JEAN PAUL SAMTLICHE WERKE
Abteilung I Band 4
JEAN PAUL
Kleinere erzahlende Schriften 1796-1801
ZWEITAUSENDEINS
Herausgegeben von Norbert Miller Nachwort von Walter Hollerer
l.Auflage, Marz 1996. 2. Auflage, Marz 1996.
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des Carl Hanser Verlages.
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ISBN 3-86150-152-X
INHALTSUBERSICHT
Leben des Quintus Fixlein 7
Biographische Belustigungen 261
Der Jubelsenior 409
Das Kampaner Tal 561
Palingenesien 717
Briefe und bevorstehender Lebenslauf 925
Das heimliche Klaglied 1081
Anhang 1139
Anmerkungen 1141
Nachwort 1 226
Inhaltsverzeichnis 1253,
LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
aus funfzehn Zettelkasten gezogen;
nebst einem MuBteil und einigen
Jus de tablette
BlLLETT AN MEINE FREUNDE anstatt der Vorrede
Kaufleute, Autoren, Madchen und Quaker nennen alle Leute, mit denen sie verkehren, Freunde; und meine Leser sind also meine Gast- und Universitatsfreunde. Nun beschenk' ich zwar so viele hundert Freunde mit ebenso vielen hundert Freiexemplaren - und die Buchhandlung hat den Auftrag, jedem nach der Messe seines auf Verlangen auszuliefern gegen ein elendes Gratial und don gratuit fur Setzer, Drucker und andere Leute -; aber da ich die
10 ganze Auflage nicht wie die franzosischen Autoren zum Buchbin- der schicken konnte: so fehlt natiirlichvornen das leere Buchbin- derblatt, und ich konnte also dem Empfanger des Geschenks nichts Schmeichelhaftes daraufschreiben. Ich liefi deswegen nach dem Titel einige leere Blatter einziehen; auf diese wird hier gedruckt. Mein Buch zerfallt, wie die BuBe, in drei Teile. Den ersten oder sogenannten MuB teil, der aus zwei Erzahlungen besteht und den die Reichserbkuchenmeisterin der Phantasie mit Blumenwerk und Blumenmehl (wenigstens bestellt' ichs so) gar- nieren sollte, bescher* ich, lieben Freunde, bloB lieben Freun-
20 dinnen : wahrhaftig mit beiden Erzahlungen werd' ich ihnen eine ebenso groBe Freude machen, als bracht* ich ihnen von Leipzig anstatt dieses MeBprasentes ein ganzes Ohrrosen-Bouquet oder Visitenbilletts auf hollandischem Papier silbern gerandelt mit - oder em Trauerneglige oder doch einen Facher von Sandelholz mit einem Medaillon. Sie sind geborne Blumistinnen und selber gut gezeichnete Blumenstiicke und lieben mithin auch in Btichern, was sie so oft begiefien, sticken und brechen, - Bliimchen. Das Schicksal, als Weginspektor, bestecke damit auch euere staubige Lebens-KunststraBe, und Freudenrosen sollen euere Wegmesser
30 und Werstenzeiger sein: ich wiiBte keinen bessern Einhaucher
IO LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
oder inhalery gegen tiefere Brustschmerzen, als der Wundarzt Mudge mit der Maschine jenes Namens lindert, keinen bessern Einhaucher, sag* ich, als eueren trostenden Mund; und eben dar- um schenke euch der Himmel, indes unsere FuBsohlen im heiBen Sand an dem Krater des biirgerlichen Lebens waten, tiefer unten die stille fruchtbare blumige Region an diesem Vesuv und setze besonders euern Mannern oder Vatern, wie die Kalendermacher der Sonne, ein menschliches Antlitz an, das auf eine schdne Weise das mannliche wie das solarische Blenden mildert.
Der zweite und groBte Teil des Buches enthalt das Leben eines i0 Schulmanns, das - neun oder zehn Kapitel ausgenommen — schon weniger fur Madchen passet: desto besser fur sie und fur mich, wenn ich mich liber die sechs oder funf andern Kapitel betriige. Mit dieser Biographie will nun der Verfasser euch, lieben Freunde, nicht sowohl ein Vergniigen machen als euch lehren, eines zu ge- nieBen. Wahrlich Xerxes hatte nicht auf die Erfindung neuer Freu- den, sondern auf eine gute Methodologie und Haustafel, die alten zu genieBen, Preismedaillen bieten sollen.
Ich konnteniemehralsdrei Wege, glucklicher (nicht glucklich) zu werden, auskundschaften. Der erste, der in die Hohe geht, ist: 20 so weit iiber das Gewolke des Lebens hinauszudringen, daB man die ganze auBere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhausern und Gewitterableitern von weitem unter seinen FxiBen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergartchen liegen sieht. - Der zweite ist:
— gerade herabzufallen ins Gartchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, daB, wenn man aus seinem warmen Ler- chennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Bein- hauser und Stangen, sondern nur Ahren erblickt, deren jede fur den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und Regenschirm ist. — Der dritte endlich - den ich fur den schwersten und kliigsten halte 30
— ist der, mit den beiden andern zu wechseln. - Das will ich jetzt den Menschen recht gut erklaren.
Der Held - der Reformator - Brutus - Howard - der Repu- blikaner, den biirgerliche Stiirme, das Genie, das artistische be- wegen - kurz jeder Mensch mit einem groBen EntschluB oder auch nur mit einer perennierenden Leidenschaft (und war* es die,
BILLETT AN MEINE FREUNDE II
den groBten Folianten zu schreiben), alle diese bauen sich mit ihrer innern Welt gegen die Kalte und Glut der aufiern ein, wie der Wahnsinnige im schlimmern Sinn : jede fixe Idee, die jedes Genie und jeden Enthusiasten wenigstens periodisch regiert, scheidet den Menschen erhaben von Tisch und Bett der Erde, von ihren Hundsgrotten und Stechdornen und Teufelsmauern - — gleich dem Paradiesvogel schlaft er fliegend, und auf den aus- gebreiteten Fltigeln verschlummert er blind in seiner Hohe die untern ErdstoBe und Brandungen des Lebens im langen schonen
io Traume von seinem idealischen Mutterland. . . . Ach! wenigen ist dieser Traum beschert, und diese wenigen werden so oft von fliegenden Hunden1 geweckt! -
Diese Himmelfahrt ist aber nur fur den gefliigelten Teil des Menschengeschlechts, fur den kleinsten. Was kann sie die armen Kanzleiverwandten angehen, deren Seele oft nicht einmal Fliigel- decken hat, geschweige etwas darunter - oder die gebundnen Menschen mit den besten Bauch-, Riicken- und OhrenfloBfedern, die im Fischkasten des Staates stille stehen und nicht schwimmen sollen, well schon der ans Ufer lang gekettete Kasten oder Staat
20 im Namen der Fische schwimmt? Was soil ich dem stehenden und schreibenden Heere beladener Staats-Hausknechte, Korn- schreiber, Kanzelisten aller Departements und alien im Krebs- kober der Staats-Schreibstube aufeinandergesetzten Krebsen, die zur Labung mit einigen Brennesseln iiberlegt sind, was soil ich solchen fur einen Weg, kier selig zu werden, zeigen? -
BloB meinen zweiten; und das ist der: ein zusammengesetztes Mikroskop zu nehmen und damit zu ersehen, daB ihr Tropfe Bur- gunder eigentlkh ein rotes Meer, der Schmetterlingsstaub Pfauen- gefieder, der Schimmel ein bliihendes Feld und der Sand ein
30 Juwelenhaufe ist. Diese mikroskopischen Belustigungen sind dauerhafter als alle teuern Brunnenbelustigungen. . . . Ich muB aber diese Metaphern erklaren durch neue. Die Absicht, warum ich Fixleins Leben in die Liibecksche Buchhandlung geschickt, ist eben, in diesem Leben - daher ichs in diesem Billett wenig brauche - der ganzen Welt zu entdecken, daB man kleine sinn- 1 So heifien die Vampyren.
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liche Freuden hoher achten miisse als groBe, den Schlafrock hoher als den Bratenrock, daB man Plutos Quinterne seinen Ausiilgen nachstehen lassen' miisse, einen NNd'or dem Notpfennig, und daB uns nicht groBe, sondern nur kleine Gluckszufalle begliicken. — Gelingt mir das : so erzieh* ich durch mein Buch der Nachwelt Manner, die sich an allem erquicken, an der Warme ihrer Stuben und ihrer Schlafmiitzen - an ihrem Kopfkissen - an den heiligen drei Festen - an bloBen Aposteltagen - an den abend lichen mo- ralischen Erzahlungen ihrer Weiber, wenn sie nachmittags als Ambassadricen einen Besuch auf irgendeinem Wkwensitz, wo- 10 hin der Mann nicht zu bringen war, gemacht hatten - am Ader- laBtage dieser ihrer Novel listinnen - an dem Tage, wo einge- schlachtet, eingemacht, eingepokelt wird gegen den grimmigen Winter und so fort. Man sieht, ich dringe darauf, daB der Mensch ein Schneidervogel werde, der nicht zwischen den schlagenden Asten des brausenden, von Sttirmen hin- und hergebognen un- ermeBlichen Lebensbaumes, sondern auf eines seiner Blatter sich ein Nest aufnahet und sich darirv warm macht. - Die notigste Predigt, die man unserm Jahrhundert halten kann, ist die, zu Hause zu bleiben. 20
Der dritte Himmelsweg ist der Wechsel mit dem ersten und zweiten. Der vorige \weite ist nicht gut genug fur den Menschen, der hier auf der Erde nicht bloB den Obstbrecher, sondern auch die Pflugschar in die Hande nehmen soil. Der erste ist zu gut fur ihn. Er hat nicht immer die Kraft, wie Rugendas mitten in emer Schlacht nichts zu machen als Schlachtstiicke und wie Bakkuisen im Schiffbruche kein Brett zu ergreifen als ein Zeichenbrett, um ihn zu malen. Und dann halten seine Schmer^en so lange an als seine Ermattungen. Noch ofter fehlet der Spielraum der Kraft: nur der kleinste Teil des Lebens gibt einer arbekenden Seele 30 Alpen - Revolutionen - Rheinfalle - Wormser Reichstage - und Kriege mit Xerxes, und es ist so furs Ganze auch besser; der lan- gere Teil des Lebens ist ein wie eine Tenne platt geschlagener Anger ohne erhabene Gotthardsberge, oft ein langweiliges Eis- feld ohne einen einzigen Gletscher voll Morgenrot.
Eben aber durch Gehen ruhet und holet der Mensch zum Stei-
BILLETT AN MEINE FREUNDE 13
gen aus, durch kleine Freuden und Pflichten zu groDen. Der sie- gende Diktator muB das Schlacht-Marzfeld zu einem Flachs- und Rubenfeld umzuackern, das Kriegstheater zu einem Haustheater umzustellen wissen, worauf seine Kinder einige gute Stucke aus dem Kinderfreund auffuhren. Kann er das, kann er so schon aus dem Weg des genialischen Gliicks in den des hauslichen einbeu- gen : so ist er wenig verschieden von mir selber, der ich jetzt - wiewohl mir die Bescheidenheit verbieten sollte, es merken zu lassen - der ich jetzt, sag* ich, mitten unter der Schopfung dieses
10 Billetts doch imstande war, daran zu denken, daB,wenn es fertig ist, die gebacknen Rosen und Holundertrauben auch fertig wer- den, die man fur den Verfasser dieses in Butter siedet.
Da ich zu diesem Billett noch ein Postskript (am Ende des Buchs) anstoBen will : so spar* ich einiges, was ich noch iiber den dritten, halb satirischen, halb philosophischen Teil des Werks zu sagen hatte, absichtlich fur die Nachschrift auf.
Hier lasset der Verfasser, aus Achtung fur die Rechte eines Billetts, seine halbe Anonymitat fahren und unterschreibt sich zum ersten Male mit se'mem gan%en wahren Namen. Hof im Voigt-
20 land, den 29. Jun. 1795.
Jean Paul Friedrich Richter
Geschichte meiner Vorrede zur zweiten auflage des
QUINTUS FlXLEIN
Geschichte der Vorrede zur zweiten Auflage
Ein Schweizer voltigierte (nach dem Berichte Stolbergs) einst so heftig als er konnte von der Stube auf den Sessel und von diesem wieder herunter- da man ihn dariiber befragte, gab er an: »er mache sich lebhaft«. - Aber Normanner wie ich brauchen schon halbe Tagreisen, wenn sie so feurig werden wollen, daB sie den Plan eines Kapitels gliicklich entwerfen. Schon Erasmus ar- beitete sein Lob der Narrheit auf dem Sattel aus (da er nach Italien ritt), und der englische Dichter Savage sein Trauerspiel 10 Overbury auf den Londner Gassen - wiewohl sein Leben selber eines war, kein burgerliches, sondern ein adeliges, da er sich von seiner natiirlichen Mutter, der Grafin von Macclesfield, jahrlich 200 Pf. auszahlen lieB, damit er kein Pasquill auf sie machte, son- dern eben dadurch nur eines auf sie ware — ; von mir aber ist gar bekannt, daB ich vor einigen Jahren die groBe Tour machte, bis ich gleich einem jungen Herrn mit dem Risse oder Knochenge- baude der »Mumien« wiederkommen konnte; ja sollt' ich mich einmal zu einem epischen Werke wie die Odyssee entschlieBen, so miiBte sich wohl der Sanger so lange auf seiner pittoresken Ent- 20 deckungsreise aufhalten als der Held selber.
Hingegen zur Zeugungeiner Vorrede zur zwei ten Auflage nab* ich nie mehr no tig erachtet als eine FuBreise von Hof nach Bai- reuth7 einen Katzensprung iiber drei Poststationen. Ich such* aber etwas darin, wenn ich das Erstaunen der Nachwelt und ihrer Vor- fahren dadurch erregen kann, daB ich beide auf die baireuthische KunststraBe mitnehme, auf der ich hinlaufe - im Webstuhl der Vorrede eingesperrt und mit dem Weberschiffchen werfend -, ohne doch etwas Rechtes herauszubringen. Ich trug namlich die offne Schreibtafel vor mir her, um die Vorrede, wie sie mir Satz 50
GESCHICHTE MEINER VORREDE 17
fur Satz entfiel, darin aufzufangen ; aber wenige Autoren wurden noch so in ihren Vorreden gestort. Ich will es ausfuhrlich erzahlen. Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.
Schon der Hofer Schlagbaum, unter dem man den Chaussee- zoll erlegt und der hinter dem Vis-a-vis einer Dame niedersank, die ihn abgetragen, fiel hart wie ein StoBvogel und Eierbrecher auf den Kopf des Vorberichts: denn ich wollte der Dame durch- aus vorlaufen, um ihr ins Gesicht zu sehen; und mithin wurde
10 unter dem Nachdringen wenig an die Weberei der Vorrede ge- dacht, wiewohl ich dem Vis-a-vis fruchtlos nachsetzte. Mit unbe- kannten Frauenzimmern ists ganz anders wie mit unbekannten Biichern. Ich nehme nie ein Buch, das ich noch nicht gelesen, in die Hande, ohne wie ein Rezensent vorauszusetzen, es sei elend. Hingegen bei einer unbekannten Frau nimmt jeder Mann, gesetzt er hatte schon 30000 Abgottinnen* kennen und vergessen gelernt, von neuem an, diese 3oooiste sei erst die echte unverfalschte hei- lige Jungfrau - die Gottesgebarerin - die Gottin selber. Das nahm ich gleichfalls an auf dem Straflendamm; wenigstens konnt' ich
20 doch eine Frau, an deren gepuderten und aufgelockten Hinter- kopf die Morgenrote so deutlich anfiel, zu den gebildeten weib- lichen Kopfen zahlen, welche — da nach Rousseau Eisen und Ge- treide die Europaer kultivieret haben — den feinern Fabrikaten aus beiden, den Haarnadeln und dem Puder, jene Bildung verdanken, die nun, hofF ich, unter den weiblichen Kopfen burgerlichen Standes schon etwas Gemeines ist. Gegen diese auBere Kultur einer Frau sollte sich kein Ehemann sperren, der an der seinigen einegutgemachtepapinianischeKochmaschine-eineSchaferische Waschmaschine - eine englische Spinnmaschine - und eine Gir-
30 tannerische Respirationsmaschine besitzen will: er zeigt sonst, daB er eine unschuldige Ausbildung mit der innern, von der iiberhaupt Honorationnnen im ganzen frei sind, verwechsele. Kultur ist, gleich dem Arsenik, den Blei-Solutionen und den Wundarzten, bloB aufierlich gebraucht etwas Herrliches und Heil- sames: innen im weiblichen Kopf, der so leicht brennend wird, 1 Varro bringt eine Zahl von 30000 heidnischen Gottern zusammen.
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schneuzet oder blaset der Ehemann das Licht aus Vorsicht aus, so wie man aus derselben Vorsorge nachts nie ein physisches in
die kaiserliche Bibliothek in Wien einlasset.
Nun schlang gar der Wald die Dame hinein, und ich stand leer auf der offnen Chaussee. Mein Verlust brachte mich auf die Vor- rede zur zweiten Auflage zuriick. Ich flng sie in der Schreibtafel an ; und hier folgt sie, so viel als ich davon nahe bei Hof fertig- brachte.
Vorrede iur iweiten Auflage
»Der Poet tragt sehr oft wie ein gebratener Kapaun unter seinen 10 Fliigeln, womit er vor alien besetzten Fenstern der gelehrten Welt aufsteigt, rechts seinen Magen, links seine Leber. Oberhaupt denkt der Mensch hundertmal, er habe den alten Adam ausge- zogen, indes er ihn nur zuriickgeschlagen, wie man die Neger- Schwarte des Schinkens zwar unterhohlet und aufrollet, aber doch mit aufsetzt und noch dazu mit Blumen garniert.« . . .
Allein jetzt ging hinter mir die Sonne auf. - Wie werden vor dieser Erleuchtung des ewigen, sich selber aus- und ineinander schiebenden Theaters voll Orchester und Galerien die Vorreden und das Krebsleuchten der Rezensenten und die phosphoreszie- 20 renden Tiere, die Autoren, so blaB und so matt und so gelb ! - Ich hab' es oft versucht, vor der jahrlichen Gemalde-Ausstellung der langen unabsehlichen Bildergalerie der Natur an Buchdrucker- stocke, an Finalstocke, an Schmutzblatter und an Spatia der Buch-
drucker zu denken aber es ging nicht an, ausgenommen
mittags, hingegen abends und morgens nie. Denn gerade am Morgen und am Abende und noch mehr in der Jugend und im Alter richtet der Mensch sein erdiges Haupt voll Traum- und Sternbilder gegen den stillen Himmel auf und schauet ihn lange an und sehnet sich bewegt; hingegen in der schwiilen Mitte des 3° Lebens und des Tages biickt er die Stirn voll SchweiBtropfen gegen die Erde und gegen ihre TriifTeln und Knollengewachse. So ist die mittlere Lage einer Spielkarte aus Makulatur gemacht,
GESCHICHTE MEINER VORREDE 19
nur die zwei aufiersten Lagen aber aus feinem Druckpapier; oder so richtet sich der Regenbogen nur in Morgen und Abend, nie in Siiden auf.
Als mich die StraBe immer hoher uber die Taler hob, wurd* ich zweifelhaft, wem ich treu bleiben sollte — ob der erhabenen Allee und Kolonnade von Bergen, die ich linker Hand, oder dem magischen Vis-a-vis mit dem gebildeten Kopfe, das ich geradeaus vor mir hatte — ich sah ein, auf der linken Tabor-Berg-Kette ver- klare sich der Geist und stehe in ausgehauenen FuBtritten wegge-
10 flatterter Engel fest, aber im Vis-a-vis saB ja der herabgeflogene Engel selber.
An Vorberichte war nicht zu denken. Zum Gliick nahm ich un- weit Munchberg neben den groBen Geriisten der Natur, welche die Seele wie Reben stengeln, noch eines wahr, das sie zur Kriech- und Zwergbohne eindriickt, namlich den Rabenstein und einen wohlgekleideten Herrn, der darauf botanisierte. - Beilaufigl kein Gras auf Rasenbanken oder in Festungen oder auf Wouvermans Leinwand ist ein so schones bowling-green als das auf Raben- steinen, das gleichsam ein Ernte- und Belagerungkranz (corona
20 obsidionalis) der siegenden Menschheit ist. Ach es stehen ohne- hin so viele rote Wolken voll Blutregen iiber der Erde und trop- fenl - Ich fassete mich jetzt als Vorredner und stellte mir vor: »Es ist nicht zu verhehlen, daB du vor der ersten Station, vor Munchberg, stehest und noch wenig rnehr von dem Vorbericht herausgetrieben hast als den ersten SchuB : auf diese Art wirst du durch Gefrees, durch Berneck und Bindloch kommen ohne den geringsten Zuwachs der Vorrede, besonders wenn du darin kein Wort sagen willst, als was zu einem vorigen und kiinftigen wie ein Zwickstein passet. Steht es dir denn nicht frei, wie Herr von
30 Moser zu arbeiten (der Gevatter und Vorlaufer deiner Zettel- kasten), der in seinem Leben keinen zusammenhangenden Bogen geschrieben, sondern nur Aphorismen, Gnomen, Sinnspruche, kurz nichts mit Flechtwerk?« Ich muBte mir recht geben; und fuhr demnach bandfrei wie gute Klaviere und in thesibus magi- stralibus, ohne andere Verbindungen und Bastpflanzen als denen auf dem Rabenstein, so fort in der
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V or rede ^ur ^weiten Auflage
wEs ist eine ewige Unart der Menschen, daB sie alle Schrammen und Pockengruben ausgestandener Jahrhunderte, alle Nachwe- hen und Feuermaler der vorigen Barbarei nie angers wegschafTen lassen als iweimal - erstlich durch die Zeit, dann zweitens (ob- gleich bald darauf, oft im nachsten Jahrhundert) durch Ediktey Kreisschliisse, Rekhsabschiede, Landtagabschiede, pragmaticas
sanctiones und Vikariatkonklusa dergestalt, daB unsere ver-
dammten skorbutischen, rostigen, kanigen Narrheiten und Ge- brauche ganzlich den fiirstlichen Leibern gleichen, die ebenfalls i zweimal begraben werden, das erstemal heimlich, wenn sie stinken, das zweitemal offentlich in einem leeren zweigehausigen Parade- s:*rg, dem Trauerfahnen, Trauermantel, Trauerstuten niederge- schlagen folgen.« —
Die Fortsetzung der Vorrede folgt.
Der Botaniker der Galgen-Flora hatte mich unter dem Schrei- ben eingeholt und gestort. Ich erstaunte, den Herrn Kunstrat Fraischdorfer aus Haarhaar1 vor mir zu haben, der nach Bamberg ging, um von einem Dache oder Berge irgendeiner zu hoftenden Hauptschlacht zuzusehen, die er als Galerieinspektor so vieler 5 Schlachtstiicke, ja selber als Kritiker der homerischen nicht gut entbehren kann. - Mein Gesicht hingegen war ihm ein unbekann- tes inneres Afrika. Ein Mann muB sich wenig in der Hterarischen Weltgeschichte umgesehen haben, dem man es erst zu sagen braucht, daB der Kunstrat sowohl in der neuen allgemeinen deut- schen bibliothekarischen als in der haarhaarischen, scheerauischen und flachsenfingischen Rezensier-Faktorei mitarbeite als einer der besten Handlungdiener. Wie man einen Kiirbis in einen Karpfen- teich als Karpfenfutter einsetzt: so senkt er seinen nahrhaften Kopf in manches ausgehungerte Journalistikum ein als Bouillon- kugel. Da nun der Kunstrat, dem ich doch nie etwas zuleide ge- tan, schon an mehren Orten deutliche Winke fallen lassen, er
1 So heiBet bekanntlich das Fiirstentum, in welchem die Geschichte, die ich nun bald unter dem Namen Titan ediere, vorfallt. Daher kenn' ich den Kunstrat Fraischdorfer recht gut, er aber mich gar nicht.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 21
wolle mich in kurzem rezensieren: so war mir fatal zumute; denn es gibt zwischen nichts eine groBere Ahnlichkeit und Antipathie zugleich als zwischen einem Rezensenten und Autor, wiewohl derselbe Fall auch beim Wolf und Hunde ist. Ich miinzte daher meinen Namen als mein eigner Falschmunzer um und sagte mich als einen ganz andern Menschen an : »Sie sehen hier«, sagt* ich zum Kunstrat, »den bekannten Egidius Zebedaus Fixlein vor sich, von dessen Leben mein Herr Gevatter Jean Paul der Welt eine zweite Auflage zu schenken gesonnen - wiewohl ich taglich noch
io fortlebe und mithin immer neues Leben, das man beschreiben kann, nachschieBe.« - Die Seele des Kunstrates war jetzt nicht wie die nachgestochene im orbis pictus aus Punkten zusammen- gesetzt, sondern aus Ausrufungieichen; andere Seelen bestehen aus Parenthesen, aus GansefiiBen, die meinige aus Gedanken- strichen. Er forschte mich, da er mich fur den Quintus hielt, nun aus, ob mein Charakter und mein Haushalten zu dem gedruckten paBten. Ich teilte ihm viele neue Zuge von Fixlein mit, die aber in der zweiten Auflage stehen, weil er mir sonst offend ich vorwirft, ich hatte mein Original mager portratiert. Er brachte alle meine
20 StraBenreden sogleich zu Pergament, weil er nichts behalten konnte; daher hatt' er einige hauptstarkende Krauter zu einer Krautermutze auf dem Rabensteine gesammelt. Fraischdorfer ge- stand mir, steckte einer seine Studierstube mit den Exzerpten und Btichern in Brand, so waren ihm auf einmal alle seine Kenntnisse und Meinungen geraubt, weil er beide in jenen aufbewahre; daher sei er auf der StraBe ordentlich unwissend und dumm, gleichsam nur ein schwacher SchattenriB und Nachstich seines eignen Ichs, ein Figurant und curator absentis desselben.
Oberhaupt ist der Tempel des deutschen Ruhms eine schone
3° Nachahmung des athenischen Tempels der Minerva, worin ein groBer Altar fur die Vergessenheit stand.1 Ja wie die Florentiner sich ihren Pandekten nur ehrerbietig in einem Staatkleide und mit Fackeln nahern, so nehmen wir aus derselben Ehrfurcht dieWerke unserer Dichter nur in Bratenrocken in Gesellschaft zur Hand und nahern solche selber den Kerzen und fachen damit das Feuer 1 Plutarch Sympos. 1. 9. qu. 6.
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in alien guten Kopfen aus - Meerschaum an. - Ich bin oft gefragt worden, woher es komme, daB der alternden Welt, in deren Ge- dachtnis sich doch die altesten Werke von tausend Messen her, die eines Plato, Cicero, sogar Sanchuniathons, erhalten, gleich- wohl die allerneuesten, z. B. die Ritterromane von den letz- ten Messen, kantianische, wolffianische, theologische Streit- schriften, Bunkels Leben, die besten Inauguraldisputationen und pieces du jour, Hirtenbriefe und gelehrte Zeitungen, oft in dem Monate entfallen, worin sie davon hort. Meine Antwort war gut und hiefi: da es wohl keine mystische Person von einem solchen i Alter gibt als die Welt, die ein wahrer alter eingerunzelter Kopf von Denner ist und die nun anfangt (wie es wohl kein Wunder ist), vor Marasmus schwach und fast kindisch zu werden : so ist sie naturlicherweise von dem Ubel alter Personen nicht frei, die alles, was sie in ihrer Jugend gehort und gelesen, trefFlich fest- halten, hingegen was sie in ihren alten Tagen erfahren, in einer Stunde vergessen. Daher denn unsere Bucher den Lumpen in der Papiermuhle gleichen, von denen sie genommen sind, unter wel- chen der Papiermiiller die frischen allzeit friiher zur Faulnis bringt als die alten. - i
Im Grunde hatt' ich das als einen abgesonderten Satz in der Vorrede zur zweiten Auflage aufstellen konnen.
t)ber Miinchberg erbosete sich der Kunstrat ungemein: ent- weder die Hauser oben auf dem Berge oder die unten sollten weg; er fragte mich, ob Gebaude etwas anders als architektonische Kunstwerke waren, die mehr zum Beschauen als zum Bewohnen gehorten und in die man nur miBbrauchsweise zoge, weil sie ge- rade wie Fldten und Kanonen hohl gebohret waren, wie die Bie- nen sich im hohlen Baum ansetzen, anstatt um dessen Bliiten zu spielen. Er zeigte das Lacherliche, sich in einem Kunstwerk ein- : zuquartieren, und sagte, es sei so viel, als wollte man Heems1 Gefafie zu Kasenapfen und Federtopfen verbrauchen, oder den Laokoon zum BaBgeigenfutteral und die mediceische Venus zur Haubenschachtel aushohlen. Er wunderte sich uberhaupt, wie der Konig Dorfer Ieiden konnte; und gestand frei, es mach' ihm als
1 Der beste Maler in Topf-Stucken.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 23
Artisten eben kein MiBvergnugen, wenn eine ganze Stadt in Rauch aufginge, weil er alsdann doch die Hoffnung einer neuen schonern fasse.
Er war nicht von mir wegzubringen : jetzt griff er, auBerhalb Miinchberg, statt der Miinchberger mich sejber an und staupte meine opera. Ach die Vorrede zur zweiten Auflage sowohl als das fliehende Vis-a-vis lieBen mich und meine Wunsche immer wei- ter hinter sich, und ich hatte von der ganzen Dame wie von einer gestorbnen nichts mehr im Auge als den fernen -nachfliegenden
10 Staub, den ich indes fur viel Marzenstaub und Punsch- und De- mantpulver nicht weggegeben hatte. Der Kunstrat und Fraisherr kielholte und sackte jetzt meinen Gevatter - Jean Paul, denn mich hielt er, wie gesagt, fur den Quintus - und verdacht* es jenem, daB er seinen biographischen Brei nicht wie Landleute recht glatt auftrage, und daB er sich uberhaupt nicht vor dem Spiegel der Kritik anputze. Ich nahm mich des gekrankten abwesenden Man- nes an und sagte, so viel ich aus seinem Munde wisse, so neb* er sich gerade auf den Schwungbrettern und an den Springstaben und Steigeisen der Kritik mehr als mit den Oberfiugeln seiner
20 Psyche auf, ja er habe kritische Briefe unter der Feder, worin er die Kritik auf Kosten der Kritiker preise und ube - eben diese kritische Manipulation schwelle seine Werke so sehr auf, wie die Nasen groBer und langer werden durch haufiges Schneuzen. - Und wahrhaftig so ist es : ich begreif ' es nicht, wie ein Mensch ein Werkchen schreiben kann, das kaum ein halbes Alphabet stark ist; ein Bogen in der Feme breitet sich ja notwendig in der Nahe zu einem Buche aus, und ein Buch zum Ries: ein opus, das, wenn ich es eben hinwerfe, gleich einem neugebornen Baren nicht groBer ist als eine Ratze, leek* ich mit der Zeit zu einem
30 breiten Landbaren auf. Der Kritiker sieht freilich nur, wie viel der Autor behalten hat, aber nicht, wie viel er weggeworfen; daher zu wunschen ware, die Autoren hingen ihren Werken hin- ten fur die Rezensenten die vollstandige Sammlung aller der elen- den dummen Gedanken an, die sie vornen ohne Schonen ausge- strichen, um so mehr, da sie es ja, wie z. B. Voltaire, bei der letz- ten Herausgabe ihrer opera wirklich tun und hinten fur feinere
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Leser einen Lumpenboden des Auskehrigs der ersten Editionen anstoBen und aufsparen, wie etwan einige preuBische Regimen ter den Pferdestaub zuriicklegen und vorratig halten mussen, zum Beweise, daB sie gestriegelt haben. -
Jetzt sauerte er aHmahlich aus Bieressig zu Weinessig: er sagte mir geradeheraus : »Sie wissen nicht, fiir wen Sie fechten : Ihr Herr Gevatter hat Dero Kniestiick selber zu einer Bambocchiade ge- macht und Sie nicht mit den intellektuellen Vorziigen ausge- steuert und ausgestellt, die Sie doch, wie ich jetzt hore, wirklich haben. Ich konnte auf dem Druckpapier wenigen Anteil an Ihro 10 Hochehrwiirden nehmen, erst auf der Chaussee.« Ich wiinschte, er zoge auch diesen zuriick, und flel absichtlich aus meinem Fix- leinischen Charakter heraus, indem ich pikiert sagte: »Wenn Le- ser, zumal Leserinnen meinen komischen Charakter oder uber- haupt einen unvollkommnen nicht goutieren, so erklaV ich mir es gut: sie haben keinen Geschmack an schreibenden Humoristen, geschweige an handelnden; auch wird es einer engen Phantasie schwerer, sich in unvollkommne Charaktere zu denken als in vollkommne und sich fiir sie zu interessieren - endlich hat der Leser einen Helden lieber, der ihm ahnlich ist, als einen unahn- 20 lichen ; unter einem ahnlichen meint er aber allzeit einen herrlichen Menschen.« — GewiB ! Denn wie Plutarch in seinen Biographien jeden groBen Mann gegen einen zweiten groBen wiegt und ver- gleicht, so halt der Leser jeden groBen Charakter einer Biogra- phie leise mit einem zweiten groBen zusammen (welches seiner ist) und gibt acht, was dabei herauskommt. Aus diesem Grunde schatzen Madchen eine vollkommene weibliche Schonheit und Grazie ungemein hoch in der Schilderei des Romans (so sehr ver- schonert der Dichter das Fatalste), und sehnen sich wenig da- nach in der Plastlk und Skulptur der Wirklichkeit - so wie haB- 30 Hche Dinge, Eidechsen und Furien, nur von der Malerei, aber nicht von der Bildhauerkunst gefallend darzustellen sind -; fiir das Madchen ist namlich der Roman ein treuer Spiegel, und es kann darin die Heldin sehen.
