder's Journal der Chir. etc. Vol. II. S. 55.
119) Journal de. Medec, 1760. Tom. i5. p. 35g.
120) Win ekler Diss. de vasorum. lithiasi , I. §. 6. not. 1.
121) Most Dissert. de Ciisocele seu hernia varicosa. Halle, 179&
122) Richter 1. c. tom. 6. p. l65.
Kranke und untersuchte man alsdann aufmerksam den Hoden , so fühlte man fast an allen Orten desselben kleine Pulsationen.
47) Hydatiden des Testikels beobachtete S ö m m e r i n g 123 ) vorzüglich oft bei Greisen. i;
48) Hydatiden des Ovarii sah Baillie 124). Sie entstehen zuweilen durch Ausdehnung der Zellen des Eierstocks, oft aber auch durch Ectasien der Lymph- gefäfse, deren die Ovaria so viele haben.
49) Bonnet i25) sah zwei Venen von den iliacis entstehen. Sie waren daumenstark angeschwollen und gekrümmt wanden sie sich wie zwei Schlangen am Unterleibe zum Nabel heran.
$. 4.
Angiectasien der Glied mafsem
1) Anevrism der Achselschlagader 126).
2) Anevrism der Armschlagader. 5) Anevrism der Radialarterie l27).
4) Diffuse Cirsen des Armes. Im Jacobs - Hospitale zu Leipzig bekamen Unter mehrern scabiösen "Weibern zwei, fast zu einer und derselben Zeit, ohne anzugebende Ursache, Cirsen am Arm 3 die LymphgefäTse stiegen von der Hand- wurzel, gleich gespannten Bindfäden, bis zur Achseihöle heran..
5) Guattani I28) beobachtete «in Anevrism der Schenkelschlagader gleich an ihrem Ursprünge.
6) Anevrisina Arteriae popliteae ist mit Flajani r29) und Guattani von vielen andern beobachtet worden.
7) Sah man auch am obern Theile der Wade Pulsadergeschwülste ??a),
123) Baillie 1. c. p. 2o3. Anmerk. 404.
124) Ibid. p. 228.
125) Bonneti anat. pract. libr. IV. 3. 1
126) Neue Sammlung der auserlesensten^ und neuesten Abhandl. für practische Aerzte. 7. Stück., u. Bader observ. med. pag. i5.
127) Museum der Heilkunde von der Helv. Gesellschaft. Tom. 2. p. 276. Zürich, 1794.
128) Guattani 1. c. p. 45.
129) Flajani nuovo metodo di medicare alcune malattie. Roma.' 1787. p. 33. et Guattani 1. c. p. r.
i3o) Ibid. pag. 74.
— 4i —
8) Varices Femoris. Severinus l30 fand den Schenkelknoclien eines jungen Mannes ganz von varicösen Geflechten umlagert.
9) Varices der Füfse kommen alltäglich unter verschiedenen Verhältnissen vor und werden zuweilen sehr grofs. Hildan l32) sali einen Varix am Schien- bein zu der Gröfse herangewachsen, dafs er einer derben Faust gleich kam.
10) Cirsen der Füfse. Reil^3) hat oft, besonders an den Unterextremitäten, die Lymphe in den Saugadern geronnen, und die Saugadern, wie knotige Stricke, von der Fufsspitze bis zu dem Weichen angeschwollen gese'lm.
Da mehrere Fälle mir gewifs unbekannt geblieben, so kann diese Tabelle nicht vollkommen seyn, sie wird aber zureichen, die Extensität der Krankheit zu zeigen, und gibt einen Beweis, dafs kein Gefäfs vor Verletzungen dieser Art sicher sey. So umfassend die Krankheit ist, eben so zahlreich sind die Ursachen, die sie erzeugen.
Siebenter Abschnitt.
Aetiologie der Gefäfsausdehnungen.
V erletzung der Mischung und Structur weist uns die pathologische Anatomie bei allen Gefäfsausdehnungen deutlich au£ Man sah die Häute dünn wie das fein- ste Papier, durchsichtig, leicht zerreifsbar, mürbe, verdickt, verknorpelt, ver-r knöchert, ja sogar versteinert. Voigtel &t) bemerkt, dafs Verknöcherungen derGefäfse nie ohne gleichzeitige und verhäitnifsmäfsige Erweiterung beobachtet worden wären. Zwischen den Häuten findet man phosphorsauren Kalk abge- setzt, coagulable Lymphe etc. ergossen.
i5i") Se-verinus de recondita absecssuum natura p. 227. i!»2) Richter Diss. 1. c. p. It. *
i53) Heil 1. c. Tom. IL p. 200. lü-O Voigtel 1. c p. 45o.
F
. Die Häute der Lymphgefäße weichen auf dieselbe Art von ihrem Normal- zustand ab, man findet -sie undurchsichtig, milchweiß , welk, verknorpelt, und Weither l35) hat die versteinerten, die er sah, abbilden lassen.
Von der Normalmischung und Structur hängen die Kräfte, 'und von diesen das Lumen der Gefäße ab. Jede Verletzung der Structur und. Mi- se h u n g in den W andungen, die eine Ausdehnung derselben zur unmittelbaren Folge hat, könnte also als nächste Urs a che der Angiectasie aufgestellt werden. Sie läßt nun, nach Maßgabe ihrer In- tensität, die Krankheit in dem einen Fall dynamisch, im andern organisch er- scheinen, (vid. Abschn. 5. §. 1.) und wird durch Verhältnisse veranlagst, die wir die entfernte Ursache nennen. Sie wirken vorbereitend , gelegentlich, allgemein und örtlich, sind fremde Dinge und Theile des Körpers, befinden sich in oder aufser demselben. Ihre Exposition im Detail soll nim folgen.
Die vorbereitenden Ursachen sind nicht hinlänglich bekannt. Bei Diathesen, wo Angiectasien an mehrern Orten zugleich sind, wo sie ohne alle, oder wenig- stens bei ganz unbedeutenden äußern Veranlassungen entstehen, wo eine durch die Ausrottung einer andern zu Wege gebracht wird, hat man die sämmtlichen Gefafse des Körpers mürbe gefunden. Alles- was Schwächung der Gefäfse bewirkt, ihre Vitalität verletzt, kann zur Erzeugung einer Diathese beitragen.
Ein vorwaltendes Mißverhältniß zwischen der Quantität der gesammten Blutmasse und den Kräften der Gefäße (Plethora) unterdrückt die Kraft der Wandungen immer mehr und kann sie zu Ectasien prädisponirenj dasselbe er- zeugt eine allgemeine krankhaft erhöhte Reizbarkeit der Faserhaut durch die be- ständig schnellem Oscillationen, die sie bewirkt.
Bei den Blutgefäßen veranlaßt sie oft der Scorbut, eine Krankheit, in der wir ein aufgelöstes, wässriges, desoxydirtes Blut antreffen, welches freilich die Gefäßwandungen, in denen es Hießt, nicht normal reproduciren kann.
Aelmlich verhält sich die Wirkung narkotischer ^6) Gifte; sie lähmen die Gefäße plötzlich, oder schwächen sie, in kleinen Dosen angewandt, wo sie näm-
i35) Mem. de l'Acad. de scienc. a Berlin, 1787. p. 21. l36) Reil 1. c. Tom. 3. p. 9,
Kell das BItit auflösen, wie wir beim anhaltenden Gebrauch derselben sehen. Der iibermäfsige Gemifs des Weines, Brantweines, der Gewürze etc. hat eben auch Schwächung des Gefäfssystems zur Folge.
x\uch die Lustseuche soll zu Diathesen Gelegenheit geben. Guattani's meiste Krauken, die Anevrismen ohne äufsere Veranlassung halten, waren vor- her syphilitisch gewesen; dafs aber in jenen Fällen der zur Cur der Krankheit an- gewandte Mercur mehr dazu beigetragen habe, als Syphilis selbst, dies la'fst sich fast vermulhen, wenn man auf die auflösende Kraft des Quecksilbers und auf die Art seiner Anwendung in damaligen Zeiten Rücksicht nimmt.
Ferner können sie auch schädliche, giftige Dämpfe, feuchte Luft und Man- gel an Lichistoff bewirken. Daher Bergleute öfterer als andere mit Gefäfsaus- dehnungen behaftet werden. Meistens sieht man bei ihnen Ectasien an den Ar- men, die durchs Hämmern und Seigerfahren vorzüglich angestrengt werden • doch sind sie gewöhnlich mit Diathesen verbunden, und ein Subject hat oft mehrere Anevrismen zugleich. So können auch , topische oder allgemeine, warme Bäder- schädlich werden; sie erschlaffen, schwächen und dehnen die Gefäfse .aus, wenn sie zu oft angewandt werden. Endlich sollen auch noch Gicht und Scrophel- krankheit zur Erzeugung von Diathesen beigetragen haben.
Dennoch scheint es, als wenn ein Zusammentreffen mehrerer günstiger Um- stände zur Erzeugung einer allgemeinen Anlage nothwendig wären , denn sie kommt doch nicht so sehr häufig vor. An Beispielen, die uns von ihrer Möglich- keit überzeugen, fehlt es in defs nicht. Joseph Nenei1^) fand die Milzschlag- ader ausgedehnt und geborsten, zugleich war aber auch ein Theil der aorta de- scendens, die arteria coeliaca und eine Nierenpulsader anevrismatisch ausgedehnt. Dr. Merk l3°) beobachtete bei einer Frau ein Anevrism der rechten Armschlag- ader, in Gesellschaft mit einem der Axillararterie und einer dritten unter den fal- schen Ribben der linken Seite. Wilson l39) behandelte in London ein Anevrism der Arteria poplitea, das die Gröfse eines ausgewachsenen Menschenkopfes er- langt hatte; zugleich waren am andern Fufse mehrere Anevrismen der Cruralar- terie, und unterm Zwerchfell befürchtete man eine ähnliche Krankheit. Eben so
i3-;) Vo igtet 1. c p. 465. \
i38) Magazin für technische Heilkunde, öfltentl. Arzn. etc. von Dr. Gottlieb Erhard d. jungem. Tom. I. p. i36.
i3y") In den allgem. medic. Annal. des igten Jahrhunderts i3ü6. November p. 1024«
F 2
— . 44 —
kann die Anlage auch die Venen betreffen. Pohl *4o) erzählt die - Krankheits- ■ gesclnclite eines Knaben', der, nebst Epistaxis und Hasmoptysis, eine Menge Blut durch den After verlor und dessen Hirnhäute, Lungen, Zwerchfell ,. Magen nnd übrigen Eingeweide voller Varicen waren: Boerhave (vid. Abschn. 6. §. 5. No. 19.) fand bei einem melancholischen Manne alle Blutadern übermäfsig aus- gedehnt.
Die Dialhese kann aber auch örtlich und erblich seyn. Wir beobachten dies bei Hämorrhoiden. Kinder bekommen sie nicht selten von den Aeltern. Lancisius I4I) sah Erweiterungen des Herzens durch vier Generationen fort- geerbt.
Diathesen zu Cirsen kommen weit öfterer vor. Scropheln x42), Rachi- tis x43), Syphilis *44), Wassersüchten >45) scheinen Affecte der Lymphgefäfse zu seyn, die sehr oft zu Cirsen Anlafs geben. In der Scrophelkraukheit findet man die Lymphgefäfse oft ausgedehnt und mit einer weifsen, käsigten Masse gefüllt. Reil1-^) meint, dafs Scrophalkrankheit in einer Schwäche der Lymphgefäfs- wandungen begründet seyy die Ausdehnung zur Folge habe; dafs Cirsen öfters Begleiter der Wassersuchten sind, zeigen uns die Leichenöffnungen. Ich sah einigemal im Hydrothorax die Lymphgefäfse der Pleura, und im Kindbettfieber die des Peritonei zu der Stärke eines Strohhalms ausgedehnt und netzförmig unter einander verschlungen. In der Lustseuche fand Söin nie ring x47) die Lymph- gefäfse oft ausgedehnt und mit einer übelriechenden Masse erfüllt. Die Lymphe soll in dieser Krankheit nach Schwediauer *4.3) und Girtanner *49) immer entweder verdorben oder geronnen seyn. In der Ptachitis beobachtete Heu-
340) Pohl l.'c. p. 37.
541) Lancisius de motu cordis et aneurismaiihüs Part. II. cap. 5. p. 281.
142) So in niering de morb. vas. abs. §. XXXVÜ. p. 87.
1433 Sömmering de in. V. §. 38. p. 9,2.
144) Cruikshank 1. c. p. i3i.
»45) Sömmering 1. c. 5. 22. p. 42.
146) Reil 1. e. Tom. II. p. 23o.
147") Sömmering de morb.. v. abs. $. 36. p. 71.
148) Schwsdiauer praktische Beobachtungen über venerische Uebel. Wien, 1786. S. 24. Anmeik.
*4S0 Curla nn er über die vener.. Krankh. Gott. 1797. S. 73. •
— 45 —
nius x5o) häufig Cirsen. Die Ursachen aller dieser Krankheiten wirken schwä- chend aufs Lymphsyslem, und werden einzeln in der Aetiologie der Scropheln, der Rachitis , der Lustseuche und Wassersucht abgehandelt.
§•5.
Ich komme nun zu den Gelegenheitsursachen, die Angiectasie nach sich ziehen können, und werde die vorzüglichsten aufzählen. Gefäfsausdehnungen entstehen durch Congestionen in den Gefäfsen, durch Hindernisse des Kreislau fs, mechanische Anstrengungen des Körpers, wenn sie plötzlich und heftig geschehen, Gewalttätigkeiten, ver- letzte Continuität der Wandungen, Form der Gefafse, Lage des Körpers, durch Fehler der Urbildung.
§• 4.
l) C o n g e s t i o n e n i5r ) sind Krankheiten der Lehenskraft einzelner Zweige der Blutgefäfse, die eine abnorme Anhäufung des Blutes in den Gefäfsen selbst zur Folge haben, und die normale Ausübung der Functionen des Körpers stören.
a) Congestionen rein als solche: Sie können durch erhöhte Reiz- barkeit eines Zweiges oder einer Gruppe kleiner Gefafse entstehen. Die Folge davon ist lebhaftere Oscillation der kranken Sehlagadern , und eine dadurch ver- anlagte Ueberfiillung derselben mit Blut. JDiese activen Congestionen können durch zu grofse Anstrengung die Gefafse schwächen, sie lähmen und so in passive übergehen, die nun der Thätigkeit der gesunden Gefafse nicht das Gleichgewicht halten können, und desto mehr überfüllet werden, je beträchtlicher ihre Kräfte sinken, bis sie in offenbare Anevrismen und Varicen übergehen. Sie können Folge von Leidenschaften: als Zorn, Schreck, Furcht, Angst, Neid u. a. m. seyn und werden durch die verschiedenen Ursachen veranlafst, die Congestionen feewiiken. (siehe R eil a. a. O.)
Die durch sie veranlafste Lähmung in den Gefäfsen kann aber auch nur eine, oder auch beide Häute betreffen. Durch anhaltende Vegetation« -Processe kann die Faserllaut überreizt und gelähmt werden, das Gefäfs- zieht sich nicht mehr
öv
io "), H eunü diss. de vasorum absorbeiitium ad iacbiüdem proereandam jioteiilia , Gült, 1.79; i5i) lieil 1. €. tom. III. p. 3.
— 46 —
zusammen, indem die Elasticität der Zeilhaut allein wirkend zurückbleibt und das Gefäfs in bestimmten Schranken erweitert hält (passive Congestion?). — Oder die Anstrengung war. so stark, dafs sie der Zellhaut ihre Eigenschaft, einen be- stimmten Raum zu behaupten, oder mit andern Worten, die Elasticität raubte. Nun sind beide Kräfte der Gefäfse vernichtet, (Ectasie?) — die Wandungen dem eindringenden Blute völlig Preis gegeben, welches sie bis zum Zerplatzen ausdehnen kann. V
So hinterlassen active Congestionen durch ihren Uebergang in passive, An- giectasien. Keil sagt *52): heftige anhaltende oft wiederkehrende habituell, ge- wordene Congestionen verstimmen die Vitalität des Organs, in welchem sie vor- handen sind, und veranlassen Anevrismen und Varicen.
Aber auch Cirsen können auf gleiche Art durch Congestionen in denLymph- gefäfsen entstehen. R e i 1 *53 ) führet Krankheiten ihrer erhöhten und geschwäch- ten Reizbarkeit und ihrer Lähmung im Kapitel vom Saugaderfieber an, und er- weiset auf diese Art in ihnen die nämlichen Verhältnisse, die den Biutgefäfsen eigen sind.
b) Congestionen als nothwendiges Bedingnifs bei erhöhten Vegetationsprocessen. Jede erhöhte Thätigkeit eines Organs ist mit einer starkem Vegetation .und diese mit Congestionen verbunden, welche nach Maßgabe der erstem zu sehrüberhand nehmen und Gefäfsausdehnungen zurücklassen können. Lieutaud sah einen jungen Menschen (Abschn. 6. §. 2. No. l.) an Varicen im Gehirn sterben, die er sich durch anstrengende Kopfarbeiten zugezogen hatte.
Eben so entstehen Angiectasien , wo durch erhöhte Vegetation mehr Stoff abgelagert wird. Soll an irgend einem Orte mehr, als im normalen Zustande ab- gesetzt werden, so wird dazu ein stärkerer Zuflufs des Bluts erfordert, der mit der Zeit die Gefäfse erweitert, bis er sie endlich krankhaft ausdehnet. Dalier sind Sack- und Balggeschwülste *54), wenn sie nur einigermafsen beträchtlich werden, fast immer von ausgedehnten Gefafsen umlagert ; aus derselben Ursache fand Acrel *55) im Umfange der ungeheuren Lipome, die er ausrottete, so be-
162) R eil l. c. p. 7.
x55) L. c. T. II. p. 226.
i5|) Richter 1. c. Tom. t. p. 4g5.
i55) A.crel 1. c. Tom. IL p. 357 — 4*6.
träehtliche Angtectasien , und Voigtel ^G), bei serösen Anhäufungen, Cirsen. Im Hydrocephalo externo sali ich einigemal die Lymphgefäfse der Spinueweben- hant zur Stärke eines Strohhalms ausgedehnt, und schöner als sie wohl durch die gelungenste Injectfon dargestellt werden können.
2) Mechanische Anstrengungen des Körpers, vorzüglich wenn sie plötzlich und schnell geschehen, können durch Dehnung der Gefäfse., oder durch Ueberfüüung derselben mit Blut, Ectasien bewirken. Hierher gehöret das Schreien, Laufen, Reiten, Tanzen, Springen, das heftige Strecken der Glieder, die Verrenkung derselben, das Tragen schwerer Lasten, die Geburtsarbeit u. s. w.
Ein vierzigjähriger, stark gebauter Mann wurde im Walde Fäjola plötzlich Von Räubern überfallen, auf Nebenwegen von der Hauptstrafse fortgeschleppt, geplündert, und an einem Baum festgebunden; trotz aller Anstrengung, die er zu seiner Befreiung anwandte, war es ihm dennoch unmöglich, sieh los zu machen, bis endlich nach sechs Stunden ein Jäger aufsein Gebrüll hinzu kam, der der Stimme nachgegangen war;, ihn befreie te und auf die Heerstrafse zurückführte. In Veiitra ruhte der Mann aus, und reiste dann nach Neapel, wo er wegen seines Uebelbefiudens bei Aerzten Hülfe suchen -nmfste; er besserte sich um etwas, ver- schlimmerte sich aber bald wieder, bis er nach acht Jahren in das Krankenhaus di San Spirito gebracht wurde, wo man die Krankheit als ein Aneurisma Aortae erkannte. Nach einigen Tagen starb er, und die Leichenöffnung bestätigte die Diagnose l$l). Wedel i58) sah Varices palpebrarum durch anstrengende Ge- buitsarbeilen entstehen. Lieutaud *5g) erzählt folgende Geschichte eines Mäd- chens : Beim Tragen einer schweren Last auf dem Kopfe glaubte sie das Gefühl zu haben, als wenn etwas in dem Schädel geplatzet wäre, es blieb ein spannendes, drückendes Gefühl an dem Orte zurück, Schwindel stellte sich ein und sie starb nach einiger Zeit. Als der Kopf geöffnet ward, fand man im Gehirn einen Cir- sen von der Giöfse eines Hühnereies, der mit einer trüben Lymphe erfüllet war.
Beispiele von Menschen, die sich durch anhaltende und anstrengende Rei- sen zu Fufs und zu Pferde Anevrismen zuzogen ? sind nicht selten. Lanci—
i56) Voigtel 1. c p. 499.
157) Guattani 1. c. p. 35. Histor. 25.
i58) Wedelii diss. de vaiicibus. len. 1690. p. 10.
159) L. c. lab. III. Obs. 191.
— 48 —
sius I^°) sah das Herz eines Läufers so grofs als ein Kuhherz, es wog drittehalb Pfund. Icli behandelte einen jungen Mann, der bei sehr heißem und schwülen Welter in einem Tage zehn Meilen geritten war; als er Abends anlangte, konnte ich ihn nur durch wiederhoIte-AderJässe und das strengste antiphlogistische Re- gime von der äufs ersten Beklommenheit der Brust und dem heftigsten Herzklopfen befreien, was so beträchtlich war, dafs es ohne die Anwendung jener wirksamen Mittel nothwendig Anevrismen zurückgelassen hätte.
3) Ferner gehören hierher mechanische Hindernisse des Kreis- laufs.
' a) Synizes^en der Gefäfse. (Ihre Entstehung vid. Abschn. 5.) Astley Cooper1^1) sah den Brustgang verwachsen. Baillie *Ö2 ) erzählet einen Fall, wo ein beträchtlicher Theil der untern Hohlader ganz verschlossen war. Als Folge davon, sagt er, waren die gewöhnliche unpaarige Vene und eine andere ungewöhnliche an der linken Seite so stark ausgedehnt, dafs sin die einzigen Ka- näle bildeten, durch welche das Blut bei seinem Kreislaufe zum Herzen zurück- kehren konnte. Sehr wünschenswerth ist uns diese Folge der Gefäfssynizesen bei Unterbindung der Anevrismen an tlauptarterien. Geschieht sie, dehnen sich die Lateralgefäfse aus und versorgen den Theil mit hinreichendem Blute, so erfreuen wir uns eines glücklichen Erfolges.
b) Krankheiten der Valveln. Sie können anschwellen, verknor- peln, verknöchern, zwei gegenüberliegende zusammenwachsen , und auf diese Art das Lumen verringern und das Durchströmen des Blutes zum Theil oder ganz hindern. Man sieht die Hindernisse, die sie auf diese Art dem Kreislaufe in den Weg legen, alltäglich bei den Varicen der Unterextremiläten, wo die Yenen mei- stens von einer Valvel zur andern knotenförmig ausgedehnet sind. Reil sah (a. a. O.) dasselbe von den Lymphgefäfsen; : sie waren von der Fufsspitze bis zu den Weichen gleich einem knotigen Stricke angeschwollen, und Sömmering beobachtete sie am Gekröse vollkommen einer Perlenschnur ähnlich l&2).
c) Ferner gibt Gerinnung des Contenti Veranlassung zur Verschlie- fsung des Luminis. So wirken z. B. die Polypen. Als Ursache einer Zerrei-
160) Lancisius de -variis improvisae mortis gcneribus. Vol. II. p. i3o.
ibi) Astley Coopcr med. records and researches, Lond. 1798. yoL I. p. 144»
162) Bidloo's Meinung, vid. Abschn. 6. in der Anmerk.
fsung des Herzens findet man einen Polypen angegeben »63), Polypose Con- cretionen in den Gefäfsen sind öfters Ursache, dafs blos die Operation Hülfe lei- sten kann.
d) Fremde Körper in den Gefäfsen. Walther 164) fand einmal bei einem Manne, der an Lithiasie litt, in den Venen der Harnblase fünf kleine Steine, deren Durchmesser eine bis zwei Linien betrug, und in einem andern Falle sah er drei von derselben Gröfse in den Venen der Muttterscheide *65). Treutier 1^6) entdeckte einen Wurm ( Hexathyridium venarum) in der vor- dem Tibialvene.
e) Geschwulst und Auswüchse der Gefäfswände. Stenzel^) er_ zählt die Geschichte eines Mannes, der Herzklopfen, Angstund Kurzathmigkeit hatte. Man fand bei ihm zwei Speckgeschwülste von der Gröfse eines Hüner- eies in dem Bogen, und andere kleinere in dem absteigenden Theile der Aorta. Brebitz 108) hat Fälle von Cirsen und Fieischge wüchsen der Gefafs wandungeil gesammelt. Endlich
f; Druck auf die Gefäfse. Er kann von Geschwulst benachbarter Theile des Körpers, oder von absolut aufsein Dingen geschehen. Zusam- menpressimg der Carotiden durch Kröpfe sah Haller ^9). So erscheinen die Varices gravidarum durch Druck der Gebärmutter auf die Iliacalvene. Ectasien im Umfang eines Krebses mögen wohl zum Theil durch Druck seiner scirrhösen Basis auf die benachbarten Venen entstehen. Als Beispiel eines Drucks von absolut äufsern Dingen, dienet der Gebrauch von Strumpfbändern, die oft genug, wenn sie sehr fest angelegt und beständig getragen werden, Varicen der Unterextremi- täten veranlassen.
4) Ge waltthätigkeiten. Verschiedene absolut äufsere mechanische Potenzen können so mächtig auf die Structur der Gefäfse wirken , dafs sie die Wandungen derselben lähmen , dadurch dem Blute freien Einlafs verstatten und
i63) Seh reger und Hartes Ann. der ne.uest. engl, und franz. Clür. Toni. II. p. 123.
164) Walt Ii er observ. anar. p. 44.
i65) Ejusdem anat. mus. Vol. I. p. 161. Hb. 325.
166) üissert. citata p. 25.
16-?) Stenzel de ateatotn. in ptlncipio arteriae aortae repertis, .Vitemb. 1723. p. 8.
i6ö) Brebitz diss. praesid. Faselio, Ien. 1757. p. 39.
16^) IIa 11 er opusc. pathol. Obs. 6. — el JSov. Act. nat. cur. Tom. V. p. 64.
G
— 5o —
Angiectasien zur Folge haben. So wirken Quetschung, Fall, Sto& , Schlag und besonders Commotion. Einige Krankheitsfälle mögen das Gesagte erläutern.
Ein Mädchen bekam einen Schlag auf den Kopf, e s erfolgten starker Kopfschmerz, Irrereden, Fieber und nach dem sechsten Monate der Tod. In jeder Hirnhöle fand man einen umschriebenen Cirsen I7°) von der Gröfse einer Haselnufs'. F ahn er xll) sah durch den Schlag eines Pferdes auf die Brust ein Anevrism der Aorta veranlafst. Um zu beweisen, dafs von äufsern Ur- sachen auch innere Anevrismen herrühren können, erwähnet Sömmering diesen Falb Acrel ll2) sah durch einen Pistolenschufs , der gleich neben der Carotis durch den Hals gegangen war, ein Anevrism derselben entstehen. Zu Arvid Fax (vid. Abschn. 11. §. 7.) kam ein Mädchen mit einer angebornen Telangiectasie des Gesichts. Nach genauer Prüfung ergab es sich, dafs die Mutter, als sie noch mit dem Mädchen schwanger ging, so gefallen war, dafs ihr Leib mit aller Gewalt auf den Stock eines abgesägten Baumes aufstiefs; nolhwendig wurde das Kind hierdurch mit verletzt.
5) Verletzte Continuität der Wandungen, als entfernte Ursa- chen der Angiectasien. — Sie entstellt entweder durch äufsere Dinge, durch Schnitt, Stich, Hieb, oder durch verletzende Theile des Körpers, z.B. durch Splitter eines zerbrochenen Knochens , oder endlich durch Krankheiten des Körpers, z. B. Vereiterungen. Dabei werden nun blos eine, oder auch beide Häute zugleich verletzt. Im ersten Fall erfolgt, da eine Membran allein dem Andränge des Bluts zu widerstehen-, unvermögend Ist, die Art von Ectasie, die man die gemischte nennt $ sie kommt meistens bei Phlebotomien vor, wo die Zellhaut der Arterie mit getroiTen wird, das Instrument aber nicht bis in die Hole derselben drang. Im andern Fall, wo beide Häute zugleich getrennt sind, können sie durch Natur oder Kunst zusammen heilen und zu spätem Angiec- tasien Ankfs geben. Fischer zu Rynach *#) theilt im Museum der Heil- kunde einen hierher gehörigen Fall mit. Die Arteria radialis war drei Zoll hinter dem Flandgelenke mit einem Messer verletzt worden, die Blutung war sehr beträchtlich, wurde durch starkes Binden gestillt, und die Wunde der
170) Lieutaud 1. c. lib. 3. obs. 108.
171) Baillie 1. c. p. i3. aimot. 54. /
172) Acrel 1. c.
17J) .Fischer im Museum der Heilkunde 1. e.
\
Öl
Schlagader vollkommen vernarbt. Allein nach einiger Zeit fing die Arterie an sich auszudehnen , bis sie nach zwei Monaten die Gröfse eines mäfsigen Borsdor- ferapfels erreicht hatte, und ausgerottet ward.
Endlich können die Häute auch noch auf andere Art in ihrer Continuität ver- letzt werden, nämlich sowohl durch eigene, als benachbarter Theile Krankheiten, wie Entzündung, Eiterung I74), Brandt) ihrer eigenen Wände, oder anlie- gender Organe; so sah Cruikshank I7^), dafs bei der Vereiterung einer vene- rischen Leistendrüse die unterliegende Arterie durch das Eiter durchfressen wur- de, und eine tödtiiche Blutung veranlagte.
Paletta »77 ) glaubt, dafs alle anevrismatöse Geschwülste durch kleinere oder gröfsere Löcher, oder durch schwielige Risse der innern Haut entstünden.
6) Die Gestalt des Gefäfses kann auch zur Entstehung einer Ectasie mehr oder weniger beitragen.
a) Erstens geschieht dies, wenn das Gefäfs in so einem Winkel gebogen ist, dafs die aus einem Schenkel desselben kommende Blutwelle mit ganzer Gewalt an die gegenüber liegende Wand des andern Schenkels anstöfst. Dies ist der Fall beim Bogen der Aorta; er empfängt in seiner Flexur den ganzen Stofs des mit Kraft aus dem Herzen gespritzten Blutes, und ist daher vor allen übrigen grofsen Arterien zu Ectasien geneigt.
b) Oder zweitens, wenn gleich grofse Gefäfse sich so verbinden, dafs ihre Stämme in entgegengesetzter Richtung sich vereinigen und einander gleichsam entgegenwirken; der Kreislauf wird hier nothwendig erschwert, indem nach phy- sischen Gesetzen zwei entgegengesetzt wirkende Kräfte sich gegenseitig aufheben, und er müfste ganz aufgehoben werden, wenn das Blut nicht durch Seitenäste entwei- chen könnte. So entstehen zwar im normalen Zustande keine Ectasien, bei der mindesten hinzukommenden Veranlassung aber um desto leichter an Orten, wo diese auf Gestalt begründete Anlage zugegen ist. Am deutlichsten sieht man dies ' an den runden OelYnungen des Körpers, wo die Gefäfse sich im Kreise theils be- gegnen, theils vereinigen; und hierin mag wohl die Ursache liegen, wenn nach
174) Ibid. p. 33.
170) Brebitz I. c. p. 37.
176^ Cruikshank Geschichte der einsaugenden Gefäfse, v. D. Ludwig. S. n3.
177) Taletta in "Wcigel's ital. med. chir. Bibliothek. B. 4. St. 1. S. 7.
G 2
02
Reil r73) die Einrichtung der Gefäfse an. den runden Oeffuungen des Körpers Angiectasie begünstiget, und wenn am Pförtner, dem Muttermunde, dem Schlie- fser, der Scheide, dem Elasenhalse, dem After, an den Augenliedern, und am Munde so leicht Gefäfsausdehnungen entstehen.