Der Kunstrat tat jetzt vor dem Dorf, »die drei Bratwiirste« ge- nannt, den Wunsch, Ziegenmilch darin zu tnnken. Ich fragte ihn,
GESCHICHTE MEINER VORREDE 25
ob ers wie die vornehmen Leute mache, die - weil Huart einen achttagigenTrank von Ziegenmilch als ein Hausmittel vorschlagt, ein Genie zu zeugen - sich eben deshalb zum GeiB-Kordial ent- schlieBen und dann sehen, wozu es fiihrt. DaB sie, wenigstens die Fiirsten, ihn nicht der Schwindsucht halber trinken, beweisen wohl die Versuche, die sie.nachher machen. Aber der Kunstrat wurde nur darum der Milchbruder Jupiters, weil die Parzen den Lebensfaden vollig von den Spindeln seiner Beine abgeweifet hatten : er stand gleichsam schon als ein ausgebalgter, gutgetrock- 10 neter, mit Ather gefullter Vogel im Naturalien-Glasschrank da. Er sagte, man miiBte entweder sich und die Bucher oder die Kin- der aufopfern, so wie der Landwirt, setzt' ich hinzu, eines von beiden schlecht annehmen muB, entweder den Leindotter oder den Flachs.
Wahrend der Milchkur wurden wir beide einander noch ver- haBter, als wirs schon waren, und das eingeschluckte Krotenlaich unserer Antipathie wurde durch die gelinde Warme der edeln Teile zu ordentlichen Kroten ausgebriitet. Ich wurde ihm gram, weil ich hier in den drei Bratwursten stehen muBte und allem An- 20 schein nach in Gefrees ankam, ohne irgend etwas Schones gesehen oder geschrieben zu haben (ich rede von dem Vis-a-vis und der Vorrede), und uberhaupt weil Fraischdorfer zugleich Mattgold, Katzengold und Platzgold war. Eine elendere Mixtur gibt es nicht. Zog er nicht sogar unter dem Kauen sich wie ein Dentist seine Schneidezahne aus, weil bloB die Hundidhne echt waren und genuin? Konnt* ich nicht, als er den Rock aufknopfte, deutlich sehen, daB der Bauch seiner Weste seiden und marmoriert, hin- gegen der Riicken derselben weiB und leinen war, als war' er ein Dachs, der, wie Buffon bemerkt, als Widerspiel aller Tiere lich- 30 tere Haare auf dem Riicken hat und die dunklern unter dem Bauch? - Und was seinen Zopf anlangt, so ist wohl gewiB, daB seiner nur an der Spitze eignes Haar aufzeigt und ubrigens lang und falsch ist, meiner aber klein und echt, gerade als hatte uns die NaturundLinnauswie zwei bekannte Tiere unterscheidenwollen.1
1 Ich equus cauda undique setosa - er equus cauda extremo setosa. Linn. Syst. Nat. CI. 1. Ord. 4.
7.6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Er fur seine Person setzte gleichfalls den Lavendelessig des In- grimms auf einer guten Essigmutter an und wollte mich damit wie einen Pestkranken besprengen: er bildete sich namlich ein, ich belog' ihn oder hatt' ihn zum Narren und ware gar der Quin- tus nicht, wofur ich mich gab, sondern etwan wohl mein Gevatter selber. Er schloB das aus meinem Scharfsinn. Um hinter mich zu kommen, so HeB er den Lumpenhacker seiner Miihle los und stieB damit unter alle meine Werke auf einmal. Ich werde sogleich seine eignen Worte hersetzen. Ich habe zwar oft den Himmel ge- beten, mir einen Hahn in die gelehrten Anzeigen zu schicken, der 10 krahete, wenn ich als literarischer Petrus falle, und der iiber den Fall mich zu Tranen brachte - oder doch einen bloBen Kapaun, der, wie aridere Kapaunen, meine Kiichlein aussaBe und herum- fiihrte; aber um diesen Greifgeier derselben hab' ich ihn nie er- sucht, und ich sen* es ein, ich wurde erhitzt. Er fing denn schon bei den drei Bratwiirsten an und hielt damit aus bis nach Gefrees - wo- bei er doch mich immer Se. Hochehrwurden und Jean Paul meinen Herrn Gevatter hieB — und behauptete: »es gebe weiter keine schone Form als die griechische, die man durch Verzicht auf die Materie am leichtesten erreiche— . * (Daherbewegt man sich jetzt 20 nach der griechischen Choreographie am besten, wenn man das wissenschaftliche Gepack der spatern Jahrhunderte abwirft und sich es sozusagen leicht macht.) - Auf den Kubikinhalt komm' es der Form so wenig an, daB sie kaum einen brauche, wie denn schon der reine Wille eine Form ohne alle Materie sei (und sozu- sagen im Wollen des Wollens besteht, so wie der unreine im Wol- len des Nichtwollens, so daB die asthetische und die moralische Form sich zu ihrer Materie verhalt wie die geometrische Flache zu jeder gegebenen wirklichen). — Daher lasse sich der Ausspruch Schlegels erklaren, daB, so wie es ein reines Denken ohne alien 30 Stoffgebe (dergleichen ist volliger Unsinn), es auch vortrerTliche poetische Darstellungen ohne StofT geben konne (die sozusagen bloB sich selber tauschend darstellen). - Oberhaupt miisse man aus der Form immer mehr alle Fiille auskernen und ausspelzen, wenn anders ein Kunstwerk jene Vollkommenheit erreichen solle,
1 Alle Parenthesen sind meine Zusatze und erlautern den Kunstrat.
GESCHICHTE MEINEK VORREDE TJ
die Schiller fordere, daB es namlich den Menschen zum Spiele und zum Ernste gleich frei und tauglich nachlasse (welchen hohen Grad die erhabenen Gattungen der Dichtung z. B. die Epopoe, die Ode, wegen der Einrichtung der menschlichen Natur unmog- lich anders ersteigen als entweder durch einen unbedeutenden leeren Stoff oder durch die leere unbedeutende Behandlung eines wichtigen. Da aber gerade diese nur bei platten Kunstwerken anzutreffen ist: so haben die schlechten demnach mit den voll- kommensten das Unterscheidungzeichen von mittelmaBigen ge-
io mein1). - Vollends Humor, dieser sei ebenso verwerflich als un- genieBbar, da er bei keinem Alten eigentlich anzutreffen sei« . . . Fraischdorfer soil sogleich fortfahren, wenn ich nur dieses ein- geschoben habe : ich werde einmal in einem kritischen Werkchen geschickt dartun, daB alle deutsche Kunstrichter (den neuesten ausgenommen) den Humor nicht bloB jammerlich zergliedern, sondern auch (was ich nicht vermutet hatte, da das Vergniigen an der Schonheit durch die Unwissenheit in ihrer Anatomie so- sehr gewinnt) noch erbarmlicher genieBen, wiewohl sie als Rich- ter in der Finsternis den Areopagiten gleichen, denen verboten
20 war, uber einen SpaB zu lachen (Aschin. in Timarch.) oder einen zu schreiben (Plut. de glor. Athen.) - ferner daB die krumme Linie des Humors zwar schwerer zu rektifizieren sei, daB er aber nichts Regelloses und Willkurliches vornehme, weil er sonst nie- mand ergotzen konnte als seinen Inhaber - daB er mit dem Tra- gischen die Form und die Kunstgriffe, obwohl nicht die Materie teile - daB der Humor (namlich der asthetische, der vom prak- tischen so verschieden und zertrennlich ist wie jede Darstellung von ihrer dargestellten oder darstellenden Empfindung) nur die Frucht einer langen Vernunft-Kultur sei und daB er mit dem Alter
30 der Welt so wie mit dem Alter eines Individuums wachsen musse.
Fraischdorfer fuhr fort: »halte man an diesen Probierstein die
Werke meines Herrn Gevatters, in denen fast nur auf Materie
1 Den Mangel an Wirkung teilen die niedrigsten Kunstwerke mit den vollkommensten, so wie die Unempfindlichkeit nach Montaigne oder die Unwissenheit nach Pascal gerade an zweierlei Menschen ist, an den niedrig- sten und an den edelsteny angeboren bei jenen, miihsam erworben bei diesen.
28 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
gesehen werde: so begreife man nicht, wie der Rezensent der Literaturzeitung ihn noch dazu wegen der Wahl solcher zwei- deutiger Materien wie z. B. Gottheit, Unsterblichkeit der Seele, Verachtung des Lebens usw. preisen konnen.«
- Bei diesen Worten wanderten wir gerade in Gefrees ein, und ich sah die mir halb bekannte Dame wie eine Netzmelone sich wieder in ihren Schleier wickeln und abfahren : hatte also der Un- gliickvogel, der Kunstrat, nicht seinen GeiB-Scherbet in den drei Bratwursten eingenommen, so wtird' ich das Gliick errungen ha- ben, sie gerade bei Herrn Lochmuller zu ertappen, als sie dem 10 Kutscher und den Pferden etwas geben lieB. So aber hatt* ich nichts. Ich fuhr entsetzlich auf in meinem Herzen und tat inner- lich folgenden Ausfall gegen den Kunstrat: »Du elende frostige Lothssalzsaule ! Du ausgehohlter Hohlbohrer voller Herzen ! Aus- geblasenes Lerchen-Ei, aus dem nie das Schicksal ein vollschla- gendes, auffliegendes, freudentrunknes Herz ausbriiten kann! Sage, was du willst, denn ich schreibe, was ich will. - Du sollst weder meine ReiBfeder noch mein Auge von dem Eisgebirge der Ewigkeit abwenden, an dem die Flammen der verhiillten Sonne spielen, noch vom Nebelstern der zweiten Welt, die so weit zu- 20 riickliegt und nur die Parallaxe einer Sekunde hat, und yon allem, was die fliegende Hitze des fliegenden Lebens mildert und was den in der Puppe zusammengekrummten Fliigel ofFnet und was uns warmt und tragt!« -
Da jetzt gar der griechenzende Formschneider den schonen Tag und die blaue Glasglocke der atherischen Halbkugel lobpries und sagte: er rede hier nicht als Maler, weil dieser nicht gern unbe- wolkte Himmel male, sondern als Poet, dem schone Tage sehr zustatten kommen in seinen Versen : so bracht* ich mich mit FleiB immer mehr in Harnisch gegen ihn, besonders da nach Platner 3° Ingrimm dem Unterleibe augenscheinlich zupasse kommt - daher sollten Gelehrte, die immer auf den elendesten Unterleibern woh- nen, einander wechselseitig auf antikritischen Intelligenzblattern noch starker erbittern -; und ich bewegte ohne Bedenken die Lip- pen und lieB ihn etwas hart mit folgenden leisen Invektiven an, die ich, wiewohl innerlich, heraussagte: »Der formlose Former
GESCHICHTE MEINER VORREDE 29
vor mir achtet am ganzen Universum nichts, als dafi es ihm sitzen kann - er wtirde wie Parrhasius und jener Italiener Menschen fol- tern, um nach den Studien und Vorrissen ihres Schmerzes einen Prometheus und eine Kreuzigung zu malen - der Tod einesSohn- chens ist ihm nicht unerwiinscht, weil die Asche des Kleinen in der Rolle einer Elektra einem Polus weiter hilft als drei Komodien- proben - das unzahlige Landvolk ist doch von einigem Nutzen in landlichen Gedichten und selber in komischen Opern, wie die Schafereien genug abwerfen fur Idyllenmacher - der Eustathius 10 Nero illustriert mit dem flammenden Rom schone homerische Schildereien, und der General Orlow hilft den Bataillen- und See- malern mit den notigen Akademien aus, mit Schlachtfeldern und aufgesprengten SchifTen.« -
Das hole der Teufel.
Laut indessen sagt' ich aus Verachtung wenig mehr zum Kunst- rat. Ich eilte Berneck zu, wo die fliegende Bienenkonigin im Vis-a- vis wenigstens vorder Suppenschiissel halten muBte, Ich wiinschte von Herzen, ein oder zwei Wagenrader fingen an zu rauchen und sie mtiBte halten, um schwarze Waldschnecken einzufangen
20 und damit in Ermangelung alles Teers die Nabe einzuolen. Mein kunftiger Rezensent wurde sehr matt und hungrig und wo lite, da es ihm mehr an Gelenkschmiere als an Magensaft fehlt, die peri pate tischen Bewegungen mit peristaltischen vertauschen ; aber ich war nicht still zu halten, und er folgte mit seinem Hunger hin- tennach : »Sein Sie froh,« sagt* ich, »daB Sie jetzt zwei Zustande, die der Maler und der Dichter schwer oder gar nicht aus sich mitzuteilen wissen, lebendig fuhlen - Hunger und Miidigkeit. - Sooft ich einen Bauermann mit einem ganzen Hemde sehe (dort felget einer), so ist er mir ein Anstofi ; ich berechne, wie lang es
30 noch dauert, bis das Hemd unter den Hadernschneider taugt und zu Konzeptpapier, an das ein Gelehrter den Laich seiner Ideen streicht.« Da er meine Satire verstand, so ging sie gar nicht auf ihn: denn Satiren und Todesanzeichen gehen nur auf den, der nichts von beiden innen wird.
30 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Meine Gleichgultigkeit gegen den Kunstrat setzte mich in den Stand, vor ihm herzugehen und auBer der Reise die Vorrede zur zweiten Aufjage in meiner Schreibtafel fortzusetzen und einzu- schreiben.
Fortgeset^te Vorrede ^ur iweiten Auf [age1
»Und allerdings hat Kant das seltne Gliick, auf einer Biihne zu agieren, der es nicht an einer Einfassung und Mauer von Kopfen fehlt, aus denen seine Laute heller und resonierend zuriickschla- gen, so wie die Alten in ihre Theater leere Topfe versteckten, die der Stimme der Schauspieler rait Resonanzen nachhalfen.2 Ein 10 Autor, der Gedanken hat, verfalschet haufig damit fremde, die er verbreiten soil, und gesetzt, er schwiire, wie in den altern Zeiten die Biicherabschreiber wirklich schworen muBten, rein und red- lich abzuschreiben: so wiirde er doch immer sehr vom leeren Kopfe verschieden bleiben, dessen obere toricellische Leere wie in der Physik der beste Leker der Funken ist. — Hingegen im System selbst muB man die Liicken, worin keine.Wahrheiten sind, durch die Gewander derselben, durch lange neue Termen, ab- wenden, wie denkende Maler durch Draperie ihren leeren Raum. -
Etwas anders ist es mit der Moral, worin wie in der Medizin 20 der Theorist sich ganz vom Empiriker trennt. Wie in dem alten Theater der eine Akteur den Gesang hatte und der andere die kor- perliche Aktion dazu machte und wie die Kunst eben durch diese Teilung hoher stieg, so kann es in der schweren Kunst der Tu- gend nicht eher zu etwas getrieben werden, als bis (wie jetzt hau- figer geschieht) die Theorie und die Praxis gesondert werden, und der eine sich auf das Reden iiber die Tugend einschrankt, indes der andere die dazu gehorigen Hqndlungen versucht.« Die Fortsetzung der Vorrede folgt.
Denn nun sanken wir in das griinende Tempe von Berneck 30 hinein, und ich sperrte die Schreibtafel zu : sonst hatt* ich ohne
1 Man schiage allemal zur fruhern Fortsetzung zuriick, um den Zusarn- menhang zu nnden.
2 Winkelmarins Anmerk. iiber d. Baukunst. K. 1. S. 10.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 31
Grobheit weiter darin schreiben konnen, weil es ja so viel war, als sprach' ich mit dem Kunstrat selber, da ich ihn darin meinte.
Der Kron-, der Elias- und der Sonnenwagen hielt vor der Post, und die Direktrice meines Wegs stieg heraus. Ich sprang an - wer hatt' es gedacht (ich wohl am wenigsten), daB es nichts ge- ringers war als eine Primadonna, die schon einmal in einer von meinen Vorreden1 agierend aufgetreten war, namlich die gute,die Hebe, bekannte - Pauline, des sel. Hauptmanns und Kaufherrns Oehrmann nachgelassene Tochter.
10 Ich ward ordentlich ein Kind vor Freuden, wie alle Bernecker wissen. »Herr Jean Paul, wie kommen wir da zusammen ?« sagte die MiB, deren Angesicht jetzt im Brautstand ein hoheres Rot als im Laden hatte, gleichsam die rote Soldatenbinde des nahen Ehedienstes, die Band- und Vorsteckrose auf dem ehelichen Bande. Fraischdorfer sott sich gleichfalls rot zu einem warmen Krebs: er horte nun, ich sei wirklich der Autor selber, den er auf dem StraBendamm rezensiert hatte, Er sagte, es sei nur ein Gliick fur die Kunst, daB ich bloB in der Wirklichkeit, und in keinem Druck gelogen hatte, wo mehr daran gelegen ware, den Charakter des
20 wahrhaften Mannes durchzusetzen und zu halten. In drei Terzien war er weg wie Mai-Schnee. Er wird mirs aber gedenken und sich wenigstens in den Busch und Jagerschirm der allgemeinen deut- schen Bibliothek stellen und daraus mit Windbiichsen nach sei- nem Reisegefahrten schieBen. Ich hielt es daher fur no tig, dem Publikum schon vorher davon Nachricht zu geben : es ist nun auf jeden Pfeil seiner Armbrust (wie nach Montesquieu die Tatarn tun muBten) der Name geschrieben, der Schutze heiBet Fraisch- dorfer. Es ist im ganzen ein Mann von Betracht und gut genug, er besieht die bambergischen Kriegstroublen und macht sich, wie
30 ich an seinen Fingern2 sah, seine notigen deutlichen Begriffe und noch spitzige Einfalle dabei, und wir schatzen einander. - Ich will einen davon hereinsetzen, der zugleich ein Beweis sein mag, wie gern ich seinen Lorbeer aussae : »Die Feile,« sagte der lose Kunst-
1 in der zum Siebenkas.
8 Nach Buffon geben die zerteilten Zehen uns deutliche Begriffe, und da- her ist der ungegliederte Fisch so dumm.
32 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
rat, »welche die Autoren ihren Werken zu geben unterlassen, brauchen ihre Verleger fleiBig an den Goldstiicken, die sie ihnen dafur zahlen.« Recht gut turniert! -
Ich dmierte froh mit der Jungfer Braut, deren kiinftiger Ehe- mann und Ehe-Peischwa oder Ehe-Bey und maitre des plaisirs niemand wird als der uns alien recht gut bekannte Herr Gericht- halter Weyerman.1 Ich lass* es zu, ich suchte die Braut mehr, als daB ich sie floh, und glich mehr dem weisen Ulysses, der sich mit ofThen Ohren an den Mastbaum schniiren lieB und sie dem Sire- nengesange gelassen schenkte, als seinen Begleitern, die ihre mit 10 Wachs wie hohle Stockzahne plombierten. Aber sie war auch das leuchtende Christuskind, das die fatale Correggios-Nacht, die der Kunstrat in mein Herz gemalet hatte, mit dem schonsten Wider- schein versilberte : sie war doch unschuldig und gut und weich und ohne die poetischen Harten der Empfindelei, und die vielen scharfen zweischneidigen Leiden bei ihrem Vater hatten ihrem Herzen mehr gegeben als ihrem Kopfe genommen; sie duftete gleich dem Rosenholz auf der scharfen Drechselbank des Un- glxicks so suB wie Rosen selber. Ihr knausernder Vater hatt* ihr freilich nur die Vorgrunds-Kultur, die auBere oder korperliche, 20 namlich vornehme Kleidung, aber nicht vornehme Bildung ver- stattet (die gute Gerichthalter abends gratis in biographischen Berichten anboten), und sie glich den meisten Madchen um mich her, an denen wie in Wien die Vorstadte modern sind, die innere Stadt selber aber mit alien ihren Vierteln verdammt altvaterisch. Indes hatten ich und sie doch wie alle Freunde - und wie alle zu- sammengewachsene Menschen nach Haller - nur ein Herz, ob- wohl zwei Kopfe. Das tut denn vieles.
Wir fuhren spat ab, und ich saB ihr im Vis-a-vis - vis-a-vis. Hinter unsern griinen Bergen lag die Wuste der Kinder Israel und 30 vor uns das gelobte Land der sanften Baireuther Ebene. Ich und die Sonne sahen Paulinen immerfort ins Angesicht und mit glei- cher Warme, und mich riihrte endlich die kleine stille Gestalt. Woher kam das? Nicht bloB daher, weil ich iiber das gewohn- liche herrnhutische Ehe-Loseziehen der Madchen nachsann, die
1 Siebenkas, Tl. 1.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 33
in gewissen Jahren groBere Gefiihle als Kenntnisse und im leeren Herzen ein anonymes Opfer-Feuer ohne Gegenstand haben - wie im jungfraulichen Tempel der Vesta kein Gotterbild, sondern nur Feuer war - und die dann an die erste beste Erscheinung von Maschinengott ihren Altar hinschieben; - auch nicht davon bloB kam meine Riihrung, daB sie nun, wie ihre meisten Schwestern, gleich weichen Beeren, von der harten Manneshand zugleich ab- gerissen und zerdrucket werde; - oder daB ihr weiblicher Friih- ling so viele Wolken und so wenige Tage und Blumen hatte und
10 daB ich sie wie mehre Braute mit dem schlafenden Kinde verglkh, das Garofalo mit einem Engel, der eine Dornenkrone daruber- halt, gemalet, auf das aber, wenn es die Ehe weckt, der Engel die Krone herunterdriickt: - Sondern das machte meine Seele weich, daB ich, sooft ich dieses freundlkhe rot- und weiBbluhende zu- friedene Gesicht ansah, es gleichsam innerlich anreden muBte: »0 sei nicht so frohlich, armes Opferl Du weiBt nicht, daB dein scho- nes Herz etwas Besseres und Warmeres braucht als Blut und dein Kopf hohere Traume, als die das Kopfkissen beschert - daB die duftenden Blumenblatter deiner Jugend sich nun zu geruchlosen
20 Kelchbldttern1 zusammenziehen, zum HoniggefaBe fur den Mann, der jetzt bald von dir weder ein weiches Herz noch einen lichten Kopf, sondern nur rohe Arbeitiinger, LauferfiiBe, SchweiBtrop- fen, wunde Arme und bloB eine ruhende paralytische Zunge for- dern wird. Dieses ganze weite Sprachgewolbe des Ewigen, die blaue Rotunda des Universums verschrumpft zu deinem Wirt- schaftgebaude, zur Speck- und Holzkammer und zum Spinnhaus, und an glucklichern Tagen zur Visitenstube - die Sonne wird fur dich ein herunterhangender ■ Ballonofen und Stubenheizer der Welt, und der Mond eine Schusters-Nachtkugel auf dem Licht-
30 halter einer Wolke - der Rhein trocknet in dir zur Schwemme und zum Schwenkkessel deines WeiBzeugs ein und der Ozean zum Herings-Teich - du haltst in der groBen Lese-Gesellschaft aller Zeitschriften den jahrlichen Kalender mit und kannsrwegen deines kosmologischen Nexus kaum vor Neugier die politische Zeitung erwarten, um in ihrem angebognen Intelligenzblatt den 1 Wie verschiedene Blumen tun, z. B. die Ahrennelke.
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Torzettel unbekannter Herren nachzulesen, die in den drei Periik- ken logieret haben, und ein Universalgenie stellest du dir um nicht
viel, aber um etwas gescheuter vor als deinen Eheherrn. Du
bist zu etwas Besserem geschafFen, aber du wirst es nicht werden (wofur dein armer Weyermann nichts kann, dem es der Staat selber nicht besser macht). Und so wird der Tod deine von den Jahren entblatterte Seele voll eingedorrter Knospen antreffen, und er erst wird sie unter einen gunstigern Himmelstrich verpflanzen.u1 — Warum sollte mich das nicht betriiben? Sen* ichs nicht jede Woche, wie man Seelen opfert, sobald sie nur einen weiblichen 10 Korper umhaben ? Wenn dann nun die reichste beste Seele unter der Morgenrote des Lebens mit dem unerwiderten Herzen, mit versagten Wiinschen, mit den ungesattigten verschmahten An- lagen eingesenket wird ins ubermauerte Burgverlies der Ehe - wobei sie freilich besonders von Gliick zu sagen hat, wenn das Verlies keine tausendschneidige Oubliette oderwenn gar derMann ein sanfter Kanker ist, den die Bastille-Gefangne zahmen kann -: so fuhlt sich die Arme ungemein wohl dabei - die goldnen Luft- und Zauberschlosser der fruhern Jahre erblassen bald und zer- fallen unvermerkt - ihre Sonne schleicht ungesehen uber ihren 20 bewolkten und unterirdischen Lebenstag von einem Grade zum andern, und unter Schmerzen und Pflichten kommt die Dunkle an dem Abend ihres kleinen Daseins an - und sie hat es nie erfah- ren, wessen sie wiirdig war, und im Alter hat sie alles vergessen, was sie sonst in der Morgenrote etwan haben wollte: nur zuwei- len in einer Stunde, wo ein ausgegrabenes altes Gotterbild eines sonst angebeteten Herzens oder eine wehmutige Musik oder ein Buch auf den Winterschlaf des Herzens einigen warmen Sonnen- schein werfen, da regt sie sich und blickt beklommen und schlaf-
1 Unter der Bildung, die man den Tochtern »burgerlicher Herkunft« so 30 grausam entzieht und bei der Hermes und Campe nicht einsehen, wie sie nachher noch die Heloten fur uns Sparter bleiben konnen, versteh* ich nicht elende franzosische oder musikalische Klimperei, sondern alles, was aus der Naturgeschichte, Physik, Philosophic, Geschichte, aus den schonen Kiin- sten und Wissenschaften und aus der Sternkunde fur den ewigen Menschen und nicht fur den Virtuosen gehdrt. Ich lasse uber diese Materie ein Werk aus meiner Feder hoffen.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 35
" trunken umher und sagt: »Sonst war es ja anders um mich her - es ist aber wohl schon lange, und ich glaub* auch, ich habe mich damals geirrt.« Und dann schlaft sie ruhig wieder ein. . . .
Wahrlich, ihr Eltern und Manner, ich stelle dieses qualende Ge- malde nicht auf, damit es der wunden Seele, der es gleicht, eine Trane mehr abpresse, sondern euch zeig' ich die gemalten Wun- den, damit ihr die wahren heilt und euere Marterinstrumente weg- werft.
Wie mir jetzt ist, und aus demselben Grunde, so war mir auch
10 im Vis-a-vis - die hinabziehende Sonne und die s&hone geduldige Gestalt vor mir und am meisten meine vorigen Dissonanzen, mit denen ich mich vor dem Kunstrat horen lassen, loseten mich und sich in diesen Mollton auf. Kurz nach der Lykanthropie1 ist man ein wahres Gottes-Lamm; nach einer Siinde (sagt Lavater) ist man am frommsten; - daher solche Heiligen, denen um eine aus- gezeichnete Frommigkeit in jenem Leben zu tun ist, sich auf rechte Siinden in diesem legen. Ich schlug vor der Braut ganz in Zitro- nenbliiten der Dichtkunst aus - so wie ich vorher eine Salzsaule aus satirischem Zitronensalz gewesen war, welches beilaufig ein
20 neuerBeweis ist, daB Rezensenten nie ihren Namen sagen undnie anders als im Dunkeln hantieren sollten, weil man sonst keinen Respekt fur sie zeigt, so wie auch Minervens Wappentier, die Nachteule, in der Nacht ohne Schande wiirgt und fliegt, am Tage aber als ein seltsamer narrischer Abortus der Natur unter das zu- fliegende neckende Gevogel einriickt. Um wieder zuriickzukom- men : der Mensch auf seiner Reise zum uberirdischen Paradies und ich auf meiner ins baireuthische und die Menschheit auf ihrer langen zum Jiingsten Tage werden wie die braunschweigische Mumme unter dem Verfahren mehr als einmal sauer; aber herr-
30 lich und suB kommen wir alle und die Mumme an: ich meine, ich erzahlte schon nach einer halben Stunde hinter Berneck Paulinen das MuBteil im Quintus Fixlein.
Mir war, als ob es gar keine Vorberichte zu zweiten Auflagen
mehr gabe in der Welt Ach du weiche Braut ! ich wollte dich
sehr riihren durch Erzahlen, aber du riihrtest mich noch mehr 1 Lykanthropen sind Menschen, die sich in Wolfe umzaubern.
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durch Zuhoren. Es muB iiberhaupt noch mehre Paulinen und Jean Pauls in Deutschland geben: sonst ware gegenwartige zweite Auf- lage gar nicht zu machen gewesen, wofur ich bei dieser Gelegen- heit meihen warmsten Dank abstatte - aber gar nicht den pauli- nischen Lesern, denn meinetwegen haben sie nichts getan, und ich hatte wenig davon, vielmehr war ich, indem sie alle vor mir meine Sachen auf dem SchoBe hatten und lasen, der einzige, der nichts darauf hatte, wie in Nordamerika unter den Gasten eines Schmauses bloB der Gastgeber keinen Bissen anruhrt, - sondern ich statte den besagten Dank dem Schicksal ab, und zwar dafur, 10 daB es die Menschen nicht einander gleich gemacht (sonst stiirben wir alle vor Langweile) noch undhnlick (sonst konnte keiner den andern ertragen und fassen), sondern recht d/inlich, so daB ich gleichsam fur den einen runden Stock der spartischen Skytale zu nehmen bin, um den der groBe Genius beschriebene Blatter wik- kelt, und der Leser fiir den zweiten, an dem die Blatter, weil er ebenso gehobelt ist, geradeso aufzuwickeln und abzulesen sind wie an mir selber.
Ich war jetzt, da ich und die Braut eben nicht so gar weit gen Bindloch hatten, wo ich absteigen wollte, weil ichs fur unschick- 20 lich hielt, mit der Verlobten starr und aufrecht unter das Baireu- ther Tor zu fahren und noch obendrein mich als einpassierend in das Intelligenzblatt gedruckt niederzulassen, ich war jetzt, sag* ich, eben deswegen viel zu betrubt, besonders vor dem wehenden Rauschgolde des Abends und unter den Abendliedern der freien Volieren uber mir und so nahe am Verlust der weinenden Braut, zu betrubt, sagt* ich, um bis Bindloch etwan den Quintus Fixlein nach der ersten oder zweiten Auf lage zu referieren : ich konnte unmoglich.