7) Stellung des ganzen Körpers fördert auf mancherlei Art die Ge- ■ fa'fs-Ectasien. Vieles und anhaltendes Stehen gibt Anlafs zu Varicen der Unter- extremitäten, wie ich oft bei Schriftsetzern zu beobachten Gelegenheit hatte. Die beim Sitzen nothwendige Beugung des Körpers stört theils durch die Zusammen- pressung des Unterleibes den Kreislauf in demselben, theils häuft sie das Blut im Mastdarme durch den Druck der Gedärme auf denselben, und erzeugt auf diese Art Hcemorrhoiden.
8) Endlich sind Gefäfsausdehnungen mit Feldern der Urbild ung gege- ben. Michaelis *79) sah einen Mann, der von seiner frühesten Jugend an neun wahre Anevrismen am linken Arme hatte 5 sie veränderten sich nicht, wurden weder kleiner noch gröfser. L entin *8o) sagt: in einer fehlerhaften Bildung des Herzens und der grofsen Gefäfse hat ein unheilbares Uebel, die blaue Krank- heit, ihren Grund. Zahlreiche Beispiele derselben hat Voigt el i^1) gesammlet. Mang et l8~) sah eine schwangere Frau, die besonderes Verlangen nach einer Hasenlunge hatte; sie wurde ihr zum Essen bereitet,, und von ihr mit ungewöhn- lichem Appetite verzehret. Als sie niederkam, hatte das Kind an der Lippe eine Geschwulst, die ganz den Lungenflügeln eines Hasens glich und ihrem Wesen nach eine vollkommene Angiectasie war (vid. Absclm. 11. §. 4.).
178) Reil 1. c. tom. III. p. 209 et 210. 17g") In Loder's Journal B. 2. p. 665. ,180} L entin 's Beitrage etc. Leipzig, 1798. Vol. II. p. 6g. iui) Voigtel 1. c. p. 38o. 182) Mang et bibliotlieca chhurgica Genevae 1721. tom. IV. Lib. 17. p. 94. cap. 3o.
— 53 —
Achter Abschnitt.
Cur der Angiectasie im Allgemeinen.
§. i.
V 011 der Cur darf ich blos das Generelle aufstellen, die Grundsätze ordnen, nach denen wir im speciellen Fall handeln; wie diese aber jeder individuellen Krankheit angepafst werden müssen, dies lehrt die specielle Therapie, die, so weit sie durch den gegenwärtigen Zustand der Heilkunde vervollkommnet worden, durch die Schriften mehrerer Aerzte, eines Guattani, Flajani, Frank, Pott, Hunter, Bell, Richter, Callisen, im einzelnen gegeben ist.
Die Cur richtet sich nach der Einfachheit und Complication der Krankheit. Sind andere Krankheiten, als Entzündung, Verhärtung, Eiterung, Caries etc. mit vorhanden : so müssen sie nach ihrer Art behandelt werden ; sie haben ihre eigene Tndicationen und die Priorität belehret uns meistens über die ursächliche Verbindung, sie zeigt uns, welche Krankheit Ursache der andern ist, und welche daher erst zu beseitigen sej.
Entfernte Ursache
E.
Noch vorhandene entfernte Ursachen müssen gehoben werden, wenn ihre Beseitigung möglich ist; Congestionen werden abgeleitet, und nach den übri- gen Grundsätzen geheilt, die Reil, im Kapitel von ihnen, bestimmt hat. Ver- härtete Drüsen , die auf die Gefafse drücken , müssen zertheilt, Beingürtel gelöset, Krebse ausgerottet, fremde Körper ausgezogen und Wunden der Gefälle per primam intentionem geheilet werden.
Ist die entfernte Ursache nicht gehoben, so kommt keine Radical- Cur zu Stande, denn gesetzt auch, die eine Ectasie würde geheilet, so entstehet Ausdeh-
— 54 —
nung an andern benachbarten Orten. Ist die entfernte Ursache aber "beseitigt , so wird die Heilung möglich, ja erfolgt zuweilen von selbst. Htemorrhoiden , die durch Druck und Schwäche in den Gedärmen entstanden, verschwinden, wenn jene gehoben sind. Chsen, die durch ein Krebsgeschwür veranlafst worden , hei- len, wenn das Krebsgeschwür geheilet ist. Varices. gravidarum vergehen nach der Niederkunft, wenn der Druck der Gebärmutter auf die Iliacalgefäfse aufhöret.
S- 5.
Cur der Diathese.
Die Diathese, wenn sie vorhanden ist, wird nach ihren verschiedenen Ver- hältnissen gehoben. Ist sie ein Erzeugnifs von Scorbut, Scropheln, Syphilis, Arthritis, so werden diese durch die gegen sie angezeigten Mittel geheilt.
Oft ist ein Mifsverhältnifs der Quantität der Blutmasse zu den Ki äffen der Gefäfse als Diathese zu betrachten. Wir mindern hier die Menge des vorhande- nen Blutes , stärken die Gefäfswanduugen und stellen dadurch das Normalvei hält- nifs wieder her.
Die erste Indication erfüllen wir durch Blutausleerungen , nach denen in der Regel die Anevrismen sich sogleich verkleinern *83), durch gelind abführende Mittel, als Weinsteinrahm, Salpeter etc. und durch verminderte Erzeugung des Blutes; zu dem Behufe geben wir vegetabilische, wenig nährende Kost und lassen viel Wasser trinken. i
Der zweiten Indication ist schwieriger Genüge zu leisten. Wir sollen die Ge- fäfse stärken , und geben daher vegetabilische und mineralische Säuren, Adstrin- gentia und den Alaun, empfehlen dem Kranken einen kühlen Aufenthalt und wo möglich kalte Bäder. Doch dürfen letztere Mos dann angewandt werden, wenn ihre Kälte bis auf das Anevrism wirken kann, dasselbe also nicht zu tief liegt, sonst vermehren sie es durch die Anhäufung des Bluts nach innen , die der Zu- sammenziehung der Gefäfse an der Oberfläche folgt. Ferner müssen von den stärkenden Mitteln nur solche ausgewählt werden, die durch ihre Nebenwirkung weder die Blutmasse vermehren, noch den Körper erhitzen, weil sie sonst mehr schädlich als nützlich sind, daher Sauren und Alaun das meiste leisten. Dr. Merk *H*)
i!]j) Vid. Loder Journal Vol. I. p. 228. x&i) Vid. f, 6.
— 55 —
heilte die Diathese seiner Kranken, die örtlichen Mittel nicht gerechnet, durch den Gebrauch der Schwefelsäure mid gelinder abführender Mittel.
Zuweilen ist durch die Einwirkung der Nerven auf die Faserhaut eine besondere Reizbarkeit mit vorhanden, deren häufigere Oscillationen leicht zu An- häufungen des Fluidi Anlafs geben können. Hier passen beruhigende Mittel, das Extract des Bilsenkrauts allein, zu mehrern Granen, mit Zucker abgerieben in Pulverform , oder mit Mohnsaft ( doch mufs man sich vor dessen Congestionen hüten) in Pillen form.
Rp. Extr. Hyoscyami Opii puri aa 3J M. F. pilulae pond. gr. ij Consperg. pulv. Lycopod. D. S. Abends eine Pille zu nehmen. . ;
Nach einiger Zeit auch früh eine, bis man nach und nach die Dose vermeh- ret. Verträgt sie der Kranke, so habe ich von dieser Mischung weit mehr Wir- kung gesehen, als wenn die Mittel einzeln gegeben wurden. Vorzüglich passend sind auch die Contrastimulantia der Italienischen Aerzte ; sie mindernden Herz- schlag, machen den Puls seltener, besänftigen das Gefäfssystem. Man gibt das Kirschlorbeerwasser von zehn bis seehszig Tropfen täglich zwei und mehrere Male ; ferner den rolhen Fingerhut in Extract. von drei bis zehn Granen , in Tin- ctur zu 6 — 10 und nach und nach bis 6o Tropfen, alle 3 Stunden, besser aber die Blatter, entweder im Pulver von einem bis sechs Granen, oder im Infus: Rp. Folior. digital, purpur. 3j -ij
infunde s. q. aquae fervid. ad Colat. IV. adde syrup. Diacod. ?}. D. S. Efblöftelweise zu nehmen. Ich habe einige Mal sehr vortheilhafle Wirkungen von diesen Mitteln gese- hen. Auch kann man mit ihnen die angezeigte stärkende Curmethode verbinden wenn bei erhöhter Reizbarkeit die Energie gemindert seyn sollte. Und in Fällen, wo alle Hülfe vergebens war, brachten sie noch die meiste Erleichterung zu \yege.
§. 4.
Die Diathese der Lymphgefäfse zu Cirsen kommt sehr oft vor, ist aber mei- stens von andern Krankheiten, von Scropheln, Syphilis, Rachitis, Cachexien ab-
— 5ß —
hängig und wird dann meistens durch Mittel, welche jene Krankheiten heilen, ge- hoben. Doch scheint auch hier zuweilen ein Mifsverhältnifs zwischen der Quan- tilät der Lymphe und den Kräften der Saugadern vorhanden zuseyn, und bey* hvdropischen uud pituitösen Anlagen i85) Cirsen hervor zu bringen; wir leeren alsdann die Lymphe durch die Haut, den Mastdarm und die Nieren aus, geben Diaphoretica, Drastica und Diuretica und stärken zuletzt die Gefäfse durch Fär- berröthe, China , Eisen. -
Wäre das Zellgewebe blos eine Verschlingung der feinsten exhalirenden und resoi birenden Gefäfse (vid. Bichat und Autenrieth), so würde ihre Ectasie Wassersüchten begründen.
Ist die Diathese zu Angiectasie nicht gehoben, so bleibt die örtliche Hülfe unzureichend; gesetzt sie gelänge, so folgen Ausdehnungen an andern Orten. Wesv. egen auch Hunters Methode, der die Arterie fern von ihrer Ausdehnung unterbindet, bei allgemeinen Diathesen unzulänglich ist, obgleich, wenn die Ver- derbnifs nur einen Stamm betrifft, niemand ihre Zweckmäfsigkeit bestreiten wird.
§•5. Unmittelbare Cur der Angiectasie.
Die Cur der Gefäfsausdehnunge, selbst richtet sich nach ihrem Grade.
1) Ist die Ectasie m'ä£sig, was man nach dem Grade ihrer Abweichung vom Normaldurchmesser bcurtheilen kann, ist sie erst vor Kurzem entstanden, noch weich , und ohne beträchtliche Degeneration, kann sie durch Compression des zu- führenden Gefäfses und durch auf sie angebrachten Druck., oder durch gelindes Streichen entleeret werden, so kann der Arzt noch Heilung derselben hoffen. In diesem Zustande sind alle Mittel hülfreich, die den Zuflufs des Blutes hindern, die Gefäfshäute zusammenziehen und stärken. Die vorzüglichsten sind folgende;
a) Adstringentia aller Art. Man bedeckt die Ectasien mit Thedeuschem Schufs wassei'7 Schmuckerschen Fomentationen, mit Abkochungen der Eichen- rinde, der Tormentille , Bistorta, der Galläpfel, mit Auflösung des Alauns oder gequetschtem Hauslauche. Diese Mittel sucht man dem speciellen Falle, der Con- stitution des Kranken und den leidenden Organen anzupassen. Mehr leisten sie in schicklicher Verbindung mit angebrachtem
itf3) Vid. Abscim. 4. Die Diagnose innerer Angieclasien.
b) Drucke, einem Mittel, auf welches Guattani zuerst aufmerksamer macht, und dem wir so viele Heilungen der äufsern Angiectasien zu verdanken haben. Man comprimirt das Gefäfs örtlich mit Bleiplatten, graduirten Compres- sen, oder dazu geeigneten Compressorien. Aber es entstehet mancher Nachtheil dadurch, Schmerz, Geschwulst, Oedem unter dem Bande, so dafs es dem Kran- ken unleidlich wird. T h e d e lr half diesem Uebel ab, er empfohl die gleichzeitige Einwickelung des ganzen Gliedes und machte dadurch ein Mittel anwendbarer, von dem wir die meiste Hülfe erwarten können. Der Andrang des Blutes wird durch die allmählige Compression gemindert, die Gefäfswände genähert, ihre Kraft un- terstützt, durch roborantia erhöht, und die Ectasie oft genug geheilet. Wir wen- den den Druck so lange an, bis die Herstellung vollkommen ist, nur Schade, dafs wir ihn nicht bei Gefäfsausdehnungen aller Orte benutzen können ; denn bringen Wir auf innere Ectasien, die bis an die Oberfläche des Körpers vorgedrungen sind, den Druck an, so drücken wir sie nicht zusammen, sondern pressen sie in die Hole zurück. Anwendbar ist also die Compression blos an äufsern Gefäfsen des Kopfes, zuweilen auch des Halses. Acrel heilte (vid. Abscbn. 6. §. 5. No. 4.) ein Anevrism der äufsern Carotis durch Compression. Am passendsten ist sie aber an den Extremitäten , nur selten bei Ectasien des Rumpfes und zwar blos dann, wenn sie oberflächlich über einem Knochen gelegen sind, der zum Gegendrucke tüchtig ist. Schade, sage ich, dafs dies wichtige Mittel, in den gefahrvollem an- nern Ectasien, die in den Holen des Körpers vorkommen, uns verläfst. Doch scheint bei ihnen dessen Stelle
c) die Kälte einzunehmen. Wo weder äufsere Adstringentia noch Druck hingelangen, wirkt sie durch ihre physische Derivation; sie vermindert den An- draug des Blutes, ziehet die Faser zusammen und stärket sie, will aber anhaltend und im höhern Grade gebraucht werden, wenn sie ihre Wirksamkeit an den Tag legen soll. Kalte Umschläge, die Schmuckerschen Fomentationen, sind selten zu- reichend, Schnee und Eis hingegen erfüllen oft den Zweck, den man von ihnen hoffte. Brückner «86) hält das Eis für das vorzüglichste Heilmittel in Gefäfs- ausdehnungen. Merck heilte seine Kranke (a. a. O.) nebst den innern Mitteln durch Application der Eiszapfen auf die einzelnen Anevrismen. Vielleicht dafs der höhere Grad von Kälte, den wir durch Kunst hervorbringen, noch mehr lei-
186) In Loder's Journal Tom. I. pag. 288.
H
— 58 —
sten sollte; man könnte zu dem Behufe. abwechselnd gestofsenes Eis mit Küchen- salz, Salmiak oder Salpetersäure gemischt 187) auflegen.
Können wir durch Beseitigung der entfernten Ursache durch die angezeigten innern und durch die Vereinigung der drei angeführten Mittel keine Besserung, keine Heilung bewirken, so bleibt uns noch der letzte Ausweg übrig, die folgende Curmethode» .. ,
2) Ist das erstere Heilverfahren unzureichend, das Gefäfs sehr erweitert, der Tumor hart, seinContentum geronnen und auf keine Art zu entleeren, hat die Krankheit schon lange gedauert, sind die Gefäfswände degenerirt, verdickt, ver- knorpelt, verknöchert, so bringt man den degenerirten Theil nicht zur Norm zurück und mufs ihn auf die schicklichste Art aus der Reihe der Lebenswerkzeuge auszustreichen suchen; dies geschiehet auf zweierlei Weise:
a) Man bewirkt Zusammenwachsung der Wände durch allmähliche, aber anhaltend. fortgesetzte und endlich vollkommne Compression dann, wenn der Tu- mor sich noch einigermafsen entleeren läfst. Wird das Letztere aber durch das coagulirte Contentum verhindert, so kann mau bei kleinern Gefäfsen und weniger bedeutender Degeneration ihrer Wände , einen Einschnitt machen, das Coagulum ausleeren und dann durch Compression heilen.
b) Ist aber das Gefäfs gröfser , die Degeneration der Wände sehr beträcht- lich, so ist die Zusammenwachsung wegen letzterer unmöglich. Hier legt man ein Tourniquet an, unterbindet das Gefäfs oben und unterhalb der Ectasie und schält es nach den Regein der Kunst aus.- Ist die Gefäfsausdebnung der Art, dafs man sie für ganz örtlich halten kann, so unterbindet mau nicht sehr weit vom Tumor im gesunden Theile des Gefäßes» Hat man aber Verdacht, dafs der Ge- fäfsstamin weiter erkrankt sey, so macht sich die Ligatur entfernter vom Tumor nöthig. So. unterbindet Hunt er beim Anevrism der Poplitea die Cruralarterie eine Handbreit über dem Knie, und läfst diese einzige Ligatur liegen, bis der Tu- mor verschwindet. Soll die Unterbindung nützlich seyn, so mufs sie im gesunden Theile der Ader geschehen, in jedem andern Fall ist sie unnütz. Die Ausrottung der Geschwulst selbst hängt dann davon ab, ob allmahlige Verkleinerung und Entleerung nach einiger Zeit folgt, und ob die Degeneration der Wände beträcht- lich ist.. Wie sie geschehe, lehret die specielle Chirurgie (vid. Bell, Richter etc.)