Ich holte aber meine Schreibtafel heraus und setzte etwas auf. 3° Man sehe etwan keiner fortgesetzten Vorrede zur zweiten Auf lage entgegen : »Ich beschaftige mich hier mit einer Grabschrift, Gute !« sagt' ich zu ihr. Sie hatte von ihrem sel. Vater und dessen mann- lichen Gasten Langweile und Vernachlassigung schon gewohnt: also vergab sie leicht mein Schreiben; allein es war ja eben etwas Riihrendes fur sie, und ich wollt' ihrs in Bindloch vorlesen. Auch
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dem Leser wird die Grabschrift am Schlusse dieser Geschichte, urn ihn fur den entzognen, nun unmoglichen Schlufi der Vorrede zu entschadigen, mit geringen und passenden Anderungen zuge- wandt. Ich schrieb und schrieb, und meine Augen wurden dunkel, weil ich die tiefe Sonne auf dem Riicken und iiberhaupt weniger Licht als Wasser in den Augen hatte. Du gute Seele! du wuBtest nicht, warum meine tropften, und doch gingen dir auch deine iiber! - Als wir den ausgestreckten Bindlocher Berg hinunter- fuhren : nahm die Vertiefung uns die vor Freude wallende Sonne;
10 aberwie beieinerVersteigerung in Bremen oderLauenburgwurde uns durch das Ausloschen des Lichts gleichsam der ganze von Silber-Sonnen starrende Nachthimmel zugeschlagen mit dem Auktion- und Glockenhammer von 7 Uhr.
Die Welt ruhte - auf dem Berg sproBte der Mond wie eine geschlossene Lilienglocke heraus - mein, Aufsatz war fertig - wir waren den schnellen Berg herab - und ich sagte zur Braut, ich sprange herab und wiird' ihr drauBen etwas vorlesen, wenn sie mit abstiege, weil ich drinnen erst das WagengeroIIe iiberschreien muBte.
20 Wir stiegen beide unten aus unweit einer alten Saule, vor der ich nie ohne einen Seufzer iiber den -rauhen Druck, womit die harten Riesenhande des Schicksals uns weiche Raupen und Gul- liver ergreifen und tragen, vorbeigegangen bin ; diese Riesenhande schienen heute die Saule wie eine Hermes- und Gedachtnissaule hingestellt zu haben fur das schwache Gedachtnis des Menschen- herzens. Pauline wufite von nichts; aber ich.fuhrte sie an den un- scheinbaren Pilaster und erklarte ihr - indem ich ihrs vorher zeigte -, was die verwitterte briichige weibliche Gestalt, iiber die ein Wagen geht, auf der elenden erhobenen Arbeit des Pilasters
30 bedeute. Die umliegenden Dorfschaften berichten namlich, daB einmal eine Braut, die auf dem Kammerwagen von dem sonst steilern Bindlocher Berg den Armen ihres Brautigams unter einem Gewitter mit scheugewordenen Pferden entgegenfuhr, unter die Rader gestiirzt und vor seinen gemarterten Augen den getausch- ten hoffenden Geist aufgegeben habe. Pauline konnte schwerlich, zumal da der Mond hinter dem Abendrauche dammerte, die ver-
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waschene Skulptur dieses veralteten Jammers mehr lesen; aber ihr getroffnes weiches Herz goB, besonders so nahe an der ahn- lichen Lage, gern das Abendopfer einer fortrinnenden Trane uber die unbekannte zerstorte Schwester nieder, deren gebrochenes Gebein nun schon als Staub - vielleicht aus dem Staubbeutel einer Blume- umhenrret, indes der Geist, der es sonst bewegte, auf der ewigen BergstraBe durch die Zeit den auffliegenden Staub, den er einmal machte und zuriicklieB, kaum mehr, wenn er sich umsieht, wird bemerken konnen. Und hier neben der Siegessaule der Mar- ter und unter dem groBen Himmel der Nacht gab ich Paulinen die 10 kleine Dichtung, die ich hier den Herzen aller ihrer Schwestern bringe.
Die Mondfinsternis
Auf den Lilienfluren des Mondes wohnet die Mutter der Men- schen mit alien ihren zahllosen Tochtern in stiller ewiger Liebe. Das Himmelblau, das nur fern uber der Erde flatten, ruht dort hereinge sunken auf dem Auenschnee aus Blumenstaub - keine frostige Wolke tragt einen verkleinerten Abend durch den klaren Ather - kein HaB zerfrisset die milden Seelen - wie sich die Re- genbogen eines Wasserfalls durchschlingen, so windet die Liebe 20 und die Ruhe alle Umarmungen in eine zusammen - und wenn in ihrer stillen Nacht die Erde ausgebreitet und glanzend unter den Sternen hangt, so blicken die Seelen, die auf ihr gelitten und genossen haben, nur mit siiBefn Sehnen und Erinnern auf die ver- Iassene Insel hin, wo noch Geliebte wohnen und die weggelegten Korper ruhen, und wenn dann die einschlafernde schwere Erde blendend naher an die zusinkenden Augen tritt, so ziehen die vorigen Friihlinge der Erde in glanzenden Traumen voriiber, und wenn das Auge erwacht, hangt es voll Morgentau der Freu-* den-Tranen. 30
Aber dann, wenn der Schattenzeiger der Ewigkeit auf einneues Jahrhundert zeigt, dann schlagt der Blitz eines heiBen Schmerzes durch die Brust der Mutter der Menschen: denn die geliebten Tochter, die noch nicht auf der Erde waren, ziehen aus demMond in ihre Korper, sobald die Erde sie mit ihrem kalten Erdschatten
GESCHICHTE MEINER VORREDE 39
beriihrt und betaubt, und die Mutter der Menschen sieht sie wei- nend gehen, weil nicht alle, nur die unbefleckten zu ihr aus der Erde wiederkehren in den reinen Mond. So nimmt ein Jahrhun- dert um das andere der verarmenden Mutter die Kinder, und sie zittert, wenn sie am Tage unsere raubende Kugel als eine breite feste Wolke nahe an der Sonne erblickt.
Der Zeiger der Ewigkeit nahete dem achtzehnten Jahrhundert - und die Erde voll Nacht zog gegen die Sonne - die Mutter driickte schon heiB und beklommen alle Tochter ans He.rz, die
io noch nicht den Flor des Korpers getragen hatten, und flehte wei- nend : »0 sinket nicht, ihr Teuern, bleibet engelrein und kehret wieder!«- Jetzt stand der Riesen-Schatte am Jahrhundert und die dunkle Erde uber der ganzen Sonne - ein Donner schlug die Stunde — am flnstern Himmel hing ein durchgluhtes Kometen- schwert herab - die MilchstraBe wurde erschiittert, und eine Srim- me rief aus ihr: »Erscheine, Versucher der Menschen !«
Jedem Jahrhundert sendet der Unendliche einen bosen Genius zu, der es versuche. - Fern vom kleinen Auge steht der gestirnte, die Ewigkeiten umziehende Plan des Unendlichen im Himmel als
20 ein unauflosllcher Nebelfleck.1
Als der Versucher gerufen wurde, bebte die Mutter mit alien ihren Kindern, und die weichen Seelen weinten alle, auch die ver- klarten, die hienieden schon gewesen waren. Nun baumte sich ungeheuer mit dem Erdschatten eine Riesenschlange auf der Erde auf und reichte an den Mond und sagte:»Ich will euch verfuhren.« Es war der bose Genius des achtzehnten Jahrhunderts. DieLilien- glocken des Mondes biickten sich welk und zusammenfallend - das Kometenschwert schwankte hin und her, wie ein Richtschwert sich selber bewegt, zum Zeichen, daB es richten werde - die
30 Schlange bog sich mit spielenden seelenmorderischen Augen, mit blutrotem Kamm, mit beleckten durchbissenen Lippen und mit geziickterZunge ins sanfteEden herein, derSchweif zuckte hung- rig und schadenfroh in einem Grabe der Erde, und eine Erd-
1 Ein unaufloslicher Nebelfleck ist ein ganzer in unendliche Fernen zu- riickgeworfener Sternenhimmel, worin alle Glaser die Sonnen nicht mehr zeigen.
4<D LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
erschutterung auf unserer Kugel wirbelte die laufenden Ringe und die bunten giftigen Safte wie ein fliissiges schillerndes Gewitter herauf. O, es war der schwarze Genius, der langst die jammernde Mutter verfuhret hatte. Sie konnte ihn nicht anschauen; aber die Schlange fing an : »Kennst du die Schlange nicht, Eva? - Ich will deine Tochter verfuhren, deine weiBen Schmetterlinge will ich auf dem Morast versammeln. Sehet, Schwestern, damitkoder' ich euch alle.« - (Und hier spiegelten die Vipernaugen mannliche Ge- stalten nach, die bunten Ringe Eheringe und die gelben Schuppen Goldstucke.) »Und dafur nehm' ich euch den Mond und die Tu- 10 gend ab. In der Schlinge von seidnen Bandern und im Spiegel- garn von Stoffen fang' ich euch; mit meiner roten Krone lock' ich euch, und ihr wollt sie tragen; in euerer Brust fang* ich an zu reden und euch zu loben, und dann kriech' ich in eine mannliche Kehle und fahre fort und bestatige es, und in euere Zunge schieb' ich meine und mache sie scharf und giftig. — Erst wenn es euch iibel geht oder kurz vor dem Tode tu* ich den unnutzen Gewis-
sensbiB recht scharf und warm ins Herz. Nimm ewigen Ab-
schied, Eva; was ich ihnen hier sage, das vergessen sie zum Gluck, ehe sie geboren werden.« — 20
Die ungebornen Seelen verbargen sich zitternd ineinander vor dem so nahen kalten dampfenden Giftbaum, und die Seelen, die rein wie Blumendiifte wieder aus der Erde aufgestiegen waren, umfasseten sich weinend in furchtsamer Freude, in siiBem Zittern vor einer uberwundenen Vergangenheit. Die geliebteste Tochter, Maria, und die Mutter aller Menschen hielten einander an ihrem Herzen, und sie knieten in der Umarmung nieder und hoben die betenden Augen auf, und die Tranen, die aus ihnen rannen, fleh- ten: »0, Alliebender, nimm dich ihrer an!« - Und siehe, als das Ungeheuer die diinne lange, wie eine Hummerschere gespaltene 30 Zunge iiber den Mond hinschoB und die Lilien entzweischnitt und, wenn es einen schwarzen Mondfleck gemacht hatte, sagte: »Ich will sie verfiihren« : siehe, da schlug spruhend hinter der Erde der erste Strahl der Sonne herauf, und das goldne Licht beschien die Stirn eines hohen schonen JiingHngs, der ungesehen unterden zitternden Seelen gewesen war. Eine Lilie deckte sein Herz, und
GESCHICHTE MEINER VORREDE 41
ein Lorbeerkranz voll Rosenknospen grimte an seiner Stirn, und blau wie der Himmel war sein Gewand. Er blickte im milden Weinen und warm in Liebe strahlend auf die triiben Seelen nieder - wie die Sonne auf einen Regenbogen - und sagte : »Ich will euch beschiitzen.« Es war der Genius der Religion. Die wallende Rie- senschlange gerann vor ihm, und versteinert stand sie auf der Erde und am Mond, ein Pulverturm mit stillem schwarzem Tod gefiillt. Und die Sonne warf einen groBern Morgen in des Jiinglings Angesicht, und er hob sein Auge groB zu den Sternen und sagte
10 zu dem Unendlichen: »Vater, ich gehe mit meinen Schwestern hinab ins Leben und beschirme alle, die mich dulden. Bedecke die atherische Flamme mit einem schonen Tempel: sie soil ihn nicht entstellen und verwiisten. Schmiicke die schone Seele mit dem Laube aus Erdenreizen, es soil ihre Friichte nur beschirmen, nicht verschatten. Gib ihr ein schones Auge, ich will es bewegen und begieBen ; und leg in die Brust ein weiches Herz : es soil nicht aus- einanderfallen, eh' es fur dich und die Tugend geschlagen. Und unbefleckt und unzerriittet will ich die Blume, in eine Frucht ver- wandelt, aus der Erde wiederbringen, Denn auf die Berge und
20 auf die Sonne und unter die Sterne will ich fliegen und sie an dich erinnern und an die Welt iiber der Erde. In das weiBe Licht dieses Monds will ich die Lilie meiner Brust verwandeln und in das Abendrot der Friihlingnacht die Rosenknospen in meinem Kranz und sie an ihren Bruder erinnern - in den Tonen der Musik will ich sie rufen und von deinem Himmel mit ihr reden und ihn auf- tun vor dem harmonischen Herzen - mit den Armen ihrer Eltern will ich sie an mich schlieBen, und in die Stimme der Dichtkunst will ich meine verbergen und mit derGestalt ihres Geliebten meine verschonern - Ja mit dem Gewitter der Leiden will ich iiber sie
30 ziehen und den leuchtenden Regen in ihre Augen werfen und ihre Augen nach den Hohen und nach den Verwandten richten, von denen sie kommt. O ihr Geliebten, die ihr eueren Bruder nicht verstoBet, wenn euch nach einer schonen Tat, nach einem harten Sieg ein siiBes Sehnen euer Herz ausdehnt, wenn in der Sternen- nacht und vor dem Abendrot euer Auge an einer unaussprech- lichen Wonne zergeht, und euer ganzes Wesen sich hebt und sich
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aufwarts drangt und liebend und ruhig und unruhig und weinend und schmachtend die Arme ausbreitet: dann bin ich in euern Her- zen und geb* euch das Zeichen, da6 ich euch umarme und da6 ihr meine Schwestern seid. - Und dann nach einem kurzen Traume und Schlafe brech* ich dem Diamant die Rinde ab und lass' ihn
als lichten Tau in die Lilien des Mondes fallen, O zartliche
Mutter der Menschen, blicke deine geliebten Kinder nicht so schmerzlich an und scheide froher, du verlierst nur wenige!« —
Die Sonne loderte unbedeckt vor dem Mond, und die ungebor- nen Seelen zogen auf die Erde, und der Genius der Tugend ging 10 mit ihnen - und wie sie der Erde entgegenflogen, dehnte sich ein melodisches Floten durch das Blau, wie wenn Schwanen uber Win- ternachte fliegen und in den Luften Tone statt der Wellen lassen.
Die Riesenschlange senkte sich im weiten Bogen einer gliihen- den fliegenden Bombe und endlich gekriimmt zum ziindenden Pechkranz auf die Erde zuriick, und "wie eine hereingebogene Wasserhose iiber einem Schiffe zerbricht, so fiel sie uber die Erde und flocht sich, in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, er- wurgend und fangend durch alle Volker der Welt. Und das Richt- schwert zuckte wieder, aber das Nachtonen des durchflognen 20 Athers wahrte langer. -
*
Als ich geschlossen hatte, trocknete Pauline die sanften Augen, die sich unwillkurlich gegen den hellern Mond und seine weiten Flecken aufhoben. Ich schied von ihr - und der Wunsch, den ich hier fur alle liebende Schwestern des guten Genius tue, war mein letztes Wort an sie: »Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Fruhlingnacht des Lebens verflieBe dir ruhig und hell - der iiberirdische Verhiillte schenke dir darin einige Sternbilder liber dir - Nachtviolen unter dir - einige Nachtgedanken in dir - und nicht mehr Gewolk, als zu einem schonen Abendrot vonnoten 30 ist, und nicht mehr Regen, als etwan ein Regenbogen im Mond- schein braucht!« -
Hof im Voigtland, den 22. August 1796.
Jean Paul Fr. Richter.
MUSSTEIL FUR MaDCHEN
i. Der Tod eines Engels.
2. Der Mond, eine phantasierende Geschichte.
i. Der Tod eines Engels1
Zum Engel der letzten Stunde, den wir so hart den Tod nennen, wird uns der weichste, giitigste Engel zugeschickt, damit er ge- Hnde und sanft das niedersinkende Herz des Menschen vom Leben abpflucke und es in warmen Handen und ungedriickt aus der kal- ten Brust in das hohe warmende Eden trage. Sein Bruder ist der Engel der ersten Stunde, der den Menschen zweimal kiisset, das erstemal, damit er dieses Leben anfange, das zweitemal, damit er droben ohne Wunden aufwache und in das andere lachelnd kom-
to me, wie in dieses Leben weinend.
Da die Schlachtfelder voll Blut und Tranen standen und da der Engel der letzten Stunde zitternde Seelen aus ihnen zog: so zer- floB sein mildes Auge, und er sagte: »Ach, ich will einmal sterben wie ein Mensch, damit ich seinen letzten Schmerz erforsche und ihn stille, wenn ich sein Leben auflose.« Der unermeBliche Kreis von Engeln, die sich droben lieben, trat um den mitleidigen Engel und verhieB dem Geliebten, ihn nach dem Augenblick seines To- des mit ihrem Strahlenhimmel zu umringen, damit er wiiBte, daB es der Tod gewesen; - und sein Bruder, dessen KuB unsere er-
20 starrten Lippen wie der Morgenstrahl kalte Blumen offnet, legte sich zartlich an sein Angesicht und sagte: »Wenn ich dich wieder kiisse, mein Bruder, so bist du gestorben auf der Erde und schon wieder bei uns.«
Gertihrt und liebend sank der Engel auf ein Schlachtfeld nie- der, wo nur ein einziger schoner feuriger Jungling noch zuckte und die zerschmetterte Brust noch regte: um den Helden war nichts mehr als seine Braut, ihre heiBen Zahren konnt* er nicht
1 Diese Erzahlung steht schon im Dezemberstiick des deutschen Museums von 1788; aber seit dieser Zeit hab' ich sie so veriindert wie mich selber.
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mehr fiihlen, und ihr Jammer zog unkenntlich als ein femes Schlachtgeschrei um ihn. 0 da bedeckte ihn der Engel schnell und ruhte in der Gestalt der GeKebten an ihm und sog mit einem heiBen Kusse die wunde Seele aus der zerspaltenen Brust - und er gab die Seele seinem Bruder, der Bruder kiiBte sie droben zum zweitenmal, und dann lachelte sie schon.
Der Engel der letzten Stunde zuckte wie ein Blitzstrahl in die ode Hiille hinein, durchloderte den Leichnam und trieb mit dem gestarkten Herzen die erwarmten Lebensstrome wieder um. Aber wie ergriffihn die neue Verkorperung! Sein Lichtauge wurde im 10 Strudel des neuen Nervengeistes untergetaucht — seine sonst flie- genden Gedanken wateten jetzt trage durch den Dunstkreis des Gehirns — an alien Gegenstanden vertrocknete der feuchte, weiche Farbenduft, der bisher herbstlich uber ihnen wogend gehangen, und sie stachen auf ihn aus der heiBen Luft mit einbrennenden, schmerzlichen Farbenflecken - alle Empfindungen traten dunkler, aber sturmischer und naher an sein Ich und dunkten ihm Instinkt zu sein, wie uns die der Tiere - der Hunger riB an ihm, der Durst brannte an ihm, der Schmerz schnitt an ihm. — O seine zertrennte Brust hob sich blutend auf, und sein erster Atemzug war sein 20 erster Seufzer nach dem verlassenen Himmel! - »Ist dieses das Sterben der Menschen?« dacht' er; aber da er das versprochene Zeichen des Todes nicht sah, keinen Engel und keinen umflam- menden Himmel : so merkt' er wohl, daB dieses nur das Leben derselben sei.
Abends vergingen dem Engel die irdischen Krafte, und ein quetschender Erdball schien sich uber sein Haupt zu walzen; - denn der 5cA/a/ schickte seine Boten. Die innern Bilder riickten aus ihrem Sonnenschein in ein dampfendes Feuer, die ins Gehirn geworfnen Schatten des Tages fuhren verwirrt und kolossalisch 30 durcheinander, und eine sich aufbaumende unbandige Sinnen- welt stiirzte sich iiber ihn ; - denn der Traum schickte seine Boten. Endlich faltete sich der Leickenschleier des Schlafes doppelt um ihn, und in die Gruft der Nacht eingesunken, lag er einsam und starr, wie wir armen Menschen, dort. Aber dann flogest du, himm- lischer Traum, mit deinen tausend Spiegeln vor seine Seele und
DER TOD EINES ENGELS 47
zeigtest ihm in alien Spiegeln einen Engelskreis und einen Strah- lenhimmel; und der erdige Leib schien mit alien Stacheln von ihm loszu fallen. »Ach,« sagt' er in vergeblicher Entziickung, »mein Entschlafen war also mein Verscheiden !« - Aber da er wieder mit dem eingeklemmten Herzen voll schwerem Menschenblut auf- wachte und die Erde und die Nacht erblickte, so sagt* er: »Das war nicht der Tod, sondern bloB das Bild desselben, ob ich gleich den Sternhimmel und die Engel gesehen.«
Die Braut des emporgetragenen Helden merkte nicht, daB in
io der Brust ihres Geliebten nur ein Engel wohne: sie liebte noch die aufgerichtete Bildsaule der verschwundnen Seele und hielt noch frohlich die Hand dessen, der so weit von ihr gezogen war. Aber der Engel liebte ihr getauschtes Herz mit einem Menschen- herzen wieder, eifersuchtig auf seine eigne Gestalt - er wiinschte, nicht fruher als sie zu sterben, um sie so lange zu lieben, bis sie ihm es einmal im Himmel vergabe, daB sie an einer Brust zugleich einen Engel und einen Geliebten umfangen. Aber sie starb fruher: der vorige Kummer hatte das Haupt dieser Blume zu tief nieder- gebogen, und es blieb gebrochen auf dem Grabe liegen. O sie
20 ging unter vor dem weinenden Engel, nicht wie die Sonne, die sich prachtig vor der zuschauenden Natur ins Meer wirft, daB seine roten Wellen am Himmel hinaufschlagen, sondern wie der stille Mond, der um Mitternacht einen Duft versilbert und mit dem bleichen Dufte ungesehen niedersinkt - Der Tod schickte seine sanftere Schwester, die Ohnmacht, voraus - sie beriihrte das Herz der Braut, und das warme Angesicht gefror - die Wangen- blumen krochen ein - der bleiche Schnee des Winters, unter dem der Fruhling der Ewigkeit grunet, deckte ihre Stirn und Hande zu Da zerrifi das schwellende Auge des Engels in eine bren-
3o nende Trane; und als er dachte, sein Herz mache sich in Gestalt einer Trane wie eine Perle aus der murben Muschel los: so be- wegte die Braut, die zum letzten Wahnsinn erwachte, noch ein- mal die Augen und zog ihn an ihr Herz und starb, als sie ihn
kiiBte und sagte: »Nun bin ich bei dir, mein Bruder« Da
wahnte der Engel, sein Himmelsbruder hah' ihm das Zeichen des Kusses und Todes gegeben; aber ihn umzog kein Strahlenhim-
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mel, sondern ein Trauerdunkel, und er seufzete, dafi das nicht sein Tod, sondern nur die Menschenqual uber einen fremden sei.
»0 ihr gedriickten Menschen,« rief er,»wie iiberlebt ihr Miiden es, o wie konnt ihr denn alt werden, wenn der Kreis der Jugend- gestalten zerbricht und endlich ganz umliegt, wenn die Graber eurer Freunde wie Stufen zu euerem eignen hinuntergehen, und wenn das Alter die stumme leere Abendstunde eines erkalteten Schlachtfeldes ist, o ihr armen Menschen, wie kann es euer Herz ertragen ?«
Der Korper der aufgeflogenen Heldenseele stellte den sanften 10 Engel unter die harten Menschen - unter ihre Ungerechtigkeiten — unter die Verzerrungen des Lasters und der Leidenschaften - auch seiner Gestalt wurde der Stachelgiirtel von verbundnen Zep- tern angelegt, der Weltteile mit Stichen zusammendruckt und den die GroBen immer enger schnuren - er sah die Krallen gekronter Wappentiere am entiiederten Raube hacken und horte diesen mit matten Fliigelschlagen zucken - er erblickte den ganzen Erdball von der Riesenschlange des Lasters in durchkreuzenden, schwarz- bunten Ringen umwickelt, die ihren giftigen Kopf tief in die menschliche Brust hineinschiebt und versteckt - - Ach, da muBte 20 durch sein weiches Herz, das eine Ewigkeit lang nur an liebe- vollen warmen Engeln gelegen war, der heifie Stich der Feind- schaft schieBen, und die heilige Seele voll Liebe muBte iiber eine innere Zertrennung erschrecken: »Ach,« sagt* er, »der mensch- liche Tod tut wehe.« - Aber es war keiner: denn kein Engel er- schien.
Nun wurd' er eines Lebens, das wir ein halbes Jahrhundert tragen, in wenig Tagen miide und sehnte sich zuriick. Die Abend- sonne zog seine verwandte Seele. Die Splitter seiner verletzten Brust matteten ihn durch Schmerzen ab. Er ging, mit der Abend- 30 glut auf den blassen Wangen, hinaus auf den Gottesacker, den griinen H inter grund des Lebens, wo die Hiillen aller schonen See- len^die er sonst ausgekleidet hatte, auseinandergenommen wur- den. Er stellte sich mit wehmutiger Sehnsucht auf das nackte Grab der unaussprechlich geliebten, eingesunkenen Braut und sah in die verbluhende Abendsonne. Auf diesem geliebten Hugel schauete
DER TOD EINES ENGELS 49
er seinen schmerzenden Kdrper an und dachte : »Du wiirdest auch schon hierdich auseinanderlegen, lockere Brust, und keineSchmer- zen mehr geben, wenn ich dich nicht aufrecht erhielte.«- Da iiber- dachte er sanft das schwere Menschenleben, und die Zuckungen der Brustwunde zeigten ihm die Schmerzen, mit denen die Men- schen ihre Tugend und ihren Tod erkaufen und die er freudig der edeln entflohnen Seele dieses Korpers ersparte — Tief riihrte ihn die menschliche Tugend, und er weinte aus unendlicher Liebe gegen die Menschen, die unter dem Anbellen ihrer eignen Be-
10 durfhisse, unter herabgesunknen Wolken, hinter langen Nebeln auf der einschneidenden LebensstraBe dennoch vom hohen Son- nenstern der Pflicht nicht wegblicken, sondern die liebenden Ar- me in ihrer Finsternis aufbreiten fur jeden gequalten Busen, der ihnen begegnet, und um die nichts schimmert als die Hoffnung, gleich der Sonne in der alten Welt unterzugehen, um in der neuen
aufzugehen Da ofYnete die Entziickung seine Wunde, und
das Blut, die Trane der Seele, floB aus dem Herzen auf den gelieb- ten Hiigel - der zergehende Korper sank siiBverblutend der Ge- liebten nach — Wonne-Tranen brachen die fallende Sonne in ein
20 rosenrotes schwimmendes Meer - femes Echo-Getone, als wenn die Erde von weitem im klingenden Ather voruberzoge, spielte durch den nassen Glanz - Dann schoB eine dunkle Wolke oder eine kleine Nacht vor dem Engel vorbei und war voll Schlaf - Und nun war ein Strahlenhimmel aufgetan und iiberwallete ihn, und tausend Engel flammten ; »bist du schon wieder da, du'spie- lender Traum?« sagte er. - Aber der Engel der ersten Stunde trat durch die Strahlen zu ihm und gab ihm das Zeichen des Kusses und sagte: »Das war der Tod, du ewiger Bruder und Himmels- freund !« - Und der Jiingling und seine Geliebte sagten es leise
30 nach.
5<D LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
2. Der Mond
Phantasierende Geschichte
Dedxkation an meine Pflegeschw ester Philippine
Ich habe mich noch in keinem Buche dariiber-aufgehalten, gute Pflegeschwester, daB ihr Madchen aus dem Monde so viel macht, da/3 er der Joujou eueres Herzens ist und das Nestei, um das ihr die andern Sterne herumlegt, wenn ihr Phantasien aus ihnen aus- sitzt. Er soil auch ferner das Zifferblattsrad der Ideen bleiben, auf die euer Gesicht als eine Monduhr zeigt (denn unseres ist eine Sonnenuhr), da er wie ein blinkendes Stahlschild im schwarzen At- 10 lasgiirtel des Himmels steht — da er nichts schwarzt — da er viel- mehr ein Licht wirft, gegen das man' keinen Schleier uberhangen muB, weil es selber wie einer auf dem Gesichte liegt - da er iiber- haupt die Sanftmut und Liebe selber ist. Aber iiber etwas anders konnte man zanken - daruber, daB ihr den guten Mond und sei- nen da ansassigen Mann mehr lieben und sehen als kennen lernen wo lit, wie ihrs auch bei Mannern unter dem Monde tut. Es ist leider kein Geheimnis, beste Schwester, daB schon tausend Mad- chen kopulieret und beerdigt worden, die jene silberne Welt dro- ben wirklich fur nichts anders gehalten haben als fiir einen recht 20 hubschen Suppenteller von himmlischen Zinn, das mit dem Monds-Mann, wie das englische mit einem Engel, gestempelt ist. Beste, es ist sogar die Frage, ob du es selber noch weiBt, daB der Mond um wenige Meilen kleiner ist als Asien. Wie oft muBt' ich dirs am Fensterstocke vorsingen, ehe du es behieltest, daB nicht nur sein Tag einen halben Monat wahrt, sondern auch - was sich noch eher horen lasset - seine Nacht, so daB also da ein lustiges Madchen, das von der Mutter schon um Mitternacht vom Balle nach Haus gezerret wurde, doch wenigstens seine guten andert- halbhundert Stunden gewalzt und geschliffen hatte! - Sage mir 30 einmal, Philippine, ob du es noch im Kopfe hast, daB der Mond
DER MOND 51
oder vielmehr seine Leute in einer so langen Nacht so gut wie wir sehen und promeniereri wollen und daB sie also einen groBern Mond bediirfen als wir, wenigstens keinen schmalern, als ein raa- Biges Kutschenrad ist! Ich hab* es von guter Hand, daB du es nicht mehr weiBt, was der Mond fiir einen Mond uber sich sehe - Unsere Erde ist seiner, Flatterhafte, und kommt ihnen droben nicht groBer vor als ein Brautkuchen. Ich setze hier wegen meiner folgenden Erzahlung noch das hinzu, daB wir ihnen kein Licht (Mond- oder Erdschein) hinaufwerfen konnen, wenn wir hier
10 unten selber keines haben, welches der Fall bei der Sonnenfinster- nis ist; daher konnen die Mondsohne bei unserer Sonnenfinster- nis nicht anders sagen als : »Wir haben heute eine Erdfinsternis.« Ich bitte dich recht sehr, Philippine, lies diese Personalien des Mondes, auf die die ganze phantasierende Erzahlung fuBet, deinen Zuhorerinnen einige zwanzig Male vor: sonst ist euch alles ent- fallen, eh* ich nur angefangen.
Oberhaupt verdenk* ichs euern Eltern ungemein, daB sie euch statt des Franzosischen, das euch wie ein Bund Titularkammer- herrn-Schlussel nur zum Klingeln des seelenverderbenden Par-
20 lierens und nie zum Aufsperren eines einzigen franzosischen Bu- ches niitzt, weil euch Ritterromane lieber sind, daB sie euch, sag* ich, nicht lieber haben Sternkunde lernen lassen, sie, die dem Menschen ein erhabenes Herz gibt und ein Auge, das uber die Erde hinausreicht, und Fliigel, die in die UnerraeBlichkeit heben, und einen Gott, der nicht endlich, sondern unendlich ist.
Man darf uber alles unter dem Monde und uber ihn selber Phantasien haben, wenn man nur nicht die Phantasien fur Wahr- heiten nimmt - oder das Schattenspiel fiir ein Bilderkabinett - oder das Bilderkabinett fiir ein Naturalienkabinett. Der Astro-
30 nom inventiert und taxiert den Himmel und fehlet um wenige Pfunde; der Dichter moblieret und bereichert ihn; jener fasset das Flurbuch von Auen ab, worein dieser Perlenbache leitet samt einigen Goldfischchen; jener legt MeBschniire, dieser Girlanden um den Mond - auch um die Erde. Also kannst du recht gut, Liebe, dich mit deinen Nah-Schulkameradinnen auf einen Lin- denaltan begeben und ihnen Phantasien wie meine geriihrt vor-
52 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
lesen, wenns nur nicht am hellen lichten Tage geschieht und wenn nur nicht der Gottesdienst der Mutterkirche der Erde iiber das Mondsfilial vergessen wird.
Du aber, du milde, blasse Gestalt, an die ich so oft blicke, um mein Herz zu mildern - die so bescheiden schimmert und so be- scheiden macht - die ihren Wert nur dem stillen Himmel zeigt, nicht der lauten Erde - und zu der ich das Auge gern aufhebe, ' wenn ein paar Tropfen zu viel darin stehen, die in den auf der Erinnerung bluhenden Herbstflor der Freuden niederfallen, und vor der ich am liebsten an das iiber die Wolken geriickte Mutter- 10
land unserer verpflanzten Wunsche denke, du gute Gestalt!