187) Beim. Gebrauch dieser Mischungen wäre es nothwemLg , den Theil mit einer dünnen, mit Oel getränkten Blase zu bedecken, um ihn gegen Corrosionen zu schützen.
Nach der vollkoramnen Verschliefsung des GefäTses oder dessen Ausscha- lung, legt man Thedens Einwickelang an, befeuchtet anfangs das Glied mit dessen Schufswasser, sucht aber, so bald als möglich, das Blut in die Lateralge- fäfse zu leiten, um die Nutrition desselben wieder herzustellen; man befeuchtet zu diesem Behuf die Gegend, nach der man das Blut leiten will, z. B. den Vorder- arm beim Anevrisma brachiali, mit aromatischen und geistigen Mitteln und wendet die ElectVicität an demselben an.
Dieses Mittel heilt freilich das Uebel am gewissesten, ist aber blos nach ge- heilter Diathese oder bei örtlichen Ectasien anwendbar, und wird durch die Digni- tät des Organs bedingt. Je wichtiger dies ist, desto schwankender ist auch die Hoffnung zur Genesung; gehöret das Organ endlich zu den Hauptfaktoren des Lebens, so ist die Operation unmöglich, weil sie den Tod nach sich zöge. Den Fortschritten der neuern Chirurgie haben wir es zu verdanken, dafs sie weit siche- rer geschehen kann.
§.6. Ganz nach denselben Grundsätzen werden die Telangiectasien behandelt. Haben sie erst kurze Zeit gedauert, keinen hohen Grad erlangt, so können viel- leicht noch zusammenziehende, stärkende Mittel was leisten. So geben wir z. B. bei Gefäfsausdehnungen des Darmkanals, die Hsmiatemesis und Heemorrhoe be- wirken, Alaun, Säuren und Campeschenholz nicht selten mit Erfolg. Haben Telangiectasien äufserer Theile schon einen höhern Grad erlangt, so schneiden wir sie auf, leeren das Blut aus und versuchen dann Adstringentia, Druck und Kälte. Haben sie aber das ganze Organ zerstöret, so bleibet allein die Ausrottung übrig. Alle Mittel, die ich bei einem Fall (vid. Abschn. 10.) anwandte, um ohne dieselbe zum Zwecke zu kommen, blieben fruchtlos; vielleicht hatte die verhalt- nifsmäfsig aufserordenlliche Ausdehnung, die wir in der Telangiectasie beobachten, einen solchen Grad von Degeneration bewirkt, dafs die Gefäfs wände aller ihrer eigenthiimlichen Kraft beraubt, nicht mehr zur Norm zurückgeführt werden konn- ten, denn in allen den Fällen, die ich beobachtete, waren sie so dünn, dafs mau die Farbe des in ihnen fliefsenden Blutes deutlich unterscheiden konnte. Es bliebe also die Ausrottung oder Zerstörung des degenerirten Theiles als einziges Mittel übrig, so die Castration bei der Telangiectasie des Geilen, der Hasenscharten- schnilt bei der Telangiectasie der Lippen. So werden ferner die kleinen Büschel
II 2
ausgedehnter Gefäfse auf der Oberfläche der Hornhaut durch Salzsäure zer- störet. Mit dem Höllenstein heilte ich einige Male anfangende ganz kleine Telau- giectasie des Gesichtes.
§. 7- Regime und Diät. Regime und Diät lassen sich im Allgemeinen nicht gut bestimmen, sie rich- ten sich nach der jedesmaligen Anlage des Körpers. Anders sind sie im Scorbut, als in der Plethora, anders in der Arthritis, als in Scropheln. Gemeiniglich sind alle zufallige Reize, alle Dinge, die die Circulation beschleunigen, bei beträcht- lichem Ectasien zu vermeiden, daher Guattani von anhaltender Ruhe im Bette so viel erwartet; der Kranke mufs alle heftige Bewegungen, erhitzende Getränke und Speisen meiden , sich in einem kühlen Zimmer aufhalten , der Ruhe pflegen, vorzüglich aber sich vor Anstrengungen des afficirten Theils selbst hüten, vor lautem und vielen Sprechen, Singen, Treppensteigen beim Anevrism eines gro- fsen Gefäfses in der Brust; vor zu vielen groben Speisen, umiöthigen Clystiren und Laxänzen beiHaemorrhoiden. Doch erleidet alles dies mit Rücksichtnahme auf Anlage und entfernte Ursachen manngifaltige Einschränkungen. Die Cirsen erfordern ihr eigenes Regime nach Mafsgabe der Krankheiten, von denen sie entstehen«
Neunter Abschnitt.
Prognose bei Angiectasien.
I
§. 1.
m Ganzen sind Ectasien böse Krankheiten. — Die Vorhersagung bei ihnen hängt von der Dignität des afficirten Organs ab; gefährlicher ist ein Anevrism der Arteria meningea, als ein solches der Radialarterie; schlimmer sind Varices der Leber als die der Fiifse, nachtheiliger ist ein diffuser Cirse des Brustganges,
als einer am Arme. — Ferner von dem Grad des Uebels. Leicht ist eineEctasie, die den Normaldurchmesser um die Hälfte übertrifft, und ohne sichtbare Dege- neration ist, als eine andere, die ihn sechsmal überschreitet und mit Verhärtun- gen verbunden ist. — Von der entfernten Ursache: Kann diese gehoben werben, so ist ein glücklicher Erfolg eher zu hoffen. Varicen, die durch den schwangern Uterus entstehen, verschwinden von selbst. Unheilbar ist hingegen ein Varix der Veua azyg'os, welcher von einer Synizese der untern Hohlader entsteht. — Selten kommt Heilung bei mitvorhandener allgemeinen Anlage zu Stande. — Genesung erfolgt öfterer bei Angiectasien , die Folge,absolut äufserer Ursachen sind. — Hat das Uebel erst kurze Zeit gewähret, so wird es leichter geheilet, als wenn es durch seinen längern Aufenthalt das Bürgerrecht im Organism erhalten hat. — Einfache Ectasien sind besser als mit Entzündung , Eiterung, Brand, Beinfrafs etc. zusam- mengesetzte. — Besser solche, bei denen man das Heilverfahren in seinem gan- zen Umfange anwenden kann, daher die Gefahr bei innern Ectasien, weil bei ihnen weder Druck noch Ausschälung anwendbar sind. — - Endlich hängt die Vor- hersagung noch von der Wirkung der Cur ab 5 bessert sich der Zustand nicht, so bleibt alles zu befürchten übrig.
Die Folgen und Ausgänge der Krankheit sind mannigfaltig. — '* Bei der Telangiectasie greift die Krankheit immer weiter um sich , breitet ihre Gränzen weiter aus und nimmt einen gröfsern Theil ein, weil das im afficirten Theile ange- füllte Blut in die benachbarten Gefäfschen einzudringen sucht, auch sie überfüllt, mit der Zeit krankhaft ausdehnet, und eben so verletzt, wie die erstem. So kann Telangiectasie weiter kriechen , Organe augreifen, deren Verlust uns sehr schwer ankommt, oder gar tödtlich ist.
Bei einzelnen Ectasien wächst die Krankheit nicht so sehr durch Ansteckung benachbarter Theile, aber desto mehr in dem afficirten Aste , er wird mehr und mehr ausgedehnet und im höhern Grad degenerirt, die Ectasie erlangt eine enor- me Gröfse, zerstört durch ihren Druck die benachbarten Theile, bewirkt Läh- mung, Tabes durch Druck auf die Nerven der Glieclmafsen, Caries durch Druck auf die Knochen, Entzündung, Eiterung^ Brand durch ihre Einwirkung auf die weichen Theile ? und veranlagt endlich den Tod.
— 6s — .
In beiden Fällen, sowohl in der Telangiectasie als in der Ausdehnung ein- zelner Gefäfsstämme, wachst die Krankheit unauf geh alten ihrer Intensität. und Extensität nach und wir müssen alle Augenblicke den traurigen Ausgang dersel- ben erwarten. Der Mensch stirbt .durch den Druck, den sie auf benachbarte Theile bewirkt, wenn letztere edel sind , z<B. bei Anevrismen der Meningea, bei Varicen und Cirsen des Hirns, apoplectisch durch Druck aufs Gehirn oder an plötzlicher Verblutung, wenn der Tumor platzt, endlich an Ermattung, wenn das Blut nach und nach durch Durchsickern (vid. Abschn. 5. §. 4. No. n.) ver- loren gehet. — Weshalb auch die geringste Angiectasie nicht vernachlässiget werden sollte ; sie wird mit der Zeit größer- und gefahrvoll, und es fehlet uns an Beispielen nicht, wo Eclasien, die man für unbedeutend hielt, tödtlich abliefen. Varicen der Fiifse, erwähnet Richter IÖ8) , werden tödtlich durch Entzündung, Eiterung, heifsen und kalten Brand. Hingegen sind die Fälle, wo beträchtliche Ectasien durch Schichten coagulabler Lymphe, die sich an die "Wände legte, vor Zerreifsung gesichert wurden, wohl sehr selten.
Hiermit endige ich die Exposition der Angiectasie, nachdem ich glaube, nichts wesentliches, zu ihrer allgemeinen Ansicht gehöriges aufser Acht gelas- sen zu haben. Es folgt nun, meinem Versprechen gemäfs, die genaue Be- schreibung der von mir beobachteten Telangiectasie der Lippe, nebst ihrer Hei- lung; ich habe derselben ähnliche, theils von andern theils von .mir beobach- tete Fälle angehängt.
188) L. c T. I. $. 565 u. 56g.
rrfc
— 63 —
Zehnter Abschnitt.
T e I a n g i e c t a. s i e beider Lippen.
§. i.
Krank lieits - Geschichte.
J oliann Bach mann, der Sohn eines Gerichtsdieners in Halle, ein Knabe von vierzehn Jahren, fragte mich im July i8o5 wegen einer Lippenkrankheit um Rath. Die Geschichte seiner Krankheit war folgende: Kaum geboren, und in das erste Bad gelegt, erregte er schon die besondere Aufmerksamkeit der Hebamme, durch eine kleine Erhabenheit am linken Seiteutheile der Oberlippe; dieser Hügel war von natürlicher Hautfarbe und von der Gröfse einer kleinen Linse, verschwand vollkommen, wenn man ihn mit dem Finger drückte, die Lippe ward eben, aber bald wuchs das Knötchen zu seiner vorigen Gröfse wieder an. Von Zeit zu Zeit bemerkte man , dafs die Geschwulst immer mehr an Umfang zunahm , ohne aber von besondern Schmerzen begleitet zu werden. Als der Knabe vier Jahr alt war, nahm die Geschwulst einen beträchtlichen Theil der Oberlippe ein,, und auf der sie bedeckenden Haut zeigten sich einige Aderstämmchen. Man ersuchte einen Arzt zu Halle um Hülfe, der, so viel ich aus der zurückgebliebenen Narbe sehen, und aus der Erzählung schliefsen konnte, folgen dermafsen gehandelt hatte: Er spaltete die Lippe durch einen Einschnitt, den er zwischen ihrer äufsern und in- nein Fläche, in der Richtung von einem Mundwinkel zum andern, von unten nach oben, in die rothe Substanz derselben machte, wodurch er wahrscheinlich die Geschwulst entleeren, und sie durch Compression und Wiedervereinigung heilen wollte. Die Geschwulst ward nun etwas kleiner, wuchs aber bald "nach der Heilung nicht allein zu ihrem vorigen Umfang wieder an, sondern vergröfserte sich von neuem. Der Versuch wurde nach einiger Zeit wiederholt, aber wieder
— 64 , —
vergebens. Nun Wurden Aerzte und Nichtärzte zu Rathe gezogen. Man wandte äußerliche Mittel von allerlei Art an , aber ohne Erfolg; die Krankheit nahm im- mer mehr überhand. Endlich bekam ich den Kranken unter Ankündigung eines bösartigen verborgenen Krebses, wofür mehrere Heilkünstler die Lippenge- schwulst ausgegeben hatten, und so, tüchtig entschuldiget, zu helfen nicht für nö- thig fanden.
Nachdem ich durch Erzählung den Verlauf der örtlichen Krankheit erfahren, hatte, forschte ich. nach dem allgemeinen Zustande des Körpers, allein der Knabe war stets gesund gewesen, und ich entdeckte auch nicht das mindeste, was irgend eine krankhafte Anlage oder verborgenen Fehler hätte erweisen können, aufser daß er jetzt etwas schwächlicher geworden war, ein blasses Ansehn hatte, und sich über Appetitlosigkeit und Verlust seiner ehemaligen Munterkeit beklagte, den die zur Genüge angewandten heroischen Mittel wider den Krebs wohl bewirkt ha- ben mo chten.
§• 2.
Beschreibung der Lipp engeschwulst.
Die Lippen geschwulst nahm, wie man auf dem von Herrn Maler Her- schel äufserst treu entworfenen und vom Herrn Graveur Schröter eben so Vollkommen dargestellten Gemälde, Tab. I. sieht, ungefähr einen kleinen Fin- gerbreit vom rechten Mundwinkel ihren Anfang, zog sich schief bis an die Nasen- scheidewand in die Höhe, nahm nun die ganze Oberlippe, den, linken Mund- winkel und einen beträchtlichen Theil der Unterlippe ein. Unten war die Ge- schwulst durch eine, einige Linien tiefe Furche, in der Richtung von einem Mundwinkel zum andern gleichsam in zwei Lappen der Länge nach getheilt. Diese Furche war die durch oben erwähnte Incision veranlagte Narbe. Das ganze Gewüchs hing als eine Verlängerung und Erweiterung der Oberlippe über die Unterlippe bis aufs Kinn herab, und verschlofs so den Mund; wollte der Kranke sprechen oder Nahrung zu sich nehmen, so mußte er mit einer Hand das Ge- wüchs in die flöhe halten, oder es mit einem Tuche herauf binden.
Die Wölbung des Ganzen war an mehrern Orten durch rundliche Erhaben- heiten , die man deutlich auf dem Kupfer unterscheiden kann, unterbrochen; drückte man diese Eminenzen gelinde, so wurden sie um etwas kleiner, füllten sich aber nach aufgehobenem Drucke bald wieder. Kleine Theile des Gewüchses
— 65 —
konnten, wenn man sie rnäfsig zwischen zwei Fingern drückte, nach und nach so verkleinert werden, dafs sie kaum ein Viertheil ihres vorigen Raums einnah- men, aber bald nachher schwollen sie wieder an. In dem Verhältnifs, als sie klei- ner wurden, wuchs strotzend der übrige Theil der Geschwulst. Bei der mög- lichst genauen Untersuchung entdeckte ich nirgends etwas hartes, wenn gleich der Widerstand des Contenti, bis auf den Grund zu fühlen, hinderlich war. Der ganze Tumor erschien gleich elastisch , aufser den schon erwähnten kleinem Hü- geln, die leichter als die übrige Substanz nachgaben, und wie mit Wasser ge- füllte Bläschen anzufühlen waren*
Die sämmtliche Oberfläche zeigte sich schon dem unbewaffneten Auge als ein Netz zahlloser kleinerer und gröfserer Gefafse (vid. Tab. I.), die auf die man- nigfaltigste Art unter einander verwebt waren ,- nur die kleinen Hügel waren ein- farbig und gleich ausgespannt, wenn man einzelne zarte Gefäfschen, die in ge- ringer Zahl über sie wegliefen, nicht in Erwägung zieht. Die allgemeine Farbe der Geschwulst war violett, und wurde durch das Zusammensein hellroth und dunkelblau gefärbter Gefafse gebildet, die bald kleiner bald gröfser, theils im Ge- flechte zusammentrafen, theils neben einander fortliefen. Es schien, als wenn öfterer Arterien und Venen einander begleiteten, die man deutlich durch die Verschiedenheit ihrer Färbung unterscheiden konnte. Auch sah man kleine Ge- fafse, die farbenlos waren und blos Serum zu führen schienen; eins zeichnete sich vor allen andern durch seinen gegliederten Bau ,aus; man bemerkt es in der Mitte des untern Theils der abgebildeten Geschwulst. Am obern Theil entdeckte man sogar einige ganz milchweifse Gefafse, die ich für Lymphadern hielt, in denen die Lymphe coagulirt seyn mochte; das ausgezeichneteste kann man im Kupfer da- durch erkennen, dafs es nicht en roulelte dargestellt, sondern durch leichte Züge des Grabstichels hervorgehoben ist.