Philippine, es tut dem Herzen deines Bruders wohl, daD es zwei- felhaft ist, wen er hier angeredet habe, ob den Mond oder dich. Einen solchen Zweifel zu verdienen, Schwester, ist so schon, dafi ich nur noch etwas Schoners kenne: namlich, ihn gar zu bench- men^ indem man sich vom Monde in nichts unterscheidet als in den Flecken und in der Veranderlichkeit.
Ich bin, wiewohl bloB mit dem letzteren Unterschiede,
dein B ruder.
Die Er^ahlung 20
Als ich zum ersten Male, Eugenius und Rosamunde, denen ich den wahren Namen nicht mehr geben darf, eure kleine Geschichte erzahlen wollte, gingen meine Freunde und ich in einen engli- schen Garten. Wir kamen vor einem neubemalten Sarg vorbei, auf dessen Fufibrett stand : »Ich gehe voriiber.« t)ber den griinen- den Garten ragte ein weiBer Obelisk hervor, womit zwei ver- schwisterte Fiirstinnen die Stelle ihrer Wiedervereinigung und Umarmung bezeichneten und an dem die Inschrift war: »Hier fanden wir uns wieder.« Die Spitze des Obeliskus blinkte schon im Vollmond; und hier erzahlte ich die einfache Geschichte. - 30 Du aber, lieber Leser, ziehe - welches so viel als Sarg und Obelis- kus ist - die Unterschrift des Sarges in die Asche der Vergangen-
DER MOND 53
heit, und die Buchstaben des Obeliskus zeichne mit warmem edelm Herzensblute in dein Inneres.
Manche Seelen entfallen dem Himmel wie Bliiten; aber mit den weiBen Knospen werden sie in den Erdenschmutz getreten und liegen oft besudelt und zerdruckt in den Fufistapfen eines Hufs. Auch ihr wurdet zerdruckt, Eugenius und Rosamunde! Zarte Seelen wie euere werden von drei Raubern ihrer Freuden ange- fallen: vom Volke, dessen rohe Griffe ihrem weichen Herzen nichts als Narben geben - vom Schicksal, das an einer schonen
10 Seele voll Glanz die Trane nicht wegnimmt, weil sonst der Glanz verginge, wie man den feuchten Demant nicht abwischt, damit er nicht erbleiche - vom eignen Herzen, das zu viel bedarf, zu wenig genieBet, zu viel hofft, zu wenig ertragt. - Rosamunde war eine vom Schmerz durchbohrte helle Perle - abgetrennt von den Ihrigen, zuckte sie nur noch bei Leiden fort, wie ein abgeschnit- tener Zweig der Sensitive bei Einbruch der Nacht - ihr Leben war ein stiller warmer Regen, so wie das ihres Gatten ein heller heiBer Sonnenschein - sie kehrte vor ihm ihre Augen weg, wenn sie gerade auf ihrem zweijahrigen siechen Kinde gewesen waren,
20 das in diesem Leben ein dunngefliigelter wankender Schmetter- ling unter einem Schlagregen war. - Eugenius* Phantasie zer- schlug mit ihren zu groBen Fliigeln das zu weiche diinne Korper- gewebe; die Lilienglocke des zarten Leibes faBte seine machtige Seele nicht; der Ort, wo die Seufzer entstehen, seine Brust, war zerstort wie sein Gliick; er hatte nichts mehr in der Welt als sein liebendes Herz und nur noch zwei Menschen fiir dieses Herz.
Diese Menschen wollten im Fruhling aus dem Strudel der Menschen gehen, der so hart und kalt an ihre Herzen anschlug: sie lieBen sich eine stille Sennenhutte auf einer hohen AIpe, die der
30 Silberkette des Staubbachs gegeniiberlag, bereiten. Am ersten schonen Friihlingsmorgen traten sie den langen Weg zur hohen Alpe an. Es gibt eine Heiligkeit, die nur die Leiden geben und lautern; der Strom des Lebens wird schneeweifi, wenn ihn Klippen zerspHttern. Es gibt eine Hohe, wo zwischen die erhabenen Ge- danken nicht einmal mehr kleine treten, wie man auf einer Alpe die Berggipfel nebeneinander stehen sieht ohne ihre Verkniip-
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fung durch Tiefen. Du hattest jene Heiligkeit, Rosamunde, - und du diese H ohe, Eugenius ! — Um den FuB der Alpe zog ein Morgen- nebel, in dem drei flatternde Gestalten hingen : die Spiegelbilder der drei Reisenden waren es, und die scheue Rosamunde erschrak und dachte, sie sehe sich selber. Eugenius dachte: was der un- sterbliche Geist umhat, ist nur ein dickerer Nebel. Und das Kind griff nach der Wolke und wollte spielen mit seinem kleinen Bru- der aus Nebel. Ein einziger unsichtbarer Engel der Zukunft ging mit ihnen durch das Leben und auf den Berg: sie waren so gut und einander so ahnlich, daB sie nur elnen Engel brauchten.
Unter dem Steigen schlug der Engel das Buch des Schicksals auf, worin ein Blatt der AbriB eines dreifachen Lebens war - jede Zeile war ein Tag - und als der Engel die heutige Zeile gelesen hatte, so weinte er und schloB das Buch auf ewig.
Die Schwachen bedurften beinahe elnen Tag zur Ankunft. Die Erde kroch zuriick in die Taler, der Himmel lagerte sich auf die Berge. Die miide, nur blinkende Sonne wurde unserem Eugenius der Spiegel des Mondes; er sagte, als schon die Eisgebiirge Flam- men iiber die Erde warfen, zu seiner Geliebten : »Ich bin so miide und doch so wohl. Ist es uns so, wenn wir aus zwei Traumen : gehen, aus dem Traum des Lebens und aus dem Traum des Todes, wenn wir einmal in den wolkenlosen Mond als die erste Kiiste hinter den Orkanen des Lebens treten?« - Rosamunde antwor- tete: »Noch besser wird uns sein; denn im Monde wohnen ja, wie du mkh lehrest, die kleinen Kinder dieser Erde, und ihre Eltern bleiben so lange unter ihnen, bis sie selber so mild und ruhig sind wie die Kinder, und dann ziehen sie weiter.« -»Von Himmel zu Himmel, von Welt zu Welt!« sagte erhoben Eugenius.
Sie stiegen, wie die Sonne sank: wenn sie trager klimmten, so schlugen Berggipfel wie losgebundene auffahrende Zweige ver- = hiillend vor die Sonne. Dann eilten sie in den hinaufriickenden Abendschimmer nach; aber als sie auf der Sennenalpe waren, tra- ten die ewigen Berge vor die Sonne - dann verhiillte die Erde ihre Graber und Stadte anbetend vor dem Himmel, eh' er sie mit alien Sternenaugen ansah, und die Wasserfalle legten ihre Regenbogen ab - und hoher breitete die Erde dem Himmel, der sich iiber sie
DER MONO 55
hereinbog mit ausgestreckten Wolkenarmen, einen Flor aus Goldduft unter und hing ihn von einem Geburge zum andern - und die Eisberge waren angeziindet, damit sie bis in die Mitter- nacht gliihten, und ihnen gegenuber war auf dem Grabe der Sonne ein Scheiterhaufen von Gewolk aus Abend-Glut und Abend- Asche aufgeturmt. — Durch den glimmenden Flor aber lieB der gute Himmel seine Abend tranen tief in die Erde hinunterfallen, bis auf das niedrigste Grab, bis auf die kleinste Blume darauf. - O Eugenius, wie grofi muBte jetzt deine Seele werden! Das
io Erdenleben lag entfernt und in der Tiefe vor dir ohne alle die Verzerrungen, die wir daran sehen, weil wir zu nahe davor stehen, so wie die Dekorationen kurzerer Szenen in der Nahe aus Land- schaften zu ungestalten Strichen werden. -
Die zwei Liebenden umarmten sich sanft und lange vor der Hiitte, und Eugenius sagte : »0 stiller, ewiger Himmel, jetzt nimm uns nichts mehr!« - Aber sein blasses Kind stand mit dem geknickten LiHenhaupte vor ihm, er sah die Mutter an, und diese lag mit dem weiten feuchten Auge im Himmel und sagte leise: »Oder nimm uns alle auf einmal!«
20 Der Engel der Zukunft, den ich den Engel der Ruhe nennen will, weinte lachelnd, und sein Flugel verwehte mit einem Abend- luftchen die Seufzer der Eltern, damit sie einander nicht traurig machten.
Der transparente Abend floB um die rote Alpe wie ein heller See und spiilte sie mit den Zirkeln kiihler Abendwogen an. Je mehr sich der Abend und die Erde stillte, desto mehr fiihlten die zwei Seelen, daB sie am rechten Orte waren: sie hatten keine Trane zu viel, keine zu wenig, und ihr Gluck hatte keine andere Vermehrung vonnoten als seine Wiederholung. Eugenius lieB in
30 den reinen Alpenhimmel die ersten Harmonikatone wie Schwa- nen flieBen. Das miide Kind spielte, in einem Ringe von Blumen eingefasset, an eine Sonnenuhr gelehnt, mit den Blumen, die es um sich auszog, um sie in seinen Zirkel einzuschlichten. Endlich wurde die Mutter aus der harmonischen Entziickung wach - ihr Auge fiel in die groBen, weit auf sie gerichteten Augen ihres Kin- des -, singend und anlachelnd und mit uberschwellender Mutter-
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Hebe tritt sie zum kleinen Engel, der kalt war und - gestorben. Denn sein vom Himmel herabgesenktes Leben war im Dunst- kreis der Erde auseinandergeflossen wie andere Tone - der Tod hatte den Schmetterling angehaucht, und dieser stieg aus den rei- Benden Luftstromen in den ewigen ruhenden Ather auf, von den Blumen der Erde zu den Blumen des Paradieses.
O flatten immer davon, selige Kinder! Euch wiegt der Engel der Ruhe in der Morgenstunde des Lebens mit Wiegenliedern ein — zwei Arme tragen euch und euern kleinen Sarg, und an einer Blumenkette gleitet euer Leib mit zwei Rosenwangen, mit einer 10 Stirn ohne Gram-Einschnitte und mit weiBen Handen in die zweite Wiege herab, und ihr habt die Paradiese nur getauscht. - Aber wir, ach wir brechen zusammen unter den Sturmwinden des Le- bens, und unser Herz ist mude, unser Angesicht zerschnitten von irdischem Kummer und irdischer Miih', und unsere Seele klam- mert sich noch erstarret an den ErdenkloB!
Duwende deinAugeweg von Rosamundens durchstechendem Schrei, starrendem Blick und versteinernden Ziigen, du, wenn du eine Mutter bist und diesen Schmerz schon gehabt hast - schaue nicht auf die Mutter, die mit sinnloser Liebe die Leiche hart an 20 sich quetschet, die sie nicht mehr erdrucken kann, sondern auf den Vater, der seine Brust uber sein kampfendes Herz schweigend deckt, ob es gleich der schwarze Kummer mit Otterringen umzog und mit Otterzahnen vollgoB. Ach als er den Schmerz davon end- lich weggehoben hatte, war das Herz vergiftet und aufgelost. Der Mann verbeiBet die Wunde und erliegt an der Narbe - das Weib bekampft den Kummer selten und iiberlebt ihn doch. - »Bleibe hier« (sagt* er mit uberwaltigter Stimme) - »ich will es zur Ruhe legen, eh der Mond aufgeht.« Sie sagte nichts, kliBte es stumm, zerbrockelte seinen Blumenring, sank an die Sonnenuhr 30 und legte das kalte Angesicht auf den Arm, um das Wegtragen des Kindes nicht zu sehen.
Unterweges erhellete das Morgenrot des Mondes den wanken- den Saugling; der Vater sagte: »Brich herauf, Mond, damit ich das Land sehe, wo Er wohnet. - Steig empor, Elysium, damit ich mir darin die Seele der Leiche denke - o Kind, Kind, kennst du
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mich, horst du mich - ach hast du droben ein so schones Ange- sicht wie deines da, einen so schonen Mund - o du himmlischer Mund, du himmlisches Auge, kein Geist zieht mehr in dich.« - Er bettete dem Kinde statt alles dessen, worauf man uns zum letzten Male legt, Blumen unter; aber sein Herz brach, als er die blassen Lippen, die offnen Augen mit Blumen und mit Erde uber- deckte, und ein Strom von Tranen fiel zuerst ins Grab. Als er mit der grunenden Rinde der Erdschollen die kleine Erhebung iiberbauet hatte : fuhlte er, daB er von der Reise und dem Leber*
io miide sei und daB in der diinnen Bergluft seine kranke Brust ein- falle; und das Eis des Todes setzte sich in seinem Herzen an. Er blickte sich sehnend nach der verarmten Mutter um - diese hatte schon lange hinter ihm gezittert — , und sie fielen einander schwei- gend in die Arme, und ihre Augen konnten kaum mehr weinen. - Endlich quoll hinter.einem ausglimmenden Gletscher der ver- klarte Mond einsam uber die zwei stummen Ungliicklichen her- auf und zeigte ihnen seine weiBen unbestiirmten Auen und sein Dammerlicht, womit er den Menschen besanftigt. - »Mutter ! blick auf,« (sagte Eugenius) »dort ist dein Sohn - sieh, dort uber den
20 Mond gehen die weiBen Bliitenhaine hin, in denen unser Kind spielen wird.« - Jetzt fullete ein brennendes Feuer verzehrend sein Inneres - sein Auge erblindete am Monde gegen alles, was kein Licht war, und im Lichtstrome walleten erhabene Gestalten vor ihm voruber, und neue Gedanken, die im Menschen nicht einheimisch sind und die fur die Erinnerung iu groft ' sind, horte er in seiner Seele, wie im Traume oft Melodien vor den Menschen kommen, der im Wachen keine schaffen kann. — Der Tod und die Wonne driickten seine schwere Zunge: »Rosamunde, warum sagst du nichts? - Siehst du dein Kind? Ich schaue hiniiber uber
30 die lange Erde, bis dahin, wo der Mond angeht: da flieget mein Sohn zwischen Engeln. Hohe Blumen wiegen ihn - der Erden- Friihling weht iiber ihn - Kinder fiihren ihn - Engel lehren ihn - Gott liebt ihn - O du Guter, du lachelst ja, das Silberlicht des Paradieses flieBet ja himmlisch um deinen kleinen Mund, und du kennst niemand und rufest deine Eltern - Rosamunde, gib mir deine Hand, wir wollen kommen und sterben.« —
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Die diinnen Korperfesseln wurden langer. Sein ziehender Geist flatterte hoher an den Grenzen des Lebens. Er fassete die Betaubte mit zuckender Kraft und lallete erblindend und sinkend: »Rosa- munde, wo bist du? Ich fiiege - ich sterbe - wir bleiben beisam- men.«
Sein Herz zerriB, sein Geist entflog. Aber Rosamunde blieb nicht bei ihm, sondern das Schicksal riB sie aus der sterbenden Hand und warf sie lebendig auf die Erde zuriick. Sie fiihlte seine Hand an, ob sie totenkalt sei : und da sie es war, so legte sie sie sanft auf ihr Herz, fiel langsam auf ihre brechenden Knie, hob j ihr Angesicht unaussprechlich ausgeheitert gegen die Sternen- nacht hinauf, ihre Augen drangen aus den tranenleeren Hohlen trocken, groB und selig in den Himmel und schaueten darin ruhig nach einer uberirdischen Gestalt umher, die herunterfliegen und sie emportragen werde. Sie wahnte fest, sie sterbe sogleich, und betete : »Komm nun, Engel der Ruhe, komm und nimm mein Herz und bring es meinen Geliebten hinauf- Engel der Ruhe, laB mich nicht so lange allein unter den Leichen - o Gott ! ist denn nichts Unsichtbares um mich ? - Engel des Todes, du muBt hier sein, du hast ja erst neben mir zwei Seelen abgerissen und steigen lassen. - 2 Ich bin auch gestorben, ziehe nur meine gliihende Seele aus ihrem knienden kalten Leichnamlu —
Sie blickte mit einer wahnsinnigen Unruhe im leeren Himmel herum. Plotzlich entbrannte in seiner stillen Wiiste ein Stern und schlangelte sich gegen die Erde zu. Sie breitete ihre entziickten Arme aus und glaubte, der Engel der Ruhe schwinge sich hinein. Ach der Stern verging, aber sie nicht. »Noch nicht? Sterb' ich noch nicht, Allgutiger?« - seufzete die Arme.
In Osten richtete sich eine Wolke empor - fuhr iiber den Mond hinauf und zog einsam am heitern Himmel heran - und stand 3 iiber der gequaltesten Brust der Erde. Diese bog das Haupt zuriick und zu ihr hinauf und bat flehend den Blitz: »Schlag ein in diese Brust und erlose mein Herz!« - Aber als die Wolke finster iiber das zuriickgedriickte Haupt hiniiberging und den Himmel hin- unterfloh und hinter den Gebirgen versank: so rief sie mit tau- send Tranen: »Sterb* ich nicht, sterb* ich nicht ?« ...
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Du Arme! nun rollte sich der Schmerz zusammen und tat den erziirnten Schlangensprung an deme Brust und druckte alle seine Giftzahne hinein. Aber ein weinender Geist goB das Opium der Ohnmacht iiber dein Herz, und die Krampfe der Pein zerflossen in ein sanftes Zucken.
Ach sie erwachte am Morgen, aber zerriittet; sie sah noch die Sonne und den Toten, aber ihr Auge hatte alle Tranen, ihr zer- sprungenes Herz gleich einer zerborstenen Glocke alle Tone ver- loren: sie murmelte bloB: »Warum darf ich nicht sterben?« - Sie
10 ging kalt in die Hiitte zuriick und sagte nichts weiter als diese Worte. Jede Nacht ging sie eine halbe Stunde spater zum Leich- nam und traf jedesmal mit dem aufgehenden zerstiickten Monde zusammen und sagte, indem sie ohne Tranen das Trauerauge an seine Dammerungsauen andriickte : »Warum darf ich nicht ster- ben?«
Jawohl ! warum darfst du es nicht, gute Seele, da die kalte Erde aus alien deinen Wunden den heiBen Gift ausgesogen hatte, womit das Menschenherz unter sie geleget wird, wie die Hand in der Erde vom Bienenstich geneset? Aber ich wende mein Auge weg
20 von diesem Schmerz und sehe hinauf auf den schimmernden Mond, wo Eugenius die Augen aufschlagt unter lachelnden Kin-
dern, und sein eignes fallet geflugelt auf seiri Herz Wie 1st
alles so still im dammernden Vorhof der zweiten Welt - ein Ne- belregen von Licht ubersilbert die hellen Gefilde des ersten Him- mels, und Lichtkugelchen hangen statt des funkelnden Taues um Bluten und Gipfel - das Blau des Himmels1 blahet sich dunkler uber die Lilien-Ebenen, alle Melodien sind in den dunnern Liiften nur zerflossene Echo - nur Nachtblumen duften und gaukeln wankend um ruhige Blicke — die schwankenden Ebenen wiegen
30 die hier zerstoBenen Seelen, und die hohen Lebenswogen fallen gleitend auseinander - da ruht das Herz, da trocknet das Auge, da verstummet der Wunsch - Kinder flattern wie Bienengetone um die noch pochende, in Blumen eingesenkte Brust, und der Traum nach dem Tode spielet das Erdenleben, wie ein hiesiger Traum
1 Die blaue Farbe der Luft mufl im Monde dunkler sein, weil diese diinner ist, so wie beides auf Bergen zutriflt.
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die hiesige Kindheit, magisch, stillend, kummerfrei und gemil- dert nach —
Eugenius blickte aus dem Monde nach der Erde, die an dem langen Mondstag aus zwei Erdenwochen wie eine weiBe dtinne Wolke im blauen Himmel schwebte; aber er erkannte sein altes Mutterland nicht. Endlich ging auf dem Monde die Sonne unter, und unsere Erde ruhte unbeweglich, groB und schimmernd am reinen Horizont des Elysiums und iibergoB wie das Wasserrad einer Aue den wehenden elysischen Garten mit flieBendem Schim- mer. Da erkannte er die Erde, auf der er in einer so geliebteh Brust 10 ein so bekummertes Herz zuriickgelassen, und seine in Wonne ruhende Seele wurde voll Wehmut und voll unendlicher Sehn- sucht nach der Geliebten des alten Lebens, die noch drunten litt. - »0, meine Rosamunde! warum ziehest du nicht aus einer Kugel fort, wo dich nichts mehr liebt?« und er blickte bittend den Engel der Ruhe an und sagte: »Geliebter! nimm mich aus dem Lande der Ruhe und fiihre mich hinab zu der treuen Seele, damit ich sie sehe und wieder Schmerzen habe, damit sie nicht allein sich quale.«
Da fing plotzlich sein Herz gleichsam ohne Banden zu schwim- 20 men an - Lufte flatterten um ihn, als wenn sie ihn im Fliehen hoben und ihn schwellend verwehten und in Fluten verhullten - er sank durch Abendroten wie durch Blumen, und durch Nachte wie durch Lauben, und durch einen nassen Dunstkreis, und sein Auge wurde darin voll Tropfen - dann lispelte es um ihn, als kamen alte Traume aus der Kindheit wieder - dann zog eine Klage aus der Feme naher, die alle seine geschlossenen Wunden aufschnitt - die Klage wurde Rosamundens Stimme - endlich stand sie selber vor ihm, unkenntlich, allein, ohne Trost, ohne Trane, ohne Farbe 30
Und Rosamunde traumte auf der Erde, und ihr war, als wenn die Sonne sich befliigle und ein Engel werde - und der Engel, traumte ihr, ziehe den Mond hernieder, der ein sanftes Angesicht werde - und unter dem annahernden Angesicht bilde sich endlich
ein Herz Es war Eugenius; und seine Geliebte hob sich ent-
gegen, und als sie entziickt ausrief:»Nun bin ich gestorben!« ver-
DER MOND 6l
schwanden die zwei Traume, der ihrige unci der seiriige, und die zwei Menschen waren wieder getrennt.
Eugenius erwachte droben, die schimmernde Erde stand noch am Himmel, sein Herz war beklommen, sein Auge erhkzt von einer Trane, die nicht auf den Mond gefallen war. Rosamunde erwachte unten, und ein groBer warmer Tautropfen hing in einer Blume ihres Busens - da fiel der heiBe Nebel ihrer Seele in einem leisen Tranenregen nieder, ihr Inneres wurde leicht und sonnen- hell, ihr Auge hing sanft am tagenden Himmel, die Erde war ihr
10 fremd, aber nicht verhaBt, und ihre beiden Hande bewegten sich,
als fuhrten sie die, die ihr gestorben waren
Der Engel der Ruhe sah auf den Mond, er sah auf die Erde und wurde weich uber die Seufzer der Menschen. - Er sah auf der Morgenerde eine Sonnenfinsternis und eine Verlassene, er sah Ro- samunden in der voriiberfliegenden Nacht auf die Blumen, die unter der Verfinsterung einschliefen, und in den kalten Abendtau, der in den Morgentau fiel, umsinken und die Hande ausstrecken gegen den eingeschatteten Himmel voll Ziehen der Nacht vogel und mit unendlichem Sehnen auf blicken zum Monde, der bebend in der
20 Sonne schwebte. - Der Engel sah auf den Mond, und neben ihm weinte der Selige, der die Erde tief unter einer Schattenflut schwim- mend und in einen Feuerring geschmiedet erblickte, und dem die wimmernde Gestalt, die noch auf ihr wohnte, die ganze Seligkeit des Himmels nahm. - Da brach dem Engel des Friedens das himmlische Herz - er ergrifT Eugenius* Hand und des Kindes seine - riB beide durch die zweite Welt und trug sie auf die fin- stere Erde herab. - Rosamunde sah im Dunkel drei Gestalten wandeln, deren Schimmer an den Sternenhimmel anschlug und oben mit ihnen ging - ihr Geliebter und ihr Kind flogen wie
30 Friihlinge an ihr Herz und sagten eilend: »0 Teuere, geh mit uns!«-Ihr Mutterherz zersprang vorMutterliebe-das Erdenblut stockte - ihr Leben war aus - selig, selig stammelte sie an den zwei geliebten Herzen: »Darf ich denn noch nicht sterben?« - »Du bist schon gestorben,« sagte der freudig weinende Engel der drei Liebenden, »und dort steht die Erdkugel, aus der du kom- mest, noch im Schatten« . . . Und die Wellen der Wonne schlugen
6z LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
hoch iiber die selige Welt zusammen, und alle Gliickliche und alle Kinder sahen unsere Kugel an, die noch im Schatten zkterte.
Ja wohl ist sie im Schatten. Aber der Mensch ist hoher als sein Ort: er sieht empor und schlagt die Flligel seiner Seele auf, und wenn die sechzig Minuten, die wir sechzig Jahre nennen, ausge- schlagen haben: so erhebt er sich und entzlindet sich steigend, und die Asche seines Gefieders fallet zuriick, und die enthiillte Seele kommt allein, ohne Erde und rein wie ein Ton, in der Hohe an — Hier aber sieht er mitten im verdunkelten Leben die Ge- birge der kiinftigen Welt im Morgengolde einer Sonne stehen, die hienieden nicht aufgeht: so erblickt der Einwohner am Nord- pol in der Iangen Nacht, wo keine Sonne mehr aufsteigt, doch urn zwolf Uhr ein vergiildendes Morgenrot an den hochsten Ber- gen, und er denkt an seinen Iangen Sommer, wo sie niemals unter- geht.
DES QUINTUS FIXLEIN LEBEN BIS AUF UNSERE ZE1TEN;
in funfzehn Zettelkasten
Erster Zettelkasten Hundstagsferien — Visiten — eine Hausnrme von Adel
Egidius Zebedaus Fixlein war gerade acht Tage wirklicher Quin- tus gewesen und hatte sich warm dozieret, als das Gliick ihm vier erquickende, mit Blumen und Streuzucker uberschuttete Kolla- tionen und Gange auf den EBtisch setzte: es waren die vier Kani- kularwochen. Ich mochte noch den Totenkopf des guten Mannes strekheln, der die Hundsferien erfand; ich kann nie in ihnen spa- zieren gehen, ohne-zu denken : jetzt richten sich im Freien tausend
to gekriimmte Schulleute empor, und der harte Ranzeh liegt abge- schnallet zu ihren FiiBen, und sie konnen doch suchen, was ihre Seele lieb hat, Schmetterlinge - oder Wurzeln von Zahlen - oder die von Worten - oder Krauter - oder ihre Geburtsdorfer.
Seines suchte unser Fixlein. Er riickte aber erst am Sonntage - denn man will auch wissen, wie Fenen in der Stadt schmecken - mit seinem Pudel und einem Quintaner, der seinen griinen Schlaf- rock trug, aus dem Stadttor aus: es tauete noch, und als er schon hinter den Garten lief, stieBen erst die Waisenhauskinder mit einem Morgenliede in die Kehlen aus Trompetentextur. Die Stadt
20 hieB Flachsenfingen, das Dorf Hukelum^ der Hund Schill und die Jahrszahl 1791.
»Mannlein,« (sagt* er zum Quintaner; denn er redete gern wie die Liebe, die Kinder und die Wiener in Diminutiven) »Mannlein, gib mir den Bundel her bis ans Dorf- lauf dich aus und suche dir einen kleinen Vogel, wie du bist, damit du was zu atzen hast unter den Ferien.« - Denn das Mannlein war zugleich sein Edelknabe - Zimmerfrotteur - Stubenkamerad - Gesellschaftkavalier und Laufmadchen; und der Pudel war zugleich sein Mannlein. Er schritt langsam fort durch die mit kouleurten Tau-Glas-
30 kugelchen vollgehangenen, gekrauselten fCohlbeete und sah den
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Gebiischen zu, aus denen, wenn sie der Morgenwind auseinander- zog, ein Flug Juwelenkolibri aufzusteigen schien, so funkelten sie. Er zog von Zeit zu Zeit die Klingschnur des - Pfeifens, damit sich der Kleine nicht versprange, und kiirzte sich seine andert- halbe Stunden dadurch ab, daB er den Weg nicht nach ihnen, sondern nach Dorfern ausmaB. Es ist angenehmer fiir den FuB- ganger — fiir den Geographen gar nicht — , nach Wersten als nach Meilen zu rechnen. Unterweges lernte der Quintus die wenigen Felder auswendig, worauf schon geschnitten war. -
Aber jetzt streife noch langsamer, Fixlein, durch den Herr- io schaftsgarten von Hukelum, nicht etwa deswegen, damit du mit deinem Rocke keine Tulpenstaubfaden abburstest, sondern damit deine gute Mutter nur so viel Zeit gewinne, um ihre Amorsbinde von schwarzem Taft um die glatte Stirn zu legen. Es argert mich, daB es der guten Frau die Leserinnen iibelnehmen, daB sie die Binde erst platten will: sie miissen nicht wissen, daB sie keine Magd hat und daB sie heute das ganze Meisteressen - die Geld- prastationen dazu hatte der Gast drei Tage vorher ubermacht — allein, ohne eine Erbkiichenmeisterin beschicken muBte. Und iiberhaupt tragt der dritte Stand (sie war eine Kunstgartnerin) 20 allemal wie ein Rebhuhn die Schalen des Werkeltags-Eies, aus dem er sich hackt, noch unter der Vormittagskirche am SteiBe herum.
Man kann sich denken, wie die herzensgute Mutter den ganzen Morgen auf ihren Schulherrn mag gelauert haben, den sie Hebte wie ihren Augapfel, da sie auf der ganzen vollen Erde niemand weiter - Mann und erster Sohn waren gestorben - fiir ihre in Liebe iiberquellende Seele hatte, niemand weiter als ihren Zebe- daus. Konnte sie jemals irgend etwas von ihm erzahlen, ich meine nur etwas Freudiges, ohne zehnmal die Augen abzuwischen? 3o Verschnitt sie nicht einmal ihren einzigen Kirmeskuchen an zwei Bettelstudenten, weil sie dachte, Gott strafe sie, daB sie so schmause, indes ihr Kind in Leipzig nichts zu beiBen habe und an den Kuchengarten nur wie an andere Garten rieche?
»Tausend! Du bists schon, Zebedaus!«- sagte die Mutter und lachelte verlegen, um nicht zu weinen, als der Sohn, der sich unter
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dem Fenster weggeduckt und an die mit Grummet gepolsterte Tiir nicht angeklopft hatte, plotzlich eingetreten war. Sie konnte vor Vergniigen den Plattstein nicht in die Platte schutteln, da der vornehme Schulmann sie unter dem lauten Sieden des Bratens zartlich auf die nackte Stirn kiifite und gar Mama sagte - welcher Name sich an sie so weich anlegte wie ein Herzkissen. Alle Fen- ster waren offen, und der Garten war mit seinem Blumenrauche und Vogelgeschrei und Schmetterlingssammlungen fast halb in der Stube: ich werde aber noch nicht berichtet haben, daB das
io kleine Gartnerhauschen, das mehr eine Stube als ein Haus war, in der westlichen Landspitze des SchloBgartens belegen war. Der Edelmann lieB die Witwe aus Gnaden diesen Witwensitz behal- ten, weil der Skz ohnehin leer gestanden ware, da er keinen Gart- ner mehr hielt.
Fixlein konnt' aber trotz der Freude nicht lange bleiben, weil er in die Kirche muBte, die fur seinen geistigen Magen eine Hof- kiiche, eine mutterliche war. Ihm geflel eine Predigt, bloB weil sie eine Predigt war und weil er schon eine gehalten hatte. Der Mut- ter wars recht: die guten Weiber glauben schon die Gaste zu
20 genieBen, wenn sie ihnen nur zu geniefien geben.
Er lachelte im Chore, diesem Freihafen und Heidenvorhof aus- landischer Kirchenganger, alle imparochierte an und schauete wie in seiner Kindheit unter dem Holzfittich eines Erzengels herab auf das gehaubte Parterre. Seine Kinderjahre schlossen ihn jetzt wie Kinder in ihren lachelnden Kreis, und eine lange Girlande durchflocht sie ringelnd, und sie rupften zuweilen Blumen daraus, urn sie ihm ins Gesicht zu werfen: stand nicht auf dem Kanzel- ParnaB der alte Senior Astmann^ der ihn so oft gepriigelt hatte, *weil er bei ihm das Griechische aus einer lateinischedierten Gram-
30 matik schopfen muBte, die er nicht exponieren, obwohl merken konnte? Stand nicht hinter der Kanzeltreppe die Sakristei-Kajiite, worin eine Kirchenbibliothek von Bedeutung - ein Schulknabe hatte sie gar nicht in seinen Bucherriemen schnallen konnen - unter dem Grauwerk von Pastell-Staub eigentlich lag? und be- stand sie nicht noch aus der Polyglotta in Folio, die er - ange- frischt durch Pfeiffers critica sacra - in friihern Jahren Blatt fiir
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Blatt umgeschlagen hatte, um daraus die Iitteras inversas, majus- culas, minusculas etc. mit der groBten Miihe zu exzerpieren? Er hatt* aber heute lieber als morgen dieses Buchstaben-Rauchfutter in einen hebraischen Schriftkasten werfen sollen, an den die orien- talischen Rhizophagen gehangen sind, da sie ohnehin fast ohne alles Vokalen-Hartfutter erhalten werden. - Stand nicht neben ihm der Orgelstuhl als der Thron, auf den ihn allemal an Apostel- tagen der Schulmeister durch drei Winke gesetzt hatte, damit er durch ein platscherndes Murki den Kirchensprengel tanzend die Treppen niederfuhrte ? 10
Die Leser werden selber immer lustiger werden, wenn sie jetzt horen, daB unser Quintus vom Senior, dem geistlichen Ortskur- fiirsten, unter dem Ausschiitten des Klingelbeutels invitiert wird auf Nachmittag ; und es wird ihnen so lieb sein, als invitierte der Senior sie selber. Was werden sie aber erst sagen, wenn sie mit dem Quintus zur Mutter und zum EBtisch, die beide schon den weiflen gewiirfelten Sonntagsanzug umhaben, nach Hause kom- men und den groBen Kuchen erblicken, den Fraulein Thiennette (Stephanie) von der Backscheibe laufen lassen? Sie werden aber freilich zuallererst wissen wollen, wer die ist. 20
Sie ist - denn wenn man (nach Lessing) eben uber die Vor- trefflichkeit der Iliade die Personalien ihres Verfassers vernach- lassigte: so mag das wohl auf das Schicksal mehrerer Verfasser, z. B. auf mein eignes passen; aber die Verfasserin des Kuchens soil uber ihr Backwerk nicht vergessen werden - Thiennette'ist, ein hausarmes, insolventes Fraulein - hat nicht viel, ausgenom- men Jahre, deren sie fiinfundzwanzig hat - besitzt keine nahen Anverwandten mehr - hat keine Kenntnisse (da sie nicht einmal den Werther aus Biichern kennt) als okonomische - lieset keine Biicher, meine gar nicht - bewohnt; d. h. bewacht als SchloB- 30 hauptmannin ganz allein die dreizehn oden erledigten Zimmerdes Schlosses zu Hukelum, das dem im Filial Schadeck seBhaften Dragonerrittmeister Auf hammer zugehoret - kommandieret und bekostigt seine Froner und Magde und kann sich von Gottes Gnaden - welches im dreizehnten Jahrhunderte die landsassigen Edelleute so gut wie die Fiirsten taten - schreiben, weil sie von
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menschlicher Gnade lebt, wenigstens von der adeligen der Ritt- meisterin, die allemal die Untertanen segnet, denen ihr Mann flucht. - Aber in der Brust der verwaiseten Thiennette hing ein verzuckertes Marzipanherz, das man vor Liebe hatte fressen mo- gen - ihr Schicksal war hart, aber ihre Seele weich - sie war be- scheiden, hoflich und furchtsam, aber zu sehr - sie nahm schnei- dende Demiitigungen gern und kalt in Schadeck auf und fuhlte keinen Schmerz, aber einige Tage darauf sann sie sich erst alles aus, und die Einschnitte fingen heifl an zu bluten, wie Verwun-
10 dungen in der Starrsucht erst nach dem Voriibergang der letztern
schmerzen, und sie weinte dann ganz allein iiber ihr Los
Es wird mir schwer, wieder einen hellen Klang zu geben nach diesem tiefen und hinzuzufugen, daB Fixlein fast mit ihr aufer- zogen wurde und daB sie, als seine Schul-Moitistin driiben beim Senior, da er ihn fur die Stadtebank der Tertianer stimmfahig machte, mit ihm die verba anomala erlernte.
Das Achilles-Schild des Kuchens, den ein erhobnes Bildwerk von braunen Schuppen auszackte, ging im Quintus als ein Schwung- rad hungriger und dankbarer Ideen um: er hatte von jener Philo-
20 sophie, die das Essen verachtet, und von jener groBen Welt, die es verschleudert, nicht so viel bei sich, als zur Undankbarkeit der Weltweisen und Weltleute gehort, sondern er konnte sich fur eine Schlachtschussel, fiir ein Linsengericht gar nicht satt bedanken.
Unschuldig und zufrieden beging jetzt die viersitzige Tisch- genossenschaft - denn der Hund kann mit seinem Couvert unter dem Ofen nicht ausgelassen werden - das Fest der siiBen Brote, das Dankfest gegen Thiennette, das Laubhiittenfest im Garten. Man sollte sich freilich wundern, wie ein Mensch mit einigem Vergntigen essen konne, ohne wie der Konig in Frankreich 448
30 Menschen (161 gargons de la Maison-bouche zahl* ich gar nicht) in der Kiiche, ohne eine Fruiterie von 31 Kerls, oder eine Mund- backerei von 23 Ditos und ohne den taglichen Aufwand von 387 Livres 21 Sous zu haben. Inzwischen ist mir eine kochende Mutter so lieb wie ein ganzer mich mehr fressender als fiitternder Kii- chen-Hofstaat. Der kostliche Abhub, den der Biograph und die Welt von einer solchen Tafel nehmen diirfen, ist eine und die
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andere Tischrede von Erhebiichkeit. Die Mutter erzahlte vieles. Thiennette ziehet heute abends - hinterbringt sie - zum ersten Male einen Morgenpromenadehabit von weifier Mousseline an, desgleichen einen Atlasgiirtel und Stahlschild ; es wird ihr aber - sagt sie - nicht lassen, da die Rittmeisterin (denn diese hing an Thiennetten ihre abgeworfnen Kleider, wie Katholiken an Schutz- heilige abgelegte Kriicken und Schaden) dicker sei. GuteWeiber gonnen einander alles, ausgenommen Kleider, Manner und Flachs. In der Phantasie des Quintus wuchsen Thiennetten jetzt durch die Kleidung Engelsschwingen aus den Schulterblattern : ihm war 10 ein Kleid ein halber ausgebalgter Mensch, dem bloB die edlern Teile und die ersten Wege fehlten; er verehrte diese Duten und Hulsen um unsern Kern, nicht als Elegant oder als Schonheits- Zensor, sondern weil er unmoglich etwas verachten konnte, was andere verehrten. — Ferner las sie ihm gleichsam aus dem Grab- stein seines Vaters vor, der im zweiunddreifiigsten Jahre seines Alters dem Tode aus einer Ursache in die Arme gesunken war, die ich erst in einem spatern Zettelkasten bringe, weil ichs zu gut mit dem Leser meine. Man konnte dem Quintus nicht genug von seinem Vater erzahlen. 20
Die schonste Nachricht war, daB ihr Fraulein Thiennette heute sagen lassen : »morgen konn' er bei der gnadigen Frau vorkom- men, denn sein gnadiger Herr Pat fahre in die Stadt.« Das muB ich freilich erst klarmachen. Der alte Aufhammer hieB Egi- dius und war Fixleins Pate; aber er hatte ihm - obwohl die Ritt- meisterin die Wiege des Kindes mit nachtlichen Brotspenden, Fleisch- und Sackzehenden bedeck te - sparsam mit nichts ande- rem ein Patengeschenk gemacht als bloB mit seinem Namen, wel- ches gerade das Fatalste war. Unser Egidius Fixlein war namlich mit seinem Pudel, der wegen der franzosischen Unruhen mit an- 3o dern Emigranten aus Nantes fortgelaufen war, nicht lange von Akademien zuriick, als er und der Hund miteinander ungluck- licherweise im Hukelumer Waldchen spazieren gingen. Denn da der Quintus immer zu seinem Begleiter sagte: »Kusch, Schill (couche Gilles)«, so wirds wahrscheinlich der Teufel gewesen sein, der den von Aufhammer so wie Unkraut zwischen die Bau-
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me eingesaet hatte, daB ihm die ganze Travestierung und Wip- perei seines Namens - denn Gilles heiBt Egidius - leichtlich in die Ohren fallen konnte. Fixlein konnte weder parlieren noch injuri- ieren, er wuBte nicht ein Wort davon, was couche bedeute, das jetzt in Paris biirgerliche Hunde selber zu ihren Valets de chiens sagen; aber von Auf hammer nahm drei Dinge nie zuruck, seinen Irrtum, seinen Groll und sein Wort. Der Provokat setzte sich jetzt vor, den bjirgerlichen Provokanten und Ehrendieb nicht mehr zu sehen und zu - beschenken.
io Ich komme zuruck. Nach dem Diner guckte ef zum Fenster- chen hinaus in den Garten und sah seinen Lebensweg sich in vier Steige spalten zu ebenso vielen Himmelfahrten : zur Himmelfahrt in den Pfarrhof und in das SchloB zu Thiennetten - auf heute - und zur dritten nach Schadeck auf morgen und in alle hukelumi- sche Hauser zur vierten. Als nun die Mutter lange genug frohlich auf gespitzten FuBen herumgeschlichen war, um ihn nicht im Studieren seiner lateinischen Bibel (vulgata) zu storen, namlich im Lesen der Literaturzeitung: so macht' er sich endlich auf seine eignen, und die demutige Freude der Mutter lief dem herzhaften
20 Sohne lange hinterdrein, der sich getrauete, mit einem Senior ganz wohlgemutet zu sprechen. Gleichwohl trat er mit Ehrfurcht in das Haus seines alten, mehr grau- als kahlkopfigen Lehrers, der nicht nur die Tugend selber war, sondern auch der Hunger; denn er aB mehr als der hochstselige Konig. Ein Schulmann, der ein Pro- fessor werden will, sieht einen Pastor kaum an; einer aber, der selber ein Pfarrhaus zu seinem Werk- und Gebarhaus verlangt, weiB den Inwohner zu schatzen. Die neue Pfarrwohnung - gleich- sam als ware sie wie eine casa santa aus der FriederichsstraBe oder aus Erlang aufgeflogen und in Hukelum niedergefallen — war fur
3o den Quintus ein Sonnentempel und der Senior der Sonnenprie- ster. Pfarrer da zu werden, war ein mit Lindenhonig uberstrich- ner Gedanke, der in der Geschichte nur noch einmal vorkommt, namlich in Hannibals Kopf, als er den hatte, iiber die Alpen zu schreiten, d. h. iiber Roms Turschwelle.
Der Wirt und der Gast formierten ein vortreffliches bureau d'esprit: Leute in Amtern, zumal in ahnlichen, haben einander
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mehr zu sagen - namlich ihre eigne Geschichte - als die mtiBigen Wonnemonds-Kafer und Hof-Seligen, die nur eine fremde do- zieren diirfen. - Der Senior kam dann von seinen eisernen Stuk- ken (im Stalle) auf die Aktenstiicke seines akademischen Lebens, dessen sich solche Leute so gern wie Dichter der Kindheit er- innern. So gut er war, so dacht* er doch halb freudig daran, daB ers einmal weniger gewesen ; aber frohe Erinnerungen fehlerhaf- ter Handlungen sind ihre halbe Wiederholung, so wie reuige Er- innerungen der guten ihre halbe Aufhebung.
Freundlich und hoflich horchte Zebedaus, der nicht einmal in 10 seine Schreibtafel den Namen eines vornehmen Herrns ohne ein H. eintrug, den akademischen Flegeljahren des alten Mannes zu, der in Wittenberg ebensooft eingeschenkt als eingetunkt und gleich sehr nach der Hippokrene und nach Guckguck1 gedlirstet hatte. -
Jerusalem bemerkt schon, daB die Barbarei, die oft hart hinter dem buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von starkendem Schlammbad sei und die Oberverfeinerung abwende, mit der jener Flor bedrohe. Ich glaube, daB einer, der erwagt, wie weit die Wissenschaften bei dem Primaner steigen - vollends bei 20 einem Patriziers-Sohn aus Nurnberg, dem die Stadt 1000 fl. zum Studieren schenken muB -, ich glaube, daB ein solcher dem Mu- sensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter (das sogenannte Burschenleben) gonnen werde, das ihn wieder so stahlet, daB seine Verfeinerung nicht tiber die Grenzen geht. Der Senior hatte in Wittenberg 180 akademische Freiheiten - so viel hat deren Petrus Rebuffus aufsummiert* - gegen Verjahrung geschutzt und
1 Ein Universitatsbier.
8 Ich will nur einige diesem Peter nachschreiben, die sonst beim Auf kei- men der Universitaten alle galten: z. B. ein Student kann den Burger zwin- 30 gen, ihm Haus und Pferd zu vermieten; - ein sogar seinen Verwandten zu- gefiigter Schade wird vierfach ersetzt; - er braucht keine schriftlichen Befehle des Papstes zu vollziehen; - die Nachbarschaft mufi ihm fur das haften, was ihm gestohlen worden; — wenn er und zugleich ein Nichtstudent anstoBig lebten, so konnte nur der letztere aus dem Miethause gewiesen werden; - ein Doktor muB einen armen Studenten nahren; - wenn sein Morder nicht entdeckt wird, so bleiben die nachsten zehn Hauser unter dem Interdikt; seine Legaten werden durch die falcidia nicht verkurzt etc.
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keine verloren als seine moralische, aus der ein Mensch, sogar im Konvente, nicht viel macht. Dieses gab dem Quintus Mut, seine lustigen Reisesprunge zu referieren, die er in Leipzig unter dem Alpdriicken der Durftigkeit machte. Man hore: sein Hauswirt, der zugleich Professor und Geizhalz war, bekostigte in dem um- mauerten Hofe eine ganze Fasanerie von Huhnern. Fixlein samt einer Mitbelehnschaft von drei Stubengenossen bestritten den Mietzins einer Stube leicht; sie hatten iiberhaupt wichtige Dinge wie Phonixe nur elnmal: ein Bene, worin allemal das eine Paar
10 Vormitternacht, das andere Nachmitternacht gleich Nachtwach- tern schlief - elnen Rock, in dem einer um den andern ausging und der wie ein Wachtrock die Nationalkleidung der Kompagnie war - und mehrere Einheiten des Interesse und des Orts. Nir- gends sammelt man die Not- und Belagerungsmiinzen der Ar- mut lustiger und philosophischer als auf der Universitat: der aka- demische Burger tut dar, wie viel Humoristen und Diogenesse Deutschland habe. Unsere Unitarier hatten nur eine Sache vier- mal, den Hunger. Der Quintus erzahlte es vielleicht mit einem zu freudigen GenuB der Erinnerung, daB einer aus diesem darben-
20 den coro ein Mittel ersann, die Hiihner des ordentlichen Profes- sors wie Abgaben oder Steuern zu erheben. Er sagte (er war ein Jurist), sie sollten einmal die juristische Fiktion aus dem Lehn- rechte entlehnen, daB sie den Professor fur den Erbzinsbauer, dem ganz die NutznieBung des Hiihnerhofes und Hauses zustehe, sich aber fur die Zinsherren ansiihen, denen er seine Zinshuhner or- dentlich entrichten miiBte. Damit nun die Fiktion der Naturfolgte, fuhr er fort - fictio sequitur naturam -: so miaBten sie solche Fasnachtshuhner ihm wirklich abfangen. Aber in den Hof war nicht zu kommen. Der Feudalist machte sich daher eine Angel,
30 klebte eine Brotpille an den Angelhaken und hielt fischend seine Angelrute in den Hof hinab. In wenig Terzien griff der Haken in einen Huhnerschlund, und die angeohrte Henne, die nun mit dem zinsherrlichen Feudalisten kommunizierte, konnte still, wie vom Archimedes SchifTe, in die Hohe gezogen werden zur hungrigen Luftfischerei-Sozietat, wo ihrer nach MaBgabe der Umstande der rechte Feudal-Name und Besitz-Titel wartete: denn die resor-
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bierten Hiihner muBten bald Rauchhuhner, bald Wald-, Forst-, Vogtei-j Pfingst-, Sommerhennen benannt werden. »Ich fange damit an,« sagte der angelnde Majoratsherr, »daB ich Rutscher- linsen erhebe; denn so nennt man das Tripel und Quintupel des Zinses, wenn ihn der Zinsbauer, wie hier der Fall ist, lange zu er- legen versaumet hat.« Der Professor bemerkte, wie ein Furst, traurig die verminderte Volksmenge der Hiihner, die wie Juden am Zahlen starben. Endlich hatt' er das Gliick, als er sein Kolle- gium las — er stand gerade beim Forst-, Sal^- und Mun^regal -, durch das Fenster des Auditoriums eine wie der betende Ignazius 10 Loyola oder wie die gestrafte Juno mitten in die Luft fixierte Zinshenne wahrzunehmen ; - er ging der unbegreif lichen geraden Aszension des aronautischen Tiers nach und sah endlich oben denHebungsbedienten mit seinem tierischen Magnetismus stehen,
der aus dem Huhnerhofe die Lose zum Essen zog Er machte
aber der Htihnerbeize wider alles Erwarten noch friiher ein Ende als dem Regal-Kollegio. -
Fixlein schritt nach Hause unter dem Abend-Trompeterstiick- chen der Turm-Schallocher und nahm unterweges hof lich vor den leeren Fenstern des Schlosses den Hut ab : vornehme Hauser wa- 20 ren ihm so viel wie vornehme Leute, wie in Indien die Pagode zugleich den Tempel und den Gott bedeutet. Der Mutter brachte er erlogene GriiBe mit, die ihm authendsche zuriickgab, well sie nachmittags mit ihrer historischen Zunge und mit ihren natur- forschenden Augen bei der weiBmousselinenen Thiennette gewe- sen war. Die Mutter wies ihr jeden Notpfennig, den der Sohn in ihre groBe leere Geldtasche fallen HeB, und setzte ihn in Gunst beim Fraulein : denn Weiber neigen einem Sohn, der seiner Mut- ter zartlich einige ihrer Wohltaten zuruckzahlt, mehr und warmer ihre Seele zu als wie einer den Vater versorgenden Tochter, viel- 30 leicht aus hundert Griinden und auch aus dem, weil sie von Soh- nen und Mannern mehr gewohnt sind, daB diese bloB fiinf FuB lange - Donnerwetter, behoste Wasserhosen oder doch aus- ruhende Orkane sind.
Seliger Quintus! an dessen Leben noch der Vorzug wie ein Adlerorden schimmert, daB du es deiner Mutter erzahlen kannst,
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wie z. B. den heutigen Nachmittag im Seniorat. Deine Freude flieBet in ein fremdes Herz und stromet daraus verdoppelt in dei- nes zuruck. Es gibt eine groBere Nahe der Herzen, so wie des Schalles, als die des Echos; die hochste Nahe schmilzt Ton und Echo in die Resonant zusammen.
Es ist historisch-gewiB, daB beide abends aBen und statt des Abhubs vom Diner, der morgen selber eines vorstellen konnte, bloB den Opferkuchen oder Matzen auf den Brand-Opferaltardes Tisches legten. Die Mutter, die fur ihr leibliches.Kind nicht bloB
10 sich, sondern auch die ubrigen Menschen willig hingegeben hatte, tat ihm den Vorschlag, dem Quintaner, der drauBen spielte und einen Vogel statt sich aufatzte, keine Krume vom kostbaren Back- werk zu geben, sondern nur Hausbrot ohne Rinde. Aber der Schulmann dachte christlich und sagte, es sei Sonntag und der junge Mensch esse so gern etwas Delikates wie er. Fixlein ga- stierte, dotierte und schonte - als GegenfuBler der GroBen und Gerries — lieber den dienenden Hausgenossen als einen Menschen, der das erstemal durchs Tor passieret und auf der nachsten Station seinen Gastfreund und den letzten Postmeister vergisset. Ober-
zo haupt hatte der Quintus Ehre im Leibe, und ungeachtet seiner Schonung und Latrie des Geldes, gab ers doch gern hin in Fallen der Ehre, und ungern in Fallen eines siegenden Mitleidens, das zu schmerzlich seinen Herzbeutel auffullte und seinen Geld- beutel ausleerte. - Als der Quintaner das jus compascui auf dem Matzen exerzierte und als sechs Arme auf Thiennettens Freitisch ruhig lagen: las Fixlein sich und der Gesellschaft den flachsen- fingischen AdreBkalender vor ; etwas Hoheres konnt* er sich auBer Meusels gelehrtes Deutschland nicht gedenken - die Kammer- herrn und geheime Rate des Kalenders Hefen ihm, wie die Rosi-
3o nen des Kuchens, kitzelnd iiber die Zunge, und von den reichern
Pastoraten erhob er gleichsam durch Vorlesen den Sackzehend.
Er blieb absichtlich seine eigne Ausgabe auf sonntagigemVe-
linpapier; ich meine, er zog den Sonntagsrock sogar unter dem
Gebetlauten nicht aus: denn er hatte noch viel vor.
Nach dem Essen wollt' er zum Fraulein, als er sie wie eine Lilie in die rote Dammerung getaucht zu sehen bekam, im Schlofi-
j6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
garten, dessen westliche Grenzen sein Haus formierte, wie dessen
siidliche die sinesische Mauer des Schlosses Beilaufig, wie ich
zu allem diesen gekommen bin, was Zettelkasten sind, ob ich selber dort war etc. etc. - das soil, so wahr ich lebe, dem Leser bald und getreulich uberliefert werden, und das noch in diesem Buche. - Fixlein hiipfte wie ein Irrlicht in den Garten, dessen Blumen- dampf an seinen Suppendampf anstieB. Niemand biickte sichtiefer vor einem Edelmann als er, nicht aus pobelhafter Demut, noch aus gewinnsiich tiger Selbsterniedrigung, sondern weil er dachte: »Ein Edelmann bleibt doch immer das, was er ist.« Aber sein Buck- 10 ling flel (anstatt vorwarts) in die Quere rechts hinaus, gleichsam dem Hute nach : denn er hatte nicht gewagt, einen Stock mitzu- nehmen; Hut und Stock aber waren das Druckwerk und die Balancierstange, kurz das Bucklingsgetriebe, ohne das er sich in keine hofliche Bewegung zu setzen vermochte, und hatte man ihn dafur in das Hamburger Hauptpastorat voziert. Thiennettens Lu- stigkeit spannte seine zusammengerollte Seele bald wieder gerade und in den rechten Ton. Er hielt an sie eine lange nette Dank- und Erntepredigt fur den schuppigen Kuchen, die ihr gut und langweilig zugleich vorkam. Madchen ohne groBe Welt rechnen 20 langweilige Pedanterie bloB wie das Schnupfen zu den notwen- digen Ingredienzien eines Mannes; sie verehren uns unendlich, und wie Lambert den Konig in PreuBen wegen seiner Sonnen- augen nur im Finstern zu sprechen vermdgend war, so ists ihnen oft, glaub* ich, lieber - eben wegen unsers erhabnen Airs -, wenn sie uns im Finstern erwischen konnen. - Ihn erbauete Thiennet- tens Reichsgeschichte und Kaiserhistorie vom Herrn von Auf- hammer und der gnadigen Frau, die ihn ins Testament setzen will ; sie erbauete seine Gelehrtenhistorie, die ihn und den Subrektor betraf, wie er selber z. B. in der Sekunda vikariere und uber 30 Schuler regiere, so lang gewachsen wie er. Und so gingen beide zufrieden zwischen roten Bohnenbliiten, roten Maikafern, vor der immer defer am Horizonte niederbrennenden Abendrote den Gar- ten auf und ab und kehrten allemal lachelnd vor dem Kopfe der Gartnerin um, der wie ein Scheibenbild in das kleine Schiebfen- ster eingesetzet stand, das wieder in ein groBeres gefasset war.
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Mir ists unbegreiflich, daB er sich nicht verliebte. Ich weiB zwar seine Griinde; erstlich hatte sie nichts; zweitens er nichts und Schuldenlast dazu; drittens war ihr Stammbaum ein Grenz- baum und Verwahrungsstock ; viertens band ihm noch ein edlerer Gedanke die Hande, der aus guten Griinden dem Leser noch ver- nal ten wird. Gleichwohl - Fixlein ! hatt* ich nicht an deinem Platze sein diirfen I Ich hatte sie angesehen und mich an ihre Tugenden und an unsere Schuljahre erinnert und dann mein weichfliissiges Herz hervorgezogen und es ihr wie einen Wechselbrief prasen-
io tieret oder wie ein Ratsdekret insinuieret. Denn ich hatte erwogen, daB sie es einer Nonne in zweierlei nachtue, im guten Herz und im guten Backwerk - dafi sie trotz ihres Umganges mit mannlichen Fronern doch keine Karl Genofeva Louise Auguste Timothee Eon von Beaumont sei, sondern eine glatte, blonde, gehaubte Taube - daB sie mehr ihrem Geschlechte als unserem zu gefallen suche — daB sie ein zerflieBendes Herz, das nicht erst vom Biicherverleiher abgeholet ist, in Tranen zeige, deren sie sich aus Unschuld mehr schamt als ruhmt — Schon vor der dritten Rabatte war' ich bei solchen Griinden dagewesen mit der Spende meines Herzens. -
20 Hatt* ich vollends bedacht, Quinte! daB ich sie kenne wie mich selber, daB ihr und mir (war' ich namlich du gewesen) von dem- selben Senior die lateinischen Hande zum Schreiben gefiihret wor- den sind - daB wir uns als unschuldige Kinder vor dem Spiegel gekusset, urn zu sehen, ob es die beiden Vexierkinder im Spiegel nachmachen - daB wir oft die Hande beiderlei Geschlechts in einen Muffgeschoben und sie darin Versteckens spielen lassen; — hatt' ich endlich iiberdacht, daB wir ja gerade vor dem in der Schmelzmalerei des Abends glimmenden Glashause standen, an dessen kalten Scheiben wir beide (sie innen, ich auBen) die heiBen
30 Wangen, bloB durch den glasernen Ofenschirm gespalten, ein- ander entgegengepresset hatten : so hatt* ich die arme, vom Schick- sal auseinandergedruckteSeele>die gegen ihrWettergewolk keine groBere Erhohung zur Wetterscheide vor sich sieht als das Grab, an meine gezogen und sie an meinem Herzen erwarmt und mit
meinen Augen umgiirtet
Wahrlich der Quintus hatt' es auch getan, hatt* es der oben
7§ LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
gedachte edlere Gedanke, den ich verhalte, erlaubt! - Weich, ohne die Ursache zu wissen - daher er seine Mutter kuBte-, und selig, ohne ein gelehrtes Gesprach gefiihret zu haben, und mit einer Fracht von untertanigen Empfehlungen entlassen, die er morgen vor der Dragonerrittmeisterin abzuladen hat, kam er im kleinen Hauschen an und sah noch so lange aus seinen dunkeln Fenstern an die leuchtenden des Schlosses. - Und noch als schon das erste Viertehdes Mondes im Untergehen war, um 12 Uhr, schloB er vor dem kiihlen Anwehen eines milden, duftenden, feuchten und dasHerz beim Namen rufenden Nachtluftchens noch
einmal die Augenlider eines schon traumenden Blickes auf
Schlafe, denn du hast heute noch nichts Boses getan!- Ich will, wahrend die hangende geschlosseneBlumenglocke deines Geistes sich auf dasKopfkissen senkt,hinausschauen indiewehendeNacht auf deinen morgendlichen FuBsteig, der dich durch transparente Waldchen nach Schadeck zu deiner Gonnerin fuhrt. Der Ritt- meister bricht schon um ein Uhr auf. Du und deine Schutzpatro- nin sitzen also morgen allein beisammen. Es gelinge dir alles, narrischer Quintus! -
ZWEITER ZETTELKASTEN 20
Frau von Aufhammer — Kindheits-Resonanz — Schriftstellerei
Das friihe Gepiepe nach Atzung, das die gestern vom Quintaner aus dem Neste adoptierte Drossel schon um zwei Uhr anfing, trieb den Quintus bald in die Kleider, deren Glanzpresse und Parallellineal die Hande der besorgten Mutter waren, die ihn zur Rittmeisterin nicht wie einen »liiderlichen Hund« lassen wollte. Der Pudel wurde inkarzeriert, der Quintaner mitgenommen, des- gleichen gute Reglements von der Fixleinin, wie er sich gegen die Rittmeisterin aufzufiihren habe. Aber der Sohn versetzte : »Mama, wenn man mit der grofien Welt umgeht wie ich, mit einer Frau- 30 lein von Thiennette: so muB man doch wissen, wen man vor sich hat und was feine Sitten und Sawer di Wiwer (savoir vivre)
ZWEITER ZETTELKASTEN 79
fodern.« - Er langte mit dem Quintaner und griinen Fingern (von den Saftfarben des zerdruckten Laubes am Steige) und mit einer abgefressenen Rose zwischen den Zahnen vor den dicken
Lakaien in Schadeck an Wenn die Weiber B lumen sind — wie-
wohl ebensooft seidene und italienische und Kupferblumen als botanische — : so war die Frau von Auf hammer eine gefullte, mit ihrem Fett-Bauchkissen und Speck-Kubus. Durch die Apoplexie schon mit dem halben Korper vom Leben abgeschnitten, lag sie auf ihrem Fettpolster nur wie in ihrem weicheren Grab; gleich-
10 wohl war das, was noch von ihr iibrig war, zugleich lebhaft, fromm und stolz. Ihr Herz war ein giefiendes Fruchthorn gegen alle Menschen, aber nicht aus Menschenliebe, sondern aus stren- ger Andacht; sie begliickte, beschenkte und verschmahte die Burgerlichen und achtete an ihnen nichts als hochstens Frommig- keit. Sie nahm den nickenden Quintus mit dem zuriicknickenden Air einer Patronatsherrin auf und erheiterte sich menschenfreund- lich bei der AusschifTung der GruBe von Thiennetten.
Sie fing das Gesprach an und setzte es lange allein fort und sagte — ohne daB deswegen die Trommelsucht des Stolzes ihr
20 Gesicht verlieB -: »sie werde bald sterben, aber sie werde die Pate ihres Gemahls (den Endes-Untergestellten) schon in ihrem letzten Willen bedenken.« - Ferner sagte sie ihm gerade ins Ge- sicht, das ganz mit der vierten Bitte vollgeschrieben vor ihr stand : »auf eine Versorgung in Hukelum soil' er nicht bauen; aber zum Flachsenfinger Konrektorat (das Burgermeister und Rat besetzt) hofle sie ihm zu verhelfen, da sie bei dem regierenden Biirger- meister ihren KafFee und beim Stadtsyndikus die Lichter (er trieb einigen Grossohandel mit Hamburger Lichtern) kaufe.« - Nun kam er zum untertanigen Wort, da sie von ihm Kranken-
30 berichte iiber ihren Senior Astmann abforderte, der sich mehr von Luthers Katechismus als vom Gesundheitskatechismus raten lieB. Sie war weniger Astmanns Patronatsherrin als Patronin und ge- stand sogar, sie wiirde einem so treuen Seelenhirten bald nach- folgen, wenn sie auf ihrem Gute hier sein Sterbegelaute vernahme. So sonderbare chymischeVerwandtschaften sind zwischen unsern Schlacken und unsern Silberadern, z. B. hier zwischen Stolz und
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Liebe; und ich wiinschte, wirverziehen diese hypostatische Union alien sogernwiedenSchonen,dievon unsmit alien ihren Fehlern, wie nach Du Fay vom Magnet das mit andern Metallen ver- mengte Eisen, gleichwohl angezogen werden.