Bewunderungswürdig erschien der ganze Bau unter der Lupe; ich sah nun alles deutlich, erblickte mit Gewifsheit, was ich vorher nur geahndet hatte, klar trat nun die Differenz des Colorits der Puls- Blut- und Lymphadern hervor, und man sah tausend kleine Zilinder von verschiedener Gröfse theils neben theils durch einander fortlaufen, die sämmtlich eine zarte ^ äufserst feine und ganz durchsich- tige Epidermis zur einzigen Hülle hatten, welche den Anblick auch nicht im mindesten störte.
I
— 65 —
Dies wäre die Ansicht des aufsern Theils der Geschwulst, der zugleich die Beschaffenheit der innern Fläche darbietet, welche ganz vollkommen mit der aufsern übereinkam, und leicht untersucht werden konnte, wenn man den Tumor in die Höhe hob. Man hatte dasselbe Gefühl bis an die Nasenscheidewand heran, und an der ganzen innern Flache der Lippe; um den Mundwinkel fühlte man eine wurslförmige, elastische Geschwtdst, die man äufserlich als Fortsetzung des Tu- mors sah, aber auch von innen als solche wahrnehmen konnte, wenn man den Mundwinkel nach aufsen kehrte.
Sowohl an der innern, als äufsern Fläche, und am festen, wenn man die Geschwulst umfafste und gelinde drückte, stiefsen von allen Orten her kleine Pul- sationen gegen die Hand des Untersuchenden , die ein prickelndes Gefübl in der- selben veranlafsten ; dasselbe empfand der Kranke in der Lippe, wenn er durch Erhitzung den Kreislauf erhöhte. Uebrigens klagte er über keinen besondern Schmerz, er hatte nie, weder flüchtige Stiche noch ein brennendes Gefühl in der- selben gehabt, und selbst jene Untersuchungen, wenn sie nicht zu derb gemacht wurden, waren unschmerzhaft für den Knaben. Im Gewüchse hatte er einiges Spannen und Zerren, dieses wurde aber fast unmerklich, wenn er, Wie gewöhn- lich, die kranke Lippe mit einem Tuche, das er am Kopfe befestigte, herauf- band, und der Tumor, so wie in einem Suspensorio, ruhen konnte.
§. 3. Nosologie der Krankheit.
Aus allen dem konnte ich mit Gewifsheit schliefsen , dafs diese Anomalie, ein den Anevrismen und Varicen ganz analoger Zustand sey, der blofs darin von jenen abwich, dafs hier die äufsersten Enden der drei Gefäfsarten an einem Orle zugleich litten, und mit ihren Leiden völlige Degeneration des Theiles, in wel- chem sie existirten, nothwendig machten.
Als Krebs konnte ich es nicht weiter fort behandeln, da alle Merkmale einer reinen Angiectasie vorhanden waren, und alle die des Krebses fehlten. Eine noch vorhandene entfernte Ursache hatte ich nicht zu beseitigen, weil weder durch das Gegenwärtige, noch Vergangene eine entdeckt werden konnte, und ich die Krankheit für einen Fehler der Urbild ung oder für eine Folge einer un- günstigen Lage des Foelus anzusehen hatte; denn wie leicht konnte* er mit der Lippe auf eine knöcherne Hervorragung des Beckens stark angelegen haben.
- 67 -
Einwirkung auf die Krankheit selbst war also der einzige Zweck , den ich vor mir hatte.
§. fc C n r p 1 a n e.
a) Compression, glaubte ich, sollte das Blut aus den Th eilen entfernen und forlgesetzt, Näherung der Gefufs wände, Verengerung ihres Lichtes und Ver- wachsung bewirken, allein es war blofse Idee, die beim Versuche bald vereitelt ward, und zwar vorzüglich aus zwei Ursachen. Erstens war es sclnver, ja fast unmöglich, die Geschwulst durch eine Bandage oder Compressionsinstrument so in allen Punkten mit verschiedener, dem Orte angemessener Kraft zu drücken, dafs Näherung entstand. Zweitens war die Austreibung des Blutes zwar aus ganz kleinen Stellen möglich, aber an gröfsern ganz unmöglich, denn die Verwebung der Gefafse unter einander wrar so vielfach, dafs, indem man in einigen den Ein- ilufs des Blutes hinderte, man in eben so vielen den Rückflufs aus denselben un- terbrach. Aus derselben Ursache kann vielleicht auch die ungünstige Wir- kung der
b) Kälte zu erklären seyn, denn bei ihrer Anwendung nahm das Spannen der Geschwulst zu, und veranlafste solche Beschwerden, dafs ich sie aussetzen mufste. Die Cur durch <%
c) Pharmaceutische Mittel zu bewirken, schien bei dem Grade der Ausdehnung unmöglich, da die Durchsichtigkeit und das Gefühl auf aufseror- dentlicheDünnheit der Wandungen zeigten, und hei so beträchtlichen Fehlern der Structur Reduction zur Norm wohl unmöglich war. Dennoch versuchte ich eine Zeitlang China-Eichen- Tormentillen- und Galiäpfeldekokte, Kalch- Blei- i\laun- Auflösungen mit gelinder Compression verbunden, aber ohne die mindeste Bes- serung.
d) Incision, Evacuation des Blutes und dann Heilung durch Druck war durch die von mir gemachten Versuche für jiu'ch zurückstofsend. Nur eine be- stimmte Anzahl GefaTse konnte getroffen werdeu, aus ihnen leerte sich das Blut aus, die übrigen zahllosen blieben aber in ihrem Zustande, und alle Gefäfschen so aufzu- schneiden und zu heilen wie Anevrism und Varicen war wohl ihrer Menge, Klein- heit und ihrer Verflechtung wegen unmöglich.
I 2
ym -6'8 —
e) Unterbindung der Coroilalarterie blieb nun nöcli übrig. Dies abge- rechnet, dafs sie mit mehrern Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre, liefs sich auch kein glücklicher Ausgang hoffen, denn entweder wurde den Theilen gänz- lich aller Zuflufs des Blutes benommen (was zwar der vielen Anastomosen wegen unmöglich ist) und der Theil starb ab; oder die anastomosirenden Aeste hätten sich mit der Zeit ausgedehnt, und das Uebel wäre geblieben wie zuvor. Endlich sah ich ein, dafs
i) Exstirpation des krankhaften Theils das einzige Mittel zur Heilung wäre, denn die enorme Anzahl der Gefäfse, die Auflösung der Haut in blofses Gefäfsnetz, zeigten sich deutlich, dafs die Anomalie einen Grad erreicht hatte, wo durch Kälte, Compression, Roboranlia und Adstringentia nicht mehr gehol- fen werden konnte. Es blieb also einzig übrig, den degenerirten Theil zu tren- nen ; damit wurde die Krankheit gewifs gehoben, denn allgemeine Anlage be- merkte ich nicht; wäre sie da gewesen, so hätten sich in einem Zeitraum von vierzehn Jahren wahrscheinlich auch an andern Theilen ähnliche Krankheiten ge- zeigt. Obgleich ich nun auf diese Art das gröfste Recht hatte, einen glücklichen Ausgang der Operation zu hoffen, so blieben dennoch einige Hindernisse zu be- kämpfen.
, Der Verlust der Substanz mufste bedeutend werden; allein beträcht- liche Thcile, die an den Lippen fehlten, haben die ältesten Aerzte Celsus, Rhaze's und Abul Käsern 189.) durch den Flasenschartensclmitt wieder er- setzt, eine Operation, die durch die neuere Chirurgie so sehr verbessert wor- den ist, und deren al'lmählfge Vervollkommnung aus dem angeführten "Werke meines würdigen Lehrers, des Herrn Professor Spreng eis, mit so innigem Vergnügen wahrgenommen werden kann. Beim Hasenschartenschnitt hat man aber nicht nöthig, die Muskeln des Mundwinkels, den Zygomaticus ma- jor und minor, Buccinator, Levator und Depressor Anguli Oris zu durch- schneiden, welches geschehen mufste,» wenn ich ihren Insertionspunkt, den krankhaften Mundwinkel, mit ausrotten wollte. Gab ich nun bei Durchschnei- dung derselben ihren Antipoden nicht freies Spiel? Wurde der Mundwinkel nicht nach der entgegengesetzten Seite gezogen, und die Entstellung beträchtlich? Hatte ich endlich bei so allgemein ausgedehnten Gefäfsen nicht die stärkste Blutung zu besorgen? — Um letzteres zu hindern, fafste ich den Entschiufs, im Gesunden
»8ß"y,K. Sprengel's Geschichte der Chirurgie T. I. p. 154. Halle, i8o5.
zu exstirpiren, wo ich keine Ectasie zu befürchten hatte und zugleich vor Wie- tlerentstehung der Krankheit gesichert ward. Die Entstellung hielt ich für ganz unvermeidlich, glaubte indefs, dafs von zwei Uebeln das geringste zu wählen sey, lieber also ein etwas schiefer und kleiner Mund, als mit der Zeit eine ganz unheil- bare Krankheit ; denn da der Tumor sich noch immer mehr vergröfserte^so war vorauszusehen, dafs derselbe mit der Zeit fortschreitend, durcÄ Infection der benachbarten Theile endlich so um sich gegriffen hätte , dafs die Operation ent- weder unmöglich oder wenigstens weit gefährlicher, und gewifs mit weit beträcht- licherer Entstellung verbunden seyn wurde; aus diesen und den im neunten Abschnitte §. 2. angeführten Gründen hielt ich die Exstirpation für unvermeidlich. Ehe ich zu derselben schritt, suchte ich die Gesundbeit des Knaben wieder herzustellen, er mufste alle bisher gebrauchte Mittel aussetzen; wegen seines ge- schwächten Zustands verordnete ich ihm stärkende Mittel, bittere Extracte, den Eichelkaffee, und eine nahrhafte Diät. Nach Verlauf einiger Zeit hatte er guten Appetit, war vollkommen bei Kräften, munter und entschlossen, sich den Tu- mor ausrotten zu lassen*.
| 5. O p e r a t i o n.
Um die Furcht meines Kranken zu mindern, und die Schmerzen der Ope- ration erträglicher zu machen, gab ich ihm einige Stunden vorher Mohnsaft, in einer Dose, nach welcher merkliche Betäubung erfolgte.
Ein Gehülfe stellte sich hinter den Stuhl, auf welchem der Knabe safs und hielt den Kopf desselben fest. Ich fafste, mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand, den rechten Theil der Ober lippe, stiefs die Spitze eines geraden Bistouris an der linken Seite der Nasenscheide wand ein, und trennte nun mit einem schief nach aufsen gehenden Schnitte, wie man Tab. II. Fig. l. siehet, den Tumor von der rechten Seite noch im Gesunden ab. — Das Blut flofs mäfsig. — Nun fafste ich den von der einen Seite losgetrennten Tumor fester in die linke Hand, stiefs das Messer an demselben Ort wieder ein, wo ich den ersten Schnitt begann, führte dasselbeparatlelmit dem untern Rand der Lippe ganz nach aufsen bis über den linken Mundwinkel, hier wandte ich das Messer allmählig nach unten, umging mit dem- selben den ganzen krankhaften Mundwinkel und endete diesen zweiten Schnitt in der Unterlippe, ein drittel Zoll vom linken Mundwinkel. Auf diese Art hatte ich
— 7° —
fast die ganze Oberlippe, den linken Mundwinkel, und einen Theil der Unterlippe abgetrennt, und der Tumor fiel mir in die Hand.
Kaum war ich während des zweiten Schnitts in die Gegend der linken Kranz- schlagader der Oberlippe gekommen, als sich plötzlich eine Menge Blutes ergofs, die Lippen, Kinn und Hals des Knaben so überströmte, dafs ich nur mit der äufsersten Geschwindigkeit den Schnitt vollenden konnte. Sogleich liefs ich durch einen Gehülfen genannte Arterie dadurch comprimiren, dafs er den Backen stark o-egen die processus alveolares der Oberkinnlade drückte; die Blutung stand, nur die rechte Schlagader spritzte noch, ich zwickte sie einige Mal mit der Arterien- pincette, sie zog sich zurück, und hörte auf zu bluten. Nun untersuchte ich die Kranzschlagader der linken Seite, an dem Orte, wo man sie, Tab. II. fig. l. mit einem Faden umgeben sieht, und fand sie so erweitert, dafs ihr Durchmesser vier bis fünf Mal den der rechten Schlagader übertraf. Ich zog sie mit dem Bromfield- schen Haken vor, legte eine Schlinge fest um, weif sie wegen der Dünne ihrer Häute auszuteifsen drohete, fafste die Fäden in die linke Hand , mit der ich die Arterie etwas hervorzog und so weit aus der Substanz des Backens ausschälte, bis sie in ihrem Durchmesser dem der entgegengesetzten Seite glich, und fest in ih- ren Häuten war; nun unterband ich sie mit einem andern Faden in ihrem ge- sunden Theile und schnitt das erweiterte Siück, was einige Linien betragen mochte und woran der erste Faden gelegt war, ab, worauf die unterbundene Schlagader sich in ihre Hölung zurückzog.
Nun untersuchte ich genau die entstandenen Wundlefzen, alles war gesund bis auf einen kleinen Theil unter dem Septo narium, den man an dem Orte, wo die beiden Schnitte unter der Nase zusammen treffen, als eine kleine Rauheit 'im Kupfer angegeben findet. Dieser Fleck, wo das frenulum labii gesessen hatte, sah noch violett aus und war schwammig, wie das Parenchym des Tumors ; ich trennte ihn leicht mit meinem Exstirpatorio, (vid. Erklär, der Kupfertaf. und Tab. III. Fig. 5.) mit welchem ich besser, als mit jedem andern Messer dazu konnte. Die Blutung der kleinem Gefäfse war so unbedeutend , dafs ich sie für gewifs durch die Vereinigung der Wundlefzen zu hemmen glaubte.
Ein Gehülfe drängte nun die Backentheile vor, ich legte ein Stückchen Gold- schlägerhaut zwischen die Oberlippe und den Zahnhöhlenfortsatz, um Verwach- sung derselben mit dem Zahnlleische zu verhüten, und liefs nun die Lefzen einan- der so nah als möglich bringen; hierauf stach ich; wie man auf der Vignette sieht,
am untersten Theile der rechten Lefze, wo die Haut in die rothe Substanz der Lippen übergehet, etwa einen halben Zoll vom Schnitte, eine Eckholdis che «90) Nadel ein, die ich auf der innersten Haut der Lippe wieder heraus brachte, in den gegenüberliegenden Punkt der linken Wundlefze, in die innere Haut einstach und zu der äufsern wieder ausstiefs. Kopf und Spitze der Nadel wurden abge- nommen, ein Faden um das Silberstäbchen gelegt, um dessen Ausgleiten zu hin- dern, und eine zweite Nadel zwischen der letztern und der Nasenscheidewand auf dieselbe Art eingebracht. Zwischen beiden Wundlefzen war noch ein beträcht- licher Raum und ich mufste bei Anlegung der umwundenen Nath sehr viel Kraft anwenden, um sie so zu nähern, dafs völlige. Berührung entstand. Hier war zwar die Vereinigung vollkommen, aber der ausgeschnittene Mundwinkel war noch offen; ich heftete ihn mit einer einfachen Knopfnath auf folgende Art : Wo der Schnitt an der Unterlippe aufhörte, (vergl. Tab. IL Fig. 1. und die Vignette) brachte ich ungefähr vier Linien vom Rande eine gekrümmte Nadel ein, und kam mit derselben, in der nämlichen Entfernung, an der obern Wundlefze heraus, zog die Fäden, die man auf der Vignette heraushängen sieht, bis zur vollkomimien Vereinigung beider Wundlippen zusammen, und band eine Schleife.
Aufser dem Punkte unter der Nase, wo man auf der Vignette die Unterbin- dungsfäden der Arterie heraushängen sieht, die ich deswegen nach oben gebracht hatte, weil die Vereinigung am untern Theile der Lippen eher mifsliugt; aufser diesem Punkte war die Synthese aller Theile so genau, dafs man am Vereini- gungsorte nur eine feine Linie sah, hatte aber zugleich so eine aufserordentliche Spannung der benachbarten Theile zuwegegebracht, dafs ich Ausreifsuug der Hefte für unvermeidlich hielt; um diesem vorzubeugen, legte ich nach Ewers Methode schmale Heftpflaster in den Nacken an und kreuzte sie in den Zwischen- räumen der Nadeln; zwei andere kleinere führte ich vom Kinn bis zu den Nasen- flügeln, um auch die Knopfnath zu unterstützen. Allein bei alledem minderte sich die Spannung, da der Substanz- Verlust so außerordentlich war, nur um so wenig, dafs ich Brand des in den Fäden eingeschlossenen Fleischtheils und Aus- reifsung der Hefte für gewifs voraussah, wenn ich durch Anziehung der Backen- Iheile die Synthese nicht kräftiger unterstützte. Dies gelang zu meiner vollkom- menen Zufriedenheit durch die Anlegung der im zwölften Abschnitte §. 2. be-
iüq) Ueber eine complicirte Hasenscharte operirt vom D. Eckhold, beschrieben von Mar- xens. Leipz. 180 \. p. 20. Tab. 4. Fig. 6. 7. 8.
schriebenen Binde, mit der ich allein olme Beihülfe anderer Mittel schon öftere beträchtliche Hasenscharten* geheilet halte.
Durch diese kräftige Zusammen ziehung der Theile war die Unterlippe (s. d. Vignette) ganz in Falten zusammengedrängt, umgekehrt und zum Tlieil auf das Kinn herabhängend, der Mund war dabei so verengt, dafs man kaum mit dem kleinen Finger eindringen konnte.
§. 6. N a c h h eh an d 1 u n g.' Nach angelegtem Verbände wurde der Kranke zur Ruhe gebracht. Gegen. Abend genofs er etwas dünne Fleischbrühe, die ihm mit einem kleinen Löffel be- hutsam eingeflöfst ward. Sprechen, Kauen, wie jede andere Bewegung des Mun- des, wurde dem Knaben untersagt j gegen die Nacht bekam er ein Opiat und schlief ruhige der Leib wurde mit Clystiren offen erhalten, täglich untersuchte ich den Verband, der genau und fest anlag. Uebrigeus entstanden gar keine Zu- falle, die irgend ein äufseres oder inneres Mittel erfordert hätten. Als ich am dritten Tage den Verband löste, wobei ein Gehüife die Backentheile vorgedrängt hielt, war die Verwachsung schon geschehen, die Nadeln safsen aber noch ziem- lich fest, so auch der Faden, mit welchem die Arterie unterbunden war, worauf ich denn den Verband ganz wie -das erste Mal erneuert anlegte. Den fünften Tag war das untergelegte Goldschlägerblättchen leicht heraus zu nehmen, die Nadeln und Unterbindungsfäden waren locker. Ich liefs die Backentheile stark hervorge- drückt halten, während ich die Hefte behutsam entfernte. Die Vereinigung war so vortrefflich gelungen,, dafs man am Vereinigungsorte nur eine dünne, wie eine bernsteinartige Schärfe gebildete Linie sah ; der Punkt, zu welchem die Unterbindungsfäden der Arterien heraushingen, und die zurückgebliebenen Gänge der Nadelstiche waren natürlicherweise noch offen, aber mit einem guten Eiter erfüllt. Ich bedeckte nun den ganzen Theil mit einem Plumaceau, damit die Gänge der Nadelstiche ihrer Länge nach comprimirt würden? und legte die Binde von neuem an, damit die kaum verwachsenen Theile, durch eine Stütze, vor Zerreifsung gesichert wären, denn die Spannung war so gröfs, dafs sich ordentliche Falten um die Backentheile, von einem Ohr zum andern, bildeten. Den vier- zehnten Tag waren die Löcher ganz vernarbt und alles geschlossen. Die Bind» wurde von nun an täglich einige Stunden abgenommen.
I -
So klein, als der Mund gleich nach der Operation geworden war, fand man -ihn noch jetzt; der Kranke mußte daher mit einem ganz kleinen Kaffeelöffel nur Brühe zu sich nehmen, und feste Speisen in sehr kleine Stückchen geschnitten in den Mund bringen. Nach Verlauf einer Woche entfernte ich die vereinigende Binde ganz, liefs die gespannten Theile mit fettigen Dingen, Altheasalbe, Cacao- butter und frischem Oel einreiben. Nach und nach wurde nun der Mund, durch die Actiou der Muskeln beim Sprechen, durch die Ausdehnung beim Essen, um etwas weiter.
Zu meiner größten Verwunderung war gar keine Verzerrung des Mundes da, nur darin war er um etwas entstellt, dafs die linke Seite desselben, wo der Mundwinkel ausgeschnitten war, durch dessen Reunion um etwas verkürzt er- schien. Dafs keine Verzerrung durch die gesunden Muskeln der rechten Seite entstand, da doch ihre Antipoden verletzt worden waren, mochte vielleicht da- her rühren, dafs es ihnen unmöglich war, die schon so sehr gespannte linke Seite _noch mehr zu sich hinzuziehen.
In jler sechsten Woche nach der Vereinigung suchte ich durch Ausdehnung den Mund zu erweitern, und bediente mich hierzu des im zwölften Abschnitte §. 1. beschriebenen Distensoriums ; anfangs zog ich dasselbe nur gelinde an, um den zweiten Tag aber immer fester, liefs dabei den Mund oft öffnen, und ihn wie beim Gähnen bewegen, und setzte die öligen Einreibungen fort. Durch diese •'Behandlung wurde der Mund nach und nach so erweitert und so regelmäßig, dafs man nach 'Verlauf von drei Monaten den Knaben nicht erkannt hätte; das span- nende Gefühl hatte sich ganz verloren, die Vereinigmigsorte erkannte man kaum in aufserst feinen weifsen Linien und bei aufmerksamer Betrachtung bemerkte man nur noch die von den Nadelstichen veranlafsten Narben, welche aber, wie man Tab. II. aus der dritten Figur siebet, wenn man dieselbe mit der Vignette ver- gleicht, nicht mehr in der regelmäßigen Ordnung waren, in welcher die Nadeln angelegt wurden, weil die angewandte Ausdehnung sie so verzogen hatte, dafs man dieselben an ganz andern Orten erblickte; das Einzige, was an der Ober- lippe auffiel, war, dafs nur ein sehr kurzer Theil der rechten Seite rothe Sub- stanz hatte, da der linke, aus dem Batkentheil gebildete, gefärbt war, wie die Haut des Backens, aus der er bestand. Verglich man recht aufmerksam die linke Seite des Mundes mit der rechten, so fand sich, daß erstere noch um etwas länger
K
war; übrigens sprach der Kranke ganz deutlich, bewegte die Lippen nach Ge- fallen, und befand sich vollkommen wohl.
Vor kurzem, da nun bald drittehalb Jahre seit seiner Heilung verflossen sind , sah ich den Knaben mit Vergnügen. Die ehemaligen, auf dem Kupfer noch sichtbaren, Narben sind verschwunden, und er besitzt bis auf den jetzigen Augen- blick den vollkommenen Gebrauch seines Mundes, ist munter und gesund.
§. 7- Anatomische Untersuchung.
Es bleibt mir als Nachtrag zu diesem Krankheitsfälle noch die Beschreibung des abgeschnittenen Tumors übrig, die ich bis jetzt mir vorbehielt, um ununter- brochen die Geschichte erzählen zu können. So wie ich die Lippe ganz ausge- schnitten hatte, fiel sie durch eine Menge Blut, das sich aus allen Oefihungen er- gofs, so zusammen, dafs sie kaum ein Viertel ihres vorigen Raums einnahm. Ich legte sie 24 Stunden lang in laues Wasser, um alles Blut, so viel wie möglich, her- aus zu spülen. Nach einigen Versuchen gelang es mir ganz, und die sonst vio- lette Geschwulst bekam nun ein ganz blasses Ansehen, als Zeichen, dafs ihre Farbe blos von angehäuftem Blute und der Durchsichtigkeit der Gefäfswandungen abgehangen hatte. Als ich nun die vorzüglichsten Gefäße unterbunden und das Präparat in heifses .Wasser gelegt halte, versuchte ich die Einspritzung; allein es war der unglücklichste Versuch dieser Art, theils wegen der vielen Gefallenen, die so klein waren ,• dafs sie nicht alle aufgesucht und unterbunden werden konn- ten, theils wegen der- außerordentlichen Dünne der Gefäfswandungen, die bei der mindesten Kraft rissen. Doch sah ich durch wiederholte Versuche bald folgendes:
An der Oberfläche füllten sich die meisten Gefäfse mit einerlei Masse; die Arterien und Venen mufsten also hier stark anastomosiren , doch blieben einige Gefäfschen leer; es waren vorzüglich Lymphgefäße, die wegen ihrer eigenen Structur weniger ausgelaufen waren, und noch einige Lymphe enthielten, die durch das siedende Wasser geronnen erschien..
Ich trennte nun das äußerst feine Oberhäulchen, und unterschied leicht eine Lage von Gefäfsen, die das ganze Gewächs umgab; in ihr Hosten die meitl.cn Ge- fäfse, wie man schon vor der Operation sah, mehr nach einer Richtung hin (Tab. L). Ich glaube, daß diese Lage durch die ausgedehnten Hautgefäße entstanden seyu mag; sie hatte an mehrern Stellen Oefihungen, durch welche kleine . mehr oder
weniger cireumscripte Aneviismen, Varicen und einige Cirsen hervorragten, die man auf der zweiten Figur der zweiten Kupfertafel ganz entblöfst sieliet, und wel- che die oben erwälmten (§. 2.) elastischen Hiigelchen bildeten, die man schon vor der Operation am Tumor fühlen konnte. Trennte man die obere Lage der Ge- fäfse, so erblickte man unter ihr eben auch ein Gewebe von Gefäfsen; hier waren aber die Gefäfschen weit niedlicher und nicht nach einer Richtung laufend, son- dern, wie die Abbildung (Tab. IL Fig. 2.) zeigt, ganz unter einander geworren.
Die Kranzarterie ging quer durch die Geschwulst, und war bis zur Stärke der Schenkelschlagader ausgedehnt; ihre äufserst dünne Wandungen er- hielten das Lumen nicht offen, wie es doch bei Arterien gewöhnlich geschieht, sondern fielen gleich den Häuten der Blutadern zusammen.
Im nämlichen Verhältnisse, als man tiefer kam, verminderte sich die An- zahl der Cirsen, entweder waren also an der Oberfläche mehr Lyrnphgefäfse, als m der Tiefe, öderes hatte die Hitze des Wassers nicht bis dahin gewirkt, und diese waren in ihrem durchsichtigen Zustande schwerer zu entdecken.
Bei Durchschneidung des Tumors entdeckte man mehrere Holen im Paren- cbym, welche durch cireumscripte Anevrismen, Varicen und Cirsen erzeugt wur- den. Die ganze übrige Substanz, in der sie lagen, war allein durch Gefäfsver- schlingungen gebildet; die einzelnen Gefäfschen waren durch kurzes Zellgewebe locker an einander gebunden; dennoch waren sie dadurch so genau vereint, dafs fast kein Raum zwischen denselben blieb, daher erblickte man nichts anders als Gefäfse. Weder Muskelfasern, noch Ueberbleibsel der Labialdrüsen waren zu sehen, alles war gleichsam in Gefäfse aufgelöst (Tab. II. Fig. 2.), sie allein bil- deten des erkrankten Theiles Parenchym.
K 2
Eilfter Abschnitt.
Zusammenstellung einiger Telangiectasien des Angesichtes.
§. i. Telangi, ectasie der Augenlieder.
jLXufser den von Aetius und Wedel I9I) beobachteten Fällen, ist auch mir diese Affection der Au^enlieder in verschiedenem Grade vorgekommen, nämlich so , dafs die innere und äufsere Lamelle der Augenlieder mehr oder weniger mit- litt, oder dafs blofs die zwischen beiden liegende Substanz in Gefäfse aufgelöst war. Wurden die Augenlieder zwischen zwei Finger gefafst, so entstand das Gefühl, wie bei der Betastung eines Bündels ganz kleiner Würmer. Jeder Kranke empfand in allen Punkten der Anschwellung kleine Pulsationen, die deutlicher und stärker wurden, wenn er sich erhitzte, und die er bald als ein prickelndes Gefühl be- schrieb, bald mit dem Herumkriechen einer Menge kleiner Jnseeten in der Ge- schwulst verglich. Vor Kurzem sah ich in Leipzig an dem Schneider Pias check eine Telangiectasie dieser Art. Er hatte sie als Kind durch heftiges Schreien bei der Taufe erhalten *. die innern und äufsera Hautbedeckungen des Augenliedes waren in Gefäfse aufgelöst, das untere Aagenlied so angeschwollen, dafs es wie eine Wurst den* Augapfel umgab, und nicht im mindesten bewegt werden konnte.
§• 2.
Telangiectasis nasi exsudans. Beim chirurgischen Hospital zu Dresden, dessen Direction mein würdiger Lehrer, der Generalstabchirurgus Hedenus verwaltete, wurde am 8. Octbr. i8o4. Christoph Schwiebius aus Steinborn, siebenzig Jahr alt, aufgenommen. Er war immer wohl gewesen, bis er vor einigen Jahren ohne anzugebende Ur- sache, an der Nasenspitze ein kleines Gewüchs bekam, welches einige Mal abge- schnitten, öfterer gebeitzt , aber immer wieder entstanden war, bis es die Gröfse 191) Yid. Abschn. 6. $. 2. No. io. u. Absclai. 7. §. 3. No. 2.
~ 77 —
eines Borsdorfer Apfels erlangt hatte. Mit der Nasenspitze stand es durch einen Stiel von der Stärke eines Federkieles in Verbindung, und hing an derselben, wie eine Frucht an ihrem Zweige, herab. Es war mit härtlichen schwarzen Krusten ganz überzogen, die ihm das Anselm eines Klumpen Pechs gaben, und die da- durch entstanden, dafs ah der Oberfläche beständig Blut durchschwitzte, welches, nach und nach getrocknet, schwarz und hart wurde. Liefs man sich durch diese Kruste nicht täuschen, so fühlte man, dafs das Gewächs weich und elastisch war. Es ward abgebunden, und der an der Nase zurückgebliebene Theil mit starken Aetzmitteln behandelt, und zuletzt mit dem Bals. Arcaei verbunden. Der Kranke wurde den 5. Novbr. d. J. vollkommen geheilt entlassen, seine Kräfte hatten seit der Operation sehr zugenommen, da der, wenn gleich nicht, beträchtliche, doch beständige Blutflufs nun gehoben war, und nach der Nachricht, die der Herr Re- giments-Chirurgus Schrickel mir mitzutheilen die Güte hatte , soll er sich bis jetzt noch wohl befinden.
Nach vollendeter Operation fand man, dafs das Gewüchs theils mit einer Menge kleiner Gefäfsausdehnungen , vorzüglich aber aus gröfsern Bluth ölen be- stand, welche Producle beträchtlicherer Ectasien waren.