Gesetzt auch, der Teufel hatte in irgendeiner miiBigen Minute eine oder zwei Hande voll Samenkorner des Neides in die Seele des Quintus gesaet: sie waren doch nicht aufgeschossen; und heute vollends nicht, da ihm ein Mann gepriesen wurde, der sein Lehrer und - was er fur einen Titulado der Erde hielt, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Frommigkeit - ein Geistlicher war. So viel : ist freilich nach der Geschichte auch nicht zu leugnen, da6 er bei der Edelfrau geradezu mit der Supplik nachkam : »er wolle zwar gern noch einige Jahre sich in der Schule gedulden, aber dann sehn* er sich wohl in ein geruhiges Pfarr-Amtchen.« Auf ihre Frage, ob er aber orthodox sei, versetzte er : »er hofF es, er habe in Leipzig nicht nur alle publica des Doktor Burschers gehoret, son- dern auch bei einigen rechtglaubigen Magistern hospitieret, weil er wohl gewuBt, daB das Konsistorium jetzt strenger wie sonst auf reine Lehre examiniere.«
Die Kranke ersuchte ihn, einen ProbeschuB zu tun, ihr nam- ; lich eine Vermahnung am Krankenbette zu halten. — Beim Him- mel ! er hielt eine der besten. Ihr Adelsstolz kroch jetzt vor seinem Arms- und Priesterstolz zuriick: denn ob er gleich nicht mit dem Dominikanermonch Alanus de Rupe glauben konnte, daB ein Priester groBer sei als Gott, da dieser nur eine Welt, jener aber einen Gott (in der Messe) erschaffen konne: so muBte er doch einem Hostlensis beifallen, welcher gezeigt, daB die priesterliche Wurde 7644mal groBer sei als die konigliche, weil die Sonne so vielmal groBer sei als der Mond. - Vollends aber eine Edelfrau - diese verschrumpfet ganz vor einem Pfarrer. 3
In der Domestikenstube hielt er bei dem Lakaien um den vorigen Jahrgang des Hamburger politischen Journals an, weil er sah, daB man mit diesen historischen Belegen der Zeit siindlich die Knopfe der Reisekleider papillotierte. In verdriaBlichen Herbstabenden konnt* er sich doch hinsetzen und nachlesen, was sich etwan gutes Neues in der politischen Welt zutrage - im vorigen Jahr.
ZWEITER ZETTELKASTEN 8 I
Auf einem ganz mit Lorbeer vollgeladenen Triumphwagen, an den lauter Hoffnungen gespannt waren, fuhr er abends nach Hause und riet unterwegs dem Quintaner, sich keiner Sache ruhmredig zu iiberheben, sondern still Gott zu danken, wie er da tue.
Die nebeneinander aufbliihenden Lusthaine seiner vier Kani- kularwochen und das fliegende Gewimmel von Bliiten darin sind bald auf drei Seiteh gemalt. Ich will blindlings in seine Tage grei- fen und einen herausfangen: einer lachelt und duftet wie der an- dere.
3 Man nehme z. B. den Namenstag seiner Mutter Clara, den 12. August. Am Morgen hatt* er perennierende, feuerbestandige Freuden, d. h. Geschafte. Denn er schrieb, wie ich; wahrlich, wenn Xerxes einen Preis auf die Erfindung eines neuen Vergnu- gens aussetzte: so hatte der, der nur iiber die Preisfrage seine Ge- danken niederschrieb, das neue Vergniigen schon wirklich aufder Zunge. Ich kenne nur eine Sache, die siiBer ist, als ein Buch zu machen, namlich eines zu entwerfen. Fixlein schrieb kleine Werk- lein von 1I12 Alphabet, die er im Manuskript, vom Buchbinder in goldne Fliigeldecken geschniirt und auf dem Riicken mit ge-
3 druckten Lettern betitelt, in die literarische Stufensammlung sei- nes Bucherbrettes mit einstellte. Jedermann dachte, es waren No- vitaten, mit Schreiblettern gedruckt. Er arbeitete - ich will die unerheblichen Werke auslassen - an einer Sammlung der Druck- fehler in deutschen Schriften; er verglich die Errata untereinander, zeigte, welche am meisten vorkamen, bemerkte, daB daraus wich- tige Resultate zu Ziehen waren, und riet dem Leser, sie zu ziehen. Ferner trat er unter den deutschen Masorethen auf. Erbemerkte ganz richtig in der Vorrede: »Die Juden hatten ihre Masora auf- zuweisen, die ihnen sagte, wie oft jeder Buchstabe in ihrer Bibel
3 vorkomme, z. B. das Aleph (das A) 43 277 mal - wie viel Verse darin stehen, wo alle Konsonanten auftreten (26 Verse sinds) - oder nur achtzig (3 sinds) - wie viele Verse man habe, worin gar 42 Worter und 160 Konsonanten erscheinen (nur einer ist da, Jerem. XXL 7) - welches der mittelste Buchstabe in einzelnen Biichern sei (im Pentateuch 3. B. Mos. XL 42 ists1 das adelige V) 1 wie im Staate.
52 LEBEN DES QUINTUS F1XLEIN
oder gar in der ganzen Bibel. - Wo haben aber wir Christen einen ahnlichen Masorethen fur Luthers Bibel aufzuzeigen ? 1st es genau untersucht, welches in ihr das mittelste Wort oder der mittelste Buchstabe sei, welcher Vokal am wenigsten vorkomme, und wie oft jeder? - Tausend Bibelfreunde gehen aus der Welt, ohne zu erfahren, daB dasdeutsche A 32301 5 mal (also iiber 7mal ofter als das hebraische) in ihrer Bibel stehe.« -
Ich wunschte, daB Bibelforscher unter den Rezensenten es 6f- fentlich anzeigten, wenn sie diese Zahl nach einer genauern Nach- zahlung unrichtig befanden.1 10
Auch sammelte der Qumtus vieles: er hatte eine schone Kalen- der- und Katechismus- und Sedezbuchersa'rnmlung - auch eine Sammlung von Avertissements, die er angefangen, ist nicht so unvollstandig, als man sie meistens antriflt. Er schatzet sehr sein alphabetisches Lexikon von deutschen Bucherpranumeranten,wo mein Name auch mit vorkommt unter dem J.
Am liebsten gebar er Entwiirfe zu Buchern. Daher nahete er ein starkes Werk, worm er bloB den Gelehrten net, was sie zu schreiben hatten in der Gelehrtengeschichte, die er einige Zolle hoher setzte als die Welt- und Kaiserhistorie. Er hielt im Pro- 20 drom der gelehrten Republik fliichtig vor, daB Hommelem Re- gister von Juristen gegeben, die Hurenkinder gewesen', von an- dern, die Heilige geworden - Bernhardwon Gelehrten, deren Fata und Lebenslauf im Mutterleibe erheblich waren - daB Ballet die Gelehrten zusammengezahlt, die etwas hatten schreiben wollen - und Ancillon die, die gar nichts geschrieben - und der Liibecksche Superintend Got^e die, die Schuster waren, die, die ersoffen usw. Das (konnt' er jetzt fortfahren) sollte, wie es scheint, uns zu ahn- lichen Matrikeln und Musterrollen von andern Gelehrten ermun- tert haben, deren er einige vorschlage - z. B. von Gelehrten, die 30 ungelehrt waren - von ganz boshaften - von solchen, die ihr
1 Dieser Bitte gab man in Erlang Gehor. Die dasige Bibelanstalt fand statt der 116301 A, die der Quintus anfangs mit solcher GewiBheit im Bibel- werke gefunden haben wollte (daher auch diese falsche Angabe in die erste Edition dieses Buchs p. 8 1 wirklich kam), die besagten 32301 5, welches (unge- mein sonderbar) gerade die Summe aller Buchstaben im Koran iiberhaupt ist. S. Liidekes Beschr. des ttirk. Reichs. Neue AufJage 1780.
ZWEITER ZETTELKASTEN 83
eignes Haar getragen - von Zopfpredigern, Zopf-Psalmisten, Zopfannalisten etc. — von Gelehrten, die schwarzlederne Hosen, von andern, die StoBdegen getragen - von Gelehrten, die im eilften Jahre starben - im zwanzigsten - einundzwanzigsten etc. - im hundertundfunfzigsten, wovon er gar kein Beispiel kenne, wenn nicht der Bettler Thomas Parre hergezogen werden so lie - von Gelehrten, die eine noch abscheulichere Hand als andere Ge- lehrte schrieben (wovon man nur Rolfinken und seine Lettern kenne, die so lang waren wie seine Hande1) - oder von Gelehrten,
10 die einander in keine Haare gerieten als in die am Kinn (wovon keine als nur Philelphus und Timotheus bekannt sind).*
Solche Nebenstudien trieb er neben seinen Amtsarbeiten; aber ich glaube, ein Staat ist iiber so etwas toll: er vergleicht den, der in Philosophic und Belletrie groB ist auf Kosten des Amts-Schlen- drians, mit den Koniertuhren, die ihre Stunden - ob sie sie gleich mit Flotenmelodien einfassen — schlechter schlagen als dumme plumpe Turmuhren.
Um auf den Namenstag zuriickzukommen : so lief Fixlein nach solchen Anstrengungen hinaus unter die Sang-Stauden und
20 Rausch-Baume und kehrte nicht eher aus der warmen Natur zu- ruck, als bis Schussel und Stuhle schon an den Tisch gestellet waren. - Unter dem Essen fiel etwas vor, das ein Biograph nicht entbehren kann : seine Mutter muBt* ihm namlich die Landkarte seiner kindlichen Welt unter dem Kauen mappieren und ihm alle Ziige erzahlen, woraus von ihm auf seine jetzige Jahre etwas zu schlieBen war. Diesen perspektivischen AufriB seiner kindlichen Vergangenheit trug er dann auf kleine Blatter auf, die alle unsere Aufmerksamkeit verdienen. Denn lauter solche Blatter, welche Szenen, Akte, Schauspiele seiner Kinder jahre enthielten, schlich-
30 tete er chronologisch in besondere Schubladen einer Kinder- Kommode und teilte seine Lebensbeschreibung, wie Moser seine publizistischen Materialien, in besondere Zettelkasten ein.Erhatte
1 Paravicini singularia de viris claris. Cent. I. 2.
* Ejusd. Cent. II. 18. Philelphus zerfiel mit dem Griechen iiber das Mali einer Silbe; der Preis oder die Wette war der Bart des Besiegten - Timo- theus buflete seinen ein.
$4 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Kasten fur Erinnerungszettel aus dem zwolften, dreizehnten, vier- zehnten etc., aus dem einundzwanzigsten Jahre und so fort.Wollt' er sich nach einem padagogischen Baufron-Tag einen Rastabend machen: so riB er bloB ein Zettelfach, einen Registerzug seiner Lebensorgel, heraus und besann sich auf alles.
Ich muB die rezensierenden Stummen, die mir den kurzen Pro- zeB des Strangulierens an den Hals werfen wollen, ganz besonders bitten, doch nur vorher, ehe sie es darum tun, weil ich meine Kapitel Zettelkasten nenne, nachzusehen, wer daran schuld ist, und nachzudenken, ob ich anders konnte, da der Quintus selber 10 seine Biographie in solche Kasten abteilt: sie sind ja sonst billig.
Nur iiber seinen altern Bruder tat er an seine Mutter keine krankende Frage: denn diesen hatte das Schicksal auf eine eigne Art mit alien seinen genialischen Anlagen am Eisberg des Todes zertrummert. Er sprang namlich auf eine Eisscholle, die zwischen andern Schollen stockte — diese wichen aber zuriick, und seine schoB mit ihm fort, schmolz schwimmend unter ihm ein und HeB also das Feuerherz zwischen Eis und Wogen untersinken. Es tat der Mutter wehe, daB er nicht gefunden, daB sie nicht erschuttert wurde mit dem Anstarren der geschwollenen Leiche - o gute 2D Mutter, danke lieber Gott dafiir! -
Nach dem Essen ging er, um sich mit neuen Kraften fur den Schreibtisch zu riisten, bloB muBig im Hause herum und durch- zog wie eine Feuerschau der Palizei alle Ecken seiner Hutte, um aus ihnen irgendeine Kohle der ausgeglommenen Freudenfeuer seiner Kindheit aufzulesen. Er stieg unter das Dach zu den leeren Vogelhausern seines Vaters, der im Winter ein Vogler war, und musterte fluchtig die Rumpelkammer seiner alten Spielwaren, die im groBen Gebarhaus einer Kanarienhecke lag. In Kinderseelen driicken sich regelmaBige kleine Gestalten, besonders Kugel und 30 Wurfel, am tiefsten ein und ab. Daraus erklare sich der Leser Fix- leins Wohlgefallen am roten Eichhornchen-Stockhaus, an dem aus Kartoffelnsamenkapseln und weiBen Spanen zusammenge- steckten Sparrwerk, an dem heitern Glashaus einer wurfelformi- gen Laterne. Aber ganz anders erklar' ich mir folgendes: erwagte sich ohne Baubegnadigung an die Baute eines Lehmhauses, nicht
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fur Bauern, sondern fur Fliegen; daher man es gut in die Tasche stecken konnte. Dieses Miickenhospital hatte seine Glasscheiben und einen roten Anstrich und besonders viele Alkoven und drei Erker: denn Erker liebte er als ein Haus am Hause von jeher so sehr, dafi es ihm in Jerusalem schlecht gefallen hatte, wo (nach Lightfoot) keine gebaut werden durften. Aus den blitzenden Augen, womit der Baudirektor seine Mietsleute an den Fenstern herumkriechen oder aus dem Zuckertroge naschen sah - dehn sie frafien, wie der Graf St. Germain, nichts wie Zucker — , aus dieser
10 Freude hatte ein Erziehungsrat leicht seinen Hang zur hauslichen Einengung prophezeien konnen: fur seine Phantasie waren da- mals noch Gartnerhiitten zu wuste Archen und Hallen, und nur ein solches Miicken-Louvre war gerade ein nettes Biirgerhaus. - Er befiihlte seinen alten hohen Kinderstuhl, der der sedes explora- toria des Papstes glich; er riickte seine Kinderkutsche, aber er begriff nicht, welche Salbung und Heiligkeit sie so sehr von an- dern Kinderkutschen unterscheide. Er wunderte sich, dafi ihm Kinderspiele an Kindern nicht so gefielen als die Schilderungen derselben, wenn das Kind, das sie getrieben, schon aufgeschossen
20 vor ihm stand.
Vor einer einzigen Sache im Hause stand er sehnsuchtig und wehmutig, vor einem winzigen Kleiderschrank, der nicht hoher war als mein Tisch und der seinem armen ertrunkenen Bruder angehoret hatte. Da dieser mit dem Schlussel dazu von den Flu- ten verschlungen worden: so tat die zerknirschte Mutter das Ge- lubde, seinen Spielschrank nie gewalttatig aufzubrechen. Wahr- scheinlich sind nur die Spielwaren des Armen darin. Lasset uns
wegsehen von dieser blutigen Urne!
Da Baco die Erinnerungen aus der Kindheit unter die gesun-
30 den, offizinellen Dinge rechnet: so waren sie ganz naturlich ein Digestivpulver fur den Quintus. Nun konnt* er sich wieder an den Arbeitstisch begeben und etwas ganz Besonders machen - Suppliken um Pfarrdienste. Er nahm den AdreBkalender vor und machte fur jedes Pfarrdorf, das er darin fand, eine Bittschrift vor- ratig, die er so lange beiseite legte, bis sein Antezessor verstarb. BloB um Hukelum hielt er nicht an. Es ist eine schone Observanz
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in Flachsenfingen, daB man sich urn alle Amter melden muB, die offen stehen. So wie der hohere Nutzen des Gebets nicht in seiner Erfullung besteht, sondern darin, daB man sich im Beten iibt: so sollen Bittschreiben aufgesetzet werden, nicht damit man Amter erhalte - das muB durch Geld geschehen -, sondern damit man eine Supplik schreiben lerne. Freilich wird, wenn schon bei den Kalmucken das Drehen einer Kapsel1 die Stelle des Gebetes ver- tritt, eine geringe Bewegung des Beutels so viel sein, als suppli- ziere man wortlich.
Gegen Abend — Sonntags gar - schweifte er im Dorfe herum, 10 wallfahrtete zu seinen Spielplatzen und auf den Gemeindeanger, auf den er sonst seine Schnecken zur Weide getrieben - suchte den Bauer auf, der ihn von der Schule her zum Erstaunen der andern duzen durfte — ging als akademischer Lehrer zum Schulmeister, dann zum Senior — dann in die Episkopalscheune oder Kirche. Das letztere versteht kein Mensch : es brannten namlich vor drei- undvierzig Jahren die Kirche (der Turm nicht), das Pfarrhaus und - was nicht wieder herzustellen war - die Kirchenbiicher ab. Daher wufiten in Hukelum die wenigsten Leute, wie alt sie waren, und des Quintus Gedachtnisfibern selber schwankten zwischen 20 dem zwei- und dreiunddreiBigsten Jahre. Folglich muBte da ge- prediget werden, wo sonst gedroschen wird, und der Same des gottlichen Worts wurde mit dem physischen auf einer Tenne ge- worfelt: der Kantor und die Schuljugend besetzten die Tenne, die v/eiblichen Mutterkirch leute standen in der einen Panse, die Scha- decker Filial- Weiber in der andern, und ihre Manner hockten py ra- midenweise, wie Groschen- und Hellergalerien, an den Scheun- Leitern hinauf, und oben vom Strohboden horchten vermischte Seelen herunter. Eine kleine Flote war das Orgelwerk und eine umgestiirzte Bierkufe der Altar, um den man gehen muBte. Ich 3° gestehe, ich selber wiirde da nicht ohne Laune gepredigt haben. Der Senior (damals war er noch Junior) wohnte und dozierte
1 Ihr Gebetradlein, Kiiriidu, ist eine hohle Kapsel voll aufgero liter Bet- formeln, die geschwenkt wird und dann wirkt. Philosophischer genommen, ists, da beim Gebet nur die Gesinnung in Anschlag kommt, emerlei, ob sie sich durch Bewegung des Mundes oder der Kapsel aufiert.
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unter dem Pfarrbau im Schlosse;daherFixlein daselbst mit dem Fraulein die Anomala trieb.
Waren diese Entdeckungsreisen zuriickgelegt : so konnte unser Hukelumsfahrer noch nach dem Abendgebet mit Thiennetten Blattlause von den Rosen, Regenwurmer von den Beeten nehmen und einen Freudenhimmel von jeder Minute - jeder Abendtau- tropfen war mit Freuden- und Nelkenol gefarbt - jeder Stern war ein Sonnenblick der Gluckssonne — und im zugeschnurten Her- zen des Madchens lag nahe an ihm hinter einer kleinen Scheide-
10 wand (wie nahe am Heiligen hinter dem diinnen Leben) ein aus-
gedehntes Bliitenparadies Ich meine, sie liebte ihn ein wenig.
Er sollt' es wissen. Aber seine beklommene Wonne verdiinnte er, wenn er zu Bette ging, durch kindische Erinnerungen auf der Treppe. AIs Kind betete er namlich wie einen Rosenkranz unter dem Bett-Zudeck als Abendgebet vierzehn biblische Spriiche, den ersten Vers »Nun danket alle Gott«, das Zehnte Gebot und noch einen langen Segen. Um nun eher fertig zu Werden, fing er seine Gebete nicht bloB unten auf der Treppe, sondern schon an dem Orte an, wo Alexander den Menschen und Semler dumme Skri-
20 ben ten studierte. - Liefer am Hafen der Flaumwogen ein: so war er mit seiner Abendandacht fertig, und er konnte nun ohne eine weitere Anstrengung mit zugedriickten Augen gerade in die Fe- dern und in den Schlummer plumpen. — So steckt im kleinsten homunculus schon der BauriB zur - katholischen Kirche.
So weit die Hundstage des Quintus Zebedaus Egidius Fixlein. - Ich schlieBe schon zum zweitenmal die Kapitel dieser Lebens- beschreibung, wie ein Leben, mit einem Schlaf.
Dritter Zettelkasten Weihnachts-Chiliasmus - neuer Zufall
30 Uns alle zieht eine Garnitur von faden flachen Tagen wie von Glasperlen ins Grab, die nur zuweilen eine orientalische wie ein Knoten abteilt. Aber man stirbt murrend, wenn man nicht wie
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der Quintus sein Leben fur eine Trommel ansieht: diese hat nur einen ein^igen Ton, aber die Verschiedenheit des Zeitmafies gibt diesem Tone Belustigung genug. Der Quintus dozierte in quarta, vikarierte in secunda, schrieb am Pulte in der gewohnlichen Mo- notonie des Lebens fort - von den Ferien an - bis zu dem heiligen Weihnachtsabend 179 1, und nichts war denkwiirdig als bloB die- ser Abend, den ich nun malen will.
Aber ich werde diesen Abend allezeit noch malen konnen, wenn ich vorher mit wenigem berichtet habe, wie er sich gleich Zugvogeln uber den dustern nebelnden Herbst wegschwang. Er 10 machte sich namlich uber das Hamburger politische Journal, wo- mit der Bediente Knopfe kouvertieren wollen. Er konnte ruhig und mit dem Riicken am Ofen die Winterkampagnen des vorigen Jahrs mitmachen - und jeder Schlacht, wie die Aasgeier der phar- salischen, nachfliegen - er konnte auf dem Druckpapier froh und wundernd um die deutschen Triumphbogen und Geriiste zu Freu- denfeuerwerken herumgehen, indes die Leute in der Stadt, die nur die neuesten Zeitungen hielten, kaum die Trummer der von den Frankreichern boshaft niedergerissenen Trophaen behielten - ja er konnte schon mit alten Planen die Feinde zuriicktreiben, 2o indes neuere Leser sich vergeblich mit neuen wehrten.
Aber nicht bloB die Leichtigkeit, die Gallier zu ubermeistern, bestach ihn fur das Journal, sondern aucbder Umstand, daB letz- teres - gratis war. Er war auffallend auf frankierte Lektiire er- sessen. 1st es nicht daraus zu erklaren,daB er sich, wie Morhof rat, die einzelnen Hefte von Makulaturbogen, wie sie der Kramladen ausgab, fleiBig sammelte und in solchen wie Virgil im Ennius scharrte? Ja fur ihn war der Kramer ein Fortius (der Gelehrte) oder ein Friedrich (der Konig), weil beide letztere sich aus kom- pletten Biichern nur die Blatter schnitten, an denen etwas war. 30 Eben diese Achtung fur alle Makulatur nahm ihn fur die Vor- schiirzen gallischer Koche ein, welche bekanntlich aus vollge- drucktem Papier bestehen; und er wiinschte oft, ein Deutscher iibersetzte die Schiirzen: ich berede mich gern, daB eine gute Ver- sion von mehr als einem solchen papiernen Burzel und Schurz unsere Literatur (diese Muse a belles fesses) emporbringen und
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ihr statt eines Geifertuches dienen konnte. - Der Mensch legt auf viele Sachen ein pretium affectionis, bloB weil er sie halb gestoh- len zu haben hofft: aus diesem mit dem vorigen zusammenhan- genden Grunde fing der Quintus alles glaubig auf, was er ent- weder in einem collegio publico oder als hospes wegschnappte; nur Meinungen, fur die er den Professor bezahlen muBte, pruft* er streng. - Ich komme wieder auf den verschobenen Weihnachts- abend zuriick.
Eben da war Egidius froh, daB drauBen Miiller und Backer ein-
10 ander schlugen - wie man das wehende Schneien in groBen Flok- ken nennt - und daB die Eisblumen der Fenster aufbluhten - denn er hatte auBern Frost bei Stubenhitze gem -: er konnte nun Pechholz in den Ofen und MohrenkafTee in den Magen nachlegen und den rechten FuB (statt in den Pantoffel) in die warme Hiifte des Pudels schieben und doch noch auf dem linken den Starmatz schaukeln, der die Nase des alten Schilles abraupte, indes er mit der rechten Hand - mit der linken hielt er die Pfeife — so unge- stort, eingemummt, umnebelt und ohne ein frostiges Liiftchen das Wichtigste anfing, was ein Quintus machen kann - den Lek-
20 tionskatalog des flachsenfingischen Gymnasiums, namlich das Achtel davon. Ich halte den ersten Druck in der Geschichte eines Gelehrten fiir wichtiger als die ersten Drucke in der Geschichte der Buchdrucker: Fixlein konnt* es gar nicht satt kriegen, das zu spezifizieren, was er kunftiges Jahr g. G. traktieren wollte, und reihete deshalb, mehr Drucks als Nutzens wegen, noch drei bis vier padagogische Fingerzeige dem Operationsplane samtlicher Schulherren an.
Er trug nur noch einige Gedankenstriche als Faden der Rede nach und sah dann das Opus nicht mehr an, weil er es vergessen
30 wollte, damit er nach dem Abdrucke iiber seine eignen Gedanken erstaunte. Nun konnt' er den MeBkatalog, den er jahrlich statt der Biicher desselben kaufte, ohne Seufzer aufschlagen : er war auch gedruckt wie ich.
Der freudige Narr hatte unter dem Schreibeh den Kopf ge- schaukelt, die Hande gerieben, mit dem SteiBe gehiipfet, das Ge- sicht gebohnt und an dem Zopfe gesogen. Jetzt konnt* er
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abends um funf Uhr aufspringen, urn sich zu erholen, und durch den magischen Dampf der Pfeife in seinem Bauer wie ein frisch- gefangener Vogel auf- und niederfahren. In den warmen Rauch leuchtete die lange MilchstraBe der StraBenlaternen, und an sei- nem Bettvorhang hinauf lag rotend der bewegliche Widerschein der brennenden Fenster und illuminierten Baume in der Nach- barschaft. Nun nahm er den Schnee der Zeit von dem Winter- griin der Erinnerung hinweg und sah die schonen Jahre seiner Kindheit aufgedeckt, frisch, grun und duftend vor sich darunter stehen. O es ist schon, daB der Rauch, der iiber unserem verpuf- 10 fenden Leben aufsteigt, sich wie bei demvergehendenSpieBglas in neuen, obwohl poetischen Freuden-Blumen anlegt! - Er schauete aus seiner Feme von zwanzig Jahren in die stille Stube seiner El- tern hinein, wo sein Vater und sein Bruder noch nicht auf dem Welkboden und Darrofen des Todes einschwanden. Er sagte: »Ich will den heiligen Weihnachts-Abend gleich von fruh an durchnehmen.« Schon beim Aufstehen traf er auf dem Tische heilige Flitter von der Gold- und Silberfolie an, mit der das Chri- stuskind seine Apfel und Niisse des Nachts blasonieret und be- schlagen hatte.-Auf derMunzprobationswaage der Freude ziehet *° dieser metallische Schaum mehr als die goldnen Kalber, die gold- nen Pythagoras-Huften und die guldnen Philister-Arse der Kapi- talisten. - Dann brachte ihm seine Mutter zugleich das Christen- tum und die Kleider bei: indem sie ihm die Hosen anzog, rekapi- tulierte sie leicht die Gebote, und unter dem Binden der Striimpfe die Hauptstiicke. Wenn man kein Talglicht mehr brauchte: so maB er, auf dem Arm des GroBvaterstuhles stehend, den nacht- lichen SchuB des gelben klebrigen Laubes der Weihnachtsbirke ab und wandte viel weniger Aufmerksamkeit als sonst auf den kleinen weiBen Winterflor, den die Hanfkorner, die die oben han- 30 gende Voliere verzettelte, aus den nassen Fensterfugen auftrie- ben. - Ich verdenke dem J. J. Rousseau seine flora petrinsularis1 gar nicht; aber er nehme auch dem Quintus seine Fenster-Flora nicht libel. - Da den ganzen Tag keine Schule war: so war Zeit genug ubrig, den Metzger (seinen Bruder) zu bestellen und das 1 Die er von seiner Petersinsel im Bielersee Iiefern wollte.
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Hausschlachten (wenn war besseres Frostwetter dazu?) vorzu- nehmen. Der Bruder hatte einige Tage vorher mit Lebens- und Priigelgefahr das Maststiick in dem Luftloch eines SchloBfensters gefangen, indem er, auf der Fensterbriistung stehend, die hinaus- gebogene Hand auf das Nachtlager des darin hockenden Mast- ochsen - so nennten sie den Spatzen - deckte. Es fehlte der Schlachterei weder an einem holzernen Beile, noch an Wiirsten, Pokelfleisch u. dgl. - Um drei Uhr setzte sich der alte Gartner, den die Leute den Kunstgartner nennen muBten, mit einer kolni-
10 schen Pfeife in seinen groBen Stuhl, und dann durfte kein Mensch mehr arbeiten. Er erzahlte bloB Liigen vom aronautischen Chri- stuskind und vom rauschenden Ruprecht mit Schellen. In der Dammerung nahm der kleine Quintus einen Apfel, zerfallte ihn in alle Figuren der Stereometrie und breitete sie in zwei Abtei- lungen auf dem Tische auf; wurde nachher das Licht eingetragen : so fing er an zu erstaunen uber den Fund und sagte zum Bruder: »Sieh nur, wie das fromme Christkindlein mir und dir bescheret hat, und ich habe einen Fliigel von ihm schimmern sehen.« Und auf dieses Schimmern lauerte er selber den ganzen Abend auf. -
20 Schon um acht Uhr - er steifet sich hier meistens auf die Chro- nik seiner Zettel-Kommode - wurden beide mit wundgeriebe- nem Halse und in frischer Wasche und der allgemeinen Besorgnis, daB der heilige Christ sie noch auBer den Betten erblicke, in diese geschafft. Welche lange Zaubernacht ! - Welches Getiimmel der traumenden HofFnungen ! - Die gestalten voile, schimmernde Bau- mannshohle der Phantasie zieht sich in der Lange der Nacht und in der Ermattung des traumerischen Abarbeitens immer dunkler und voller und grotesker hin - aber das Erwachen gibt dem diir- stenden Herzen seine Hoffnungen wieder. - Alle Tone des Zu-
jo falls, der Tiere, des Nachrwachters sind der furchtsam-andachti- gen Phantasie Klange aus dem Himmel, Singstimmen der Engel in den Liiften, Kirchenmusik des morgendlichen Gottesdienstes.- Ach das bloBe SchlarafTenland von EB- und Spielwaren war es nicht, was damals mit seiner Perspektive wie ein Freudenstrom gegen die Kammern unsers Herzens sturmte und was ja noch jetzt im Mondlicht der Erinnerung mit seinen dammernden Land-
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schaften unsere Herzen sufi aufloset. - Ach das war es, das ists, daB es damals fur unsere grenzenlosen Wiinsche noch grenzen- lose HofFnungen gab; aber jetzt hat uns die Wirklichkeit nichts gelassen als die Wiinsche!
EndlichliefenschnelleLichterderNachbarschaftiiber die Wand, und das Weihnachts-Trommeten und Hahnengeschrei vom Turin riB beide Kinder aus den Betten. Mit den Kleidern in den Handen — ohne Bangigkeit vor dem Dunkel - ohne Gefuhl des Morgen- frostes - rauschend - trunken - schreiend stiirzen sie von der Treppe in die dunkle Stube. — Die Phantasie wiihlet im Back- und Obstgeruche der verfinsterten Schatze und malet ihre Luft- schlosser beim Glimmen der Hesperidenfruchte am Baume. - Unter dem Feuerschlagen der Mutter decken die fallenden Fun- ken das Lustlager auf dem Tisch und den bunteri Lusthain an der Wand spielend auf und zu, und ein einziger Glut-Atom tragt den hangenden Garten von Eden.
Plotzlich wurd' es licht, und der Quintus bekam das - Konrek- torat und eine Stutzuhr
VlERTER ZETTELKASTEN
Amter-VerschleiB - Entdeckung des versprochenen Geheimnisses - Hans von Fiichslein
Indem namlich der gewesene Quintus in seiner dampfenden Stube, dem Resonanzboden seiner Kinderjahre, auf- und ablief : kam der Ratsdiener mit einer Laterne und mit der Vokation, hinter ihm der Jager der Frau von Aufhammer mit einem Briefchen und mit einer Stutzuhr. Die Rittmeisterin hatte den Ehrensold fur seine Kanikularvermahnung am Krankenbette in ein Weihnachtsge- schenk verwandelt, das bestand i) aus einer Stutzuhr, an der ein holzerner Affe mit dem Glockenschlage vortrat und es nachtrom- melte, wie viel Uhr es sci - 2) aus dem Konrektorat, das ste ihm 3o ausgewirkt.