§. 5. Zwei kleine Te lang I ectasien.
Die eine war mit einem rotheu Pünktchen unter dem Auge entstanden, bis zur Gröfse einer kleinen Linse herangewachsen, war flach und glich vollkommen einem aus rothen Fäden gewebten Netze (vid. Tab. II. Fig. 4.).
Das andere sah ich bei einer Dame, die von ihrem Schofshündchen in die Nase gekniffen war; es entstand bald* nachher eine dunkelblaue Erhabenheit, die sehr schnell zunahm, eine ovale Form hatte, und aus Gefäfsen bestand (vid. Tab. II. Fig. 5.).
Beide schienen das erstere Entstehen gröfserer Telangiectasien anzudeuten, ich betupfte sie einige Male mit" Höllenstein , und sie verschwanden.
S. 4.
Telangiectasie der Lippen, l) Unter dem Kapitel: de atro cruento labii tuberculo erzählet Manget *92) einige hierher gehörende Fälle; er sagt: Ein Mädchen von kaum sechs Monaten, die Tochter des Seidenhändlers And re, hatte an der Unterlippe eine nach inner* 192) Bibliotheca clürurg. T. IV. L. XVII. p. 94. caj>. 3o.
h ervorragen de Geschwulst, von der' -Größe eines ErdschildkrÖtencies; sie war weich, elastisch, an der Oberfläche uneben und sab dunkelblau aus, das Kind konnte nicht saugen, und bekam seine Nahrung blofs dadurch, dafs die Amme durch Zusammenpressen der Brust ihm etwas Milch einflöfsle.
Nachdem alles, fährt er fort, was der Sitte gemäfs erfordert wird, vorbe- reitet war , zerstörte ich den krankhaften Theil mit goldenen glühenden Messern. Es entstand eine heftige Blutung, die mit Mühe gestillet ward, nach einiger Zeit fiel der Brandschorf ab, und der Theil heilte durch Eiterung.
2) Ein anderes Mädchen sah er im Jahr i642. Es war ungefähr sechs Mo- nat alt, und hatte eine Unterlippe, die den merkwürdigsten Anblick gewährte; sie ähnelte den Flügeln einer Hasenlunge vollkommen , war zu der Gröfse ange- schwollen, dafs sie der Faust des Kindes glich; sowohl nach innen als außen von der natürlichsten Gestalt ab w eichend , war sie im Ganzen violett und nur hie und da etwas heller gefärbt; unzählige, Adern bildeten auf ihrer Fläche mannigfaltige Furchen (sulcos), übrigens fühlte sich der Tumor elastisch, wie das Parenchym der Lunge, an.
Die Mutter halte während der Schwangerschaft auf ihr dringendes Verlangen eine Hasenlunge zur Speise bekommen, und Manget glaubt, dafs eine lebhafte Phantasie während der Schwangerschaft Einflufs auf die Erzeugung der Krankheit des Kindes gehabt habe.
5) Aehnliche Krankheiten beobachtete derselbe Schriftsteller auch an altern Personen. Ein erwachsenes Mädchen *<ß) hatte eine sehr geschwollene Oberlippe, deren Farbe einer halbreifen Maulbeere glich, übrigens war die Geschwulst ganz varicös und fühlte sich elastisch an, wie die Lungensubstanz. Manget vermu- thet, dafs die Geschwulst durch einen kleinen Varix entstanden sey, der durch den Zuflufs der Safe vergröfsert worden und sich endlich so ausgebreitet hätte, dafs er der Kranken am Sprechen und Kauen, wegen der gestörten Bewegung des Mundes, sehr hinderlich ward.
i 5.
Telangiectasie der in 11 er n Fläche der Lippe. Ein Mädchen aus Noricke, 7 bis 8 Jahr alt, sagt Acrel l$\), wurde 1760 im Hospital aufgenommen; sie war mit einer verunstalteten Lippe geboren, die Farbe nß) Ibid. Lib. XV i. c. g. p. 8*3. 19 \~) Acrel 1. c. Lib. I. p. 6".
— 79 —
der aufsein Haut war weiß und natürlich, aber ihre innere , gegen den Mund ge- kehrte, Seite bläulich und erhaben. Wenn sie den Mund zum Reden oder Essen öffnete, fiel die Lippe über das Kinn herab; um dieselbe wieder hinauf zu ziehen, mußte sie den Kopf eilig zurück, das Kinn gleichsam vorwärts werfen, und die Lippe zu gleicher Zeit durchs Athmen aufwärts in den Mund saugen. Der krankhafte Theil ward ausgerottet und das Mädchen geheilt.
§. 6. Die Leopoldinisc he Lippe.
Vielleicht hat sie Aehnlichkeit mit der vorhergegangenen gehabt. Die Ge- schichte erwähnt, dafs der römische Kaiser Leopold uß) von seiner Geburt an, eine ungewöhnlich grofse niederhangende Lippe gehabt habe, die, so oft er in Zorn gerieth, auf das Kinn herab fiel.
Congestionen des Blutes nach dem Kopfe sind beständige Begleiter dieser Leidenschaft,, dem Andränge des Blutes war die Lippe durch ihren krankhaften Bau vorzüglich Preis gegeben, die Erfüllung derselben mit mehrerem Blute maßte ihre Schwere vermehren und ihr Herabfallen zur Folge haben.
§• 7- Telangiect'asie der Stirn.
Der schwedische Arzt D. Arvid Faxe I^ß) sandte die Beschreibung einer merkwürdigen Geschwulst der Stirn der König], schwed. Aeademic der Wissen- schaften zu. - Er sagt:
Die Witwe eines Kauffartheibootsmanns brachte ihre vierjährige Tochter, deren Stirn - Gewüchs unfehlbar von einem Fall der Mutter entstanden war. Sie glitt nämlich im fünften Monate ihrer Schwangerschaft, gleich nachdem sie das Kind sich regen gefühlt hatte, aus, und fiel vorwärts mit dem Unterleibe auf einen in der Erde stehenden Stock eines abgehauenen Baumes; daraufhatte sie einige schmerzhafte Empfindungen im Unterleibe, gebar aber- das Kind zur rechten Zeit, welches dann das Gewüchs an der Stirn mit zur Welt brachte. Dieses war an- fangs klein, mit der Zeit aber immer größer geworden.
»o5). MqP rioye-9 en or et en aigent rjui rotnposent u'ne de difförentes paities du Cabinut de S. M. L'Ktnp-'.reur. Bu deux. Voll. Fol. a Viemie, i~>56 — l7'->9- '!1 diesem Wevk'ö sind mehrere Abdrücke von Gold- und Siltietnuii./.t n dts Kaiseis Leopold mit einer }»»{-- deili ii Rundet) Lippe, sagt Acrel's Uebeiseizer. D. Marray a. ,. O..
iqG) De: Konigl Schwed. Acad. der Wiss. Abhandl. a. d. NauukLse 1778. a. d, Schwed. vau Kästner, Vol. .(O. iL p. 174.
Jetzt fing die Basis des Gewüchses an der Kronnath an, von welcher es quer herunter über das rechte Auge ging, und von wo aus es dem levator proprius labii superioris längshin folgte, sich dann quer zur Nase hinbog, und an dem Rücken derselben hinanstieg, so dafs der rechte Nasenknochen nicht zu fühlen und der linke seitwärts gedrückt war. Es setzte sich nun an der Linea longitudinalis über der Stirn bis zum Blättchen fort, wo es mit dem gewöhnlichen Haarwuchse be- deckt war.
Die Breite des Gewüchses vom linken Auge bis an die Mitte des rechten, dessen Hälfte es bedeckte, betrug vier Zoll; seine Stärke vor dem letzt genannten Auge drei und sieben Achtel Zoll; es. war meist kugelförmig, gewölbt, schmerz- los; mit beiden Händen gefafst fühlte es sich wie mit Feuchtigkeit erfüllt an, war weich, elastisch und an mehrern Orten polsirend; drückte man den Tumor ge- gen den Kopf, so empfand das Mädchen Brausen vor den Ohren, welches mit dem Drucke zunahm und Geneigtheit zum Schlaf erweckte, sonst beantwortete das Mädchen alle Fragen, ihrem Alter gemäfs, vernünftig, sprach fertig, war leb- haft, und hatte, aufs er einem Zerren und den häufigen kleinen Pulsationen, in der Geschwulst keine Beschwerden.
Da das Stirnbein , aufsei- dem noch fühlbaren arcus superciliaris , ganz auf- gelöst war, so hielt es Faxe für einen durch Trennung der Knochen entstandenen Hirnvorfall, was mir aber unwahrscheinlich ist.
Seiner Beschreibung zufolge entstanden Zufälle eines gedrückten Gehirns, blofs wenn der Tumor gegen den Kopf, aber nicht dann, wenn er selbst zwischen zwei Händen gedrückt wurde, was nothwendig hätte geschehen müssen, wenn er einen Theil des Hirns enthalten hätte , und dafs nicht bei jedem mangelnden Kno- chenstücke Hirnvorfälle entstehen , lehrt vorzüglich die Feldwnndarzneikunde. — Wahrscheinlicher ists mir, dafs es eine durch Fall entstandene Telangiectasie der genannten Theile gewesen sey, da kein wesentliches Merkmal derselben fehlte ; der Tumor war schmerzlos, weich, elastisch, schwappernd, an allen Orten pulsirend und auf der Abbildung *97), die übrigens nicht ganz befriedigend ist, sah man viele Gefäfse über den Tumor hinweg laufen , die gleichartige -Verletzung der Haut anzeigen. Das Stirnbein mochte vermuthlich auf dieselbe Art in Ge- fäfse aufgelöst seyn, wie das von Reinhold 198.) beobachtete Schulterblatt, es
197") L. c. Tab. V. Fig. i u, 2. 198) Vid. §. 6. j\ro. 3o.
ist also leicht zu erklären, wie das seines Schutzes berauhte Gehirn gedrückt wer- den mufste, wenn der Tumor gegen dasselbe geprefst wurde, und wie hierauf Ohrenklingen und Schlafsucht entstanden.
Einen noch hierher gehörigen Fall, wo das ganze Gesicht mit Ungeheuern Geschwülsten bedeckt war, die gröfstentheils Telangiectasien seyn mochten, beob- achtete James Parson x99) im Bartholomäus -Hospital zu London.
Aus der Uebersicht dieser Zusammenstellung folgt, dafs Telangiectasien oft genug vorkommen, mit der Zeit sich sehr ausbreiten, und selbst dem Leben dro- hende Gefahr bringen; dafs sie ferner unerkannt, in ihrem Laufe nicht gehemmt, immer weiter um sich greifen und endlich Theile verletzen können, wo der Arzt, unvermögend zu helfen , die Rolle des Zuschauers übernimmt.
Zwölfter Abschnitt.
Bandagen.
Ausdehnende Binde des Mundes.
jLixx diesem Behufe nahm ich zwei Stücken festes Zwirnband, wovon jedes so lang war, dafs es vom Mundwinkel, bis einen halben Zoll hinter dem hintern Rand der Unterkinnlade reichte, spaltete das eine Ende jedes Stückes durch einen Ein- schnitt einen halben Zoll lang und liefs an dem andern Ende drei weibliche Hefte nähen. Jedes Stück wurde nun auf der einen Fläche mit stark klebendem Heft- pflaster bestrichen, und folgendermafsen angelegt.
An jeden Mundwinkel kam ein gespaltenes Ende so zu liegen, dafs dessen oberer Schenkel auf die Oberlippe, dessen unterer an die Unterlippe befestiget ward, und beide Schenkel am Mundwinkel sich in das Band vereinigten, welches ich nun bis zum hintern Rand der Unterkinnlade führte, wo auf jeder Seite das mit Heften besetzte Ende zu liegen kam. Hieraufdrückte ich das Ganze fest an,
T99) Philosophical Tdiif.actions reprinted according to the London Edition. Wittenberg, 1771. for the Year 1757. Volume L. Part I. nebst einein» interessanten Kupfer.
— 82 —
damit es in allen seinen Punkten genau schlösse, brachte schmales Zwirnband durch die weiblichen Hefte und schnürte sie so über den Nacken, dafs, je näher ich die beiden hintersten Enden einander brachte, ich um eben so viel die Mund- winkel von einander entfernte-
Macht man die Binden länger, so dafs sie bis in den Nacken reichen, so wirkt ihre Kraft mehr auf die Haut des Halses, als die des Backens. Reiben die Schnuren der Bändchen irgend wo, so müssen kleine Longuetten von weicher Leinwand untergelegt werden.. Verliert das Heftpflaster nach einiger Zeit seine Kraft, oder zieht sich die Binde um etwas, so mufs der Verband erneuert wer- den. Folgende Mischung klebte am besten, nur mufs sie nicht zu dick aufge- strichen werden , sonst verschiebt sich die Binde , wenn sie erwärmt ist. Rp. Picis burgundic. 3ij
EmpL diachylon. simpl. 5 **. lern calore liquefacta misceantur.
Uie nähere Anwendung dieses Verbandstücks, siehe im zehnten Abschnitt zu Ende des sechsten Paragraph«*
|, 2.
Vereinigende Binde der Lippen.
Eine Kritik der gebräuchlichsten Biuden , der Richter sehen 2o°) , K o eh- ringschen 201), Wiedeburgschen 202^ Stückelbergs chen, Eck- holdischen 2°3), hier zu liefern, verbietet der Raum; dafs eine mehr, die an- dere weniger, aber keine vollkommen ihren Zweck erreicht, wird man durch Vergleich ung ihrer respectivenStructur mit den aufzustellenden Grundsätzen leicht ersehen.. So drückt z. B. die Richters che zu sehr auf den Vereinigungs- ort, und lieget. nicht genug fest;, so passen, ihre übrigen Fehler abgerechnet, die. Ko.ehringischen und Wiedeburgi sehen blofs für ein Subject diesem sehr selten genau und belästigen dadurch , dafs sie den ganzen Kopf bedecken.
Die nothwendigen Erfordernisse einer guten vereinigenden Binde der Lip- pen; sind::
200) Dessen Chirurg. B. T. p. 56*. Abbild. Tab. I. Fig. 2-
sox) Viel- Bern stein' s Kupfei tafeln, zur Verbandlehre. Jena, 1802. p. 32.
202) Ibid. p. 34„
2.0.3'y L. c. Ueber eine cornplicirte Hasenscharte etc. p.. 19. 3.
a) Sie mufs fest anliegen, sich unter keiner Bedingung verrücken.
b) Jedem vorkommenden Fall leicht anzupassen und dem Kranken so erträglich als möglich seyn.
c) Soll man durch dieselbe die Lippentheile nach Belieben nähern können.
d) Dürfen die Wundlefzen selbst nicht bedeckt werden, damit, wenn man ohne Nadeln vereinigt, gesehen werden könne, ob die Synthese vollkommen geschehen, und wenn Nadeln angelegt werden müssen, damit diese unge- drückt , ganz hohl unter der Binde liegen. Widrigenfalls sie grofse Schmer- zen , Entzündung, Eiterung und Brand veranlassen können.
Die Binde, welche Stückelberg von einem herumziehenden Wundärzte sah und im Museo der Heilkunde 2<>4) beschrieb, ist, ihre Mängel abgerechnet, eine der einfachsten, lieget fest, und die Nadeln können unverletzt unter ihrem Schlosse ruhen; von ihr entlehnte ich die Idee zu der meinigen, die im Ganzen mit derselben übereinstimmt, in ihren einzelnen Theilen aber ganz von derselben abweicht.
1) Die Wangenbänder (Tab. 1TI. Fig. 1. b. c.) der Stückelbergi- schen sind aus einem Stück gefertigt, und bilden, indem sie angelegt werden, im Nacken eine Falte, die Druck und Schmerz verursacht. Schneidet man aber in ihrer Mitte ein dreieckiges Stück heraus , nähet dann die beiden schiefen Enden so zusammen, dafs die Backenlheile b. und c. in d. einen stumpfen Winkel bilden, und legt sie nun so an, dafs die Spitze des Winkels in den Nacken zu liegen kommt, die beiden Schenkel desselben aber etwas schief nach dem Mundwinkel herunter gehen, so liegt das Ganze an, und die Falte wird vermieden. Die Nath mufs (angestofsen) ohne Saum seyn, damit sie nicht drückt.