Da man auswarts uber diese Vokation des Flachsenfinger innern
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Rats gar nicht so geurteilt hat, wie man hatte sollen : so halt* ichs fur meine Pflicht, fur den gesamten Rat lieber hier eine Defension zu fuhren als im Reichsanzeiger. Ich habe schon oben im zweiten Zettelkasten erwahnt, daB derStadtsyndikus mitHamburger Lich- tern und der regierendeBurgermeister mitKaffeebohnen handelte, sowohl mit halben als mit gemahlnen. Der Kompagnie-Stichhan- del aber, den sie gemeinschaftlich betrieben, war mit den acht Schulamtern; die andern Ratsglieder saBen nur als Ballenbinder, Ladendiener und Kontoristen in der Ratsschreibstube. Das ganze 10 Rathaus ist iiberhaupt ein ostindisches Haus, wo nicht bloB De- krete oder Vokationen, sondern auch Schuhe und Tiicher feil- gehalten werden. Eigentlich ftihret der Rat seine Amterhandels- Freiheit aus dem Grundsatze des romischen Rechtes her: cui jus est donandi, eidem et vendendi jus est, d. h. wer das Recht hat, eine Sache zu verschenken, der darf sie auch kauflich erlassen, wenn er mag. Da nun den Ratsgliedern offenbar das Recht zu- steht, Amter gratis zu erteilen: so muB sich wohl das, sie zu ver- kaufen, von selber verstehen.
Nur ein Extrawort uber die Vokationen-Agioteurs iiberhaupt
20 Ich sorge im ganzen, die Akademien-Produkten-VerschleiB- Kommission1 des Staats betreibe den Amterhandel schlafT. Wer aber anders als das gemeine Wesen muB am Ende leiden, wenn wichtige Posten nicht nach dem Kaufschilling, der fur sie erleget wird, sondern nachKonnexionen,Verwandtschaften, parteiischen Empfehlungen und Bucklingen weggegeben werden? Ists nicht ein Widerspruch, Titularamter teuerer abzustehen als wirkliche? Sollte man nicht eher hoffen, daB der wirkliche Hofrat urns alterum tantum im Verhaltnis des Titularhofrats versteigert werde? - Das Geld ist nun bei den europaischen Nationen das
3o Aquivalent und der Reprasentant des Wertes aller Dinge und folglich des Verstandes, um so mehr, da ein Kopffarzut steht; die Kaufsumme des Amtes aufzahlen, ist also nichts als ein ex-
1 Entlehnt von der k. k. Bergwerks-Produkten-VerschleiB-Kommission in Wien; sogar in Namen zeigt der Wiener Geschmack.
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amen rigorosum aushalten, das nach einem guten Schema exami- nandi gehalten wird. Es umkehren und seine Geschkklichkeit statt deren Surrogate und Assignate und Miinzen de conflance zeigen wollen, heiBet nichts als den narrischen Philosophen in Gullivers Reisen gleich werden, die statt der Namen der Dinge die Dinge selber in Sacken getragen brachten zum gesellschaft- Hchen Verkehr ; und das heiBet doch klar in die Zeiten des Tausch- handels zuriickfallen wollen, wo die Romer, anstatt des abgebil- deten Ochsen auf ihren Ledermunzen, das Rindvieh selber vor- fuhrten. 10
Ich bin von alien solchen unrichtigen MaBregeln so weit ent- fernt, dafi ich oft, wenn ich las, daB der Konig in Frankreich neue Amter ersinne, um mit ihnen unter der Bude seines Baldachins feilzustehen, auf etwas Ahnliches dachte. Ich will es ruhig wenig- stens vorschlagen und mich nicht daruber abharmen, ob es die Staaten annehmen oder nicht. Da der Landesherr uns nicht ver- gdnnt, die Amter bloB zum Verkaufe zu vervielfaltigen, weil er vielmehr Tag und Nacht (wie Regisseurs der wandernden Trup- pen) einem Staats-Akteur mehrere Rollen zudenkt, um zu den drei theatralischen Einheiten die vierte der Spieler zu setzen; da 20 also das obige nicht geht: konnten wir nicht wenigstens einige Tugenden, die mit den Amtern harmonieren, als Titel zugleich mit diesen verkaufen? — Konnte man nicht z. B. mit dem Amte eines Referendars zugleich Titular-Unbestechlichkeit verkauf lich losschlagen, so aber, daB diese Tugend, als nicht zum Amte ge- horig, besonders vom Kandidaten bezahlet wiirde? - Ein solcher Kauftitel und Briefadel konnte keinen Referendarius verunzieren. Man bedenkt nicht, daB ahnliche schone Titel sonst alle Posten schmiickten : der scholastische Professor schrieb sich damals (noch auBer seinem Amtstitel) »der seraphische - der unwiderlegliche — 30 der scharfsinnige« - der Konig schrieb sich »der groBe - der kahle - der kuhne - der einfaltige« - und so auch der Rabbiner. Wurd' es den Mannern in den hohern Justizstellen unangenehm sein, wenn ihnen die Titel der Unparteilichkeit, der Schnelligkeit etc. so gut kauflich erlassen wurden als die Posten selber? So konnte mit einer Kammerratsstelle die Tugend der Untertanenliebe schon
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als Titel verknupfet werden ; und ich glaube, wenige Advokaten wiirden sich bedenken, sich den Titel der Rechtschaffenheit - so gut wie den gewohnlichen der Regierungsadvokatie - anzuschaf- fen, war* er anders zu haben. Wollt* indes ein Kandidat seinen Posten ohne die Tugenden haben : so stand' es bei ihm, und der Staat durfV ihn zu dieser Vexier-Moralitat nicht zwingen.
Es kann sein, daB, wie nach Tristram Shandy Kleider, nach Walther Shandy und Lavater nomina propria auf den Menschen zuruckwirken, appellativa es noch mehr tun, da ohnehin an uns,
10 wie an den Schaltieren, sick der Schaum so oft %ur Schale verstei- nerty aber diese Moralitat ists nicht, worauf ein Staat sehen kann: wie bei den schdnen Kiinsten ist nicht sie, sondern Darstellung sein wahrer Zweck.
Es wurde mir oben ordentlich sauer, fiir die verschiedenen Amter mir verschiedene Verbaltugenden zu erdenken; aber ich sollte glauben, es waren noch viele dergleichen Abteilungen der Tugend (jetzt fallt mir selber noch der Freiheitsgeist, die Auf- richtigkeit und der gerade Sinn ein) auszukundschaften, wollte nur ein moralischer Staatsminister eine ordentliche Tugenddivi-
20 sions-Kammer oder ein moralisches Adrefi-Departement mit eini- gen Kanzelisten anstellen, die gegen geringen Gehalt die ver- schiedenen Tugenden fiir die verschiedenen Amter ersannen. Ich wiirde an ihrem Platze ein gutes Prisma vor den weiBen Strahl der Tugend halten, das ihn gehorig zersetzte. Zu wiinschen war* es, es betrafe Verbrechen - deren Subsubdivision namlich - : so konnten Gerichtshalter dazu genommen werden. Denn in den Gerichtsstellen, wo nur niedere Gerichtsbarkeit und keine Strafe iiber 5 ft. frankischer Wahrung stattfindet, haben sie ein tagliches Exerzitium, wie sie aus jedem Unfug mehrere kleinere machen
30 wollen, wovon sie jeden niemals iiber 5 fl. bestrafen. Es ist dieses ein gutes moralisches Rolfiriken, das die Juristen gliicklich dem Siinden-Prosektor, dem heiligen Augustin, und seiner Sorbonne absahen, die beide in Adams Sundenapfel mehr Siinden einschnit- ten, als jener in einen Kirschkern Gesichter. Wie verschieden ist der Gerichtshalter vom papstlichen Kasuisten, der die beste Tod- siinde durch Seitenschnitte in eine laBliche zu verdiinnen weiB ! -
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Schulamter (urn auf diese zu kommen) sind zwar ein kleiner Handelsartikel; sie sind aber doch allemal Monarchien - Schul- monarchien namlich — , die der polnischen Krone gleichen, die nach Popes Verse zweimal in einem Jahrhundert feilsteht, wel- ches arithmetisch falsch ist, weii Newton die Regiments-Jahre im Durchschnitt auf zweiundzwanzig Jahre ansetzt. Ob iibrigens der innere Rat die Stadtjugend einem Hamelschen Ratten- und Kin- derfanger oder einem WeiBeschen Kinderfreunde zufuhre - das kann fur den Rat keinen Unterschied machen, da der Schulmann kein Gaul ist, fur dessen unsichtbare Mangel der RoBtauscher zu i0 haften hat. Es ist genug, wenn Stadtsyndikus et Compagnie sich nicht vorwerfen konnen, daB sie ein Genie ausgeklaubet haben; denn ein Genie wiirde, da es nur zur Zierde und Belustigung des Staates zu verbrauchen ist, allerd'ings den schlechtern, kaltern Kopf verdrangen, der eigentlich der wahre Nutzen und Kuxe des Staates ist, so wie gute Lot- und Zahlperlen bloB zum Putze, schlechte Samenperlen aber zum Medizinieren dienen.Wenn iiber- haupt ein Schullehrer vermogend ist, seinen Scholaren auszu- wichsen: so kann er im ganzen genug; und ich tadle es, daB die Oberexaminationskommission keinen Schulmann vor ihren 20 Augen einige odermehrerejungeLeute aus seinerKlasse zur Probe prugeln lasset, urn zu sehen, was an ihm ist.
Ende des Extrawortes uber Vokationen-Agioteurs uberhaupt
Nun wieder zur Geschichte ! Die Rats-Bewindheber erkannten meinem Helden das Konrektorat nicht bloB des groBern Lichter- und Bohnen-Absatzes wegen zu, sondern wegen einer ganz tollen Vermutung: sie glaubten namlich, der Quintus verfahre bald Todes.
- Und hier steh* ich vor einem wichtigen Platze dieser Ge- schichte, in den ich bis jetzt niemand sehen lassen; jetzt aber 50 kommts nicht mehr auf meinen Willen an, die bisherige spani- sche Wand wegzuschieben oder nicht, sondern ich muB sogar Reverberierlaternen dariiber aufhangen. Es ist namlich in der medizinischen Geschichte etwas ganz Bekanntes, daB man in ge- wissen Familien gerade in einem Alter stirbt, wie man darin auch
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in einem Alter (namlich von neun Monaten) geboren wird; ja aus Voltaire entsinn' ich mich einer Familie, worin die Verwandten sich immer in demselben Alter entleibten. In der Fixleinischen Verwandtschaft war nun die Gewohnheit, daB die mannlichen Aszendenten immer im zweiunddreiBigsten Jahre am Kantate- sonntag sich hinlegten und starben : es muB sichs jeder in sein Exemplar vom dreiBigjahrigen Kriege, weils Schiller ganzlich weggelassen, nachtragen, daB darin ein Fixlein an der Pest, einer am Hunger und einer an einer Flintenkugel starb, alle im zwei- 10 unddreiBigsten Jahre. Wahre Philosophic erklart sich das Fak- tum so: »Die ersten paar Male traf sichs nur zufalligerweise so; - und die ubrigen Male verstarben die Leute an der bloBen Angst: widrigenfalls miiBte man das ganze Faktum lieber in Zweifel Ziehen. «
Was machte aber Fixlein aus der Sache? - Wenig oder nichts: das einzige, was er tat, war, daB er sich wenig oder nicht befliB, sich in Thiennette zu verlieben, damit kein anderer seinetwegen in Angst geriete. Er selber aber schor sich aus fiinf Griinden so wenig darum, daB er alter als der Senior Astmann zu werden ver- so hoffte: erstlich, weil drei Zigeunerinnen in verschiedenen Orts- und Zeitraumen, und ohne etwas voneinander zu wissen, darin zusammengetrorTen hatten, daB sie ihn dieselbe Hauptallee langer Jahre in ihren Zauberspiegeln erblicken lieBen - zweitens, weil er kerngesund war - drittens, weil sein eigner Bruder eine Ausnah- me gemacht hatte und vor den D reiBigern ersofFen war - viertens darum : als kleiner Knabe wurd' er gerade an dem Kantatesonn- tage, wo man seinen Vater aufs Leichenbrett band, vor Kummer krank und nur durch sein Spielzeug geheilt; mit diesem Kantate- Siechtum aber glaubte er den mordenschen Genius seines Stamms 30 recht gut abgefunden zu haben. Funftens konnt' er, weil die Kir- chenbiicher und mithin die GewiBheit seines Alters zusammen- gebrennt waren, niemals in eine bestimmte todliche Angst ge- raten: wlch kann heimlich«, sagt* er, »schon iiber das Schelmjahr weggewischet sein, ohne daB es ein Henker gemerkt hat.«- Ich verhehr es nicht, schon im vorigen Jahre dacht* er, er sei ein Zwei- unddreiBiger: »Sollt' ichs dennoch« (sagte er) »erst im kiinftigen
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(1792) g. G. werden: so kanns so gut ablaufen wie im vorigen, und der Herr kann mich ja iiberall finden. Und war* es denn un- recht, wenn die hiibschen Jahre, die dem Leben meines Bruders abgebrochen wurden, meinem zugeschlagen wurden ?« - - So sucht sich der Mensch unter dem kalten Schnee der Gegenwart zu erwarmen oder sich aus ihm einen schonen Schneemann zu kneten.
Hingegen die ratsherrliche Oligarchic fuBete aufs Widerspiel und hob eben wie eine Gotthek den Quintus plotzlich aus der Quintei ins Konrektorat, weil sie darauf schwur, er erledig' es 10 bald. Eigentlich hatte nach der Schul-Anciennete dieser heilige Stuhl dem Subrektor Hans von Filckslein gebiihrt; aber er mocht' ihn nicht, weil er Hukelumer Pfarrer werden wo lite, zumal da Ast- manns Todesengel nach sichern Nachrichten die Tiire zu diesem Schafstall immer weiter aufschloB. »Treibts der Kerl noch hoch- stens ein Jahr, so ists viel«, sagte Hans.
Dieser Hans war so grob, daB es schade ist, daB er nicht ein kurhannoverischer Postbediente war, weil er dann durch das Mandat der hannoverischen Regierung, das alle Postamter zu feinen Sitten verwies, sich mit hatte umbessern konnen. Er war 20 unserem armen Quintus, den kein Mensch anfocht und der wieder keinenMenschen haBte,allein aufsatzig,bloB weilFixIeln sich nicht Fuchslein schrieb und sich nicht mit ihm hatte adeln wollen lassen. Der Subrektor muBte auf seinem adeligen Triumphwagen, den die Vorspann von vier vorausgegebenen Ahnen zog, den Quin- tus, der mit ihm verwandt war, hinten in den Lakaienriemen des Wagens greifen sehen und ihn mit dem jammerlichsten Aufzuge von der Welt zu dem Gefolge sagen horen : »Der da fahrt, ist mein Vetter und ein Mensch, und ich erinnere ihn immer daran.« Der milde nachgiebige Quintus wurde die groBe Wespen-Giftblase 30 im Subrektor gar nicht gewahr und nahm sie fur den Honig- magen; ja durch seine bruderliche Warme, die der Edelmann fur Schein ansah, kochte er dessen giftigen Safte nur noch dicker. Der Quintus sah aus Einfalt die Verachtung fur Neid iiber seine padagogischen Talente an.
Einen Katharinenhof - einen Annenhof - einen Elisabeth-,
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Strahlen- und Petershof, alle diese russische Lustschlosser kann einer entraten (wenn nicht verachten), der eine Stube hat, worm er am heiligen Weihnachtsabend m'it einer Vokation herumstreift. Der neue Konrektor wiinschte sich nun nichts als - hellen Tag: Freuden (Sorgen nie) frafien ihm wie Spatzen die Schlummer- korner weg, und heute trommelte ihm noch dazu der Rechnungs- fiihrer seiner frohen Zeit, der Uhr-Affe, alle Stunden vor, die er freudig vertraumte, anstatt verschnarchte.
Am Weihnachtsmorgen erblickt* er seinen Lektionskatalog
io und machte nicht viel daraus: er wuBte kaum, was er von seinem gestrigen narrischen Aufblahen iiber seine Quintur nun denken sollte: »Die Quintus-Stelle«, sagt* er zu sich, »kommt gegen em Konrektorat in gar keine Betrachtung - mich wunderts, wie ich gestern damit stolzieren konnte vor meiner Veranderung - heute hatte ich doch eher Fug dazu.« Heute speisete er, wie an alien Sonn- und Festtagen, beim Metzgermeister Steinberger, seinem vormaligen Vormund. Fixlein war gegen ihn das, was gemeine Leute immer, was aber vornehme und philosophische und gefuhl- volle selten sind - dankbar: der Mensch dankt desto weniger fur
20 fremde Geschenke, je. geneigter er ist, eigne zu machen, und der Freigebige ist selten ein Dankbarer. Meister Steinberger hatte als Proviantmeister an den Drahtkafig der Dachstube, worin Fixlein als Student in Leipzig hing, vollgedriickte FreBnapfchen mit Kanarienfutter von Gerauchertem, von Hausbrot und Sauerkraut angesteckt. Geld aber war ihm niemals abzubetteln: es ist be- kannt, daB er oft die besten Kalbshaute zu Stiefelleder fur den Quintus zum Gerber gratis schickte; aber die Gerb-Kosten muBte der Miindel tragen. Als Fixlein kam^ wurd' ihm wie allemal ein kleineres gemodeltes Tischtuch aufs grobe gedeckt - der GroB-
30 vaterstuhl, ein silbernes Besteck und eine Weinsuppe gereicht; lauter Aufwand, der sich, wie der Vormund sagte, nur fur einen Gelehrten schickte, aber fur keinen Fleischer. Fixlein aB erst, eh' er entdeckte, daB er Konrektor geworden. »Mundel, wenn Er« (sagte Steinberger) »das geworden ist: so ists.recht gut. - Siehst du, Eva, jetzt kauf ich keinen Schwanz von deinen Kiihen - ich muB es gerochen haben.« Er sagte seiner Tochter damit, daB er
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den fur die Schweizerei bestimmten Kaufschilling fur das Kon- rektorat verwenden miisse: er streckte namlich dem Mundel alle- zeit die Amter-Spesen vor, zu 4 1/2 Prozent. Funfzig Gulden hatt' er dem Quintus schon zur Quintus- Werdung geliehen, die rich- tig verzinset werden muBten; an dem Zinstage aber bekam Fix- lein allemal noch Geld heraus, weil er die Tochter des Vormundes alle Sonntage nach dem Essen im Rechnen, Schreiben und in der Landerkunde vornehmen muBte. Steinberger foderte mit Recht von seiner leiblichen achtzehnjahrigen Tochter, daB sie alleStadte wissen sollte,worin er auf seiner Wanderschaftgeschlachtet hatte; 10 und wenn sie nicht aufpaBte, oder krumm schrieb, oder falsch subtrahierte: so stand er als akademischer Senat und Freischoppe hinter ihrem Stuhl und zackte sozusagen mit dem Zainhammer seiner Faust das im Ruckgrat fortgesetzte Gehirn zur Kultur mit wenig Schlagen aus. Der sanfte Quintus hatte sie ohnehin nie gepriigelt. Deswegen hatte sie ihm vielleicht mit einigen Blicken ihr Herz legiert und testiert. Der alte Fleischer hatte - eben weil seine Frau gestorben war - immer mit Grubenlichtern und Stor- stangen den Inhalt aller Winkel, die nur im Herzen einer Tochter liegen, ausgeforscht; und hatte daher langst das gemerkt - was *° der Quintus niemals merkte-, daB sie letztern haben wolle. Mad- chen verstecken ihren Kummer leichter als ihre Freuden: heute war Eva iiber das Konrektorat ungewohnlich rot geworden.
Als sie heute nach dem Essen den Kaffee holte, den der Mundel bis auf den Bodensatz austrinken muBte - »ich schlage meine Eva tot, wenn sie ihn nur anleckt«, sagte er -: so^agt' er zu Fixlein: »Hor' Er, Herr Mundel, hat Er niemals ein Auge auf meine Eva geworfen? - Sie kann Ihn leiden, und wenn Er sie will, kriegt Er sie, aber wir sind geschiedene Leute: denn ein gelehrter Herr braucht eine ganz andere.« — ?°
»Herr Regimentsquartiermeister«, sagte Fixlein (denn diesen Posten bekleidete Steinberger bei der Landmiliz), »eine solche Partie ware ohnehin viel zu reich fur einen Schulmann.« Der Quartiermeister nickte mit dem Kopfe siebenzigmal und sagte zur wiederkehrenden Eva, indem er ein Krummholz, woran er Kalber aufspreizte und aufhing, vom Gesimse nahm : »Bleib ste-
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hen! - Hore, willst du gegenwartigen Herrn Konrektor zu dei- nem Ehegemahl haben?« - »Ach du groBer Gott!« sagte Eva. - »Du magst ihn nun wollen oder nicht,« fuhr der Metzger fort, »so schlagt dir dein Vater mit dem Krummholz das Gehirn ein, wenn du nur an einen gelehrten Herrn denkst - mach jetzt seinen KafTee.« So war durch das Trennmesser des Krummholzes leicht eine Liebe zerschlagen, die in einem hohern Stande durch dieses Dazwischenschlagen mit dem Schwerte nur desto mehr geschau- met und gegischet hatte.
10 Fixlein konnte nun zu jeder Stunde 50 fl. frankisch erheben und den padagogischen Reichsapfel ergreifen und Koadjutor des Rektors, d. h. Konrektor werden. Man kann annehmen, daB es mit den Schulden wie mit den Verhaltnissen in der Baukunst ist, von denen Wolf erwies, daB die die schonsten skid, die sich mit den kleinsten Zahlen ausdriicken lassen. Inzwischen griff der Quartiermeister Gelehrten willig unter die Arme: denn die Mei- nung, daB der Schuldner im zweiunddreiBigsten Jahre sterben und daB so dem Tod als Glaubiger in der ersten Klasse die Schuld der Natur eher bezahlet werde als andern Kreditoren die ihrigen,
20 diese Meinung nannt' er Viehdummheit und Narretei; er war weder aber- noch rechtglaubig und handelte nach festen Grund- satzen, die der gemeine Mann weit ofter hat als der prahlende Literatus und der ode weiche GroBe.
Da ich nur einzelne helle Marientage- warme Walpurgisnachte - hochstens bunte Rosenwochen aus dem in Alltagsschlacken vererzten Leben Fixleins wie Silberadern scheide und sie fur den Leser poche, schmelze und glatte : so mufi ich jetzt mit dem Bache seines Lebens gehen bis an den Kantatesonntag 1792, bevor ich einige Handvoll Goldkorner zur Wasche in diese biographische
30 Goldhutte tragen kann. Dieser Sonntag hingegen ist sehr gold- haltig: man denke nur daran, daB Fixlein doch nicht weifi (weil die Asche der Kirchenbucher unleserlich ist), ob er da nicht ins zweiunddreiBigste Jahr einlaufe.
Von Weihnachten bis dahin tat er weiter nichts, als daB er Konrektor wurde. Der neue Katheder war ein Sonnenaltar, auf dem sich aus der Quintus-Asche ein junger Phonix zusammenzog.
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GroBe Veranderungen verjiingen - in Amtern, Ehen, Reisen -, weil man das Leben allezeit von der letzten Revolution an datiert, wie die Franzosen von der ihrigen an. Ein Obrist, der in die Wesenleiter der Anciennete den FuB als Korporal eingesetzet hatte, ist fiinfmal j linger als ein Konig, der in seinem Leben nichts weiter war als ein - Kronprinz.
FiJNFTER ZETTELKASTEN Der Kantatesonntag — zwei Testamente — Pontak - Blut - Liebe
Die Friihlingsmonate kleiden die Erde neu und bunt, aber den Menschen meistens schwarz. Gerade wenn unsere Eisregionen zu 10 fruchtbaren werden und die Blumenwellen der Auen uber unsern Weltteil zusammenschlagen : so stoBen uns iiberall Menschen in Floren auf, deren Friihlingsanfang voll Tranen ist. Aber auf der andern Seite ist ja das Aufbliihen der verjiingten Erde die beste Kurzeit gegen den Schmerz uber die, die in ihr liegen, und Blu- men verhiillen uns Graber besser als Schnee. - - Der alte Lehrer des Konrektors, Astmann, begegnete im April, der weniger ver- anderlich als todlich ist,, dem Tode, der ihm das am Magen sie- chende Gehirn eindriickte. Man wollte seinen Abschied der Ritt- meisterin verdecken ; aber das ungewohnliche Leichengelaute trug 20 ihr seinen Schwanengesang ans Herz und setzte die Abendglocke ihres Lebens allmahlich in ahnlichen Schwung. Alter und Leiden hatten an ihr schon dem Tode die ersten Einschnitte vorgezeich- net, daB er wenig Miihe brauchte, sie ganz zu fallen; denn den Menschen geht es wie den Baumen, die lange vor dem Umsagen eingekerbet werden, damit ihnen der Lebenssaft entflieBe. Der zweite SchlagfluB traf sie in geringer Entfernung vom letzten: es ist sbnderbar, daB der Tod, wie Gerichte, die Schlagfliissigen dreimal zitieret.
Die Menschen schieben ihren letzten Willen gern so lange hin- 3° aus wie ihren bessern: die Rittmeisterin hatte vielleicht alle ihre Stunden bis auf die sprachlose und taube ohne Testament ver-
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rollen lassen, hatte nicht Thiennette in der letzten Nacht, ehe sie aus der Krankenwarterin die Leichenfrau wurde, die Sieche auf den armen Konrektor gebracht und auf sein darbendes Leben und auf die schmalen Lebensdiaten und Alimentengelder, die ihm das Gliick ausgeworfen, und auf seine leere Zukunft, wo er als gelbes mattes Gewachs in den trockenen Dielen-Fugen derSchul- stube zwischen Schiilern und Glaubigern welken werde. Ihre Durftigkeit war ihr das Modell zur seinigen, und ihre innern Tranen waren die flussigen Tuschen ihres Gemaldes. Da die Ritt-
10 meisterin nur fiir Domestiken testierte und bei den mannlichen anflng: so stand Fixlein obenan - und der Tod, der ein beson- derer Hausfreund des Konrektors sein muB, hob nicht eher seine Sense auf und tat den letzten Schnitt, als bis sein Muttersohnchen mit vernehmlicher Stimme zum Testamentserben erklaret war: dann schnitt er alles ab, Leben, Testament und Hoffnungen. -
Als der Konrektor auf einem Waschezettel seiner Mutter diese zwei Todes- und Hiobsposten in seiner Sekunda erfuhr: so war das erste, was er tat, daB er die Sekundaner entlieB und in Tranen ausbrach, ehe er im Konrektorat angekommen war. Ob ihm gleich
20 die Mutter mit geschrieben hatte, daB er im Testament bedacht geworden - ich wiinschte aber, der Gerichtshalter hatte ausge- plaudert, wie viel es gewesen -: so fielen ihm fast mit jedem O, das er masorethisch in der deutschen Bibel assortierte und ein- trug, groBeTropfen in die Feder und machten die Dinte zu blaB. Ihn zerfraB nicht der poetische Schmerz des Dichters, der die klaffenden Wunden in Leichenschleier hullet und den Schrei durch sanftes Trauergetone bricht, noch der Schmerz des Philo- sophen, den ein offnes Grab in das ganze Katakomben-Geklufte der Vergangenheit einschauen lasset und vor dem sich der Todes-
30 schatten eines Freundes zum Schattenkegel der ganzen Erde auf- richtet - sondern ihn preBte das Weh eines Kindes, einer Mutter, die schon der Gedanke - ohne Nebenbetrachtungen - bitter zerknirscht : »So soil ich dich nicht mehr sehen, so sollst du ver- wesen, und ich sehe dich, du gute Seele, niemals, niemals mehr.« - Eben weil er weder den poetischen noch philosophischen Kummer hatte, machte jede Kleinigkeit einen Absatz, eine Liicke in dem
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seinigen ; und er war wie ein Weib noch denselben Abend fahig, sich einige kunftige Gebrauchszettel seiner angekundigten Erb- schaftsmasse zu entwerfen.
Vier Wochen darauf, d. h. den 5. Mai, wurden die Testaments- siegel aufgebrochen ; aber er ging erst den 6. (am Kantatesonntag) nach Hukelum ab. Seine Mutter lief seinen GriiBen mit Tranen entgegen, die sie iiber die Leiche vergoB - vor Trauer - und uber das Testament - vor Freude. — Dem zeitigen Konrektor Egidius Zebedaus war verehrt: erstlich ein adeliges groBes Bette mit einer Spiegeldecke, in dem der Riese Goliath sich hatte umwenden 10 konnen und an das nachher ich und die Leserin naher treten wol- len, um es zu priifen - zweitens wurde ihm als rtickstandiges Osterpatengeld fiir jedes Jahr, das er zuriickgelegt, ein Zopf- dukaten legiert— drittens sollen ihm alleRezeptions- undStations- gelder, die ihn die Kreuzeserhohung in das Quintat und Konrek- torat gekostet, bei Heller und Pfennig erstattet werden. — »Und weiBt du denn,« fuhr die Mutter fort, »was die arme Frohlen krlegt? - Ach Gott! nichtsl nicht den roten Heller da!« - Denn der Tod hatte die Hand starr gemacht, die sich gerade ausstrecken und der armen Thiennette einen kleinen Regenschirm gegen die 20 Strichgewitter und Blutregen ihres Lebens reichen wollte. Die Mutter berichtete diesen FuBstoB des Glucks mit wahrem Mit- leid, das bei den Weibern den Neid abloset und das ihnen leichter wird als die Mitfreude, die mehr mannlich ist. In manchen weib- lichen Herzenskammern sind Mitleiden und Neid so nahe Wand- nachbarn, daB sie nirgends tugendhaft waren als in der Holle, wo die Menschen so erschrecklich viel ausstehen, und nirgends feh- lerhaft als im Himmel, wo die Leute des Guten zu viel haben.
Der Konrektor hatte nun auf Erden den Himmel, in den seine Wohltaterin aufgeflohen war. Zuallererst sprang er - ohne sein 3° Schnupftuch einzustecken, in dem seine Riihrung war- die Treppe hinauf, um das groBe testierte Bette aufgeschlagen zu sehen : denn er hatte eine weiblicke Vorliebe fiir Moblen. Ich weiB nicht, ob der Leser schon in alte Ritterbetten geschauet hat oder gestiegen ist, in die man durch eine kleine Treppe ohne Gelander, die daran hangt, leichtlich kommen kann und in denen man im Grunde
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allemal eineTreppe hoch schlaft. Na^ianien berichtet (Orat.XVI), daB schon die Juden hohe Betten mit solchen Huhnerleitern ge- habt, aber bloB des Ungeziefers wegen. Die legierte Bette-Arche war gerade so groB - und ein Floh hatte sie nicht mit Erddiametern, sondern mit Siriusweiten gemessen. Als Fixlein von diesem kolossalischen Dormitorium die Vorhange zuriickgeschoben und den Bettehimmel in einem grofien Spiegel offen gesehen hatte: war* er gern darin gewesen; und wenn er au:> dem Nachtkegel in Amerika einen Kegelschnitt hatte nehmen konnen, er hatte sich
10 damit eingebauet, um nur eine halbe Stunde mit seiner dunnen Rutentaille im Flaum-Weiher herumzuschwimmen. Die Mutter hatte ihn durch Iangere Kettenschliisse und Kettenrechnungen, als das Bette war, nicht dahin lenken konnen, den breiten Spiegel oben ausbrechen zu lassen, obgleich sein groBer Spiegeltisch sich in nichts besehen konnte als in einem Rasierspiegel; — er lieB den Spiegel oben daran: »Sollt' ich einmal g. G. heuraten,« sagt* er, »so kann ich doch gegen Morgen meine schlafende Frau ansehen, ohne dafi ich mich im Bette aufsetze.«
Was den zweiten Artikel anlangt, namlich die legierten Paten-
20 pfennige: so macht' es gestern seine Mutter recht gut. Der Ge- richtshalter horte sie iiber die Jahre des Erben ab, und sie legte diesem geradezu die Dental-Zahl zweiunddreiBig bei. Sie hatte gern gelogen und den Sohn wie eine Inschrift fur alter verkauft; aber gegen diese veniam aetatis wurden, sah sie, die Rechte mit Rechten exzipieret haben: »es sei erlogen und erstunken; ware der Sohn zweiunddreiBig alt : so war' er ja langst Todes verfahren, wie nun wohl nicht anders zu prasumieren.«
Und gerade unter der Erzahlung sprach ein Auf hammerischer Bedienter ein und reichte gegen Revers und gegen Ratiflkation
30 des von der Mutter ausgestellten Geburtsscheines die Goldstange von zweiunddreiBig Rechen-Pfennigen des Alters dem Konrek- tor wie eine Lebens-Ruderstange zu: Herr von Aufhammer war zu einem knauserischen Hader iiber einen biirgerlichen Geburts- schein zu stolz.
Und so ging durch eine stolze Freigebigkek einer der besten Prozesse vor die Hunde, da man die Goldstange auf der Ziehbank
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der Richtersbanke zu dem feinsten Golddraht hatte ausziehen * konnen. Aus der Flocke, die nicht auszuwirren war - denn erst- Hch konnte Fixleins Alter mit nichts dokumentiert werden, zwei- tens muBte man, so lange als er lebte, prasumieren, daB er noch nicht zweiunddreiBig Jahre alt geworden1 -, aus dieser Flocke waren nicht bloB Seide und Strangulier-Schmachtriemen, son- dern ganze Prellgarne zu spinnen und zu zwirnen gewesen. Die KHenten iiberhaupt hatten sich weniger uber Prozesse zu bekla- gen, wenn diese langer dauerten: die Philosophen streiten jahr- tausendelang iiber philosophische Fragen, und es fallt daher auf, 10 daB Advokaten die juristischen in ihren Akten schon in sechzig, achtzig Jahren von der Hand schlagen wollen. Aber das ist nicht die Schuld der Rechtsfreunde: vielmehr wie Lessing von der Wahr- heit behauptet, daB nicht das Finden, sondern das Suchen dersel- ben den Menschen begliicke und daB er selber dem Geschenke aller Wahrheiten fur die siiBe Miihe des Forschens entsagen wiirde, so wird der Rechtsfreund nicht glucklich durch das Finden und Entscheiden, sondern durch das Untersuchen einer juristischen Wahrheit - welches man eben prozessieren und praktizieren nennt -, und er wiirde sich gern ewig der Wahrheit, wie die 20 Hyperbel der Asymptote, nahern wollen, ohne sie zu erreichen, da er mit Weib und Kind als ein ehrlicher Mann bei dieser ewigen Approximation bestehen konnte. -
Der abgeschickte Bediente hatte auBer dem Gold-Legat noch ein Dekret vom Gerichtshalter, worin dem Testamentserben auf- erleget war, von den Pragekosten, die er zahlen miissen, da er als Quintus und Konrektor unter der Randelmaschine seiner Vorge- setzten lag, Belege und Scheine beizubringen, worauf er seinGeld wiederbekommen sollte.
Der Konrektor, der sich gegenwartig an die Reihe der Millio- 30 nare anschloB, hielt die kurze Geldrolle wie einen Zepter in der
1 Da wir jetzt nach den vorliegenden Akten auf keine andere Prasumtion bauen konnen als auf die, daB er im zweiunddreiBigsten Jahre abstirbt: so konnte ihm, im Falle er zweiunddreiBig Jahre nach dem Tode der Erb- lasserin stiirbe, gar kein Heller abgereicht werden, weil er nach unserer Fiktion bei Abfassung des Testamentes nicht einmal ein Jahr git gewesen
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Hand, wie eine herausgezogene Teichdocke des Meeres der Zu- kunft, das nun ablaufen und ihm alle Besetzfische langgewachsen, trocken und festliegend anbieten muB.
Ich kann nicht alles auf einmal erzahlen, sonst hatt' ichs dem Leser, der schon lange darauf passen wird, eher gesagt, daB dem bemittelten Konrektor die zweiunddreiBig Patenpfennige mehr als zu sehr die zweiunddreiBig Jahre vormalten, an die noch dazu heute der Kantatesonntag, diese Bartholomausnacht und dieser zweite September seiner Familie, anstieB. Die Mutter, die das
10 Alter ihres Kindes hatte wissen sollen, sagte, es war* ihr entfallen, sie woll' aber wetten, schon vor einem Jahre war' er zweiund- dreiBig gewesen, und der Gerichtshalter hatte nur nicht mit sich - reden lassen. »Ich wollte selber schworen«, sagte der Kapitalist, »ich weiB, wie dumm mir vorm Jahre am Kantatesonntag war.« Er sah uberhaupt den Tod nicht, wie der Dichter, im aufturmen- den, auseinandertreibenden Hohlspiegel der Phantasie, sondern wie das Kind, wie der Wilde, wie der Landmann und wie das Weib sah er ihn im planen Oktav-Spiegel vorn an der Schale eines Gesangbuches, und er kam ihm wie der gesunkne, in einem Git-
20 terstuhl der Kirche schlafende Greisen-Kopf vor. -
Und doch dacht' er heute ofter an ihn wie vorm Jahre: denn die Freude schmilzet gern zur Wehmut ein, und das lackierte Gliicksrad ist das Schopfrad, das sich in die Augen ergieBet — Aber der freundliche Genius dieser Erd- oder vielmehr Wasser- kugel - denn in der physischen und in der moralischen Welt sind mehr Tranenseen als festes Land - hat den armen Wasserinsek- ten, die darauf herumschieBen, uns namlich, eine ganz besondere Schweersche Essenz fur die Bleikoliken unserer Seele aufgeho- ben: ich behaupte, der Genius muB die ganze Pathologie der
30 Menschheit mit FleiB studieret haben; denn er hat fiir den armen Teufel, welcher keinen Stoiker und keinen Seelensorger bezahlen kann, der fiir die Fissuren seiner Hirnschale und seiner Brust kost- bare Rezepte und Krauter zusammensetzte, ein herrliches Wund- wasser in alle Kellereien fasserweise eingeleget, das der Patient nur nehmen und auf die Knochensplitterung und Schmarren gie- Ben darf — Fusel namlich, oder Bier, oder etwas Wein... Beim
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Himmel ! es ist entweder dummer Undank gegen den medizini- schen Genius auf der einen Seite oder theologische Verwechs- lung erlaubter Betrunkenheit mit verbotner Besoffenheit auf der andern, wenn die Menschen nicht Gott danken, daB sie in der Ge- schwindigkeit etwas haben, was in der Nervenschwindsucht des Lebens Philosophie, Christentum, Judentum, Heidentum und Zeit ersetzt - Getrank, wie gesagt.
Der Konrektor hatte lange vor Sonnenuntergang dem Gemein- boten drei ggr. Botenlohn gegeben und HeB sich - denn er hatte ja ein ganzes Dukaten-Kabinett in der Tasche, das er den ganzen 10 Tag im Finstern mit der Hand durchblatterte — fur drei Taler Pontak aus der Stadt abholen. »Ich muB mir heute«, sagt* er, »eine Kantates-Lust machen; ists mein letzter Tag, wohl! nun so ists auch mein lustigster.« Ich wiinscht', er hatte eine groBere Bestel- lung gemacht; aber er hatte uberall den Zaum der MaBigkeit zwi- schen den Zahnen, sogar vor einer gedrohten Vexier-Todesnacht und mitten im Jubel. Es ist die Frage, ob er nicht auf eine Bouteille sich eingeschranket hatte, wenn er nicht mit den zwei andern die Mutter und das Fraulein hatte freihalten wollen. Hatt' er in dem zehnten Sakulum gelebt, wo man den Jiingsten Tag, oder in an- 20 dern Sakuln, wo man Siindrluten erwartete und wo man des- wegen, wie Matrosen im Schiffbruch, alles versoff: er hatte darum nicht einen Kreuzer mehr verzehrt. Seine Freude war, daB er mit dem Legat seinen Hauptkreditor Steinberger abfinden und als ein ehrlicher Mann aus der Welt gehen konnte: gerade Leute, die sich viel aus dem Gelde machen, zahlen ihre Schulden am ehr- lichsten.
Der purpurne Pontak kam an zu einer Zeit, da Fixlein die Ro- telzeichnungen und roten Titelbuchstaben der Freude, die jener auf die Wangen seines Trinkers und seiner Trinkerinnen ziehen 3° wird, mit dem Abend-Inkarnat der letzten Wolken um die Sonne zusammenhalten konnte. . . .
Wahrlich unter alien Zuschauern dieser Geschichte kann kei- ner mehr an die arme Thiennette denken als ich; aber ich kann sie doch wahrlich nicht vor der Zeit aus ihrer Anzugsstube auf mei- nen historischen Schauplatz jagen. Die Arme! der Konrektor
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kann nkht heiBer wunschen als sein Biograph, da6 am Tem- pel der Natur wie am jerusalemitischen eine besondere Pforte - auBer der des Todes - offen sei, durchdie bloBe Bedrangte gehen, damit sie ein Priester aufrichte. Aber Thiennettens Brustschmer- zen uber alle ihre versunknen Aussichten, uber die eingesargte Wohltaterin, uber ein ganzes mit dem Leichenflor zugesponnenes Leben hatten ihr bisher in einem Jammer, den der steinichte Ritt- meister mehr blutigals gelinder machte, alles verwehrt, Geschafte ausgenommen, alle Schritte gelahmt, die nicht zu einer Arbeit
10 geschahen, und ihren Augen nichts gegeben, was sie trocknen oder freuen konnte, als ein niederfallendes Augenlid voll Traume und Schlaf.
Aller Kummer erhebt uber die biirgerlichen Zeremonialgesetze und macht den Prosaisten zum Psalmisten: bloB im Kummer wagen die Weiber. Thiennette ging nur abends und nur im Gar- ten aus.
Der Konrektor konnt* es kaum abwarten, seiner Hausfreundin zu erscheinen, ihr seinen Dank - und heute seinen Pontak - zu bringen. Drei Pontakkelche und drei Kelchglaser waren auBen
20 auf die Fensterkiiste seiner Hiitte gestellet, und sooft er von dem dunkeln Hohlwege zwischen Bliiten-Waldungen zuriickkam, nippte er aus seinem Glase - und die Mutter trank in der Stube hinein durch das Schubfenster.
Ich habe schon gesagt, sein Lebens-Laboratorium lag im siid- westlichen Winkel des Gartens, gegeniiber dem ins Dorf hinein- reichenden SchloB-Eskurial. Im nordwestlichen Winkel bliihte eine Akazien-Laube, gleichsam die Blumenkrone des Gartens. Fixlein trat auch dahin seine Lustfahrt an, um etwan aus der weit gegitterten Laube einen glucklichen Blick in die langen Wiesen
30 nach Thiennetten auszuwerfen. Er fuhr ein wenig zuriick vor zwei steinernen Staffeln, die in den Weiher, der auf seinem Gang zur Laube lag, mit frischem Blute betropfet hinuntergingen. Auch an den nahen Binsen hing Blut. Den Menschen schauert vor die- sem Ole unseres Lebens-Dochtes, wo er es vergossen findet: es ist ihm die rote Todesunterschrift des Wiirgengels. Fixlein elite sorgend in die Laube - und fand hier seine bleichere Wohltaterin
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an Bliitenbuschen angelehnt, ihre Hande waren mit dem Strick- zeug in den SchoB gesunken, ihre Augen Iagen in den Augen- Iidern gleichsam im Verbande des Schlummers, so wie ihr linker Arm im wirklichen Verbande der AderlaB, und mit Wangen, denen die Abendrote so viel gab, als ihnen die bisherigen Ver- wundungen - die heutige dazugerechnet - genommen hatten. Fixlein fing nach dem ersten Schrecken - nicht iiber diesen Blu- menschlaf, sondern iiber sein lautes Hereintraben — an, die Schmetterlingsspiralsauglinie seines Auges auseinanderzurollen und sie auf die stillstehenden Blatter dieser Blume hinzulegen. Im 10 Grunde, darf ich behaupten, wars heute das erstemal, daB er s"ie ansah: er war in die DreiBig gekommen und glaubte noch fort, an einem Fraulein durf ' er nur die Kleider, nicht den Korper be- merken, und er habe ihr nur mit den Ohren, nicht mit den Augen aufzuwarten.
Ich mess* es dem hebenden Flaschenzuge der elektrischen Ver- starkungsflasche des Pontaks bei, daB der Konrektor den Mut faBte, umzu- - kehren, um wiederzukommen und die erwecken- den Mittel des Hustens, Niesens, Trabens und Rufens nach dem Pudel in starkern Dosen an der Schlaferin zu brauchen. - Sie 20 etwan bei der Hand zu nehmen und unter einer medizinischen Entschuldigung aus dem Schlafe zu ziehen, das ware ein Wag- stuck gewesen, dessen der Konrektor, solang* er noch vor Pon- tak stehen konnte und seinen Verstand hatte, niemals fahig war.
Kurz, er weckte sie anders auch auf.
Miide, Bedrangte! wie langsam geht dein Auge auf! Das warmste Heilpflaster der Erde, der Schlaf, hat sich verschoben, und die Nachtluft der Erinnerung wehet wieder deine nackte Wunde an ! — Und doch war dein lachelnder Jugendfreund noch das Schonste, auf was dein Auge fallen konnte, wenn es aus dem 30 hangenden Garten des Traums in den niedrigen um dich sank. -
Sie wuBte selber wenig davon - und der Konrektor gar nichts -,
daB sie ihre Blumenblatter unvermerkt nach dem Stande dieses
. Weltkorpers beuge, namlich nach Fixlein : sie glich einer italie-
nischen Blume, die einen fein versteckten Neujahrwunsch auf-
bewahrt, den der Empfanger nicht sogleich herauszuziehen weiB.
FUNFTER ZETTELKASTEN III
Jetzt schloB die goldne Pansterkette ihrer Wohltat sie ebensogut an ihn als ihn an sie. - Sie gab sogleich ihrem Auge und Tone eine freudige Maske: denn sie stellte ihre Tranen nicht, wie Katho- liken Christus seine, in Reliquien-Phiolen auf Altaren zur An- betung aus. Er konnte die Einladung zu seiner" Pontaks-Kranken- kommunion recht schicklich mit einem langen Dank fur die Ver- mittluhg anfangen, die ihm die Hulfsquellen dazu geoffnet hatte. Sie stand langsam auf und ging mit zum Weinlager; aber er war nicht so gescheut, daB er sie anfangs gefuhret hatte, oder viel-
io mehr so herzhaft; er hatte leichter einem Madchen seine Hand (namlich mit Eheringen) als seinen Arm angeboten. Ein einziges Mai in seinem Leben hatte er eine mailandische Grafin aus dem Schauspielhause heimgefuhret - welches freilich nicht zu glauben ware, wenn es nicht die Bewandtnis hatte, daB er muBte, weil sie, als eine Fremde, nach der Verirrung von alien ihren Leuten, in einer kotigen Nacht ihn als einen schwarzen Abbate beim Arme ergriffen und sie in ihren Gasthof zu bringen befehligt hatte. Er aber wuBte zu leben und geleitete sie bloB bis an das Portal seiner Quintei und wies ihr mit dem Finger den Gasthof, der aus einer
20 andern Gasse mit dreiBig lichten Fenstern vorschauete.
Dafur kann er nichts. Aber heute war er kaum mit der Muden bis ans Ufer des Teichs, worein die aberglaubische Furcht vor dem hexenden MiBbrauch das relne Blut ihres linken Arms ge- gossen hatte, gekommen : als er in der Angst, sie falle mit ihrem ubrigen Blute die Ktiste hinunter, sich des siechen Armes ganz kiihn bemachtigte. So setzen viel Pontak und ein wenig Mut einen Konrektor allzeit instand, ein Fraulein zu fassen. Ich be- teuere, noch vor dem Lagerbaum des Weins, vor dem Fenster, verharrte er in der fuhrenden Stellung. Welche sanfte Gruppe im
30 Halbschatten der Erde, da das dunkle Gewasser der Nacht immer tiefer fiel, weil das Silberlicht des Mondes schon am kupfernen Turmknopf widerprallte 1 Ich nenne die Gruppe sanft, weil sie aus einem doppelt verbluteten Madchen, aus einer Mutter, die ihr den Dank fur das Gliick ihres Kindes noch einmal mit Tranen bringt, und aus einem frommen, bescheidnen Menschen besteht, der beiden einschenkt und zutrinkt, und der in seinem Geader
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einen brennenden Lavastrom verspiirt, der durch sein Herz kochend zieht und der es endlich Stuck vor Stuck zu zerschmel- zen und mitzutreiben droht. - EinTalglicht stand auBen zwischen den drei Bouteillen und den drei Glasern, wie die Vernunft zwischen den Leidenschaften - deswegen schauete der Konrek- tor in einem fort an die Fensterscheiben ; denn auf ihnen farbte sich (die Finsternis der Stube diente zur Spiegelfolie) unter an- dern Gesichtern, die Fixlein gern hatte, auch das liebste ab, das er nur im Widerschein anzublicken wagte, das von Thiennette. -
Jede Minute wurde ein Foderationsfest, und jede Sekunde 10 wurde der Vorsabbat dazu. Der Mond schimmerte schon aus dem Abendtau und der Pontak aus den Augen, und die Bohnenstangen warfen kiirzeres Schattengegitter. - Die Quecksilberkiigelchen der Sterne hingen, immer mehr zusammenflieBend, im Flor der Nacht. — Der heiBe Dunst des Weines setzte beide wieder wie Dampfmaschinen in Gang.
Nichts macht das Herz voller und kuhner als Auf- und Ab- gehen in der Nacht. Fixlein fuhrte jetzt das Fraulein ohne Be- denken. Des zerritzten Armes wegen konnte Thiennette nur die Hand umklammernd in seinen legen, und er, um ihr das Fest- 20 halten durch seines halb abzunehmen, druckte ihre Finger, so gut er konnte, mit seinem Arme an seine Brust. Man muBte keine Lebensart haben, um seine zu meistern. Inzwischen sind Gering- fugigkeiten die Proviantbackerei der Liebe; - die Finger sind die elektrischen Auslader eines an alien Fibern glimmenden Feuers; — Seufzer sind Leittone konvergierender Herzen, und das Aller- schlimmste und Starkste dabei ist ein Ungluck: denn die Flamme der Liebe schwimmt, wie die von Naphtha, gern auf Tranen- wasser. - Zwei Tranentropfen, einer im fremden, einer im eignen Auge, setzten aus zwei konvexen Linsenglasern ein Mikroskop 30 zusammen,das alles vergroBerte und alleLeiden zu Reizen machte. Gutes Geschlecht! Auch ich halte jede Ungluckliche fur schon, und vielleicht bist du schon darum den Namen des schonen wert, weil du das leidende bist I
Und wenn der Professor Hunczovsky in Wien die Wunden aller GHeder in Wachs nachbildete, um seinen Schiilern ihre Hei-
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lung zu lehren : so stell' ich, du gutes Geschlecht, die Risse und Narben deiner Seele in kleinen Bildern dar, wiewohl nur um rohe Hande abzuwehren, damit sie dir keine neuen machen. —
Thiennette empfand nicht den Verlust der Erbschaft, sondern der Erblasserin so tief ; - und das eines Zuges wegen, den sie schon seiner Mutter so erzahlet hatte wie jetzt ihm. Wenn sie namlich in den zwei letzten Krankennachten der Rittmeisterin, in denen ihr das fieberhafte Wachen nichts zeigte als die Nachtleiche und die Trauerkutschen ihrer Gonnerin, am FuBe des Bettes den
10 starren Augen gegeniiber saB: so glitten ihr oft, aber ohne es zu merken, schnelle Tropfen iiber die Wangen, weil sie in Gedan- ken sich das schwere unbehiilfliche Ankleiden der Wohltaterin fiir den Sarg vormalte. Einmal nach Mitternacht wies die Kranke mit dem Zeigefinger auf ihre eignen Lippen. — Thiennette ver- stand sie nicht - stand auf und bog sich iiber ihr Angesicht. - Die Schwache wollt' es entgegenheben und vermocht' es nicht — und riindete bloB die Lippen. - Endlich durchfuhr Thiennetten die MutmaBung, daB sie die Gelahmte, deren erstorbene Arme kein geliebtes Herz mehr an ihres ziehen konnten, selber umarmen
20 sollte. - O da druckte sie plotzlich heiB und tranend ihren heiBen Mund an den kaltern - und sie schwieg auch wie die Sprachlose - und umarmte allein, ohne umarmt zu werden. Gegen vier Uhr zuckte der Finger wieder; - sie sank wieder auf den starren Mund - aber es war kein Zeichen gewesen : denn der Mund ihrer
Freundin war unter dem Iangen Kusse starr und kalt geworden
Wie tief ging jetzt nicht vor dem unendlichen Ewigkeits-Ant- Htz der Nacht die Schneide des Gedankens in Fixleins warme Seele: »0 du Arme neben mir! Keinen Gliickszufall, kein Abend- rot hast du, wie jetzt am Himmel nachglimmt, etwan zu einer
30 Aussicht auf einen Sonnentag; - ohne Eltern bist du, ohne Bru- der, ohne Freunde, nur so allein auf einem ausbluhenden aus- geleerten Platze der Erde, und du zuriickgelassene Herbstblume schwankest einsam und erfroren iiber den Grummetstoppeln der Vergangenheit.« - Das war der Sinn seiner Gedanken, deren innere Worte waren: »Das arme Fraulein! nicht einmal einen Lehnsvetter hat sie, es nimmt sie keiner von Adel, und sie altert
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so vergessen, und sie ist doch so herzensgut - mich hat sie gluck- lich gemacht - ach hatt* ich die Vokation zur hukelumischen
Pfarrei in der Tasche, ich machte einen Versuch.« Ihr beider-
seitiges Leben, das ein enges schneidendes Bindwerk des Schick- sals so nahe ineinanderknupfte, trat jetzt mit Flor behangen vor ihn, und er lenkte geradezu - denn ein bloder Mann ist in andert- halben Stunden in den kuhnsten umgesetzt und verbleibt es nach- her - seine Freundin zur letzten Flasche zuriick, um damit alle auf- schieBende Disteln und Passionsblumen der Traurigkeit zu ersau- fen. Ich merke im Vorbeigehen an, daB das dumm ist: die zerritzte 10 Rebe ist voll Wasseradern wie voll Trauben, und ein sanft beklom- menes Herz weichen die Getranke der Freude nur zu Tranen auf.
Wer mir nicht beipflichtet, den bitt* ich jetzt nur den Konrek- tor anzusehen, der'meinen Erfahrungssatz wie ein Syllogismus beweiset. - Man konnte auf philosophische Aussichten kommen, wenn man den Ursachen nachginge, warum gerade Getranke - d. h. am Ende reichlichere Sekretion des Nervengeistes - den Menschen zugleich fromm, weich und dichterisch machen. Der Dichter ist, wie sein Musenvater, ein ewiger Jungling und ist das, was andere Menschen nur einmal sind - namlich verliebt - oder 20 nur nach dem Pontak - namlich berauscht -, den ganzen Tag, das ganze Leben hindurch. Fixlein, der kein Dichter am Morgen war, wurde jetzt in der Nacht einer: Wein machte ihn fromm und weich; — die Harmonikaglocken im Menschen, die der hohern Welt nachtonen, rnussen, wie die glasernen, um hier zu gehen, nafi erhalten werden.
Jetzt stand er mit ihr wieder vor dem wogenden Teiche, in dem die zweite blaue Halbkugel des Himmels mit wankenden Sternen und flatternden Baumen zitterte; — iiber die griinen Hugel liefen die weifien gekriimmten StraBen dunkel hinauf ; - auf dem einen 30 Berg sank die Abendrote zusammen, auf dem andern richtete sich der Nebel der Nacht auf - und uber alle diese ringenden Diinste des Lebens hing unbeweglich und flammend der tausend- armige Kronleuchter des Sternenhimmels herab, und jeder Arm hielt eine brennende MilchstraBe ....
Jetzt schlug es 11 Uhr... Bei solchen Szenen streckt sich im
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Menschen eine unbekannte Hand aus und schreibet mit fremder Sprache an sein Herz jenes furchterliche Mene, Tekel etc. - »Viel- leicht bin ich gestorben um 12 Uhr«, dachte unser Freund,. in dessen Seele jetzt der Kantatesonntag mit alien seinen schwarz- gefarbten Blutgerusten aufstieg.
Der ganze kiinftige Lebens-Kreuzgang seiner Freundin lag gestachelt und bedomet vor ihm, und er sah jede blutige Spur, aus der sie ihren FuB gezogen - sie, die seinen eignen Weg mit Blumen und Blattern weich gemacht. Da konnt* er sich nicht
10 mehr enthalten, zu zittern mit Korper und Stimme und zu ihr feierlich zu sagen: »Und sollte der Herr heute noch iiber mich gebieten, so sei Ihnen mein ganzes halbes Vermdgen vermacht: denn Ihrer unbeschreiblichen Giite nab' ich es ja zu danken, daB ich schuldenfrei bin wie wenige Schulmanner.«
Thiennette, unbekannt mit unserem Geschlecht, muBte dieses irrig fur einen Antrag der Ehe nehmen und druckte dem einzigen lebendigen Menschen, durch dessen Arm sich noch die Freude, die Liebe und die Erde mit ihrer Brust verband, heute zum ersten- mal mit den Fingern des wunden Armes bebend seinen, worin
20 sie Iagen. Der Konrektor, freudig-erschrocken iiber den ersten Andruck einer weiblichen Hand, suchte mit seiner heriibergebog- nen rechten ihre linke zu erfassen, und Thiennette hob, da sie seine vergebliche Krummung merkte, die Finger auf vom Arm und legte den verbundnen in seinen und ihre ganze linke Hand in seine rechte. Zwei Liebende wohnen in der Flispergalerie1, wo der dunneste Hauch sich zu einem Laute beseelet. Der gute Kon- rektor empfing und verdoppelte den seligen Druck der Liebe, womit die arme unmachtige Seele stammelnd, eingesperrt, lech- zend und wahnsinnig eine heiBe Sprache sucht, die es nicht gibt;
30 .— er wurde iibermannt - er hatte nicht den Mut, sie anzublicken, sondern sah geradeaus in die Abendrote und sagte (und hier ran- nen vor unaussprechlicher Liebe die Tranen heiB iiber seine Wangen): »Ach ich will Ihnen alles geben, Gut und Blut und alles, was ich habe, mein Herz und meine Hand.«
1 In der Paulskirche zu London, wo der kleinste Laut iiber einen Raum von 143 Fufl hiniibertont.
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Sie wollte antworten, aber sie tat nach einem Seitenblicke den Schrei des Schreckens: »Ach Gott!« - Er fuhr gegen sie und sah den weiB-mousselinenen Armel mit ihrem Blute vollgequollen, weil sie die AderlaBbinde durch das Hineinriicken des Armes ab- geschoben hatte. Blitzschnell rifl er sie in die Akazienlaube, wo sie sich setzen konnte. Das nachdringende Blut tropfte schon vom Kleide, und er wurde bleicher als sie, denn jeder Tropfe wurde aus seinem Herzensblut geschopft. Der blau-weiBe post- papierne Arm wurde enthiillt — die Binde wurde aufgewunden — er riB aus der Tasche ein Goldstuck heraus - deckte es, wie man 10 bei offnen Arterien tut, auf die sprudelnde Quelle und verschloB mit diesem goldnen Gesperre und mit der Binde dariiber die Pforte, aus der ihr gequaltes Leben drang. —
Als es voriiber war, sah sie auf zu ihm, erblasset, aber ihre Augen waren zwei schimmernde Quellen einer unbeschreiblichen Liebe voll Schmerz und voll Dank. - Die ermattende Verblutung legte ihre Seele in Seufzer auseinander. Thiennette war unaus- sprechlich weich, und das von so vielen Jahren, von so vielen Pfeilen aufgerissene Herz tauchte sich mit alien seinen Wunden in warme Tranenstrome unter, um zuzuheilen, wie sich zersprun- 20 gene Floten durch das Liegen im Wasser schlieBen und darin ihre Tone wiederfinden. - Vor einer solchen magischen Gestalt, vor einer solchen verklarten Liebe zerschmolz ihr mitleidender Freund zwischen den Flammen der Freuden und Schmerzen und ver- sank, mit erstickten Lauten und von Liebe und Wonne nieder- gezogen, auf das gute blasse himmlische Angesicht, dessen Lip- pen er blode druckte, ohne sie zu kiissen, bis die allmachtige Liebe alle ihre Giirtel um sie wand und beide enger und enger zusammenzog, und bis die zwei Seelen, in vier Arme verstrickt,
wie Tranen ineinanderrannen. O da es jetzt zwolf Uhr wie 30
zum Sterben schlug, so muBte ja der Gluckliche denken, ihre Lippen sogen seine Seele weg, und alle Fibern und alle Nerven seines Lebens kriimmten sich zuckend und fest um das letzte
Herz der Erde, um seine letzte Wonne Ja, Glucklicher, du
driicktest deine Liebe aus, denn du dachtest, an deiner Liebe zu vergehen. . . .
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Er verging aber nicht. Nach zwolf Uhr schwamm ein leben- diger Morgenwind durch die erschutterten Bliiten, und der ganze Friihling atmete voll. Der Selige, der sogar einem Freudenmeere Damme setzte, erinnerte die Verblutete, die nun seine Braut war, an die Gefahr der Nachtkalte, und sich an die Gefahr der langern Nachtkalte des Todes, die nun auf lange Jahre uberstanden war. - Unschuldig und selig traten sie aus der mit weiBen Akazien- bliiten und Mondsflittern durchbrochnen Verlobungs-Damme- rung. - Und drauBen war ihnen, als ware eine ganze weite Ver- io gangenheit wie durch einen Erdfall vor ihnen eingesunken: alles war neu, licht und Jung. - Der Himmel stand voll blinkender Tautropfen des ewigen Morgens, und die Sterne zitterten freudig auseinander und sanken, in Strahlen aufgeloset, in das Herz der Menschen herunter. - Der Mond hatte mit seiner Lichtquelle den ganzen Garten iiberdeckt und angeziindet und hing oben in einem ungestirnten Blau, als wenn er sich von den nachsten Sternen nahrte, und schien ein entriickter kleinerer Friihling zu sein und ein aus Menschenliebe lachelnder Christuskopf. -
Unter diesem Lichte sahen sie sich an zum ersten Male nach 20 dem ersten Worte der Liebe, und der Himmel schimmerte zau- berisch in die mild zerflossenen Zuge, mit denen die erste Ent- ziickung der Liebe noch auf ihren Angesichtern stand . . .
Traumet, ihr Lieben, wie ihr wachtet, so gliicklich wie im Paradies, so schuldlos wie im Paradies!
Sechster Zettelkasten Amter-Impost - eine der wichtigsten Suppliken
Das Herrlichste war sein Erwachen in seiner europaischen Nie- derlassung im Ritterbette ! - Mit dem inflammatorischen kitzelnd- nagenden Fieber der Liebe in der Brust, mit dem Frohlocken, 30 daB er nun das Antrittsprogramm der Liebeserklarung gliicklich hinter sich hatte, und mit der siiBen Auferstehung aus der leben- digen prophetischen Begrabung und mit der Freude, daB er nun
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in seinen DreiBigern zum ersten Male die Hoffnung zu einem langern Leben - und ist das nicht wenigstens zu einem siebzig- jahrigen? — hatte als vor zehn Jahren, mit allem diesen garenden Lebensbalsam, in dem das lebendige Feuerrad seines Herzens spruhend umlief, lag er da und lachte zu seinem blkzenden Por- trat im gespiegelten Betthimmel hinauf; aber er vermocht' es nicht lange, er muBte sich bewegen. Einem minder Gliicklichen war* es hinreichend gewesen, den Flacheninhalt des Bettes - wie es manche Pilger mit der Lange ihrer Wallfahrt taten - nicht so- wohl durch Schritte als durch Korperlangen wie durch Erd- 10 diameter herauszumessen. Aber Fixlein muBte mir nichts, dir nichts aus dem Bette setzen gleichsam mitten ins warme fiutende Leben hinein — er hatte nun seine Hebe gute Erde wieder beim Fliigel und das Konrektorat darauf und obendrein eine Braut. Noch dazu bekannte ihm unten die Mutter, daB er heute nacht wirklich dem Freund Hein unter der Sichel durchgeschliipfet sei wie biegsames Gras, und daB sie es ihm nur gestern aus Furcht vor seiner Furcht nicht habe sagen wollen. Noch jetzt iiberliefs ihn kalt - zumal da er heute niichtern war -, wenn er zu dem nun