2) Das Schlofs hatvor allen andern den Vorzug, dafs die Nadeln ungerührt unter demselben ruhen, und von den vereinigenden Fäden nicht gedrückt werden, hat aber zugleich den Nachtheil, dafs die horizontalen Theile der Bleche (Tab. III. Fig. 3. d.e.) zu grofs sind, daher zumTheil auf den Backenknochen, zumTheil auf dem Processu alveolar! ruhen, und dadurch eine unstäte wankende Lage bekom- men; will man diesem Fehler durch Unterlage beikommen, so wird es umständ- lich und die Anlage bleibt ungewifs.
Ich lasse daher den horizontalen Theil der Platten, wie man in der Abbil- dung sieht, blofs ^ Pariser Zoll (d. bis e.) lang, und ~ Zoll breit (f. e.) machen, 204J Museum der Heilkunde. Helv. Arz. 1794. Tom. 2. p. 272.
L 2
_ 84 —
wodurch er blofs auf dem Frocessu alveolari zu ruhen kommt, auf demselben eiae- gleiehe Lage hat und auch nicht im mindesten wanken kann. Durch diese Gröfse der Platten wird die Binde sogleich für Kinder und Erwachsene anwendbar. Bei erstem fafst sie die ganze Breite- der Lippen, bei letztern bleibt über und unter den Rändern der Platte ein Stückchen Lippe unbedeckt, welches aber der Zusam- menziehung des mittlem Theils auf das genaueste folget.
Der perpendiculaire Theil d. c. b. ist ganz dem S tu ckelb ergischen gleich, aufser dafs derselbe bei d. mit dem horizontalen einen spitzen Winkel bil- det, der deswegen nöthig ist, weil bei der Zusammenziehung des Schlosses die horizontale Platte sich bei e. f. um etwas in die Höhe gibt; dadurch stemmt sich der Winkel d. gegen die Lippentheile und verhindert ihr Zurückweichen von der Vereinigungsstelle; ist nun die Platte c. d. in einen spitzen Winkel gebogen, so bekommt sie während der Anlage eine aufrechte Stellung, da sie sich gegen die Vereinigung neigen würde, wenn sie bei d. einen rechten Winkel bildete. Um dem Schlosse ein besseres Ansehn zu geben, lasse ich die 4 oder 5 Knöpfchen aufa. b. nicht so grofs wie die Stückelbergischen machen: sie verrichten, niedlich gearbeitet, die nämlichen Dienste; den Theil des Gurtes, aufweichen die Platte genäht ist, lasse ich mit obigem Heftpflaster an seiner untern Fläche be- streichen, wodurch das Schlofs an die Lippen gelegt, ein besseres Point d'appui erhält.
5) Dem Urtheile Bernsteins 2o5) über S tu ckelb er gs Binde „will man die Absicht vollkommen erreichen, so müfste man für jeden Kopf eine besondere Binde haben " füge ich noch hinzu, dafs sie selbst für einen Kopf schwer so zu ferti- gen sey, dafs sie für denselben vor und nach der Operation immer vollkommen passe. Diesen so wichtigen Nachlheil suchte ich dadurch zu beseitigen , dafs in der Mitte jedes Riemens (vid. Fig. i.e. f. g. und Fig. 2. a. b. c.) Schnallen ange- bracht wurden, durch welche man den Stirn- und die Wangenriemen nach Be- lieben verkürzen und erweitern kann. Hierdurch wird die Binde für jeden Kopf anwendbar, ist für jeden Fall, und seine verschiedenen Stadien zu gebrauchen, und kann so genau angepafst werden, dafs sie ganz anliegt, und dafs man füglich die von D. Eckhold 2°6) angebrachte Circulair- Binde, die er zur sicherem Befestigung anwendet, entbehren kann. Ich habe sie öfterer, selbst bei unruhigen
205) Systematische Darstellung des Verbandes. Jena, 179S. p. 201,
206) L. e.
— 85 —
Kindern, angelegt; immer behauptete sie ilire Lage. Dafs es ganz unmöglich ist, dafs sie bei genauer Anlage dieselbe verändere, kann man theils aus Fig. 4. er- sehen, theils daraus schliefseil, dafs sich ihrer Verrückung nach allen vier Ge- genden Hindernisse entgegen stellen, denn nach unten kann sie'wegen der Stirn- riemen nicht ausgleiten, nach oben stöfst ihr die Nase entgegen, und rechts oder links stofsen theils die zur Stirn geführten Schnuren an die Nase , theils hindert die Verrückung des einen Wangenbandes das demselben gegenüber liegende.
4) Die seidenen Schnürchen Fig. l. m. n. lasse ich deswegen zwischen dem horizontalen Theile des Schlosses und den darunter liegenden Theilen des Gurtes befestigen, dafs man sie gleich bei der Anlegung durch die weiblichen Hefte des Stirnriemens (vid. Fig. 4.) ziehen , und so dem Schlosse schon eine sicherere La- ge geben kann , ehe das Zusammenschnüren desselben vorgenommen wird, wel- ches man Fig. 4. deutlich siehet. An der Stückelbe rgschen fehlen diese Schnürchen ganz, er schnüret erst das Sehlofs von unten herauf, und ziehet dann die übrig gebliebenen Enden des Seidenfadens durch die Hefte des Stirnriemens, wodurch die Anlegung nicht so ganz bequem und behende geschehen kann, als auf erstere Art, weil sich während der Schnürung das Sehlofs zu leicht nach unten bewegt.
Die Anlegung der Binde ist leicht; ich bringe den Vereinigungspunkt (Fig. l. d.) der drei Riemen a. b. c. in den Nacken, führe dann die beiden Wangenbänder nach den Mundwinkeln zu, und den Stirnriemen über den Schädel weg nach der Stirne (vid. Fig. 4.). Hierauf ziehe ich die beiden Seidenschnuren des Schlosses durch die an den Stirnriemen befestigten weiblichen Hefte, binde sie mit einer Schleife (Fig. 4.) und schnüre nun mit einem starken Seidenfaden, den ich um die Knöpfchen des Schlosses lege, die beiden Hälften desselben so stark, als es die LTmstände erfordern. Fehlet es dennoch irgendwo, so kann man sich durch die Schnallen und Schnüre an den weiblichen Heften leicht helfen. Ich lasse die Binde aus pommeranzfarbenem seidenen Gurte fertigen, da diese Farbe durch Waschen nicht verlieret, und nicht so leicht schmuzet als die weifse.
Durch die angeführte Einrichtung hat die Binde mir in den so häufig vor- kommenden Krankheiten der Lippen immer vollkommen Genüge geleistet, und ich freue mich, dafs Aerzte und Wundärzte, die ihre Mittheilung von mir ver- langten , eben so zufrieden mit derselben sind , als ich es bim
— 86 —
Erklärung der Kupfertafeln.
- Vignette.
Oie stellt die Vereinigung des rechten Lippentheiles mit dem linken Backen dar. Unter der Nase sieht man die Unterbindungsfäden der Arteria coronaria sinistra heraushangen, die beiden andern Fäden sind zur Knopfnath bestimmt, durch welche der ausgeschnittene Mundwinkel vereint wird. Die Unterlippe erscheinet durch die starke Zusammenziehung der obern Theile stark gefaltet, und auf das Kinn herabgebeugt (vid. Abschn. 10. in der Mitte des 5teu §.).
Erste Tafel. Der Kopf ist scizzirt und blofs die kranke Oherlippe vollkommen ausgear- beitet, deren Beschreibung der 2te §. des zehnten Abschnittes darbietet.
Zwei t e Tafel.
Fig. r.
Zeiget den durch die Ausrottung der Oberlippe, des Mundwinkels und eines Theils der Unterlippe entstandenen Schnitt. Wo er unter der Nase meinen Win- kel zusammentrifft, sieht man den rauhen Ort, an welchem das degenerirte fre- nulum breit angesessen halte. In der Substanz des Backens ist die Arteria coro- naria dextra mit ihrer Unterbindung zu sehen (vid. Abschn. 10. Ende des 5ten §.).
F i g. 2.
Ist die Abbildung des abgelösten Theiles. Die äufsere Lage der Gefäfse ist weggenommen, und man sieht das Parenchym als ein Gewebe von Gefäfschen, in welchen mehrere kleine Anevrismen, Varicen und Cirsen liegen, deren Durch- schnitte bei der Trennung des ganzen Tumors in zwei Theile sichtbar wurden; in der Seitenfläche des einen Theils erblickt man die durchschnittene Kranzschlag- ader nach ihrer natürlichen Erweiterung (Abschn. 10. §. 7.).
Fig. 5.
Ist das Portrait des geheilten Knaben; dem linken Theile der Oberlippe feh- let die rothe Substanz. Man entdeckt kleine regellose Punkte, welche die nach der Heilung zurückgebliebenen noch etwas sichtbaren Narben der Nadelstiche vor- stellen (vid. Abschn. 10. Ende des 6ten §.).
Fig. 4.
Ist das erste Entstehen der Telangiectasie. Man bemerkt unter dem Auge einen platten, kleinen, runden, aus Gefäfschen gewebten Fleck, der roth von Farbe war (Abschn. 11. §. 3.).
- 87 -
Fig. 5. Eine weiter gelangte Telangiectasie an der Nase; sie ist zwar klein, aber nicht mehr platt, wie jene, sondern schon erhaben (ibid.).
Dritte Tafel.
Fig. i. Die Vereinigungsbinde der Lippen in ihren ganzen Tlieilen. Denkt man sich dieselbe angelegt, so ist die Fläche der Binde, die hier zu sehen ist, nicht die anliegende, sondern die äufsere des ganzen Verbandstücks , welches aus dem Nackenkreuze, zwei Wangen- und einen Stirnbande zusammengesetzt ist.
1) Das Nackenkreuz bestehet aus drei Bändern, die in d. zusammentreffen; die Theile d. f. und d. e. sind jeder vier Pariser Zoll lang, aber das dritte d. g. beträgt sechs Zoll. Die beiden Riemen , an welchen die Backenschnallen e. f. befestiget sind, werden in d. so zusammengenäht,, dafs sie einen stumpfen Winkel bilden (viel. Abschn. 12. §. 2. No. 1.). Jedes Ende des Nackenkreu- zes e. f. g. hat eine Schnalle, einen Pariser Zoll von derselben ein kleines Quer- bändchen, welches bei der Schnalle e. und f. frei liegt, bei g. aber ist der Stirnriemen durch dasselbe (vid. 1.) gezogen.
2) Die Wangen band er c. i. und b. h. sind jedes sechs Zolllang, sie werden an ihrem einen Ende i. und h..umstocheny an jedem entgegengesetzten b. und c. wird ein 8 Zoll langes seidenes Schnürchen genähet, so dafs es über den obern Rand des Bandes hinaus gehet , wie n. m. und zwischen das Blech und den Gurt zu liegen kommt, wenn auf die beiden Enden c. und b. die horizontalen Platten des Schlosses aufgenäbet werden.
5) Das Stirnband a. k. ist 10 Pariser Zoll lang, bei dem Ende k. umstochen, bei a. sind aber zwei weibliche Hefte , die am besten mit Seide umwunden werden, befestiget; durch diese werden bei Anlegung die Schnürchen m. und n. gesteckt, und in eine Schleife gebunden, wie in Fig. 4. zu sehen ist.
F i g. 2„
Erkläret genau die Befesligung der Schnallen. Das abgerissene Ende bis b. ist ein Theil der grofsen Riemen. Auf denselben wird die an einen Zoll langen Riemen a. c. genähte Schnalle in der Entfernung von b. befestiget, dafs, wenn die Schnalle angezogen wird, sie nicht über b.. wegreichen könne. So dienen die gro- fsen Riemen ihren Schnallen zu Polstern , und erstere können nie Druck auf ir- aexid einen Theil des Gesichts bewirken. Dort wo die Schnalle mit ihren Stück- chen Riemen an das Band genähet ist, a. wird das Querbändchen d. befestiget, wodurch die Nat.h bedeckt wird. Das Querbändchen dienet dazu, dafs man die Backen- und Stirnbänder durchziehen könne, damit sie nicht herum hängen 7 wie- es Fig. 1. bei 1. zu scheu ist.
F i g. 5. Stellet die beiden auf den Gurt genähten Theile des Schlosses in natürlicher Gröfse und fast richtigem Verhältnisse vor; beide Bleche sind einander vollkom- men gleich, deswegen beschreibe ich blos eins. Sie können aus stark legirtem Sil- ber oder übersilbertem Messing. etc. gefertiget werden, damit sie beim Schnüren sieh nicht biegen.
jj Die horizontale Platte soll von d. bis e. f Pariser Zoll lang und von e. bis f. gleich dem Gurte | Zoll breit seyn; längs ihren Rändern und dem Winkel, den sie bei d. mit der senkrechten Platte bildet, sind kleine Löcher geschlagen und durch eine gemeinschaftliche Furche verbunden, ersteres, um sie an den unten liegenden Gurt befestigen zu können, letzteres, um den Fäden eine feste Lage zu geben. 2) Die perpendiculaire Platte ist von d. bis c. £ Pariser Zoll hoch, und bildet bei d. mit der wagerechten Platte einen etwas spitzen Winkel, doch inufs dieser abgerundet seyn, damit er nicht in dieLippentheile einschneide. Von c. bis b, ist sie TTa Zoll breit und wird mit dem aufsteigenden Theile in einen rechten Winkel d. c. b. gebogen ; auf diesem Rande sind kleine Knöpfchen gelöthet ; man braucht deren auf jeder Seite blofs vier. Am obern Rande der Platten ist ein Stück der Seidenschnuren zu sehen.
Fi g. 4. Zeiget die Anlage der Binde. Bei b. c. sieht man die Wangen-, und bei a. die Stirnschnalle liegen. Durch die beiden Hefte des Stirnriemens sind die am Schlosse befestigten Schnürchen gezogen und in eine Schleife gebunden. Das Schlofs ist mit einem starken Seidenfaden geschnüret, dessen Enden am letzten Knöpfchen in eine Schleife zusammen kommen.
Fig. 5. Das im zehnten Abschnitte §. 5. erwähnte Exstirpatorium ist ein lanzetten- formiges zweischneidiges Messer, welches in. seiner Fläche gebogen ist, wie man
Fig. 6. in der Profilzeichnung deutlich siehet. Zweischneidig und so breit, wie es dargestellt ist, brauche ich es sehr bequem bei Ausrottungen grofser Theile, z. B. Brustscirrhen , um dieselben aus dem Grunde herauszuholen. Man kann, ver- möge der Beugung, leichter zur Basis des Scirrhen, als mit jedem andern Messer» Einschneidig, und kaum halb so breit, bediene ich mich desselben bei kleinern Operationen, z. B. bei der Exstirpation der Balggeschwülste an den Augenliedern, nachdem der Hautschnitt mit einem geraden Messer geschehen ist. Endlich ist es in allen Fällen anwendbar, wo die Cowp ersehe Scheere sonst nothwendig war, die es nicht allein ersetzt, sondern vielmehr ganz entbehrlich macht, da man eben so behend damit verfahren kann und dasselbe weniger Schmerz und gar keine Quetschung verursacht, die beim Gebrauch der Scheere unvermeidlich ist. Nur Schade, dafs dessen Verfertigung sehr wenig Künstlern gelingt, da das Schleifen bei dieser Krümmung mühsam und künstlich ist. Herr Instrumentmacher Kund e in Dresden arbeitet es vortrefflich.
».J
C^üz . /
^aAjj:.
y
2.
£/?£& . ■/■ .
&fy. 3 .
■*■ ■ * J
fQ. JK
mo. 6
I 6fy.3.-
% ß 1
tJ*ttf- 4*
a
Q
>*
if
■i
HIB
\;k
C c7" {fracsfe. </e^
KjkM J
J^
V,
COUNTWAY LIBRARY OF MEDICINE
RD
598
GT5
RARE BOOKS DEPARTMENT
»:
m
ÜP:
AIS